Büffeljagden.
In Ostafrika gilt das Gehörn eines starken Kaffernbüffels als die schönste Trophäe, die ein Jäger erbeuten kann. Nicht mit Unrecht steht hier der Büffel über dem Löwen; denn ob man einen Löwen antrifft, ist meist Zufall, und die Reviere, in denen man mit der Absicht, Löwen zu schießen, pirschen kann, sind selten. Der Erfolg ist weniger von der eigenen Kunst als vom Glück abhängig. Wer aber heute Büffel jagen will, muß sie suchen, darf keine Mühe und Anstrengung scheuen und kann dann den Erfolg meist dem eigenen Geschick zuschreiben. Wer die entlegenen, schwer zugänglichen Plätze, an denen Büffel stehen, nicht aufsucht und sich von Mißerfolgen abschrecken läßt, wird die heimlichen Rinder der Wildnis nicht zu sehen bekommen.
Man unterscheidet mehrere Arten von afrikanischen Büffeln; unter ihnen ist der Kaffernbüffel der stärkste. Ihm nahe steht der abessynische; der westafrikanische Rotbüffel ist kleiner, die Hörner sind kurz, die hellere, gelbbraune Färbung läßt den Ausdruck der Wildheit nicht so stark hervortreten.
Den Kaffernbüffel zeichnet seine Seltenheit, seine aus vielen Berichten bekannte Angriffslust und Gefährlichkeit aus, und macht die Jagd auf ihn zu dem reizvollsten Unternehmen, das der Jäger in Ostafrika kennt. Von ihren Büffeljagden erzählen selbst alte Jäger mit großer Wärme und Begeisterung, und ich habe oft gemerkt, daß mein Ansehen als Jäger bedeutend stieg, wenn ich meine starken Büffelgehörne zeigen und wenn ich glaubhaft machen konnte, ich habe sie selbst erbeutet.
Nach dem, was ich mit den Büffeln erlebte, verstehe ich auch, daß jeder erfahrene Jäger den Erzählungen von Büffeljagden mit besonderer Neugierde lauscht.
Der Büffelstier trägt gewaltige, helmartig auf dem starken Knochenbau des Kopfes aufgesetzte Hörner, die bei alten Bullen eine Breite von 30 Zentimeter und eine Auslage von über 1,20 Meter erreichen und deren Masse sich auf dem Scheitel fast vereinigt. Während diese schützend auf dem Schädel aufgelegte und durch starke Knochenzapfen getragene Hornmasse das Tier befähigt, durch die Wucht seines Ansturms niederzudrücken, was sich ihm in den Weg stellt, und starke Stöße aufzufangen, bilden die nach vorne und oben gebogenen spitzen Hörner eine Waffe, die gefährliche Verletzungen austeilen kann. Die Hörner sind nach hinten geneigt und verlaufen, sich verjüngend, in regelmäßiger Biegung bis zu den Spitzen.
Der Anblick des herrlichen Gehörns ruft in dem Jäger den Wunsch wach, den kräftigen Tierkörper einmal zu sehen, der diesen Kopfschmuck als Schild und Waffe vor sich herträgt.
Büffel; Seltenheit.
Leider ist aber der Kaffernbüffel[15] in Ostafrika jetzt ziemlich selten. Während früher ganze Herden der Tiere in den Gebieten zwischen Tana und Rovuma zu finden waren, leben heute nur noch kleine Trupps, die die Rinderpest durch Zufall oder besondere Veranlagung überstanden haben.
Ihr Aufenthalt ist nicht mehr in den offenen Steppen, wie in früheren Zeiten, sondern in schwer zugänglichen, von Menschen gemiedenen Schilfniederungen und einsamen, kühlen Wäldern mit guten Weiden und Wasser.
Ich hatte Glück mit den Büffeln.
Allerdings habe ich den ersten Büffel, ebenso wie seinerzeit den ersten Hirsch, den ersten Elefanten und später auch das erste Nashorn, das ich sah, nicht zur Strecke gebracht.
Es war am Rufiyi; ein Abend nach langem Marsche. Ich suchte Wild, um die hungrigen Mägen meiner Askari und Träger zu füllen; traf im hohen Schilfgras alte und neue Büffelfährten, folgte hierhin und dorthin, bis die Sonne dem Horizont nahe war, und blieb endlich auf einer kleinen Anhöhe stehen. — — Da sah ich, wie sich aus einem dunklen Etwas, das ich für einen Erdhügel angesehen hatte, ein gekrümmtes Horn erhob. — — Ein Büffel auf etwa dreißig Schritt!
Die Sonne steht genau über dem Tierkörper und blendet mich, während die Umrisse der regungslos verharrenden Masse in dem Feuer des Lichts verschwimmen, so daß ich auf dem dunklen Tierkörper nichts unterscheiden, und nur aus der Stellung des plötzlich aufgetauchten Horns schließen kann, wo ich die Stirn etwa zu suchen habe. Schnell greife ich nach der Büchse, die ein Schwarzer trägt, und schieße kurz entschlossen auf den Kopf etwas unter die Hörner.
Der Büffel wirft sich herum und verschwindet, in hohem Schilfgrase davontobend.
Ich folgte der Fährte des kranken Stiers, solange es das Tageslicht erlaubte. Er war im Galopp durch das Schilf gestürmt; an mehreren Stellen fand sich Schweiß. Als ich der Fährte eine halbe Stunde lang nachgegangen war, wurde es dunkel und ich mußte die Jagd abbrechen in der seltsamen Stimmung, die jeder Jäger in der Lage kennt: Grübeln, Hoffnung, Ausfragen aller Leute, die so aussehen, als könnten sie einem Mut zureden, Vorwürfe gegen sich selbst und das ewige „wenn“ und „aber“ auf alle durchlebten Momente der Jagd angewandt; endlich wieder hoffnungsfrohes Ausmalen des Erfolges: wenn wirklich der erste Büffel zur Strecke gebracht wäre! Und der Gedanke an den und jenen Freund, dem man seine Freude mitteilen wird!
Aber ich mußte mir sagen, daß die Hoffnung, den Büffel zu finden, gering war; denn ein Kopfschuß hat nur Sinn, wenn er das Gehirn trifft und das Tier gleich umwirft.
