Das zweite Capitel.

Jungfrau Lebuschka (hernachmals genante Courage) kommt in den Krieg, nennet sich Janco und muß in demselben eine Zeitlang einen Kammerdiener abgeben; dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und was sich Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen.

Diejenige, so da wissen, wie die sclavonische Völker ihre leibeigne Unterthanen tractirn, dörften wol vermeinen, ich wäre von einem böhmischen Edelmann und eines Bauren Tochter erzeugt und geboren worden.

Wissen und Meinen ist aber zweierlei; ich vermeine auch viel Dings und weiß es doch nicht. Wann ich sagte, ich hätte gewust, wer meine Eltern gewesen, so würde ich lügen, und solches wäre nicht das erste mal. Dieses aber weiß ich wol, daß ich zu Bragoditz[12] zärtlich genug auferzogen, zur Schulen gehalten und mehr als ein geringe Tochter zum Nähen, Stricken, Sticken und anderer dergleichen Frauenzimmerarbeit angeführt worden bin. Das Kostgeld kam fleißig von meinem Vatter; ich wuste aber drum nicht woher, und meine Mutter schickte manchen Gruß, mit deren ich gleichwol mein Tage kein Wort geredet. Als der Baierfürst[13] mit dem Buquoy in Böhmen zog, den neuen König wiederum zu verjagen, da war ich eben ein fürwitzigs Ding von dreizehen Jahren, welches anfieng nachzutichten, wo ich doch herkommen sein möchte; und solches war mein größtes Anliegen[14], weil ich nicht fragen dorfte und von mir selbst nichts ergründen konte. Ich wurde vor der Gemeinschaft der Leut verwahrt wie ein schönes Gemäl vorm Staub. Meine Kostfrau behielte mich immer in den Augen, und weil ich mit andern Töchtern meines Alters keine Gespielschaft machen dorfte, sihe, so vermehrten sich meine Grillen und Dauben[15], die der Fürwitz in meinem Hirn ausheckte, außer welchen ich mich auch mit sonst nichts bekümmerte.

Als sich nun der Herzog aus Baiern vom Buquoy separirte, gieng der Baier vor Budweis, dieser aber vor Bragoditz. Budweis ergab sich bei Zeiten und thät sehr weislich; Bragoditz aber erwartet und erfuhr den Gewalt der kaiserlichen Waffen, welche auch mit den Halsstarrigen grausam umgiengen. Da nun meine Kostfrau schmeckte[16], wo die Sach hinaus wolte, sagte sie zeitlich zu mir: »Jungfrau Libuschka, wann ihr eine Jungfrau bleiben wolt, so müst ihr euch scheren lassen und Mannskleider anlegen; wo nicht, so wolte ich euch keine Schnalle um euer Ehre geben, die mir doch so hoch befohlen worden zu beobachten.«

Ich dachte: was vor fremde Reden sein mir das!

Sie aber kriegte eine Scher und schnitte mir mein goldfarbes Haar auf der rechten Seiten hinweg; das auf der linken aber ließe sie stehen, in aller Maß und Form, wie es die vornehmste Mannspersonen damals trugen.

»So, mein Tochter«, sagte sie, »wann ihr diesem Strudel mit Ehren entrinnet, so habt ihr noch Haar genug zur Zierd, und in einem Jahr kan euch das ander auch wieder wachsen.«

Ich ließe mich gern trösten, dann ich bin von Jugend auf genaturt gewesen, am allerliebsten zu sehen, wann es am allernärrischten hergieng. Und als sie mir auch Hosen und Wamst angezogen, lernte sie mich weitere Schritte thun, und wie ich mich in den übrigen Geberden verhalten solte. Also erwarteten wir der kaiserlichen Völker Einbruch in die Stadt, meine Kostfrau zwar mit Angst und Zittern, ich aber mit großer Begierde, zu sehen, was es doch vor eine neue, ungewöhnliche Kürbe[17] setzen würde. Solches wurde ich bald gewahr. Ich will mich aber drum nicht aufhalten mit Erzählung, wie die Männer in der eingenommenen Stadt von den Ueberwindern gemetzelt, die Weibsbilder genothzüchtiget und die Stadt selbst geplündert worden, sintemal solches in dem verwichenen langwierigen Krieg so gemein und bekant worden, daß alle Welt genug darvon zu singen und zu sagen weiß. Diß bin ich schuldig zu melden, wann ich anders mein ganze Histori erzählen wil, daß mich ein teutscher Reuter vor einen Jungen mitnahm, bei dem ich der Pferde warten und forragirn, das ist stehlen helfen solte. Ich nennete mich Janco und konte ziemlich teutsch lallen, aber ich ließe michs, aller Böhmen Brauch nach, drum nicht merken. Darneben war ich zart, schön, und adelicher Geberden, und wer mir solches jetzt nicht glauben wil, dem wolte ich wünschen, daß er mich vor 50 Jahren gesehen hätte, so würde er mir dessentwegen schon ein ander gut Zeugniß geben.

