Gefechte am Rufiyi.

Die Nacht ließ mich das traurige Ereignis des letzten Tages vergessen; am nächsten Morgen waren wir frühzeitig unterwegs, um von neuem in das unbekannte Land zu ziehen und Rebellen aufzuspüren. Ein Graben wurde mit Hilfe eines kleinen Kanoes überschritten. Dann ging es durch dunklen Wald, bis verlassene Hütten auftauchten.

Der Akide empfahl, hier Feuer anzulegen, als Strafe für die Aufständigen, und sagte auf mein Bedenken hin, man würde den Feuerschein nicht weit sehen in dem Morgendunst.

Zerstörte Dörfer.

Die Askari rissen trockene Blätter aus der Dachbedeckung, entzündeten sie und hielten den Feuerbrand im Weitergehen unter jedes einzelne Strohdach. Schnell kletterten die Flammen empor und breiteten sich aus.

Am Ende des Dorfes machte ich Halt und blickte auf das schauerlich schöne Bild. Zwischen den brennenden Häuserreihen marschierten meine Leute hervor. Die Flammen beleuchteten rundum den Wald und den Dunst der Luft. Sparren krachten und Dächer stürzten ein.

Zehn Minuten hinter dem brennenden Dorf war schon nichts mehr von dem Feuerschein zu sehen, weil der Platz im Walde versteckt lag.

Als es hell wurde, öffnete sich der Blick auf eine Schilfniederung, in der einzelne kleine Hütten verteilt lagen. Dahinter blickte das Silberband des Stromes hervor.

Schamben (Pflanzungen der Neger) waren da und dort zu erkennen; an dem frischen Morgen glaubte man ein weites, fruchtbares Land vor sich zu sehen —. Und dies Land ist auch fruchtbar.

Askaripatrouillen gingen von Hütte zu Hütte, während wir auf der Höhe warteten und beobachteten. Schenzis schossen aus dem Schilf, die Askari liefen, schossen wieder und kehrten zurück mit der Meldung, die Verfolgten seien in den Strom gesprungen und entkommen. Als der Wald endete, bot sich mir ein unvergeßlicher Anblick: Da lag eine breite Straße, von Ruinen gesäumt. Die vom Feuer geschwärzten Wände mit hohlen Fensteröffnungen bildeten eine lange Reihe. Mitten auf der Straße stand ein einzelner großer Baum.

Selbst die Neger waren einen Augenblick in Anschauen versunken. Der Eindruck des langen Trümmerfeldes war zu groß; ein ungewöhnlich reich bevölkerter Ort war hier verlassen und zerstört.

Wo waren die Menschen, die hier noch vor acht Tagen auf der breiten Straße gingen, in der großen Gerichtshalle saßen, an den Inderläden Einkäufe machten und die Felder in der Ebene bestellten?

Der Akide wußte Antwort; „wamehama“ hieß das Wort, das ich noch oft hören sollte: „sie haben das Weite gesucht.“ „Teils sind sie zu den Aufständigen übergegangen, teils auf das Nordufer geflohen und warten auf deinen Schutz. Bau du eine Boma hier, dann kommen sie wieder und bauen die Hütten auf, die ihnen die Schenzi niederbrannten.“

Ganz gut; es leuchtete mir ein; aber bei der Aussicht, täglich zur Küste zurückgerufen werden zu können, stand ein solcher Plan außer Erwägung.

Ich schrieb einen Brief an das Bezirksamt und wies auf die Bedeutung eines Militärpostens am Rufiyi hin, ohne zu ahnen, daß mir selbst in den nächsten Monaten die Aufgabe, die Rufiyilinie zu sichern, zugeteilt werden würde, und daß ich von dem, was der erste Eindruck dieser verwüsteten Gebiete mich lehrte, später noch reichlich Gebrauch machen konnte.

Die Straße machte bald eine Biegung und führte weiter in der Richtung auf die Kitschiberge. Das ganze Dorf war auf einem vorgeschobenen Ausläufer der Berge erbaut. Unmittelbar neben den Häusern fiel das Land zu der Ebene ab, die vom Hochwasser alljährlich überschwemmt wird. Noch jetzt stand Altwasser von der letzten Regenzeit in einer von Schilf umgebenen Talmulde und diente offenbar den Dorfbewohnern als Schöpfstelle; denn Brunnen gibt es im ganzen Lande nicht. An der Wegbiegung stand auch das Haus des Akiden und die Schaurihalle. Jetzt war alles nur noch ein Trümmerhaufen.

Welch ein Leben muß hier in friedlichen Zeiten herrschen! Aus den Bergen bringen die Neger Gummi, Bergreis und Kafferkorn, um es bei den Indern zu verkaufen und gegen Tücher, Glasperlen, Tabak, Nadeln und Messer einzutauschen. Die Warufiyi, die Leute am Strom, ernten ihre großen üppigen Reis- und Maisfelder ab, hauen Einbäume im Walde und verschicken das Getreide nach der Küste, wo der Inder des Dorfes seinen Gläubiger wohnen hat.

In den Händen des Inders sind sie alle, denn der ist ein sehr geschickter Geschäftsmann und versteht es, auf die Neigungen der Eingeborenen einzugehen.

In der Ebene standen vereinzelt riesige Borassuspalmen; fern sah man dunkle Gruppen von Mangobäumen und weit, weit dahinter die Berge von Magongo, nördlich vom Rufiyi.

