Im Aufstandsgebiet.

Ich blieb nur einige Tage in Mohorro; als Hauptmann Merker wieder in die Matumbiberge gehen wollte, rüstete ich mich aus, um ihn zum Rufiyi zu begleiten und den Militärposten in Mayenge zu übernehmen.

Dem Bezirksamtmann Keudel lag sehr viel daran, daß ich am Rufiyi bliebe und den errungenen Erfolg ausnützte; er gab mir aus den Beständen des Bezirksamts mit, was ich irgend nötig hatte, um selbständige Kriegsexpeditionen auszuführen: Zelte, Feldbetten, Kochgeschirr und die Reittiere der Kommunalverwaltung.

Da Leutnant zur See Schroeder inzwischen abgerufen war, um einen anderen Posten zu übernehmen, erbot sich Keudel sogar, für das Matrosendetachement zu sorgen, während ich weg sei.

Auf meine Matrosen konnte ich mich verlassen; ich merkte, daß ich nur gute Leute mitbekommen hatte, die stolz waren, wenn man sie unbeaufsichtigt ließ, und wenn sie das Vertrauen, das ich in sie setzte, verdienten. Dadurch war ich in der Lage, hinzugehen, wo ich nötig zu sein glaubte.

Während der Bezirksamtmann — später war es Herr Graß — mich in Mohorro vertrat, half ich ihm fortan in seinen Geschäften im Bezirk.

„Krieg“ und Frieden scharf zu trennen wäre auch falsch gewesen; dieser „Krieg“ war nur eine verschärfte Strafausübung und sollte möglichst schnell zum wirklichen Frieden führen.

Ich nahm auf die neue Expedition von dem Bussarddetachement nur einen Unteroffizier und drei Matrosen mit; außer diesen hatte ich nur Askari.

Am ersten Tage unseres Marsches überraschte uns nahe bei Mohorro ein seltener Anblick: fünf Elefanten standen zwischen hohen Bäumen und schienen zu ruhen.

Die Karawane hielt auf dem Wege; ich ging näher, ohne recht zu wissen, ob ich mich auch zum Schuß entschließen sollte; denn eigentlich war ich auf so hohe Begegnung nicht gefaßt gewesen und traute mir kaum Erfolg zu, nach all dem, was ich aus dem Munde erfahrener Jäger über die Schwierigkeiten eines erfolgreichen Schusses auf Elefanten vernommen hatte. Mir war nur in Erinnerung, man solle von vorn auf den Rüsselansatz und nicht aus zu geringer Entfernung schießen; sonst gehe der Schuß zu steil hoch und verfehle das Gehirn. Mit diesen ziemlich unklaren Vorstellungen ging ich an die Elefanten hinan und fragte mich beim Anblick der Riesenschädel und der großen, glatten, erdfarbenen Flächen vergeblich, wo eigentlich der Rüsselansatz zu suchen sei?

Der erste Schuß auf Elefanten.

Allein, die ganze Expedition wartete auf dem Wege und lange aufhalten durfte ich sie nicht. Die Reittiere schrien laut; so zögerte ich nicht mehr lange, blieb auf etwa hundert Schritte stehen, nahm einen großen Elefanten, der mir die Stirn und beide gewaltigen Zähne zukehrte, aufs Korn und schoß dahin, wo ich mir den Rüsselansatz dachte. Sofort kam Bewegung in die plumpen Tierleiber; in wenigen Sekunden waren sie zwischen Stämmen und Laub in einer großen Staubwolke verschwunden.

Ein Mißerfolg! Zu entschuldigen durch die ungewöhnlichen Umstände, unter denen ich zum ersten Male auf das größte Wild der Erde zu Schuß kam.

Selbstverständlich ließ ich an die Bäume am Wege Zeichen einhauen und benachrichtigte den Bezirksamtmann, der, leider ohne Erfolg, eingeborene Jäger auf die Fährte des angeschossenen Tieres schickte.

