2. Der Anmarsch.

Das Wetter war regnerisch und nebelig, als wir am 11. Juli 1903 von Latacunga nach dem Dorf Mulaló am Südwestfuß des Cotopaxi ritten; meist über ebenes Terrain. Zuerst ging es an braunwässerigen eiligen Bächen zwischen ummauerten Gärten und Feldern entlang, dann über das breite, flache Schwemmtal des vom Cotopaxi kommenden Rio Aláques, wo uns die ungeheuren Massen von Geröll, Kies und großen Blöcken, die der Fluß zu beiden Seiten seines jetzigen Bettes ausgebreitet hat, zum erstenmal einen Begriff von der furchtbaren Wirkung der Schlammströme geben, die der Berg bei Eruptionen durch seine Schmelzwasser entsendet. Über 4 Meter hoch liegen hier noch die Schottermassen der Eruption des Jahres 1877.

Den Verlauf dieser »Avenida« (Schlammstrom) vom 26. Juni 177 schildert recht anschaulich Wilhelm Reiß: »Mit dumpfem Brausen, fast mit fernem donnerähnlichen Getöse wälzen sich die mit vulkanischer Asche, Gesteinstrümmern, glühenden Lavablöcken und großen Eismassen vermischten Gewässer am Abhang herab. An den unteren Gehängen drängen sie sich in den dort eingeschnittenen Schluchten zusammen, dieselben bis zu Höhen von 60 bis 100 Meter erfüllend, über die Seitenwände sich ergießend und auf den Abhängen Schutthügel bis zu 20 und 30 Meter Höhe absetzend. Am Fuß des Berges aber, wo die Wasserläufe nur wenig eingeschnitten sind, überschreiten sie die Talbetten und dehnen sich als wilde Schlammfluten über das Land aus, alles vernichtend und zerstörend. Häuser, Haciendas, Fabriken, Menschen und Vieh mit sich fortreißend, bildeten 1877 die Schlammfluten zwischen Mulaló und Latacunga einen weiten See von ungefähr 28 Kilometer Länge und 1,6 Kilometer Breite, in dessen ganzer Ausdehnung das Land nach Ablauf der Gewässer etwa ein Meter hoch mit Schlamm, Schutt und Detritus bedeckt war. Alle Straßen wurden zerstört, alle Brücken weggerissen; in der Umgegend von Latacunga berechnete man den Verlust an Menschenleben auf etwa 300 Personen, obgleich der Ausbruch bei Tage erfolgte und viele sich retten konnten. Mit einer Geschwindigkeit von etwa 10 Meter in der Sekunde (!) brausten die Fluten dahin. Drei Stunden nach seinem Eintreffen in Mulaló zerstörte der Schlammstrom bereits die 15 geographische Meilen entfernte Brücke über den Rio Pastaza am Fuß des Tunguragua; er erhob sich dort 100 Meter hoch in dem 12 Meter breiten Flußbett. Ähnlich einem Lavastrom, seitlich wie von einer Mauer oder einem hohen Damm begrenzt, bewegten sich die Schlammassen vorwärts; sie überstürzten sich wie hohe Wellen, die sich fortwährend nach vorn überschlugen.«

Auf einer wegen der Unsicherheit des Flusses immer interimistischen Brücke von Balken, Rohrgeflecht und Kiesbewurf setzten wir über den 12 Meter breiten Aláquesfluß, folgten jenseits dem Ostrand der interandinen Hochebene, die hier sumpfig und binsenbewachsen ist wie ein alter Seeboden, und stiegen dann gemächlich durch etwas reichlicher bebautes Land zum Dörfchen Mulaló (3073 Meter) an, das mit seiner kleinen Kirche und seinen 20 bis 30 Häusern auf einem niedrigen Hügel liegt, wodurch es bisher von der Zerstörung durch die Schlammströme des Cotopaxi bewahrt geblieben ist, die dicht daneben das Land überschwemmt und verwüstet haben. Aber die Aschenregen und Steinbombardements seines furchtbaren Nachbars Cotopaxi haben den Ort ebenso getroffen wie die übrige Umgebung, am verderblichsten wohl im April 1768, wo die Häuser durch die glühenden Schlacken in Brand gesetzt, elf Personen durch vulkanische Bomben erschlagen wurden und wo der Aschenregen eine anderthalb Fuß dicke tödliche Schicht auf die Gegend legte. Die Ruine der damals zerstörten alten Kirche steht noch neben der neuen. Im Haus des freundlichen »Padre Cura« (des Pfarrers) stiegen wir ab.

