Das siebente Capitel.

Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene treffliche Losung[312].

»Da saße ich nun, als wann mir Gott nit mehr hätte gnädig sein wollen, dem ich gleichwol zu danken Ursach hatte, daß mich diß lose Gesindel nit gar ermordet und mich im Schlaf visitirt und mir mein wenig Geld, so ich noch zur Zehrung bei mir trug, genommen. Und ihr, Springinsfeld, was habt ihr jetzt mehr vor Ursachen, über mich zu kollern, der ich doch so freiwillig erzähle, daß mich diese arge Vettel so wol als euch betrogen, als deren List und Bosheit gleichsam kein Mensch, an den sie sich machen will, entgehen kan, wie dann gegenwärtigem ehrlichen Herrn Simplicissimo beinahe selbst widerfahren wäre?«

Springinsfeld antwortet mir: »Nichts, nichts, gar nichts, guter Freund! Sei nur zufrieden, und hol der Teufel die Hex!«

»Mein«[313], antwortet ihm Simplicius, »wünsche doch der armen Tröpfin nicht Böses mehr! Hörestu nicht, daß sie allbereits ohnedas der Verdammnus nahe, biß über die Ohren im Sündenschlamm, ja allerdings schon gar der Höllen im Rachen steckt? Bete darvor ein paar andächtiger Vatterunser vor sie, daß die Güte Gottes ihr Herz erleuchten und sie zu wahrer Buße bringen wolle!«

»Was?« sagte Springinsfeld; »ich wolte lieber, daß sie der Donner erschlüg!«

»Ach daß Gott walt!« antwortet Simplicius; »ich versichere dich, wann du nicht anders thust als so, daß ich um die Wahl, die sich zwischen deiner und ihrer Seligkeit findet, keine Stiege hinunterfallen[314] wolte.«

Springinsfeld sagte darauf: »Was geheits mich?«

Aber der gute Simplicius schüttelt den Kopf mit einem tiefen Seufzen[315].

Es war damals schier um 2 Uhr Nachmittag, und wir hatten alle drei überflüssig genug gefüttert, als Springinsfeld Simplicium fragte, womit er sich doch ernähre, und was sein Stand, Handel und Wandel wäre. Er antwortet ihm: »Daß will ich dich sehen lassen, ehe ein halbe Stund vergehet.«

Und als er kaum das Maul zugethan hatte, kam sein Knan[316] und Meuder samt einem starken Bauernknecht daher, welche zwei Paar ausgemäste Ochsen vor sich trieben und in Stall stelleten. Er verschaffte, daß besagte seine beide Alte alsobalden aus der Kälte in die warme Stub gehen musten, welche in der Wahrheit aussahen, wie ihre Bilder auf Simplicii Ewigem Calender[317] darstellen; und als der Knecht auch hineinkam, befahl er dem Wirth, daß er ihnen Essen und Trinken geben solte; er selbst aber nahm den Sack, den sein Knecht getragen, und sagte dem Springinsfeld: »Jetzt komm mit mir, damit du sehest, womit ich mich ernähre!«

Mir aber sagte er, wann ich wolte, so könte ich wol auch mitgehen. Also zottelten wir alle drei auf einen volkreichen Platz, wohin Simplicius einen Tisch, eine Maß neuen Wein und ein halb Dutzet leere Gläser bringen ließe. Das hatte ein Ansehen, als wann wir dorten auf offenem Markt in der größten Kälte hätten mit einander zechen wollen. Wir kriegten bald viel Zuseher, behielten aber keinen beständigen Umstand[318], dieweil die grimmige Kälte einen jeden wieder fortzugehen drang[319]. Das sahe Springinsfeld, sagte derohalben zum Simplicio: »Bruder, wiltu, daß ich dir diese Leute hier still stehend mache?«

Simplicius antwortet: »Die Kunst kan ich wol selber, aber wann du wilt, so lasse sehen, was du kanst!«

Hierauf wischte Springinsfeld mit seiner Geige herfür und fieng an zu agirn und zugleich darunter zu geigen. Er machte ein Maul von 3, 4, 5, 6, ja 7 Ecken, und indem er giege[320], musicirte er auch mit dem Maul darunter, wie er zuvor im Wirthshause gethan hatte. Da aber die Geige, als welche in der Wärme gestimmt worden, kein gut in der Kälte mehr thun wolte, übte er allerhand Thierer Geschrei, von dem lieblichen Waldgesang der Nachtigallen an bis auf das forchterlich Geheul der Wölfe, beides inclusive, warvon wir dann ehender als in einer halben Viertelstund einen Umstand bekamen von mehr als 600 Menschen, die vor Verwunderung Maul und Augen aufsperrten und der Kälte vergaßen.

