Das dritte Capitel.
Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder widerfahren.
Ich muste mich verwundern und freuete mich, daß ich derjenigen unversehenen Zusammenkunft beiwohnen solte, von welchen ich in Simplicissimi Lebensbeschreibung so viel seltzams Dings gelesen, und von denen ich aus Anstalt der Courage selbst dergleichen geschrieben. Als sich ihre Wortwechslung geendigt und Simplicius ein Glas voll Wein heraus gehoben, das er dem Springinsfeld zum Willkomm zugetrunken hatte, da kam noch ein Gast herein, welchen ich der Kleidung und Jugend nach vor meines gleichen, das ist vor einen Schreiberknecht hielte. Er stellete sich an eben den Ort zum Stubenofen, wo ich zuvor und nach mir auch Springinsfeld gestanden, gleichsam als wann alle ankommende Gäste zuvor dorthin hätten stehen müssen, ehe sie sich hätten niedersetzen dörfen; und gleich hernach folgte ein überrheinischer Baur, der ohn Zweifel ein Rebmann[246] war; dieser ruckte vor jenem die Kappe und sagte: »Herr Schaffner, ich bitte, ihr wollet mir einen Reichsthaler geben, damit ich mein Kärst[247] aus der Schmieden lösen möge, alwo ich sie hab gerben[248] lassen.«
»Ach was zum Schinder ist das?« antwortet jener; »was machstu mit der Gerst in der Schmieden? Ich hab vermeinet, man gerbe sie in der Mühlen.«
»Meine Kärst! meine Kärst!« sagte der Baur.
»Ich hörs wol«, antwortet der Schaffner; »vermeinestu dann, ich sei taub? Mich wundert nur, was du damit in der Schmieden machst, sintemal man die Gersten in der Mühl zu gerben oder zu röllen[249] pflegt.«
»Ei, Herr Schaffner«, sagte der Baur, »ich sagte euch von keiner Gersten, sonder von meinem Kärsten, damit ich hacke.«
»Ja so«, antwortet der Schaffner, »das wäre ein anders«, und zählet damit dem Bäuerlein einen Thaler hin, den er auch gleich in seine Schreibtafel aufnotirte. Ich aber gedachte: Sollestu ein Schaffner über Rebleut sein und weist noch nichts von den Kärsten! Dann er befahl dem Bauren, daß er solche zu ihm bringen solte, um zu sehen, was es vor Creaturen wären, und was der Schmied daran gemacht hätte. Simplicius aber, der diesem Gespräch auch zugehöret, fieng an zu lachen, daß er hotzelte[250], welches auch das erste und letzte Gelächter war, das ich von ihm gehöret und gesehen, dann er verhielte sich sonst gar ernsthaftig und redete, ob zwar mit einer groben und mannlichen Stimme, viel lieblicher und freundlicher, als er aussahe, wiewol er auch mit den Worten gar gesparsam umgieng. Springinsfeld hingegen verlangte die Ursach solches Lachens zu hören, ließe auch nicht ab am Simplicio zu bitten, biß er endlich sagte, die vom Schaffner letztverstandene Wort des Bauren hätten ihn an einen Possen erinnert, den er auch wegen eines misverstandenen Worts in seiner unschuldigen Jugend, zwar wider seinen Willen, angestellet, wessentwegen er gleichwol ziemliche Stöße eingenommen.
»Ach, was war das?« fragte Springinsfeld.
