Das sechzehnte Capitel.

Wie Springinsfeld und Courage miteinander hauseten.

Mein junger Mann ließe sich trefflich wol an in allem demjenigen, worzu ich ihn angenommen und zu brauchen hatte. So hielte er auch oben vermeldte Articul so nett und erzeigte sich so gehorsam, daß ich die geringste Ursach nicht hatte, mich über ihn zu beschweren. Ja, wann er mir ansehen konte, was mein Will war, so war er schon bereit, solchen zu vollbringen; dann er war in meiner Liebe so gar ersoffen, daß er mit hörenden Ohren nit hörete noch mit sehenden Augen nit sahe, was er an mir und ich an ihm hatte, sondern er vermeinete vielmehr, er hätte die allerfrömste, getreueste, verständigste und keuscheste Liebste auf Erden, worzu mir und ihm dann meine angenommene Mutter, die er meinetwegen auch in großen Ehren hielte, trefflich zu helfen wuste. Diese war viel listiger als eine Füchsin, viel geiziger[116] als eine Wölfin, und ich kan nicht sagen, ob sie in der Kunst Geld zu gewinnen oder zu kupplen am vortrefflichsten gewesen sei. Wann ich ein los Stücklein in dergleichen Sachen im Sinn hatte, und ich mich um etwas scheuete (dann ich wolte vor gar fromm und schamhaftig angesehen sein), so dorfte ichs ihr nur anvertrauen, und war damit soviel als versichert, daß mein Verlangen ins Werk gestellt würde; dann ihr Gewissen war weiter als des Rhodiser Colossi Schenkel auseinander gespannet, zwischen welchen die gröste Schiff ohne Segelstreichung durchpassiren können. Einmal hatte ich große Begierden, eines Jungen von Adel theilhaftig zu sein, der selbiger Zeit noch Fähndrich war und mir seine Liebe vorlängstens zu verstehen gegeben. Wir hatten eben damals, als mich diese Lust ankam, das Läger bei einem Flecken geschlagen, wessentwegen so wol mein Gesind als ander Volk um Holz und Wasser aus war; mein Marquetenter aber gieng beim Wagen herum nisteln[117], als er mir eben mein Zelt aufgeschlagen und die Pferd zunächst bei uns zu andern auf die Weid laufen lassen. Weil ich nun mein Anliegen meiner Mutter eröffnet, schaffte sie mir denselben Fähndrich, wiewol zur Unzeit, an die Hand, und als er kam, war das erste Wort, das ich ihn in Gegenwart meines Mannes fragte, ob er Geld hätte, und da er mit ja antwortet, dann er vermeinte, ich fragte allbereit um s. v.[118] den Hurenlohn, sagte ich zu meinem Marquetenter: »Spring ins Feld und fange unsern Schecken! Der Herr Fähndrich wolte ihn gern bereuten und uns denselben abhandlen und gleich baar bezahlen.«

Indessen nun mein guter Marquetenter gehorsamlich hingieng, meinen ersten Befelch zu vollbringen, hielte die Alte Schildwacht, dieweil wir den Kauf miteinander machten und auch einander ritterlich bezahlten. Demnach sich aber das Pferd nicht von meinem Marquetenter so leichtlich wie seine Marquetenterin vom Fähndrich fangen lassen wolte, kam er ganz ermüdet wiederum zum Zelt, eben so ungeduldig, als sich der Fähndrich wegen seines langen Wartens stellet. Dieser Geschichten halber hat besagter Fähndrich nachgehends ein Lied gemacht, »der Scheck«[119] genant, anfahend: »Ach was für unaussprechliche Pein &c.«, mit welchem sich in folgender Zeit ganz Teutschland etliche Jahr geschleppt, da doch niemand wuste, woher es seinen Ursprung hatte. Mein Marquetenter aber bekam hierdurch kraft unserer Heuratsnotul[120] den Namen Springinsfeld, und diß ist eben der Springinsfeld, den du, Simplicissime, in deiner Lebensbeschreibung oftermal vor einen guten Kerl rühmest. Du must auch wissen, daß er alle diejenige Stücklein, die er und du beides in Westphalen und zu Philippsburg verübet, und sonst noch viel mehr darzu, von sonst niemand als von mir und meiner Mutter gelernet; dann als ich mich mit ihm paaret, war er einfältiger als ein Schaf, und kam wieder abgefeimter von uns, als ein Luchs und Kernessig[121] sein mag.

Aber die Wahrheit zu bekennen, so sind ihm solche seine Wissenschaften nicht umsonst ankommen, sondern er hat mir das Lehrgeld zuvor genug bezahlen müssen. Einsmals da er noch in seiner ersten Einfalt war, discurirten er, ich und meine Mutter von Betrug und Bosheit der Weiber, und er entblödete sich[122] zu rühmen, daß ihn kein Weibsbild betrügen solte, sie wäre auch so schlau als sie immer wolte. Gleichwie er nun seine Einfalt hiermit genugsam an den Tag legte, also bedauchte mich hingegen, solches wäre meiner und aller verständigen Weiber Dexterität viel zu nahe und nachtheilig geredet, sagte ihm derowegen unverhohlen, ich wolte ihn neunmal vor der Morgensuppe betrügen können, wann ichs nur thun wolte. Er hingegen vermaß sich zu sagen, wann ich solches könte, so wolte er sein Lebtag mein leibeigner Sclave sein, und trutzte[123] mich noch darzu, wann ich solches zu thun mich nicht unterstünde, doch mit dem Geding, wann ich in solcher Zeit gar keinen Betrug von den neunen bei ihm anbrächte, daß ich mich alsdann zur Kirchen führen und mit ihm ehrlich copuliren lassen solte. Nachdem wir nun solcher Gestalt der Wettung eins worden, kam ich des Morgens frühe mit der Suppenschüssel, darin das Brod lag, und hatte in der andern Hand das Messer samt einem Wetzstein, mit Begehren, er solte mir das Messer ein wenig schärfen, damit ich die Suppe einschneiden könte. Er nahm Messer und Stein von mir; weil er aber kein Wasser hatte, leckte er den Wetzstein mit der Zunge, um selbigen zu befeuchtigen. Da sagte ich: »Nun, das walt Gott! das ist schon zwei mal.«

