Krokodile und Flußpferde.
„Es hat auf der Erde eine Zeit gegeben, in der die Kriechtiere das große Wort führten,“ schrieb Brehm im „Tierleben“ am Anfang des Abschnitts über die Panzerechsen, und an diesen Satz wird erinnert, wer gesehen hat, wie die letzten Vertreter dieser Tiere in gewissen Gegenden Ostafrikas noch heute ein Wort mitsprechen. Die Eingeborenen sind machtlos dem „Leviathan“ gegenüber, wie der Dichter des Alten Testamentes das Nilkrokodil nennt, der auch von ihm sagt: „Wenn du deine Hand an ihn legst, so gedenke, daß ein Streit sei, den du nicht ausführen wirst.“ — Mit Pfeil und Bogen, mit Speer- und Steinwürfen ist dem Ungeheuer, das durch eine starke Schuppenhaut geschützt wird, allerdings nicht beizukommen. Wohl werden einzelne, von Eingeborenen mit List und großer Mühe erlegt, in Fischnetzen zufällig gefangen oder auch geangelt; doch die Vermehrung ist so stark, daß die Krokodile nur in Gegenden, die der Europäer mit seinen guten, treffsicheren Waffen auf längere Zeit besucht, ganz vernichtet werden. Dem Gewehrgeschoß bietet kein Krokodilpanzer erfolgreich Widerstand; kleine Krokodile kann man sogar mit dem Schrotgewehr schießen.
Jeder Europäer, selbst wer nicht Jäger ist, beteiligt sich eifrig an dem Vernichtungskrieg, und auch ich habe, nachdem ich die grauenhafte Gefahr, von Krokodilen gepackt und ersäuft zu werden, selbst in der Nähe gesehen habe, eine Ehre darin gesucht, möglichst viele der schädlichen Räuber auf die Schußliste setzen zu können. Meine ganze Bleispitzenmunition widmete ich dem Schießsport auf Krokodile, und tat es gern, weil unzuverlässige Patronen darunter waren, die Versager gaben, und deshalb zu anderen Zwecken nicht verwandt werden konnten. Die 11/12-Mantelgeschosse mit Bleispitze rissen sehr stark und waren deshalb wirksamer als Vollmantelgeschosse.
Dreihundert Krokodile.
Nahezu dreihundert Krokodile rühme ich mich während des Aufenthalts in Ostafrika ums Leben gebracht zu haben. Es ist das einzige Wild, bei dem man die große Zahl der erlegten Tiere als Erfolg angeben darf, während die Afrikaner einem durchaus nicht Bewunderung zollen und noch weniger erfreut sind, wenn man sagt, man habe z. B. so und soviel Kuhantilopen geschossen. Das Streben des passionierten Jägers geht in Afrika nicht dahin, sich einer großen Strecke rühmen zu können, sondern eine möglichst vielseitige Ausbeute zu haben und Erlebnisse auf alle Arten Hochwild zu suchen. Große Strecken kommen aber doch vor, und reiche Ausbeute an Trophäen läßt sich oft auf die besonderen Umstände bei längeren Expeditionen zurückführen, wo Wild zur Verpflegung der Träger und Soldaten geschossen werden mußte, ist also durchaus nicht immer zu verurteilen.
Im Gegensatz dazu erfreut bei Krokodilen die hohe Zahl der vernichteten Tiere, und Rekorde sind im Interesse der Menschen erwünscht.
Es soll über zwanzig verschiedene Arten von Krokodilen geben; in Ostafrika haben wir es allein mit dem Nilkrokodil zu tun. Dies bevorzugt Süßwasserseen und Flüsse, kommt nur ausnahmsweise in das Salzwasser des Meeres und ist daher in den Buchten der Küste nur zu finden, wo Flüsse einmünden.
Selbst an der Fähre, die den großen Verkehr auf der Karawanenstraße über den Kingani vermittelt, kommen häufig Unglücksfälle durch Krokodile vor, trotzdem hier schon unzählige Europäer den Tieren nachgestellt haben.
Große Krokodile sind an der Küste jedoch schon selten, und in den Mündungen des Kingani, des Sigi und Rufiyi habe ich nur kleinere geschossen. Das Vorkommen eines besonders starken Ungetüms regt stets die Jagdlust der nahen Europäer an; denn ein großer Krokodilkopf mit fingerlangen, weißen Zähnen ist eine originelle, leicht zu konservierende Trophäe.
Im Aufstand, bei tagelangen Märschen an Flußufern, an Seen und Tümpeln entlang, sind mir unzählige Krokodile zu Gesicht gekommen; sieben Menschen sind in meiner nächsten Nähe von Krokodilen geraubt worden. Nicht von jedem Fall erfährt man; die Neger sind abstoßend gleichgültig gegen geschehenes Unglück. Ein Schutztruppenoffizier erzählte folgendes Erlebnis: Als seine Trägerkarawane durch einen Fluß hindurchging, wurde ein Mann mitten aus der Reihe von einem Krokodil erfaßt und fortgeschleppt; die anderen Träger gingen ruhig weiter, als ob nichts geschehen sei. Der Offizier fragte einen der Neger darüber. Antwort: „Ja mir passiert nichts, ich habe eine gute „dawa“.“[12] „Der andere hatte aber doch auch Medizin?“ „Die wird wohl nichts getaugt haben, meine aber ist gut!“
Von den Ägyptern wissen wir, daß sie die Krokodile einbalsamierten, ihnen also eine gewisse göttliche Verehrung zukommen ließen. Allerdings vermutet man, daß sie die Bestien erst selbst töteten und ihnen dann, gewissermaßen zur Versöhnung, die Totenehren erwiesen. Bei den Negern waren die Krokodile gefürchtet aber nicht verehrt. An einer Hütte sah ich über der Tür ein rohes Relief, aus dem Lehm des Wandbewurfs herausgeformt: die Gestalt eines Krokodils darstellend; niemand aber wußte, ob es mehr sein sollte, als ein launiges Kunstwerk, das jemand in einer Mußestunde zurecht geknetet hatte.
Obwohl jederzeit Menschen am Rufiyi durch Krokodile geraubt werden können, ohne daß jemand davon erfährt, schieben die Anwohner des Flusses das rätselhafte Verschwinden eines Menschen einer Schlange zu, die im Flusse leben soll, die aber immer ein anderer gesehen haben soll, nie der Vertrauensmann, den man gerade fragt.
Wenn die Neger an ein solches Tier glauben, zeigen sie offenbar ein Bedürfnis, die Phantasie zu befriedigen.
Der große Wels, der sich tief in den Schlamm verkriecht, und das unheimliche Krokodil genügen meiner Phantasie allerdings durchaus; denn es sind groteske Tiere, und offenbar werfen die Neger die Eigenschaften dieser beiden Flußbewohner zusammen, wenn sie von der ‚Hongo‘ sprechen.