Bei ruhiger Überlegung wußte ich, daß dieser Büffel für mich verloren war, und in bösen Augenblicken peinigte mich der naheliegende Gedanke, daß mein Schuß dem edlen Tiere Verletzungen am Geäse beigebracht haben konnte, die ihn an der Aufnahme von Nahrung hinderten und zum Hungertode verurteilten, eine Möglichkeit, die schon manchen sicheren Schützen und gewissenhaften Jäger von den Kopfschüssen abgebracht hat.
Auf den Kopf habe ich geschossen, weil mir aus Wißmanns und anderer Jäger Schilderungen in Erinnerung war, daß ein Büffel stets annimmt und weil die Entfernung zwischen mir und dem Büffel zu gering war, als daß er, durch einen Blattschuß verwundet, mich nicht mehr hätte erreichen können. — Ein Kopfschuß, der das Gehirn trifft, tötet jedes Tier auf der Stelle.
Es ist mir nicht klar, wie ich den Büffel getroffen habe. Mit einem Blattschuß oder Weidewundschuß hätte ich ihn jedenfalls zur Strecke gebracht.
Ich mußte am nächsten Morgen weitermarschieren. Erprobte Eingeborene suchten den kranken Büffel noch tagelang und stellten fest, daß er lebte und die alte Wasserstelle, einen unzugänglichen Sumpf, annahm. Die Leute kannten ihn als den „roten“ Büffel; er sollte ausnahmsweise rötliche Behaarung tragen, was ich bei der Beleuchtung nicht sehen konnte.
Ein Mißerfolg.
Daß ich den ersten Büffel nicht hinter die Schulter schoß, konnte ich mir lange nicht verzeihen und mein Wunsch, so edles Wild wieder zu treffen und dann die Scharte auszuwetzen, wurde immer brennender.
Wenige Monate später schien er in Erfüllung zu gehen. Als ich wieder einmal in eine Gegend kam, in der ich die ziemlich frische Fährte eines starken Büffels sah, nahm ich meine zwei besten und ausdauerndsten Leute mit und suchte vom frühen Morgen an nach dem heimlichen Wild. Nach rastlosem Marsche durch offenen Busch mit eingestreuten Grasflächen kam ich gegen drei Uhr nachmittags an eine Schilfniederung, warf mich ermüdet im Schatten eines großen Mangobaumes nieder und schickte Sefu, meinen Gewehrträger, in den Baum, um nach Wild auszusehen. Ali, mein zweiter Begleiter, umkreiste die anderen Mangobäume und entdeckte an den von Menschen und Tieren bereits abgeernteten Bäumen noch einige versteckte Früchte.
Wenn es doch überall Mangobäume und Kokospalmen gäbe! dachte ich (— — dann, muß es allerdings heißen, würden die Neger gar nicht arbeiten!). Der Saft einer Kokosnuß oder das Fleisch einer reifen embe dodo, einer großen Mangofrucht, gehören nach anstrengendem Marsch zu den großen Genüssen, die Afrika bietet. Im Schatten eines fruchtbeladenen Mangobaumes ruhend, kann man getrost singen: „Bei einem Wirte wundermild, da bin ich heut zu Gaste.“
Die einzigen Störenfriede waren heute Ameisen, die in reichlicher Anzahl den Boden bedeckten und mich aus dem kühlen Schatten vertreiben zu wollen schienen.
Ich dachte gerade, ob ich wohl einen Büffel zur Strecke bringen würde und dann den ersten Mißerfolg auf das heiß begehrte Wild vergessen, als Sefus Stimme hoch oben aus dem Baume erklang: „Ich sehe Wild. — Vielleicht Wasserbock!“ Wie mich die Meldung des Schwarzen aufspringen ließ! Merkwürdig: ich glaubte nicht an Wasserbock, und war fest überzeugt, es müsse das ersehnte Wild sein.
Mit neuem Mut stieg ich selbst auf den hohen Baum und sah durch das Doppelglas einen langen, grauen Wildkörper, der mir für die Entfernung von etwa 1500 Meter sehr groß erschien; das mußte ein Büffel sein! Schnell die Richtung eingeprägt und dann durch hohes Gras drauflos.
Als wir noch nicht an der Stelle angelangt waren, die ich mir gemerkt hatte, klettere ich wieder auf einen Baum, dessen schwache Äste soeben meinem Zweck genügten, konnte aber den Büffel nicht mehr an dem alten Platze sehen.
Vor mir lag ein Sumpf mit hohem Schilf in einer Ausdehnung von etwa 700 Meter Länge und 300 Meter Breite. An dem jenseitigen Rande des Sumpfes fand ich mit dem Auge die Stelle wieder, an der der Büffel gestanden hatte.
Ich überlegte noch, ob ich den Sumpf umgehen und die Fährte aufnehmen sollte; da blickte ich zufällig unter mich und gewahrte den Büffel etwa fünfzig Schritt von mir entfernt, wie er langsam durch das Schilf ging und gerade eine kleine, tiefere Pfanne passierte, in der die Gräser weniger hoch waren.
Schnell winke ich dem Sefu, mir die Büchse zu reichen, — — das gelingt; und von meinem schwankenden Beobachtungsstand aus gebe ich dem stahlblau aussehenden Tiere einen Schuß hinter die Schulter, gerade als es in höherem Schilf verschwinden will.
Gut getroffen macht der Bulle ein paar mächtige Galoppsprünge, und ich sehe an der Bewegung im Schilf, wie weit er geht. — — Das ist kaum mehr als 30 Meter vom Anschuß.
Nichts regte sich mehr.
Meine Neger standen unter dem Baum, reckten die Hälse, konnten aber nicht über das hohe Gras hinweg sehen. Ich reichte die Büchse hinunter — ein verfluchtes Gefühl, die geladene Büchse an der Mündung fassen zu müssen oder sie in der Lage herauf zu bekommen! — und stieg selbst von meiner Kanzel.
„Nyati!“[16] sagte ich in würdevollem Tone zu meinen beiden Getreuen, denen ich vor Freude je fünfzig Rupie geschenkt hätte, wenn ich sie zur Hand gehabt hätte.
Ich war in einem Zustand, wie ein Kind vor der verschlossenen Tür, hinter der der Weihnachtsmann ausgepackt hat. Noch ist das Geschenk nicht mein, aber ich weiß, daß ich es bekomme. — Nur Geduld!
Ich wollte eine Stunde warten, um dem Büffel Zeit zu lassen, sich zu verbluten.
Ein kapitaler Kaffernbüffel; das am meisten begehrte Wild in Ostafrika.