Der Akide führte uns durch das Schilf der Ebene zu einem Seitenarm des Stromes. Hier wurden unter schattigen Bäumen die Zelte aufgeschlagen.

Das jenseitige Ufer gehörte einer Insel; dorthin hatten sich die Bewohner von Nyamwiki mit ihrem Akiden geflüchtet. Am Nachmittage nahm ich eine Abteilung Askari mit mir und ging in westlicher Richtung. Hier waren die Häuser im Walde nicht niedergebrannt, und da mir von den Eingeborenen versichert wurde, daß die Besitzer sich den Aufständigen angeschlossen hatten, holte ich das Versäumte nach. Dann suchte ich in lichtem Akazienwald nach jagdbarem Wild.

Die Askari folgten auf etwa hundert Schritt, denn ich durfte die Vorsicht hier nicht außer acht lassen.

Die Rufiyi-Ebene bei Mayenge.

Bei den Palmen sieht man Trümmerhaufen, die Reste niedergebrannter Hütten.

Ein Gnubulle erlegt.

Als ich um einen Busch herumging, standen plötzlich vier Gnubullen auf kurze Entfernung vor mir und ich hatte es leicht, eins der prächtigen, starken Tiere zu erlegen. Es war ein Glück, daß ich nun sofort den Weg zum Lager einschlug, nachdem das Wild zerwirkt und auf die Träger verteilt war, denn bald darauf — ich saß gerade in der Badewanne — erschien zwischen den Häusern des Dorfes, die wir genau beobachten konnten, ein Trupp Aufständiger.

Mehrere Matrosen und Askari wurden ihnen entgegengeschickt. Da ereignete sich folgende Geschichte, die einem Heldenepos entnommen sein könnte: Weithin sichtbar mit langen Flinten in den Händen stand ein Häuflein schwarzer Kerle auf dem freien vorspringenden Hang zwischen den Häusern. Ein einzelner, hagerer Neger trat vor und rief auf Kisuaheli, laut, wobei er die Vokale der Endsilben in die Länge zog: „Kommt her, wenn ihr Männer seid!“ Ein Matrose aber strich sorgsam sein Gewehr an einen Baum und traf den lötfesten Gesellen so, daß er vornüber auf die Nase fiel. — Da verschwanden die andern so schnell sie konnten.

Der Akide erkannte auch diesen Gefallenen als einen Jäger. Diese schienen die Hauptanführer und die mutigsten Leute zu sein.

Am nächsten Morgen griffen die Neger in zwei Haufen an, vermutlich in der Absicht, uns aus dem Lager heraus und in eine Falle zu locken.

Doch als sie sahen, daß wir nicht darauf hineinfielen, zogen sie sich schnell zurück.

Nun sandte ich Patrouillen aus.

Kurz nach Mittagszeit kam ein Askari atemlos zurück; er wurde von dem Posten schon gesehen als er den Abhang von dem Dorfe herunterlief; hinter ihm erschienen bewaffnete Eingeborene.

Sofort machte ich mich mit Sergeant Kühn, mehreren Matrosen und Askari auf den Weg.

Auf der Höhe des Dorfes überraschten wir einen größeren Trupp mit Gewehren bewaffneter Eingeborener, die sich hinter den Büschen auf mein Lager anschlichen. Als uns die Krieger sahen, warfen sie sich zum Teil ins Gras. Andere blieben mitten auf dem Wege stehen und hoben ihre Flinten. Ein kurzes Gewehrfeuer entspann sich. Hier hörte ich zum ersten Male deutlich das Pfeifen der dicken Eisenkugeln, die mir dicht am Ohr vorbeiflogen. Aber noch unangenehmer klang, als ich schießen wollte, das Gewehr eines meiner Matrosen, der hinter mir stehen geblieben war. Ich drehte mich entrüstet um —. Der Mann versicherte mir später dankbar, er würde den Griff nie vergessen, mit dem ich ihn in die Schützenlinie holte. Als drüben die ersten Treffer einschlugen und ein Neger hinstürzte, liefen die Gegner auseinander und wir mit lautem Hurra hinterher, wodurch auch die im Grase liegenden Rebellen aufgeschreckt wurden und das Weite suchten.

Verfolgung fliehender Schenzis.

Wir folgten den Fliehenden mehrere Stunden weit auf einem breiten Wege, der nach dem Westabhang der Berge führte. Große Dumpalmen standen da; die Früchte waren reif heruntergefallen und von Menschen benagt. Durch wechselnde Landschaftsbilder führte uns der Weg. Oft liefen wir, wenn Gestalten vor uns auftauchten, kamen aber nur noch zweimal zu Schuß.

An einem Abhang lag ein Dorf, aus dem sich die Aufständigen entfernten, ehe wir uns auf Schußweite näherten. Die Hütten waren ausgeräumt, ein Beweis, daß auch diese Leute das Kriegsbeil ausgegraben hatten. Nach zweistündiger Verfolgung mußten wir umkehren, weil es spät wurde.

