Das fünfzehnte Capitel.

Mit was vor Conditionen sie den Ehestand lediger Weis zu treiben einander versprochen.

Wann eine ehrliche Ader in meinem Leibe gewesen wäre, so hätte ich damals meine Sach anders anstellen und auf einen ehrlichern Weg richten können, dann meine angenommene Mutter mit noch zweien von meinen Pferden und etwas an baarem Geld erkundigt mich und gab mir den Rath, ich solte mich aus dem Krieg zu meinem Geld auf Prag oder auf meines Hauptmanns Güter thun und mich im Frieden haushäblich[106] und geruhlich ernähren. Aber ich ließe meiner unbesonnenen Jugend weder Weisheit noch Vernunft einreden, sondern je toller das Bier gebrauet wurde, je besser es mir schmeckte. Ich und gedachte meine Mutter hielten sich bei einem Marquetenter unter demjenigen Regiment, darunter mein Mann, der zu Hoya umkommen, Hauptmann gewesen, alwo man mich seinetwegen ziemlich respectirte; und ich glaub auch, daß ich wieder einen wackern Officier zum Mann bekommen hätte, wann wir geruhig gewest und irgends in einem Quartier gelegen wären. Aber dieweil unsere Kriegsmacht von 20000 Mannen, in drei Heeren bestehend, schnell auf Italia marschierte und durch Graubünden, das viel Verhinderungen gemacht, brechen muste, sihe, da gedachten wenig Witzige[107] an das Freien, und dannenhero verbliebe ich auch desto länger eine Wittib. Ueberdas hatten auch etliche nicht das Herz, andere aber sonst ihr Bedenken, mich um die Verehlichung anzureden und sonst mir extra oder neben her etwas zuzumuthen. Darzu hielten sie mich vor viel zu ehrlich, weil ich mich bei meinem vorigen Mann gehalten, daß mich männiglich vor ehrlicher hielte, als ich gewesen. Gleichwie mir aber mit einer langwierigen Fasten wenig gedienet, also hatte sich hingegen derjenige Musquetier, so mir in der Occasion, die ich mit obengedachten beiden Reutern gehabt, zu Hülfe kommen, dergestalt an mir vergafft und vernarret, daß er Tag und Nacht keine Ruhe hatte, sondern mir manchen Trab schenkte[108], wann er nur Zeit haben und abkommen konte. Ich sahe wol, was mit ihm umgieng und wo ihn der Schuch druckte; weil er aber die Courage nicht hatte, sein Anliegen der Courage zu entdecken, war bei mir die Verachtung so groß als das Mitleiden. Doch änderte ich nach und nach meinen stolzen Sinn, der anfangs nur gedachte, eine Officiererin zu sein; dann als ich des Marquetenters Gewerb und Hantierung betrachtete und täglich vor Augen sahe, was ihm immerzu vor Gewinn zugieng, und daß hingegen mancher braver Officier mit dem Schmalhansen Tafel halten muste, fieng ich an darauf zu gedenken, wie ich auch eine solche Marquetenterei aufrichten und ins Werk stellen möchte. Ich machte den Ueberschlag mit meinem bei mir habenden Vermögen und fande solches, weil ich noch ein ziemliche Quantität Goldstücker in meiner Brust vernähet wuste, gar wol bastant[109] zu sein. Nur die Ehr oder Schand lag mir noch im Weg, daß ich nämlich aus einer Hauptmännin eine Marquetenterin werden solte. Als ich mich aber erinnerte, daß ich damals keine mehr war, auch wol vielleicht keine mehr werden würde, sihe, da war der Würfel schon geworfen, und ich fieng bereits an, in meinem Sinn Wein und Bier um doppelt Geld auszuzapfen und ärger zu schinden und zu schachern, als ein Jud von 50 oder 60 Jahren thun mag.

Eben um diese Zeit, als wir nämlich mit unserem dreifachen kaiserlichen Heer über die Alpes oder das hohe Gebürg in Italiam gelangt, war es mit meines Galanen Liebe aufs höchste kommen, ohne daß er noch das geringste Wort darvon mit mir gesprochen. Er kam einsmals unter dem Vorwand, ein Maß Wein zu trinken, zu meines Marquetenters Zelt und sahe so bleich und trostlos aus, als wann er kürzlich ein Kind bekommen und keinen Vatter, Mehl noch Milch darzu gehabt oder gewüst hätte. Seine traurige Blick und seine sehnliche Seufzer waren seine beste Sprach, die er mit mir redet, und da ich ihn um sein Anliegen fragte, erkühnete er gleichwol also zu antworten: »Ach, meine allerliebste Frau Hauptmännin (dann Courage dorfte er mich nicht nennen), wann ich ihr mein Anliegen erzählen solte, so würde ich sie entweder erzörnen, daß sie mir ihre holdselige Gegenwart gleich wieder entzuckt[110] und mich in Ewigkeit ihres Anschauens nicht mehr würdigt; oder ich würde einen Verweis meines Frevels von ihr empfangen, deren eins von diesen beiden genugsam wäre, mich dem Tod vollends aufzuopfern.«