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GRÖSSERES BILD
Solange es im Schilfe ruhig blieb, war es gewiß, daß er sich schwerkrank nieder getan hatte; darum jetzt ruhig Blut, den haben wir!
So saßen wir zu dritt unter dem kleinen Baume und hingen unseren Gedanken nach, die gemeinsam bei dem Büffel verweilten. Doch dachten meine Schwarzen wohl mehr an den Braten, ich an mein Jagdglück. — Alles war mir heute günstig gewesen, als Lohn für die Ausdauer: die zufällige Entdeckung des Wildes, mein Entschluß, den kleinen Baum zu besteigen — an dem wir schon vorbei waren, als ich dachte: besser ist besser —, endlich der Umstand, daß der Büffel gerade die Stelle kreuzte, an der das Gras so niedrig war, daß ich wenigstens den Rücken sehen konnte.
Nach etwa zwanzig Minuten wurde den beiden Negern die Zeit des Wartens zu lang und sie schlugen mir vor, nachzusehen, ob der Büffel tot sei.
Wider bessere Einsicht ließ ich mich verleiten; die Neugierde gewann auch bei mir die Oberhand. Ich gab die Richtung an. Sefu aber nutzte einen Termitenhügel aus, im Vorbeigehen einen Ausblick zu gewinnen und war noch nicht halb oben, als er sich plötzlich duckte und mich heranwinkte.
Der kranke Stier.
Ich berühre im Vorbeigehen die Blätter einer kleinen Fächerpalme. Da steht fünf Schritt vor mir, also unmittelbar hinter dem Hügel, der Büffel auf, ein mächtiger dunkler Stier!
Die Flanke ist rotgefärbt von Schweiß, der Kopf mit den gewaltigen Hörnern vorgestreckt.
Ohne Besinnen gebe ich ihm zwei Blattschüsse, während er davonrast.
„Gehen wir nach,“ sagten Ali und Sefu zu meiner großen Verwunderung.
„Ist der Büffel nicht gefährlich?“
„Ja, wenn einer jagt und seine Bibi wird ihm untreu.“
„Sonst nicht?“
„Nein!“
Dies „nein“ kam so überzeugend heraus, daß auch in mir der letzte Zweifel an der Ungefährlichkeit des Büffels zerstört wurde.
Die Fährte war leicht zu verfolgen. Das hohe Gras war an der linken Seite ununterbrochen rot gefärbt und unsere Kleider wurden von dem Blut durchtränkt.
Mehrmals wurde der Büffel dicht vor mir flüchtig, ehe ich ihn bemerkt hatte; das Gras war etwa drei Meter hoch.
Bei der Windstille hatte es keinen Zweck, lange zu überlegen; jede Folge war ausgesprochener Leichtsinn, denn der Büffel mußte uns wittern.
Aber in dem Suchen der Gefahr lag ein so seltener, heute leicht zu erlangender Genuß, daß ich immer wieder in die Nähe des totwunden Stieres ging.
Noch zwei Schüsse gab ich ab, doch anstatt aufs Blatt auf die Hinterschenkel, ich konnte nicht ausmachen, wo vorn, wo hinten war; erst als der Büffel weiter stürmte, merkte ich meinen Irrtum. Dann wurde das Gras so dicht, daß ich erst etwa auf sechs Schritt erkennen konnte, wenn der Stier vor mir stand. —
Ich sah die Gräser, die von seinem Atem bewegt wurden, — — — ging noch näher und sah den nassen Grind, - — die Nüstern, — — — die dunklen Lichter, — — — die gescheitelten Hörner, als er plötzlich unter lautem Krachen des trocknen Grases wild fauchend losbrach.
Wir stoben auseinander, erkannten jedoch im nächsten Augenblick, daß er auch diesmal nichts von der Untreue der Bibis wußte, er nahm eine andere Richtung.
Ich wollte ihm jetzt den Fangschuß geben und befahl meinem Leichtsinn ein energisches „Halt“!; nutzte wieder einen Baum aus und stand in noch windigerer Position, als ich dem Büffel den letzten Schuß von links hinter die Schulter gab.
Er ging nicht mehr weit.
Mit einmal begann er mächtig zu brüllen, mit feuchtem, großen Ton, wie nur Rinder es können. Alle halbe Minute ertönte das langgezogene tiefe „Eöh“, das einen ungeheuren, verzweifelten Schmerz auszudrücken schien: Er verendete.
Ich ging ganz in seine Nähe und blieb, andächtig lauschend, stehen. Der Wind war mir günstig. Sehen konnte ich nichts; dichtes Rohr sperrte die Aussicht auf wenige Schritte.
Endlich noch ein letztes schmerzvolles Brüllen, dann peitschte der Schwanz den Boden und es war still.
Ich ging hinzu.
Der Nashornhügel am Jipesee.
Während bisher Busch und Dornen ein immer gleichmäßiges Bild boten, begann hier eine vielseitige Vegetation. Hyphaenen (Dumpalmen) wurden immer zahlreicher und bildeten in der Ebene ganze Wälder. An den Ufern des Panpani erhob sich schattiger Wald mit Phönixpalmen, Schirmakazien und Affenbrotbäumen. Auf den Hügeln standen Euphorbien und Juniperussträucher. — Weiße Stellen an den Steinblöcken bezeichneten den Aufenthaltsort von Klippschliefern.
Der erste Büffel zur Strecke.
Da lag der starke Wildstier mit der prächtigen Zier auf dem breitgestirnten Schädel, mit einem Gesichtsausdruck, in dem Kraft und Selbstbewußtsein zu liegen schienen — wenn es erlaubt ist, in dem Gesicht der Tiere wie im Menschenantlitz zu lesen. —
Ich habe noch kein Tier gesehen, das im Tode so edel und schön aussah.
Als ich in freudiger Bewunderung dastand, fuhren Wolken herauf und mächtiger Donner rollte von den nahen Bergen herüber. Mir war, als sei, was die Natur hier gab, für mich allein gemacht, für mich, den einzigen Weißen in weitem Umkreise. — — Freude und Stolz beherrschten mein Empfinden, während ich das Glanzhaar am Halse meines ersten Büffels streichelte.
Im August 1906 jagte ich am Paregebirge im Norden Deutsch-Ostafrikas auf Büffel.