Das Dorf mit seinen dicken Strohdächern wurde in Brand gesetzt; auf dem Wege stand auch ein neuangefertigter Einbaum, den man mindestens zehn Kilometer weit zum Wasser hätte schaffen müssen. Als ich am Abend im Lager eintraf, sagte mir Stabsarzt Engeland, daß die Aufständigen von mehreren Seiten gleichzeitig an uns heranzukommen versucht hatten; ich war nur auf eine Abteilung gestoßen; aber mein Angriff fern vom Lager kam ihnen jedenfalls so unerwartet, daß sie den Plan, uns zu überfallen, aufgaben.

Am nächsten Tage wurde mir ein Schreiben des Akiden von Kooni[9] gebracht. „Komm schnell,“ schrieb der Araber, „die Schenzis sind am Flusse und wollen zu uns übersetzen. Es sind so viele wie Gras, sie werden uns töten, unsere Häuser verbrennen, wenn du nicht mit Askari kommst, — schnell! schnell!“

Nun hieß es, einen Entschluß fassen!

Sollte ich mich noch weiter von Mohorro entfernen, ohne zu wissen, was hinter mir geschah? —

Gewiß hätte ich keinen Augenblick gezögert, wenn ich der Nachricht bestimmt hätte glauben können. Aber aufs Geratewohl weiter ziehen, weil ein Akide in Furcht vor den Aufständigen eine Meldung schrieb?

Ich fragte den Akiden Melicki, ob noch viele große Dörfer, viel Leben und Eigentum dort zu schützen sei und er schilderte mir das Land in den rosigsten Farben. Da entschloß ich mich, dem Feind so schnell als möglich entgegen zu gehen und ihn womöglich zu überraschen, während er mich noch weit entfernt glaubte. Wenn das gelang, konnte es großen Eindruck auf die Schwarzen machen.

Am nächsten Morgen schickte ich eine Abteilung zur Aufklärung nach Westen, um sicher zu gehen, daß ich beim Übersetzen über den Strom nicht von herumstreifenden Aufständigen beobachtet würde.

Gegen Mittag kamen die Askari zurück und gleichzeitig traf eine Verstärkung ein: der Betschausch und fünf Askari aus Ndundu, so daß ich Ersatz hatte für die mit der Leiche des Matrosen nach Mohoro gesandte Bedeckung. In großen Einbäumen wurde auf das Nordufer übergesetzt.

Der Marsch führte uns stundenlang durch eine weite, fruchtbare Ebene mit üppigem, mehrere Meter hohem Schilfgras.

Der schwere, tonige Boden zeigte unzählige, beim Austrocknen entstandene Risse. Bei dem Dorfe Panganya standen Baumwollstauden so üppig, wie ich sie nirgendwo bisher gesehen hatte. Alle afrikanischen Getreidearten gediehen hervorragend, von dem großen Schotenstrauch, Barazi[10] genannt, bis zum Reis und den Mohogoknollen. Und immer das Wasser in unmittelbarer Nähe der Felder; ein wahrhaft gesegnetes Ackerland.

Gegen Abend erreichten wir das Akidendorf Kooni, aus dem ebenfalls bereits die meisten Bewohner, als erste jedoch die Inder, geflohen waren. Nach einer kurzen Beratung mit dem Akiden und Vernehmung der vorausgesandten Kundschafter entschloß ich mich, unter den großen Mangobäumen vor dem Dorfe zu lagern, um in der Nacht so zeitig aufzubrechen, daß ich kurz nach Tagesanbruch die Aufständigen erreichte.

Zuverlässige Kundschafter.

Der Erfolg war sehr zweifelhaft und hing von der Glaubwürdigkeit der Leute ab. Meine Karten reichten nicht bis in die Gegend, in die ich hineinmarschierte und ich konnte mir nur durch langes Ausfragen vieler, mehr oder weniger erleuchteter Neger ein ungefähres Bild von dem Terrain machen, in dem ich den Zusammenstoß mit der Hauptmacht der Aufständigen zu erwarten hatte.

In solcher Lage merkt man erst, wie sehr man durch Karten und Bücher gewohnt ist, sich vorher in eine Gegend hineinzufinden und Dispositionen zu treffen; ich war nach langem Hin- und Herreden soweit, zu wissen, daß ich nichts wußte, und mich dem Zufall anzuvertrauen.

Die Lagerfeuer brannten; der Rauch zog in die Kronen der dunklen Bäume hinauf und der Feuerschein erhellte den Umkreis. Am Wege hockten Hunderte von Eingeborenen, die von dem nächsten Tage eine Entscheidung erwarteten. Das schnelle Erscheinen einer Marinetruppe im Lande und die Erfolge der ersten Scharmützel machte sie stutzig. „Wer zu den Aufständigen hält, wird erschossen,“ hieß es, und das Gericht von dem schnellen Urteil über die Rebellen bei Utete besonders, hielt die Schwankenden in Schach.

Als es später wurde und die stummen Zuschauer sich durch die Postenkette hindurch in die Nacht zerstreuten, wollte es mir nicht in den Sinn, daß keiner dieser Neger zu den Aufständigen liefe, um sie zu warnen — um gar eine Falle vorzubereiten, in die ich hineingehen sollte!?

In der Nacht kamen Boten mit Meldungen, die immer klarer und zuverlässiger aussahen. Mehrmals wurde ich geweckt. Da standen die Kundschafter mit großen Vorderladern und berichteten: „Es sind ungeheuer viel Feinde. Bei Mtanza sind sie übergesetzt. Jetzt brennen Lagerfeuer im ganzen Walde.“

Um zwei Uhr kam der Akide selbst, ein kleiner, listig aussehender Araber. Er riet, erst um vier Uhr abzumarschieren.