Krokodile.
Als ich, aus Mangel an Streitkräften zu tatenlosem Warten genötigt, wochenlang in meiner Boma bei Mayenge saß, hatte ich reichlich Gelegenheit, Krokodile zu beobachten und zu erlegen. Obwohl fast täglich vom Pallisadenzaun des Lagers aus nach den Tieren geschossen wurde, lagen immer wieder welche da, angelockt durch die Kadaver ihrer Brüder, die ihnen als Nahrung willkommen waren. Die geschossenen Krokodile trieben nicht etwa — wie man das oft in Reisebeschreibungen ausgesprochen findet — weit in dem Strom fort, sondern erschienen, ebenso wie andere Kadaver, nach einigen Stunden, an der Oberfläche und wurden dann, meist nicht weit von der Stelle, an der sie geschossen waren, nahe am Ufer mit abgefressenen Füßen gefunden. Wahrscheinlich hatten andere Krokodile sie beim Fressen dort hingeschoben. Auch angeschossene sind durch die Gefräßigkeit ihrer Brüder dem Tode geweiht. Ich habe gesehen, wie ein Krokodil, das durch einen Bauchschuß verwundet war, wild im Wasser umhertobte, während andere von verschiedenen Seiten herzuschwammen und es, gewiß nicht bloß aus Neugierde, verfolgten. Der Geruchsinn soll schlecht sein; dagegen scheint die Tatsache zu sprechen, daß die Krokodile sofort herbeischwimmen, wenn ein Flußpferd verwundet wird, von gesunden Tieren aber gar keine Notiz nehmen. Ich schoß einmal auf ein Flußpferd und wußte nicht, ob ich getroffen hatte, weil ich ziemlich hoch über den Fluß stand und das Geschoß ebensogut in das Wasser eingedrungen sein konnte — während Geschosse, die aus flachem Winkel fehl gehen, gewöhnlich vom Wasserspiegel absetzen und pfeifend in die Luft weiterfliegen. — Da sagte ein Neger: „Du hast getroffen, riechst du es nicht?“ In der Tat nahm ich, da wir halb unter Wind standen, deutlich einen süßen Geruch wahr, den die Haut des toten Flußpferdes ausdünstete. Kurz darauf erschienen zwei große Krokodile und schwammen gegen Strom und Wind auf die Schußstelle los. Ob sie nur ihrem Gehör gefolgt waren und vielleicht unter Wasser von dem Todeskampf Laute vernommen hatten, die uns oben ganz entgangen waren? Es ist kaum anzunehmen.
Die Krokodile ruhen gerne auf den Uferböschungen dicht am Flusse. Oft habe ich sie quer über den Strom hin geschossen, oft auch in dichtem Schilf bis auf wenige Schritte angepirscht.
Auf der Stelle tödlich sind beim Krokodil nur Kopf- und Herzschüsse; jedoch lähmen auch alle Schüsse, die die Wirbelsäule treffen, das Tier so, daß es nicht mehr weiter kann.
Es gehört ein guter Schütze dazu, die kleine Hirnschale zu treffen, die wie ein treibendes Stück Borke auf dem Wasser erscheint. Liegt die lange Panzerechse aber breit auf dem trockenen Ufer, so ist sie, wenigstens in der Horizontalen, kaum zu verfehlen und es kommt nur darauf an, für das niedrige Ziel die Entfernung genau zu schätzen und dann in der Vertikalen ganz sorgfältig abzukommen. Solche Treffer, auf zwei bis dreihundert Meter aus Anschlag im Liegen über den Strom hin, haben mich oft erfreut; das Krokodil zeichnet, wenn es getroffen wird, jedesmal, indem es mit dem geöffneten Rachen schnell um sich haut, und darf in der Schußliste notiert werden, auch wenn es noch die gelbe Flut erreicht. Manchmal sieht man den Schwanz eines geschossenen Krokodils beim Näherkommen noch halb am Strand; das Tier gleitet aber bald in die Tiefe und ist wahrscheinlich tot. Aber wer wagt es, den Zackenkamm anzufassen auf die Gefahr hin, im nächsten Moment mit einem Biß belohnt zu werden; denn die Echse ist sehr wohl imstande, nach der eigenen Schwanzspitze zu beißen. — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Es war in der Trockenzeit im Monat September und der Strom hatte seinen niedrigsten Wasserstand.
Zu beiden Seiten sah man hohe Uferböschungen, von denen das Wasser unaufhörlich Erde abbröckelte, um sie mit sich zu führen und weiter unten wieder abzusetzen. Ältere Sandbänke lagen jetzt trocken und boten, weit in den Strom vorgeschoben, den Krokodilen willkommenen Platz zum Mittagsschlaf.
Ansitz im Schilf.
Auf einer solchen Sandbank stand dichtes, hohes Schilfrohr und der Fluß machte gerade vor dem in sich angeschlossenen Rohrgebüsch eine Biegung, so daß es möglich war, sich mit dem Boote lautlos treibend zu nähern, ohne von der anderen Seite gesehen zu werden. Hier hatte ich aus Sand und Rohrstengeln eine Hütte gebaut, und einen Gang durch das Rohr geschlagen, um unbemerkt hineinzukriechen. Der Platz war besonders geeignet, Krokodile, Flußpferde und Wasservögel zu beobachten.
Gegen die Sonne durch ein Flechtwerk geschützt, lag ich oft stundenlang und sah den Tieren zu, die gar nicht merkten, wenn ich von hinten vorsichtig in meine Hütte kroch.
An einem stillen, feierlichen Tage war ich gegen zehn Uhr vormittags auf meinem Posten. Kein Wölkchen stand am Himmel und der Wind, der frühmorgens aus Westen wehte, war allmählich eingeschlafen.
Zwei kleine Krokodile liegen auf Wurfweite vor mir; mit dem Doppelglas kann ich jede Falte ihrer Haut sehen und sogar die länglichen Augensterne erkennen. Die Tiere liegen ganz auf dem Trockenen; plötzlich erscheint auf etwa zwanzig Schritt die flache Oberfläche eines Krokodilkopfes, in langsamer Bewegung sich dem Ufer nähernd; dahinter taucht der zackige Kamm des langen Schwanzes auf. Vorsichtig bleibt das Tier, bewegungslos dicht am Ufer liegen und hebt sich erst nach geraumer Zeit, langsam aus dem Wasser; beschreibt auf dem Sand einen Halbkreis, läßt sich plötzlich schwer auf den Bauch fallen und sperrt den Rachen weit auf. Da es sich in der Drehung von mir ab und wieder dem Wasser zugewandt hat, kann ich nur einen Teil des Kopfes sehen.