Da wieder Nachrichten kamen, das Nordufer sei gefährdet, gingen wir am nächsten Tage auf einem kleinen Waldwege zum Rufiyi und setzten nach dem Orte Ndundu über. Ich ging etwas vorweg, um ein Stück Wild zur Verpflegung zu schießen; sah aber nur ein Warzenschwein, das ich fehlte und einige Riedböcke, die schnell im hohen Grase verschwanden, bevor ich schießen konnte. Nahe beim Strom kamen wir durch ausgedehnte, abgeerntete Reisfelder der Warufiyi.

Am folgenden Tage ereignete sich ein kleiner Zwischenfall: ein Boot mit Eingeborenen kenterte, als die Expedition über den Fluß setzte. Sergeant Kühn und Matrose Homfeld sprangen sofort nach und wurden von den ungeschickten Negern unter Wasser gezogen. Ich kam etwas später, aber doch noch rechtzeitig, um dem Sergeanten zum Ufer zu helfen.

Es machte auf die Neger einen guten Eindruck, daß sie sahen, wie wir für das Leben derer, die bei uns Dienst taten, uns selbst in Gefahr begaben.

Die Gerüchte über Unruhen im Ndundugebiet waren unbegründet; trotzdem war es vielleicht gut, daß wir auf dem Nordufer marschierten, und auch die Eingeborenen dort einmal Soldaten zu sehen bekamen.

Am dritten Tage trafen wir in Mayenge ein, wo Leutnant Spiegel inzwischen mit Hilfe der treugebliebenen Neger der Umgegend aus starken Pfählen eine Umzäunung errichtet hatte, die fortan als Boma diente und mit Wohnräumen, Küche und Ställen ausgebaut wurde.

Aus Kooni kam Nachricht, daß Hauptmann Fonck von Daressalam eintreffe, vor dem hatten die Eingeborenen, wie ich später merkte, großen Respekt; sein Auftreten im Usaramobezirk, gleich zu Beginn des Aufstandes, rief allgemeine Furcht hervor, so daß es hier nur noch zu lokalen Unruhen kam, die Regierungsrat Boeder mit der Polizeitruppe beendete.

Mit Hauptmann Fonck war Stabsarzt Stierling, den ich als einen guten Jäger schon früher kannte. Er schrieb mir einen Brief und bat um Proviant, sie wären so schnell von Daressalam aufgebrochen, daß sie sich nicht mehr hätten ausrüsten können und müßten von Huhn und Mohogo leben.

Ich hatte selbst fast nichts; war aber doch in der glücklichen Lage, mit Kleinigkeiten andern eine Freude machen zu können.

Nach langen Beratungen über die Anzahl der Askari, die ich zurückbehalten sollte, ging Hauptmann Merker mit seiner Truppe nach Süden in die Kitschi- und Matumbiberge und ich blieb allein mit zwei Unteroffizieren, einem Sanitätsunteroffizier, drei Matrosen und fünfzehn, zum größten Teil kranken Askari in der Boma; es war eine recht kleine Truppe!

Die Kriegssteuer.

So waren mir die Flügel beschnitten und wenn mir nicht neue Askari gesandt wurden, konnte ich meinen Forderungen den Negern gegenüber nicht mit Waffengewalt Nachdruck geben. Aber vorläufig wirkten die Gefechte der letzten Wochen nach; die Neger kamen, gaben Gewehre ab und zahlten die geforderten Strafgelder. Als Bedingung für die Unterwerfung hatte der Gouverneur festgesetzt: Die Aufständigen sollten ihre Waffen abliefern, und jeder erwachsene Mann drei Rupien[11] Kriegssteuer zahlen. Dies ließ ich durch die beiden Akiden an die Jumben bekannt geben, soweit diese Dorfschulzen nicht auch im Busch bei den Aufständigen weilten.

In Scharen, oft zu hunderten, kamen die Neger an, und wir hatten alle Hände voll zu tun, das Kupfergeld zu zählen, die Namen der Unterworfenen in eine Liste einzutragen und jedem seinen numerierten Quittungszettel auszustellen; eine sonderbare Tätigkeit.

