Das dreizehnte Capitel.

Durch was vor Glücksfäll Springinsfeld wieder ein Musquetierer unter den Schweden, hernach ein Piquenierer unter den Kaiserlichen und endlich ein Freireuter worden.

Die alte Meuder, welche so wol als der Knan dieser Erzählung zuhörete, ließe sich hier hören und sagte: »O du alter Scheißer, wie bistu gewißlich so ein arger Baurenschinder, so ein schlauer Hühnerfänger gewesen!«

»Was, Mutter«, antwortet Springinsfeld, »Hühnerfänger? Wollet ihr euch dann einbilden, ich seie mit solchen Kinderpossen, mit solchem Bubenspiel umgangen? Es musten vierfüßige Thierer sein und darzu keine kranke, wann ich sie würdigen solte, selbige mir zuzuschreiben. Und zwar so waren alte Kühe die allerschlechtiste Waar, deren ich mich annahm zu Beuten, und gleichwol hab ich ihrer hin und wieder so viel rauben und stehlen helfen, daß, wann eine nach der andern und also sie allesamen mit den Schwänzen an die Hörner zusammen gebunden wären, sie gewißlich von hier biß auf euren Baurenhof reichen würden, ohnangesehen er, wie ich höre, bei vier Schweizer Meilen von hier entlegen sein soll. Was vermeint ihr dann wol, was ich vor Pferd, Ochsen, Mastschwein und fette Hämmel gestohlen? Bedäucht euch auch wol, daß ich vor dem großen Viehe hab Zeit gehabt, an das kleiner, als Hühner, Gäns und Enten, zu gedenken?«

»Ja, ja«, sagte die Meuder, »drum hat dir der liebe Gott auch das Handwerk niedergelegt und dich eines Fußes beraubt, damit du hinfort des Kriegs müßig stehen, die ehrliche Bauren ungeplagt lassen und dich, deine alte Diebsgriff zu büßen, mit Bettlen ernähren müssest.«

Springinsfeld lachte hierüber einen großen Schallen[380] und sagte: »Schweigt nur still, liebe Mutter; euer Simplicius hats kein Haar besser gemacht und gleichwol noch seine beide Füße übrig, woraus ihr genugsam abnehmen könnet, daß ich mich nit an den Bauren versündigt und ihrentwegen meinen Fuß verloren. Die Soldaten seind darum erschaffen, daß sie die Bauren trillen sollen, und welchers nicht thut, der thut auch seinem Beruf nicht genug.«

Die Meuder antwortet: »Der Teufel in der Höllen würde ihnen den Lohn schon darum geben, dann wann der gütige Vatter das Kind genugsam gezüchtigt hätte, so pflege er alsdann die Ruthe ins Feuer zu werfen.«

»Nein, Mutter, ihr werdet euch irren«, sagte Springinsfeld, »nach dem alten Sprichwort oder Reimen der ehrlichen Soldaten, welcher also lautet:

So bald ein Soldat wird geboren,
Sein ihm drei Bauren auserkoren:
Der erste, der ihn ernährt,
Der ander, der ihm ein schönes Weib beschert,
Und der dritt, der vor ihn zu Höllen fährt.

»Und das zwar nicht unbillich, dann es habens in verwichenen Kriegstroublen etliche Bauren viel ärger gemacht als die fromme Soldaten selbsten, indem sie nit nur die Krieger, beides schuldige und unschuldige, wo sie ihrer mächtig worden, ermordet, sonder auch ihre eigne Nachbarn, ja sogar ihre Vettern und Gevattern bestohlen, wo sie nur zukommen können.«

Simplicius sagte: »Was darfs viel Disputirens? Es war halt Gaul als Gurr, vier Hosen eins Tuchs. Die Bauren wurden von den Soldaten Schelmen und hingegen diese von jenen Diebe genant, so daß diesen Reden nach kein ehrlicher oder redlicher Mann im Land sich mehr befand; und dannenhero war nöthig, daß der edel Friedensschluß alles Beschehene aufhube, verbesserte und einen jeden wieder redlich machte. Erzähle du vor dißmal darvor, wie dirs hernach weiter ergieng, und vornehmlich, wo du den heroischen Namen Springinsfeld aufgetrieben habest.«