Stunden vergehen. Über die Sandbank kommen Nilgänse, die an einer Lagune zur Äsung waren; graue Fischreiher, fleischfarbene Pelikane und weiße Löffler fallen weiter unten ein; dazu setzen sich gelbschnäblige Störche.
In meine Nähe scheint nichts mehr zu kommen; da ziele ich denn in aller Ruhe auf den dicken Wanst des Drachenviehs, das in seinem bronzegrünen, schwarz gefleckten Panzerkleide dicht vor mir liegt. Von hinten, etwas seitlich soll ihm mein Geschoß in den Brustkorb dringen und das Herz treffen — — — Rrumms!
Blitzschnell fährt es mit dem Kopf vorne hoch und reißt den Rachen, der von spitzen, weißen Zähnen starrt, weit auf, sinkt in sich zusammen, klappt noch zweimal laut mit den Kiefern und verendet.
Die beiden anderen Krokodile waren auf den Schuß in das Wasser gestürzt und die Vögel hatten sich in die Luft gehoben.
Der Drache ist tot und ich kann ihn in Ruhe betrachten.
Die Farbe seiner Haut ist nur oben und an den Seiten dunkel, die Bauchseite zeigt ein feines Elfenbeinweiß. Der Rumpf ist langgestreckt, der Schwanz seitlich als Ruder zusammengedrückt. Auf ihm laufen zwei Kammreihen entlang, die sich am Ende zu einer vereinen.
Die Füße stehen nach den Seiten weg. Sie haben vorne fünf, hinten vier Zehen, die durch Schwimmhäute verbunden sind und Krallennägel tragen. Das kleine, grüne Auge wird durch drei Lider geschützt; die Ohröffnungen können durch klappenartige Hautfalten, die Nasenlöcher, die vorne im Oberkiefer liegen, durch Aneinanderdrücken ihrer wulstigen Ränder geschlossen werden, wenn das Tier untertaucht.
Da die Gefährlichkeit der Krokodile sehr verschieden ist, kommt es immer wieder vor, daß leichtsinnige Menschen verunglücken; wenn alle Krokodile gefürchtet würden, wäre das nicht der Fall.
Da die Hauptnahrung der Tiere in Fischen besteht, gibt es Gewässer, in denen die Krokodile ungefährlich sind, weil sie reichlich Nahrung haben. Man sagt, daß sich in allen Gegenden, die von der Kultur unberührt bleiben, der Bestand an Krokodilen und Fischen das Gleichgewicht halten. Wenn nämlich die Raubtiere überhand nehmen, beginnen sie sich bald, aus Mangel an Nahrung und der lästigen Konkurrenz halber, gegenseitig aufzufressen und dann bekommen die Fische wieder freiere Bahn. Auf Tiere, Wasservögel oder gar Menschen, die zur Tränke kommen, sind die Krokodile demnach nicht angewiesen; doch mag ihnen der Fischfang in manchen Gegenden so schwer fallen, daß sie gerne jedem anderen Bissen auflauern, während sie an anderen Plätzen mehr gesättigt sind.
Die Eingeborenen kennen meist die Krokodile in ihrer Nähe recht genau und wissen auch einige Plätze, an denen sie getrost baden können. Selten raubt das Krokodil aus flachem Wasser; denn seine Methode ist, das Opfer mit dem Schwanz ins Wasser zu schlagen, zu packen und zu ersäufen. Dazu ist ihm flaches Wasser nicht günstig. Während die Neger da recht sorglos sind — vielleicht auch, weil das Herannahen eines Krokodils leichter zu bemerken ist — vermeiden sie es, an tiefes Wasser hinanzugehen und warnten mich jedesmal, wenn ich es tat.
In manchen Gegenden sind die Wasserschöpfstellen an steileren Ufern durch Zäune geschützt, die in das Wasser hinein gehen, oder die Weiber schöpfen vom hohen Ufer aus mit Kalebassen, die an langen Stangen befestigt sind.
Trotz den Krokodilen sprangen die Neger über Bord, als das Wasser flacher wurde und zogen das Flußpferd an eine Sandbank. — Am Boot steht meine Büchse, ein Militärgewehr, dessen Holzbekleidung im Gefecht bei Utete durch einen Schuß zersplittert worden war und das ich mir dann zu einem leichten, handlichen Gewehr zurechtgestutzt hatte.
Flußpferde photographiert.
Einmal führte mich mein Weg durch das Jagdschonrevier des Kissakibezirks, und ich traf, wo der Mrokafluß in den Rufiyi mündet, im Morgennebel drei Flußpferde, die in dem sumpfigen Uferrande ruhten. Ich nahm die Kamera und ging, von Schilfstauden gedeckt, vorsichtig näher.
Der Boden war so weich, daß ich bis an die Knie einsank. Ich zog die Kassette auf, machte die Kamera fertig und trat dann plötzlich hinter dem Schilf hervor, so daß ich auf etwa fünfzig Schritt ganz frei vor den Tieren stand.
Ein alter Flußpferdbulle mit plumpem, schwerem Kopf richtete sich mit der Vorderhand auf und sah nach mir her, als ich die erste Aufnahme machte. ([Bild Seite 155.])
Während ich die Kassette umdrehte und die Kamera zum zweiten Male hob, wurde er nach dem tieferen Wasser hin flüchtig. Auch die übrigen Tiere erhoben sich jetzt jäh aus ihrem Schlafe, und waren in wenigen Sekunden unter dem Wasserspiegel verschwunden.
Die Jagd auf Flußpferde ist da uninteressant, wo die Tiere in großer Zahl und vertraut angetroffen werden; denn an solchen Stellen kann ein sicherer Schütze Dutzende in kurzer Zeit schießen. Das ist keine Jagd.
Dagegen kann man von Jägerfreuden sprechen, wenn sich jemand mit vieler Zeit und Mühe aus einer großen Herde den größten Bullen heraussucht und ihn zur Strecke bringt; denn ein starker Flußpferdschädel mit hoch aus dem Unterkiefer herausragenden, gebräunten Zähnen, ist eine schöne Trophäe. Sie gewinnt dadurch, daß man erzählen kann, man habe außerdem kein Stück der Herde angeschossen!
Flußpferdjagd.
Großen Reiz hat es auch, in versteckten Teichen nahe der Küste den dort sehr seltenen und ungewöhnlich vorsichtigen, vielleicht sogar gefährlichen Flußpferden nachzustellen.
Nicht gerne aber denke ich an zwei Schießereien zurück, zu denen ich mich hergab, weil der Schaden, den die Flußpferde der Landwirtschaft zufügten, die Neger zu berechtigten Klagen veranlaßten: Das auf Flußpferde stehende Schußgeld von 26 Mark für jedes erlegte Tier war gerade aufgehoben worden, weil die Dickhäuter in manchen Gegenden derart überhand genommen hatten, daß sie eingeschränkt werden mußten.