Als mich nun dieser mein erster Herr zur Compagnia brachte, fragte ihn sein Rittmeister, welches in Wahrheit ein schöner junger tapferer Cavalier war, was er mit mir machen wolte. Er antwortet: »Was andere Reuter mit ihren Jungen machen, mausen und der Pferde warten, worzu die böhmische Art, wie ich höre, die beste sein soll. Man sagt vor gewiß: wo ein Böhm Kuder[18] aus einem Haus trage, da werde gewißlich kein Teutscher Flachs in finden.«

»Wie aber«, antwortet der Rittmeister, »wann er diß böhmisch Handwerk an dir anfieng und ritte dir zum Probstück deine Pferd hinweg?«

»Ich wil«, sagt der Reuter, »schon Achtung auf ihn geben, biß ich ihn aus der Küheweid[19] bringe.«

»Die Baurenbuben«, antwortet der Rittmeister, »die bei den Pferden erzogen worden, geben viel bessere Reuterjungen als die Burgerssöhne, die in den Städten nicht lernen können, wie einem Pferde zu warten. Zu dem dunkt mich, dieser Jung sei ehrlicher Leut Kind und viel zu häckel auferzogen worden, einem Reuter seine Pferd zu versehen.«

Ich spitzte die Ohren gewaltig, ohne daß ich dergleichen gethan hätte, daß ich etwas von ihrem Discurs verstünde, weil sie teutsch redeten. Meine größte Sorg war, ich möchte wieder abgeschafft und nach dem geplünderten Bragoditz zuruckgejagt werden, weil ich die Trommeln und Pfeifen, das Geschütz und die Trompeten, von welchem Schall mir das Herz im Leib aufhupfte, noch nicht satt genug gehört hatte. Zuletzt schickte sichs, ich weiß nicht zu meinem Glück oder Unglück, daß mich der Rittmeister selbst behielte, daß ich seiner Person wie ein Page und Kammerdiener aufwarten solte; dem Reuter aber gab er einen andern böhmischen Knollfinken zum Jungen, weil er ja einen Dieb aus unserer Nation haben wolte.

Also schickte ich mich nun gar artlich in den Possen; ich wuste meinem Rittmeister so trefflich zu fuchsschwänzen, seine Kleidungen so sauber zu halten, sein weiß leinen Zeug so nett zu accomodirn und ihn in allem so wol zu pflegen, daß er mich vor den Kern eines guten Kammerdieners halten muste. Und weil ich auch einen großen Lust zum Gewehr hatte, versahe ich dasselbe dergestalten, daß sich Herr und Knechte darauf verlassen durften; und dannenhero erhielte ich bald von ihm, daß er mir einen Degen schenkte und mich mit einer Maultasche[20] wehrhaft machte. Ueber das, daß ich mich hierin so frisch hielte, muste sich auch jederman über mich verwundern und vor die Anzeigung eines unvergleichlichen Verstands halten, daß ich so bald teutsch reden lernete, weil niemand wuste, daß ichs bereits von Jugend auf lernen müssen. Darneben beflisse ich mich aufs höchste, alle meine weibliche Sitten auszumustern und hingegen mannliche anzunehmen; ich lernte mit Fleiß fluchen wie ein anderer Soldat und darneben saufen wie ein Bürstenbinder, soff Brüderschaft mit denen, die ich vermeinte, daß sie meines Gleichens wären, und wann ich etwas zu betheuern hatte, so geschahe es bei Dieb- und Schelmenschelten, damit ja niemand merken solte, warum ich in meiner Geburt zu kurz kommen oder was ich sonst nicht mitgebracht.


Fußnoten:

[10] scilicet, ironisch, öfter bei Grimmelshausen: wer es glauben will!

[11] Gurre, schlechter Gaul. Die sprichwörtliche Redensart noch gebräuchlich.

[12] Bragoditz, Pragatitz, jetzt Prachatitz in Böhmen, Prachiner Kreis.

[13] Vgl. die Einleitung.

[14] Anliegen, Sorge, Kummer.

[15] Dauben, Einbildungen.

[16] schmecken, riechen, merken.

[17] Kürbe, Kirbe, Kirchweih, Festlichkeit, wobei es wild hergeht; auch im »Simplicissimus« öfters gebraucht.

[18] Kuder, Werch, Heede.

[19] aus der Küheweid, aus seiner Heimat, in eine andere Gegend.

[20] Maultasche, Maulschelle, statt des Ritterschlags.