Daressalam.

Die Küstenplätze Ostafrikas, ihre Einrichtungen und Anlagen zu beschreiben, habe ich mir nicht zur Aufgabe gemacht. Gute Schilderungen von berufenen finden sich in vielen neuerschienenen Büchern; ich will nur einen kurzen Einblick geben in Dinge, die nicht oft erwähnt zu werden pflegen.

Daressalam.

Als S. M S. Bussard im Sommer 1904 in den Hafen von Daressalam einlief, war es noch das alte Daressalam; wir durften die ganz stille Zeit noch miterleben. Ein Jahr später begann der Bahnbau und brachte Leben in die Stadt. Die Kaufleute hatten zu tun, Unternehmer begannen den Bau der Bahnstrecke, ein Arbeitsmarkt entstand.

Der Aufstand kam hinzu, Marinetruppen kamen und gingen; oft lagen drei Kriegsschiffe zugleich im Hafen.

Die alte stille Zeit: Da war Daressalam Regierungssitz; für Handel und Verkehr aber nicht mehr als der Ausgangspunkt für die Pugustraße, die eine Tagereise weit ins Land führte. Die Karawanen des Zentralmagazins gingen von hier nach den Innenstationen.

Sobald man das Weichbild der Stadt überschritt, kam man in Busch, in Pflanzungen der Eingeborenen. Sehr bezeichnend ist der Ausdruck, den ich aus dem Munde des Herausgebers der Deutsch-Ostafrikanischen Zeitung hörte:

„Beim Anblick Daressalams hat man immer das Gefühl: ‚bado‘ (‚noch nicht!‘).“

Dieser Ausspruch soll etwa heißen: jeder, der das Land sieht, sagt: „ein reiches, aussichtsvolles Land!“ Immer neue kommen, gehen, erzählen daheim, wie schön es ist, und immer noch läßt der erwartete Unternehmungsgeist auf sich warten.

Das ist inzwischen freilich anders geworden: Daß ohne Bahnen kein noch so reiches Land erschlossen werden kann, hat nachgerade jetzt jeder eingesehen und bald wird man vergessen haben, welche Mühe sich das Gouvernement hat geben müssen, um in Deutschland richtige Ansichten über die Kolonie zu verbreiten.

Die anerkennenswerten Versuche, durch Wegebau, Begünstigung der Eingeborenenkulturen, — besonders was Baumwollbau anbetrifft, — die Produktion zu heben, werden hoffentlich bald von den Folgen des Bahnbaus in Schatten gestellt sein.

Wochenlange Reparaturzeit, die das Kriegsschiff dank der zu solcher Leistungsfähigkeit entwickelten Werft der Gouvernementsflottille im Hafen von Daressalam, anstatt in Kapstadt, verbringen konnte, gab uns Gelegenheit, an Land zu wohnen und das Städtchen kennen zu lernen.

Vor Wind und Wetter geschützt hatte das Schiff im Hafen, von Daressalam einen angenehmen Aufenthalt. In wenigen Minuten war das Land erreicht und nach kurzem Spaziergang konnte man — nötigenfalls durch drei Pfiffe — das Dinghi, (das kleinste Boot des Kriegsschiffs), mit einem Neger der Wache bemannt, querab am Strand haben, um schnell wieder an Bord zu gehen.

Der Entschluß, an Land zu gehen, wurde einem daher nicht so schwer, wie an Plätzen, wo das Schiff weit von der Küste auf Reede lag und nur wenige Routineboote den Verkehr mit Land aufrecht hielten. In dem Falle überlegte sich mancher, ob er sich den Unbequemlichkeiten der weiten Bootfahrt aussetzen sollte?

Wir Seeoffiziere waren in Daressalam stets in beneidenswerter Lage. Wenn man den Nachmittag nach beendetem Dienst mit Spaziergängen in den Palmenwäldern und in anregendem Verkehr mit den Offizieren, Kaufleuten und Beamten der Stadt verbracht hatte, dann brauchte man nicht in dumpfiger, heißer Stube unter ein Moskitonetz zu kriechen, sondern fuhr in wenigen Minuten auf sein schwimmendes Heim zurück, das von Insekten unbehelligt auf dem Wasser lag. Da fand man seine kleine Kammer vor und schlief bei der größten Hitze und Windstille gleich gut; weil ein kleiner, elektrischer Ventilator frische Luft über das Bett wehte.

