Das erste Capitel.

Gründlicher und nothwendiger Vorbericht, weme zu Liebe und Gefallen und aus was dringenden Ursachen die alte Erzbetrügerin, Landstörzerin und Zigeunerin Courage ihren wundernswürdigen und recht seltzamen Lebenslauf erzählet und der ganzen Welt vor die Augen stellet.

Ja — werdet ihr sagen, ihr Herren — wer solte wol gemeint haben, daß sich die alte Schell[4] einmal unterstehen würde, dem künftigen Zorn Gottes zu entrinnen? Aber was wolt darvor sein? Sie muß wol, dann das Gumpen[5] ihrer Jugend hat sich geendigt, ihr Muthwill und Vorwitz hat sich gelegt, ihr beschwertes und geängstigtes Gewissen ist aufgewacht, und das verdrossene Alter hat sich bei ihr eingestellt, welches ihre vorige überhäufte Thorheiten länger zu treiben sich schämet und die begangene Stück länger im Herzen verschlossen zu tragen ein Ekel und Abscheu hat. Das alte Rabenaas fähet einmal an zu sehen und zu fühlen, daß der gewisse Tod nächstens bei ihr anklopfen werde, ihr den letzten Abdruck abzunöthigen, vermittelst dessen sie unumgänglich in ein andere Welt verreisen und von allem ihrem hiesigen Thun und Lassen genaue Rechenschaft geben muß. Darum beginnet sie im Angesicht der ganzen Welt ihren alten Esel von überhäufter Last seiner Beschwerden zu entladen, ob sie vielleicht sich um so viel erleichtern möchte, daß sie Hoffnung schöpfen könte, noch endlich die himmlische Barmherzigkeit zu erlangen.

Ja, ihr liebe Herren, das werdet ihr sagen. Andere aber werden gedenken: Solte sich die Courage wol einbilden dörfen, ihre alte zusammen gerumpelte Haut, die sie in der Jugend mit französischer Grindsalb, folgends mit allerhand italian- und spanischer Schminke und endlich mit egyptischer Läussalben und vielem Gänsschmalz geschmieret, beim Feuer schwarz geräuchert und so oft eine andere Farbe anzunehmen gezwungen, widerum weiß zu machen? Solte sie wol vermeinen, sie werde die eingewurzelte Runzeln ihrer lasterhaften Stirn austilgen und sie wiederum in den glatten Stand ihrer ersten Unschuld bringen, wann sie dergestalt ihre Bubenstück und begangene Laster berichtsweis daher erzählet, von ihrem Herzen zu räumen? Solte wol diese alte Vettel jetzt, da sie alle beide Füße bereits im Grab hat, wann sie anders würdig ist, eines Grabs theilhaftig zu werden, diese Alte — werdet ihr sagen —, die sich ihr Lebtag in allerhand Schand und Lastern umgewälzt und mit mehrern Missethaten als Jahren, mit mehrern Hurenstücken als Monaten, mit mehrern Diebsgriffen als Wochen, mit mehrern Todsünden als Tagen und mit mehrern gemeinen Sünden als Stunden beladen, die, deren[6], so alt sie auch ist, noch niemal keine Bekehrung in Sinn kommen, sich unterstehen, sich mit Gott zu versöhnen? Vermeinet sie wol, anjetzo noch zurecht zu kommen, da sie allbereit in ihrem Gewissen anfähet mehr höllische Pein und Marter auszustehen, als sie ihre Tage Wollüste genossen und empfunden? Ja, wann diese unnütze abgelebte Last der Erden neben solchen Wollüsten sich nicht auch in andern allerhand Erzlastern herum gewälzt, ja gar in der Bosheit allertiefsten Abgrund begeben und versenkt hätte, so möchte sie noch wol ein wenig Hoffnung zu fassen die Gnad haben können.

Ja, ihr Herren, das werdet ihr sagen, das werdet ihr gedenken, und also werdet ihr euch über mich verwundern, wann euch die Zeitung von dieser meiner Haupt- oder Generalbeicht zu Ohren kommt. Und wann ich solches erfahre, so werde ich meines Alters vergessen und mich entweder wieder jung oder gar zu Stücken lachen.

Warum das, Courage? Warum wirst du also lachen?

