Rückkehr zur Küste.

Eines Tages kam ich mit einer müden Truppe nach Mtanza zurück und sagte zu Lauer: „Ich komme so früh, weil ich mit Ihnen den heiligen Abend feiern will.“

„Ich habe gestern schon gefeiert“, antwortete Lauer. Und er hatte recht getan; ich hatte mich verspätet.

Aber wir feierten noch einmal: Eine Flasche Rotwein, ein Topf heißen Wassers und einige Sansibarnelken. Dazu mehrere Löffel Zucker.

Weihnachten war es trotzdem nicht.

Man kann übrigens das Datum leicht vergessen, wenn man im Busch lebt und ein paarmal nicht Tagebuch schreibt. Bald marschiert man morgens, bald abends oder gar in der Nacht. Das Zelt steht an vielen verschiedenen Plätzen, und das zurückrechnende Hirn kann die zugehörigen Tage nicht mehr finden.

Oft helfen die Boys oder Askari, oder der Bote, der ein Telegramm bringt, wird gefragt, wieviel Tage er gegangen sei; wie oft er geschlafen habe?

Mich hat es nie sehr gekränkt, wenn ich den Irrtum merkte. Es ist ein Zeichen großer Freiheit, wenn man das Datum vergessen darf ohne Schaden davon zu haben.

Wie würdig waren auch die Schenzi, die von der Stundenzahl des Tages nichts wußten und die auf die Frage:

„Wie lange geht man von hier bis Turuma?“ antworteten: „Wenn du jetzt weggehst, bist du bei Sonnenuntergang da.“

Sie zeigten den Weg, den die Sonne zurücklegt, das war ihre Zeit.

Oder sie sagten: „Wenn die Hähne krähen“, und in anderen Gegenden: „Wenn der Tau die Gräser verläßt.“

Glückliches Volk!

Überschwemmung.

Es war jetzt die Zeit, wo sich die ersten großen Regengüsse des Innern am Wasserstand des Stromes bemerkbar machten.

Oft war die Wasserfläche mit unzähligen grünen Schwimmpflanzen bedeckt, die sich in den Teichen gebildet hatten und jetzt hinweggespült wurden, wenn sich das steigende Wasser von neuem in die alten Betten ergoß. Wir fuhren in großen Einbäumen stromab und sahen, daß weiter unten eine furchtbare Überschwemmung herrschte. Ganze Landstriche waren schon von den Eingeborenen verlassen; durch die Hütten strömte das Wasser.

Zufällig fanden wir noch eine kleine Insel, die noch nicht ganz überschwemmt war, und konnten dort übernachten.

Am nächsten Morgen fuhren wir weiter und trieben in schneller Fahrt an einer Hütte vorbei, als unser Bootssteurer hinüberrief: „Vater, bist du noch da?“

Und eine Stimme antwortete: „Ja“.

Der Alte saß im Dachgebälk der Hütte, während das Wasser unten hindurchströmte.

Als wir fragten, weshalb er nicht auch fliehe, sagte unser Bootssteurer nur: „mzee“, was heißen kann, „er ist sehr alt und kann deshalb nicht mehr recht mit“, oder „es lohnt sich für ihn nicht mehr zu fliehen, er ist ja doch nicht mehr viel wert.“

Auf den weiten Wasserflächen war von den Flußpferdherden nichts zu merken. Die Tiere, die in der Trockenzeit auf kleine Teiche und auf den nicht allzubreiten Fluß beschränkt sind, verteilten sich jetzt auf ein großes Gebiet.

Die Boma in Mayenge war rings von Wasser umgeben. Das Wasser hatte den Befestigungsgraben so verbreitert, daß ein kleiner Fluß entstanden war, in dem die Boys Wettspiele trieben.

Im Anfang des Jahres 1906 war am Rufiyi eine Überschwemmung, wie seit vielen Jahren keine beobachtet wurde; der Mais, auf den die hungrigen Neger warteten, verfaulte auf den Feldern und die Hütten stürzten ein.

Ich hatte das Vergnügen, in Mayenge mit acht indischen Händlern abzurechnen, deren Getreide ich in ihren Läden hatte beschlagnahmen lassen, um es der notleidenden Expedition des Hauptmanns v. Wangenheim entgegenzuschicken. Manji Virji, Ganji Naranji, Emraji Damudal, Kilanjee und andere appetitliche Gesellen kamen; nur einer fehlte; gerade der, von dem behauptet wurde, daß er trotz dem Aufstand am meisten Gummi aus den Bergen einhandelte und den Aufständigen dafür gab, was sie brauchten, um den Krieg fortzusetzen.

Ich kann aus dieser für mich und die beiden Unteroffiziere ungemein anstrengenden, schweren Zeit, in der wir abwechselnd an Dysenterie und Fieber litten, erzählen, wie empörend für mich das Bewußtsein war, daß die Inder aus allem, was wir taten, ihren Vorteil zogen. Nahmen wir den Aufständigen ihre Nahrung weg, um sie zur Unterwerfung zu zwingen, dann bekam der Inder den wertvollen Gummi um so billiger — für ein kleines Quantum Matamakorn. Der Verdacht lag außerdem immer nahe, daß diese Händler mit Pulver und Zündhütchen einen einträglichen Handel trieben.

Ich fragte mich in dieser Zeit wiederholt, für wen wir eigentlich das Land haben, für wen wir die Opfer an Leben, Gesundheit und Geld bringen? Es schien mir so, als ob es für diese farbigen Händler sei, die mit treuherzigen Mienen dem Bezirksamt noch meldeten, wieviel Tausende sie durch den Aufstand verloren hätten. (Wahrscheinlich, um betrügerisch Bankerott zu machen und mit dem vielfachen Gewinn in ein anderes Gebiet zu verschwinden, wo sie dann wieder als arme Schlucker auftreten.)

Waren wir nicht an allen Ecken und Enden die Betrogenen? Beinahe das Werkzeug der Inder?

Macht uns denn Liebe blind gegen diese Leute? Und haben wir keine Ahnung davon, wie weit und wie reich an Schlupfwinkeln das Gebiet ist, in dem sich der Geschäftssinn eines unanständigen, gewissenlosen, vaterlandslosen Händlers bewegt?

Ich wünsche anderen, daß sie die Schmach nicht erleben, die ich empfand, als ich mich bei meiner monatelangen Tätigkeit betrogen glaubte.

Mein Ärger entlud sich auf den widerspenstigen Inder. Der Unteroffizier sagte mir rechtzeitig, daß dieser selbe Inder den Bezirksamtmann einmal gereizt und eine Ohrfeige dafür bekommen habe. Darauf habe sich der Inder beim Gouvernement beschwert und der Bezirksamtmann habe eine ziemlich hohe Geldstrafe zahlen müssen. Ich nahm mir deshalb vor, dem Inder diese Genugtuung nicht zu gönnen.

