Flöhe bei Audienzen, photographischen Sitzungen u. s. w.

Man darf in guter Gesellschaft getrost von Flöhen reden; denn bekanntlich haben sogar Könige Flöhe und zwar große. In der Umgebung der Könige gibt es oftmals Hunde, und Hunde pflegen Flöhe abzugeben. Zuweilen handelt es sich auch nicht um Flöhe, sondern um ein ganz gewöhnliches und zufälliges Hautjucken, wie es mit Vorliebe auftritt, wenn der Photograph Stillsitzen geboten hat, oder wenn man den toten Julius Cäsar spielen muß, oder wenn man vor einer heißgeliebten Dame eine besonders gute Figur machen möchte, oder wenn man vor einer sehr hohen Persönlichkeit steht und nicht gerade angeredet wird, sich aber doch beileibe nicht kratzen darf. Sobald aber die hochgestellte Persönlichkeit ein hochwichtiges Wort an einen richtet, sind Floh und Jucken sofort verschwunden, und aus dieser bemerkenswerten Erscheinung soll der Bruder vom geruhigen Leben lernen. Wie? soll er sich fragen, was ein Staatsminister vermag, das sollte dein Wille nicht vermögen, der, schlecht gerechnet, ein König ist? Ein Floh oder ein Großfürst sollten stärker sein als deine Selbstbeherrschung? Kannst du den Floh verachten, wenn dir der Kaiser eine Statthalterschaft umhängt, so kannst du's auch, wenn du daheim sitzest als dein eigener Herr! Hier gibt es nun Menschen, die dagegen ihr unbezähmbares Temperament und ihre feurige Gemütsart einwenden.

»Rache! Pest! Tod! Vernichtung!
Feurig? Was für'n Gemüt? – Mein Hauch u. Blut!
Feurig? Der feurige Herzog?«

Glaubt ihr, die Gottesgabe des Feuers sei euch ins Blut gegossen, auf daß ihr gegen Flöhe und Hosenträger kämpft? Wahrlich, wer sein Temperament an einen Halskragen verschwendet, der wird schlaff sein, wenn Handschellen und Halseisen ihm drohen. Auch sei doch der Mensch so weise, zu erkennen, daß jedes Juckteufelchen sofort erlahmt und abläßt, wenn man es verachtet. Audienzen, in denen man etwas bekommt, dauern nicht ewig, und der größte Floh wird einmal satt: das unterscheidet ihn von den menschlichen Blutsaugern. Wer aber einem Kitzeln – sagen wir: im linken Ohrläppchen – nur die geringste Beachtung schenkt, der erkennt sofort die infame Zahllosigkeit und niederträchtige Solidarität der Myriaden von Juckteufelchen, die ihn von allen Seiten wie einen Falstaff zwicken. Wer nicht herrscht an allen Nervenenden seiner Peripherie mit der absoluten Monarchie seines Hirns, der mag in dieser Welt wohl zu Grunde gehen unter eingebildeten Mückenschwärmen.