1. Der Berg.
Von allen Schneebergen Ecuadors hat von jeher keiner so sehr das Interesse der Ecuatorianer selbst erregt wie der Cotopaxi. Das verdankt er seiner Lage, seiner Gestalt und seiner vulkanischen Tätigkeit. Einer die Ost- mit der Westkordillere verbindenden Vulkanreihe (Quilindaña-Cotopaxi-Rumiñagui-Corazon) angehörend, ist er so weit in die interandine Hochebene vorgeschoben, daß er vom Norden und Süden des Hochlands gut zu sehen ist. Wo wir auch im Hochlande reisten, fast überall trat, sobald sich die Fernsicht öffnete, der wundervolle weiße Riesenkegel des Cotopaxi aus den Wolken hervor, einzig in seiner Art, nie zu verwechseln mit einem der anderen großen Schneehäupter, der majestätische Zentralvulkan von Hochecuador. Ganz frei vom Fußpunkt bis zum Gipfel, ohne Vorberge und Zwischenstufen, präsentiert er sich auf der Westseite, und dort zieht stundenlang über seine Basisebene die einzige große Verkehrsstraße des Hochlands hin, von Latacunga nach Quito, auf der jährlich viele Tausende im vollen Angesicht des Berges von Norden nach Süden oder umgekehrt wandern.
Stirn des Westgletschers (4580 m) des Antisana.
Den Cotopaxi kennen die Hochlandsbewohner alle, während sie über die anderen Bergerscheinungen sehr oft im ungewissen sind. Für die gewaltige Größe und Schönheit dieser Berggestalt sind sogar die für Natureindrücke so stumpfen Ecuatorianer empfänglich: »hecho como al torno« (wie auf der Drehbank gemacht), sagten vom Cotopaxi schon zu Humboldt die Eingeborenen bewundernd. Freilich, bei solcher gelegentlichen Bewunderung aus der Ferne ist es immer geblieben. Nur wenige Ecuatorianer haben die Schneeregion des Berges betreten, und diese wenigen immer nur in Begleitung von europäischen Reisenden. Gewöhnlich waren es indianische Träger, die es um des klingenden Lohnes willen taten. Von den »Gebildeten« des Landes, die sich mehr aus Neugierde oder Eitelkeit als aus ernstem Wissens- oder Tatendrang einem der europäischen Forscher angeschlossen haben, ist erst ein einziger (A. Sandoval mit Theodor Wolf) zum Gipfel gelangt, weil weder ihre physische Kraft noch ihr Mut noch ihre Energie ausreichten.
Kartographische Anstalt von F. A. Brockhaus, Leipzig
[Details]
Der Cotopaxi erhebt sich zu seiner 6005 Meter messenden Höhe (mit der mächtigen Firnhaube des Jahres 1903) aus der etwa 3000 Meter hohen Ebene des Rio Cutuchi im Westen, während auf den anderen Seiten sein Fuß auf dem Vorland in 3700 bis 3800 Meter Höhe steht. Auf der höchsten, der Westseite, gemessen, ragt sein Haupt also nur etwa 3000 Meter über seine Hochebenenbasis empor; er gehört somit nach seiner relativen Höhe als Bergindividuum trotz seiner rund 6000 Meter betragenden Gipfelhöhe nicht zu den Riesen seines vulkanischen Geschlechts, unter denen zum Beispiel der Kilimandjaro von einer etwa 700 Meter hohen Ebene zu 6010 Meter emporsteigt, also eine relative Höhe von rund 5300 Meter hat. Aber kein anderer aktiver Vulkan der Welt hat eine größere absolute Höhe als der Cotopaxi. Über seine Umgebung erhebt er sich gleich der Zitadelle eines gewaltigen Festungsvierecks, dessen vorgeschobene Werke die kleineren Nachbarvulkane Rumiñagui, Pasochoa und Sincholagua sind.