Pünktlich um drei Uhr weckte der Posten.

Ich nahm mit mir zwei Unteroffiziere, — Sergeant Kühn und Feuerwerksmaat Fuchs —, vier Matrosen und dreißig Askari.

In den nächsten Dörfern, durch die wir in der Dunkelheit gingen, saßen die Menschen dicht gedrängt unter den Vordächern der Hütten und sahen der Truppe nach, die schweigend ihres Weges zog. Dann ging es eine kleine Anhöhe hinauf und auf der Höhe weiter, durch eintönige Buschlandschaft.

Es wurde hell, und noch immer war vom Gegner nichts zu sehen.

Da kamen die beiden als Schenzi verkleideten Askari, die ich voraus gesandt hatte, in vollem Lauf zurück und meldeten: „Sie kommen; aber es sind sehr viele.“

Eine freudige Spannung ergriff mich: „Schnell alles vom Wege runter,“ war mein erster Gedanke, „damit wir nicht zu früh gesehen werden“; und mehrere hundert Meter seitlich im Walde formierte ich die Schützenlinie. Die Boys, die Reittiere und die Träger blieben im Versteck. Dann ließ ich behutsam in schräger Richtung auf den Weg vorgehen.

Der Busch wurde niedriger und lichter, und öffnete sich bald zu weiterer Aussicht, als plötzlich die Aufständigen zu sehen waren, in langer, ununterbrochener Linie im Gänsemarsch daherkommend. Der weiße Kopfputz leuchtete auf der dunklen Stirn; die geschulterten, langen Flinten, die Patronentaschen und das blaue Tuch um die Hüften gaben der Masse ein uniformiertes, kriegerisches Aussehen.

In gebückter Haltung kamen wir bis auf etwa sechzig Schritt an die sorglos einhermarschierenden Neger hinan, als die ersten stehen blieben, stutzten, und ihre Gewehre von der Schulter nahmen. Sofort blieb ich stehen, entsicherte mein Gewehr und schoß, ohne einen Befehl zu geben.

Das Gefecht bei Kipo.

In den nächsten Minuten herrschte ohrenbetäubender Lärm. Alle meine Leute schossen; aus etwa dreihundert Gewehren wurde das Feuer von drüben erwidert. In Gräsern und Büschen vor mir, sah ich die plötzliche Bewegung einschlagender Geschosse; — die Askari schrien laut vor Erregung —.

Ich hatte den zweiten Ladestreifen eben in den Kasten meines Gewehres geschoben — also schon sechs Patronen verfeuert — als ich vorlief; die ganze Linie folgte und die Spitze der Gegner zerstreute sich. Wo die ersten Toten lagen, blieben wir stehen und nahmen einen Menschenhaufen unter Feuer, der aus dem Dorf auf der Höhe hervordrängte und sich in das Gras verteilte. Der nächste Anlauf brachte uns, fast atemlos, auf die Anhöhe; in wilder Flucht stürzten die Aufständigen vor uns den Abhang hinab.

Am Fuße der Anhöhe im hohen Grase bewegten sich Bogenschützen; Verwundete und Leute, die ihre Waffen fortgeworfen hatten, liefen dazwischen. Man sah Anführer, die den Versuch zu machen schienen, ihre Leute zum Widerstand zu bewegen.

Es gab kein Halten mehr! —

Alles drängte über eine Brücke und hier war es leicht, mit schnellen Schüssen zu treffen.

Ich warf einen kurzen Blick auf meine Leute. Die Unteroffiziere und Matrosen schossen ruhig. Sergeant Kühn hatte die unsichersten der Askari in seine Nähe genommen. Diese führten die Ladegriffe noch so exerziermäßig aus, daß man die „praktische Instruktion“ dazwischen zu hören glaubte.

Nun folgte der letzte Anlauf den Abhang hinab, über die Brücke weg in ein abgeerntetes Maisfeld. Die Neger liefen auf die Sandbänke und stürzten sich in den Fluß; die Mehrzahl floh in westlicher Richtung.

Waffen, Patronentaschen und sogar den leichten, aus Pflanzenmark hergestellten Kopfputz warfen sie fort, um schneller laufen zu können.

Wir waren bis aufs äußerste erschöpft und erhitzt, als ich das Gefecht abbrach. Die Askari drängten sich um mich herum und schüttelten mir in ihrer Erregung minutenlang die Hände.

Jeder wußte: Mühe und Anstrengung hatten sich heute belohnt, und die überraschende Niederlage der Aufständigen würde großen Eindruck machen, wenn nicht zum Frieden führen.

Als ich antreten ließ, hatte ich die bange Sorge um eigene Verluste, aber es ergab sich zu aller Freude, daß nicht ein einziger fehlte; mit geradezu unglaublichem Glück waren wir durch den Geschoßhagel der Vorderlader hindurchgelaufen.

Die Überraschung der Aufständigen, die nicht Zeit hatten, sich ins Gras niederzuwerfen, hatte das ihre dazu getan.

Der große Verlust des Gegners aber — über siebzig Tote lagen allein auf dem Kampfplatz — mußte als ein Erfolg angesehen werden. Die Schenzi waren mit dem Wahn zu Felde gezogen, daß ihre Waffen treffen würden, und aus unseren Gewehren, durch die Macht der Zauberer, nur Wasser kommen würde.