Der Aufforderung des Pfarrers folgend, meldeten sich am Morgen nach unserer Ankunft eine größere Zahl Peones zu unserer Begleitung, als wir brauchten. Die engere Auswahl traf der Vater des Priesters. Der alte Herr machte mit den Leuten kurzen Prozeß. Er bestimmte einfach die kräftigsten zum Mitgehen, und als einer von ihnen einen Einwand erhob, schrie er ihn wütend an, entriß ihm den langen Stock, den die Peones zu tragen pflegen, und hieb ihm damit über den dicken Filzhut, daß es krachte und stäubte. Die Logik dieses Verfahrens war zwingend; in fünf Minuten waren wir handelseinig.

Vom Cotopaxi bekamen wir auch hier nichts weiter zu sehen als die untere Region bis zur Grenze des ewigen Schnees (bei 4700 Meter), von dem kurze, spitze Zungen ausliefen. Darauf und darunter bis tief in die Páramoregion herab lag dichter Neuschnee. Der Pfarrer versicherte, der Berg werde nach starkem Neuschnee meistens ganz klar und bleibe es zwei bis drei Tage. Äußerst wechselvoll ist am Berg das Spiel der Wolken. Am Morgen bis gegen 9 Uhr zieht bis zur Höhe von 4000 Meter ein langer schmaler Ring von Stratuswolken aus Osten über Süden nach Westen dicht um den Cotopaxi. Darüber ist ein Raum von etwa 1000 Meter Höhe ziemlich wolkenfrei, und über ihm steigen auf dem Westhang des Berges einzelne Wolkengruppen von Westen her bergan. Ganz oben kommt der Wolkenzug wieder aus Osten. Allmählich aber gewinnt von 9 Uhr an der östliche Luftzug die Oberhand, und bald ziehen alle Wolken des Berges nach Westen.

Am Mittag des 12. Juli ritten wir mit unserer kleinen Karawane und einem noch in letzter Stunde als Führer engagierten alten Hirten, der angeblich die ganze Süd- und Westseite des Berges bis zur Firngrenze hinauf kannte, nach Norden weg. Gleich hinter Mulaló betraten wir das Gebiet der Schlamm- und Schuttströme, die sich, ungeheuren Muren unserer Alpen gleich, durch die südwestlichen Bachschluchten des Cotopaxi herabgewälzt und nach Austritt in die Ebene zu riesigen Trümmerfeldern ausgebreitet haben. Furchtbar ist die Vermurung im Bereich des Rio Saquimálag mit seinen Zuflüssen. Unter den jüngeren Eruptionen haben die von 1853, 1877 und 1881 am meisten zu diesen Verwüstungen beigetragen. Dreiviertel Stunde ritten wir über das Trümmerfeld, das sich westwärts noch viel breiter ausflacht. Kolossale Blöcke verschiedenster Gesteinsarten sind zu Tausenden darüber verstreut und geben uns eine annähernde Vorstellung von der Gewalt dieser Schlammfluten.

Weiterreitend stiegen wir bald in die Quebrada des Rio Saquimálag (3145 Meter) hinab, der in einem etwa 150 Meter breiten Cañon zwischen 25 bis 30 Meter hohen Steilwänden von Tuff und Lapilli nach Südwesten fließt. Die Talsohle ist durch Geröll und Sand zu einer Ebene ausgefüllt, in der sich der Fluß fortschlängelt. Wenn aber bei Eruptionen die Schmelzwasser mit ihren Schlammfluten kommen, erfüllen sie in wenigen Minuten den ganzen 150 Meter breiten Cañon bis zum Rand.

All dieses Land ist begreiflicherweise nur sehr wenig mit Pflanzen bewachsen. Es ward erst allmählich besser, als wir aus der Quebrada Saquimálag auf die Hochterrasse hinaufkamen, wo die kleine Hacienda Ilitio (3275 Meter) inmitten von Lupinenfeldern steht.

Mehr als vorher merkten wir beim Weiterreiten, daß das Gelände in Stufen ansteigt. Die lange, aus der Ferne ganz ungebrochen erscheinende Kurve der Vulkanböschung ist in Wirklichkeit eine lange Folge von kurzen und langen Stufen, die zum Berggipfel hin immer steiler werden. Teils sind sie durch die übereinandergeflossenen, an der Stirn steil abbrechenden Lavaströme entstanden, teils durch die rückwärts einschneidende Erosion der Bäche. In einer solchen Erosionsbucht, Hondon de León genannt, ging es nun durch Busch und Gras auf eine Stufe hinauf, wo nur noch vereinzelte, von Wind und Wetter zerzauste Berberitzenbäume und wenige Sträucher der rotweiß blühenden Fuchsie im hohen grauen Grase stehen.

