Das zweite Capitel.

Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.

Daselbst wurde ich viel höflicher empfangen als von obengedachter höflichen Jungfrauen; dann der Hausknecht kam gleich und fragte: »Was beliebt dem Herrn?«

Ich gedachte[233] zwar heut diesen ganzen Tag der Schreiberdienst, jetzt aber der Stubenofen, sagte aber doch zu ihm: »Ein gute halb Maß Wein«, die er mir auch gleich langte, dann es war kein Badstub, darin man die Hitz bezahlte, sonder ein Ort der Zehrung, darin man die benöthigte Wärme umsonst hatte oder wenigist in die Zech rechnete.

Ich setzte mich mit meiner halben Maß Wein sehr nahe zum Ofen, um mich rechtschaffen auszubähen, alwo sich an eben demselbigen Tische ein Mann befande, der im Pfenningwerth zehrete[234] und dreschermäßiger Weis mit beiden Backen so gewaltig zuhiebe, daß ich mich darüber verwunderte. Er hatte allbereit eine Supp im Magen und vor[235] zwei Kraut und Fleisch allerdings aufgerieben[236], da ich hinkam, und fragte noch darzu nach einem guten Stück Gebratens, welches verursachte, daß ich ihn besser betrachtete; da sahe ich, daß er nicht nur zum Fressen, sonder auch an der Gestalt viel ein anderer Mensch war, als ich mein Lebtag jemals einen gesehen; dann von Proportion des Leibs war er so groß, als wäre er in Chili[237] oder Chica[238] geboren worden. Sein Bart war ebenso lang und breit als des Wirths Schiefertafel, dahin er der Gäste aufgetragene Zehrung annotirte; die Haupthaar aber kamen mir vor wie diejenige, die ich mir etwan hiebevor eingebildet, daß Nabuchodonosor dergleichen in seiner Verstoßung getragen habe. Er hatte einen schwarzen Kittel an von wüllenem Tuch, der gieng ihm biß an die Kniekehlen, auf ein ganz fremde und beinahe auf die alte antiquitätische Manier mit grünem Wüllentuch an den Näthen unterlegt, gefüttert und ausgemacht. Neben ihm lag sein langer Pilgerstab, oben mit zweien Knöpfen und unten mit einem langen eisernen Stachel versehen, so dick und kräftig, daß man einem gar leicht in einem Streiche die letzte Oelung damit hätt reichen mögen.

Ich vergaffte mich schier zum Narren über diesem seltzamen Aufzug, und indeme ich ihn je länger je mehr betrachtete, wurde ich gewahr, daß sein ungeheurer Bart ganz widersinns, das ist wider die europäischen Bärt geart und gefärbt war; dann die Haar, so ererst bei einem halben Jahr gewachsen, sahen ganz falb, was aber älter war, brandschwarz, da doch hingegen bei andern Bärten von solcher Farb die Haar zunächst an der Haut ganz schwarz und die übrige je älter je falber oder wetterfärbiger zu erscheinen pflegen. Ich gedachte der Ursach nach und konte keine andere ersinnen, als daß die schwarze Haar in einem hitzigen Lande, die falbe aber in einem viel kältern müsten gewachsen sein, und solches war auch die Wahrheit; dann nachdem dieser auf sein Gebratens warten und also mit dem Essen ein wenig pausiren muste, ließe ers über das Trinken gehen, da er dann nit weniger thun konte, als mir eins zuzubringen, wann er anders haben wolte, daß ihm jemand den Trunk gesegnen solte, weil ohne mich noch kein anderer Gast vorhanden; und demnach mir das Maul, welches die grausame Kälte ganz starrhart zugefrört hatte, auch nunmehr wieder ein wenig begunte aufzuthauen, sihe, da kamen wir gar miteinander in ein Gespräch, warin ich ihn zum allerersten fragte, ob er nicht ererst vor ungefähr einem halben Jahr aus India kommen wäre. Doch damit er keine Ursach haben möchte, zu antworten: was gehets dich an? brachte ichs meines Bedunkens gar höflich vor, dann ich sagte: »Mein hochgeehrter Herr beliebe meiner vorwitzigen Jugend zu vergeben, wann sie sich erkühnet zu fragen, ob derselbe nicht allererst vor einem halben Jahr aus India kommen.«