Jetzt waren sie eines anderen belehrt!

Ein Neger behauptete, er habe auch hinter uns ferne im Wald schießen hören und ich war etwas besorgt um die Abteilung des Stabsarztes Engeland, die verhältnismäßig schwach war, weil ich in der Zuversicht, den Gegner nur vor mir zu haben, die meisten Kräfte an mich genommen hatte. Doch bald traf die kleine Kolonne mit den Trägern und Lasten ein und Stabsarzt Engeland freute sich mit mir über den Erfolg des Tages, durch den mein ganzer, auf eigene Verantwortung unternommener Zug eine Rechtfertigung fand.

Die Aufständigen waren nämlich auf dem Wege nach Osten gewesen, hätten noch an demselben Tage die Landschaft Kooni erreicht und von dort weiter die gut bevölkerten und reichen Landschaften nach der Küste hin mit in den Aufstand gerissen und verwüstet, wenn ich ihnen nicht begegnet wäre.

Auch hatten sie, wie später sicher festgestellt wurde, schon Beziehungen zu Häuptlingen im Usaramobezirk (Daressalam; nördlich vom Rufiyi), die sich nach der Niederlage am 21. August den Fall noch einmal überlegten und ruhig blieben.

Nun kam es darauf an, festzuhalten, was durch den schnellen Vormarsch und die entscheidenden Gefechte erreicht worden war. Von der Mündung des Stromes bis nach der Landschaft Kibambawe hin war das Nordufer in einer Linie von etwa 180 km Länge gesichert durch friedliche Neger, die durch unser Vorgehen das Vertrauen auf den Schutz der Regierung behalten hatten.

Auf dem Nordufer war daher eine dauernde Botenverbindung mit Mohorro möglich. Das Südufer mußte allerdings allmählich unterworfen werden und das konnte nur geschehen unter Aufsicht eines Militärpostens am Rufiyi.

Die Aufständigen vollständig zersprengt.

Die Aufständigen, die ich am 21. früh bei Kipo traf, waren aus den Kitschi- und Matumbibergen südlich vom Rufiyi vor den Operationen des Majors Johannes ausgewichen.

Daß ich sie an einem für ein Gefecht mir so außerordentlich günstigen Platze traf, ist reiner Zufall gewesen. Ich habe das Nordufer später noch genauer kennen gelernt; auf dem ganzen Wege von der Stelle, an der die Aufständigen über den Fluß gesetzt waren, bis nach meinem Ausgangspunkt Kooni hin ist nicht ein Platz, der annähernd den erreichten Erfolg ermöglicht hätte; an jeder anderen Stelle wäre uns höchstens die Spitze des Gegners schußrecht gekommen; die Neger hätten sich in das Gras geworfen und es wäre nicht ohne schwere Verluste auf unserer Seite abgegangen.

Bei Kipo aber öffnete sich das Terrain; links floß der Strom, rechts lag ein großer See und die Höhe, die wir beim zweiten Vorlaufen erreichten, beherrschte den schmalen Paß, auf dem der Gegner fliehen mußte. Die völlige Überraschung der Aufständigen kam hinzu, um den Eindruck unseres Erscheinens zu erhöhen.

Sie mögen anfangs gedacht haben, daß ihnen ein so kleines Häuflein Soldaten nichts anhaben könnte und daß wir uns durch ihre große Zahl einschüchtern lassen würden; als aber an ihrer Spitze gleich vierzehn der unverwundbaren Krieger hinsanken, verloren sie den Kopf.

Hätte es nicht auch anders kommen können? Ich weiß es nicht; aber es ist mir in Erinnerung, daß ich mich im ersten Augenblick, als ich die endlose Reihe der schwarzen Krieger sah, fragte: „Wird diese Masse ins Wanken kommen, oder werden sie sich entschlossen auf uns stürzen?“

Und wahrscheinlich hätte zaudern uns an diesem Tage einen Mißerfolg gebracht.

Die Wirkung der Stahlmantelgeschosse aus den 98er Gewehren war viel kleiner als die der Bleigeschosse aus den 71er Gewehren der Askari. Ich habe selbst beobachtet, daß der erste Schwarze, den ich genau aufs Korn nahm, erst beim dritten Schusse fiel; und ich hatte offenbar jedesmal getroffen, denn der Leichnam wies nachher drei verschiedene Schüsse auf!

Da man den Angeschossenen doch nur in sehr seltenen Fällen helfen kann, stände nichts im Wege, angefeilte oder Bleispitzengeschosse gegen Aufständige zu verwenden. Die Qualen des Verwundeten werden abgekürzt und vor allen Dingen wird der Gegner schneller kampfunfähig gemacht.

Ist doch die Wirkung der Bleigeschosse ebensogroß wie die der angefeilten Geschosse und weshalb soll man sich dieser Wirkung begeben, die man bei den Askarigewehren als vorteilhaft anerkennt? Wenn man Neger schonen will, soll man überhaupt nicht schießen.

