Das zwölfte Capitel.

Springinsfeld wird ein Trommelschlager, darnach ein Musquetierer; item wie ihn ein Baur zaubern lernet.

Als Springinsfeld Obiges von diesen dreien namhaften Verschwendern erzählt hatte und nun ein wenig pausirte, sagte Simplicissimus: »Dieser letzte thät zwar thörlich genug, aber gleichwol weislicher als die zween erstern, und ich kan mir keine größere Thorheit unter den Menschen einbilden, als derjenige eine begehet, der viel Gelds hat und mit einem anfahet zu spielen, der wenig vermag. Aber mit dieser Erzählung bistu aus dem Gleis deines eignen Lebenslaufs gefahren, welchen ich so herzlich zu vernehmen verlange. Wir verblieben bei den Spanischen in Niederland. Wie gieng dirs daselbst weiters?«

Springinsfeld antwortet: »Ich kan nit anders sagen, als wol; dann wann ich denselben Krieg gegen dem letzteren vergleichen soll, so war jener gülden und dieser eisern. In jenem wurden die Soldaten ausbezahlt und gebraucht, doch aber ihr Leben nicht leichtlich hazardirt; in diesem aber wurden sie ohnbezahlt gelassen, die Länder ruinirt und beides Bauern und Soldaten durch Schwert und Hunger aufgeopfert, also daß man auf die Letzte schier nicht mehr kriegen konte.«

Simplicius fiele ihm in die Rede und sagte: »Entweder redestu im Schlaf, oder wilst wieder aus dem Weg treten. Du wilst den Krieg unterscheiden und vergißt abermal deiner eignen Person; sage darvor, wie es dir selbst gangen.«

»Ich muß ja wol«, antwort Springinsfeld, »ein wenig Umstände machen, wann ich der vorigen guten Täge gedenke und mich zugleich des nachfolgenden Ellends erinnere; aber die Folge meiner Histori ist diese. Ich kam mit den Spanischen in die untere Pfalz, als Ambrosius Spinola dasselbe glückselige Land gleichwie mit einer Sündflut überfiele und in kurzer Zeit wunderviel Städte unter seinen Gewalt brachte. Da machte ichs mit unordenlichem Leben so grob, daß ich darüber erkrankte und zu Worms (allwohin sich Don Gonsales de Cordua retirirt, nachdem er die Frankenthalische[364] Belägerung wegen Ankunft des Mansfelders, welchen Tilly zu Mannheim über den Rhein gejagt, aufheben müssen) krank zuruck geblieben, alwo ich den ersten Tuck empfand, den mir das Glück im Krieg erwiesen; dann ich muste mich mit Bettlen behelfen und viel schmähliche Reden hören, weil ich nichts zu verzehren hatte. Sobald ich aber wieder ein wenig erstarkte, ließe ich mich durch zween andere Kerl überreden, daß ich mit ihnen gegen[365] der Tillyschen Armee gieng, welche wir durch Abweg erreichten, eben als sie auf Wiseloch zugleich dem Mansfelder und ihrem Unglück entgegen marschierte.«

»Ich war damals ein aufgeschossen Bürschlin von 17 Jahren, und gleichwol wurde ich noch nicht vor capabel gehalten, mich unter die Tirones[366] aufzunehmen; aber zu einem Tambour hätte man keinen ärgern Ausbund kriegen können, maßen ich auch vor einen solchen aufgenommen und, so lang ich mich darzu gebrauchen ließe, auch darvor gehalten wurde. Wir bekamen damal zwar ein wenig Stöße, es war aber nichts gegen denen zu rechnen, die wir hernach vor Wimpfen wieder austheileten. Hier kam unser Regiment nicht einmal zum Treffen, weil es sich in dem Nachzug befande; dort aber erwies es seinen Valor desto tapferer. Ich selbst thät damals etwas Ohngewöhnlichs: ich henkte meine Trommel auf den Buckel und nahm hingegen eines Todtbliebenen Musquet und Bandelier und gebrauchte mich damit im allervördersten Glied dermaßen, daß es mein Hauptmann nicht allein geschehen, sonder ihm auch mein Obrister selbst gefallen lassen muste. Und damit erlangte ich dasselbig mal nicht allein Beuten, sonder auch ein ziemlich Ansehen, daß ich meine Trommel gar ablegen und fürderhin eine Musquete tragen dörfte.«