Er verwunderte sich, sahe mich an und antwortet: »Wann ihr sonst keine Nachricht und Kundschaft von meiner Person habt, als daß ihr mich jetzt das erste mal sehet, so messe ich euerer Jugend keinen Vorwitz, sonder einen rechtschaffenen Verstand und ein solches Judicium zu, welche beide ein Begierde in euch erwecken, dasjenig eigentlich zu wissen, was euer Verstand von mir gefaßt und das Judicium beschlossen habe; derowegen sagt mir zuvor, woraus ihr abgenommen, daß ich vor einem halben Jahr noch in India gewesen, so will ich euch hernach zu vernehmen geben, daß ihr von mir und meiner Reise recht geurtheilt.«

Als ich ihm nun sagte, daß mir die Haar seines Barts solches zu verstehen geben, antwortet er, ich hätte recht und damit an Tag gelegt, daß noch mehr als nur dieses hinter mir stecke.

Hierauf mahnet er mich, Bescheid zu thun. Dieweil er aber seinen Wein mixtirt, scheuete ich mich zu trinken; dann er hatte aus seinem Sack ein zinnern Büchse gezogen, in deren ein Electuarium[239] war, das allerdings dem Theriak[240] gleich sahe; aus derselben nahm er eine Messerspitze voll derselbigen Materi und mischets unter ein gemeines Trinkgläslein neuen Wein (dann er trank kein alten, sonder nur neuen Zweenbatzenwein), davon er so dick und gelb wurde, daß er schier einer widerwärtigen Purgation oder doch wenigist einem alten Baumöl sich vergliche. Wann er nun trinken wolte, so gosse er jederzeit ein einzigen Tropfen hiervon in das Glas, davon der milchfarbe neue Wein sich alsobalden veränderte, alle noch in sich habende unvergohrne faeces[241] zu Boden fallen ließe und wie ein alter abgelegner Wein von Farb dem Gold gleich erschiene. Er sahe wol, daß ich keinen sonderlichen Lust zu seinem Getränk trug, sagte derowegen, ich solte kecklich trinken, es würde mir nichts schaden; und als ich mich überreden ließe, den Wein zu versuchen, befande ich ihn so lieblich kräftig und gut, daß ich ihn vor Malvasier oder spanischen Wein getrunken hätte, wann ich nicht gesehen, daß es ein neuer Elsasser gewesen. Darauf erzählte er mir, daß er diese Kunst bei den Armeniern gelernet, und erwiese im Werk, daß ein alter abgelegener, sonst an sich selbst sehr köstlicher Wein, wie ich damal vor mir stehen hatte, von diesem Elixir, wie ers nennet, bei weitem nicht so gut wurde als ein gemeiner neuer; dessen gab er Ursach, daß der neue seine Kräfte noch völliger bei einander und, wie in etlichen Jahren dem alten geschehen, noch nichts darvon verloren hätte.

Wie wir nun so von dem Wein und dieser Kunst miteinander discurirten, da trat ein alter Kronzer[242] mit einem Stelzfuß zur Stuben hinein, den die eingenommene Kälte auch gleich wie mich zum Stubenofen triebe. Er hatte sich kaum ein wenig gewärmet, als er eine kleine Discantgeige hervorzog, dieselbe stimmte, vor unsern Tisch trate und eins daher striche, worzu er mit dem Maul so artlich humset und quickelirt, daß einer, der ihn nur gehört und nicht gesehen, hätt glauben müssen, es wären dreierlei Saitenspiel untereinander gewesen. Er war ziemlich schlecht auf den Winter gekleidet und hatte auch allem Ansehen nach keinen guten Sommer gehabt, dann sein magere Gestalt bezeugte, daß er sich mit den Schmalhansen betragen[243], und seine ausgefallene Haar, daß er noch darzu eine schwere Krankheit überstehen müssen. Der Schwarzrock, so bei mir saße, sagte zu ihm: »Landsmann, wo hastu dein anderes Bein gelassen?«