Anfangs waren die Namen nicht zu verstehen, bis man sich an den Klang gewöhnt und sich ihre Schreibung erdacht hatte. Dazu war ein dauerndes Hin- und Herfragen nötig, wobei der Akide oft erklärend dazwischen kommen mußte, während einige Askari das Publikum mit dem Geschick von Straßenpolizisten sortierten.

Um den Transport zur Küste zu sparen, ließ ich die Gewehre an Ort und Stelle zerschlagen und in den Strom werfen, wo sie von Fafner, dem großen Krokodil, wohl noch heute bewacht werden, damit sie nicht neuem Frevel dienen.

Bald kam die Nachricht, zwanzig Askari seien für mich von Daressalam nach Mohorro in Marsch gesetzt; bis zu ihrer Ankunft müsse ich mich gedulden und, meinem Befehle gemäß, in Mayenge stehen bleiben. Die wenigen Wochen dort erschienen mir wie eine Ewigkeit; als einzige Abwechselung hatte ich die Jagd, die ich schon aus Rücksicht auf Verpflegung meines Kriegslagers eifrig ausüben mußte.

Die Boma bei Mayenge.

Auf dem geebneten Platze exerzieren die Askari.

Zu besonderer Freude erhielt ich ein Telegramm, das mit dem Namen des Gouverneurs unterzeichnet war: „Spreche Ihnen und Ihren Mannschaften meine Anerkennung und Dank aus.“

Die Boma bewährte sich an ihrem Platze sehr gut; sie lehnte sich auf einer Seite an den Nebenarm des Flusses an, an dem eine Menge Boote bereit lagen zum Übersetzen und um jederzeit nach der Küste zurückkehren zu können.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses wohnten die friedlichen Eingeborenen, die uns mit Eiern und Mehl versahen und Träger und Boten stellten, wenn es gefordert wurde — natürlich alles dies, wie in Friedenszeiten, gegen Bezahlung. —

Arbeit gab es täglich. Ähnlich mag die Gründung einer Station vor sich gehen; ich konnte mir vorstellen, welche Freude es macht, einen Ort zu entwickeln, Anlagen und Wege zu schaffen und das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen.

Ein hoher Zaun aus eingerammten Bäumen umgab im Halbkreis den Platz, auf dem die Zelte der Europäer, die Hütten der Askari, die Küchen, der Eselstall und das Hühnerhäuschen verteilt waren. Am Tor befand sich die Wache; dort saßen die Gefangenen, die Tags unter Aufsicht arbeiteten.

Meine Askari.

Vor der Umzäunung wurde ein großer Platz planiert und von Gras gesäubert, um Übersicht zu bekommen. Täglich sah man Sergeant Kühn hier mit den Askari exerzieren und in kurzer Zeit wurde aus zum Teil ganz neu eingestellten Negern eine brauchbare Truppe. Man konnte beobachten, wie das Beispiel einiger alter Sudanesen — der beste Soldatentypus unter den Negern — bei meinen Leuten Nachahmung fand.

Die Uniform und die Waffen machten aus den unscheinbaren Buschnegern in wenigen Wochen brauchbare Soldaten. Jeder füllte seinen Platz in der Linie aus, wenn es zum Gefecht kam, und oft hatte ich das Gefühl, daß von dem Geist, der in den wenigen geschulten Soldaten meiner Truppe steckte, ohne weiteres dabei etwas in diese Mitkämpfer überging. Das Zutrauen, das in sie gesetzt wurde, machte sie stolz und hob ihre Leistungen. Sie schossen schlecht; aber darauf kam es auch weniger an; wir Europäer und einige der älteren Askari trafen genug. Die übrigen verlängerten die Schützenlinie, stärkten durch Knallen den moralischen Eindruck und griffen herzhaft zu, wenn es galt, Gefangene zu machen.

Eines Morgens stand ich um vier Uhr auf, um auf dem Nordufer zu jagen.

Früh aufstehen mochte der eine Boy gar nicht; er reichte mir beim Anziehen alle Sachen verkehrt und schlief oft zu meinem Vergnügen während der Arbeit wieder ein. So nießte er mich auch heute plötzlich im Dunkeln an, bekam eine Backpfeife und entschuldigte sich wieder damit, er sei eingeschlafen.