Aus einer Landschaft besonders kamen immer wieder Klagen der Neger, die Kibokos schliefen im Wasser neben den Feldern und trampelten nachts auf Äsung in den Saaten umher, so daß kein Halm stehen bleibe.
Ich erlaubte deshalb dem Sergeanten, die Tiere abzuschießen. Er kam zurück mit der Meldung, er habe beinahe zwanzig Stück in drei Stunden zur Strecke gebracht. Am nächsten Tage brachten die Eingeborenen, froh über dies Resultat, die abgeschnittenen Schädel, große und kleine, die im Ufersande des Flusses vergraben wurden, damit die Zähne lose würden.
Anfangs glaubte ich, der Sergeant habe allzusehr unter den Tieren aufgeräumt; denn acht Tage später kam ich an den Ort der Tat vorbei und sah die vielen, großen Kadaver auf den Sandbänken liegen. Viele Hundert Geier und Marabus standen dabei, und im Wasser schwammen unzählige Krokodile. Lebende Flußpferde aber waren nicht mehr zu sehen.
Ein erlegtes Flußpferd wird ans Ufer gewälzt.
Drei Monate später — ich hatte in der Zwischenzeit kein einziges Flußpferd schießen lassen — kam ich wieder an der Stelle vorbei und traf zu meinem Erstaunen in der Nähe eines großen Dorfes drei Flußpferdherden von zusammen etwa achtzig Köpfen. Die Neger waren geradezu machtlos gegen diese Tiere und sagten, sie müßten auswandern, wenn ich ihnen nicht helfen könnte. Darum entschloß ich mich, mit Unteroffizier Lauer zusammen einige starke Bullen aus einer der Herden abzuschießen.
Wir wählten zwei geeignete Plätze auf der hohen, sandigen Uferböschung und legten uns in Anschlag.
Die Herde mußte, wenn sie stromauf entweichen wollte, an mir, stromab an dem Unteroffizier vorbei und über flachere Stellen hinweg, was die Flußpferde vermeiden, wenn Gefahr ist.
Weinrot und glänzend erschienen die Körper der plumpen Dickhäuter, wenn sie auftauchten.
Wir hatten beide große Übung im Schießen und schossen nur nach dem Gehirn. So brachten die ersten vier Schüsse vier Nilpferde zur Strecke, die auf der Stelle tot waren. Dann bekam die Sache als Schießsport einen gewissen Reiz; denn die Tiere steckten, vorsichtig gemacht, die Köpfe nur auf Sekunden aus dem schützenden Naß, um fauchend Luft zu schnappen und sich umzusehen. Da mußte das Ziel schnell erfaßt und sofort geschossen werden, was um so schwerer war, als wir nur starke Tiere schießen wollten und jedesmal die Frage erst beantworten mußten: ist es ein großer Kopf? Und dann war er bereits wieder auf Minuten verschwunden. Trotzdem hatten wir in kurzer Zeit acht starke Nilpferde getötet. Ein angeschossenes Stück, das aus der Nase schweißte, machte es uns recht schwer, weil es zwischen den gesunden auftauchte; als wir auch dies zur Strecke hatten, hörten wir auf. Kein anderes Tier war angeschossen! Wenn es auch kein Jagderfolg war, der Freude machen konnte, war es jedenfalls ein Schießresultat, mit dem wir uns hätten sehen lassen können.
Jetzt schickten wir Boten in die umliegenden Dörfer, und es kamen an dreihundert Eingeborene mit Beilen, Messern und Stricken. Einbäume wurden herbeigeschafft, und die erlegten Tiere mit vereinten Kräften auf die Sandbänke gezogen. Auf den Lärm hin verließen einige der überlebenden Dickhäuter das Schlachtfeld und rannten über die Sandbänke in entferntere Wasserbecken.
Wo sie durch flaches Wasser hindurchliefen, spritzte es mit Getöse nach den Seiten.
„Ein alter Flußpferdbulle richtete sich auf und sah herüber, als ich hinter dem Schilf hervortrat.“ ([Seite 152.])
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GRÖSSERES BILD
Nutzen des Flußpferds.
Leider konnten wir von der Beute nichts verwerten als die Zähne; die Eingeborenen in der Gegend aßen das Fleisch nicht, während andere Negerstämme sich darum reißen. Die Schwarte war so rissig und durchlöchert, daß ich kaum ein gutes Stück fand, aus dem ich Peitschen schneiden konnte. Die Decken der Tiere waren daher für uns wertlos; auch die Händler hatten uns geantwortet, sie kauften keine Flußpferdhaut. (Wie verschieden übrigens die Verhältnisse oft sind, lehrt folgendes Beispiel: Die Inder in Mohorro kauften Wildhäute zu bestimmten Marktpreisen nach Gewicht. Sie nahmen gern Felle von Antilopen, Gnus und Schweinen, wollten mir aber mein Büffelfell nicht abkaufen und nahmen keine Flußpferdhaut. Das hatte ich in Erinnerung, als ich später am Kilimandscharo zwei Büffel schoß; und ich verschenkte die Häute an meine Träger. Kurz darauf wurde ich in Moshi nach den Fellen gefragt und erfuhr, daß sie dort ein ganz besonders gut bezahlter und sehr gesuchter Artikel seien. Dagegen wurden Antilopenhäute dort sehr schlecht bezahlt. Ähnlich ging es mit Nilpferdhaut; am Rufiyi nahm sie der Händler nicht geschenkt; in Daressalam und Sansibar boten die Inder hohen Preis. Das wußte ich nicht, als wir die vielen Tiere schossen und so mußte das wertvolle Material ungenutzt verfaulen.)
Es war auch ein Mangel an Erfahrung dabei, wenn ich glaubte, man könne die Tiere nicht nutzen. Das habe ich später bei den Buren gesehen und aus den Erzählungen südafrikanischer Jäger gelernt. Einer, der die Jagd berufsmäßig ausübte, hätte vielleicht großen Gewinn daraus gezogen, wenn er das Fell präparierte, die Knochen klein stampfte zu Düngungszwecken und Leimfabrikation, das Fett zu Seife einkochte und das Fleisch als Hühner- und Hundefutter trocknete. Ein feistes Flußpferd liefert etwa achtzig Pfund Fett, das sehr gut schmeckt und sich in den Tropen zum Braten besser eignet als irgend ein anderes Fett. Die Buren räucherten sogar Speckseiten von Flußpferden.