»Den hat mir«, antwortet Springinsfeld, »die Courage, das Rabenaas, aufgesattelt, von welcher Hex ich wenig reden wolte, wann es nicht die Folge meiner Histori erfordert. Zu dieser Vettel kam ich, nachdem ich mich ihrentwegen bei obengedachten Regiment mit einem Stück Geld ledig gemacht hatte. Ich kan aber nicht sagen, ob ich ihr Mann oder ihr Knecht gewesen sei; ich schätze, ich war beides und noch ihr Narr darzu, und eben deswegen wolte ich lieber die Geschichten, so sich zwischen mir und ihr verloffen, verschwiegen als offenbar wissen. Hat sie aber ihr Schreiberknecht auch in ihrem ehrbaren Lebenslauf entdeckt, so mag sie dort lesen wer will; ich mag einmal mein eigne Guckgaucherei[381] nit selbst ausblasen, sonder es ist mir genug, wann ich glauben muß, sie werde meiner so wenig als deiner verschonet haben. Diß ist gewiß, mein Simplice, daß ihre damalige liebreizende Schönheit von solchen Kräften war, daß sie noch wol andere Kerl, als ich gewesen, an sich zu ziehen vermochte. Ja sie hätte auch meritirt, von den allervornehmsten und ehrlichsten Cavalieren bedient zu werden, wann sie nicht so gottlos und verrucht gewesen wäre; aber sie war in den Begierden nach Geld so ersoffen, in allerlei Schelmstücken und Diebsgriffen, solches zu erobern, so abgeführt[382] und fertig, und in Vergnügung ihrer brünstigen Geilheit so gar insationabilis[383], daß ich gänzlich darvor halte, es hätte niemand keine Sünde daran gethan, wann er ihr zu Ersparung Holzes einen halben Mühlstein an Hals gehenkt und sie ohne Urtheil und Recht in ein Wasser geworfen hätte. Diese Unholde[384], als sie meiner müd worden, brachte beides durch Schmiralia und ohn Zweifel auch durch ihre tapfere Faust, darauf sie saß, zuwegen, daß ich sie wider meines Herzen Willen quittirn muste. Sie gab mir zwar ein Stuck Geld, Pferd, Kleider und Gewehr mit, hingegen aber auch den Teufel im Glas, wessentwegen ich große Angst ausstunde, biß ich seiner wieder ohne Schaden los wurde.«

»Nachdem ich nun diese Bestia solcher Gestalt verlassen und unter dem Generalwachtmeister von Altringen erstlich ins Würtenbergische, folgends in Thüringen und endlich in Hessen kommen, haben wir sich daselbst mit andern Völkern mehr conjungirt und doch sonst nichts ausgericht, als daß wir wiederum wie der Schnee vergiengen. Ich selbst wurde auf einer Partei wider[385] die Schwedische gefangen, unter denen ich auch ein Musquetierer werden muste, biß mich die Kaiserlichen ohnweit Bacherach wieder erwischten, nachdem ich zuvor dem Schweden Würzburg, Werthheim, Aschaffenburg, Mainz, Worms, Manheim und andere Ort mehr einnehmen helfen. Da wurde ich in Westphalen geschickt, dem Kurfürsten von Cöln selbige Bisthumer unter dem berühmten Pappenheimer vor den Hessen beschützen zu helfen. Ich muste eine Pique tragen, welches mir so widerwärtig war, daß ich mich ehe hätt aufhenken lassen, als mit solchen Waffen lang zu kriegen. Es war mir gar nicht wie jenem Schwaben, der ein halb Dutzet solcher Stänglein auf sich nehmen wolte, dann ich hatte 18 Schuh lang zu viel an einer, derowegen trachtete ich auch alle Stund darnach, wie ich ihrer wieder mit Ehren los werden möchte. Ein Musquetierer ist zwar ein wolgeplagte arme Creatur, aber wann ich ihn gegen einen ellenden Piquenierer schätze, so besitzt er noch gegen ihm eine herrliche Glückseligkeit. Es ist verdrießlich, zu gedenken, geschweige zu erzählen, was die gute Tropfen vor Ungemach ausstehen müssen, und es kans auch keiner glauben, ders nicht selber erfährt. Und dannenhero glaube ich, daß derjenige, der einen Piquenierer niedermacht, den er sonst verschonen könte, einen Unschuldigen ermordet und solchen Todtschlag nimmermehr verantworten kan; dann ob diese arme Schiebochsen (mit diesem spöttischen Namen werden sie genennet) gleich creirt[386] sein, ihre Brigaden vor dem Einhauen der Reuter im freien Feld zu beschützen, so thun sie doch vor sich selbst niemand kein Leid, und geschicht dem allererst recht, der einem oder dem andern in seinen langen Spieß rennet. In Summa, ich habe mein Tage viel scharfe Occasionen gesehen, aber selten wahrgenommen, daß ein Piquenierer jemand umgebracht hätte.«

