Das zehnte Capitel.

Courage erfährt, wer ihre Eltern gewesen, und bekommt wieder einen andern Mann.

Aber ich hätte lang harren müssen, biß mir etwas Rechts angebissen, dann die gute Geschlechter[77] verblieben bei ihres gleichen, und was sonst reich war, konte auch sonst reiche und schöne und vornehmlich (welches man damals noch in etwas beobachtete) auch ehrliche Jungfrauen zu Weibern haben, also daß sie nicht bedorften, sich an eine verlassene Soldatenhur zu henken. Hingegen waren etliche, die entweder Banquerot gemacht oder bald zu machen gedachten; die wolten zwar mein Geld, ich wolte aber darum sie nicht. Die Handwerksleut waren mir ohnedas zu schlecht. Und damit blieb ich ein ganz Jahr sitzen, welches mir länger zu gedulden gar schwer und ganz wider die Natur war, sintemal ich von der guten Sache, die ich genosse, ganz kützelig wurde; dann ich brauchte mein Geld, so ich hie und dort in den großen Städten hatte, den Kauf- und Wechselherren zuzeiten beizuschießen[78], daraus ich so ein ehrlich Gewinnchen erhielte, daß ich ziemliche gute Tag davon haben konte und nichts von der Hauptsumma verzehren dorfte. Weilen es mir dann an einem andern Ort mangelte und meine schwache Beine diese gute Sache nicht mehr ertragen konten oder wolten, machte ich mein Geld per Wechsel auf Prag, mich selbst aber mit etlichen Kaufherren hernach und suchte Zuflucht bei meiner Kostfrauen zu Bragoditz, ob mir vielleicht alldorten ein besser Glück anstehen möchte. Dieselbe fande ich gar arm, weder[79] ich sie verlassen, dann der Krieg hatte sie nit allein sehr verderbt[80], sondern sie hatte auch allbereit vor dem Krieg mit mir, und ich nit mit ihr gezehret. Sie freuete sich meiner Ankunft gar sehr, vornehmlich als sie sahe, daß ich nicht mit leerer Hand angestochen kam; ihr erstes Willkommenheißen aber war doch lauter Weinen; und indem sie mich küßte, nennete sie mich zugleich ein unglückseliges Fräulin, welches seinem Herkommen gemäß schwerlich würde sein Leben und Stand führen mögen, mit fernerem Anhang, daß sie mir fürderhin nit mehr wie vor diesem zu helfen, zu rathen und vorzustehen wisse, weil meine beste Freund und Verwandten entweder verjagt oder gar todt wären.

Und überdas sagte sie, würde ich mich schwerlich vor den Kaiserlichen dörfen sehen lassen, wann sie meinen Ursprung wissen wolten.

Und damit heulete sie immer fort, also daß ich mich in ihre Rede nicht richten, noch begreifen konte, ob es gehauen oder gestochen, gebrant oder gebohrt wäre. Da ich sie aber mit Essen und Trinken, dann die gute Tröpfin muste den jämmerlichen Schmalhansen in ihrem Quartier beherbergen, wiederum gelabt und also zurecht gebracht, daß sie schier ein Tummel[81] hatte, erzählte sie mir mein Herkommen gar offenherzig und sagte, daß mein natürlicher Vatter ein Graf und vor wenig Jahren der gewaltigste Herr im ganzen Königreich gewesen, nunmehr aber wegen seiner Rebellion wider den Kaiser des Lands vertrieben worden[82] und, wie die Zeitungen mitgebracht, jetzunder an der türkischen Porten sei, alda er auch so gar sein christliche Religion in die türkische verändert haben solle. Meine Mutter, sagte sie, sei zwar von ehrlichem Geschlecht geboren, aber eben so arm als schön gewesen. Sie hätte sich bei des gedachten Grafen Gemahlin vor eine Staatsjungfer aufgehalten, und indem sie der Gräfin aufgewartet, wäre der Graf selbst ihr Leibeigener worden, und hätte solche Dienste getrieben, biß er sie auf einen adelichen Sitz verschafft, da sie mit mir niederkommen; und weilen eben damals sie, meine Kostfrau, auch einen jungen Sohn entwöhnet, den sie mit desselbigen Schlosses Edelmann erzeugt, hätte sie meine Säugamme werden und mich folgends zu Bragoditz adelich auferziehen müssen, worzu dann beides Vatter und Mutter genugsame Mittel und Unterhaltung hergeben.

»Ihr seid zwar, liebes Fräulin«, sagte sie ferner, »einem tapferen Edelmann von euerem Vatter versprochen worden, derselbe ist aber bei Eroberung von Pilsen gefangen und als ein Meineidiger neben andern mehr durch die Kaiserlichen aufgehenkt worden.«