Das Flußpferd hat überhaupt viel Ähnlichkeit mit dem Schwein — bei den Ägyptern hieß es „Flußschwein“. — Sein Fleisch kann ich als schmackhaft bezeichnen, wenngleich ich alle Fleischsorten, die ich probierte, vom Elefanten bis zum Steppenhasen, bei der völligen Unkenntnis meines Kochs, gleich schlecht zubereitet bekam.
Wenn der Abschuß großer Flußpferdherden noch irgendwo notwendig wird, sollte man ihn Jägern überlassen, die damit Geld verdienen und Nutzen aus den Tieren ziehen können. Insofern bedaure ich, daß wir dort eingegriffen haben. Uns brachte es jedoch in gewisser Beziehung auch einigen Nutzen: Die Eingeborenen sahen die Wirkung unserer Waffen, waren dankbar für die Vernichtung der Tiere im Interesse der Landwirtschaft, und dachten nicht mehr daran, auszuwandern.
Es war ärgerlich, daß die Neger kein Flußpferdfleisch essen wollten. Vor zwanzig Jahren nämlich sollen sie es noch gerne gegessen haben. Ihr Vorurteil kommt von den Mohammedanern; die essen kein Fleisch von Tieren, denen nicht die Gurgel abgeschnitten wird, solange sie noch leben. Wahrscheinlich weil eine solche Handlung bei den Dickhäutern nicht auszuführen ist, verzichten die mohammedanischen Neger auf das Fleisch.
Wenn ich auch sonst jede Äußerung religiösen Empfindens beim Neger achtete, habe ich diese Angewohnheit lächerlich gemacht, wo ich immer Gelegenheit dazu hatte.
Den armen Negern wird mit solch einem Vorurteil kein Gefallen getan, und der Weiße kann in große Verlegenheit kommen, wenn er nichts Anderes als Flußpferd hat, um seine Arbeiter zu verpflegen.
Wenn schon der Islam nicht die Religion ist, die diese Neger brauchen, ist überhaupt kein Grund, auf religiöse Gebräuche Rücksicht zu nehmen, die den kulturellen Aufgaben des Europäers geradezu entgegen sind. (Menschenfresserei dulden wir nicht; auch wenn sie aus tiefer Religiösität entspringt; den Massai zeigen wir, daß wir nicht einverstanden sind, wenn sie Vieh rauben, weil ihre Religion sagt, alles Vieh gehöre eigentlich den Massai.)
Es ist auch ein Jammer, daß die Küstenneger, seit sie sich Mohammedaner nennen, Schweinefleisch verschmähen; gerade die ärgsten Feinde ihrer Pflanzungen, die so sehr zahlreichen Warzenschweine und Wildschweine werden von ihnen nicht gegessen und sie stellen ihnen nur aus Gründen der Abwehr nach. Und was das schlimmste ist: Selbst in Zeiten der Hungersnot überwinden sie den eingebildeten Ekel nicht und verhungern lieber, als daß sie Schweinefleisch anrühren! Gier und Gefräßigkeit kann man diesen Negern also nicht ohne Einschränkung nachsagen.
Die Erklärung für dies Verhalten liegt in folgendem: Es gilt als fein, Suaheli zu sein, und dazu gehört die Nachahmung mohammedanischer Gebräuche. Mancher Neger würde ohne Zögern Schweinefleisch essen, wenn er mit dem Europäer allein wäre. Aber in Gegenwart anderer mag er sich nichts vergeben. So kommt es, daß die Anwesenheit einer vornehm tuenden Clique von „Suahelinegern“ in einer Expedition ansteckend auf alle übrigen Neger wirkt. Wer die Gebräuche nicht mitmacht, wird „Schenzi“ genannt und hört so oft die Bemerkung: „er frißt ja Schweinefleisch“, bis er es auch läßt.
Merkwürdig ist, daß dem Neger das Vorbild des Europäers, der doch Schweinefleisch ißt, gar nichts gilt.
Der Schächtschnitt.
Ein anderes Vorurteil, das der Neger sehr zu seinem Schaden von dem „Suaheli“ angenommen hat, ist, daß er nur Fleisch von Tieren ißt, denen die Kehle durchgeschnitten wurde. Bei Haustieren ist das einfach durchzuführen; bei Wild sehr schwer. Und das Schächten des Wildes ist ein Brauch, den der deutsche Jäger nicht erlauben sollte.
Es geschieht nämlich auf folgende Art: Sowie ein Stück Wild vom Schuß fällt, stürzen die Schwarzen mit ihren Messern darauf los, biegen ihm den Kopf zurück und schneiden die Kehle durch. Der Anblick des so zugerichteten Tieres ist häßlich; der Kopf hängt nur noch lose am Hals und aus den geöffneten Halsschlagadern spritzt in hohem Strahl der Schweiß hervor, weil das Herz noch in Tätigkeit ist.
Jeder erfahrene Jäger weiß, daß es falsch ist, auf ein Stück Wild, das vom Schuß fällt, sofort darauf loszugehen; denn oft kommt das Wild dann in seiner Angst wieder hoch, wird weit flüchtig und kann dem Jäger sogar verloren gehen. In anderen Fällen wird es dem Schützen durch das Aufspringen der Leute unmöglich gemacht, ein zweites Stück des Rudels zu schießen. Wer etwas von Jagd versteht, sollte deshalb gegen den Gebrauch ankämpfen.
Es muß den Negern verboten sein, aufzuspringen, und die Jagdbegleiter sind streng anzuhalten, im Grase liegen zu bleiben. Der erste, der an das Wild hinantritt, ist der Schütze; mit fertigem Gewehr: andernfalls kann ihm die Gelegenheit zu einem Fangschuß entgehen, durch den er das Stück bestimmt in seinen Besitz bekommt.
Der Sinn des Schächtens ist: „Das Fleisch soll ausbluten“, und wer jedesmal fragt, ob es geschlachtet ist? glaubt damit die Sicherheit zu haben, daß er nie Fleisch von gefallenen Tieren bekommt. Die Neger aber machen eine geistlose Handlung daraus, denn sie schneiden einer Antilope auch noch den Hals durch, wenn sie vierundzwanzig Stunden nach dem Schuß gefunden wird.
Schon daraus sieht man, daß man die Neger in solchen Gebräuchen oft nicht ernst zu nehmen braucht.
Auch mir versuchten meine Askari und Träger einzureden, das Wild müsse geschlachtet werden.
Ich drehte aber sofort den Spieß um und sagte, ich dürfe nicht von geschächtetem Wild essen, deshalb verbiete ich es.