Dem Anblick der großen Zahl seiner Beschauer entrückt und am wenigsten bekannt ist die Ostseite des Berges. Sie ist die steilste und kürzeste Seite, da ihre Basis schon bei 3800 Meter dem vor- und untergelagerten Fußgebirge aufsitzt. So große Aschenfelder wie auf den anderen Seiten des Berges gibt es hier nicht, denn die vorherrschenden östlichen Winde tragen die leichten Auswürflinge des Gipfelkraters nach Westen. Aber um so gewaltiger ist im Osten die Überflutung von Lavaströmen, da der östliche Kraterrand etwas eingeschartet ist und die flüssige Glut am ersten übertreten läßt. In neuerer historischer Zeit hatten sich die Laven mehr nach der Westseite ergossen, aber gerade dadurch ist jetzt der Westrand des Kraters wieder höher geworden als der Ostrand. Nicht nur die Lavaströme haben die Hänge der Ostseite wild zerrissen und, am Abhang erkaltend, ohne den Bergfuß selbst zu erreichen, zahllose Stufen und Dämme aufgebaut, sondern auch die von den plötzlichen Schneeschmelzen herabgesandten Wasser- und Schlammströme haben diese Bergseite tief gefurcht und ihre großen Massen von Gesteinstrümmern ostwärts in das weite Hochtal »Valle vicioso« gewälzt. Aber nur in den unteren Teilen der Osthänge treten diese Zerstörungen und Neubildungen zutage; in den oberen größeren Partien umhüllt den Kegel jetzt ein mächtiger Firn- und Eismantel, dessen Randgletscher hier infolge der von Osten kommenden starken atmosphärischen Niederschläge sich weiter bergab (bis etwa 4300 Meter) ausdehnen als auf den anderen Seiten. Der Firnmantel ist aber in der Mitte seiner ganzen Vertikallänge etwas eingebogen und verdeckt dort mit Eis und Schnee die breite steile Bahn, die von den über den Kraterrand quellenden und am jähen Berghang abstürzenden Lavamassen im Massiv des Kegels ausgefahren ist. Frühere Besteiger haben diese Formation auf der Ost- wie auf der Westseite ohne Schneebedeckung gesehen.
Weniger tief als auf der Ostseite reicht auf der Südseite die Firn- und Eisdecke herab. Sie endet in ungefähr 4650 Meter Höhe am Fuß der Felsmasse »Picacho«, die schroff, verwittert, ruinenhaft aus dem Südhang des Berges hervorragt und ein vereinzeltes Überbleibsel des ältern, vom Cotopaxi verschütteten vulkanischen Fußgebirges ist. Sie hat zum Cotopaxi dasselbe Verhältnis wie die Somma zum Vesuv. Auch von jüngeren Lavaströmen, Schlammströmen, Wasserrissen bemerkt man auf der südlichen Bergseite relativ wenig, da der hochgewölbte südliche Kraterrand seit langem ein Überfluten der Laven nach Süden verhindert hat. Flach läuft der Südfuß bei 3700 Meter in die südlichen, schildförmigen, älteren Vorberge aus, die, von jüngerer Asche bedeckt, sich unabsehbar nach Süden dehnen.
Auch auf der entgegengesetzten, der Nordseite, steht der Fuß des Cotopaxi in etwa 3700 Meter Höhe auf dem ältern Grundgebirge. Dorthin aber in den weiten Binnenraum zwischen ihm selbst und seinen drei kleineren Nachbarn Rumiñagui, Pasochoa und Sincholagua hat der große Vulkan ungeheuere Ausbruchmassen, Lavaströme, Schlammfluten und Aschenregen, entsandt; und über dieser Wildnis thront der höchste Gipfel des Berges, die schneeige runde Nordkuppe, von der aus sich der weite Firnmantel bis zu 4700 Meter herabsenkt. Wegen dieser hohen Gipfelkuppe und weil man hier den elliptischen Kraterrand von der Schmalseite sieht, hat die Nordseite des Berges die ausgeprägteste Kegelform, während auf der Westseite, wo sich der elliptische Kraterrand in der Längsansicht zeigt und keinen hochragenden Gipfel trägt, der Kegel stark abgestumpft und breiter erscheint.
Am gleichmäßigsten in seiner Ausdehnung und Begrenzung legt sich der Schneemantel um die Westseite des Berges. Bis zu durchschnittlich 4700 Meter breitet er sich hier bergab aus, wird in der Mitte oben bloß von zwei dunklen Felsflecken durchbrochen und ist am Rande nur von wenigen einspringenden Lavawällen und vorspringenden ganz kurzen Gletscherzungen gesäumt. Darunter aber sinken die dunklen Berghänge noch weitere 1700 Meter bis zu seiner Basis ab, die hier auf der Westseite nicht wie auf den anderen Seiten ein bergiges, ödes Vor- und Unterland ist, sondern die interandine Hochebene selbst, durch die sich gemächlich der Cutuchifluß windet, und von deren Wiesen, Feldern, Gehöften und Dörfern sich einzelne Ausläufer zu dem großen Vulkan vorschieben wie Vorposten gegen den Feind. Seine Feindschaft gegen alles Lebendige offenbart sich gerade auf dieser Westseite furchtbar durch die Aschenfälle und Schlammströme, die er weit über das Kulturland entsandt hat. Und wie ein unablässig mahnendes Warnungssignal flattert in kurzen Intervallen am Gipfel eine kleine weiße Fahne von Kraterdämpfen. Aber gerade dieses harte Nebeneinander von Lebensdrang und Todesgefahr macht den Anblick des Berges von der Westseite so eindrucksvoll. Und dazu zeigt er sich von keiner andern Seite dem Beschauer so breit, so groß, so ebenmäßig in seinem Aufbau wie von dieser, von der ihn weitaus die meisten Menschen des Hochlandes sehen.