Er befremdet sich und fragte, was ich mit dieser Rede vermeine. Hingegen fragte ich ihn, ob er sich dann unserer gestrigen Wettung nicht mehr zu erinnern wisse. Er antwortet: »ja«, und fragte, ob und womit ich ihn dann schon betrogen. Ich antwortet: »Erstlich machte ich das Messer stumpf, damit du es wieder schärfer wetzen müstest; zweitens zog ich den Wetzstein durch ein Ort, das du dir leicht einbilden kanst, und gab dir solchen mit der Zung zu schlecken.«

»Oho!« sagte er, »ists um diese Zeit[124], so schweig nur still und höre auf! Ich gib dir gern gewonnen und begehre die restirende Mal nit zu erfahren.«

Also hatte ich nun an meinem Springinsfeld einen Leibeignen. Bei Nacht, wann ich sonst nichts Bessers hatte, war er mein Mann, bei Tag mein Knecht, und wann es die Leute sahen, mein Herr und Meister überall. Er konte sich auch so artlich in den Handel und in meinen Humor schicken, daß ich mir die Tage meines Lebens keinen besseren Mann hätte wünschen mögen, und ich hätte ihn auch mehr als gern geehlicht, wann ich nicht besorget, er würde dadurch den Zaum des Gehorsams verlieren und in Behauptung der billichen Oberherrlichkeit, die ihm alsdann gebühren würde, mir hundertfältig wiederum eintränken, was ich ihm etwan ohnverehlicht zuwider gethan und er ohne Zweifel mit großem Verdruß zuzeiten verschmerzen müssen. Indessen lebten wir bei und mit einander so einig, aber nicht so heilig als wie die liebe Engel. Mein Mutter versahe die Stelle einer Marquetenterin an meiner Statt, ich den Stand einer schönen Köchin oder Kellerin, die ein Wirth darum auf der Streu hält, damit er viel Gäst bekommen möge; mein Springinsfeld aber war Herr und Knecht und was ich sonst haben wolte, das er sein solte. Er muste mir glatt parirn und meiner Mutter Gutachten folgen; sonst war ihm alles mein Gesind gehorsam, als ihrem Herrn, dessen ich mehr hielte als mancher Hauptmann; dann wir hatten liederliche Commißmetzger bei dem Regiment, welche lieber Geld zu versaufen als zu gewinnen gewohnt waren; darum drang ich mich durch Schmiralia[125] in ihre Profession und hielte zween Metzgerknecht vor einen, also daß ich das Prä allein behielte und jene nach und nach caput spielte, weil ich einem jeden Gast, er wäre auch herkommen, woher er immer wolte, mit einem Stück von allerhand Gattung Fleisch zu Hülf kommen konte, ob er es gleich rohe, gesotten, gebraten oder lebendig haben wollen. Gieng es dann an ein Stehlen, Rauben und Plündern, wie es dann in dem vollen und reichen Italia treffliche Beuten setzt, so musten nit nur Springinsfeld samt meinem Gesind ihre Hälse daran wagen, etwas einzuholen, sondern die Courage selbst fieng ihre vorige Gattung zu leben, die sie in Teutschland getrieben, wiederum an, und indem ich dergestalt gegen dem Feind mit Soldatengewehr, gegen den Freunden aber im Lager und in den Quartiern mit dem Judenspieß fochte, auch wo man mir in aller Freundlichkeit offensive begegnen wolte, den Schild vorzusetzen wuste, wuchse mein Beutel so groß darvon, daß ich beinahe alle Monat einen Wechsel von 1000 Kronen nach Prag zu übermachen hatte, und litte samt den Meinigen doch niemals keinen Mangel; dann ich beflisse mich dahin, daß mein Mutter, mein Springinsfeld, mein übrig Gesind und vornehmlich meine Pferde zu jederzeit ihr Essen, Trinken, Kleid und Fütterung hatten, und hätte ich gleich selbst Hunger leiden, nackend gehen und Tag und Nacht unter dem freien Himmel mich behelfen sollen. Hingegen aber musten sie sich auch befleißen, einzutragen und in solcher Arbeit weder Tag noch Nacht zu feiern, und solten sie Hals und Kopf darüber verloren haben.


Fußnoten:

[116] geizig, gierig.

[117] nisteln, nesteln, festbinden, schnüren, sonst auch im Allgemeinen: sich zu schaffen machen.

[118] s. v. salva venia.

[119] Grimmelshausen meint sicher ein damals verbreitetes Schelmenlied, das noch nicht wieder aufgefunden worden ist.

[120] Heuratsnotul, Ehecontract.

[121] Kernessig, ausgestochener Essig, ein ausgemachter Schelm. Vgl. Simplicissimus, I, Cap. 18 (Th. I, S. 77).

[122] sich entblöden, (die Blödigkeit ablegen) sich erdreisten.

[123] trutzen, trans. Trotz bieten.

[124] Ists um diese Zeit, verhält es sich so.

[125] Schmiralia, von schmieren, Bestechungen.