»Unter diesem Regiment half ich den Braunschweiger bei dem Main schlagen, item bei Stattlo[367], und kam auch endlich mit demselbigen in Dänemärkischen Krieg in Holstein, ohne daß ich noch ein einzig Härlein Bart oder eine empfangene Wunden aufzuweisen gehabt hätte. Und nachdem ich bei Lutter den König selbst besiegen helfen, wurde ich kurz hernach in eben solcher Jugend gebraucht, Steinbruck, Verden, Langwedel, Rothenburg, Ottersberg und andere Ort mehr einnehmen zu helfen, und endlich um meines Wolverhaltens, auch meiner Officier Gunst willen ein lange Zeit an ein fettes Ort auf Salva Guardi[368] gelegt, allwo ich beides meinen Leib erquickte und meinen Beutel spickte. So kriegte ich auch unter diesem Regiment drei seltzame Nachnamen. In der Erste nante man mich den General Farzer, weil ich, da ich noch ein Trommelschlager war, auf einer Bank liegend den Zapfenstreich ein ganze Stund lang, auch wol länger, mit dem Hintern verrichten oder hören lassen konte. Zum andern wurde ich der hürnen Seifrid[369] genant, weil ich mich einsmals allein mit einem breiten Banddegen[370], den ich in beiden Händen führte, dreier Kerl erwehrete und sie übel zu schanden hauete. Den dritten brachte mir ein Diebsbaur auf, als welcher verursachte, daß man der ersten beiden Namen vergaß und mich wegen eines lächerlichen Possens, den ich mit ihm anstellete, forthin den Teufelsbanner nennete. Das fügte sich also. Demnach ich einsmals etliche Roßhändler mit friesländischen Pferden aus unserm Quartier in ein anders convoirte und selbigen Tag nicht wieder heim kommen konte, übernachtet ich bei gedachtem Bauren, der auch ein paar Kerl von unserm Regiment bei sich im Quartier liegen und eben denselbigen Tag ein paar feister Schwein gemetzget hatte. Er war nit wol mit übrigem[371] Bettwerk versehen und hatte auch keine warme Stub, wie dann selbiger Orten der gemeine Brauch auf dem Land ist, und derowegen logirte ich im Heu, nachdem er mich zuvor mit allerhand Sorten guter neugebachener Würste abgespeiset hatte. Dieselbe schmeckten mir so wol, daß ich nicht darvor schlafen konte, sonder lag und spintisirte, wie ich auch der Schweine selbst theilhaftig werden möchte. Und weil ich wol wuste, wo sie hiengen, nahm ich die Mühe, stunde auf und trug ein halb Schwein nach dem andern in einen Nebenbau und verbarg sie daselbst unter das Stroh, der Meinung, solche die künftige Nacht mit Hülf meiner Cameraden zu holen. Des Morgens aber, als es tagen wolte, nahm ich beides von dem Bauren und seinen Söhnen, das ist den Soldaten, die bei ihm lagen, einen freundlichen Abschied und gieng meines Wegs; aber der Baur war so bald in meinem Quartier als ich selbsten, und klagte mir, daß ihm die verwichne Nacht zwei Schwein gestohlen worden wären. Was, sagte ich, du schlimmer Vogel, wilstu mich mit Diebsaugen ansehen? Ich machte auch so gräßliche Mienen, daß dem Tropfen angst und bang bei mir wurde, sonderlich als ich ihn fragte, ob er Stöße von mir haben wolte. Weil er ihm nun leicht die Rechnung machen konte, wo es hinaus laufen würde, wann er mich desjenigen, so ich verrichtet, bezüchtigte, das zwar auch sonst niemand als eben ich gethan haben, er aber gleichwol nicht auf mich erweisen könte, da kam der schlaue Vocativus auf ein andern Schlag und sagte: ›Min Heer, ik vertruwe ju nichtes Böse, maer iken hebbe mi segen laten, dat welche[372] Kriegers wat Künste konden maken, derliken Saken weder bitobrengen; wann gi dat künnt, ik sal ju twen Richsdaler gewen.‹«

»Ich überschlug die Sach, weil wir gleich wol als in unsern Quartiern Ordre halten musten, und ersanne bald, wie ihm zu thun wäre, damit ich die zween Thaler mit Manier bekommen möchte, sagte derohalben zum Bauern: ›Mein Vatter, das wäre ein anders. Er bitte meinen Officier, daß er mir erlaube, mit ihm heim zu gehen, so will ich sehen, was ich kan ausrichten.‹«

»Dessen war er zufrieden und gieng alsobalden mit mir zu meinem Corporal, der mir um soviel desto ehender erlaubte, mitzugehen, weil er mir an dem Winken meiner Augen ansahe, daß ich den Bauren betriegen wolte; dann wir hatten in den Quartiern sonst nichts zu thun, als zu kurzweilen, seitemal wir den König von Dänemark aus dem Feld gejagt und alle Belägerung geendigt hatten, maßen wir damals der Cimbrier ganzen Chersonesum[373], alles was zwischen dem Baltischen Meer und großen Oceano, zwischen Norwegen, der Elb und Weser lag, geruhiglich beherrschten.«

