Das achte Capitel.
Mit was vor einem Beding Simplicissimus den Springinsfeld die Kunst lernete.
»Mein Gott, Springinsfeld«, sagte Simplicius, »wie hast du doch so gar ein ungeschliffen Maul!«
»Das ist noch nichts«, antwortet Springinsfeld; »ich sage das Halbe nicht heraus, wie mirs ums Herz ist.«
»Wie ist dir dann?« fragte jener.
»Mir ist schier«, antwortet Springinsfeld, »wann ichs nur sagen dörfte, du seiest ein halber Hexenmeister, oder habest doch wenigst sonst einen trefflichen Lehrmeister gehabt.«
»Und mir«, sagte Simplicius, »ist ganz zu Sinn und glaube es auch festiglich, du seiest ein ganzer Narr und habest dein Handwerk auch ohne einen Lehrmeister gelernet. Mein, was geb ich dir vor Ursachen, so böse Gedanken von mir zu machen?«
»Ich«, antwortet Springinsfeld, »habe ja heut deine Verblendungen genugsam gesehen.«
Simplicius antwortet hingegen: »Es ist dir allerdings ein Schand, daß du allbereit so alt, so lang in der Welt herum geloffen und gleichwol noch so alber bist, daß du natürliche Kunststück und Wissenschaften, wie du heut an Veränderung des Weins, und schlechte Kinderpossen, davon du heut ein Exempel an meinem Buche gesehen hast, vor Zauberei und Verblendungen hältst.«
»Ja«, sagte Springinsfeld, »es ist nit nur das; ich sihe, daß dir das Geld gleichsam zuschneiet, da[329] ich doch mit so großer Müh und Arbeit Pfenning erobern, und wann ich dessen einen Vorrath haben und behalten will, beides an meinem Leib und an meinem Maul ersparen muß.«
»Du Phantast!« sprach Simplicius; »vermeinest du dann, diß Geld komme mich ohne Schnaubens und Bartwischens an? Meine beide Alte haben die 4 Ochsen mit Mühe und Kosten erziehen und ausmästen, ich aber auch laboriren müssen, biß ich die materiam verfertigt, daraus ich heut Geld gelöst.«
»Was ists aber mit dem Buch?« fragte Springinsfeld; »ists keine Verblendung? lauft nit das kleine Hexenwerk mit unter?«
Simplicius antwortet: »Was ists mit den Taschenspielern und Gauklern? Narren- und Kinderwerk ists, darüber ihr einfältige Tropfen euch nur deshalber verwundert, weil es euer grober Verstand nicht begreifen kan!«
Nach langer solcher Wortwechslung schätzte endlich Springinsfeld den Simplicium glückselig, wann er diese Künste natürlicher Weis könte, und bote ihm 20 Reichsthaler an, wann er ihn die Kunst lernete, daß er auch wie er aus einem Buche wahrsagen oder gauklen könte.
