Das neunte Capitel.
Tisch- und Nachtgespräch, und warum Springinsfeld kein Weib haben wolte.
Indessen dieser Discurs und Handlung zwischen Simplicio und Springinsfelden vergieng, näherte sich die Zeit des Nachtessens. Ich wolte mir besonder anrichten lassen, aber Simplicius sagte, ich müste so wol als Springinsfeld sein Gast sein, jener zwar als ein alter Camerad und jetziger neuangestandener[332] Lehrjung, ich aber um dessentwillen, daß ich ihm heut so ein annehmliche Botschaft gebracht, daß nämlich sein Sohn Simplicius von der leichtfertigen Courage nicht geboren worden seie; zu dem seie auch billich, daß er mich beides um den Schreiberlohn und was ich sonst seinetwegen bei den Zigeunern ausgestanden, befriedige. Da wir nun so mit einander redeten, kam auch der junge Simplicius mit noch einem von seinen Collegen, als welcher damals in dieser Stadt studierte und seines Vattern Ankunft vernommen hatte. Er war auch ein riesemäßiger langer Kerl, allerdings wie sein Vatter, und sahe ihm von Angesicht so ähnlich, daß ein jeder, der es auch nicht gewust hätte, unschwer abnehmen können, daß er sein natürlicher Sohn gewesen, ohnangesehen die elende Courage sich einbildet, sie hätte ihn mit einem fremden Kind so meisterlich betrogen.
Also setzten sich zu Tisch der Knan und die Meuder, der alt und junge Simplicius samt seinem Cameraden, dem Studenten, den er mitgebracht, ich, Springinsfeld und Simplicii Baurenknecht. Der Imbs war kurz und gut, weil beide Alte zu Bett eileten, dann sie sagten, ob sie gleich nicht schlafen könten, so thät ihnen doch die Ruhe wol, und dannenhero setzte es auch desto weniger Discursen. Eins gieng vor, woraus ich abnahm, daß Springinsfelds Gedächtnus und Verstand, etwas geschwind zu fassen, nit so gar hölzern war; dann als ermeldter Student verlangte, Simplicii Buch zu sehen, das er ihme von etlichen, die auf dem Mark damit agiren sehen, gar verwunderlich hatte beschreiben lassen, ließe er durch den jungen den alten Simplicium bitten, ob er nicht die Ehr haben könte, solches zu sehen; aber er antwortet, er hätte solches nicht mehr in seiner Possession, doch sagte er zum Springinsfeld, er solte beiden Studenten weisen, was er heut gelernt hätte. Der zog alsbald das Buch herfür und blättert den Studenten die weiße Blätter vor den Augen herum, sagende: »Also glatt und unbeschrieben wie diß weiße Papier seind euere Seelen erschaffen und in diese Welt kommen, und derowegen haben euch euere Eltern hieher gethan (mit solchen Worten wiese er ihnen die Schriften vor), die Schrift zu lernen und zu studieren; aber ihr Kerl pflegt, anstatt löbliche Wissenschaften zu ergreifen, das Geld vergeblich (hie wiese er ihnen die Geldsorten) durchzujagen und zu verschwenden, dasselbe zu versaufen (hie zeigte er die Trinkgeschirr), zu verspielen (und hie die Würfel und Karten), zu verhuren (hie die Dames und Cavaliers) und zu verschlagen (hie das Gewehr). Ich sage euch aber, daß alle diejenige, die solches thun, seien lauter solche Kerl, wie ihr hier vor Augen sehet.«
Und damit zeigte er ihnen die Narren-, Hasen- und Eselsköpfe; und damit wischte er wieder mit dem Buch in Schubsack. Dem alten Simplicius gefiel dieses Stuck so wol, daß er zum Springinsfeld sagte, wann er gewust hätte, daß er die Kunst so bald und so wol begreifen würde, so wolte er ihm nicht halber so viel Lehrgeld abgefordert haben.
