Das elfte Capitel.
Von dreien merkwürdigen Verschwendern wahrhafte Historien.
»Es gehet gemeiniglich denen, so in den Krieg kommen, wie denjenigen, so hexen lernen; dann gleichwie dieselbige, so einmal zu solcher unseligen Congregation gelangen, schwerlich oder wol gar nit mehr darvon kommen können, also gehets auch dem mehrentheils[350] von den Soldaten, welche, wann sie gut Sach haben, nicht aus dem Krieg begehren, und wann sie Noth leiden, gemeiniglich nicht draus kommen können. Von denen, welche sich im Krieg wider ihren Willen ferners gedulden müssen, biß sie entweders durch eine Occasion[351] bleiben oder sonst crepirn, verderben und gar Hungers sterben müssen, könte man darvor halten, daß es ihr Fatum oder Verhängnus so mit sich brächte; von denen aber, so reiche Beut machen und gleichwol solche wieder unnützlich verschleudern, kan man gedenken, daß ihnen der gütige Himmel nicht gönne, sich ihr großes Glück zu nutz, sonder vielmehr das Sprichwort wahr zu machen:
So gewonnen,
So zerronnen.
und: Was mit Trommeln erobert wird, gehet mit Pfeifen wieder fort.«
»Ich weiß von dreien gemeinen Soldaten auch drei unterschiedliche denkwürdige Exempel, welche solches bestätigen, und derselbigen muß ich hier weitläufiger gedenken. Des ersten, der berühmte Tilly, nachdem er die Stadt Magdenburg ihres jungfräulichen Kränzels, seine Unterhabende[352] aber dieselbe ihrer Zierd und Reichthum beraubt gehabt, erfuhr, daß ein gemeiner Soldat von den Seinigen eine große Beut von Baarschaft, so in lauter Geldsorten bestanden, erobert und alsogleich wieder mit Würfeln verloren hätte. Die Wahrheit zu erfahren, ließe er solchen vor sich kommen, und nachdem er von diesem unglückseligen Spieler selbsten verstanden, daß die gewonnene und wieder verschwendete Summa größer gewesen, als er von andern vernommen (etliche sagten wol von 30000, andere von weit mehrern Ducaten), sagte der Graf zu ihme: Du hättest an diesem Geld die Tag deines Lebens genug haben und wie ein Herr darbei leben können, wann du dirs nur selber hättest gönnen wollen; dieweil du aber dir selbsten nichts nutzen noch zu gut thun wollen, so kan ich nicht sehen, was du meinem Kaiser nutz zu sein begehrest. Und damit erkante dieser General, der sonst den Ruhm eines Soldatenvatters gehabt, daß dieser Kerl als eine unnütze Last der Erden in freien Luft gehenkt werden solte, welches Urtheil auch alsobalden vollzogen worden.«
»Des andern, als der schwedische Königsmark die kleine Seit[353] der Stadt Prag überrumpelt und gleichmäßig ein gemeiner Soldat über 20000 Ducaten in specie darin erwischt, solche aber bald hernach auf einen Sitz wiederum verspielt hatte, wurde solches dem Königsmark gleichfalls zu Ohren getragen, welcher auch diesen Soldaten vor sich kommen ließe, um ihn erstlich zu sehen und ihm alsdann nach Erkundigung der Wahrheit ebenmäßig obenangeregten Tillyschen Proceß machen zu lassen, wie er ihm dann auch auf eben dieselbige Manier zusprach[354]. Als aber dieser Soldat seines Generals Ernst vermerkte, sagte er mit einer unerschrockenen Resolution: Euer Excellenz können mich mit Billichkeit um dieses Verlusts willen nicht aufhängen lassen, weil ich Hoffnung hab, in der Altstadt noch wol eine größere Beute zu erhalten. Diese Antwort, welche vor ein Omen gehalten wurde, erhielte dem guten Gesellen zwar das Leben, aber gleichwol nicht die eingebildte Beut, vielweniger den Schweden die Stadt, welche damals von deren Exercitu hart bedrängt wurde.«