Als der Mann mit Gewalt geholt worden war, benahm er sich so herausfordernd, daß ich ihn durch die Askari aus dem Lager hinausbefördern ließ und ihm riet, in vierundzwanzig Stunden aus der Gegend zu verschwinden, weil ich ihn für einen gefährlichen Schmuggler hielte.

Den Graben, der um das Lager herumgezogen war, hatte das Wasser stark verbreitert; die Boys schwammen darin um die Wette.

Marsch in der Regenzeit.

Von Mayenge aus wollte ich zu Fuß in die Berge, aber dicht hinter der Boma mußten wir bereits übersetzen. Das nahm zwei Stunden in Anspruch, da die meisten Neger nicht schwimmen konnten und wir nur ein Boot hatten. Ich ließ die Träger vorangehen, bis das Wasser so tief wurde, daß nur die Köpfe heraussahen. Ein drolliges Bild: Über dem Wasserspiegel lauter Köpfe mit Lasten.

Zuerst schickte ich zwei Askari und einen Teil der Gewehre hinüber. Der Betschausch und ein anderer Askari versuchten zu schwimmen, ermüdeten aber mitten im Strom, weil jeder einen Gurt mit hundert Patronen umhatte. Auf ihre Hilferufe schwammen Lauer und ich so schnell wir konnten hinzu und halfen ihnen zum Ufer zurück.

Man glaubt nicht, wie ungeschickt sich die Leute anstellten! Ich verteilte die Askari im Wasser und ließ das Boot von Hand zu Hand stoßen; nur durch das tiefe Wasser wurde gerudert. Bei jeder Fahrt mußten sich einige Träger an dem schwimmenden Boot festhalten und wurden so hinübergebracht.

Am schneidigsten benahmen sich noch die kleinen Askariboys; sie schwammen mit großem Geschick. Alle anderen Leute fielen Lauer und mir zur Last.

Die Schwarzen waren sehr erstaunt über unsere Schwimmkünste; besonders bewunderten sie das Schwimmen auf dem Rücken mit anliegenden Armen und ausgestreckten Beinen, und fanden keine Erklärung dafür.

Das strömende Wasser und die Furcht vor den Krokodilen verwirrte die Neger; um vorwärts zu kommen, mußten wir in der Hitze alles selbst machen: Lasten im Boot verteilen, das Boot halten, die nassen Kerls hineinheben, Ertrinkenden und Gefährdeten helfen und sogar nach verlorenen Gegenständen tauchen.

Es war wirklich ein gräuliches Gefühl, in der gelben, undurchsichtigen Flut zu schwimmen, wo die Gefahr, vom Krokodil gepackt zu werden, so nahe lag!

Und es war eigentlich ein Leichtsinn, daß wir uns der Gefahr aussetzten.

Die Rohrstengel stachen uns durch das dünne Zeug, die Sonne glühte und die stinkenden Neger mit ihren unschlüssigen Gesichtern konnten einem das letzte bißchen Energie rauben!

Trotzdem ging uns der Humor nicht aus, und Lauer wußte es geschickt einzurichten, daß die größten Angsthasen bis zuletzt zurückblieben.

Dann wurden sie alle in das Boot gepackt und saßen zitternd darin, während es hinüberfuhr; doch ehe das Boot ganz am andern Ufer war, warfen wir es plötzlich um und die ganze Gesellschaft strampelte in dem flachen Wasser umher.

Am Ufer stand ein kleiner Askariboy, der sein Tüchlein vermißte. Er schämte sich sehr und weinte.

Zwei Stunden marschierten wir noch, dann mußten wir uns eingestehen, daß wir zu müde waren und lagerten mitten im Buschwald.

Am nächsten Morgen gingen wir weiter.

Jetzt, nach dem ersten Regen, war der Wald grün und kam mir im Blätterschmuck ganz fremd vor. Gegen das dunkle Laub fielen die hellen Stämme auf, während früher das gelbe Gras, die Stämme und Äste in allzu vielem Licht das Auge blendeten.

Die Mangobäume waren abgeerntet. Im Boden sah man nur wenige Wildfährten.

Von dem reichlichen Regen der letzten Wochen stand auch auf den Anhöhen Wasser. Auf dem Marsch mußten wir einen See durchwaten, der mitten im Walde lag. Wir zogen die Schuhe aus und gingen auf der anderen Seite barfuß weiter. Leider haben wir das auch in den nächsten Tagen fortgesetzt und die Erfahrung gemacht, daß man erst lernen muß, auf schmalen Pfaden bei Tage und bei Nacht barfuß zu gehen, ohne sich die Füße zu verletzen; angebrochene Fußnägel, schmerzhafte Hautabschürfungen und Dornstiche waren die Folge.

Die Aufständigen hatten überall Mohogopflanzungen und wohnten in kleinen Hütten seitab im Walde. Die Dörfer selbst, die mitten in den Pflanzungen lagen, waren verlassen und wurden von den Negern offenbar nur benutzt, so lange sie in den Feldern arbeiteten.

An Früchten waren da: Bananen, kleine Bohnen, Mais mit halbreifen Kolben und vor allem Mohogo. Für unsere Abendtafel fand sich auch eine reife Ananas.

In den nächsten Tagen ging es über Berge und Täler, von einer Pflanzung zur andern.

Selten wurden Menschen angetroffen; einige, die sich zur Wehr setzten, wurden erschossen, andere gefangen genommen.

In einem Hause stand ein Topf mit frisch gebratenen Ratten. Daneben ein Sack mit kleinen Früchten, die wie Äpfel schmeckten und einen großen Kern hatten.

In den Schamben von Kitschi.

Wir fanden auch eine kleine Antilope, die im Netz gefangen worden war. Von dem Mohogo, der überall in den Schamben reichlich gedieh, hatten die Aufständigen noch kaum gegessen. Hie und da standen junge Kokospalmen, die auf Befehl des Bezirksamts gepflanzt worden waren.

Am zweiten Abend lagerte ich auf einer Höhe in einer großen Mohogopflanzung, deren Fläche sanft zu der Rufiyiebene abfiel. Ich hatte eine weite Aussicht über den Wald, auf die Ebene und den Fluß. Es regnete und ich beschäftigte mich damit, behaglich dem Regen zuzusehen und aufzupassen, daß das Wasser, das von den Zelttüchern abfloß, in Töpfen aufgefangen wurde.

Drei gefangene Weiber, die tüchtig zu essen bekamen, lachten und schienen sehr zufrieden zu sein. Auch ein kleines Kind war dreist und zutraulich. Wer kennt aber die Neger aus — morgen sind sie weggelaufen!

Ein alter Mann wurde beim Gummisammeln gefangen genommen. Als er ins Lager kam, fragte ich ihn nach der Stimmung im Lande und auch nach den Ursachen ihrer Unzufriedenheit.

Er brachte freimütig alle Klagen vor. Dann wickelte er aus seinem Tuch zwei Gummikugeln und bat mich, ihm Tabak dafür zu geben.