„Dann essen wir es nicht.“
„Es ist mir lieber, ihr verhungert, als daß ich hungern muß.“
Anfangs sahen die Strenggläubigen zu, ohne mitzuessen; sie hofften immer noch, ich würde nachgeben und vielleicht erlauben, daß ein besonderes Stück für sie geschlachtet würde. Später siegte der Hunger, und im Verlauf der Expedition sprach kein Mensch mehr davon. Jedem Neuling wurde gesagt: „Der Herr will es nicht.“
Viel schwieriger ist es bei privaten Expeditionen gegen solche Vorurteile anzukämpfen, und ich werde darauf zurückkommen, wenn ich von meiner Jagdreise in die Massaisteppe erzähle. —
Geier und Marabu.
Wenn man von Flußpferdjagden spricht, sind Aasvögel und Krokodile nicht leicht davon zu trennen; sie finden sich schnell ein, und die Stelle, an der ein erlegtes Nilpferd liegt, wird sehr bald zum Schauplatz eines bunten Treibens.
Auf die Sandbank gezogen, nicht weit vom acht Meter hohen Schilfrohr lag der Körper eines toten Flußpferdes. Ein langer Schnitt in die Haut hatte den Aasvögeln die Möglichkeit gegeben, mit der Mahlzeit gleich zu beginnen; (sonst müssen sie warten, bis der Körper gänzlich in Fäulnis übergeht, da sie nicht imstande sind, die Haut zu durchschlagen).
Wohl hundert Geier saßen herum; einige auf, andere in dem Kadaver. Ein Dutzend Marabu spazierten zwischen den Gruppen der Vögel hindurch. Heiseres Gekrächze kam von dem Schauplatze.
Ich lag im Schilf und beobachtete. Ein Geier arbeitete in der vom Wasser durchspülten, faulen Masse. Kopf und Hals verschwanden darin. Ein anderer hatte ein Stück losgerissen, wollte sich dann auf die Seite stehlen, wurde aber von drei Neidern verfolgt. Zwei andere rissen sich mit langen Hälsen um einen Bissen. Der Marabu tat, als wenn er überall Aufsicht ausüben mußte.
Gern nimmt er den Geiern Stücke ab. Sein langer, spitzer Schnabel ist mit Recht gefürchtet. Dieser Schnabel eignet sich weit weniger als der gekrümmte des Geiers zum Losreißen von Stücken Fleisch. Selten sieht man daher den Marabu selber am Aas arbeiten; er nutzt die Geier dazu aus. Große Stücke schlingt er auf einmal hinunter; die baumeln dann in dem tief hinabhängenden Kropfbeutel.
„Schäbig ist der Marabu“ sagt Busch. Schäbig ist nur das Gefieder seiner Kopf- und Halspartie; reich sein übriges Federkleid. Man meint, er sei ein dürftiger Geselle in einem feinen, stahlblauen Gehrock. Ein knallroter Fleck auf der Haut sitzt hinten im Nacken, wie um zu zeigen, daß ein Vogel auch ohne Federn bunt sein kann. Das Männchen hat weiße Ränder an den Deckfedern der Flügel. Sein Gefieder ist mehr graublau, während das des Weibchens fast schwarz und einfarbig ist.
Der frische Wind wehte mir den Aasgeruch in die Nase. (Niemand sage: Pfui, wie unappetitlich! Am ersten Tage, auch am zweiten, ja. Später aber riecht es genau, wie Camembert; es ist Geschmacksache. Die Schwarzen essen z. B. etwas angefaultes Fleisch sehr gerne; auch den Marabu selbst essen sie. Vielleicht ist ihnen diese Fäulnis das, was uns der Alkohol und der Käse). Hoch in den Lüften kreisen zwei weitere Marabu. Hell leuchtet das weiße Gefieder der Brust, das sich bis unter die Flügel fortsetzt. Wie ein Fähnchen flattert der leere Beutel am Halse.
Nun heißt’s den besten aussuchen; mit dem Doppelglas natürlich. Es ist nicht leicht; denn der größte Vogel hat oft die kleinsten Federn, oder die Federn sind groß, aber der zarte Flaum ist schon abgenutzt. Außerdem trägt der Marabu die sehr beliebten Federn nicht auf dem Kopfe, wie manche Damen vielleicht denken. Wer da nicht genau hinsieht und aussucht, wird oft unzufrieden sein über seine Beute. — Da ist einer! Jetzt mit der Büchse im Anschlag warten, bis er mir die Seite zeigt, denn das beste ist, stets einen Flügelknochen mit zu zertrümmern, dann kann der Vogel nicht mehr fortfliegen. Schuß; er liegt.
Die andern fliegen auf, setzen sich aber gleich wieder, kommen heran, sperren die Schnäbel auf, was stets Erstaunen, Schrecken, Angst bedeutet und sehen erst mit dem rechten und dann mit dem linken Auge zu mir herüber; ein umständliches Verfahren, zu dem fast alle Vögel gezwungen sind, wenn sie die Absicht haben, stereoskopisch zu sehen. (Die gelehrten Eulen machen eine Ausnahme.) Es ist kein Vogel mehr darunter, der mir gefällt; ich trete aus meinem Versteck, da hebt sich die ganze Schar der Riesenvögel und kreist, wie vom Wirbelwind getrieben, über mir in der Luft. Zwanzig gute Federn hatte der erlegte Marabu. Ich nahm die Federn an mich; der Balg mit seinem schneeweißen Flaum und die großen Flügel wurden von den Askari mit Sorgfalt für die Ngoma[13] in Daressalam präpariert. Das Fleisch bekamen die Eingeborenen.
Während oben die Vögel an dem Kadaver eines Flußpferdes fressen, tun es im Wasser gleichzeitig die Krokodile. Diese geben sich alle Mühe, die Beute für sich allein zu reservieren und ins tiefe Wasser zu ziehen. Gelingt es ihnen, dann folgen sie dem treibenden Körper. Einem zwölf Fuß langen Krokodil habe ich einmal vom hohen Ufer aus den Garaus gemacht, als es einem toten, treibenden Kiboko folgend, unmittelbar an mir vorbeischwamm, um den aufgedunsenen Kadaver herum sah ich wohl ein Dutzend der langen, grünen Köpfe.
Auf den Schuß zeichnete das große Krokodil; die übrigen entfernten sich schnell und näherten sich dem gegenüberliegenden Ufer. Sie verloren entweder die Spur des treibenden Körpers oder waren satt.
Schlafende Krokodile.
In der Nähe des Kadavers ruhen die Krokodile auf Sandbänken prall vollgefressen; oft mit weit geöffnetem Rachen. Da ist es denn ein besonderer Spaß, solch einen Schläfer in guter Deckung auf wenige Schritte anzupürschen. Das gelingt stets, wenn er dicht an einer hohen Böschung liegt. Aber auch auf freiem Sande geht es, wenn kein anderes Krokodil in der Nähe ist und man den Schläfer genau von hinten anschleicht. Wenigstens bin ich auf fünfzehn Schritt hinangekommen — im ersten Falle sagen wir auf drei Schritt, d. h. eigentlich bis ich unmittelbar über ihm stand. — Der Schreck der Bestie, wenn man ihr dann einen Knüppel aufs Rückgrat wirft! Wie elektrisiert schnellt sie empor und plauzt ins Wasser.