Wasserbock vom Rufiyi.

Ich fuhr zwischen dunklen Ufern stromab. Der Vollmond stand noch am Himmel; sein Licht glänzte auf den Blättern der hohen Borassuspalmen und erzeugte einen grellen Lichtstreifen auf der Rundung des Bootes. Bald kamen wir in den breiten Hauptstrom und durchquerten ihn.

Der Nebel war so dicht, daß die Ufer nicht zu sehen waren. So kam es auch, daß ich auf dem Nordufer ganz die Richtung verlor und nicht wußte, wohin ich geführt wurde; und das hatte einen besonderen Reiz.

Wir gingen zwischen hohen Bananenstauden und durch ein schlafendes Dorf. Ein Haus sah wie das andere aus; der Führer ging auf eine Tür zu, auf die der Schatten des vorspringenden Daches fiel und klopfte: „Hodi“! (anklopfen).

Stimme von innen: „nani“ (wer)?

Der Führer: „mi, Abdallah“ (ich).

Dann wurde ein Stück Holz zur Seite gedrückt und die Tür geöffnet; ein Mann kam heraus und reihte sich in die Marschkolonne ein. Er ging vor mir, wickelte sich das Lendentuch fester und drückte die Oberarme dicht an den Leib, weil es kalt war.

Das starke Schilfgras an beiden Seiten des Weges war zum Teil niedergebrannt.

Neben uns im Flusse brüllten die Nilpferde, die schon von der Äsung in ihr schützendes Element zurückgekehrt waren.

Nach halbstündigem Marsche sagte der Führer: „Wir sind dicht bei der Stelle, an der das Wild äst.“

Der Nebel war noch so dicht, daß man, auch als es allmählich hell wurde, nicht fünfzig Schritt weit sehen konnte.

Gegen sechs Uhr ging ich langsam in das taufrische Gras hinein, das zwischen daniederliegenden, trockenen Rohrstengeln als begehrte Weide für das Wild emporsproß.

Der Nebel wurde dünner und man konnte auf weitere Entfernungen sehen. Da zeichnete sich in dem Dunst, wie vor einem weißen Tuch, die Gestalt einer Antilope ab: ein Wasserbock ohne Hörner. Das Tier wurde flüchtig; ihm folgten noch andere, die im Nebel nicht zu erkennen waren.

Das Gehen in den niedergebrannten, durcheinander liegenden Rohrstengeln wurde sehr beschwerlich, und war den nackten Füßen der Schwarzen eine Qual.

Jagd auf Wasserböcke.

Kurze zeitlang war der Nebel vom Sonnenlicht durchtränkt, dann wurde es plötzlich klar; vierhundert Schritt vor mir stand ein ganzes Rudel Wasserböcke (von den Negern „Grungalla“ genannt). Sie ästen auf einer weiten Grasfläche mit Termitenhügeln und einzelnen Baumgruppen.

Fünf stolze Böcke mit hohen, sanft gekrümmten Hörnern waren dabei. Sie hatten uns bemerkt, kamen, als wir uns beobachtend hinter einen Termitenhügel versteckten, schrittweis näher und suchten einen Platz zum Ausgucken. Deutlich zeichnete sich zwischen den Lusern das ebenmäßig gebogene Gehörn in der klaren Morgenluft ab.

Das Rudel zog nach links; ich kroch bis zu einem näher liegenden Erdhügel vor und schoß auf etwa zweihundert Meter.

Neger vom Rufiyi haben ihre Waffen abgegeben und Kriegssteuer gezahlt. Der Askari im Vordergrunde grüßt „durch Stillstehen mit der Front nach dem Vorgesetzten“. Der Vorgesetzte bin ich; ich stehe nämlich im Boot und photographiere im Vorbeifahren. — Rechts ist ein Zaun zum Schutz gegen die Krokodile in das Wasser hineingebaut. An Vorsicht gewöhnt, stehen alle Neger zwei Meter vom Wasser entfernt.

Das ganze Rudel wurde flüchtig, der getroffene Bock aber brach in der Flucht zusammen.