Als er den Tabak erhielt, war er nicht zufrieden. Er behauptete, es sei nicht genug und stellte zum großen Ergötzen der Askari, gefangen und gebunden, auf der „Wache“ sitzend, laut Vergleiche an zwischen dem Wert des Gummi und dem des Tabaks.

Der Unteroffizier klagte über Unwohlsein, er hatte Dysenterie. Ich selbst war todmüde nach den Anstrengungen des letzten Tages und hatte Kopfschmerzen. In der Nacht entstand Lärm und Schüsse fielen. Ich wickelte mich aus dem Moskitonetz, griff zur Büchse und sah, wie im Dunkeln ein Trupp Menschen aus dem Lager lief.

Kurz darauf brachten sie den Gefangenen angeschleppt, der rief. „Mein Anzug!“ Damit meinte er das kleine Baumwolltuch, das er um die Hüften trug. Neben mir stand der Unteroffizier. Ich dachte nicht daran, daß er auch krank war, befahl ihm, nachzusehen, daß der Gefangene besser gebunden wurde und legte mich sofort wieder hin.

Der Mann schrie weiter und ich hörte, wie die Askari versuchten, ihn zu beruhigen. Er wimmerte eintönig und die Askari lachten darüber. Allmählich wurde er still und nur die Wache unterhielt sich leise.

Am nächsten Morgen wurde mir gemeldet, der Gefangene sei tot.

Die schwarzen Mitbrüder.

An dem Toten war nichts zu erkennen, woraus ich auf die Ursache seines Todes schließen konnte. Sanitätsunteroffizier Lauer war vor Schwäche nicht imstande, den Leichnam zu untersuchen. Hunderte von Ameisen krabbelten über den Körper des Toten. Ich konnte nur feststellen, daß seine schwarzen Brüder ihn recht fest gebunden hatten, um vorzubeugen, daß er noch einmal wegliefe, und ich konnte leider den abscheulichen Verdacht nicht los werden, daß die Wache ihn einfach erstickt habe, damit er Ruhe hielt.

Ein Verhör der Posten führte zu nichts; sie sagten, der Mann sei eingeschlafen und gegen Morgen tot gewesen.

Das war ein neuer Ärger und wieder eine der traurigen Erfahrungen mit der Gleichgültigkeit und Roheit der Schwarzen, der nur vorgebeugt wird durch den Europäer.

Was hatten wir uns eigentlich, während wir so müde und krank waren, bei dem eintönigen Klagen und Wimmern des Gefangenen gedacht? Nichts! Für Verstellung hatte ich es gehalten, um so mehr, als die Askari noch dazu lachten! Aber jetzt kam es mir wieder in Erinnerung; ich legte ihm eine tiefere Bedeutung bei und machte mir Vorwürfe, nicht nachgesehen zu haben. Das zeigt, daß es ganz von uns abhängt, wieweit wir Mitleid empfinden wollen und daß unsere Teilnahme verschieden sein kann, je nachdem, wie wir die Leidensäußerungen, die wir hören, auffassen.

Im Wurm, in der Ameise, die zerdrückt wird und sich krümmt, glauben wir kein Bewußtsein suchen zu müssen. Bald im Büffel, der todwund röchelt, auch nicht.

Nur wenn der Mensch, der in unseren Tönen klagt, seine Schmerzen schildert, dann ergreift es uns — wenn wir wollen. Jeder kann mit leiden soviel er will; bis auf Pflanzen und Steine kann er hinabgehen.

Aber wissen muß er, ob nicht oft tatkräftiges Handeln mehr Elend aus der Welt schafft als verzehrendes Leid.

Ich selbst merkte an meiner Aufregung, daß die Anstrengung der letzten Zeit mich verändert hatte.

Am Nachmittage wurden noch mehrere Gefangene gebracht.

Die fragten, weshalb wir ihnen Essen gäben, wo sie doch geschlachtet werden sollten?

(Das hatten die Zauberer ihnen eingeredet.)

Meine Füße schmerzten an mehreren Stellen; trotzdem ging ich gegen Abend mit einer Patrouille in den Wald.

Ich ließ mir die Gummilianen zeigen, die wild im Walde wachsen und den Reichtum der Berge bilden.

In lichtem Buschwald zog ein Stück Wild über eine Anhöhe. Ein gewaltiger Hirsch. Durch mein Doppelglas erkannte ich auf dem grauen Tierkörper weiße Streifen; es war ein Kudu.

Das Tier stand und scheuerte sich mit den hellen Spitzen seiner hohen, gewundenen Hörner in der Flanke.

Wie gerne hätte ich dies in Ostafrika seltene Tier verfolgt, aber es ging nicht; die Schenzi waren nahe.

Als ich weiterging, fand ich in einem Dorf eine kleine Werkstatt, in der die Schenzi die Feuersteinschlösser ihrer Gewehre zu Hahnschlössern mit Zündhütchen umarbeiteten! Geschickt geschnitzte Gewehrschäfte lagen da; Bohrer, Feilen und anderes Handwerkszeug.

Die Lehrer der Völkerkunde sprechen von dem kriegerischen Geist, der die Bewohner der Steppe von den Bewohnern des Fruchtlandes unterscheidet. Auch diese Kitschileute, die in den Bergen wohnen und ihre Feldfrüchte in jedem Jahre auf einem anderen, neugerodeten Land bauen, stehen der Zivilisation ferner als die Rufiyileute und sind deshalb sehr wohl mit den Steppenbewohnern zu vergleichen. Kriegerisch sind sie, während die Ackerbürger am Fluß sehr schnell zur Unterwerfung neigten.

Als wir aus den Bergen zurückkamen und die Ebene wieder erreichten, blieb ich noch eine Nacht am Ufer des Flusses, der Boma bei Mayenge gegenüber. Mein Zelt stand auf der Höhe zwischen den Trümmern eines niedergebrannten Dorfes.

Flußpferd im Mondschein.

Der Mond schien, als mir mitten in der Nacht gemeldet wurde, ein großes Flußpferd komme die Dorfstraße herunter. Es war nahe beim Lager und ging hinter einer Häuserwand vorbei, an die ich leise hinanschlich.

Das plumpe Tier kam dicht an mir vorbei. Der Mondschein glänzte auf seinem runden Rücken. Es kümmerte sich nicht um mich oder die Zelte. — Lagerfeuer brannten nicht. —

Am Morgen regnete es in Strömen. Trotzdem lag der Askari Nyati, der Klown, immer noch unter seiner Decke im Freien auf einigen Pfählen und schlief. Als er aufstand, zeigte er den andern, daß er kaum naß geworden wäre, weil er sich unter seiner Decke nicht gerührt habe und das ganze Wasser abgelaufen sei.

Großes Kudu aus Usagara.

Auf alten Wegen, die ich aus der Trockenzeit kannte, ging ich pirschen. Überall stand Wasser und das Gras war sehr hoch.

Wenn ein Stück Wild aufgejagt wurde, hörte man die Sprünge an dem plätschernden Wasser.

Mit Mühe gelang es mir, einen Riedbock zu erlegen.