Simplicius befahl dem Springinsfeld zu schweigen, damit auch er dem Volk sein Meinung vorbringen könte. Als diß geschahe, sagte Simplicius zum Umstand: »Ihr Herren, ich bin kein Schreier, kein Storger, kein Quacksalber, kein Arzt, sonder ein Künstler. Ich kan zwar nit hexen, aber meine Künste seind so wunderbarlich, daß sie von vielen vor Zauberei gehalten werden. Daß aber solches nit wahr sei, sonder alles natürlicher Weis zugehe, ist aus gegenwärtigem Buche zu ersehen, als warinnen sich genugsame glaubwürdige Urkunden und Zeugnussen dessentwegen befinden werden.«

Mit dem zog er ein Buch aus dem Sack und blättert darin herum, dem Umstand seine glaubwürdige Schein zu weisen, aber sihe, da erschienen eitel weiße Blätter. »So!« sagt er darüber, »so sehe ich wol, ich stehe da wie Butter an der Sonnen. Ach«, sagte er zum Umstand, »ist kein Gelehrter unter euch, der mir einige Buchstaben hinein blasen könte?«

Und demnach zween Stutzer zunächst bei ihm stunden, bat er den einen, er solte ihm nur ein wenig ins Buch blasen, mit Versicherung, daß es ihm weder an seinen Ehren noch an seiner Seligkeit nichts schaden würde. Da derselbe solches gethan, blättert Simplicius im Buch herum. Da erschiene nichts anders als lauter Wehr und Waffen.

»Ha«, sagte er, »diesem Cavalier gefallen Degen und Pistolen besser als Bücher und Buchstaben; er wird ehender einen braven Soldaten als ein Doctor abgeben. Aber was soll mir das Gewehr in meinem Buch? Es muß wieder hinaus.«

Und mit dem bliese Simplicius selbst an das Buch, gleichsam als wann er dardurch geblasen, und wiese darauf dem Umstand wiederum im Umblättern nur weiße Blätter, warüber sich jedermann verwunderte. Der ander Stutzer, der neben erstgedachtem stunde, begehrte von sich selbst, auch in das Buch zu blasen. Als selbiges geschehen, blättert Simplicius im Buche herum und wiese dem Stutzer und Umstand eitel Cavaliers und Dames.

»Sehet«, sagte er, »dieser Cavalier löffelt gern, dann er hat mir lauter junge Gesellen und Jungfern in mein Buch geblasen. Was soll mir aber so viel müßige Bursch? Es seind fressende Pfänder, die mir nichts taugen; sie müssen wieder fort.«

Und alsdann bliese er wieder durch das Buch und zeigte allem Umstand im Umblättern eitel Weißes. Diesem nach ließe Simplicius einen ansehenlichen Burger hineinblasen, aus dessen Ansehen ein großes Vermögen zu vermuthen war, hernach umblättert er das Buch und wiese ihm und dem Umstand lauter Thaler und Ducaten, sagende: »Dieser Herr hat entweder viel Geld, oder wird bald viel bekommen, oder wünscht doch aufs wenigst ein ziemliche Summa zu haben. Das, was er herein geblasen, wird mein sein.«

Und damit hieße er mich seinen Sack aufhalten, in welchem er wol 300 zinnene Büchsen hatte; dahinein bliese er durchs Buch und sagte: »So muß man diese Kerl aufheben.«

Wiese hernach dem Umstand abermal in seinem Buch nur weiß Papier. Ließe darauf einen andern mittelmäßigen Stands hinein blasen, blättert im Buch herummer, und als eitel Würfel und Karten erschienen, sagte er: »Dieser spielt gern, hingegen ich nit, darum müssen mir die Karten wieder weg.«

Und als er selbst wieder durch das Buch geblasen, zeigte er abermal dem Umstand nur weiße Blätter. Ein Fatzvogel[321] unterm Umstand sagte, er könte lesen und schreiben, er solte ihn hinein blasen lassen, er wüste, daß alsdann schöne Testimonia erscheinen würden.