Also erfuhr ich, was ich vorlängst zu wissen gewünscht, und wünschte doch nunmehr, daß ichs niemal erfahren hätte; sintemal ich so schlechten Nutzen von meiner hohen Geburt zu hoffen. Und weil ich keinen andern und bessern Rath wuste, so machte ich einen Accord mit meiner Säugamm, daß sie hinfort meine Mutter und ich ihre Tochter sein solte. Sie war viel schlauer als ich, derowegen zog ich auch auf ihren Rath mit ihr von Bragoditz auf Prag; nicht allein zwar, daß wir den Bekanten aus den Augen kämen, sondern zu sehen, ob uns vielleicht alldorten ein anders Glück anscheinen möchte. Im übrigen so waren wir recht vor einander, nicht daß sie hätte kupplen und ich huren sollen, sondern weil sie eine Ernährerin, ich aber eine getreue Person bedorfte, gleich wie diese eine gewesen, deren ich beides Ehr und Gut vertrauen konte. Ich hatte ohne Kleider und Geschmuck bei 3000 Reichsthaler baar Geld beieinander und dannenhero damals keine Ursach, durch schändlichen Gewinn meine Nahrung zu suchen. Meine neue Mutter kleidete ich wie eine ehrbare alte Matron, hielte sie selbst in großen Ehren und erzeigte ihr vor den Leuten allen Gehorsam. Wir gaben uns vor Leute aus, die auf der teutschen Grenz durch den Krieg vertrieben worden wären, suchten unseren Gewinn mit Nähen, auch Gold-, Silber- und Seidensticken, und hielten uns im übrigen gar still und eingezogen, meine Batzen genau zusammen haltend, weil man solche zu verthun pflegt, ehe mans vermeint, und deren keine andere kan gewinnen, wann man gern wolte.

Nun, diß wäre ein feines Leben gewest, das wir führten, ja gleichsam ein klösterliches, wann uns nur die Beständigkeit nicht abgangen wäre. Ich bekam bald Buhler; etliche suchten mich wie das Frauenzimmer im Bordell, und andere Tropfen, die mir meine Ehre nit zu bezahlen getrauten, sagten mir viel vom Heurathen, beide Theil aber wolten mich bereden, sie würden durch die grausame Liebe, die sie zu mir trügen, zu ihren Begierden angesporet. Ich hätte aber keinem geglaubt, wann ich selbst ein keusche Ader in mir gehabt. Es gieng halt nach dem alten Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern; dann gleich wie man sagt, das Stroh in den Schuhen, ein Spindel im Sack und eine Hur im Haus läßt sich nicht verbergen, also wurde ich auch gleich bekant und wegen meiner Schönheit überal berühmt. Dannenhero bekamen wir viel zu stricken, und unter anderem von einem Hauptmann ein Wehrgehenk, welcher vorgabe, daß er vor Liebe in den letzten Züge läge. Hingegen wuste ich ihm von der Keuschheit so ein Haufen aufzuschneiden, daß er sich stellte, als wolte er gar verzweifeln; dann ich ermaße die Beschaffenheit und das Vermögen meiner Kunden nach der Regul meines Wirths zum Guldenen Löwen zu N. Dieser sagte: Wann mir ein Gast kommt und gar zu unmäßig viel höflicher Complimenten macht, so ist ein gewisse Anzeigung, daß er entweder nicht viel zum besten, oder sonst nicht im Sinn hat, viel zu vergeben; kommt aber einer mit Trutzen und nimmt die Einkehr bei mir gleichsam mit Pochen und einer herrischen Botmäßigkeit, so gedenke ich: holla, diesem Kerl ist der Beutel geschwollen, dem must du schrepfen!

Also tractiere ich die Höfliche mit Gegenhöflichkeit, damit sie mich und meine Herberg anderwärts loben, die Schnarcher[83] aber mit allem, das sie begehren, damit ich Ursach habe, ihren Beutel rechtschaffen zu actioniren.

Indem ich nun diesen meinen Hauptmann hielte wie dieser Wirth seine höfliche Gäst, als hielte er mich hingegen, wo nicht gar vor einen halben Engel, jedoch wenigst vor ein Muster und Ebenbild der Keuschheit, ja schier vor die Frommkeit selbsten. In Summa er kam so weit, daß er von der Verehlichung mit mir anfieng zu schwätzen, und ließe auch nicht nach, biß er das Jawort erhielte. Die Heuratspuncten waren diese, daß ich ihm 1000 Reichsthaler baar Geld zubringen, er aber hingegen mich in Teutschland zu seinem Heimath um dieselbige versichern solte, damit, wann er vor mir ohne Erben sterben solte, ich deren wieder habhaft werden könte; die übrige 2000 Reichsthaler, die ich noch hätte, solten an ein gewiß Ort auf Zins gelegt und in stehender Ehe die Zins von meinem Hauptmann genossen werden, das Capital aber ohnverändert bleiben, biß wir Erben hätten; auch solte ich Macht haben, wann ich ohne Erben sterben solte, mein ganz Vermögen, darunter auch die 1000 Reichsthaler verstanden, die ich ihm zugebracht, hin zu vertestieren wohin ich wolte &c. Demnach wurde die Hochzeit gehalten, und als wir vermeinten, zu Prag bei einander, so lang der Krieg währete, in der Guarnison gleich wie im Frieden in Ruhe zu leben, sihe, da kam Ordre, daß wir nach Holstein in den Dänemärkischen Krieg marschiern müsten.


Fußnoten:

[77] Geschlechter, Patricier.

[78] beischießen, etwas in das Geschäft geben.

[79] weder, als, wie; sonst häufiger nach Comparativen.

[80] verderben, zu Grunde richten.

[81] Tummel, Taumel, Rausch.

[82] Vgl. die Einleitung.

[83] Schnarcher, die mit groben Redensarten auftreten.