Ich kehrte zum Fluß zurück, fuhr zur Boma hinüber und saß schon am Mittage mit meiner Truppe in einer kleinen Dhau um nach Panganya zu fahren, wo Herr Wiebusch, ein Angestellter des Kolonialwirtschaftlichen Komitees, eine Pflanzung anlegen wollte, wozu er mich um Arbeiter bat.

Wir hatten unerhört gegen den Strom anzukämpfen.

An einer Stelle wurde der Bug des Schiffes so plötzlich von einer stärkeren Strömung zur Seite gedrückt, daß er das Schilf der Uferböschung unter sich schob. Wir wurden erst wieder flott, als alle ins Wasser sprangen und auf schwimmenden Inseln, bis an die Brust im Wasser stehend, den Bug an einer Leine freiholten. Zum Glück waren unsere Kleiderkisten in demselben Boot und wir konnten uns gleich wieder trockene Sachen anziehen.

Mein rechtes Bein war von den entzündeten Wunden so angeschwollen, daß ich in Panganya mehrere Tage liegen mußte. Glücklicherweise ging die Entzündung durch nasse Verbände bald zurück.

Herr Wiebusch hatte mehrere hundert Hacken mitgebracht, um Land für Baumwolle vorzubereiten. Es fehlte ihm an Arbeitern. Für Geld hätte er in dieser Zeit auch keine bekommen; da er aber Korn von der Küste heraufbrachte, hatte er in dieser Hungerzeit das beste Zahlungsmittel. Jeden Jumben, der kam und über die Not klagte, schickte ich mit seinen Negern nach der Baumwollpflanzung.

Nach einigen Tagen war dort ein reges Leben. Mehrere hundert Neger schwangen die langstieligen Hacken und rodeten das kräftige Schilfgras. Gegen abend kamen sie zur Poschoausgabe.

Ich blieb eine ganze Woche bei Herrn Wiebusch. Tagsüber sah ich der Arbeit zu, las und schrieb; abends versammelten wir die „Baumwollschüler“, junge Neger aus allen Teilen der Kolonie, um uns, und ließen Theater spielen, tanzen und singen.

Die Verschiedenheit der Tänze und Gesänge war recht auffallend; jeder Stamm fand seine Gesänge ernst und schön und die des Nachbarstammes schon komisch.

Überschwemmung in der Schilfniederung der Rufiyiebene. Die Dhau mit den Askari.

Kranke Träger.

Eines Tages kamen sechzehn kranke Träger an, die von der Expedition des Hauptmanns v. Wangenheim entlassen worden waren.

Der Zustand ihrer Wunden war entsetzlich; sie verbreiteten Fäulnisgeruch.

Bei den schlechten Verkehrsverhältnissen kamen die Leute, die sich zum Teil nur mit Hilfe von Stöcken langsam fortschleppten nicht schnell genug vorwärts und fürchteten, daß ihr Poscho zu Ende sei, bevor sie Mohorro erreichten.

Da konnte ich nun wirklich einmal wohltätig sein!

Wangoni waren es, die sicherlich der Expedition gute Dienste geleistet hatten. Sie bekamen Wasser und Seife. Ihre Wunden wurden gewaschen, desinfiziert und mit den geringen Mitteln, die wir noch hatten, verbunden. Dann bekamen die Leute ordentlich zu essen. Schließlich wurde ein großes Boot zum Fluß geschafft, die Leute hineingetragen und Matten darüber gedeckt zum Schutz gegen die Sonne.

Als das Boot vom Ufer ablegte und mit dem Strome schnell davon trieb, hatte ich das Gefühl, ein gutes Werk getan zu haben; so kamen die Kranken in einem Tage ans Ziel, während sie sonst an unzähligen Flußläufen vergeblich nach Booten hätten rufen können und wahrscheinlich verhungert wären.

Nur einer ist unterwegs gestorben.

In dieser Zeit sprachen wir viel über die Landwirtschaft.

Die Frage, ob man sich in einem fremden oder besser fernen und neuen Lande ansiedeln soll, ist gewiß schwer zu beantworten.

Was sehr dazu reizt, ist der Gedanke, als einer der ersten in ein Gebiet zu kommen, dem vielleicht eine große Entwickelung bevorsteht.

Vielleicht!

Da beginnt das Zaudern. Man soll sich für ein Gebiet entscheiden. Und wer erst einmal irgendwo angefangen hat, muß bei der Sache bleiben; denn die Jahre tätigen Schaffens, die Zeiten des frischen Unternehmungsgeistes sind kurz, und von Glück kann der sagen, der in dieser Zeit zwar schwer und mit Enttäuschungen gearbeitet hat, aber nicht umsonst seinem Ziele treu blieb.

Nun ist Deutsch-Ostafrika ein Land, das jeden, der es mit offenen Augen gesehen hat, lockt; denn die wirtschaftlichen Möglichkeiten sind groß. So auch in dem Gebiet des Rufiyi. Da das Land als ungesund galt, sind zwar die Missionen fern geblieben, die ja sonst in vielen Gegenden die ersten landwirtschaftlichen Versuche gemacht und so den Ansiedler vorgearbeitet haben.

Die Erfahrungen mit dem Klima sind deshalb noch gering, sind aber wichtig, weil danach Saat- und Erntezeiten in allen Teilen des Landes verschieden fallen.

Landwirtschaft am Rufiyi.

Das Bezirksamt am Rufiyi und das kolonialwirtschaftliche Komitee machen seit einiger Zeit Versuche.

Es kommt jedoch in diesem Gebiet nicht nur darauf an, die Regenzeiten zu wissen, sondern auch die Zeit, den Umfang und die Dauer der großen Überschwemmungen.

Ein Hochwasser, wie es im Anfang des Jahres 1906 in den Küstengebieten Ostafrikas war, wird wohl so leicht nicht wieder kommen. (Es war eine nützliche Warnung; sogar die Brücken der Bahn über den Kingani hatte man zu niedrig geplant und der Fehler konnte noch mit geringem Verlust verbessert werden.)

Wer sich im Küstengebiet ansiedeln will, muß sich die Gegend seiner Wahl erst zu allen Jahreszeiten ansehen, wenn ihm nicht das Bezirksamt, eine Mission oder ein anderer Ansiedler gleich einen günstigen Platz vorschlagen kann.

Auch ich habe einige wunderschöne Plätze in der Trockenzeit für gut gehalten und sah in der Regenzeit, daß sie große Fehler hatten.

Solange ein Land nicht gründlich erschlossen ist, kommt es für den Einzelnen darauf an, mit Brückenbauten, Dämmen und schwierigen Wegebauten möglichst zu sparen und eine möglichst billige, dauernde Verbindung mit der Küste zu haben.

Hindernisse sind Sümpfe und abflußlose Talmulden, während ständig fließende, schiffbare Gewässer nicht trennen, sondern verbinden.

Der Rufiyi wird in wenigen Jahren das Land erschließen, sobald der Dampfer der Kommune Mohorro, der schon bestellt ist, fährt.