Von Osten den großen Jipesumpf erreichend, hatte ich gesehen, daß Büffelfährten hier und da meinen Weg kreuzten und erkundigte mich bei den Eingeborenen nach den Gewohnheiten des Wildes. Die bezeichneten die kleine Landschaft Ungueno als den jetzigen Standort der Tiere.
Am Jipesumpf schlug ich das Hauptlager auf, nahe an dem großen, dichten Papyrushain, der sich in ungeheurer Ausdehnung an das flache Wasser des Sees anschließt.
Hohe Tamarindenbäume säumten das Ufer, in ihren Ästen hingen Bienenkörbe der Eingeborenen. Prächtige, bunte Vögel ruhten auf den Büschen, große Züge von Pelikanen, Reihern und Störchen schwebten in der Luft.
Der Blick auf das Paregebirge war von großer Schönheit. Man konnte die Pässe, die in das Hochland führen, erkennen und die Täler vermuten, die Wasser in die Ebene leiten.
Büffeljagd am Paregebirge.
Drei Tage brauchte ich, um in dem weiten, beschwerlichen Gebiet endlich die Wasserstellen aufzufinden, an die sich die Büffel jetzt hielten. Vom ersten Morgengrauen bis in den späten Abend war ich täglich unterwegs, um Fährten zu suchen.
Das in Betracht kommende Gebiet war eine mit dichtem, hohen Gras und Gebüsch bewachsene Ebene, die auf drei Seiten von bewaldeten Bergen eingerahmt wurde und nach dem Sumpf hin offen war. Nur Büffel und Nashörner waren zu spüren. Von allen Fährten hieß es „gestern“ oder „vorgestern“ und die Tiere wurden mir von Stunde zu Stunde geisterhafter.
Am ersten Tage durchsuchte ich die Ostseite, am zweiten die Westseite der Abhänge. Die Büffel hatten alte, ausgetrocknete Wasserstellen besucht und in schattigem Busch gelagert, in einem Labyrinth von Ästen und Blättern. Da drang das gedämpfte Sonnenlicht hinein und erhellte die verlassenen Schlafplätze.
Oft in gebückter Haltung und durch ein Wirrwarr von Dornen, Gras und Ranken schlichen wir vorwärts; ich mußte dem Führer — Makange hieß er — zugeben, daß es ein schwieriges und höchst bedenkliches Unternehmen war, in dieser Jahreszeit, bevor die Steppenbrände das Unterholz gelichtet hatten, Büffel zu jagen. Die Aussicht auf Erfolg schien denn auch immer mehr zu schwinden. Aber ich wollte die der Aufgabe gewidmete Zeit nicht umsonst geopfert haben und dachte nicht an Umkehr!
An den Ästen großer Bäume hängen die Neger ausgehöhlte Baumstämme als Bienenkörbe auf.
Am zweiten Abend schlief ich in einem kleinen Bergzelte, an der Stelle, wo der Weg nach Moshi den Fußpfad ins Paregebirge kreuzt.
Eine einzelne, hohe Dumpalme, mit abgestorbenen Blattstielen seltsam geschmückt, schüttelte neben mir ihr Fächerhaupt. Ganz zart tauchte am Abendhimmel der Schneedom des Kilimandscharo aus den Wolken empor.
Ich lag in dem kleinen Ausschnitt, der den Eingang zu dem Zelte bildete und schrieb in mein Tagebuch. Die roten Flackerlichter des von den Negern entfachten Holzfeuers kämpften auf dem Papier mit dem blauen Tageslicht und trugen bald den Sieg davon; die Nacht brach herein.
Am Morgen des dritten Tages spürten sich mehrere Nashörner, die am Sumpf zur Tränke gekommen und nach den Abhängen zurückgewechselt waren. Sonst nicht eine frische Fährte von Antilopen oder Raubtieren!
Nur ein Zierböckchen stand im Busch und kratzte sich mit dem Hinterlauf am Kopfe!
Gegen zehn Uhr am Vormittag fand ich, von Süden kommend, endlich die Fährten der Büffel, an einem Waldbach.
Nun kam es mir nur noch darauf an, festzustellen, ob die Herde südlich oder nördlich von diesem Bache stand. „Südlich“ war die Antwort der Leute, die ich in dem Wasserlauf aufwärts schickte; doch sie hatten Unrecht, und nach anstrengendem Absuchen des dichten Busches auf der Südseite fand ich gegen vier Uhr am Nachmittag die Stelle, an der die Herde den Bach nach Norden gekreuzt hatte!
Für heute war es zu spät; auf den nächsten Tag aber setzte ich große Hoffnungen, die auch in wunderbarer Weise in Erfüllung gingen.
Ich lagerte in dieser Nacht dort, wo der Bach, in dem die Büffel sich spürten, in der Steppe verfloß. Wieder hatte ich nur ein kleines, offenes Zelt mit und schlief ohne Bett und Moskitonetz zu ebener Erde.
Das Lagerfeuer wurde mit Sonnenuntergang gelöscht. Meerkatzen in den Bäumen über uns taten sehr verwundert über unsere Anwesenheit; die Frösche quakten unaufhörlich. Wenn sie aber einmal verstummten, dann horchte ich auf, denn dann war Wild in ihre Nähe gekommen. Ich zog schließlich die Decke ganz über den Kopf, um so vor den hier zahlreichen Mücken Schutz zu finden.
Es war noch dunkel, als ich am nächsten Morgen das kalte Wasser durchwatete, das meinen Schlafplatz von dem Walde trennte. Ich ging im Bache aufwärts und stellte fest, daß die Büffel ihn heute nicht angenommen hatten, also noch auf der Nordseite standen. Da es wenig Zweck hatte, den Spuren von gestern zu folgen, ging ich aufs Geratewohl in dem dunkeln, von Büffelpfaden durchzogenen Walde vorwärts und war ganz zufällig einer frischen Nashornfährte einige Zeit gefolgt, als nicht weit über mir am Berge das Röhren eines Büffels hörbar wurde.
Endlich war ich dem ersehnten Ziel nahe! Ich zog schnell Schuhe mit Gummisohlen an, die zu der im Rucksack mitgeführten nötigsten Ausrüstung gehören, und ging unter Wind auf die Stelle los, von der her ich den seltenen Laut vernommen hatte.
Dunkler, ästereicher Wald; der Boden mit vermoderten Blättern bedeckt; zwischendurch Buschpartien mit hellem Licht. Frühnebel strichen über die Baumkronen.
