Das neunte Capitel.
Courage quittiert den Krieg, nachdem ihr kein Stern mehr leuchten will und sie fast von jederman vor einen Spott gehalten wird.
Also kam es nach und nach dahin, daß ich mich je länger je mehr leiden[70] muste. Meine Knechte wurden mir verführt, weil zu ihnen gesagt wurde: »Pfui Teufel, wie möcht ihr Kerl einer solchen Vettel dienen!«
Ich hoffte, wieder einen Mann zu bekommen; aber ein jeder sagte: »Nim du sie! Ich begehr ihrer nicht.«
Was ehrlich gesinnet war, schüttelt den Kopf über mich, und also thäten auch beinahe alle Officier; was aber geringe Leut und schlechte Potentaten waren, die dorften sich nicht bei mir anmelden, so hätte ich ohnedas auch keinen aus denselbigen angesehen. Ich empfande zwar nicht am Hals, wie mein Mann, was unser närrisch Fechten ausgerichtet; aber doch hatte ich länger daran als er am Henken zu verdauen. Ich wäre gerne in eine andere Haut geschloffen[71], aber beides die Gewohnheit und meine tägliche Gesellschaften wolten mir keine Besserung zulassen, wie dann die allermeiste Leute in Krieg viel eher ärger als frömmer zu werden pflegen. Ich putzte mich wieder und richtete dem einen und andern allerhand Netz und Strick, ob ich etwan diesen oder jenen anseilen und ins Garn bringen möchte; aber es half nichts; ich war schon allbereit viel zu tief im Geschrei; man kante die Courage schon allerdings bei der ganzen Armee, und wo ich bei den Regimentern vorüber ritte, wurde mir meine Ehre durch viel tausend Stimmen offentlich ausgerufen, also daß ich mich schier wie ein Nachteule bei Tage nicht mehr dorfte sehen lassen. Im Marschieren äußerten[72] mich ehrliche Weiber; das Lumpengesindel beim Troß schuhriegelte[73] mich sonst; und was etwan vor ledige Officier wegen ihrer Nachtweid mich gern geschützt hätten, musten bei den Regimentern bleiben, bei welchen mir aber durch ihr schändlichs Geschrei mit der allerschärfsten Laugen aufgegossen ward, also daß ich wol sahe, daß meine Sach so in die Länge kein Gut mehr thun werde. Etliche Officier hatte ich noch zu Freunden, die aber nicht meinen, sondern ihren Nutzen suchten. Theils suchten ihre Wollüste, theils mein Geld, andere meine schöne Pferd. Sie alle aber machten mir Ungelegenheit mit Schmarotzen, und war doch keiner, der mich zu heurathen begehrte, entweder daß sie sich meiner schämten, oder daß sie mir eine unglückliche Eigenschaft zuschrieben, die alle meinen Männern schädlich wäre, oder aber daß sie sich sonst, ich weiß nicht warum, vor mir förchteten.
Derowegen beschlosse ich mit mir selbsten, nicht nur diß Regiment, sondern auch die Armada, ja den ganzen Krieg zu quittirn, und konte es auch um so viel desto leichter ins Werk setzen, weil die hohe Officier meiner vorlängst gern los gewesen wären. Ja ich kan mich auch nicht überreden lassen, zu glauben, daß sich unter andern ehrlichen Leuten viel gefunden haben, die um meine Hinfahrt viel geweinet, es seien dann etliche wenige junge Schnapper ledigs Stands unter den mittelmäßigen Officiern gewest, denen ich zu Zeiten etwan ein paar Schlafhosen gewaschen. Der Obriste hatte den Ruhm nicht gern, daß seine schöne Gutsche durch die Courage vom Feind erobert und ihm verehrt worden sein solte. Daß ich den verwundeten Obristleutenant aus der Battalia und Todsgefahr errettet und zu den Unserigen geführt, darvon schriebe er ihm so wenig Ehr zu, daß er mir meiner Mühe nicht allein mit »Potz-Velten« dankte, sondern auch, wann er mich sahe, mit griesgramenden Minen erröthet und mir, wie leicht zu gedenken, lauter Glück und Heil an den Hals wünschte. Das Frauenzimmer oder die Officiersweiber hasseten mich, weil ich weit schöner war als eine unter dem ganzen Regiment, zumalen theils ihren Männern auch besser gefiele, und beides hohe und niedere Soldaten waren mir feind, um daß ich trutz einem unter ihnen allen das Herz hatte, etwas zu unterstehen und ins Werk zu setzen, das die gröste Tapferkeit und verwegneste Hazarde erfordert, und darüber sonst manchen das Kalte Wehe[74] angestoßen hätte.
Gleich wie ich nun leicht merkte, daß ich viel mehr Feinde als Freunde hatte, also konte ich mir auch wol einbilden, es würde ein jedwedere von meiner widerwärtigen Gattung gar nicht unterlassen, mir auf ihre sonderbare[75] Manier eins anzumachen, wann sich nur die Gelegenheit darzu ereignet.