Dann wird man auch bald von den Eigenschaften des Stromes mehr wissen und die notwendigsten Regulierungen vornehmen können.

Jetzt verlegt der Strom sein Bett andauernd, wenn auch die Verschiebung der Sinkstoffe, das Wandern der Sandbänke nach ganz bestimmten Gesetzen vor sich geht.

Auf der langen Linie, in der der Rufiyi das niedrige Land durchströmt, wiederholt sich unausgesetzt dieselbe Erscheinung: das strömende Wasser stößt sich an einer Biegung, reißt Erde los und führt sie mit sich fort.

Die leichteren Stoffe bleiben im Wasser und sinken erst ganz an der Mündung, wo der Fluß sich in hundert Armen zu einem Delta verbreitet und deshalb langsamer strömt; die schweren Stoffe setzen sich nach kurzer Zeit ab, häufen sich und bilden ein neues Hindernis, eine hohe Sandbank, an der sich der Fluß stößt und die er umgeht. Der Strom läuft deshalb in ununterbrochener Schlangenlinie.

Sehen wir uns den Strom an irgendeiner Stelle an: jetzt haben wir rechts das tiefe, schnellfließende Wasser an steilem Ufer, dessen Profil graue Tonschichten und rote, eisenhaltige Erde zeigt. Oben auf der Höhe steht hohes Schilfgras; eine Maispflanzung und große Bananenstauden werden bald herabstürzen. Links ist eine Sandbank und dahinter das höhere, alte Ufer, an dem der Strom aber nur in der Regenzeit entlangfließt.

Vierhundert Meter weiter unten bekommt der Strom eine ganz schwache Ablenkung nach links; da haben sich Sinkstoffe abgesetzt und bilden unter dem hohen Ufer neues Land. Der Strom stößt sich hier bald und nimmt seine Richtung auf die hohe, alte Sandbank am linken Ufer, die ein Erzeugnis der Hochwasserzeit ist, unterwühlt sie und trägt ihre Körnchen mit sich bis zu dem nächsten alten Ufer derselben Seite, setzt sie bald wieder ab, stößt sich und wendet sich ärgerlich wieder dem rechten Ufer zu; aber dort beginnt dieselbe Enttäuschung!

Dem Talent freie Bahn! seufzt er; zerstört, wo er seine Kraft hinwendet, wird schnell dessen, was er den Ufern nimmt, überdrüssig, läßt es fallen und wird zuletzt ganz flach und breit, wo er das Meer gewinnt.

Mehrmals führt ihn sein Lebensweg auch noch im Tiefland an echte, alte Berge hinan, die aus dem Alluvialboden herausragen.

Dann wäscht er Steine hervor — eine Jugenderinnerung.

Das ist der Fluß, dessen Unterlauf jetzt schon hundertachtzig Kilometer ins Land hinein schiffbar ist. Seine zerstörende Macht wird bald gebändigt werden und das Wasser wird genutzt werden, um Baumwollfelder zu berieseln. Es scheint sich nämlich schon herauszustellen, daß künstliche Bewässerung für Baumwolle in Ostafrika unentbehrlich ist.

Ein Leopard tötete einen Mann und wurde bei der Leiche erlegt.


GRÖSSERES BILD

Man spricht ferner davon, die Berge oberhalb der Landschaft Kibambawe und die oben beschriebenen Schnellen durch eine Bahn zu umgehen, um die große, fruchtbare Mangaebene und ihre schiffbaren Ströme mit dem unteren Rufiyi zu verbinden.

Stauwehr; Viehzucht.

Ja, es wird nur eine Frage der Zeit sein, ob an den Schnellen ein großes Stauwehr gebaut wird, damit die ungeheuren Wassermassen, die sich in der Regenzeit durch das enge Tor wälzen, für das weite, trockene Gebiet südlich des Rufiyi nutzbar gemacht werden. Das im vorigen Kapitel gezeigte Profil des Flußbettes scheint dazu einzuladen, von beiden Seiten auf dem festen Steinfundament an die tiefe Rinne hinanzubauen, um zuletzt die Rinne selbst (als Freiwasser) zu überbrücken.

Aber das sind Pläne, die der Zukunft gehören und deren Ausführung viel Geld kostet.

Sicher ist, daß man sich nicht mit dem Kulturland am Strom begnügen, sondern durch künstliche Bewässerung größere Landteile nutzbar machen wird.

Daß Viehzucht in einzelnen Gebieten möglich ist, beweisen die Herden der Kommune Mohorro und des wirtschaftlichen Komitees. Neben den Äckern wächst außerdem Schilfgras in großen Mengen und kann zu Kompost genommen werden.

Die Fruchtfolge ist nach den neuesten Versuchen am günstigsten, wenn jedes Feld zweimal Baumwolle trägt; im zweiten Jahre aber schon gedüngt wird. Im dritten Jahre wird Mais und Klee gesät, im vierten Jahre steht der Klee noch als Viehfutter. Im fünften folgt wieder Baumwolle. Also eine Vierfelderwirtschaft.[54]


Kaisers Geburtstag. Notizen.

Wenn ich diesmal nicht selbst den Kalender gewußt hätte, wäre mir Kaisers Geburtstag doch nicht entgangen, denn als ich am 26. Januar eine Patrouille auf zwei Tage wegsandte, fragten die Askari, ob nicht ein Tag genüge, morgen sei ja Festtag (sikur kun ya bana Kaiser). An dem Tage bekommt jeder Askari eine Rupie extra.

Auch die Plantagenarbeiter mußten mitfeiern. Am Tage wurden Wettspiele gemacht und die ganze Nacht hindurch unausgesetzt die große Trommel geschlagen.

Feuer brannten, und in gleichmäßigen Pausen wiederholte sich der Chorgesang der Tänzer und Tänzerinnen.


Die Neger einiger in der Nähe liegender Dörfer waren auf Büffeljagd ausgegangen.

Der Gedanke, eine solche Jagd mitzumachen, war für mich sehr verlockend; leider konnte ich es nicht und ließ mir nur erzählen, wie die Eingeborenen die Büffel jagen.

Die Büffel stehen in der Trockenzeit, wenn das Gras der Ebene hart und dürr wird, gern an kleinen Seen und Bächen im Busch; sobald aber der erste Regen das junge Gras hervorlockt, ziehen sie sich in die Niederungen.

Dann kommt es oft vor, daß nach großen Regengüssen weite Gebiete vom Strom überschwemmt werden und die Büffel plötzlich, von Wasser rings umgeben, auf einer Insel gefangen sind.

Dorthin gehen die Eingeborenen und verleiden den Tieren den Aufenthalt, bis sie das trennende Wasser durchschwimmen.

Sofort sind die Neger mit Einbäumen hinter ihnen und verfolgen die Tiere, die im Wasser ungeschickt sind, mit Speerwürfen und Pfeilschüssen.

Vor allem junge Tiere fallen ihnen dabei zum Opfer.