Etwas ganz anderes ist es, wenn ärztliche Hilfe, Verbandzeug und Krankenpflege vorhanden sind, was bei Eingeborenenaufständen in Afrika nie so ausreichend der Fall sein wird, daß man die Hilfe auch den verwundeten Gegnern zuteil werden lassen kann. Man hat nämlich die Wahl zwischen großen Erfolgen mit geringen Mitteln oder geringen Erfolgen mit einer großen Ausrüstung (die an jeder schnellen Aktion hindert). Das hat sich oft in dem ostafrikanischen Aufstand gezeigt. Und deshalb kann man auch an Verbandzeug usw. nur das Allernotwendigste mitnehmen. (Trotz diesen Erwägungen habe ich nur Vollmantelgeschosse verwendet, schon um Ladehemmungen, die durch angefeilte Geschosse entstehen können, auszuschließen.)

Das Mittagessen wurde im Dorfe gekocht; nach kurzer Rast marschierten wir weiter in der Richtung, die der fliehende Feind genommen hatte. Ein schmaler, aber guter Weg führte auf der Höhe des Rückens entlang, der hier steil zum Fluß abfiel.

Ziemlich gleichmäßiger Buschwald stand zu beiden Seiten.

Mehrmals ging ich vom Wege ab, an den Abhang hinan und genoß den schönen Blick von oben auf den breiten Fluß, die großen Inseln im Strom und die fernen Wälder.

Gegen abend gingen wir zum Fluß hinab und erwarteten auf einer weit vorgeschobenen Sandbank die Boote, die der Akide in einem Versteck wußte. Gerade an der Stelle, die wir uns zur Überfahrt ausgesucht hatten, schwammen zwei ungeheure Nilpferde im Wasser herum und die Boote konnten nur durch geschickte Manöver ausweichen. Die Schwarzen sahen immer ängstlich nach den Tieren und ruderten aus Leibeskräften, sobald das Boot in tiefes Wasser kam.

Ganz unheimlich aber wurde es erst nach Anbruch der Dunkelheit, als wir nur aus dem Schnaufen und dem unwilligen Brüllen merken konnten, wo sich die Kibokos befanden; wir atmeten erleichtert auf, als sämtliche Menschen, Reittiere und Lasten das Südufer erreicht hatten.

Der Proviant für die Europäer war fast zu Ende; drei Tage konnten wir uns allenfalls noch durchschlagen. So war ich denn im Zweifel, ob ich noch einen Zug in die Landschaft Mtanza unternehmen sollte, der mindestens zwei Tage Zeit forderte.

Ein farbiger Händler kam und berichtete am nächsten Morgen über die Lage in Mtanza.

Er schilderte, in welcher Verfassung die Aufständigen zurückgekommen seien: Hals über Kopf seien sie in die Boote gestürzt, viele Verwundete seien auf Bettstellen getragen worden; sie hätten die Nase voll. Als ich noch überlegte was zu tun sei, kam ein Bote und brachte einen Befehl von Hauptmann Merker aus Mohorro, ich sollte mit meiner Expedition nach dort zurückkehren.

Am nächsten Morgen trat ich gerade rechtzeitig aus dem Zelt um zu sehen, wie ein großes Flußpferd aus dem Schilf kam und über die Sandbank hin langsam ins Wasser ging. —

Der Rückmarsch wurde begonnen und gegen Mittag dem gestrigen Gefechtsfeld gegenüber gelagert.

Geier auf dem Schlachtfeld.

Mit vieler Mühe beschaffte mir der Akide ein Boot und ich fuhr hinüber. Zahlreiche Geier und Marabus kreisten in der Luft über den Leichen und saßen auf den Sandbänken. Ein großer Teil der Toten aber war schon in der Nacht fortgetragen und wahrscheinlich begraben worden.

Die Leichen sahen entsetzlich aus; die schwarze Pigmentschicht der Haut war geschwunden und durch ein unansehnliches Rot ersetzt. Hyänen und Aasvögel hatten bereits ihre Schuldigkeit getan; die nahe dem Wasser liegenden Kadaver waren den Krokodilen zugefallen.

Die Natur sorgt in der Wildnis aufs beste für Reinlichkeit und Ordnung. — Das Vorkommen von Hyänen und Geiern ist deshalb sehr gewünscht, und in den Bergen, wo sie fehlen, verpesten die Toten monatelang die Umgegend. —

Ein Gefangener.

Durch ziemlich gleichmäßige, ebene Landschaft erreichten wir gegen Abend ein scheinbar verlassenes Dorf inmitten alter Flußbetten, die zum Teil noch Wasserlachen aufwiesen. Da wir den ganzen Tag über keine Aufständigen gesehen hatten, ließ ich mich, ganz entgegen meiner bisherigen Vorsicht verleiten, auf ein großes Krokodil zu schießen, das uns gewissermaßen den Zugang zum Wasser sperrte. Gleich darauf sagte ein Askari: „Eben ist ein Schenzi da hinten von einem Dach heruntergesprungen.“ — Infolge meines Schusses natürlich: ich war wütend auf mich selbst! Patrouillen wurden ausgeschickt und schließlich ein Gefangener eingebracht.

Die Neger plündern ein brennendes Dorf nach einem Gefecht.

Tief im unwirtlichen, wasserarmen Walde versteckt, hatten die aufständigen Wapogoro, die sich nicht unterwerfen wollten, neue Dörfer angelegt. Ich zog mit anderen Eingeborenen, die zu mir hielten, dorthin, vertrieb die Aufständigen und ließ die Hütten plündern und in Brand setzen. Man sieht die Neger mit Beute beladen aus dem Dorfe herauskommen; der Rauch zieht durch den Wald.