Büffel im Waldesdickicht.
Jetzt knackte ein Ast vor mir; wieder ein Brüllen, kurz abgesetzt.
Ich schlich auf einen starken, gefallenen Baum zu, über den hinweg ich gerade in eine Lichtung sehen konnte, als die ganze Büffelherde unter Krachen und Brechen von Ästen in der Dickung vorwärts drängte.
Zwischen Blättern und Ästegewirr konnte ich die schwarzen Tierkörper auf Sekunden sehen, wie sie auf etwa dreißig Schritt quer an mir vorbeizogen. Dem Lärm nach konnte ich glauben, sie seien flüchtig.
Sofort ging ich mit meinen drei Leuten auf die frische Fährte und sah hier mit Erstaunen, wie die Büffel, ohne Rücksicht auf ihre breiten Hörner, schnurstracks durch das Wirrwarr von Stämmen und Ästen gestoßen waren. Auch konnte man erneut beobachten, wie eine frische Fährte aussieht. Die Hufe waren über gefallene Bäume hinweggerissen, die Rinde frischer Stämme blutete und der Milchsaft von Pflanzen war in den Weg gespritzt.
Mit großer Vorsicht folgte ich auf der Fährte und brachte die Büffel, die irgend etwas Verdächtiges merkten, noch dreimal in Bewegung, ohne ihnen nahe genug kommen zu können.
Ich wollte bis Mittag warten; dann liegen die Büffel und schlafen.
Da ertönte in der Nähe lautes Brüllen, das wiederholte sich und klang gerade so wie das Todesbrüllen des verendenden Büffels am Rufiyi.
„Hier jagen Wapare aus den Bergen,“ sagte ich sofort zu dem Führer.
„Nein, Herr!“
Nun aber ließen sich menschliche Stimmen vernehmen, die sich durch Laute Zeichen gaben und einer meiner Leute rief:
„Seid ruhig, der Weiße will Büffel schießen.“
Als die Angerufenen nicht antworteten, wurde mein Verdacht zur Gewißheit und ich ging weiter, um nachzusehen, was dort los sei.
Plötzlich springt der Führer zur Seite und raunt mir hastig zu: „Ein Nashorn, Herr! dort im nächsten Busch!“
Büffel in einer Fallgrube.
Ich sehe wie sich in einer Vertiefung der dunkle Nacken eines Wildes bewegt, denke an ein Tier in der Suhle, kann aber nichts erkennen, bis ich auf etwa fünf Schritt an den Platz hinangehe. Da hebt sich ein Büffelkopf mit gewaltigen Hörnern aus der Vertiefung.
Ich stehe über dem Tiere und schieße von oben in den Rücken.
Der Stier versucht, aus der Vertiefung herauszuspringen, ist aber hilflos gefangen und ich erkenne jetzt, was ich hier vor mir habe: Den Büffel in einer von Menschen gegrabenen Wildgrube!
Dies seltene Bild sah ich mir nun etwas genauer an; die Grube verengte sich keilförmig nach unten und hatte ungefähr die Länge des Büffels. Der Körper des Tieres war fest eingeklemmt; so sehr der noch lebende Büffel versuchte, vorne hoch zu kommen, er fiel immer wieder zurück. Er war so wehrlos, daß ich ihn an die Hörner fassen konnte.
Als das meine Leute von den umstehenden Bäumen aus sahen, kamen sie auch herbei.
Mähnenlöwe (in Ostafrika selten; ich überraschte einmal vier Mähnenlöwen an einem geschlagenen Zebra).
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GRÖSSERES BILD
Dutzende von frischen, etwa sechs Zentimeter breiten Speerstichen im Hinterteil des Büffels zeigten, auf welche Weise die Fallensteller versucht hatten, das Tier zu töten und erklärten mir auch das schmerzerfüllte Brüllen, das ich vorhin gehört hatte. Ich photographierte den Büffel in der Grube und gab ihm den Fangschuß.
Büffelstier, in einer Wildgrube lebend gefangen.
„Ein so schönes, großes Gehörn habe ich noch nie gesehen,“ sagte der Führer, der hoffte, alle Mühe und Arbeit sollte nun zu Ende sein. Als ich ihm aber erklärte, dies sei nicht mein Büffel, ich wollte meinen Büffel ohne Hilfe der Wapare schießen, meldete er mir, er müsse nach Hause, seine Bibi erwarte den Klapperstorch. „Was haben bloß die Weiber immer mit meinen Jagden zu tun?“ dachte ich. Da ich aber schon lange an derartige seltsame Fernwirkungen nicht mehr glaubte, entgegnete ich ihm: „Erst wollen wir noch einen Büffel haben, so lange kann deine Frau noch warten.“ — Damit mußte er zufrieden sein; denn wie fast immer bei den Negern, war der Grund seines Urlaubsgesuchs erfunden.
Ich legte mich auf die Lauer und ließ den Führer die vorhin gehörten Zurufe wiederholen und dadurch die Fallensteller heranlocken. Es gelang, sieben der wild aussehenden, mit Bogen, Keulen, Schwertern, Speeren und Messern bewaffneten Kerle zu fangen, die ich gebunden nach Moschi sandte, wo sie mit mehreren Monaten Kettenarbeit bestraft wurden.[17]
Das war ihr Lohn für die Hilfe, die sie mir unbeabsichtigt geleistet hatten.
Bei dem Wild ließ ich zwei meiner Leute, die den Kopf abschneiden und das Fleisch zerteilen sollten, was bei der Lage und der Größe des Büffels in der engen Grube keine geringe Arbeit gewesen sein wird. Zum Glück waren mehrere meiner Träger den Schüssen gefolgt, so daß ich die Gefangenen zum Lager schicken und mehr Leute zum Fleischholen bestellen konnte. Ich pirschte weiter und traf auch bald wieder auf die Büffel. Als ich ihnen nahe war, hakte ein Dornzweig an meiner Jacke und schnellte mit Geräusch zurück; die Büffel sausten los. Die Fährte, der ich noch kurze Zeit folgte, führte an Dutzenden von Wildgruben dicht vorbei; leicht hätten noch mehr Büffel da hineinfallen können.
Die Wildgruben.