Wir machtens mit dem Nachtessen, wie oben gemeldet, nicht lang; bei welchem ich in acht nahm, wie freundlich Simplicius seine beide Alte und diese hinwiederum ihn und seinen Sohn ehreten und tractirten. Da sahe und verspürte man nichts als Lieb und Treu, und ob zwar ein Theil das ander aufs höchste respecirte, so merkte man doch bei keinem einige Forcht, sonder bei jedem blickte ein aufrichtige Verträulichkeit herfür. Der junge Simplicius wuste sich gegen allen am artlichsten zu schicken, und der Baurenknecht, welches sonst plumpe Grobiani zu sein pflegen, erzeigte mehr Zucht und Ehrbarkeit, als mancher eines andern Herkommens, der einen eignen Präceptorem gehabt, mores zu lernen, so daß ich mich verwunderte, wie der ehmal ganz rohe und gottlos gewesene Simplicissimus seine Haushaltung auf einen solchen reputirlichen Fuß setzen und seine so einfältige als grobe Hausgenossen zu solchen löblichen Sitten gewöhnen können. Der Springinsfeld war ganz still, nicht weiß ich, verwundert er sich auch, wie ich, oder spintisiert er über die Geheimnussen, so in der Simplicianischen Gaukeltaschen staken, welche ihm meines Davorhaltens allerhand Nachsinnungen verursachten. Im übrigen ists gewiß, daß selten ein Tisch mit so unterschiedlich bekleidten Leuten besetzt wird, miteinander zu speisen, als wie damals der unserige war. Der Knan sah aus wie ein alter ehrbarer Baurenschultheiß, die Meuder wie seine Frau Schultheißin, der Baurenknecht wie ihr Sohn, der alt Simplicius wie ich ihn bereits oben im zweiten Capitel beschrieben, der jung und dessen Camerad wie zwei Stutzer, Springinsfeld wie ein Bettler, und ich wie ein armer Blackscheißer oder Präceptor in seinem abgeschabenen schwarzen Kleidel zu sehen pflegt.
Wir wurden zusammen in eine Kammer logirt, weil es Simplicius also haben wolte und Springinsfeld den Wirth versicherte, daß er keine Läuse hätte. Diese beide lagen jeder allein, gleichwie hingegen der Knan und die Meuder, die beide Studiosi, und ich und der Baurenknecht beisammen schliefen. Dieser hielte mich so hart, daß ich ohnangesehen der großen Kälte dieselbige Nacht meine Nase wenig unter der Decken behalten konte, der alte Simplicius aber erwiese mit Schnarchen, daß er so wol stark schlafen als viel Essen und Trinken verdauen könte. Gleich wie wir nun gar zeitlich zu Bett gangen, also verbliebe uns an der winterlangen Nacht viel übrig, daß wir nicht durchzuschlafen vermöchten. Der Knan und die Meuder erwachten zum ersten, und indem jener kröchzet, diese aber mit ihm pappelt, wurden wir übrige allsammen munter. Da nun Simplicius merkte, daß Springinsfeld wachte, fieng er an mit ihm zu reden, weil er sich der Zeit ihrer alten Cameradschaft, und was sich da und dort zwischen ihnen beiden zugetragen, erinnerte. Dannenhero gab es Ursach zu fragen, wie es ihm seithero ergangen, wo er bißher in der Welt herum gestürzt[333], wo sein Vatterland wäre, ob er daselbsten keine Verwandte oder nicht auch Weib und Kind und etwan irgends eine häusliche Wohnung hätte, warum er so armselig und zerrissen daher ziehe, da er doch ein Stückel Geld beisammen hätte &c.
»Ach, Bruder«, antwortet Springinsfeld, »wann ich dir alles erzählen müste, so würde uns der siebenstündige Rest dieser langen Nacht viel zu kurz werden. In meinem Vatterland bin ich zwar kürzlich gewesen; gleich wie ich aber niemal nichts Eigens darin besessen, also gönnete es mir auch vor dißmal kein bleibende Statt, sonder ließe mir die Beschaffenheit meines Zustands rathen, ich solte noch ferner wie der flüchtige Mercurius herum wanderen; wie ich dann auch daselbst keinen Verwandten von siebenzehen Graden, geschweige einige Brüder oder sonst nahe Freund angetroffen. Ja es wolte beinahe niemand meinen Stiefvatter kennen, in dessen Heimat ich gleichwol ihm und seinen Freunden gar genau nachgefragt; wie wolte ich dann etwas von meines rechten Vatters und meiner Mutter Freundschaft[334] haben erfahren können, von welchen ich nicht eigentlich weiß, wo sie gebürtig gewesen? Weilen dann nun hieraus leicht abzunehmen, daß ich kein eigen Haus vermag, also ist auch leicht zu gedenken, daß ich keine Hausfrau noch Kinder hab; und lieber[335], warum solte ich mich mit einer solchen Beschwerung beladen? Daß ich aber meine Batzen zusammen halte, daran thu ich nit unrecht, seitemal ich beides weiß, wie schwerlich sie zu bekommen und wie tröstlich sie einem im verlassenen und mühseligen Alter seien. Und daß ich schließlich so schlecht bekleidet aufziehe, solches geschicht auch nicht ohne sonderbare Ursach, seitemal mein Stamm[336] und Interesse dergleichen Kleidungen und noch wol schlimmere erfordert.«