Darum, daß ihr vermeinet, ein altes Weib, die des Lebens so lange Zeit wol gewohnet und die ihr einbildet, die Seele seie ihr gleichsam angewachsen, gedenke an das Sterben, eine solche, wie ihr wisset daß ich bin und mein Lebtag gewesen, gedenke an die Bekehrung, und diejenige, so ihren ganzen Lebenslauf, wie mir die Pfaffen zusprechen, der Höllen zugerichtet, gedenke nun erst an den Himmel. Ich bekenne unverhohlen, daß ich mich auf solche Hinreis, wie mich die Pfaffen überreden wollen, nicht zu rüsten, noch deme, was mich ihrem Vorgeben nach verhindert, völlig zu resignirn entschließen können, als worzu ich ein Stück zu wenig, hingegen aber etlicher, vornehmlich aber zweier zu viel habe. Das, so mir manglet, ist die Reu, und was mir manglen solte, ist der Geiz und der Neid. Wann ich aber meinen Klumpen Gold, den ich mit Gefahr Leib und Lebens, ja, wie mir gesagt wird, mit Verlust der Seligkeit zusammen geraspelt, so sehr haßte, als ich meinen Nebenmenschen neide, und meinen Nebenmenschen so hoch liebte als mein Geld, so möchte vielleicht die himmlische Gabe der Reue auch folgen. Ich weiß die Art der unterschiedlichen Alter eines jeden Weibsbilds und bestätige mit meinem Exempel, daß alte Hund schwerlich bändig zu machen. Die Cholera[7] hat sich mit den Jahren bei mir vermehrt, und ich kan die Gall nicht herausnehmen, solche, wie der Metzger einen Säu-Magen, umzukehren und auszuputzen. Wie wolte ich dann dem Zorn widerstehen mögen? Wer wil mir die überhäufte Phlegmam[8] evacuirn und mich also von der Trägheit curiren? Wer benimmt mir die melancholische Feuchtigkeit und mit derselbigen die Neigung zum Neid? Wer wird mich überreden können, die Ducaten zu hassen, da ich doch aus langer Erfahrung weiß, daß sie aus Nöthen erretten und der einzige Trost meines Alters sein können? Damal, damal, ihr Herrn Geistliche, wars Zeit, mich auf denjenigen Weg zu weisen, den ich euerm Rath nach jetzt erst antreten sol, als ich noch in der Blüt meiner Jugend und in dem Stand meiner Unschuld lebte; dann ob ich gleich damals die gefährliche Zeit der kützelhaften Anfechtung angieng, so wäre mir doch leichter gewesen, dem sanguinischen Antrieb, als jetzunder der übrigen dreien ärgsten Feuchtigkeiten gewaltsamen Anlauf zugleich zu widerstehen. Darum gehet hin zu solcher Jugend, deren Herzen noch nicht, wie der Courage, mit andern Bildnissen befleckt, und lehret, ermahnet, bittet, ja beschweret[9] sie, daß sie es aus Unbesonnenheit nimmermehr so weit soll kommen lassen, als die arme Courage gethan!

Aber höre, Courage, wann du noch nicht im Sinn hast, dich zu bekehren, warum wilst du dann deinen Lebenslauf beichtsweis erzählen und aller Welt deine Laster offenbarn?

Das thue ich dem Simplicissimo zu Trutz, weil ich mich anderer Gestalt nicht an ihm rächen kan; dann nachdem dieser schlimme Vocativus mich im Saurbrunnen geschwängert (scilicet[10]) und hernach durch einen spöttlichen Possen von sich geschafft, gehet er erst hin und ruft meine und seine eigne Schand vermittelst seiner schönen Lebensbeschreibung vor aller Welt aus. Aber ich wil ihm jetzunder hingegen erzählen, mit was vor einem ehrbarn Zobelchen er zu schaffen gehabt, damit er wisse, wessen er sich gerühmt, und vielleicht wünschet, daß er von unserer Histori allerdings still geschwiegen hätte; woraus aber die ganze ehrbare Welt abzunehmen, daß gemeiniglich Gaul als Gurr[11], Hurn und Buben eins Gelichters und keins um ein Haar besser als das ander sei.

Gleich und gleich gesellt sich gern, sprach der Teufel zum Kohler; und die Sünden und Sünder werden wiederum gemeiniglich durch Sünden und Sünder abgestraft.


Fußnoten:

[4] Schelle, »schellenlaute Thörin«.

[5] Gumpen, Springen, Hüpfen.

[6] deren, der, dat. wie öfters bei Grimmelshausen.

[7] Cholera, Galle.

[8] Phlegmam, Acc. als fem. genommen.

[9] beschweret, beschwöret.