Die Gruben waren mit großer Sorgfalt und vielem Geschick angelegt, oben etwa 1,10 Meter breit und 3 Meter lang, 2,50 Meter tief, und verengten sich nach unten stark.[18] Auf halber Länge der Grube war in dem harten Tonboden eine achtzig Zentimeter hohe Querwand stehen gelassen, die verhindert, daß der Büffel die Hinterläufe zu weit nach vorne setzt und sich so herausarbeiten kann. Durch sein eigenes Gewicht wird der unglückliche Gefangene hier so in den Schacht gepreßt, daß die Flanken der Atembewegung nicht mehr ausweichen können und die Läufe dicht aneinander liegen, ohne die Sohle der Grube zu erreichen. Über die Fallen sind dünne Stöcke gelegt und darauf trockene Blätter und Gras.
Wapare, die ich beim Büffelfang ertappte.
Die Gruben befanden sich in den Wechseln der Büffel.
Wenn auch die ausgehobene Erde sorgfältig verdeckt worden war, war es bei Tage nicht schwer, die gefahrdrohenden Stellen zu sehen. Aber die Büffel werden nicht mit den Augen sichern, sondern mit der Nase. Die Wildsteller versuchen außerdem die Herde in schneller Gangart über die Fallen hin zu drücken, so daß die Wahrscheinlichkeit groß ist, daß ein Büffel, dem engen Pfad folgend, hineinstürzt.
Da keine Aussicht mehr war, die flüchtige Büffelherde heute noch zu erreichen, ging ich, um Platten zu entwickeln und die Kassetten meiner Kamera neu zu füllen, zu meinem Hauptlager am Jipesumpf zurück. Da kamen Leute und baten mich, gegen Abend einige Krokodile abzuschießen, die es sich an der Schöpfstelle des Dorfes allzu bequem machten. Ich schoß zwei der großen Echsen; ein Neger suchte die Tiere herauszuziehen, kam aber sofort zurück und beklagte sich über die Blutegel, die ihn im Wasser angefallen hätten.
Am nächsten Morgen suchte und fand ich bald frische Büffelfährten und folgte ihnen.
Wieder fiel der Mangel an jedem anderen Wild auf; nur Büffel und Nashörner waren in dem hohen, trockenen Grase zu spüren, während alte, eingetrocknete Fährten zeigten, daß sich hier zu anderer Jahreszeit Löwen, Leoparden und viele große und kleine Antilopen der verschiedensten Art aufhielten.
Sobald das Gras höher wird, verziehen sich, wie es scheint, die schwächeren Wildarten in die offene Steppe, aus Furcht vor den Raubtieren, die sich ihnen im Grase zu leicht nähern können. Nur die wehrhaften Dickhäuter, denen die großen Katzen nichts anhaben, dürfen sich weiter in der Kühle der Wälder aufhalten; wahrscheinlich würden auch die Antilopen und Zebras nicht in die sonnige, heiße Steppe gehen, wenn der Löwe nicht wäre.
Fährtensuchen.
Heute leisteten die drei ausgesuchten Neger, die mich begleiteten, gradezu Bewundernswertes in der Ausdauer und Gewissenhaftigkeit beim Fährtensuchen. Eine besondere Glanzleistung war es, festzustellen, wo die Tiere eine Waldwiese, auf der sie äsend hin und her gezogen waren, verlassen hatten. Da meine Leute zuverlässig arbeiteten, hatte ich nichts weiter zu tun, als mich fertig zu halten für den Augenblick, in dem wir auf die Büffel stoßen würden, und mich nur manchmal zu überzeugen, ob die Fährte, der wir folgten, frisch war.
Ohne Hilfe von Negern, allein eine Fährte zu halten, ist sehr ermüdend. Acht Augen sehen mehr als zwei; aber es gilt, sie richtig zu nutzen. Ich möchte sagen: es gibt auch eine Führung der Fährtensucher; und die muß der Schütze übernehmen. Er selbst sieht gerade aus und bleibt auf dem letzten, mit Sicherheit festgestellten Zeichen stehen. Von da aus kann er oft, indem er nur in der Richtung sieht, in der das Wild voraussichtlich gegangen ist, ein entferntes Zeichen sehen, dorthin gehen, seine Leute neu ansetzen und so Zeit und Nervenkraft sparen. In dem dichten Busch gibt es meist nur wenige Durchgänge, die das Wild genommen haben kann, und am wahrscheinlichsten ist es immer, daß es die Hauptrichtung inne gehalten hat; da wird zuerst gesucht. Allmählich bekommt der Jäger große Übung darin, ganz unauffälligen Merkmalen sichere Schlüsse zu entnehmen. Der Strich des Grases z. B. zeigt ihm, wo ein Tier hindurch gegangen ist. — Ich spreche selbstverständlich nur von trockenem Grase; denn im saftigen Grün kann jeder Laie einer Fährte folgen. —
Besonders wichtig ist es, darauf zu halten, daß niemand zu früh in eine Fährte läuft, von der nicht sicher festgestellt wurde, daß sie die richtige ist; sowie Menschen in der Fährte gegangen sind, wird sie verwischt und unkenntlich.
Die besten Aussichten auf erfolgreiche Arbeit hat man mit gewissenhaften Spürnegern, viel Verdruß aber mit solchen, die darauf losgehen und durch ein sicheres Benehmen die übrigen in Unaufmerksamkeit einwiegen. Wenn eine Fährte verloren ist, soll man nicht ausschwärmen lassen, um sie wieder zu finden, sondern befehlen: „Alle stehen bleiben!“ und mit den sachverständigsten zwei Leuten vorsichtig einen Kreis schlagen. Erst wenn das zu keinem Ergebnis führte, kann man die Neger in alle Richtungen schicken, um vielleicht in größerer Entfernung eine Spur wieder zu finden; das ist dann besser als gleich umkehren zu müssen.
Ich habe es oft so gemacht: mich ruhig hingesetzt und gegrollt, daß meine Methode nicht ohne weiteres zum Ziele führte und die Neger zu zwei und zwei in verschiedene Richtungen geschickt mit dem Befehl, nach einer halben Stunde wieder zurück zu sein, falls nicht ein Pfiff sie schon vorher riefe.
Die Reize einer solchen Fährtenfolge liegen in der Erwartung, jeden Augenblick das Wild zu sehen, für dessen Anwesenheit der Jäger als sicherste Urkunde den Abdruck der Hufe vor sich hat.
Pirschkunst.