Ich setzte die Jagd fort, bis ich drei stattliche Böcke zur Strecke hatte, ließ sie aufbrechen und folgte den übrigen Tieren noch einmal, um zu beobachten.

Sie waren in hohem Gras zwischen Mangobäumen stehen geblieben. Einige hatten sich niedergetan; ein Schmaltier äste; das Leittier sah nach mir her und erkletterte einen hohen Erdhügel, auf dem es dann wie ein Erzbild stand.

Während ich mit dem Doppelglas die Ebene weithin absuchte, sah ich zu nicht geringem Schrecken plötzlich eine lange Reihe Eingeborener mit Gewehren, Mann hinter Mann durch das Schilf ziehen. Der Ombascha beruhigte mich sogleich: Die Leute trugen weiße Hemden und nicht die blauen Lendentücher der Aufständigen, sie hatten also keine bösen Absichten und wollten nur ihre Flinten zur Boma bringen.

An der Übersetzstelle holte ich sie ein. Sie kamen unter Führung eines pflichteifrigen Jumben, der mir versicherte, daß nun in seinem Machtbereich keiner mehr ein Gewehr habe.

Außer Wasserböcken gab es in der Nähe der Boma: Gnus, Riedböcke, Buschböcke, Hartebeeste, Zwergantilopen und Warzenschweine.

Riedböcke — die dem Rehwild so ähnlich sind — waren besonders häufig. Reizvoll waren Pürschgänge auf dem Südufer in der Richtung auf die Berge, in dem sich die Feinde aufhielten. Nur wurden die Gänge dadurch erschwert, daß man jedesmal eine kleine Streitmacht im Gefolge haben mußte und sich von dieser nur in sehr offenem Terrain etwas absondern durfte.

Jagd auf Buschböcke.

Da war ein beliebter Weg auf der Höhe eines Ausläufers der Berge mit der Aussicht auf die Ebene, in der viele kleine, mit schwimmenden Pflanzen ganz zugedeckte Teiche lagen. In diesen Teichen hielten sich auch Flußpferde auf, und wenn sich die langen Rücken der Dickhäuter, von Pflanzen wie mit einem Teppich bedeckt, durch das schlammige Bassin schoben, saßen kleine, weiße Kuhreiher und braune Wasserhühner obendrauf. Krokodile schien es hier nicht zu geben. Die Gebüsche rundum zeigten ausgetretene Wechsel der Kiboko; ihnen folgend kam man an die Stellen, wo die, überall nur vereinzelnd vorkommenden und deshalb bei dem Jäger so beliebten Buschböcke gerne lagen. Diese schönen Antilopen bevorzugen Gegenden mit ständigem Wasser. Zahlreich sind sie auch in den Mangrovenwäldern im Mündungsdelta des Rufiyi, wo ich sie in unmittelbarer Nähe menschlicher Wohnungen antraf. Sie entfernen sich, ebenso wie die Riedböcke, nicht weit von ihrem Schlafplatze, wenn sie auf Äsung ziehen.

Wenn der Buschbock im Schilf steht, kann er den Kopf so still halten, daß die gewundenen, spitzen Hörner zwischen den vielen hochragenden, spitzen und glänzenden Blättern gar nicht auffallen. Doch ist dies nicht so wunderbar; denn die Antilopenhörner sind oft überhaupt schwer zu erkennen und es gibt Lichtverhältnisse, bei denen sogar die großen, halbmeterlangen Hörner eines freistehenden Wasserbockes auf dreißig Schritt Entfernung übersehen werden; mir ist es wenigstens einmal passiert, daß ich das Gehörn erst bei genauerem Hinsehen entdeckte, weil die glatten Flächen der Hörner zu stark im Licht standen.

Ein Riedbock zur Strecke.

Ich mußte in dieser Zeit stets eine Bedeckung von Askari mitnehmen, wenn ich auf die Birsch ritt. — In den Morgenstunden trug ich eine Mütze; wenn die Sonne höher stieg, nahm ich meinen großen Filzhut und der Boy setzte sich meine Mütze auf. (Er hatte seine ‚kofia‘ darunter!)