Von Westen gesehen, hat der Cotopaxi keinen andern großen Berg als Nebenbuhler neben sich. Auf keiner andern Seite holt die wundervolle vulkanische Kurve seines Profils, deren Schönheit uns auch auf den anderen Seiten begeistert, so weit aus wie auf dieser. Der kraftvolle Nachdruck dieser Kurvenführung liegt in dem letzten obersten Schwung, wie in einem titanischen, von der Erde zum Himmel geführten Hieb. Unwiderstehlich zieht diese Bogenlinie den Blick zuerst nach oben. Dann gleitet er mit den abwärts führenden Firnrinnen, Lavaströmen und Wasserrissen langsam zum Bergesfuß zurück, wo die große Kurve ganz sanft in die Horizontale der Basisebene ausklingt. »Bergschleppe« nennen die Japaner in treffendem Vergleich bei ihren Vulkanen den unmerklichen Übergang des untern Berghangs in die horizontale Richtung. In diesem breiten festen Aufruhen auf seinem Fundament empfinden und erkennen wir ein weiteres Element seiner Größe. Es ist nicht wie am Ätna, wo der Eindruck der Breite über den der Höhe überwiegt, sondern die Höhenwirkung dominiert am Cotopaxi entschieden. Aber wie am Ätna und ähnlichen Vulkanen sagt uns zugleich dieses breite Auslaufen seines Sockels, daß dieser Berg nicht durch hebende Kräfte erbaut ist, sondern durch die von oben herabfließenden Lavaströme und Aschenregen, deren Massen immer mehr abnehmen müssen, je weiter sie sich vom zentralen Ausbruchspunkt entfernen.
Diesen eigenartigen bauenden Kräften verdankt der Cotopaxi seinen Stil. Seine Form verrät zugleich seinen Bau und seine Jugend. Er ist, aus einiger Entfernung gesehen, ein Vulkankegel von architektonischer Symmetrie. Auch die Schar von kleinen parasitären Eruptionskegeln fehlt ihm, wie sie zum Beispiel den Kilimandjaro umringen und ihm teilweise aufsitzen. Deshalb ist eine große Ruhe und eine ruhige Größe in der Erscheinung des Cotopaxi, die durch den riesigen, gleichmäßigen, drei Viertel der Bergeshöhe umschließenden Schnee- und Eispanzer noch mehr gesteigert wird. Daß die symmetrische Gestalt nicht starr wirkt, verhindert das lebendige Spiel der Wolken, des Lichtes, der Farbe und die bewegte Umfassungslinie der Pflanzen- und Schneedecke. Dabei überlegen wir, daß die kolossale absolute Höhe dieses Berges von rund 6000 Meter noch längst nicht erreicht würde, wenn wir den Ätna und den Vesuv und den Stromboli übereinanderstellen könnten. Wir ahnen die große Ursache, die dieser Erscheinung zugrunde liegt; die Vorstellung von den ungeheuren vulkanischen Kräften, die diesen ebenmäßigen Riesenbau errichtet haben, flößt uns das Gefühl des Erhabenen ein und löst in uns neben den ästhetischen auch ethische Geistesregungen höherer Ordnung aus.
Die Versuche, den Gipfel dieses höchsten tätigen Vulkans der Erde zu besteigen, beginnen mit Alexander von Humboldt. Seinem im Mai 1802 unternommenen Versuch folgten Boussingault und Hall im Dezember 1831, der deutsche Reisende Moriz Wagner im Dezember 1858, aber erreicht wurde der Gipfel von Santa Ana am Westfuß aus erst am 27. November 1872 durch Wilhelm Reiß. Seinem Reisegefährten Alphons Stübel glückte der Versuch wenige Monate später ebenfalls. Vier Jahre danach, nur ein Vierteljahr nach dem furchtbaren Ausbruch vom 26. Juni 1877, nahm der an der Universität Quito als Geolog tätige Deutsche Theodor Wolf den Berg abermals in Angriff und erreichte den Krater auf einer neuen Route im September 1877, wobei auch die höchste Spitze des Kraterrandes, der Nordgipfel, zum ersten Male betreten wurde. Auf der gleichen Route hatte der spätere deutsche Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Freiherr von Thielmann, im Januar 1878 Erfolg. Der Klassiker des Alpinismus, Edward Whymper, hat den Berg, den Wolf-Thielmannschen Spuren folgend, mit Schweizer Führern gleichfalls bezwungen. Das war im Februar 1880; seitdem hatte bis auf meine Zeit keines Menschen Auge wieder den Krater gesehen.