Die Neger plündern ein brennendes Dorf nach einem Gefecht.


GRÖSSERES BILD

Die Askari meldeten eifrig, es sei alles fertig, um den Schenzi ins Jenseits zu befördern und waren nicht sehr erfreut, als ich dazu keinen Befehl gab; aber jetzt, wo unsere eigene Lage sicher schien, kam eine Exekution nicht mehr in Frage.

Es widersprach mir aufs äußerste, diesem wehrlosen ein Leid zu tun, wenn auch die Askari auf die Abzeichen hinwiesen, die der Gefangene trug; das blaue Hüfttuch, die Patronentaschen und die schneeweißen Klötzchen aus Matamamark, die er mit einem Bastfädchen über die glatte, dunkle Haut seines Oberarms gebunden hatte.

Vielleicht hatte er sich aus Dummheit dem Aufstand angeschlossen; vielleicht hatte die Uniform der Vaterlandsretter ihn gelockt oder ihm, dem Hinterwäldler, die Kriegstrommel und das sichere Auftreten der waffentragenden Männer ringsum Eindruck gemacht.

Nein! Keinem dieser Helden kann man es übel nehmen, wenn sie sich auf die Waffen besinnen, und der Instinkt sie irre führt in dem Glauben, daß ihr gemeinsamer Kampf unbequeme Zustände heben könne.

Also sei das unser Grundsatz: Schützen müssen wir uns, gleichgültig ob durch Blutvergießen oder wie — wenn wir Herren bleiben wollen, wo wir doch nur das Recht des Stärkeren haben und das Vorrecht des Kulturmenschen, der mehr braucht, als das Naturkind (nicht immer auch geben kann und darf) aber Blutvergießen und Rachekrieg nur soweit es die eigene Sicherheit fordert.

Wer wird sein Pferd, das für ihn Arbeit tut, erschießen, weil es schlägt? War nicht vielleicht der Strang zu kurz; und die Peitsche sollte helfen?

Wir waren nur wenige Stunden von Mayenge entfernt. (Dem großen zerstörten Ort, bei dem ich drei Tage vorher gelagert hatte.) Da ich am nächsten Morgen einen Angriff auf das Dorf unternehmen wollte, in dem, wie ich glaubte, sich inzwischen wieder Aufständige hingezogen haben würden, blieb ich auf der Halbinsel zwischen den Wasserläufen, um den Soldaten Zeit zur Mittagsrast zu geben.

Dem Tierfreund kann ich diesen Platz empfehlen; hier ist wirklich gute Gelegenheit, Krokodile zu beobachten. Wo man an einen Tümpel oder Wasserlauf kam, bewegte es sich, und die langen, trägen Echsen ließen sich in die trübe Flut gleiten. Wo sie still, zwischen Pflanzen halb im Morast versunken lagen, waren sie kaum zu sehen; denn ihre Farbe ist an Land und im Wasser gleich gut, um sie mit der Umgebung verschwimmen zu lassen. Die Augen sogar haben dieselbe gelbgrüne Farbe wie der Panzer und es ist unheimlich aus der Nähe die Bewegung der Augen in der trägen Masse plötzlich wahrzunehmen.

In den Hütten vergraben wurde viel Reis gefunden, in Boote geschüttet und den treu gebliebenen Negern des Nordufers geschenkt. Zur Beaufsichtigung der Boote blieben mehrere Askari zurück, während der Akide die Expedition nach einer Ansiedelung führte, die in Feldern und Schilf versteckt an fließendem Wasser lag und sich als Lagerplatz für die Nacht eignete; hier wurden die Zelte aufgeschlagen und im Dunkel der Hütten das Abendbrot gekocht.

Der Betschausch mit sechs Askari war auf Patrouille ausgesandt und kam nicht wieder; die in dem Dorf zurückgelassene Abteilung sandte Meldung, ein Askari sei von einem explodierten Pulverfaß schwer verletzt worden; ein Matrose litt stark unter Fieber und mußte alle Energie zusammennehmen, um in der Marschordnung zu bleiben: durch diese Zwischenfälle wurden die Aussichten für den kommenden Morgen etwas beeinträchtigt, und ich mußte den Plan aufgeben, um zwei Uhr früh aufzubrechen.

Das schadete auch nichts, wie sich herausstellte; denn als wir uns nach mehrstündigem Marsche durch ebenes Schwemmland um acht Uhr am Morgen Mayenge näherten, begegnete uns schon der Betschausch mit seiner Patrouille und meldete, daß keine Aufständigen in weitem Umkreise zu spüren seien; (er hatte am Abend vorher unser verstecktes Lager nicht finden können und war, da ihm mein Plan, bei Tagesanbruch vor Mayenge zu stehen, bekannt war, von selbst dorthin gegangen).

Ich lagerte an der alten Stelle und ich erwartete die angekündigte Ankunft des Leutnant Spiegel, um dann den Rückmarsch nach Mohorro anzutreten. Als Spiegel eintraf, erzählte er, daß Hauptmann Merker mit ihm nach Mohorro geeilt sei, weil Gerüchte kamen, ich sei am Rufiyi von Aufständigen eingeschlossen.