»O ja«, antwortet Simplicius, »diese Ehr kann euch gleich widerfahren.«

Hielte ihm demnach das Buch vor, ließe ihn blasen, so lang er wolte, und als es geschehen, zeigte er ihm und dem Umstand lauter Hasen-, Esels- und Narrenköpf im Umblättern und sagte: »Wann ihr sonst nichts als meine und euere Brüder habt herein blasen wollen, so hättet ihrs auch wol unterweg können lassen.«

Das gab ein solches Gelächter, daß mans über das neunte Haus hörete. Simplicius aber sagt, er müste die Unziefer wieder abschaffen, könt deren Stell wol selbst vertreten. Und mit dem bliese er wieder durch das Buch und zeigte dem Umstand wiederum wie zuvor nur weiße Blätter.

»Ach«, sagt er, »wie bin ich doch so herzlich froh, daß ich dieser Narren wieder los bin worden!«

Es stund einer dort, der allbereit mit Kupfer anfieng zu handlen[322]. Zu selbigem sagte Simplicius: »Mein, blaset doch auch herein, zu sehen was ihr könnet!«

Er folgte; und als es geschehen war, wiese er ihm und andern sonst nichts als Trinkgeschirr.

»Ha!« sagte Simplicius, »dis ist meines gleichen; der trinkt gern, und ich mache gern Gesegne Gott.«

Und damit klopfte er auf die Kandel und sagte ferner zu ihm: »Secht, mein Freund, in dieser Kandel steckt ein Ehrentrunk vor euch, der euch auch bald zu theil werden soll.«

Zu mir aber sprach er, ich solte die Gläser nacheinander einschenken, welches ich auch verrichtete. Indessen bliese er wieder durch das Buch, zeigte dem Umstand abermal weiße Blätter und sagte, so viel Trinkgeschirr könte er vor dißmal nit füllen, er hätte selber Gläser genug zu gegenwärtiger seiner einzigen Maß Wein.

Endlich ließe er einen jungen Studenten in das Buch blasen, blättert darauf und zeigte dem Umstand lauter Schriften.

»Haha«, sagte er, »bistu einmal da? Recht, ihr Herren! Diß sein meine glaubwürdige Zeugnusse, davon ich euch zuvor gesagt. Diese will ich in dem Buch lassen, gegenwärtigen jungen Herrn aber vor einen Gelehrten halten und ihm auch eins bringen, um daß er mir wieder zu meinen trefflichen Urkunden geholfen hat.«

Und damit steckte er das Buch in Sack und machte seiner Gaukelei ein Ende.

Hingegen ließe er einen aus dem Umstand eine Büchse aus dem Sack langen und sagte: »Ihr Herren habt verstanden, daß ich mich vor keinen Arzt, sonder vor einen Künstler ausgebe. Das sag ich noch, aber gleichwol kan man mich gar wol vor einen Weinarzt halten; dann die Wein haben auch ihre Krankheiten und Mängel, die ich alle curirn kan. Ist ein Wein weich und so zähe, daß man ihn aufhasteln[323] könte, so hilf ich ihm, ehe man zweinzig zählen kan, daß er im Einschenken rauschet und seine Geisterlein über das Glas hinausspringen; ist er rahn[324] und so roth wie ein Fuchs, so bring ich ihm seine natürliche Farb in dreien Tagen wieder; schmeckt er nach einem schimmlichten Faß, so bring ich ihm in wenig Tagen einen solchen Geschmack zuwegen, daß man ihn vor Muscateller trinken wird; ist er so saur, als wann er in Bairn oder in Hessen gewachsen wäre, und darneben wegen seiner Jugend oder anderer Ursachen halber so trüb, daß er die Würmlöcher stopfen und beides vor Speis und Trank, wie an theils Orten das nahrhaftig Bier, gebrauchet werden könte, sehet, ihr Herren, so mache ich ihn alsobalden, daß ihr ihn entweder vor Malvasier oder vor spanischen oder sonst vor den allerbesten oder doch aufs wenigst vor einen guten alten Wein trinken sollet. Und diese Kunst als die allerunglaublichste will ich hie gegenwärtig probirn und euch deren Gewißheit vor Augen stellen.«

Demnach thät er einer Erbsen groß aus der Büchsen in ein Glas voll Wein und rührete alles unter einander; davon gosse er in das eine Glas einen Tropfen, in das ander zwei, ins dritte drei und ins vierte vier, davon sich der Wein in den Gläsern alsobalden in unterschiedliche Farben veränderte, je nachdem er wenig oder viel Tropfen in ein jedes gegossen hatte; das fünfte Glas Wein aber, darin er nichts gegossen, verblieb wie es war, nämlich ein neuer trüber roher Wein, wie er allererst dasselbe Jahr gewachsen. Alsdann ließe er die Vornehmste aus dem Umstand diese Wein versuchen, welche sich alle über diese geschwinde Veränderung und unterschiedliche Geschmack und Arten der Wein verwunderten.