So konnte man die Vorzüge des Landes genießen, ohne die Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.

— Einige Europäer haben schon daran gedacht, in Hausbooten auf dem Wasser zu wohnen, und den Zolldirektor in eine eifrige Debatte verwickelt über die Frage, ob sie dort Getränke zollfrei genießen dürften. —

Es trieb mich, die Stadt und das Leben in den Straßen zu sehen.

Vor Tageslicht stand ich auf. Als ich im Dinghi an Land fuhr, beleuchtete die Sonne warm die weißen Gebäude am Strand; am Zoll ging ich vorbei.

Da saß ein schläfriger, schwarzer Matrose und blickte auf die Araberdhaus, die neben der Brücke verankert lagen; dort regte es sich schon; die großen Segel wurden gehißt, kräftige schwarze Seeleute holten an dem Fall; die schweren Takel knarrten, während die Kokosstricke hindurchliefen.

Mit dem ersten Morgenwind trieb täglich eine Anzahl der malerischen Fahrzeuge dem Ausgang der Bucht zu.

Sie brachten Brennholz vom Rufiyidelta, Kopra von Tschole- (Mafia) oder Baumwolle von Kilwa und Mohorro; auch Gummi aus dem Dondeland, Getreide und Wachs.

Ein Boy führte mir das bestellte Reittier vor.

Wenige Europäer standen erst unter den Vorbauten der Wohnungen.

Ich ritt mitten durch die Negerstadt und sah mit Vergnügen zu, wie ein schreiendes Kind von seiner Mutter gründlich gewaschen wurde.

Straße in Daressalam.

Häuser der Europäer, aus Korallenstein erbaut. In dem linken Hause befindet sich die Druckerei der Deutsch-Ostafrikanischen Zeitung. Eine ‚Bibi‘ in mit großen Sternen bedruckte Tücher gekleidet, trägt eine Tasse mit Öl in der Hand. Zwei Träger mit Lasten auf Kopf und Schulter; Boys und ein Eselwagen der Gemeindeverwaltung.

Aus den Hütten kamen Negerinnen heraus, die morgens baden, Wasser holen und sich zum Marktgang vorbereiten.

Durch die Palmenpflanzungen der Sultansschamba erreichte ich die Ölpalmenquelle. Zwischen großen Abhängen senkt sich das Tal zum Creek hin, der zur Flutzeit vom Meerwasser überschwemmt wird. In dem feuchten Tale stehen ein Dutzend der an der Ostküste seltenen Ölpalmen als dunkle Gruppe.

Viele Negermädchen mit Blechtins und irdenen Töpfen waren auf dem Wege dorthin; an der Quelle schöpften sie Wasser in ihre Gefäße.

Auf der Straße nach Bagamoyo schritten drei Bibis rüstig aus. Die eine trug ein kleines Kind auf dem Rücken; in der Hand einen Regenschirm. Der Reiseanzug bestand aus sauberen, bunten Tüchern; ein Tuch war um den Kopf gewickelt. Ich fragte wohin sie gingen?

„Nach Bagamoyo!“

„In einem Tage?“

„Heute schlafen wir in Mbweni!“[1]

Sie gingen den Abhang hinab in das Simbasital, in dem viel Mangrovengebüsch steht und an die Überschwemmungen des Meeres zur Flutzeit erinnert.

Neger mit Feldfrüchten kamen aus den Schamben und gingen zum Markt.

Auf der Karawanenstraße begegneten mir Träger, die in den großen Hütten der Karawanserei übernachtet hatten; Fremdlinge, die das gedrängte Leben der Großstadt fast zu verwirren schien. Sie gingen zum Markt, um sich Essen zu kaufen: Matamamehl, einige Mohogoknollen und für 1 Pesa Fisch, in kleinen Stücken auf Pflanzenfasern gereiht.

Im Staube der Straße saßen am Wege kleine Mädchen hinter geschnitzten Holztellern, auf denen fettiges Gebäck und gebratene Fische zum Verkauf lagen. Hier kaufen sich der Boy, der zur Arbeit geht, die Bootsleute und die Hafenarbeiter ihr Frühstück.