»Ich hätte gleichwol vermeint«, antwortet Simplicius, »wann ich in deiner Haut steckte, es wäre mir rathsamer, wann ich ein Weib hätte, die mir in meinem gebrechlichen Alter vermittelst ehrlicher Lieb und Treu mit Hilf und Rath zu Trost und Statten käme, als dergestalt im Elend herum zu kriechen und mich von aller Welt verlassen zu sehen. Wie vermeinestu wol, daß dirs gehen wird, wann du irgends bettlägerig würdest?«
»O Bruder«, sagte Springinsfeld, »dieser Schuch ist an meinen Fuß nicht gerecht; dann hätte ich eine Alte, so müste ich vielleicht mehr an ihr als sie an mir apothekern; wäre sie jung, so wäre ich nur der Deckmantel; wäre sie mittelmäßig, so wäre sie vielleicht bös und zanksüchtig; wär sie reich, so wär ich veracht; wäre sie arm, so könt ich ja wol denken, daß sie nur meine paar Batzen genommen, geschweige daß ein jeder sich einbilden kan, etwas Rechts werde keinen Stelzfuß nehmen.«
»Ach«, antwortet Simplicius, »wann du jede Hecken fürchten wilst, so wirstu dein Lebtag in keinen Wald kommen.«
»Ja, Bruder«, sagte Springinsfeld, »wann du wüstest, wie übel mirs mit einem Weib gangen, so würdest du dich gar nit verwundern, wann verbrennte Kinder das Feur förchten.«
Simplicius fragte: »Vielleicht mit der leichtfertigen Courage?«
»Wol nein«, antwortet Springinsfeld; »bei derselbigen hatte ich ein güldene Herrnsach, ohnangesehen sie mir gleichsam offentlich aus dem Geschirr schlug[337]; aber was geheite es mich? Sie war doch nicht meine Ehefrau.«
»Ei pfui«, sagte Simplicius, »rede doch nicht so grob und unbescheiden; denke, daß du bei ehrlichen Leuten seiest! Aber höre, wann dich eine etwan betrogen, vermeinestu drum, es sei kein ehrlich Weib mehr, die treulich mit dir hausen werde?«
Springinsfeld antwortete: »Das will ich nicht läugnen; gleichwol aber ist gewiß, daß alle Wolthaten, die ein Weib dem Mann zu erzeigen pflegt, theur genug bezahlt werden müssen; ihre allerbeste Arbeiten, die sie verrichten, verkündigen dem Mann eitel Kösten und beschwerliche Ausgaben, dardurch dasjenig, was der Mann mit Mühe und Arbeit erworben, zum öftern unnützlich verschwendet wird. Hab ich ein Weib, so ist nichts Gewissers, als daß mir ein jede von meinen Ducaten hinfort nit mehr als einen Thaler gilt. Spinnet sie mir und ihr ein Stück Tuch an Leib, so muß ich Flachs, Woll und Weberlohn bezahlen. Soll sie mir was kochen, so muß ich Speis, Holz, Salz und Schmalz samt dem Kuchengeschirr herbei schaffen. Wolte sie mir bachen, wer muß anders das Mehl hergeben als eben ich? Also auch, wer zahlt Holz, Seif und Wäscherlohn, wann sie mir und ihr das leinen Geräth säubern läßt? Und wie gehts allererst, wann man mit einem Haufen Kindern beladen wird (welches ich zwar nit erfahren habe, aber auch nicht zu erfahrn begehre), wann nämlich eins krank, das ander gesund, das dritte faul, das vierte muthwillig, das fünfte eselhaftig und das sechste sonst widerspenstig, ungehorsam und nichts nutz ist?«
Simplicius antwortet: »Du bist halt ein alter Kracher, der keines rechtschaffenen Weibs werth ist; du würdest sonst von dem heiligen, von Gott selbst eingesetzten und mit vielen Verheißungen gesegneten Ehestand weit anderst reden. Und gleich wie eine fromme, tugendhafte Frau eine Gabe Gottes und eine Kron und Zierd des Manns ist, also verdrüßt dich, daß dich der gütige Himmel mit keiner solchen gewürdigt hat.«
»Wahrhaftig, Simplice«, antwortet Springinsfeld, »du kanst bei deinen Biren wol merken, wann andere zeitigen[338].«
Fußnoten:
[332] neuangestandener, neu eingetretener.
[333] stürzen, störzen, sich als Landfahrer umhertreiben.
[334] Freundschaft, Verwandtschaft.
[335] lieber, interj., quæso.
[336] Stamm, Abstammung, Stand.
[337] aus dem Geschirr schlagen, wie: über den Strang schlagen.
[338] d. h. an deinen eigenen Erfahrungen abnehmen, wie es andern ergeht.