Komitees in allen Gassen.
Zu den verheerendsten Irrtümern der überregen Menschheit von heute gehört die Meinung, daß ein tätiger Mensch überall mitarbeiten müsse, und daß der Ernst des Lebens niemals weniger von uns verlange als das Leben. Eine der edelsten Bemühungen ist es, sich zum Schutze der Tiere zu vereinen, und doch ist keineswegs gesagt, daß du, Cajus, dabei sein müßtest. Steure zu allem Guten so viele Obolen bei, wie du vermagst; aber wenn du zu allem Guten auch von deiner Kraft hergibst, so bist du ein kopfloser Verschwender, der auf den leichtfertigen Bankerott hinsteuert. Unser geliebter Sempronius hat Lehrgeld bezahlt. Wo es ein Mäuslein zu schützen, einen Aussichtsturm zu errichten, ein Blindenasyl zu gründen gab, war er mit seinem lodernden Herzen dabei. Nach zwei Jahren war er ein müder Mann, den es kalt ließ, wenn ein armer Gaul von rohen Fuhrleuten gepeinigt wurde, und der darum Ekel vor sich selbst empfand. Erst in den Armen unserer Brüderschaft ist er gesundet, hier, wo es heißt: du kannst nicht auf alle Berge des Lebens steigen. Und brauchst es nicht. Suche einen möglichst hohen Gipfel zu erreichen; wenn du willst auch einige, und du wirst mit frischem Auge verstehen, was Höhen und Tiefen des Daseins sind. Auch nicht braucht es der Gaurisankar zu sein oder der Mont Blanc – schon auf einem Rigi, einem Monte Pian, einem Brocken geht dir eine ausgebreitete Welt durch die Augen ins Herz. Auf anderen Gipfeln stehen andere und geben deinem Feuer Antwort durch Feuer, dessen Flammen mit deiner Lohe und deinem Herzen gemeinsam emporzucken zum alles vereinenden Himmel.
O daß die Menschheit immer in Extremen ihre Lebensbahn dahinwackelt und meint, weil der Mensch tätig sein soll, er müsse immer tätig sein. Künstereiche Zeit, die du eine Kunst so ganz verlernt hast: die köstliche Kunst, zu rechter Stunde zu faulenzen! Genüsse suchendes und findendes Geschlecht, das du einen Genuß nicht wiederfinden kannst: den Genuß des Lebens! Armer Mensch, dessen ganzes Leben die Not frißt; ärmerer Mensch, der du Zeit zum Faulenzen hast und sie nicht nützest: »ärmer«, weil du krank bist! Wie ein verdorbener Gaumen die lautere Labe des klaren Wassers verschmäht, so kennen Sinn und Herz den heiter fließenden Trank des reinen Wassers nicht mehr. Nach schwerer Krankheit fühlen sie wohl in der Wonne der Genesung das Glück des reinen Seins, des Lebens an sich. Aber ist es nicht ein niedriger Sinn, der den Reichtum erst dankbar erkennt in der Armut und die Gabe erst schätzt, wenn sie ihm wieder entrückt ward? Fühlt ihr am Morgen nicht in den aufgespannten Augen das Glück des Wachens, das mit neuem Übermut den bunten Mantel der Träume verschmäht vor dem weißen Linnen der Frühe? Fühlt ihr nicht an den Lippen den morgenkühlen Becher des neuen Tags? Fühlt ihr nicht seine bewegliche Flut durch alle Glieder rieseln? Und tragen Muskel und Gebein nicht ihre wohlbemessene Last mit wohliger Lust davon, und singt nicht das ruhig schlagende Herz dazu ein bejahendes Lied? Habt ihr nie in der Glut des Mittags am Ufer des Stromes gelegen und ohne Ziel hinaufgeblinzelt in den blauen Brunnen der Unendlichkeit, in dem die Spenderin unserer Tage wohnt? Sind eure Augen nicht halbe Stunden lang mit den Wellen gewandert, und hat euer Herz nicht leichtsinnig dazu gelächelt: Zeit, fließe nur hin? Habt ihr niemals den silbernen Sand des Ufers durch die Finger rieseln lassen und also harmlos mit dem Stundenglas des Todes gespielt? Und habt ihr nie die letzte Stunde des Abends dahingegeben zum Abschiedsfest mit der Sonne und habt ihr nicht gesehen, wie sie selbst den Rest des Tages über die Höhen ausgießt und den roten Wein verschwendet zur Feier der Schönheit?
Zeit ist Geld, und Geld ist Zeit, und mit beiden haushalten zu müssen, ist Menschenlos. Aber der Zeitfilz ist so klein wie der Geldfilz. Selbst der Arme und gerade der Arme, wenn ihm Stunden der Ruhe blühen, gönnt sich die Lust, bewegungslos auf der Welle des Lebens zu treiben und den Tag ohne Zweck zu trinken als Licht und Luft. Und du, erhabene Macht, die jeder mit anderen Namen nennt, mach' uns alle zu Brüdern vom geruhigen Leben, die auch in gesunden Tagen mit Lust das Leben an seiner Quelle trinken, die auch im ungestörten Besitz jenes Verlangen edler Herzen fühlen, ihren Dank ins Unbekannte emporzusenden. Wessen Seele den Gaben des Himmels offen liegt: jeder wärmende Strahl entzündet auf dem Herd seines Herzens ein Opfer des Dankes; sein ganzes Wesen hebt sich zum heiteren Antlitz des Tages empor, wie die Flut des Meeres sich dem schweigenden Gestirn der Nacht entgegenhebt.