Und darauf schwiege er wieder stockstill. Ich antwortet: »Wann euch deren eins kan umbringen, so kan euch auch ein jedes davon erquicken. Und weil ich euch dessentwegen verbunden bin, daß ihr mich, als wir in den Vierlanden zwischen Hamburg und Lübeck lagen, von meinen Ehrenschändern errettet, so gönne ich euch herzlich gern, daß ihr euch gesund und satt an mir sehen möget.« »Ach, mein hochgeehrte Frau«, antwortet er, »es befindet sich hierin ganz das Widerspiel; dann da ich sie damals das erste mal ansahe, fieng auch meine Krankheit an, welche mir aber den Tod bringen wird, wann ich sie nicht mehr sehen solte, ein wunderbarlicher und seltzamer Zustand, der mir zum Recompens widerfahren, dieweil ich mein hochzuehrende Frau aus ihrer Gefährlichkeit errettete.«

Ich sagte, so müste ich einer großen Untreu zu beschuldigen sein, wann ich dergestalt Gutes mit Bösem vergolten hätte.

»Das sag ich nicht«, antwortet mein Musquetierer. Ich replicirte: »Was habt ihr dann zu klagen?« »Ueber mich, über meine Unglückseligkeit«, antwortet er, »und über meine Verhängnus oder vielleicht über meinen Vorwitz, über meine Einbildung oder ich weiß selbst nicht über was. Ich kan nicht sagen, daß die Frau Hauptmännin undankbar sei, dann um der geringen Mühe willen, die ich anlegte, als ich den noch lebenden Reuter verjagte, der ihrer Ehr zusetzte, bezahlte mich dessen Verlassenschaft genugsam, welchen mein hochzuehrende Frau zuvor des Lebens hochrühmlich beraubte, damit er sie ihrer Ehr nicht schändlich berauben solte. Meine Frau Gebieterin«, sagte er ferner, »ich bin in einem solchen verwirrten Stand, der mich so verwirret, daß ich auch weder meine Verwirrung, noch mein Anliegen, noch mein oder ihre Beschuldigung, weniger meine Unschuld oder so etwas erläutern[111] möchte, dardurch mir geholfen werden könte. Sehet, allerschönste Dam, ich sterbe, weil mir das Glück und mein geringer Stand nicht gönnet, ihrer Hoheit zu erweisen, wie glückselig ich mich erkennete, ihr geringster Diener zu sein.«

Ich stunde da wie eine Närrin, weil ich von einem geringen und noch sehr jungen Musquetierer solche, wiewol untereinander und, wie er selbst sagte, aus einem verwirrten Gemüth laufende Reden hörete. Doch kamen sie mir vor, als wann sie mir nichts desto weniger einen muntern Geist und sinnreichen Verstand anzeigten, der einer Gegenlieb würdig und mir nicht übel anständig sei, mich dessen zu meiner Marquetenterei, mit welcher ich damals groß schwanger gieng, rechtschaffen zu bedienen. Derowegen machte ichs mit dem Tropfen gar kurz und sagte zu ihm: »Mein Freund, ihr nennet mich fürs erst euer Gebieterin, fürs zweit euch selbst meinen Diener, wann ihrs nur sein köntet; fürs dritt klagt ihr, daß ihr ohne meine Gegenwart sterben müst. Daraus nun erkenne ich eine große Liebe, die ihr vielleicht zu mir traget. Jetzt sagt mir nur, wormit ich solche Liebe erwidern möge; dann ich will gegen einen solchen, der mich von meinen Ehrenschändern errettet, nicht undankbar erfunden werden.«

»Mit Gegenlieb«, sagte mein Galan; »und wann ich dann würdig wäre, so wolte ich mich vor den allerglückseligsten Menschen in der ganzen Welt schätzen.«

Ich antwortet: »Ihr habt allererst selbst bekennet, daß euer Stand zu gering sei, bei mir zu sein, den ihr zu sein wünschet, und was ihr gegen mir mit weitläufigen Worten weiters zu verstehen gegeben habt. Was Raths aber, damit euch geholfen und ich von aller Bezüchtigung der Undankbarkeit und Untreu, ihr aber euers Leidens entübrigt werden möchtet?«

Er antwortet, seines Theils sei mir alles heimgestellt, sintemal er mich mehr vor eine Göttin als vor eine irdische Creatur halte, von deren er auch jederzeit entweder den Sentenz des Todes oder des Lebens, die Servitut oder Freiheit, ja alles gern annehmen wolte, was mir nur zu befehlen beliebte. Und solches bezeugte er mit solchen Geberden, daß ich wol erachten konte, ich hätte einen Narren am Strick, der eher in seiner Dienstbarkeit mir zu Gefallen erworgen[112], als in seiner Libertät ohne mich leben würde.