Leutnant Spiegel begann mit dem Bau einer Boma, während ich zum Rückmarsch rüstete. Trotzdem der Bezirksamtmann, der persönlich böse Erfahrungen mit den Nilpferden gemacht hatte, mir in seinen Briefen mehrmals abriet, in Booten auf dem Strom zu fahren, entschloß ich mich, die Europäer wenigstens alle in den Booten zu befördern, umsomehr, als den Kranken der Marsch doch zu beschwerlich geworden wäre.

Den ersten Teil des Weges legte ich selbst jedoch zusammen mit den Askari auf dem Südufer zurück, weil ich feststellen wollte, wie die Ortschaften aussahen, die wir niedergebrannt hatten und ob die Neger daran dachten, zurückzukehren, sich zu unterwerfen und die Häuser wieder aufzubauen.

Der Marsch über Land bot nicht viel Neues; überall waren Anzeichen, daß die Aufständigen die Umgegend noch nicht verlassen hatten und in die Felder kamen, um die Reste der Feldfrüchte wegzuholen. Die Leichen waren verschwunden und nichts verriet mehr, daß hier blutige Gefechte stattgefunden hatten.

Am verabredeten Ort traf ich mit Stabsarzt Engeland und den Matrosen zusammen, die den Weg in Booten zurückgelegt hatten.

Am folgenden Morgen fuhren wir alle in großen, geräumigen Einbäumen stromab und hatten eine an Abwechselung reiche Fahrt; Flußpferdherden wurden passiert, Kuhreiher in Flügen von zwanzig flogen vom Ufer auf, an dem das Boot lautlos entlangglitt; kleine Königsfischer schwirrten tief über das Wasser hin.

Am Ufer lagen Krokodile, auf die wir in tödlichem Haß schossen, wenn es irgend Erfolg versprach; über die Resultate wurde Buch geführt.

So ging die Zeit schnell hin; die Matrosen sangen hinter uns in den Booten.

Um sieben Uhr früh waren wir aufgebrochen und erreichten um acht Uhr am Abend bereits Mohorro; auf dem Landwege hätten wir zu dieser Entfernung mindestens zwei Tage gebraucht.

Das Bezirksamtsgebäude in Mohorro hatte Hauptmann Merker unterdessen mit einem Drahtzaun umgeben lassen. Darin wurde nachts auch die Viehherde der Kommune untergebracht.

Leutnant zur See Schröder war nach Kilwa kommandiert.

Hinrichtung.

Eine unangenehme Aufgabe harrte meiner: Ich sollte mit Hauptmann Merker ein Kriegsgericht bilden, um vier Anführer der Aufständigen abzuurteilen. Hier, wo man den Gefangenen nicht mehr ansehen konnte, was sie verbrochen hatten, wurde mir das recht schwer.

Es schien ein großer Unterschied zu sein, zwischen diesen elenden gefesselten, die von den Askari aus dem Untersuchungsgefängnis gebracht wurden, und den trotzigen Kriegern bei Utete, die auf uns geschossen hatten.

Notwehr und Krieg das eine; Justiz das andere. Nach langen Vernehmungen wurden sie zum Tode durch den Strang verurteilt. Wie es meist bei derartigen Gerichtssitzungen der Fall ist, leugneten die Angeklagten alles und wußten von nichts; die Zeugen aber sprachen die schlimmsten Beschuldigungen aus. Beiden darf man nicht glauben, und ist nur wenn die Angeklagten bei der Tat ertappt wurden sicher, gerecht zu urteilen.

Als das Urteil bekanntgegeben wurde, blieben die Verurteilten ganz ruhig. Einer aber sagte mit größter Gelassenheit plötzlich: „Laß meinen Nachbar etwas von mir abrücken; er stinkt.“

Der lange vorbereiteten Hinrichtung zusehen zu müssen, war mir anfangs peinlich; um so mehr war ich erstaunt, wie ruhig sich alles vollzog. Ein Haufe von Menschen stand herum. Das Urteil wurde auf Kisuaheli vorgelesen. Die Verurteilten sahen gelassen zu, wie einer nach dem anderen den Wagen mit der Kiste bestieg und den Kopf in die Schlinge steckte. Der Wagen wurde dann weggezogen, und der Körper hing mit dem Kopf in der Schlinge. (Die Ärzte sagen, daß in demselben Augenblick schon die Besinnung schwinde.)

Ein Askariposten blieb auf dem Richtplatz, während das Volk auseinander ging. Weiber und Kinder hatten mit gleicher Neugierde dem Schauspiel zugesehen. Bei vielen war ein gewisses Vergnügen an der Szene unverkennbar; wie bei uns im Mittelalter.

Etwas aufregender soll die Hinrichtung der Hauptzauberer gewesen sein, die schon vor meiner Ankunft stattgefunden hatte. Der eine hatte gesagt: „Ihr könnt mich dreist aufhängen, ich bleibe doch leben und komme wieder“, und hatte eine Rede an das versammelte Volk gehalten. Als er dann gehenkt wurde, rutschte der Kopf aus der Schlinge; der Verurteilte stieg aber sofort wieder auf den Wagen, um sich den Strick von neuem umlegen zu lassen.

An dem Tage war zu fürchten, daß das Volk die Zauberer befreite.

[9] Spr. kǒṓni.

[10] Sprich: Umbarási.

Aufständige aus den Kitschibergen unterwerfen sich.