Die Regierung schützt die Büffel, und es war den Eingeborenen nicht erlaubt, Büffel zu jagen; in der Zeit der Hungersnot aber mußte man ein Auge zudrücken. Die Erhaltung der Menschen war wichtiger als Wildschutz.


Unser letzter Esel ging ein. Es ist schrecklich, wenn man nicht helfen kann. Tsetsekrankheit natürlich, denn wir sind ja mehrmals in Gegenden gekommen, wo die Fliege gesehen wurde, die die kleinen tierischen Parasiten überträgt.

Die Tsetsekrankheit und das Texasfieber sind die großen Hindernisse, die der Viehzucht und dem Transportwesen entgegenstehen.

Welch verlockende Kulturaufgaben, diese Feinde zu bekämpfen!

Wunderbar ist es, daß bei all den großen Krankheiten ein Insekt die abscheuliche Aufgabe übernommen hat, die kleinen Parasiten dem Blut der Säugetiere einzuimpfen. Und immer nur ein ganz bestimmtes Insekt!

Mit einer gewissen Ehrfurcht muß man sie ansehen: die Anopheles, die kleine Mücke, deren Weibchen als Überträger des Malariaparasiten bisher das tropische Afrika gesperrt hat; die Glossina morsitans, die die Haustiere des Menschen haßt, und deren Schwester — durch die Schlafkrankheit — Zentralafrika entvölkert, in der Zeit, wo die Kulturmenschheit die Hände nach dem volkreichen Uganda ausstreckt, um Arbeiter zu suchen; und endlich die träge, dickleibige Zecke, den Boophilus, der auf den Weideplätzen auf die Rinder wartet, um ihnen Blut zu nehmen und das Texasfieber zu geben.


Die Kunst, Leder herzustellen, habe ich mir übrigens leichter gedacht, als sie ist. In der Trockenzeit hat sich alles bewährt; die Kistendeckel aus Antilopenfell, die Tasche für den photographischen Apparat, die Hausschuhe aus Wasserbockfell und die Fellteppiche; jetzt fängt es an zu stinken. Und ich habe nun alle die mir unentbehrlich gewordenen Gegenstände in Alaun und Salz gepackt.

Die Neger hier können kein Leder bearbeiten. Hätte ich einen Neger von der Westküste hier!

Wie lange habe ich probieren müssen, um mir nur haltbare Schuhbänder zu schneiden! Endlich konnte ich es: Buschbockfell in ganz feine Streifen geschnitten, gut gesalzen und gegerbt.


Briefe! Der Ombascha Chuma gibt mit ein ‚Barua‘, das ein Bote aus Mohorro mitgebracht hat. Ich soll es ihm vorlesen.

Von Askari Kisusa, der verwundet im Hospital liegt. Inhalt: „Grüße an Abdallah, der noch eine Rupie von mir bekommt; und ich will von Sefu zwei Rupie; und die Bibi des Mzee schuldet mir noch 18 Pesa für Reis.“ Dann folgen Grüße an alle, die dem Kranken einfielen.

Deshalb läßt der Ombascha die Askari antreten, nimmt den Zettel und sagt: „Es ist ein Brief von Kisusa gekommen, er schreibt: Grüße an...“ Jetzt nennt er, vom rechten Flügel anfangend, die Namen einzeln und sieht zwischendurch immer wieder auf den Zettel, als ob er lesen könne. Dann sagt er: „Weg-treti.“

Ich diktierte Briefe an Jumben, die nur arabische Schrift lesen konnten, und ließ mir das Diktierte nachher vorlesen. Dabei kam heraus, daß diese Schreiben einen ganz besonderen Stil hatten. Das Hauptmerkmal war, daß alles mehrmals wiederholt wurde. Aber auch Ausdrücke kamen vor, die besonders auffielen. „Du sollst gut aufpassen,“ hieß: „sieh mit beiden Augen.“


Als Hohlmaß für Getreide haben die Neger den Pischi (zu vier Kibaba). Sie stellen das Maß hin und füllen soviel hinein und darauf, als nicht über die Ränder hinunterläuft. Als ich fragte, weshalb sie nicht glatt abstrichen, sagten sie, der Bezirksamtmann hätte das so erlaubt; früher habe man noch ganz anders gemessen: da habe man beide Arme um den Rand gehalten.

So sind sie: sie wollen mit dem Bewußtsein vom Markte gehen, für ihr Geld etwas mehr bekommen zu haben, als ihnen zustände; ja, sie hassen, glaube ich, instinktiv das eherne Gesetz, das sich brüstet, gerecht zu sein, wenn es gleichmäßig ist.

Mit ihrer Arbeit ist es ähnlich. Sie arbeiten gut, wenn ich anerkenne, was meinem ganzen Wesen noch fremd ist: daß es nicht nur eine Pflicht gibt zu arbeiten, sondern auch eine zu faulenzen.

„Sechs Tage sollst du arbeiten und jeden Morgen auf die Minute anfangen.“

Wo?

Vielleicht in einem härteren Klima, wo der Boden nicht so willig hergibt, was Menschenhand ihm abringt; hier gibt es andere Gesetze!


Leopardenjagd.

Als ich glaubte, wieder marschfähig zu sein, setzte ich die Reise von Panganya nach Mtanza fort, mußte mich aber den letzten Teil des Weges auf einer Kitanda (Bettstelle) tragen lassen, weil die Wunden sich wieder aufscheuerten. Bei der Auswahl der Bettstelle machte ich die Entdeckung, daß an den Stellen, wo die harten Baststricke, mit denen das Gestell bespannt ist, sich kreuzen, oft Läuse wohnen!

Ich war kaum im Lager angekommen, hatte gebadet und meine schmerzenden Füße verbunden, als ein Mann gelaufen kam und sagte, sein Bruder sei von einem Leoparden getötet worden. Der Leopard sei noch bei dem Toten!

Es war auf dem Nordufer; ich nahm mein Gewehr und Patronen, humpelte zum Boot, fuhr hinüber und ließ mich vorsichtig zu der Stelle führen.

Der Schwarze zeigte: „Er ist da.“

Ich sah nichts.

Plötzlich sprang ein Leopard ins Gebüsch.

Er hatte im Grase bei der Leiche gelegen.

Jetzt sah ich den Toten.

Er lag unter einem ziemlich starken Baum. Der Hals war zerfleischt.

Der Neger sagte, sein Bruder wäre auf den Baum gestiegen, um Honig herabzuholen; der Leopard habe oben in der Krone gesessen und sei ihm ins Genick gesprungen; da sei sein Bruder tot herabgestürzt.

Der Leopard würde zurückkommen, ich solle bei dem Toten die Falle stellen.

Das tat ich, ging etwa achtzig Schritte ab und blieb an einem Baumstamm sitzen.

Nach kaum einer Viertelstunde sah ich den Leoparden plötzlich bei dem Toten. Ich hob behutsam die Büchse und zielte. Da klappte es, das Fangeisen war zugeschlagen. Ich lief hinzu und blieb auf dreißig Schritt stehen.