Einmal wollte ich Flußpferde vom Boot aus photographieren. Der Strom hatte nur wenig Wasser. Große Sandbänke lagen trocken, und an vielen Stellen waren tote Buchten oder sogar kleine, abgeschlossene Teiche entstanden. Von einem hohen Felsen aus konnte ich an dieser Stelle die Krokodile zählen; Flußpferde steckten ihre Köpfe tief unter mir aus dem Wasser; Nilgänse, Riesenreiher und Marabu standen am Ufer.
Ich ließ zwei Kanoes zusammenbinden und fuhr auf die Flußpferdherden los, um Aufnahmen zu machen. Unteroffizier Lauer saß im linken, ich im rechten Boot.
Die erste Herde tauchte unter, bevor ich eine Aufnahme gemacht hatte. Eine andere Herde ruhte am Ufer, dicht hinter einem Felsen. Unser doppeltes Boot trieb langsam an den Büschen entlang und an glatten Steinen vorbei, die allmählich aus dem Wasser emporstiegen. In schneller Fahrt wurde es um einen Felsvorsprung herumgerissen und schoß dann in das seichtere Wasser einer kleinen Bucht hinein, in der kein Strom war.
Ein starker Bulle stand ganz auf dem Trockenen, die übrigen fünf Tiere halb im Wasser. Eins hatte seinen Kopf ausruhend auf den Rücken eines anderen Flußpferdes gelegt und hielt uns die breite, borstige Schnauze gerade entgegen.
Diesmal glückte es. Ich stand auf einem Feldstuhl, Lauer hielt mich an den Fußgelenken fest. — Die schwarzen Steuerer durchquerten die Breite der Bucht, und bevor das Boot auf dem anderen Ufer mit sanftem Stoß aufgehalten wurde, hatte ich eine Aufnahme gemacht.
Die Herde suchte das tiefere Wasser auf und mußte dicht am Boote vorbei. — Starke Wellen gingen von den plumpen Tierkörpern aus, schlugen gegen die Bordwand und liefen schäumend über den Sand.
Wir waren sehr froh über das wohlgeglückte Manöver; frohlockten aber zu früh!
Vom Flußpferd in die Luft geworfen.
Das Boot trieb wieder auf dem freien Strom und nahm Kurs auf ein einzelnes Flußpferd, das den Kopf von Zeit zu Zeit aus dem Wasser hob; ich wollte schießen. Auf hundert Meter tauchte der Kopf unter. Da ließ ich bremsen, um in der Zeit, die der Dickhäuter unter Wasser zubringt, nicht darüberhinwegzufahren. — Plötzlich gab es einen starken Stoß — — — ich fand mich im Wasser und tauchte auf: Das Boot, in dem ich gesessen hatte, war zerbrochen, das andere lag auf der Seite. Hinter mir rauschte es, ein großes Nilpferd durchquerte eine flache Stelle im Strom.
Mein erster Gedanke war an Gewehr und Kamera; doch bevor ich den Kopf wieder in die gelbe Flut steckte, sah ich nach den Ufern, um mir die Peilung einzuprägen. Wir trieben. — —
Also erstmal zum Ufer mit allem, was noch oben schwamm! Das Boot wurde auf den Sand gezogen. —
Ein Neger hatte die Ledertasche mit der Kamera und den Kassetten ergriffen; das Wasser strömte heraus!
An den Kadavern der Flußpferde schoß ich zwei Marabu mit einer Kugel.
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GRÖSSERES BILD
Mein Gewehr fehlte noch. Lauer und ich waren die ersten, die wieder ins Wasser sprangen; keiner von uns dachte an die Krokodile. Die Ruderer tauchten um uns herum; nach wenigen Minuten war auch das Gewehr gefunden.
Vermißt wurden nur noch entbehrliche Dinge.
Leider mußte ich die Kassetten schnell öffnen und die Platten herausnehmen, denn es war Wasser hineingedrungen; der schwarze Belag blätterte von den Rückwänden ab, dennoch sind alle späteren Aufnahmen gut gelungen.
Wir sprachen über den kleinen Unfall, der einen so harmlosen Ausgang hatte. Mein Begleiter sagte, er wisse ganz genau, wie er durch die Luft geflogen sei, ich sei in kürzerem Bogen ins Wasser gerutscht.
Es war merkwürdig, daß ich mich auf diesen Augenblick gar nicht besinnen konnte; vielleicht hatte der starke Stoß mir für Bruchteile von Sekunden die Besinnung geraubt. So erklärt sich auch nur, daß ich mein Gewehr losließ.
Ich glaube nicht, daß das Flußpferd uns hat annehmen wollen, sondern es hat in so flachem Wasser gestanden, daß das Boot es berühren mußte. Da ist das Tier erschreckt losgesprungen, hat, vielleicht lediglich durch eine kurze Bewegung seines starken Kopfes, das Boot in die Luft geworfen und dann über die nächste Sandbank hin das Weite gesucht.
Es ist schwer, das Verhalten eines Tieres richtig zu beurteilen. Ich bin der Ansicht, daß die Tiere im allgemeinen froh sind, wenn man sie in Ruhe läßt, und daß sie nur, wenn man sie plötzlich stört und belästigt, im ersten Unwillen sich ihrer Kraft bewußt werden und auf den Störenfried drauflosrennen.
Die Tatsache war aber nicht zu leugnen, daß uns ein Flußpferd in die Luft geworfen hatte, und wir waren froh, den Schreck so billig bezahlt zu haben.
Völlig durchnäßt setzten wir die Verfolgung der Flußpferde in dem noch schwimmenden Boote fort.
Ich wollte einen starken Bullen schießen und mich dadurch für den Verlust der schönen Aufnahme schadlos halten.
Als ein starker Kopf die Augen und die Ohren aus dem Wasser steckte, schoß ich. Der Schuß ging dicht vor den Augen durch den Schädel. Einige Sekunden blieb das Flußpferd unter Wasser, dann sprang es hoch heraus und schweißte stark. Mit geöffnetem Maul erschien es immer wieder an der Oberfläche; es schien unfähig zu sein, in tiefem Wasser aufzutauchen und suchte deshalb die Nähe einer Sandbank, wo es halb aus dem Wasser herausstand und sich um nichts zu kümmern schien. Wahrscheinlich war es vor Schmerz apathisch.