»Wir lagen an der Weser dort um Hameln, als ich meinen Cameraden überredet, daß er mir sein Musquete auf die Mauserei verliehe und so lang mein Pique trug, biß ich wieder käme und eine Beut mitbrächte. Es glückte mir, dann unserer drei, darunter ein Landskind war, der alle Weg und Winkel wol wuste, erkundigten einen Güterwagen, so von Bremen nach Cassel zu gehen willens und nur einen einzigen hessischen Musquetierer zur Convoi bei sich hatte; demselben giengen wir zu Gefallen allerdings biß an Harzwald, und da er an den Ort kam, wohin wir ihn gewünscht, schossen wir gleich im Angriff den Musquetierer, den Fuhrmann und den Knecht nieder, weil jeder seinen Mann gewiß vor sich genommen, spannten hernach 6 schöner Pferde aus und öffneten in der Eil von Ballen und Fassen, was wir konten, worinnen es viel Seidenwaar und englisch Tuch setzte. Das Allerbeste aber vor uns stak in einem Fäßlein voller Karten, nämlich ungefähr bei 1200 Reichsthalern, welches ich zwar fande, aber mit meinen Cameraden treulich theilte. Wir sprachen den Pferden gleichsam über ihr Vermögen zu, und indem wir in kurzer Zeit einen langen Weg hintersich legten, entronnen wir aller Gefahr und langten eben bei den Unserigen wieder an, als Pappenheim sich fertig gemacht, den Bannier vor Magdeburg hinweg zu schlagen.«

»Gleichwie nun dieser in Unordnung aufbrach, davon zu fliehen, ehe wir recht an ihn kamen, also konte solches so eilends nicht geschehen, daß er uns von seinem Nachzug nicht etlich hundert Mann auf dem Platz lassen muste. Und nachdem wir alles wol ausgerichtet, die Guarnison zu uns genommen[387] und der Stadt oder vielmehr des Steinhaufens Befestigung an Wällen und Bollwerken ziemlich ruinirt und zersprengt hatten, brachte ich von meinem Hauptmann, weil ich ohnedas nicht ihm, sonder unter ein Regiment Dragoner gehörig, welches sich damals bei den Tillyschen befande, mit einer leidenlichen Verehrung zuwegen, daß er mich entließe.«

»Also wurde ich meiner verdrießlichen Pique wieder los, montierte mich und einen Knecht zum besten und nahm bei einem Regiment zu Pferd vor einen Freireuter Aufenthalt, so lang biß ich wieder zu meinem Regiment, darunter ich gehörte, gelangen möchte.«


Fußnoten:

[380] einen großen Schallen, so wird zu lesen sein statt »Schollen«: lachte, daß es laut schallte.

[381] Guckgaucherei, Thorheit (vgl. Guckgauch, Kukuk).

[382] abgeführt, (zum Schlechten) angeleitet, ausgelernt.

[383] insationabilis, Springinsfeld will sagen insatiabilis, unersättlich.

[384] Unholde, Unholdin, Hexe.

[385] wider, die Drucke haben »unter«.

[386] creirt, geschaffen, bestimmt.

[387] zu uns genommen, gefangen genommen.