Der Leopard sprang mit der schweren Falle hin und her, fauchte und biß auf die eisernen Bügel.

Ich gab ihm einen Blattschuß; er verendete.

Zwei Askari kamen auf meinen Schuß herzu, der eine sagte, es wären wohl noch mehr Leoparden da; ein „chui“ sei nie alleine. Deshalb stellte ich das Eisen noch einmal, ließ den Leoparden mitnehmen und ging zum Boot zurück, während die Askari auf Anstand blieben.

Als ich im Lager ankam, hörte ich schon ihr Schnellfeuer und bald darauf kamen sie mit dem zweiten Leoparden.

Beide Leoparden waren männlich.

Der geschlagene Mann war gerächt und ich befahl, ihn zu begraben, was die Neger jedoch nicht ohne Schutz einer starken Askaripatrouille tun wollten.

Sie hätten ihn auch nicht begraben, wenn ich es nicht befohlen hätte.


Auch in der Umgegend von Mtanza hatte das Hochwasser die Landschaft verändert.

In flachen Tälern, die früher gar nicht auffielen, floß jetzt der Strom in ungeheurer Ausdehnung und schloß Menschen und Tiere auf kleine Inseln ein.

Während früher überall leere Boote gelegen hatten, wurde jetzt jeder kleine Einbaum gebraucht, um den schwierigen Verkehr aufrecht zu halten.

Das Wasser floß durch die Maisfelder. Viele Enten, Gänse, Reiher und Taucher schwammen auf dem flachen Wasser und flogen in den Abend- und Morgenstunden zu hunderten über der Ebene. Unzählige Holztauben flatterten in allen Feldern.

Abreise.

Während ich zur Abreise rüstete und das Lager auflöste, war ich oft mit der Schrotflinte in den Feldern, um Enten und Tauben zu schießen. Dabei kam ich einmal an eine Hütte, von der aus ein Boot mich über einen tiefen Wasserarm brachte. Der Fährmann warnte mich, als ich die Hände über Bord hielt und sagte, ein ganz gefährliches Krokodil sei in der Nähe; das Tier habe schon viele Menschen geholt; vor kurzem erst seinen Vater und seinen Bruder. Er selbst hatte eine große Wunde von dem Biß des Krokodils, das versucht hatte, ihn aus dem Boot zu ziehen. In der Trockenzeit, sagte er, sei das Tier in einem ganz kleinen Teiche; es sei fast nie zu sehen und richte seit Jahren schon Schaden an.

Das war ganz in der Nähe meines Lagers und niemand hatte bisher davon erzählt, weil, wie mir dieser Mann sagte, gegen das Ungetüm doch nichts zu machen sei! Wie schade: zu gerne hätte ich das gefährliche Tier erlegt; doch es war nur in der Trockenzeit möglich.

Der Tag der Abreise kam.

Das Lager wurde geräumt; das große Haus und die Hütten zwischen den Wellengräben und Pallisaden blieben nun leer zurück.

Ein Teil der Leute mußte auf dem Nordufer über Land gehen, weil nicht genug Boote da waren. Die Neger stellten sich beim Rudern so ungeschickt an, daß Lauer und ich selbst die kurzen Ruder nahmen und unter großer Anstrengung mehrmals hin- und herruderten.

Fieber.

Als wir am Nachmittage stromab fuhren, fühlten wir in allen Gliedern große Mattigkeit, gegen die wir energisch anzukämpfen versuchten. Deshalb gingen wir gegen Abend ans Ufer und machten einen Pirschgang bis zur Dunkelheit.

Wir schossen zwei Riedböcke und ein Wildschwein und kehrten zu den Booten zurück.

Die Mattigkeit nahm zu; der Appetit fehlte. Ich kam zu der Überzeugung, daß ich Malariafieber hatte, und nahm Chinin.

Mein Begleiter hatte noch kein Fieber und glaubte deshalb (wie viele, die im Anfang damit verschont blieben), er bekomme es nicht.[55] Er sagte, es könne auch ein Erkältungsfieber sein und nahm kein Chinin.

Es ist ein Unglück, wenn die Europäer einer Expedition krank sind. Es ist, als ob die Spannkraft aller Neger sofort nachlasse, wenn der Weiße von einer Krankheit gedemütigt wird. Die Neger verlieren den Glauben an ihn. Bummelei und Ärgernis treten auf und Mißerfolge erhöhen das Leiden des Weißen.

Ein Posten schlief auf Wache, so daß ich ihm sein geladenes Gewehr wegnehmen konnte.

Die Wache bei den Booten hatte auch nicht aufgepaßt; ein ganzes Boot mit Lasten fehlte am Morgen.

Das Marschieren wurde uns an diesen Tagen sehr schwer. Es war kein Wind und die Sonne brannte auf den Sumpf hernieder, während wir meilenweit bis an die Knie im Wasser und durchweichten Boden wateten. Da war es oft, als wollte das Herz seinen Dienst versagen und man hatte den Wunsch, sich lang im Wasser hinzulegen.

Mein Begleiter war ganz still; wir konnten uns gegenseitig wenig Mut abgeben.

An dem Abend dieses Tages erreichte mein Fieber den Höhepunkt. Mit glühend heißen Schläfen lag ich im Zelt und kühlte mit nassen Tüchern.

Die Boys zeigten ihr Mitgefühl dadurch, daß sie nahe bei unseren Zelten die Trommel zum Tanze schlugen. Es war mir eine Qual das zu hören, aber ich fand nicht den Entschluß, es zu verbieten. Ja, es beruhigte mich innerlich geradezu, durch den Lärm an dies trotzige, gedankenlose Leben erinnert zu werden.

Glücklicherweise hatten wir das fließende Wasser wieder erreicht und konnten am nächsten Tage die Boote benutzen. Lauer mußte gestützt werden; er nahm immer noch kein Chinin.

Mit unglaublicher Schnelligkeit trieben wir an überschwemmten Dörfern vorbei: die Borassuspalmen von Mayenge tauchten aus Nebelschleiern auf.

Da lagen die Berge von Kitschi; noch eine Biegung des Stromes, an der die Eingeborenen Nothütten gebaut hatten, dann waren wir in Mayenge.

Hier war der kranke Unteroffizier Kuehn gerade von Feldwebel Münch abgelöst.

Auch diese Boma wurde geräumt und wir fuhren zwei Stunden weiter stromab zu einer hohen Landzunge, auf der ich einen Platz für das neue Bezirksamt am Rufiyi aussuchen wollte.

Die nächsten Nächte wären für uns Kranke schlimm gewesen, wenn nicht Feldwebel Münch mit bewundernswerter Geduld und Sicherheit unsere Pflege übernommen hätte. Er gab uns das Chinin zerstoßen in Oblaten. Ich wurde schnell besser, weil in mir das Gift den Kampf mit den Parasiten schon aufgenommen hatte; bei Lauer aber war das Fieber zu weit vorgeschritten, er war kaum imstande das Chinin hinunterzuschlucken.