»Es ist unnöthig«, antwortete Simplicius, »daß ich euch zu einer eitelen Thorheit reize, darvor ich das übermäßige Gelächter halte, ohne welches ihr aber die Histori nit anhören könnet, dann ich würde mich auf solchen Fall mit fremder Sünde beladen.«
Ich warf meine Karten mit unter und sagte: »Hat doch mein hochgeehrter Herr selbsten in seiner Lebensbeschreibung so manchen lächerlichen Schwank eingebracht; warum wolte er dann jetzt seinen alten Cameraden zu Gefallen ein einzige lächerliche Geschicht nicht erzählen?«
»Jenes thät ich«, antwortet Simplicius, »weil fast niemand mehr die Wahrheit gern bloß beschauet oder hören will, ihr ein Kleid anzuziehen, dardurch sie bei den Menschen angenehm verbliebe, und dasjenig gutwillig gehöret und angenommen würde, was ich hin und wider an der Menschen Sitten zu corrigiren bedacht war. Und gewißlich, mein Freund, er sei versichert, daß ich mir oft ein Gewissen drum mache, wann ich besorge, ich seie in eben derselben Beschreibung an etlichen Orten all zu frei gangen.«
Ich replicirt hinwider und sagte: »Das Lachen ist den Menschen angeborn, und hat solches nit allein vor allen andern Thieren zum Eigenthum, sonder es ist uns auch nutzlich, wie wir dann lesen, daß der lachende Democritus[251] in guter Gesundheit 109 Jahr alt worden, dahingegen der weinende Heraclitus[252] in frühem Alter eines elenden Tods und zwar in einer Kühhaut, darin er sich wicklen lassen, seine Glieder zu heilen, gestorben; dahero dann auch Seneca[253] in libro de tranquillitate vitæ, alwo er dieser beiden Philosophen gedenkt, vermahnet, daß man mehr dem Democrito als dem Heraclito nachfolgen soll.«
Simplicius antwortet: »Das Weinen gehöret dem Menschen so wol als das Lachen eigentlich zu, aber gleichwol allzeit zu lachen oder allzeit zu weinen, wie diese beide Männer gethan, wäre eine Thorheit; dann alles hat seine Zeit. Gleichwol aber ist das Weinen dem Menschen mehr als das Lachen angeboren, dann nicht allein alle Menschen, wann sie auf die Welt kommen, weinen (man hat nur das einige Exempel des Königs Zoroastris[254], der, wie er geborn, alsbald gelacht, so zwar von Nerone[255] auch gesagt wird), sonder es hat der Herr Christus unser Seligmacher selbst etlichmal geweinet; aber daß er jemals gelacht, wird in H. Schrift nirgends gefunden, sonder hat vielmehr gesagt: Selig seind, die weinen und Leid tragen, dann sie werden getröst werden! Seneca, als ein Heid, mag das Lachen dem Weinen wol vorziehen; wir Christen aber haben mehr Ursach, über die Bosheit der Menschen zu weinen als über ihre Thorheit zu lachen, weil wir wissen, daß auf die Sünde der Lachenden ein ewiges Heulen und Wehklagen folgen wird.«
»Bei mein Eid«, sagte hierauf Springinsfeld, »wann ich nit glaube, du seiest ein Pfaff worden!«
»Du grober Gesell«, antwortet ihm Simplicius, »wie darfst du das Herz haben, so leichtfertig vor ein Ding zu schwören, wann du mit deinen eignen Augen das Widerspiel sihest? Weist du auch wol, was ein Eid ist?«
Springinsfeld muste sich ein wenig schämen und bat um Verzeihung; dann Simplici Mienen waren so ernsthaft und bedrohenlich, daß er einen jeden damit erschröcken konte. Ich aber sagte zu demselbigen: »Weil meines hochgeehrten Herrn Reden und Schriften voller Sittenlehren stecken, so muß ohne Zweifel diejenige Geschichte, deren er sich mit einem so herzlichem Gelächter erinnert, beides lustig zu hören und etwas Nutzlichs daraus zu lernen sein«, mit Bitte, er wolte sie doch ohnbeschwert erzählen.