Ich verfolgte das, was ich angefangen, und unterstunde zu fischen, dieweil das Wasser trüb war; und warum wolte ichs nicht gethan haben, da doch der Teufel selbst diejenige, die er in solchem Stand findet, wie sich mein Leffler befande, vollends in seine Netze zu bringen unterstehet? Ich sage diß nicht, daß ein ehrlicher Christenmensch, den Werken dieses seines abgefeimten bösen Feindes zu folgen an mir ein Exempel nehmen soll, weil ich ihm damals nachahmte, sondern daß Simplicius, dem ich diesen meinen Lebenslauf allein zueigne, sehe, was er vor eine Dame an mir geliebt. Und höre nur zu, Simplex, so wirst du erfahren, daß ich dir dasjenige Stücklein, so du mir im Sauerbrunnen erwiesen, dergestalt wieder eingetränkt, daß du vor ein Pfund, so du ausgeben, wieder ein Centner eingenommen. Aber diesen meinen Galanen brachte ich so weit, daß er mir folgende Puncten eingieng und zu halten versprach.

Erstlich solte er sich von seinem Regiment loswürken, weil er anderer Gestalt mein Diener nicht sein könte, ich aber keine Musquetiererin sein möchte.

Alsdann solte er zweitens bei mir wohnen und mir, wie ein anderer Ehemann alle Lieb und Treu seiner Ehefrauen zu erweisen pflege, eben desgleichen zu thun schuldig sein, und ich ihme hinwiederum.

Jedoch solte solche Verehlichung drittens vor der christlichen Kirchen nicht ehe bestätigt werden, ich befände mich dann zuvor von ihm befruchtet.

Biß dahin solte ich viertens die Meisterschaft nicht allein über die Nahrung, sondern auch über meinen Leib, ja auch über meinen Serviteur selbsten haben und behalten, in aller Maß und Form, wie sonst ein Mann das Gebiet[113] über sein Weib habe.

Kraft dessen solte er fünftens nicht Macht haben, mich zu verhindern noch abzuwehren, viel weniger sauer zu sehen, wann ich mit andern Mannsbildern conversire oder etwas dergleichen unterstünde, das sonst Ehemänner zum Eifern[114] verursachte.

Und weil ich sechstens gesinnet sei, eine Marquetenterin abzugeben, solte er zwar in solchem Geschäfte das Haupt sein und der Handelschaft wie ein getreuer und fleißiger Hauswirth so Tags, so Nachts emsig vorstehen, mir aber das Obercommando, sonderlich über das Geld und ihn selbsten lassen und gehorsamlich gedulden, ja ändern und verbessern, wann ich ihme wegen einiger seiner Saumsal corrigirn würde; in Summa er solte von männiglich vor den Herrn zwar gehalten und angesehen werden, auch solchen Namen und Ehre haben, aber gegen mir obenangeregte Schuldigkeit in allweg in Acht nehmen. Und solches alles verschrieben wir einander.

Damit er auch solcher Schuldigkeit sich allezeit erinnern möge, solte er zum siebenden gedulden, daß ich ihn mit einem sonderbaren Namen nennete, welcher Nam aus den ersten Wörtern des Befehls genommen werden solte, wormit ich ihn das erste mal etwas zu thun heißen würde.

Als er mir nun alle diese Puncten eingangen und zu halten geschworen, bestätigte ich solches mit einem Kuß, ließe ihn aber vor dißmal nicht weiter kommen. Darauf brachte er bald sein Abscheid; ich hingegen griffe mich an und brachte unter einem andern Regiment zu Fuß zuwegen alles, was ein Marquetenter haben solte, und fieng an mit dem Judenspieß zu laufen[115], als wann ich das Handwerk mein Lebtag getrieben hätte.


Fußnoten:

[106] haushäblich, angesessen mit einer eigenen Haushaltung.

[107] witzig, verständig.

[108] manchen Gang um mich that.

[109] bastant, genügend.

[110] entzucken, entrücken.

[111] erläutern, erklären, ausführlich darstellen.

[112] erworgen, intr. ersticken, umkommen.

[113] Gebiet, Herrschaft.

[114] zum Eifern, zur Eifersucht.

[115] mit dem Judenspieß laufen, wuchern und schachern. Vgl. Simplicissimus, II, Cap. 25 (Th. I, S. 69).