Kaum hatten wir diesen Páramo betreten (3450 Meter), da erschienen auch schon in Scharen die lieblichsten Kinder der alpinen Flora Ecuadors, die Gentianen. Da die Lasttiere erschöpft waren und Wasser in der Nähe war, während es weiter oben bis an den Schnee keines mehr gab, ließ ich hier im hohen Gras die Zelte zum ersten Cotopaxilager aufschlagen (3670 Meter), so daß uns für den nächsten Tag bis zur Schneegrenze noch etwa 1000 Meter übrigblieben.

Während sich die Peones an der Baumgrenze für die Nacht ein dürftiges Schutzdach aus Zweigen zusammensteckten und meine beiden Arrieros eine Biwakküche improvisierten, trat endlich der langersehnte Moment ein, wo wir den Bergriesen, dem wir nun schon so nahe auf den Leib gerückt waren, in Wirklichkeit zu sehen bekamen. Nach einem prasselnden Regenschauer riß das graue Gewölk im Nordosten auseinander, und da stand der Cotopaxi in seiner ganzen Größe, frei vom Scheitel bis zur Sohle. Wieviel hundertmal ich auch seit Jahren Bilder des Cotopaxi betrachtet und studiert hatte, wie oft ich auch von seiner Schönheit und Erhabenheit gelesen und gehört hatte, so hatte ich ihn mir doch nicht vorgestellt. Und Freund Reschreiter ebensowenig. Die plötzliche Erscheinung ergriff uns wie ein Zauber. Wir schauten hinauf, in Andacht versunken. Dann löste sich die Gemütsspannung in hellen Jubel aus; doch bald gewannen wieder Verstand und Wille die Oberhand, und jeder tat, was seines Amtes war: Reschreiter zeichnete und malte (siehe buntes Umschlagbild), und ich photographierte, maß und suchte den ganzen Berg mit dem Fernglas ab.

Von uns aus bergauf läuft nach wenigen 100 Metern die Páramovegetation in ihre letzten Zungen und Flecken aus, dann folgt ein breites Band von graubrauner Bimsstein- und Schuttwüste, durchzogen von zahllosen Neuschneestreifen, und darüber schwingt sich der gewaltige Schneekegel zum dunkelblauen Himmel auf, in so blendender Weiße, daß sich die Augen von Zeit zu Zeit abwenden müssen. Lückenlos lag der ungeheure Firnmantel um den Berg, einzig unterbrochen durch zwei relativ kleine dunkle Felspartien an der obern Westseite. Von vielen Seiten schien der Aufstieg zum abgestumpften Gipfel möglich, am direktesten im Westnordwesten, am nächsten aber für uns im Westsüdwesten auf die Südwestkuppe zu. Alles dies erweckte uns frohe Hoffnungen für die nächsten Tage.

Unterdessen war es im Lager wohnlich geworden. Die Arrieros lagen vor ihren primitiven Zeltchen im Gras und rauchten, die Peones kauerten unter ihrem schnell hergerichteten Laubdach um ein qualmendes Feuer und verzehrten schmatzend und schweigsam ihren gerösteten Mais, den »Mote«, und wir setzten uns vor unser kleines Zelt an den Klapptisch auf unsere beiden Blechkoffer, tranken Tee, ließen uns die warme Sonne behaglich auf den Rücken brennen, weideten uns an der unvergleichlichen Aussicht hinauf zum schneeigen Bergriesen oder hinunter in die bräunlich violette, von silbernen Wasserfäden durchwobene Ebene, hinüber zum breiten dunklen Rumiñagui und zum doppelzackigen firntragenden Iliniza und fern hinaus zum herrlichen Kuppeldom des Chimborazo und gingen wieder einmal auf in der ewig jungen Schönheit unserer alten Mutter Erde. Hoch über uns zog ein Kondor – die sich regelmäßig einzustellen pflegten, wenn wir irgendwo ein Lager aufgeschlagen hatten – seine Kreise am dunkelblauen Firmament, und am nahen Bach flatterten wilde Tauben und girrten im Liebesspiel. Das ist die Poesie dieser Gebirgslager, die man gegen keinerlei Bequemlichkeiten der Welt eintauschen möchte!

Am nächsten Morgen bannte uns zunächst ein kräftiger Regen stundenlang ins Lager. Gegen 9 Uhr aber blitzte plötzlich die Sonne durch die nassen Nebel, und sofort waren wir auf den Beinen zum Weitermarsch. Bis zur nächsten Hügelhöhe kannte sich unser alter Führer noch aus; wir indes ebenfalls. Dann aber hörte seine Wissenschaft auf, und die unserige begann, soweit sie uns nun der Berg selber lehrte.