Er litt sehr, phantasierte und sprach von Schwäche und Sterben; aber Münch ließ sich nicht beirren und sagte ganz ruhig: „Machen Sie doch keine Witze.“

Ich habe oft daran denken müssen, daß solcher Zuspruch besser ist, als hilfloses, sichtbares Mitleid!

Trotz seiner Erfahrung mit dem Fieber — Münch hatte monatelang an Schwarzwasserfieber gelitten — durften wir uns unserm Pfleger nicht ganz anvertrauen, wenn es möglich war, Mohorro in diesem Zustande zu erreichen.

Ich fühlte mich wieder frisch. Ein großes Boot wurde ausgerüstet und am Abend Lauers Bett hineingestellt. Ich lag dahinter im Lehnstuhl; die Askari und Neger folgten in neun anderen Booten.

Der Mond war aufgegangen, als die Boote vom Ufer ablegten.

Lautlos trieb die kleine Flotte auf dem Strom.

Ich zog mein Buch aus der Tasche und schrieb. Elf Uhr.

Am Ufer brennt ein Feuer; da übernachten Flußschiffer und schwatzen fröhlich und laut. Es klingt übers Wasser in der stillen Nacht und sie hören unsere Boote nicht, die leise plätschernd nahe bei ihnen vorbeitreiben.

Kein Wölkchen ist am Himmel. Die Sterne stehen über mir. Das Mondlicht glänzt auf den Blättern der Büsche.

Dahinter erhebt sich der Wald und die Berge. Ein hoher Sandrücken kommt näher; er neigt sich weit über den Strom. Auf der Höhe steht ein plumper Affenbrotbaum.

Es ist so still als ob die Natur ihren Atem anhält.

Da dröhnt vom Berge herab deutlich durch die Stille eine einzige, tiefe Löwenstimme; ein Ruf an die Nacht, die nur im Schweigen Antwort gibt.

„Simba“ flüstert der Neger hinter mir.

Schwach saß ich im Lehnstuhl und war erfüllt von den wundervollen Eindrücken, die wie eine Abschiedsfeier auf mich wirkten. Ich dachte zurück an vergangene Bilder, an stille Nächte, in denen der Mond schien.

Ich sah auf den Kranken, legte ihm die Kissen zurecht und schloß sein Moskitonetz. Dann streckte ich mich im Boot lang aus und schlief.

Manchmal erwachte ich aus festem Schlaf, wenn das Boot auf eine Sandbank auflief und von den Baharias wieder abgeschoben wurde. Einmal stieß das Boot auf einen Baumstamm, der im Wasser lag. Es wurde von der Kraft der Strömung in den Zweigen hochgehoben und schlug quer, sodaß das Wasser, das ihm sonst fördernde Kraft war, plätschernd gegen die Bordwand drängte.

Oft dröhnte die tiefe Stimme eines Flußpferdes aus nächster Nähe; ein kurzer Zuruf der Leute, eine gewaltsame Wendung des Bootes, und weiter ging es in gleichmäßiger Ruhe.

Wieder an der Küste.

Gegen vier Uhr am Morgen wurde ich geweckt. Wir waren in Ndundu. Die Neger alarmierten das Dorf. Der Akide kam. Strohfackeln brannten.

Aus dem fensterlosen Seitenraum eines Hauses wurden Lasten herausgeschleppt, die ich dem Akiden zum Aufbewahren gesandt hatte.

Noch war dunkle Nacht. Aber der Vollmond stand schon tief am Himmel und der Morgen war nahe, als ich weiterfuhr, und die Gruppe der Neger mit ihren Fackeln am Ufer zurückblieb.

Ich wußte eine reine Freude vor mir: auf dieser Fahrt das erste Licht des Tages kommen zu sehen.

Und es kam. Die Ufer schimmerten im Morgenlicht. Bäume und Hütten nahmen Form und Farben an. Helles Licht breitete sich über das Wasser aus. Wölkchen zogen von der See herüber und unterbrachen die Strahlen.

Als es Tag war hörten wir das laute Treiben der Menschen.

Die Boote landeten am Ufer von Mosmene, wo Händler ihre Lasten aufgestapelt hatten und fleißige Hände bei der Arbeit waren, Frachten umzuladen.

Der Aufstand lag hinter mir; ich war wieder an der Küste.

[54] Über die wirtschaftlichen Aussichten in diesen Gebieten findet man Näheres in dem Buche: Hermann Paasche, Deutsch-Ostafrika. Verlag von E. A. Schwetschke und Sohn, und in den Berichten des Kolonialwirtschaftlichen Komitees.

[55] Man findet die wunderlichsten Theorien bei Menschen, die kein Fieber bekommen. Einer sagt: er passe auf, daß ihn keine Mücke steche (sehr gut; es ist aber nur ein Teil der Schutzmaßregeln!), ein anderer: er fühle das Fieber kommen und trinke dann eine Flasche Sekt, dann sei er sicher. Wirkliche Konfusion bestand, bevor man das Wesen der Malaria kannte, und in den alten Reisewerken bekommen die Reisenden von starkem Kaffee z. B. Fieber. Es gibt Menschen, die oft Malaria hatten und die immun geworden sind.

Verzeichnis
häufig vorkommender in Deutsch-Ostafrika allgemein gebrauchter Fremdwörter.

Akide = Ältester der farbigen Bevölkerung einer Stadt oder Landschaft.

Askari = Soldat der Schutztruppe.

Bana (Bwana) = Herr.

Barua = Brief.

Betschausch = schwarzer Feldwebel.

Bibi = Mädchen; Frau.

Boma = befestigter Platz, Regierungssitz.

Dhau = Segelfahrzeug.

Goanesen = Leute aus Goa (Vorderindien); Mischlinge von Portugiesen mit Indern.

Jumbe = Dorfältester.

Kopra = Fleisch der Kokosnuß.

Kiongozi = Führer; Name der in Tanga erscheinenden Suahelizeitung.

Kanicki = blaues Baumwolltuch.

Kofia = Mütze.

Mohogo = Maniok, Gemüsestrauch mit stärkemehlreichen Knollen.

Matama = Negerhirse (Setaria).

Makuti = Palmblatt.

Ngambo = das jenseitige Ufer.

Ngoma = Trommel, Tanz.

Ombascha = Gefreiter der Schutztruppe.

Pesa = Kupfermünze; 64 Pesa = 1 Rupie (jetzt 100 Heller).

Poscho = die tägliche Essensration für Askari und Träger.

Pori = Busch; das Pori ist der Ort, wo sich die Schenzis dauernd, andere Leute nur vorübergehend aufhalten. Man lagert „Porini“ = wo keine Hütten sind, im unbewohnten Busch.

Pischi = ein Hohlmaß für Getreide.

Rupie = Silbermünze: deutsche Rupie = 1,34 Mk.

Schamba = Pflanzung, Acker.

Schensi = der Buschbewohner.

Wangoni = Nachkommen der in Deutsch-Ostafrika Mitte des vorigen Jahrhunderts eingewanderten Sulukaffern.