Dicht dabei war eine regelrechte Eingeborenenkneipe, in der allerdings nur Sodawasser verschenkt wurde. Die Gäste genossen das prickelnde Getränk unmittelbar aus der Flasche. Auch Tische standen da und es wurde Karten gespielt. Hier verkehrten die oberen Zehntausend der Schwarzen, die Lebewelt, Boys, die gerade Geld bekommen hatten, und Askari. — Daß die Damen keinen Zutritt hatten, ist selbstverständlich. —

Die Mehrzahl der Gäste waren Stutzer mit langem, bis an die Knöchel reichendem Hemd, weißer, gestickter Mütze und dünnem Stöckchen. Mancher trug auch über dem Hemd eine Weste.

Die Quelle am Simbasital bei Daressalam.

Negerweiber kommen von weither aus der Stadt, um hier gutes Wasser für den Hausgebrauch zu schöpfen. In Tontöpfen und Petroleumtins tragen sie das Wasser auf ihren Köpfen heim. Im Hintergrunde des Bildes sieht man eine Gruppe der an der Ostküste seltenen Ölpalmen (Elaeis).

Durch enge Gäßchen kam ich auf einen sauber gefegten Platz, wie es viele in den Dörfern der Küstenneger gibt: Hütten mit offener Veranda, in der eine Bibi sitzt und Streifen Flechtwerk zu einer Matte zusammennäht. Zäune aus trockenen Palmblättern von grünen Bananen, Papayen und Zuckerrohr überragt; ein Mangobaum, in dessen Schatten ein halbes Dutzend Neger um eine polierte Tischplatte herumsitzen und Karten spielen.

Zwischen den Inderläden ritt ich entlang. Mädchen mit Körben auf dem Kopfe für Einkäufe, andere mit einer Flasche oder Tasse, um Öl zu holen. Auch dies wird auf dem Kopfe getragen; denn die Bibi will beide Arme frei haben, weil sie mit ihren nur lose umgeschlagenen Tüchern dauernd zu schaffen hat. An ihrer ganzen Kleidung, die aus zwei dünnen Baumwolltüchern besteht, ist kein Knopf, keine Naht.

Auch die Männerkleidung muß erst gesäumt und genäht werden. In offenen kleinen Buden sitzen ein halbes Dutzend fleißige Suaheli an Nähmaschinen, nähen Mützen und säumen Tücher. Ein merkwürdiger Geschmack wird vielfach dabei entfaltet, z. B. Nachahmung von Oberhemden der Europäer mit Manschetten, die ohne Knöpfe getragen werden und bei jeder Arbeit hinderlich sind.

Das Nähen ist nach Anschauung der Suaheli eine Arbeit, die nicht schändet und deshalb auch von Männern ausgeführt werden kann, während Feldarbeit, Bereitung des Essens, Wasserholen von dem vornehmen Suaheli den Weibern überlassen wird.

An der Markthalle gab ich mein Reittier einem Boy, der es in den Stall brachte.

Auf dem Markt war viel zu sehen. Zwischen den Säulen der Halle bewegten sich die Käufer und Käuferinnen.

Ich folgte einer Negerin, die einkaufte.

Sie nahm ihr Körbchen vom Kopfe und suchte sich eine halbe Kokosnuß aus; sorgfältig und sauber geöffnet lagen die Nüsse da; dann kam sie zu einem Händler, der fein geriebenen Tabak feilhielt. Das Quantum für je ein Pesa war in Papier gewickelt. Sie nahm aus einer Schale eine Probe und wischte den Tabak hinter die Unterlippe, dasselbe wiederholte sie bei dem nächsten Händler. Hier schien es besser zu schmecken; sie zahlte die Kupfermünze und nahm ein Päckchen. Dann wurde mit ähnlicher Sorgfalt ausgewählt: Mohogo, Fisch und anderes.

Jede Ware ist in kleine Portionen geteilt. Feilschen ist überflüssig, dennoch ist ein ohrenbetäubendes Reden, Lachen, Zetern und Schreien in der Halle. Askari, schwarze Polizisten, die Goanesenköche der Hotels drängen sich zwischen Leuten aus der Karawanserei und den vielen buntgekleideten Weibern.

Phot. aus Daressalam.

Negerkinder auf der Straße, beim Essen.