»Dann«, sagt er, »lieber Bruder, ich muß mich mit Bettlen und meiner Geige ernähren; wie vermeinest du wol, daß es mir so trefflich zustatten kommen würde, wann ich mich irgends bei einer Bauernkürbe oder einer Hochzeit einfinden und meine Zuhörer mit diesem artlichen Stückel belustigen und zur Verwunderung bringen könte? Würde es nicht zehenmal mehr Heller bei mir setzen, als wann ich nur geige und meine alte Possen und Grillen übe?«
»Mein Freund«, antwortet Simplicius, »es wäre gut, wann du deine alte Possen und Grillen, wie du es nennest, gar unterwegen ließest; dann sihe, du bist allerdings ein siebenzigjähriger Mann, der auf der Gruben gehet und allerdings kein Stund sicher vorm Tod ist; hingegen hastu, wie ich gesehen, ein fein Stück Geld, darmit du dich, so lang dir Gott das Leben noch gönnen möchte, gar wol ausbringen kanst. Wann ich in deiner Haut steckte, so begäbe ich mich in einen geruhigen Stand, darin ich mein geführtes Leben bedenken, meine begangene Stücklein bereuen, mich zu Gott bekehren und ihme nunmehr allein dienen könte; welches gar füglich irgends in einem Spital, darinnen du dir eine Pfründ kaufen köntest, oder etwan in einem Kloster, da du noch einen Thorhüter abgeben möchtest, beschehen könte. Es ist mehr als genug getobt und Gott versucht, wann wir biß an das Alter der Welt Thorheiten angeklebet und in allerhand Sünden und Lastern gleichsam wie ein Sau im Morast geschwemmt und umgewälzt haben; aber viel ärger und noch eine größere Thorheit ists, wann wir gar bis ans End darin verharren und nicht einmal an unsere Seligkeit oder an unsere Verdammnus, und also auch nicht an unsere Bekehrung gedenken.«
»Närrisch thät ich«, antwortet Springinsfeld, »wann ich mein Geld, das ich mit großer Müh und Arbeit zusammen gebracht, in ein Kloster oder Spital steckte, solches zu belohnen damit es mich meiner Freiheit beraubte.«
Simplicius hingegen sagte: »Alsdann thustu närrisch, wann du eine vermeinte Freiheit zu genießen gedenkest, indessen aber ein Knecht der Sünd, ein Sclav des Teufels und also, ach leider, auch ein Feind Gottes verbleibest. Ich beharre noch meiner vorigen Meinung, daß dir nämlich beides rathsam und nutzlich wäre, zur Bekehrung zu schreiten, ehe dich der Schlaf der ewigen Nacht und Finsternus überfällt, dann sihe, der Tag hat sich bei dir um mehr als 20 Jahr als bei mir geneiget, und dein spater Abend erinnert dich, ehist schlafen zu gehen.«
Springinsfeld antwortet: »Bruder, empfang du zwanzig Thaler von mir vor die begehrte Kunst und lasse die Pfaffenpredigen denen, die ihnen gern zuhören. Hingegen will ich dir versprechen, daß ich mich gleichwol auch auf deine Erinnerung bedenken wolle.«
Gleich wie nun in der ganzen Welt sich nichts so eitel und unnütz befindet, das nicht zu etwas Guts könte emploirt und verwendet werden, also gedachte auch Simplicius durch sein Buch, welches er seine Gaukeltasche nennet, den Springinsfeld zu bekehren; derowegen sagte er zu ihm: »Höre, mein Freund, hieltestu in Ernst darvor, es wäre Zauberei oder wenigst eine geringe Verblendung, als du mich die Kunst auf dem Mark mit dem Buch üben sahest?«
Springinsfeld antwortet: »Ja, und ich glaubte es auch noch, wann ich dich jetzt nicht so gottselig reden hörete.«
»Nun dann«, sagte Simplicius, »dieser Rede und dieses Wahns[330], der dich betrogen, bleib eingedenk biß in dein End, und versprech mir, dich auch desjenigen allweg, so oft du das Buch brauchest, zu erinnern, was ich dir ferner sagen werde! So will ich dich nit allein die vermeinte Kunst umsonst und ohne deine offerirte 20 Reichsthaler lernen, sonder ich will dir noch das Buch darzu schenken, ohne welches du auch die Kunst nit wirst üben können.«