O Courage, sagte ich zu mir selbst, wie wilst du so vielen unterschiedlichen Feinden entgehen können, von denen vielleicht ein jeder seinen besonderen Anschlag auf dich hat? Wann du sonst nichts hättest als deine schöne Pferde, deine schöne Kleider, dein schönes Gewehr und den Glauben, daß du viel Geld bei dir habest, so wären es Feinde genug, einige Kerl anzuhetzen, dich heimlich hinzurichten.[76] Wie, wann dich dergleichen Kerl ermordeten oder in einer Occasion niedermachten, was würde wol für ein Hahn darnach krähen? Wer würde deinen Tod rächen? Was, soltest du auch wol deinen eigenen Knechten trauen dörfen?
Mit dergleichen Sorgen quälte ich mich selbst und fragte mich auch selbst, was Raths, weil ich sonst niemand hatte, ders treulich mit mir meinete. Und eben deswegen muste ich mir auch selbst folgen.
Demnach sprach ich den Obristen um einen Paß an in die nächste Reichsstadt, die mir eben an der Hand stunde und wolgelegen war, mich von dem Kriegsvolk zu retiriern. Den erlangte ich nicht allein ohne große Mühe, sondern noch an Statt eines Abschieds einen Urkund, daß ich einem Hauptmann vom Regiment, dann von meinem letzten Mann begehrte ich keinen Ruhm zu haben, ehrlich verheurathet gewesen und, als ich solchen vorm Feind verloren, mich eine Zeit lang bei dem Regiment aufgehalten und in solcher währenden Zeit also wol, fromm und ehrlich gehalten, wie einer rechtschaffnen ehr- und tugendliebenden Damen gebühre und wolanständig seie, mich derowegen jedermänniglichen um solchen meines untadelhaften tugendlichen Wandels willen bestens recommendirend. Und solche fette Lügen wurden mit eigenhändiger Subscription und beigedrucktem Sigill in bester Form bekräftigt. Solches lasse sich aber niemand wundern, dann je schlimmer sich einer hält, und je lieber man eines gerne los wäre, je trefflicher wird der Abschied sein, den man einem solchen mit auf den Weg gibt, sonderlich wann derselbe zugleich sein Lohn sein muß. Einen Knecht und ein Pferd ließe ich dem Obristen unter seiner Compagnie, welcher trutz einem Officier mundirt war, um meine Dankbarkeit darmit zu bezeugen; hingegen brachte ich einen Knecht, einen Jungen, eine Magd, sechs schöne Pferd, darunter das eine 100 Ducaten werth gewesen, samt einem wolgespickten Wagen darvon, und kan ich bei meinem großen Gewissen (etliche nennen es ein weites Gewissen) nicht sagen, mit welcher Faust ich alle diese Sachen erobert und zuwegen gebracht habe.
Da ich nun mich und das Meinige in bemeldte Stadt in Sicherheit gebracht hatte, versilberte ich meine Pferd und gab sonst alles hinweg, was Geld golte und ich nicht gar nöthig brauchte. Mein Gesind schaffte ich auch mit einander ab, einen geringen Kosten zu haben. Gleich wie mirs aber zu Wien war gangen, also gieng mirs auch hier; ich konte abermal des Namens Courage nicht los werden, wiewol ich ihn unter allen meinen Sachen am allerwolfeilsten hinweggeben hätte; dann meine alte oder vielmehr die junge Kunden von der Armee ritten mir zu Gefallen in die Stadt und fragten mir mit solchem Namen nach, welchen auch die Kinder auf der Gassen ehender als das Vatterunser lerneten, und eben darum wiese ich meinen Galanen die Feigen. Als aber hingegen diese den Stadtleuten erzählten, was ich vor ein Daus-Es wäre, so erwiese ich hinwiederum denselben ein anders mit Brief und Siegel und beredet sie, die Officier geben keiner andern Ursachen halber solche lose Stück von mir aus, als weil ich nicht beschaffen sein wolte, wie sie mich gerne hätten. Und dergestalt bisse ich mich zimlich heraus und brachte vermittelst meiner guten schriftlichen Zeugnis zuwegen, daß mich die Stadt, biß ich meine Gelegenheit anders machen konte, um ein gerings Schirmgeld in ihren Schutz nahm, allwo ich mich dann wider meinen Willen gar ehrbarlich, fromm, still und eingezogen hielte und meiner Schönheit, die je länger je mehr zunahm, aufs beste pflegte, der Hoffnung, mit der Zeit wiederum einen wackern Mann zu bekommen.
Fußnoten:
[70] sich leiden, Verdruß und Aerger haben.
[71] geschloffen, part. praet. zu schliefen, schlüpfen, kriechen.
[72] äußern, trans. meiden.
[73] schuhriegeln, Verdruß bereiten.
[74] das Kalte Wehe, auch bloß das »Kalte«, das kalte Fieber.
[75] sonderbare, besondere, eigenthümliche.
[76] hinrichten, tödten, in diesem Sinne immer in Grimmelshausen's Schriften.