»Zu unserer Hinkunft ins Baurenhaus fanden wir den Tisch schon gedeckt und mit einem Potthast[374], einem Stück kalten Rindfleisch aus dem Salz, mit trögen[375] Schunken, Knackwürsten und dergleichen Dings wie auch mit einem guten Trunk Hamburger Bier geziert. Mir aber beliebte, zuvor die Kunst zu brauchen und alsdann erst zu schlampampen. Zu solchem Ende machte ich mit meinem bloßen Degen enmits over Deelen[376] zween Ring in einander und zwischen dieselbige etliche Pentalpes[377] und ander närrisch Gribes-Grabes, wie mirs einfiele, und als ich fertig damit war, sagte ich zum Umstand, wer sich förchte oder zum erschröcken geneigt sei und derohalben den leibhaftigen Teufel und sein Mutter selbst in grausamer Gestalt nicht anzusehen getraue, der möge wol abtreten. Darauf gieng alles von mir weg, biß auf einen Böhmen, der auch bei dem Bauren in Quartier lag, welcher bei mir verblieb, mehr weil er auch gern zaubern gelernet, wann er nur einen Lehrmeister gehabt, als daß er vor anderen beherzter gewesen wäre. Wir wurden beide verschlossen und verriegelt, damit ja niemand das Werk verhinderte, und nachdem ich dem Böhmen bei Leib- und Lebensgefahr still zu schweigen auferlegt, trate ich mit ihm in den Ring, wie er eben anfieng wie ein Espenlaub zu zittern. Weil ich dann nun einen Zuseher hatte, so muste ich der Sach auch ein Ansehen machen und eine Beschwerung brauchen, so in einer fremden Sprach geschehen muste. Derowegen thät ich solche auf Sclavonisch und sagte mit verkehrten Augen und seltzamen Geberden: «Hier stehe ich zwischen den Zeichen, welche die Einfältige bethören und Narren den Kolben lausen. Derohalben, so sag du mir, du General Farzer, wohin der Hürnen Seifrid die vier Schwein versteckt, welche er verwichne Nacht diesem närrischen Bauren gestohlen, um solche künftige Nacht mit seinen guten Brüdern vollends abzuholen.«

»Und nachdem ich solche Beschwerung ein paar mal wiederholet, machte ich so seltzame Gauklersprüng in meinem Ring und ließe so vielerlei Thierer Stimme mithin hören, daß der Böhm, wie er mir hernach selbst bekant, vor Angst in die Hosen gethan hätte, wann er meine schnackische Beschwerung nicht verstanden. Wie ich nun des Dings bald müd wurde, antwortet ich mir selber mit einer hohlen dümpern[378] Stimme, gleichsam als wann sie von fernen gehöret würde: Die vier halbe Schwein liegen im Nebenbau auf dem Stall unterm Stroh verborgen.«

»Und damit hatte das ganze Werk meiner Zauberei ein Ende. Der Böhm aber konte das Lachen kaum verhalten, biß wir aus dem Ring kamen.«

»›O Bruder‹, sagte er auf Böhmisch zu mir, ›du bist wol ein Schalk, die Leute zu äffen.‹ Ich aber antwortet ihm in gleicher Sprach: ›Und du bist wol ein Schelm, wann du die Geheimnus dieses Stücks nicht verschweigest, biß wir aus diesen Quartieren kommen; dann solcher Gestalt muß man den Bauren kratzen, wo sie es bedörfen.‹«

»Er versprach, reinen Mund zu halten, und hielte es nicht nur schlecht hinweg, sonder log noch einen solchen Haufen Dings darzu, was er nämlich in währender Action vor Spectra gesehen, daß die, so mich vorm Hause nur gehöret hatten, alles glaubten und mit ihrer Autorität so viel bezeugten, daß man mich vor ein Schwarzkünstler hielte, und mich beides Baurn und Soldaten den Teufelsbanner nenneten. Ich bekam auch bald mehr Kundenarbeit und glaube, wann ich noch länger bei demselbigen Regiment verblieben wäre, es hätten mir etliche auch zugemuthet, ich solte Reuter in Feld und hingegen ganze Parteien und Esquadronen unsichtbar machen[379]. Der Baur, nachdem er sein schweinen Fleisch wieder hatte, gab mir die zween Reichsthaler mit großem Dank und samt seinen Soldaten den ganzen Tag Fressen und Saufen vollauf.«


Fußnoten:

[364] Frankenthal, Bezirksstadt in Baiern, Pfalz, an der Esenach, mit einem Kanal zum Rhein. Don Gonsales von Cordua wurde vom Mansfelder gezwungen, die Belagerung aufzuheben.

[365] gegen, entgegen.

[366] Tirones, Rekruten.

[367] Stattlo, Stadtlohe, Stadt Loën, Preußen, Regierungsbezirk Münster.

[368] Salva Guardi, sauvegarde, Schutzwache.

[369] hürnen Seifrid, nach dem bekannten Volksbuche.

[370] Banddegen, seiner Breite wegen so genannt, vgl. Bandeisen.

[371] übrig, überflüssig, reichlich.

[372] welche, einige, manche.

[373] der Cimbrier Chersonesus, Jütland und Schleswig-Holstein.

[374] Potthast, im nördlichen Deutschland noch jetzt gebräuchlich, sauer eingemachte Stücke Schweinefleisch.

[375] tröge, trocken, gedörrt, geräuchert.

[376] enmits over Deelen, mitten über die Dielen.

[377] Pentalpes oder Pentaples, vielleicht für Pentagramm, Drudenfuß.

[378] dump, dümper, dumpf.

[379] Davon ist auch im zweiten Theil des »Vogelnestes« die Rede. Vgl. über diesen Aberglauben das in der Einleitung Gesagte.