Springinsfeld fragte, was dann dasjenige vor Sachen wären, deren er sich jederzeit bei dem Buch erinnern solte. Simplicius antwortet: »Wann du erstlich den Zusehern lauter weiße Blätter zeigest, so erinnere dich, daß dir Gott in der heiligen Tauf das weiße Kleid der Unschuld wiederum geschenkt habe, welches du aber seither mit allerhand Sünden so vielmal besudelt habest; weisest du dann die Kriegswaffen, so erinnere dich, wie ärgerlich und gottlos du dein Leben im Krieg zugebracht habest; kommstu an das Geld, so gedenke, mit was vor Leibs- und Seelengefahr du demselben nachgestellt. Also erinnere dich auch bei den Trinkgeschirren deiner verübten unflätigen Sauferei, bei den Würfeln und Karten, wie manche edle Zeit und Stund du unnützlich damit zugebracht, was vor Betrug darbei vorgelossen, und mit was vor grausamen Gotteslästerung der Allerhöchste dabei geunehret worden; bei den Knaben und Jungfrauen erinnere dich deiner Hurenjägerei, und wann du an die Narrenköpfe komst, so glaube sicherlich, daß diese ohn allen Zweifel Narren sein, die sich durch obenerzählte der Welt Lockungen betrügen und um ihre ewige Seligkeit bringen lassen. Weisestu aber die Schrift auf, so gedenke, daß die heilige Schrift nicht lüge, die da sagt, daß die Geizige, die Neidige, Zornsüchtige, Haderkatzen, Balger und Mörder, die Spieler, die Saufer und die Hurer und Ehebrecher schwerlich das Reich Gottes werden besitzen, und daß dannenhero derjenig einem Narren gleich thue, der sich von solchen Lastern verführen und so schandlich um seine Seligkeit bringen lasse. Gleich wie nun die meiste und zwar die einfältigste von deinen Zusehern vermeinen, sie würden durch dich verblendet, so doch in Wahrheit nit ist, also bedenke du hingegen und führe wol zu Gemüth, daß die allermeiste von den unverständigen Menschen von dem Teufel und der Welt durch obige Laster unvermerkt verblendet und in die ewige Verdammnus gebracht werden.«
»Mein Bruder«, sagte hierauf Springinsfeld, »des Dings ist gar zu viel; wer zum S. Peter wolte alles im Kopf behalten!«
Simplicius antwortet: »Mein Freund, wann du das nicht kanst, so wirstu auch nit behalten können, wie du recht geschicklich mit dem Buch umgehen sollest.«
»Ei«, sagte Springinsfeld, »das will ich schon lernen.«
»Und das Buch«, antwortet Simplicius, »wird dich alsdann auch schon selber an dasjenig erinnern, waran du meinet- oder vielmehr deinetwegen gedenken sollest.«
»Ich gäbe dir aber«, sagt Springinsfeld, »lieber die 20 Reichsthaler und wäre dieser Obligation ledig.«
Simplicius antwortet: »Diß will aber Simplicius nicht thun; nicht allein darum, weil das Buch und die Wissenschaft, solches zu gebrauchen, ohne die begehrte Erinnerung nicht so viel Gelds werth ist, sonder weil sich Simplicius auch ein Gewissen macht, den geringsten Heller von dir zu nehmen, sintemal er nicht weiß, wie du dein Geld gewonnen und erobert hast. Ja ich gebe dir das Buch nicht, du versprechest mir dann, dich allweg dessen zu erinnern, was ich dir gesagt, wann du mir gleich 100 Reichsthaler baar daher zahltest.«
Springinsfeld kratzte sich im Kopf und sagte: »Du erweckest bei mir fast ängstige Gedanken; ich sihe, daß du deinen Nutzen und auch meinen Schaden nicht begehrest. Ma foi, Bruder, es steckt etwas darhinter, das ich nicht verstehe. So viel kan ich schließen, weil du mir mit Annehmung des Gelds nit schädlich zu sein begehrest, daß du es treulich mit mir meinen und das Gebot der Erinnerung, welches ich vor eine schwere Bürde gehalten, zu meinem Frommen aufladen werdest. Derowegen verspriche ich hiemit, alles dessen eingedenk zu sein, was du von mir vor solche Kunst haben willst.«
Hierauf zog Simplicius das Buch hervor und zeigte dem Springinsfeld alle Vörthel und Griff; und demnach sie mich auch zusehen ließen, faßte ich die Beschaffenheit desselben so genau ins Gedächtnus, daß ich auch stracks eins dergleichen machen könte, wie ich dann etliche Tage hernach thät, um solche Simplicianische Gaukeltasch der ganzen Welt gemein zu machen[331]
Fußnoten:
[329] da, in den Ausgaben steht als Druckfehler »das«.
[330] Wahns, alle Ausgaben haben: »wann«.
[331] Vgl. den Anhang.