»Nichts anders«, antwortet Simplicius, »lernet[256] sie, als daß einer, so jemand etwas Nöthiges fragt, solche Sprach und Wort gebrauchen soll, daß sie der, so gefragt wird, geschwind verstehe und in der Eil einen richtigen Bescheid darüber geben könne; sodann, daß einer, der gefragt worden, die Frag aber nicht eigentlich und gewiß verstanden, nit alsobald antworten, sonder von dem Fragenden, vornehmlich wann er von höherer Qualität ist, noch einmal seine Frag zu vernehmen gebührend begehren soll. Die lächerliche Histori ist diese. Als ich noch Page beim Gouverneur in Hanau war, da hatte er einsmals ansehenliche Officier zu Gaste, darunter sich auch etliche Weimarische befanden, denen er mit dem Trunk trefflich zusprechen ließe. Die Fremde und Heimische waren gleichsam in zwo Parteien unterschieden, einander wie in einer Battalia mit Saufen zu überwinden. Das Frauenzimmer stund auf und verfügte sich in sein Gemach, gleich nachdem man das Confect aufgestellt, weil ihnen mitzugehen die Gewohnheit verbote; die Cavalier aber sprachen einander so scharf zu, sich stehend vollends aufzufüllen, daß sich auch etliche mit dem Rucken an die Stubthür lehneten, damit ja keiner aus dieser Schlacht entrunne, welches mich an diejenige Marter ermahnet, darmit Tiberius[257], der römische Kaiser, viel Leut getödtet; dann wann er solche umbringen lassen wolte, ließe er sie zuvor zu vielem Trinken nöthigen, ihnen hernach die s. h. Harngäng dermaßen vernußbicklen[258], daß sie den Urin nicht lassen könten, sonder endlich mit unaussprechlichen Schmerzen sterben musten. Endlich entwischte einer, der damal kein größer Anliegen und Begierde hatte, als das Wasser zu lassen, und weil es ihn ohn Zweifel gewaltig drängte, liefe er wie ein Hund aus der Kuchen, der mit heißem Wasser gebrühet worden, in welcher Eil er mir zu seinem und meinem Unglück begegnete, fragende: «Kleiner, wo ist das Secret?»
»Ich wuste damal weniger als der Teutsche Michel[259], was ein Secret war, sonder vermeinte, er fragte nach unserer Beschließerin, welche wir Gret nanten, die sonst aber Margaretha hieße und sich eben damals beim Frauenzimmer befand, dahin sie die Jungfer rufen lassen. Ich zeigte ihm hinten am Gang das Gemach und sagte: ›Dort drinnen.‹«
»Darauf rennete er darauf los, wie einer, der mit eingelegter Lanzen in einem Turnier seinem Mann begegnet. Er war so fertig, daß das Thüraufmachen, das Hineintreten und der Anbruch des strengen Wasserflusses in einem Augenblick miteinander geschahe in Ansehung und Gegenwart des ganzen Frauenzimmers. Was nun beide Theil gedacht und wie sie allerseits erschrocken, mag jeder bei sich selbst erachten. Ich kriegte Stöße, weil ich die Ohren nit besser aufgethan; der Officier aber hatte Spott darvon, daß er nicht anders mit mir geredet.«
Fußnoten:
[246] Rebmann, Weinbauer.
[247] Kärst, zweizinkige Hacke, besonders zum Gebrauch in den Weinbergen.
[248] gerben, gar, fertig machen, speciell von Hülsenfrüchten: entkörnen, also doppelsinnig.
[249] röllen, durch Rollen enthülsen.
[250] hotzeln (schaukeln, wiegen), sich schütteln.
[251] Demokritos von Abdera zwischen 470 und 360 v. Chr. Das Hauptziel der Erkenntniß ist ihm die Gemüthsruhe. Daher die Sage, die ihn den lachenden nennt (γελασῖνος).
[252] Heraklitos aus Ephesus, 500 v. Chr., wegen der ernsten Richtung seiner Philosophie dem Demokritos entgegengesetzt.
[253] L. Ann. Seneca, de tranquillitate animi, cap. 15: Democritum potius imitemur quam Heraclitum.
[254] Zoroastris, nach Plinius, hist. natur. VII, 15, fin.
[255] Nero. Grimmelshausen's Quelle? Plinius weiß nichts davon; er sagt in angeführter Stelle: risisse — unum hominem accepimus.
[256] lernen, lehren, wie gewöhnlich bei Grimmelshausen.
[257] Tiberius Nero, Suet., Tiber. cap. 62, hatte diese Marter erfunden, ut larga meri potione oneratos repente veretris deligatis fidiculorum simul et urinae tormento distenderet.
[258] vernußbicklen heißt demnach: fest unterbinden.
[259] Gemeint ist der »T. Michel« in Grimmelshausen's Schrift dieses Namens.