»Herr«, antwortet dieser, »in Candia.«

Darauf sagte jener: »Das ist schlimm.«

»O nein, nit so gar schlimm«, antwortet der Stelzer, »dann jetzt freurt[244] mich nur an ein Fuß, und ich bedarf auch nur einen Schuch und einen Strumpf.«

»Höre«, sagte der im schwarzen Rock ferner, »bistu nit der Springinsfeld?«

»Vor Zeiten«, antwortet dieser, »war ichs, aber jetz bin ich der Stelzvorshaus, nach dem gemeinen Sprichwort: Junge Soldaten, alte Bettler! Aber wie kennet mich der Herr?«

»An deiner artlichen Music«, antwortet jener, »als welche ich bereits vor mehr als dreißig Jahren zu Soest gehöret habe. Hastu nicht damals einen Cameraden gehabt unter denen daselbst gelegenen Dragonern, der sich Simplicius genennet?«

Da nun Springinsfeld solches bejahete, sagte der Schwarzrock: »Und eben derselbe Simplicius bin ich.«

Hierüber sagte Springinsfeld vor Verwunderung: »Daß dich der Hagel erschlag!«

»Wie«, sprach Simplicius zu ihm, »schämestu dich nicht, daß du allbereit so ein alter Krüppel und dannoch noch so rohe, gottlos und ungeheißen[245] bist, deinen alten Cameraden mit einem solchen Wunsch zu bewillkommen?«

»Potz hundert tausend Sack voll Enten, du hasts gewiß besser gemacht«, sagte Springinsfeld, »oder bistu seither vielleicht zu einem Heiligen worden?«

Simplicius antwortet: »Wann ich gleich kein Heiliger bin, so hab ich mich doch gleichwol beflissen, mit Aufsammlung der Jahr die böse Sitten der unbesonnenen Jugend abzulegen, und bin der Meinung, solches würde deinem Alter auch anständiger sein als Fluchen und Gottslästern.«

»Mein Bruder«, antwortet Springinsfeld gar ehrerbietig, »vergeb mir vor dißmal und sei mit mir zufrieden. Ich begehr mit dir um nichts, es seien dann etwan ein paar Kandel Wein, zu disputiren.«

Und indem er sich unter diesen Worten ganz ungeheißen zu uns an Tisch gesetzt hatte, zog er einen alten Lumpen hervor, knüpfte denselbigen auf, ferners sagende: »Und damit du nicht etwan vermeinen möchtest, der bettelhafte Springinsfeld wolte bei dir schmarotzen, so sehe, hier hab ich auch noch ein paar Batzen, die zu deinen Diensten stehen.«

Und damit schütte er eine Hand voll Ducaten auf den Tisch, welche ich etwas mehr als 200 zu sein schätzte, und befahl dem Hausknecht, ihme auch eine Maß Wein herzubringen, welches aber Simplicius nicht zugeben wolte, sonder brachte ihm eins und sagte, was es des Geprängs mit dem Gelde viel bedörfte; er solte es nur wieder einstecken, weil er dergleichen wol mehr hätte gesehen.


Fußnoten:

[233] gedenken, denken an etwas.

[234] im Pfenningwerth zehren, einzelne Gerichte verzehren, wobei der Wirth den Preis angibt, damals gebräuchlich, etwa wie jetzt à la carte essen.

[235] vor, zuvor.

[236] aufreiben, vertilgen.

[237] Chili, vielleicht durch die Größe der Einwohner bekannt, wie das angrenzende Patagonien.

[238] Chica, vielleicht Chico, Stadt in Mexico.

[239] Electuarium, Latwerge.

[240] Theriak, Gegenmittel gegen (thierische) Gifte.

[241] faeces, Hefen.

[242] Kronzer, Grunzer, Schnorrer, Bettler.

[243] sich betragen, sich behelfen.

[244] freurt, friert (mhd. vriust).

[245] ungeheißen (unaufgefordert), dreist, frech.