Auf Umwegen leitete uns der Weg der Büffel heute an den Abhang des Berges. Immer schwieriger wurde es, ohne Geräusch vorwärts zu dringen, da wir durch verwachsene Schluchten und tief ausgewaschene Täler an steinigen Berghängen entlang geführt wurden.
Der alte Makange schlich vor mir. Er drehte sich mehrmals um, hob die kleine Holzkeule, die er in der Hand hielt, bedeutungsvoll und flüsterte: „Karibu ya kulala!“ („Sie sind dicht vorm Hinlegen!“) Das sah er aus der trägen Gangart der Tiere. Ich zog die Gummisohlen an, legte die steifen Ledergamaschen ab, zog den Rock aus, machte den Gewehrriemen von der Büchse los, weil er an Büschen hängen bleiben kann und setzte eine kleine Kappe auf, die weniger Geräusch macht als der breitkrempige Filzhut, wenn Blätter daran entlang streifen.
Äußerste Vorsicht war jetzt geboten.
An einer sandigen Stelle füllte ich mir die Hosentasche mit trockenem Staub und ließ von Zeit zu Zeit etwas davon fallen, um den Wind zu prüfen.
In dem dichten, von hohem Grase durchsetzten Busch, durch den die Büffel ihren Weg genommen hatten, war bestenfalls auf zehn Schritt zu sehen.
Es war kein Gehen mehr, es war ein Schleichen, ein Sichvorwärtsschlängeln, um jedes Geräusch zu vermeiden. Und dennoch: Wenn ich einmal stehen blieb und die Träger abwartete, die leise gingen und doch zu hören waren, dann hielt ich es für unmöglich, ungehört an die Büffel hinanzukommen; denn allein das Gras, das an den Beinen entlang strich und die trockenen Blätter, die dicht im Wege lagen, machten so viel Geräusch, daß es die ruhenden Büffel hören mußten!
Das stundenlange Vorwärtsschleichen und vergebliche Spähen ermüdet und macht schließlich ungeduldig, man vergißt die Vorsicht und geht zu schnell, ein trockener Ast knackt unter dem Fuße, ein Zweig schnellt zu plötzlich in seine Ruhestellung zurück, die Büffel stehen dicht dabei — — und alle Anstrengung war umsonst.
Wenn man nur ungefähr wüßte, ob die Tiere nahe sind!
Ich erwarte die Neger, setze mich hin und lasse mir Frühstück geben.
Nein, dieser Busch; wie da bloß ein Büffel durchkommt! — Man erkennt kaum, daß er es tat; die Zweige schließen sich hinter ihm und die Dornen strecken ihre Äste nach wie vor in den engen Paß. Nur Dickhäuter gehen unbeschadet durch: der Büffel mit seinem starken Kopfschild, und das Nashorn.
Welche Ausdauer gehört dazu, unter tropischer Sonne mitten am Tage den Fährten eines Wildes zu folgen, tagelang, mit so geringer Aussicht auf Erfolg; auf flacher Erde irgendwo im Busch zu schlafen; allein mit wenigen Negern.
Plötzlich ein Schnaufen, gar nicht weit: die Büffel haben sich verraten!
Jetzt weiß ich, daß ich nicht mehr stundenweit zu gehen habe und kann meine ganze Kraft daran setzen, unbemerkt, ungehört die nächsten hundert bis zweihundert Schritte zurückzulegen. So nahe bei den Büffeln zu sein: ein Bewußtsein, das die Lebensgeister freudig aufrüttelt!
Zu den nächsten hundert Schritten brauche ich etwa eine Viertelstunde.
Bei diesem Pirschen, diesem sich lautlos durch die Büsche drücken sind alle Muskeln und Sinne angespannt. Der Fuß sucht vorsichtig einen neuen Stützpunkt, die Schulter weicht einem Dornenzweige aus, der Kolben der Büchse wird Fuß für Fuß vorgesetzt.
Nach langem Warten gibt ein leises Schnaufen von neuem die Richtung an.
Der Wind ist gut.
Ich erreiche eine drei Meter breite, steinige Schlucht, an deren gegenüberliegender Seite im Dunkel der Büsche eine ungewisse Bewegung spielt.
Der Führer mit der Reservebüchse ist hinter mir; er umfaßt vor Furcht zitternd mein Handgelenk und bedeutet mich, stehen zu bleiben.
Büffel auf acht Schritte angepirscht.
Zwei Schritt turne ich noch vorwärts, ohne daß sich ein Steinchen löst oder ein Zweig knackt, hebe mich etwas und sehe den Rücken und das Hinterteil eines ruhenden Büffels, acht Schritt vor mir, wie im Kuhstall! Es ist sehr dunkel unter den Büschen, trotz der hellen Mittagssonne, doch erkenne ich bald auch im Schatten die Enden der Hörner, weit auseinander liegend, und zweifle gar nicht daran, daß ich einen starken Bullen vor mir habe.
Ich fühle unsagbare Freude, daß es mir gelang, ein Tier mit so feinen Sinnen auf die geringe Entfernung angepirscht zu haben.
Nach einer Weile regt es sich an einer entfernteren Stelle unterhalb im Busch, wo ein anderer Büffel etwas bemerkt zu haben scheint. Mein Wild erhebt sich langsam, ich kann die Umrisse beurteilen, und als es eben auf allen vier Läufen steht, schieße ich schräg von hinten auf den Rumpf.
Sofort rollt der Büffel zu Boden. Zweiter, dritter Schuß! Wildbrüllend arbeitet er sich wieder hoch, auf mich zu!
Ich weiche nach rechts aus, drücke mich an den Grabenrand und schieße den vierten und fünften Schuß. Mit einem tiefen Röcheln senkt sich der Kopf des vornüber stürzenden Büffels neben mir in den Graben.
Ich halte die Mündung der Büchse dem riesigen Tiere auf den Nacken und zerschmettere ihm die Wirbelsäule.
Das alles geschah in wenigen Sekunden; die Schüsse folgten aufeinander so schnell, wie man mit großer Übung überhaupt repetieren kann.
Der sechste Schuß war hinaus, — meine Büchse leer.
Das Gehörn des Büffels lag etwa ein Meter von meinem Knie entfernt.
Ich kniete noch fast an derselben Stelle, an der ich den ersten Schuß abgegeben hatte; die Tatsache machte dem Neger, dem einzigen Zeugen des wilden Vorganges, großen Eindruck.