An Früchten liegen dort besonders Bananen, Lemonen, Papayen, Ananas, Zuckerrohr, Mohogo; auch Bohnen und Zwiebeln. Wer sich genauer für die Produkte interessiert, findet viele Dinge, die ihm neu sind.

Da werden auch gebleichte Blätter der Phönixpalme (zur Herstellung von Matten) verkauft und Wurzeln, aus denen der Farbstoff zum Färben des Flechtmaterials gewonnen wird.

An seltsamen Fischen sieht man: die großen Stachelrochen, mit meterlangen scharfkantigen Schwänzen, Tintenfische und Haie.

Das Haifischfleisch gibt einen widerlichen Geruch von sich und kann dem Europäer die Spaziergänge im Eingeborenendorf gründlich verleiden.

Der Markt hatte für mich große Anziehungskraft, denn hier konnte ich am leichtesten die Stimmung beobachten, die der Neger empfindet, wenn er in das Volksgedränge kommt, unter die vielen Menschen, die, was sie schnell verdienen, ebenso schnell wieder verzehren, und deren Zufriedenheit beim Anblick der reichlichen Lebensmittel in den Worten zum Ausdruck kommt: „killa kitu tayari: es ist alles da“.

Jeder Fremde, der Daressalam auf der Durchreise besucht und das Eingeborenenviertel vergleicht mit den Wohnungen der Kaffern in Delagoabay oder der Neger in Mombasa, bekommt denn auch den Eindruck, daß es den Schwarzen im deutschen Gebiet gut geht.

Vom Markt aus bog ich in die Straße „Unter den Akazien“. Knallrote Blüten bedeckten die Bäume.

Am Ende der langen Baumreihe liegt der Kulturgarten mit dem Hospital; nicht weit davon das Wohnhaus des Gouverneurs in schönen Parkanlagen versteckt, mit der Aussicht auf das Meer.

Hart am Strande, hinter einem Kasuarinenwäldchen, ist ein kleines Gebäude halb in das Wasser hinausgebaut: das Aquarium; ein kleiner, aber viel versprechender Anfang, die reiche Fauna des ostafrikanischen Meeres zu zeigen und wissenschaftlich zu erforschen.

Hier fand ich den Stabsarzt unsers Kriegsschiffes beschäftigt, die vier Wasserbassins mit frisch gefangenen Fischen zu besetzen und durfte mich auch an dem Anblick einiger großer Langusten erfreuen, die für den Tisch der Offiziermesse bestimmt waren.

Da in den nächsten Tagen die Ankunft eines großen Postdampfers von Süden erwartet wurde, sollte das Aquarium zu einer Sehenswürdigkeit für die Passagiere gemacht werden, und eine Fahrt nach den Korallenriffen bei der Leuchtturminsel Makatumbe war nötig, weil dort der Aquariumssammler reiche Ausbeute findet.

Jetzt schon lagen in dem ersten Bassin Tintenschnecken wie leblos zwischen Steinen und Sand, durch sonderbare Höcker und Runzeln ihrer Umgebung so angepaßt, daß sie schwer darin zu unterscheiden waren. Zerschnittene Fische, in das Bassin geworfen, brachten schnell Leben in die unförmigen Geschöpfe, die die Bissen mit den Fangarmen ergriffen und zum Munde führten.

Im Palmenwald bei Daressalam.

Die Palme im Vordergrund zeigt die Einkerbungen, die den Negern als Stufen dienen, um auf die Baumkrone hinaufzusteigen, Palmwein zu zapfen, oder Nüsse abzuschlagen. Alle Palmen, bei denen Anzapfen gestattet ist, sind mit einem T (tembo = Palmwein) gezeichnet. Dunkle, dichtbelaubte Mangobäume stehen zwischen den schlanken Stämmen der Kokospalmen. Rechts sieht man auf dem Bilde einen gemauerten Brunnen mit Auftritt. Der Afrikaner spricht von einer „Palmenschamba“, d. h. Pflanzung, weil es natürliche Kokoswälder dort nicht gibt.

Seesterne, Schlangensterne, Seeigel und Seegurken lagen auf dem Boden des nächsten Bassins; ein Farben- und Formenreichtum, der das Auge entzückte. Urkomisch waren die hier häufigen Kofferfische und die Kugelfische, die sich, aus dem Wasser gehoben, wie ein Ballon aufpumpen und ihre Stachel von sich spreizen.

