XXIV.
Katharinas Werk war getan.
Dem Enkel Peters war die Nachfolge gesichert. Auch gegen Menschikoff.
Wie eine Träumende wandelte die Zarin durch die weißen Nächte das Frühlings.
Ein Jahr war seit dem Tode des Zaren vergangen. Sie fühlte: auch ihre Zeit war nahe. Sie war müde. Müde der Menschen und der Tat. Gleich Schatten glitt alles an ihr vorüber. Das Gewesene und das Jetzt. Ein bunter Reigen. Und hatten doch alle, die ihn tanzten, leere Augen.
Vorüber, vorüber.
Alles?
Sie dachte des jungen Moens de la Croix. Auch er dahin.
Wirklich dahin?
Kam er nicht dort aus dem Laubengange? Blond, hell, strahlend. Wie der Lenz selber.
Sie breitete die Arme.
Herrin, Kaiserin war sie gewesen. Er hatte sie zur Göttin gemacht.
Gekniet hatte er vor ihr, hatte sie angebetet und hatte sie überwunden durch seinen Glauben an ihr Herz.
Ein Blick, ein Gruß hatten ihn beseligt. Nichts hatte er von ihr begehrt, hatte immer nur gegeben, seinen Jubel, seine Freude über ihr Sein.
In ihren Augen schimmerte es feucht.
Und hatte sterben müssen wie ein Verbrecher.
Sterben!
Sie wickelte sich fröstelnd in ihren Mantel. Der Nebel, der von der Newa herzog, war kühl. Oder warum fror sie sonst?
Hinter den Mauern der Admiralität hob sich der Mond. Bleich, verschwimmend im Dunst.
Die ziehenden Schwaden huschten hin und wieder.
Wer kam? Wer ging?
Ein Lächeln zog um Katharinas Lippen: Ruhm, Glanz, Macht, Herrlichkeit. Gespinste.
Was blieb?
Sie legte die Hand auf ihr Herz.
Es schlug schwer, langsam, als habe es Mühe, sich seiner Pflicht zu besinnen. Seine Mattheit bedrängte sie. Ihr Atem wurde ächzend.
Von der Steinbank, auf der sie gesessen hatte, schob sie sich in die Höhe. Ihre Füße schmerzten. Sie biß die Zähne zusammen: Schmerz an jedem Tage.
Das Gift, das Peter eingesogen hatte, fraß auch an ihr.
Ein Schwindel drohte sie zu befallen. Sie lehnte die heiße Stirn an den feuchten Marmor.
Hinter ihr wurden Tritte und eine Stimme laut:
»Ew. Majestät bedürfen der Ruhe.«
Sie wandte sich um. Sie kannte den Mahner. Menschikoff. Sie wußte, warum er um ihre Ruhe besorgt war. Der Geschäftige.
Sie antwortete nicht. Sie löste sich von dem Halt.
Der Mond hatte den schwebenden Brodem verscheucht. Klar und silbern lagen die Wege.
Ein paar Schritte tat sie voran. Er hielt sie auf:
»Wollen Ew. Majestät nicht nach Hause?«
Sie sah ihn groß an und nickte langsam:
»Ja, Fürst Menschikoff, ich will nach Hause, und ich gehe nach Hause.« Damit machte sie sich los von dem Störenden.
Noch einmal erreichte sein Ruf ihr Ohr: »Majestät irren! Majestät müssen umkehren!«
Etwas wie Ungeduld über den Unverstand faßte sie, sie entgegnete ruhig, und es waren beinahe dieselben Worte, die sie vor langen, fast vergessenen Jahren zu ihm gesagt hatte:
»Mein Zuhause liegt vor mir.«
Langsam, ganz langsam entfernte sie sich von ihm, der sie nicht mehr zu halten wagte, auf den weißschimmernden Pfaden, zwischen den von hellem Glast überronnenen Büschen und verschwand in der leuchtenden Nacht. –
Am andern Morgen kauerte sie fiebernd in ihrem Bette.
Menschikoff erschien zum Vortrag, und wie stets, lautete seine erste Frage nach der Begrüßung:
»Was belieben Ew. Majestät zu trinken?«
Eine unwillige Bewegung wies ihn ab: »Dein Rausch ist gemein!« Katharina lehnte sich in die Kissen, bog den glühenden Kopf zurück: »Ich hatte mir viel Lust gesonnen,« sie sprach halblaut, mehr zu sich, wie zu dem von ihrem Ton seltsam angerührten Hörer, »in Palästen, an goldbedeckten Tafeln, unter Kronen. Ich bin zur Wahrheit erwacht. Nichts gilt,« sie hob sich gegen Menschikoff auf, ihr Gesicht war dicht vor seinem in Bestürzung erstarrten, »nichts gilt als unser Herz.«
Ihre Kraft versagte, die stützenden Hände gaben nach, sie sank zur Seite. Das aufgelöste flammende Haar floß über sie hin und verbarg ihr Antlitz.