Erst jetzt polterte die Herde der Büffel mit lautem Krachen den Abhang hinunter, ohne daß in dem dichten Gebüsch etwas zu erkennen war. Ich fand dadurch bestätigt, was der Führer vorher wiederholt behauptet hatte: „Wenn die Büffel in der Mittagshitze schlafen, kann man zwei, drei schießen, bevor sich die Herde erhebt!“ (Vorausgesetzt, daß man selbst die Büffel sieht!)
Ich betrachtete meine Beute; es war eine Büffelkuh. Die starken Hörner setzten erst an der Seite des Kopfes an, während die Stirnfläche, die beim Stier mit Hornwulsten bedeckt ist, nur Fell trug. Der Schädel mit den Hörnern allein hätte schlecht ausgesehen, ich beschloß deshalb den Kopf mit Fell bis zur Schulter zu präparieren und machte mich mit zwei Leuten an die Arbeit, während Irambe Maridadi zum Lager ging, um Leute zu holen und den Koch und die Boys zu der Lagerstelle von vorgestern hinzubestellen; ich wollte in der Frühe des nächsten Tages noch einmal die Hänge absuchen.
Wir arbeiteten drei Stunden lang hart; als die Träger kamen, war die Kopfhaut abgezogen und der Büffel in vierzehn Fleischlasten zerwirkt, auch eine große Menge Fett für die Küche bereit. Das starke Fell aber wurde von den Negern zur Anfertigung von Sandalen begehrt.
Der Abend war nahe, als ich mit drei Leuten aufbrach.
Die Neger rieten davon ab, den Weg zum kleinen Lager zu nehmen, es sei weiter, als ich glaubte; dennoch blieb ich bei meiner Absicht.
Die Dunkelheit brach herein; der beschwerliche Weg durch Dornen, Gestrüpp und Gras wollte kein Ende nehmen.
Wie zersetzend wirkte die Müdigkeit auf uns.
Die Neger rieten, liegen zu bleiben, wo wir waren.
Das wollte ich nicht; die Mückenplage, Kälte, Hunger und Durst trieben mich weiter.
Es war stockdunkel. Nur ein schwacher Schimmer ging von dem trockenen Steppengrase aus. Der finstere Busch war weit und nah, eine düstere unbestimmte Masse, mit dem Berg verschwimmend.
Die oft gehörten Stimmen der kalten Nacht riefen heute nur: „Ruht!“
Es war, als höhnten sie über unsere Ohnmacht.
Hell strahlte die Venus über den Bergkamm; sie war meinen Augen der Leitstern.
„Bana, wir werden in Wildgruben fallen!“ sagte der Makange, der vor mir ging. Kurz darauf klang seine Stimme von unten, wie ein Vorwurf zu mir herauf: „Siehst du!“ Und aus einer Grube zu meinen Füßen heraus kletternd, sagte er: „Ja, so ist es, wenn man Nachts hier geht.“
„Das schadet dir doch nichts!“
„Es kann ein Leopard in der Grube sein.“
Ich ging voran und war kaum fünfzig Schritte gegangen, da fühlte ich dünne Zweige unter mir federn und brechen, und mit Wucht fiel ich in eine Grube. Ich blieb eine Weile darin sitzen und rief hinauf: „Es ist sehr schön hier unten!“ Allein der Heiterkeitserfolg blieb diesmal schwach.
Voran! Der Busch wurde dichter, fast undurchdringlich. Die Leute blieben stehen; das dichte Gras wollte nicht weichen. Wie Filz waren Zweige und Gräser durcheinander gewachsen; Dornen hielten. Unwillig arbeitete ich mich vorwärts, fast erlahmte meine Kraft.
Da drängte sich Umnasi[19] vor mich, und er, der vom frühen Morgen keinen Augenblick ohne Arbeit gewesen war, brach wie ein Stier durch das Dickicht. So durchkreuzten wir eine düstere Waldecke. Da ertönte von ferne das Quaken von Fröschen; das war die Richtung auf unser Lager!
Schilfgras, so stark und dicht, daß es dem Körper Widerstand bot, sperrte den Weg; wieder war Umnasi vor mir, sprang hoch, warf sich auf das Gras und drückte die hohen Massen der Halme mit seinem Körpergewicht vor sich nieder; er hielt ein Beil in der Hand und trug auf dem Rücken einen gefüllten Rucksack. Was dieser brave Neger heute leistete, war bewundernswert. Er bahnte uns den Weg, bis ein Feuerschein aus den Büschen zu uns herüberleuchtete.
Ermattung.
So erreichten wir spät in der Nacht todmüde das Lager.
Als ich einschlief, hörte ich noch die Unterhaltung der Neger. Alle schimpften auf die niederträchtige Gegend, nur der unverwüstliche Umnasi phantasierte ihnen zum Trotz, er wolle sich hier anbauen und nicht mehr als Träger überall Dienst nehmen, er wolle zum Bezirksamtmann gehen und ihm sagen. „Ich, der Umnasi, bin da, gib mir drei Weiber, ich will jetzt eine Pflanzung anlegen. Und der Bezirksamtmann sagt dann: ‚Gut, Umnasi, das freut mich, hier hast du drei Weiber!‘ — Dann werde ich hier ein Haus bauen und viel Geld verdienen mit Mais, Mohogo, Reis, Matama, Bohnen, Ziegen — — —“
Neues Holz wurde auf das Feuer gelegt. Die Flammen leuchteten auf; ich fiel in tiefen, erquickenden Schlaf.
[15] Der Kapbüffel, der eigentliche Kaffernbüffel ist wohl ausgerottet; sein Gehörn unterscheidet sich von dem aller anderen ostafrikanischen Büffel durch kappenartige Fortsätze über der Stirn.
[16] Büffel.
[17] Der Tierfang in Gruben ist den Eingeborenen verboten, weil eine verständige Ausübung der Jagd, ebenso wie eine Aufrechterhaltung der Schongesetze damit unmöglich ist.
[18] Der ausgewachsene Kaffernbüffel ist etwa 2,60 Meter lang und 1,50 Meter hoch.
[19] richtig geschrieben: Mnazi = Cocospalme.
In Mombasa sah ich einen abnormen Elfenbeinzahn (linker Zahn). Es ist zu bedauern, daß der Schädel zu diesem Zahn fehlt, der Zahn beginnt schon, wo er in der Knochenhöhlung des Oberkiefers sitzt, sich zu winden; der Schädel muß also ganz auffallende Spuren einer schweren Verletzung tragen.