Eines Morgens sah ich auf dem genannten Wege zwei Stücke Wild hinter einem Hügel verschwinden und sprach das eine als einen Bock an. Da beide hintereinander standen, mußte ich nach dem Kopf schießen, um nicht die Ricke mit zu verletzen. Der Bock stürzte auf den Schuß, kam wieder hoch und verschwand im Schilf; auf dem Anschuß aber lag ein Stück der eigentümlichen Hautzapfen, wie sie die Wiederkäuer im Geäse haben.

Ich hatte den Bock also in den Unterkiefer geschossen und die Weidmannspflicht gebot, alles zu tun, um ihn vor grausamem Hungertode zu bewahren. Schnell wurden Ausguckposten auf Bäume und Hügel geschickt und ein Treiben veranstaltet, da die Fährte in dem harten Boden zwischen gebrannten und trockenen Rohrstengeln nicht zu finden war. Als der Bock sich von beiden Seiten umstellt sah, blieb er stehen und wurde von Treibern gesehen, die mich holten; so konnte ich ihm den Fangschuß geben. Drei Stunden hatte dies sorgfältige Weidwerk gedauert; doch die Befriedigung über den Erfolg lohnte jede Mühe.

Mehr in den offenen Akazienwäldern hielten sich Gnus und Hartebeeste. Das sind ausgesprochene Herdentiere; die dritten im Bunde sind gewöhnlich Zebra; doch bekam ich sie erst später und weiter westlich am Utungisee zu Gesicht.

Die Gnus wurden in dieser Zeit in Herden gesehen, die nach Geschlechtern getrennt waren. Es gingen zusammen: sechs Bullen und über dreißig Kühe und Kälber.

Zwischen die letzten Vorläufer der Berge und die eigentlichen, steilansteigenden Höhen war ein langes, stilles Tal geschoben, dessen Wasser mit dem Rufiyi in Verbindung stand. In der Trockenzeit waren an beiden Seiten breite, völlig kahle Uferränder, über die das Wild gehen mußte, wenn es aus dem hohen Uferwald zum Wasser kam.

Unzählige Krokodile bewohnten das Gewässer, das malerisch zwischen den Bergen lag. Flußpferde fühlten sich hier ganz sicher und durften unbehelligt gelassen werden, weil sie auch in der Nähe keinen Schaden anrichten konnten. In einem flachen Ausläufer des Sees sah ich Nilgänse mit Jungen. Weiße Reiher, Pelikane, und Störche waren auch hier nur in recht beschränkter Zahl; Flamingos habe ich am Rufiyi gar nicht beobachtet.

Wasserbock.


GRÖSSERES BILD

Baumwolle.

Hinter dem See hatten Eingeborene Baumwollfelder angelegt, denen man ansah, daß die Neger über die neue Kultur noch nicht unterrichtet waren: die Pflanzen waren sehr dicht aufgegangen und dann von den Negern nicht gelichtet worden, so daß sie sich gegenseitig in die Höhe trieben und keine Kapseln ansetzten. Ähnlich verfehlte Anlagen gab es viele in den Bergen. An einigen Stellen standen die Stauden zu dicht, an anderen fehlten sie ganz, und für Reinhaltung von Unkraut war offenbar keine Hacke angerührt worden. Da mußten dann die Erträge fehlen. Die Neger sahen nicht, was ihnen der Baumwollbau nutzen sollte und so ist der Druck, den die Bezirksämter auf die Neger ausübten, um sie zum Anbau von Baumwolle zu zwingen, eine der wenigen, sichtbaren Ursachen des Aufstandes geworden.

Gehörn eines Gnubullen.

Bevor private Unternehmer den Aufkauf, die Entkernung und den Versand der Baumwolle in die Hand nahmen, wollte man diese Aufgabe den Kommunen der Bezirke geben, um so den Anbau des wichtigen Ausfuhrartikels zu fördern; die Jumben wurden zum Bezirksamt gerufen, bekamen Saat ausgehändigt und wurden angeleitet, wie sie zu pflanzen sei. Jedes Dorf sollte eine gemeinsame Baumwollpflanzung unterhalten, und der Erlös der Ernte auf die Arbeiter verteilt werden.