»Ja, ihr Herren«, fuhr er weiters fort, »nachdem ihr nun die Gewißheit dieser Kunst gesehen, so müst ihr auch wissen, daß einer Erbsen groß dieses Elixirs in eine Maß und ein solche Büchse voll in einen Ohmen zu viel sei, den Wein aufs allerhöchste zu verbessern und ihn dem spanischen Wein oder Malvasier gleich zu machen, derjenige neue Wein, den man verändern will, seie dann gar zu sauer. Wer nun Lust hat, lieber einen delicaten als sauren Wein zu trinken, der mag mir heut von diesem Elixir abkaufen, dann morgen findet er ein Büchsel wol nit mehr feil um 6 Batzen, wie heut, sintemal was mir übrig bleibt, morgen einen halben Gulden gelten muß; zwar nit eben darum, daß ich so gar nöthig Geld brauche, sonder weil ichs mit diesem Elixir mache wie die Sibylla mit ihren Büchern[325]«. Wir hatten damals bei 1000 Personen zum Umstand, mehrentheils erwachsene Mannsbilder, und da es an ein Kaufens gieng, hatte Simplicius beinahe nicht Hände genug, Geld einzunehmen und Büchsen hinzugeben; ich aber verspendirte den vorhandenen Wein vollends, den er mir jeweils mit seiner Mixtur nachtemperirte; und ehe ein halb Stund herum war, hatte er allbereit seine Büchsen versilbert und sein gut baar Geld darvor eingenommen, also daß er die halbe Theil Leut, so deren noch begehrten, muste leer hingehen lassen.

Nach diesem Verlauf schaffte er Tischgläser und Kannen wieder an sein Ort, und als er dem Verleiher seinen Willen darvor gemacht[326], giengen wir wieder miteinander in unser Herberg, alwo Simplici Knan die 4 Ochsen allbereit um hundert und dreißig Reichsthaler verkauft hatte und fertig war, Simplicio das Geld darzuzählen.

»Sihestu nun«, sagte Simplicius zum Springinsfeld, »womit ich mich ernähre?«

»Freilich sihe ichs«, antwortet Springinsfeld; »ich hab vermeinet, ich sei ein Rabbi[327], Geld zu machen, aber jetzt sehe ich wol, daß du mich weit übertriffst; ja ich glaube, der Teufel selbst sei nur vor ein spitzigs Lederlein[328] gegen dir zu rechnen.«


Fußnoten:

[312] Losung, Erlös, Einnahme.

[313] Mein, interj.: Ich bitte dich, quæso.

[314] keine Stiege &c., soll wol heißen; wenn ich die Wahl hätte zwischen deiner und ihrer Seligkeit, so würde ich mir keine Mühe geben, keinen Schritt darum thun, denn es ist kein Unterschied dazwischen.

[315] Seufzen, subst. masc. Seufzer.

[316] Knan, Vater.

[317] Auf dem Titelkupfer zum »Ewigwährenden Calender« befinden sich Bildnisse der gesammten Simplicianischen Familie.

[318] der Umstand, die Umstehenden.

[319] dringen, trans., wie drängen.

[320] giege, gieg, starkes præt. zu geigen, wie stieg zu steigen.

[321] Fatzvogel, wie Spaßvogel.

[322] mit Kupfer handeln, rothen Ausschlag im Gesicht haben.

[323] aufhasteln, aufhaspeln, wie die spätern Drucke haben.

[324] rahn, rahnig, dünn.

[325] Es ist die bekannte Geschichte von den Büchern der Cumäischen Sibylle gemeint, die Tarquinius Priscus kaufte. Vgl. Lactant., Divin. instit. B. I, 6.

[326] seinen Willen darvor gemacht, gegeben hatte, was er haben wollte.

[327] Rabbi, Meister.

[328] spitzigs Lederlein, spitzer Lederschwamm, Spitzmorchel, gebraucht wie Pfifferling.