Die Pflege eines Seewasseraquariums erfordert viel Mühe und Sorgfalt, denn nicht alle Fische halten sich in der Gefangenschaft und gewisse Arten kann man nur wenige Stunden im Bassin beobachten, dann sterben sie.

Obwohl es nicht schwer ist, neue Tiere zu fangen und auch die schwarzen Fischer häufig Schaustücke mitbringen, kann das Aquarium deshalb nicht immer eine große Sehenswürdigkeit sein. Wer sich jedoch erst einmal dafür interessiert, für den gibt es immer etwas zu sehen.

Am nächsten Morgen begleitete ich den Stabsarzt hinaus, um auf den Riffen von Makatumbe für das Aquarium zu sammeln.

Der Südwestmonsum wehte und das aus dem Hafen hinauslaufende Wasser förderte die Fahrt unserer kleinen einheimischen Auslegerboote. Wenn der Wind recht stark in das Segel des primitiven Fahrzeugs faßte, konnte man weit zu luvard auslegen und sah dann das klare, grüne Wasser unter sich hindurchschießen. Mit uns verließ eine große Inderdhau die enge Einfahrt, um ihren Kurs nach Sansibar zu nehmen. Der braune Holzkasten mit der plumpen Takelage und den großen Segeln paßte so recht zu dem Palmenstrand im Hintergrund und zu den farbigen Menschen.

Nach einer Fahrt von etwa einer halben Stunde landeten wir auf der Leuchtturminsel. Die Boote wurden auf den Sandstrand gezogen; die Neger folgten uns mit Eimern und Glasgefäßen auf die Riffe, die schon fast frei von Wasser waren.

Strandläufer und Reiher flogen auf.

Große, gehobene Korallenfelsen standen da, von der zur Flutzeit drumherumtobenden Brandung zu fantastischen Formen zurechtgeschlagen. An dem zackigen, scharfkantigen Gestein saßen Austern, die man mit Beilen losschlagen mußte; eine kleine aber wohlschmeckende Art.

Viele Krabben liefen über die Steine hin, ihre spinnenähnlichen, von gelenkigen Beinen schnell fortbewegten Körper sahen drollig aus, weil sie nicht vor- oder rückwärts, sondern seitwärts liefen; die Stielaugen und Fühler waren dabei nach oben gerichtet.

Die feuchte Oberfläche des Riffs hatte eine braungrüne Farbe. Viele kleine und große Wasserbecken waren von der Flut zurückgeblieben; jedes ein natürliches Aquarium mit großem Reichtum an Lebewesen, die sich vor den glühenden Sonnenstrahlen dorthin geflüchtet hatten, wenn sie nicht in Hohlräumen unter den Steinen die Rückkehr der Flut erwarteten. Hunderte von Einsiedlerkrebsen, die sich kleine Muschelschalen, ein fremdes Kleid, angezogen hatten, spazierten mit ihrem Haus unter den Schutz der Korallensteine und Tangpflanzen.

Die Johannesstraße bei Daressalam.

Links das Meer, davor einige Pandanen; am Strand ein Fischerboot, das seine Segel zum Trocknen ausgespannt hat. In den Kokospalmen rechts ein Fischerdorf. — Die Straße ist nach Major Johannes benannt, einem der ältesten Offiziere der Schutztruppe, der die Entwickelung der Kolonie bis heute aktiv miterlebt hat und im Aufstand im Jahre 1905/06 die Operationen der Schutztruppe im Süden der Kolonie leitete.

Wenn man die Steine umdrehte, entfloh aalgleich eine Moräne; vor ihrem scharfen Biß, der wie der Schnitt eines Rasiermessers ins Fleisch dringt, mußte man sich hüten. Blitzschnell wand sie sich über den Boden dahin und war in der nächsten Höhlung verschwunden.

Die Unterseite einer umgedrehten Steinplatte ist bunt wie die Palette des Malers. Weichtiere, Schnecken, Brut und Algen in allen erdenklichen Farben, dazu Schlangensterne verschiedener Art, bunte Muscheln und Krebstiere. Ein natürliches Wasserbecken nun gar erst, umschließt eine Welt für sich; wenn kein Wind die Oberfläche kräuselt und die Sonne warm hineinscheint, ist es ein hoher Genuß für den Naturfreund, dem Leben darin zuzusehen.