Auch hierbei ließen sich die Dorfältesten zu Unterschlagungen verleiten, und der Zwang, den sie auf die Arbeiter ausübten, wurde bei dem geringen Erfolg doppelt mit Unwillen aufgenommen.

Mein Vater.

Eines Tages brachte die Post die frohe Nachricht, daß mein Vater in Mohorro eingetroffen sei und versuchen wolle, zu mir zu kommen.

Das war eine große Freude. Wenn es schon an sich merkwürdig genug war, daß ich meinen Vater hier draußen sehen sollte, so gewann dies freudige Ereignis noch Bedeutung durch die Umstände, unter denen das Wiedersehen stattfinden sollte.

Angeregt durch meine Schilderungen des Landes hatte er, der früher schon in Amerika und Westindien wirtschaftliche Studien getrieben hatte, sich entschlossen, Deutsch-Ostafrika selbst zu sehen, um als Reichstagsabgeordneter ein eigenes Urteil über das Land zu bekommen. Bei seiner Abreise aus Deutschland brach der Aufstand in der Kolonie aus, und nun traf er mich mitten darin.

Mir war es lieb, daß ich ihm das Feld meiner Tätigkeit zeigen und ihm die Beruhigung mitgeben konnte, daß die Gefahren und Strapazen, an die man daheim immer zuerst denkt, aus der Nähe gesehen, gar nicht so groß sind.

Der Ort Kipei, vier Stunden unterhalb meines Lagers, wurde als Treffpunkt verabredet, und ich ging mit einer kleinen Askaribedeckung dorthin.

Als ich über ein abgemähtes Reisfeld ritt, sah ich meinen Vater von der anderen Seite kommen; mit Tropenhelm, in einem Khakianzug und mit einer Pistole an der Seite.

Ich sprang aus dem Sattel und lief ihm entgegen.

Herr John Booth, ein alter Afrikaner, hatte ihn hierher begleitet und wartete in dem Zeltlager am Flusse auf uns.

Zwei Tage blieben wir zusammen.

Wir ritten den Fluß hinauf, besuchten die heißen Quellen bei Utete, die Plätze, an denen Gefechte gewesen waren und meine Boma in Mayenge.

Was die Fruchtbarkeit des Landes betraf, so fand mein Vater seine Erwartungen schon jetzt weit übertroffen. Er bestätigte, was oft ausgesprochen worden ist, daß man trotz den vielen Schilderungen immer wieder dazu neigt, Begriffe zu verallgemeinern; daß selbst der Gebildete in Deutschland zu leicht irgendeine Nachricht aus Afrika auf alle afrikanischen Kolonien bezieht, und die widersprechenden Beobachtungen mit der Zeit einen gewissen Zweifel an den wirklichen Aussichten des Landes aufkommen lassen. Da hilft dann nur persönliche Anschauung.

Ich hatte die große Freude, in der Aufstandszeit meinen Vater zu sehen. Zwei Tage blieben wir zusammen, dann fuhr er stromab zur Küste.

Es ist falsch, zu sagen: „in Afrika“; denn Afrika ist groß und in seinen Teilen zu verschieden. (Oder zu sagen: „der Neger“; gerade dies hört man oft, und es ist noch viel verkehrter, als wenn jemand sagen wollte: „der Europäer“.) Man kann die Landwirtschaft in Deutschland auch nicht beurteilen, wenn man nur die Lüneburger Heide gesehen hat!

Gegen Abend des Tages nach unserm Zusammentreffen fuhren wir gemeinsam mehrere Stunden weit stromabwärts und waren noch eine Nacht unter einem Zeltdach zusammen. Am nächsten Morgen mußte mein Vater abreisen; denn der Gouvernementsdampfer erwartete ihn zu bestimmter Stunde in Salale, an der Mündung des Rufiyi.

Ich sah ihm noch lange nach, wie er im Boote stand und winkte, bis er weit unten, hinter einer Biegung des Stromes meinen Blicken entzogen wurde.

[11] Drei Rupien = vier Mark.

Schädel eines von mir erlegten, fast fünf Meter langen Krokodils.