Ich ließ gerade auf das Tier zusteuern. Als wir ihm auf Bootslänge nahe waren, erkannte es die Gefahr, wandte sich plötzlich um und fuhr ungestüm auf unser kleines Boot los; ein schneller Schuß ins Gehirn tötete das Flußpferd jedoch auf der Stelle, kurz bevor es das Boot erreichte. Zweifellos hätte das schwer gereizte Tier uns gefährlich werden können.
Den abgeschnittenen Kopf trugen acht Neger mit Mühe an einem langen Baum; er mag wohl nahezu vier Zentner gewogen haben.
An diesem Tage konnte ich noch ein merkwürdiges Erlebnis aufzeichnen: als wir unter einer etwa zwei Meter hohen, steilen Uferböschung ziemlich geräuschlos entlang fuhren, sprang ein großes Krokodil dicht über das Boot weg ins Wasser.
Ein andermal schoß ich zusammen mit Herrn Bezirksamtmann Graß eine Flußpferdherde ab, in der einige angriffslustige Bullen waren. Die Bootsunfälle, durch Angriffe der Flußpferde hervorgerufen, waren an dieser Stelle so häufig, daß die Neger sich mit ihren Booten nicht an der Herde vorbeizufahren trauten, wenn nicht ein Askari mitfuhr, (der durch sein Knallen wahrscheinlich nur dazu beitrug, die Tiere noch mehr zu reizen).
Der Strom war hier so tief, daß die Tiere entkommen konnten, indem sie weite Strecken unter Wasser zurücklegten.
Wir mußten deshalb auf dem Ufer nebenherlaufen, um in einem neuen Versteck schon in Anschlag zu liegen, sobald die Tiere an einer entfernten Stelle wieder auftauchten.
Jagd vom Boot aus.
Oft habe ich Flußpferde mit dem Boot verfolgt und so geschossen. Bei dieser Jagdart müssen die Ruderer genau auf jeden Wink des Schützen achten, weil die Kunst darin liegt, an der richtigen Stelle zu sein, wenn der Kopf des Tieres auftaucht. Dann erscheint die breite, borstige Schnauze manchmal dicht vor dem Boot und wird im Schreck über die so unerwartet nahe Gefahr unter kurzem Prusten wieder unter Wasser gesteckt.
Die Begegnungen, die ich bei monatelangem Aufenthalt an Flüssen, Seen und Sümpfen mit Flußpferden und Krokodilen hatte, sind zahlreich und gaben mir viele Beobachtungen.
In manchen Gegenden ertönte der tiefe, urkräftige Baß der alten Flußpferdbullen Tag und Nacht. Keine andere Tierstimme hat so ungeheure Macht und Stärke. Aus Seen mit dichtem, üppigen Schilf und schwimmenden Pflanzen dröhnt zur Mittagszeit das Grunzen, von dem man nicht weiß, ob es Groll oder Wohlbehagen ausdrücken soll. Heiß brennt die Sonne auf dem Wasser. Oft habe ich schweigend zugehört, wenn ich am Ufer in einem der tief ausgetretenen Pässe saß, auf denen das Kiboko nachts dem Wasser entsteigt.
Schädel eines von mir erlegten Nilpferds.
Dr. R. Kandt sagt sehr treffend: „Das Gebiß sieht aus, als wäre dem Tier bei der Schöpfung eine handvoll Zähne in jeder Form und Größe in den Rachen geworfen worden, von denen jeder gerade Wurzel faßte, wo und wie er zufällig hinfiel“.
Das Tierleben an solchem stillen Weiher zu beobachten, hat großen Reiz.
Der helle, melodische Schrei des weißköpfigen Adlers ertönt aus der Luft. Blütenweiße Edelreiher, Schlangenhalsvögel und graue Fischreiher sitzen auf kahlen Ästen der Uferbäume, die ebenso wie das hohe Rohr mit den zierlich geflochtenen Nestern der gelben Webervögel übersät sind.
Da streicht ein Riesenreiher mit kupferrotem, im Bogen zurückgelegten Hals über den See hin und fällt in meiner Nähe ein. Der „Korongo“[14] steht vielleicht eine Stunde lang bewegungslos, bis er plötzlich mit seinem Kopf nach unten fährt und mit einem zweipfündigen Fisch im Schnabel langsam in ganz flaches Wasser schreitet, wo er den noch Zappelnden bedächtig niederlegt.
Mit schwirrendem Flug kommt einer der bunten Königsfischer angeflogen und setzt sich auf einen Zweig, dicht vor meiner Nase, so daß ich das farbenprächtige Kleid bewundern kann. Der kleine Räuber ähnelt mit dem großen, starken Schnabel dem Bolzen einer Armbrust.
Besonders stark sind die Flußpferde gegen Abend zu vernehmen; wenn eins seine Stimme erhebt, ertönt fast ununterbrochen Antwort aus entfernteren Herden.
Es wird noch lange dauern, bis das letzte Kiboko aus den Flüssen Ostafrikas verschwindet; aber die an paradiesische Zeiten erinnernden großen Herden Tag für Tag um sich zu sehen, das mag nicht mehr vielen Jägern beschieden sein.
Ob man die Krokodile auch einmal schonen wird und, wie es jetzt in Nordamerika geschehen soll, durch strenge Strafgesetze vor Ausrottung schützen, das glaube ich nicht. Wenigstens scheint es mir zweifelhaft, weil ich noch gelernt habe, diese Tiere als gefährliche Feinde des Menschen zu fürchten.
[12] „Dawa“, irgend ein Amulett, ein Stück Horn oder Metall, ein Knopf oder Stein, etwas Sand oder Mehl in Blätter, Papier, Tuch eingewickelt, gebunden oder genäht und an einer Schnur am Körper befestigt.
Um sich solche „dawa“ zu beschaffen, laufen die Leute oft sehr weit zu einem Zauberer, von dem sie gehört haben und zahlen diesem einige Kupfermünzen dafür.
Im Aufstand fanden wir bei allen Gefangenen kleine Fläschchen mit Wasser. Meist waren es blaue Gläser, wie sie die Inder zu Schnupftabak verkaufen; das Wasser weihte der Zauberer Hongo, der an den Panganischnellen des Rufiyi wohnte (an einer Stelle, die gleich weit von allen umliegenden Bezirksämtern und Militärstationen entfernt war). Nach seiner Gefangennahme entstand sofort ein neuer Jumbe Hongo, dessen Zauberapotheke uns bei dem Überfall von Nyamwera in die Hände fiel. Der Kriegsruf der Aufständigen war: „Maji, maji = Wasser, Wasser“ und hatte sicher mit den Fläschchen etwas zu tun, die die Krieger bei sich trugen.
[13] Ngoma heißt eigentlich „Trommel“ übertragen auch Tanzfest, weil dabei die Trommel geschlagen wird.
[14] korongo = eigentlich Storch.
Gehörn einer Elenantilope vom Rufiyi.