Bis hierher hatte uns offener alpiner Busch begleitet. Von 4000 Meter an bis 4250 Meter finden sich nur noch wenige weit versprengte, dicht an den Boden geschmiegte Polsterchen von Alchemillen und kleine Büschel eines violetten Grases, dann durchreiten wir bis 4700 Meter eine hochalpine Wüste, ein »Arenal«, ein wellig ansteigendes Gelände von Lapilli, Schlacken, Bimsstein, vulkanischer Asche und Staub, dunkelgrau bis rotbraun in der Gesamtfärbung und größtenteils so fest, daß Menschen und Maultiere ohne viel Rutschen und Einsinken darauf fortkommen können. Nur selten ragt aus der Schuttdecke ein großer zackiger Felsklotz darunterliegender Laven.

Am Unterrand dieser wasserlosen Lapilliwüste brandet das Meer des vegetabilen Lebens empor, gewinnt da und dort etwas Terrain, weicht an anderen Stellen zurück, immer in Bewegung, immer wechselnd, aber in meßbaren Zeiten doch stets an ein bestimmtes Strandniveau gebunden wie der Ozean an der Festlandsküste. Das Bild vom unaufhörlichen schweren Kampf des Lebens gegen die feindlichen Gewalten der anorganischen Natur tritt uns nirgends in solcher Größe und Anschaulichkeit entgegen wie an der Vegetationsgrenze hoher Gebirge. Und wir selbst stellen uns mitten hinein, indem wir durch die Wüstenzone der Schnee- und Eisgrenze entgegenziehen, die als eine zweite vielbewegte Strandlinie das andere, von oben herabwogende Meer der Firnfelder und Gletscher säumt. Auch dort ein ewiges Fluten und Zurückebben, und zwischen den beiden großen einander entgegenstrebenden Massenbewegungen, zwischen dem Leben und dem Tod, der schmale trennende Streifen vermeintlichen Festlandes, das unbewegt und unbeweglich erscheint, aber doch ebenso in fortwährender Bewegung ist.

Nun begannen wir auch die Gewalt des Windes zu fühlen. Mit wachsender Stärke braust er aus Osten vom Berg herab uns entgegen, böenartig und stoßweise, und zwingt uns bald, von unseren Tieren zu steigen, da diese nicht mehr vorwärts zu bringen sind, sondern bei jedem neuen Windstoß kehrtmachen und dem Sturm die unempfindlichere Rückseite entgegenstemmen. Wir werfen den Tieren die Zügel über den Hals und gehen voran; sie folgen langsam, weit hinter ihnen die beiden Arrieros mit den Lasttieren, die ihre Bürden immer noch weiter bergan schleppen, so sauer ihnen auch das Atemholen in der dünnen Höhenluft mit Schnauben und Keuchen und zitternden Flanken wird. Weit hinter den Tieren der Trupp meiner zum Lastentragen angeworbenen Peones, die wegen der Ausdauer der Tiere überhaupt nicht in Tätigkeit traten, und am Schluß der träge Dolmetscher Santiago und der alte »Führer«, der nie vorher in dieser Bergeshöhe gewesen war.

Mein etwas nördlicher Kurs brachte uns bald an den Steilrand der tiefen Schlucht des Puca-huaico. Ich sah, daß sie sich hier nur mit großem Zeit- und Kraftverlust traversieren ließ, darum blieb ich auf unserer bisherigen Seite und stieg ostwärts, den Schneefeldern entgegen, weiter bergan.

Paul Großer 1902.

Der Antisana von Westsüdwest aus; Standpunkt 4300 m.

Wir blieben auf dem »Arenal« bis zur Höhe von 4576 Meter, wo das erste Neuschneefeld begann und die hohe Stirn eines ältern Lavastroms ein kleines, ziemlich ebenes Aschenfeld halb umschließt. Hier an den Felsen, bergwärts einigermaßen geschützt gegen den scharfen Wind, wurden die beiden Zeltchen aufgestellt und mit schweren Steinen ringsum verankert. Kochwasser lieferte uns der Schnee, Trinkwasser hatten wir in einem Fäßchen mitgebracht, und Feuerholz hatten wir von den letzten verwetterten Chuquiraguasträuchern mitgenommen. In unserer Zeltumgebung wuchs nichts mehr als ein versprengtes Exemplar von Senecio microdon, ein zwerghaftes, pelzhaariges Polsterchen, und eine einzige Hypochaeris sessiliflora, eine kaum 2 Zentimeter hohe kleine Rosette.

Der Westgletscher des Antisana.

Nach einer Zeichnung von Rudolf Reschreiter.

Sobald alles in Ordnung gebracht war, schickte ich Menschen und Tiere nach der Hacienda Ilitio zurück, von wo aus sie uns in zwei Tagen wieder abholen sollten. Wir waren unser vier geblieben; außer uns beiden Europäern mein Faktotum Santiago und ein junger gutmütiger, in Wollponcho und doppelte Schaffellhosen gepackter Indianer, der Feuer machen, Schnee schmelzen, Reis kochen und während unserer Hochtour das »Haus« hüten sollte.