»Des dritten, wer bei der kurbairischen Armada unter dem Holtzischen Regiment[355] zu Fuß bekant gewesen ist, der wird ohne Zweifel den sogenannten Obristen Lumpus entweder gesehen oder doch wenigst viel von ihm gehöret haben. Er war bei besagtem Regiment ein Musquetierer, und kurz vorm Friedensschluß trug er eine Pique, wie ich ihn dann in solchem Stand und zwar sehr übel bekleidet, also daß ihm das Hemd hinten und vornen zu den Hosen heraushieng, unter währendem Stillstand der Waffen bei selbigem Regiment selbst gesehen. Diesem geriethe in dem Treffen vor Herbsthausen in einem Fäßlein voller französischen Duplonen ein solche Beut in die Hände, daß er selbige schwerlich ertragen, weniger zählen und noch weniger aus ihrer Zahl die Substanz seines damaligen Reichthums wissen und rechnen konte! Was thät dieser liederliche Lumpus aber, da er den übermäßigen Anfall[356] seines großen Glücks nicht erkante? Er verfügte sich in eine Stadt und Vestung[357] der Baiern, über welche ehemalen der große Gustavus Adolphus die Zähne zusammen gebissen, daß er sie nach so viel erhaltenen herrlichen Siegen ungewonnen muste liegen lassen; daselbst staffirte er sich heraus wie ein Freiherr und lebte täglich wie ein Prinz, der jährlich etliche Millionen zu verzehren hat; er hielte zween Kutscher, zween Laquaien, zween Page, ein Kammerdiener in schöner Liberei, und nachdem er sich auch mit einer Kutschen und sechs schönen Pferden versehen, reiste er auch in die Hauptstadt desselbigen Landes über die Donau hinüber, allwo er in der besten Herberg einkehrte, die Zeit mit Essen, Trinken und täglichem Spatzierenfahren zubrachte und sich selbsten mit einem neuen Namen, nämlich den Obristen Lumpus nennete. Solches herrliche Leben währete ungefähr sechs Wochen, in welcher Zeit sein eigner und rechter Obrister, der General von Holtz[358] auch dorthin kam und eben in derselbigen Herberg einkehrte, weilen er ein sonderbares lustigs Zimmer darin hatte, in welchem er zu seiner Hinkunft zu logieren pflegte. Der Wirth sagte ihm gleich, daß ein fremder Cavalier sein gewöhnlich Logement einhätte, welchem er zu weichen nicht zumuthen dörfte, weil er ein ansehenlich Stuck Geld bei ihm verzehrte. Dieser tapfere General war auch viel zu discret, solches zu gestatten. Demnach ihm aber besser als dem großen Atlante[359] sowol alle Weg und Steg, Wälder und Felder, Berge und Thäler, Päß und Wasserflüsse, als auch alle adeliche Familien des Römischen Reichs bekant waren, als fragte er nur nach dieses Cavaliers Namen. Als er aber verstunde, daß er sich den Obristen Lumpus nennete und sich weder eines alten adelichen Geschlechts noch eines Soldaten von Fortun von solchem Namen zu erinnern wuste, bekam er ein Begierde, mit diesem Herrn zu conversirn und sich mit ihm bekant zu machen. Er fragte den Wirth um seine Qualitäten, und da er verstunde, daß er zwar sehr gesellig, eines lustig Humeurs, gleichsam die Freigebigkeit selber, doch aber von wenig Worten wäre, wurde seine Begierde desto größer. Derowegen verfügte[360] er mit dem Wirth, des Lumpi Consens zu erhalten, daß er denselben Abend mit ihm über einer Tafel speisen möchte.«
»Der Herr Obriste Lumpus ließe ihm solches wol gefallen und bei dem Confect in einer Schüssel 500 neue französische Pistolen und eine göldene Ketten von 100 Ducaten auftragen. «Mit diesem Tractament», sagte er zu seinem Obristen, «wollen euer Excellenz verlieb nehmen und meiner dabei im besten gedenken.» Der von Holtz verwundert sich über diß Anerbieten und antwortet, daß er nicht wisse, womit er ein solch Präsent um den Herrn Obristen verdienet oder ins künftig würde verdienen können, derowegen wolte ihm nicht gebühren, solches anzunehmen. Aber Lumpus bat hingegen, er wolte ihn nicht verschmähen; er hoffte, es würde sich die Zeit bald ereignen, in deren ihr Excellenz selbst erkennen würden, daß er diese Verehrung zu thun obligirt sei, und alsdann verhoffe er hinwiederum von seiner Excellenz eine Gnad zu erhalten, die zwar keinen Pfenning kosten würde, daraus er aber erkennen könte, daß er diese Schankung nit übel angelegt. Gleichwie nun dergleichen göldene Streich viel seltener ausgeschlagen als jemanden versetzt werden, also wehrete sich auch der von Holtz nicht länger, sonder acceptirte beides Ketten und Geld, weil es Lumpus überein[361] so haben wolte, mit courtoisen[362] Promessen, solches auf begebende Fäll zu remeritirn.«