Die zerklüfteten Korallensteine stellen gleichsam die Landschaft dar; Berge, Halbinseln, Grotten erscheinen da, Algen und Tange bilden Wälder, in denen sich Schnecken, Holothurien und Seesterne verbergen, während Fische über die Bäume hinwegfliegen wie Vögel in der Luft.

Ostafrikanische Negerin in der Tracht der Küste.

Ein mit seltsamen Mustern bedrucktes Baumwolltuch bildet ihr Kleid; es ist über der Brust eingefaltet. Auf dem Nacken liegt eine Messingkette. Um den Hals trägt sie ein Band mit blauen Glasperlen; in jeder Ohrmuschel drei Pfropfen aus zusammengerolltem Papier mit Staniolstreifen durchzogen. Ihr kurzes, krauses Haar ist mehrfach gescheitelt und in getrennten Bahnen geflochten. Mit der linken Hand hat sie hinter dem Rücken den rechten Oberarm angefaßt; durch diese Haltung tritt das Schlüsselbein besonders stark hervor. Die meisten Negerinnen gehen aufrecht und schön, weil schon die Gewohnheit, alle Gegenstände (selbst den zusammengefalteten Sonnenschirm!) auf dem Kopf zu tragen, sie zu guter Haltung erzieht. Leuchtend weiße, wohlgepflegte Zähne sind nach unserm Begriff ihr schönster Schmuck. Die Schönheitspflege der Küstennegerin erstreckt sich sogar auf die Haut und die Fingernägel.

Ostafrikanische Negerin in der Tracht der Küste.


GRÖSSERES BILD

Wenn nun der Blick auf einer ganz beschränkten Stelle haftet, regt sich dort eine noch kleinere Welt, deren Gestalten schließlich nur noch mit dem feinen Planktonnetz gefaßt und mit dem Mikroskop erkannt werden können.

Während wir noch Eimer und Gläser mit wunderlichem Gewürm anfüllten, zogen Neger einen mehrere Meter langen Hai auf den Strand. Sie hatten ihn mit der Angel gefangen und versprachen sich guten Gewinn auf dem Markt.

C. Uhlig.

Korallenfelsen bei der Insel Makatumbe.

Ich bestellte mir das große Gebiß, das eine Öffnung von fast ½ m hatte. Der Fisch wurde in Stücke geschnitten, und nur die Wirbelsäule blieb liegen. Die Neger brachten noch einen anderen merkwürdigen Fisch: den Schiffshalter. Er trägt an Stelle der vorderen Rückenflosse eine Haftscheibe, mit der er sich, — obwohl er selbst sehr gewandt schwimmt, — um schneller vorwärts zu kommen, an dem Boden der Schiffe oder an großen Fischen festsaugt.

Wir legten ihn in eine Holzbalje mit Wasser; er hielt sich an der glatten Innenwand so fest, daß ich ihn nur mit großer Gewalt losreißen konnte.

Die Flut kam. Schon warf sich die Brandung höher auf die Riffe; ihr Brausen mahnte uns, schnell zur Insel zurückzugehen, um mit der reichen Beute die Heimfahrt anzutreten.

Wir sahen über die Bucht mit ihren grünen Ufern. Hier haben vor dreißig Jahren noch Flußpferde in der See gelebt! Weit in das Meer hinaus sind die großen, plumpen Säugetiere geschwommen. In allen Buchten sind sie heimisch gewesen und von der Küste aus bis nach der Insel Mafia hinübergetrieben, wo sie heute noch zu finden sind.

Das ist gewesen.

Der Ozean aber birgt ein Leben, das unendliche Gelegenheit zu Beobachtung gibt. Mir scheint, dies Leben ist mit seinem Reichtum an Farben und Formen, mit seiner Vielseitigkeit, seinen Wundern und ungelösten Problemen so recht zur Freude des Menschen da und zeigt ihm unendliche Wege, die sein Wissensdrang noch gehen kann.

[1] Spr.: bueni.

Eine Dhau aus Kilwa auf dem Mohorrofluß.