»Nach seiner Abreis verschwendete Lumpes immerfort; er passirte nie bei keiner Wacht verüber, da er nicht der Soldatesca, die ihm zu Ehrn ins Gewehr stunde, ein Dutzet oder wenigst ein halb Dutzet Thaler zuwarf, und also machte ers überall, wo er Gelegenheit hatte, sich als ein reicher Herr zu erzeigen. Alle Tag hatte er Gäst und zahlte auch alle Tag den Wirth aus[363], ohne daß er ihm jemals den geringsten Heller abgebrochen oder über eine allzu theure Rechnung sich beschwert hätte. Gleichwie aber ein Brunnen bald zu erschöpfen, also wurde er auch mit seiner Baarschaft bald fertig, und zwar, wie ich schon erwähnet, in sechs Wochen. Darauf versilbert er Kutschen und Pferd; das gieng auch bald hindurch. Endlich musten seine stattliche Kleider samt dem weißen Zeug daran; das jagte er alles durch die Gurgel. Und da seine Diener sahen, daß er auf der Neige war, nahmen sie nacheinander ihren Abschied, welche er auch gern passirn ließe. Zuletzt, da er nichts mehr hatte, als wie er gieng und stunde, nämlich in einem schlechten Kleid, ohne einigen Heller oder Pfenning, schenkte ihm der Wirth 50 Reichsthaler, weil er so viel Geld bei ihm verzehret hatte, auf den Weg; er aber wiche nicht, biß solche auch allerdings wiederum verzehret waren. Der Wirth, entweder daß er sich bei ihm wol begraset, oder ihn übernommen und sich deswegen ein Gewissen macht, oder anderer Ursachen halber, gab ihm wieder 25 Reichsthaler, mit Bitt, sich damit seines Wegs zu machen; aber er gieng nicht, biß er selbe auch verzehrt hatte. Und als er nun fertig war, schenkte ihm der Wirth wiederum 10 Reichsthaler zum Zehrpfennig auf den Weg; er aber antwortet, weil es Zehrgeld sein solte, so wolte ers lieber bei ihm als einem andern verzehren, hörete auch nit auf, biß solche wiederum biß auf den letzten Heller hindurch waren, warüber sich der Wirth mit wunderlichen Gedanken ängstigte und ihm gleichwol noch 5 Reichsthaler gab, sich damit fort zu machen. Und den er zuvor ihr Gnaden genennet und anfänglich unterthänlich willkommen sein heißen, den muste er damal dutzen, wolte er anders seiner los werden; dann als er sahe, daß er auch diese letztere 5 Reichsthaler verzehren wolte, verbote er seinem Gesinde, daß sie ihm weder eins nochs ander darvor geben solten. Da er nun solcher Gestalt gezwungen, dasselbe Wirthshaus zu quittirn, sihe, da gieng er in ein anders und verlöschte in demselbigen das noch übrige kleine Fünklein seines großen Schatzes vollends mit Bier. Folgends kam er wiederum bei Heilbrunn zu seinem Regiment, allwo er alsobalden in die Eisen geschlossen und ihm vom Henken gesagt worden, weil er bei acht Wochen lang ohne Erlaubnus vom Regiment verblieben war. Wolte nun der gute Obriste Lumpes seiner Band und Eisen wie auch der Gefahr des Stricks entübrigt sein, so muste er sich wol seinem Obristen, den er deswegen stattlich verehret, offenbaren, welcher ihn auch alsobalden von beiden befreien ließe, doch mit einem großen Verweis, daß er so viel Gelds so unnützlich verschwendet, worauf er anders nichts antwortet, als daß er zu seiner Enschuldigung sagte, er hätt alle sein Tag nichts mehrers gewünscht, als zu wissen, wie einem großen Herrn zu Muth wäre, der alles genug hätte; und solches hätte er auf solche Weis durch seine Beut erfahren müssen.«
Fußnoten:
[350] mehrentheils, adv., wie »theils« von Grimmelshausen öfter als Substantiv gebraucht.
[351] Occasion, Treffen, Gefecht.
[352] Unterhabende, Untergebene.
[353] die kleine Seit, die Kleinseite, ein Stadtviertel von Prag.
[354] zusprechen, zuerkennen.
[355] dem Holtzischen Regiment, vgl. S. 178, Anm. 1.
[356] Anfall, das Zufallen.
[357] eine Stadt und Vestung: Ingolstadt, auf welches der König von Schweden im April 1632 einen vergeblichen Angriff machte; dabei fiel Markgraf Christoph von Baden.
[358] Georg Friedrich von Holtz, ein »Soldat von Fortun«, stieg bis zum Feldmarschall-Lieutenant im Dienst des Kurfürsten von Baiern; starb 1666.
[359] dem großen Atlante. Es ist hier nicht der mythische Atlas, sondern eine der mit diesem Namen damals schon benannten Kartensammlungen gemeint. Vgl. unten S. 208.
[360] verfügen, ausmachen, verabreden.
[361] überein, durchaus.
[362] courtois, höflich.
[363] auszahlen, voll bezahlen.