Ein Streifzug.

Der Aufstand schien in dem Gebiet, in dem ich zu tun hatte, zu Ende zu sein. Tausende von Eingeborenen hatten sich unterworfen, hatten Kriegssteuer gezahlt und Waffen abgegeben und bauten jetzt friedlich ihren Acker. Nur in ganz entfernten Tälern, wohin noch kein Askari gekommen war, spielten die Schenzi noch hartnäckig Krieg.

Wie Kinder; wenigstens hörten sich die Schilderungen von Kundschaftern so an. Eine alte Frau, die aus der Gefangenschaft der Schenzi entlaufen war, erzählte, die Krieger hätten sich aus Antilopen- und Zebrafell Schilde gemacht und hätten, da die alten nichts taugten, zu neuen Göttern gebetet. Menschenopfer, unerhört seien gefallen, und im frommen Kreise habe man das Blut einer alten Frau getrunken. Auch sie habe man schlachten wollen, deshalb sei sie davongelaufen und habe fünf Tage lang nur Schlamm gegessen, um sich zu ernähren; denn sie habe auf dem Marsche alle Menschen meiden müssen.[46]

Immer öfter regnete es in dieser Zeit. Bald war die große Regenzeit zu erwarten, von der die Neger sagten, sie verändere das Land so, daß das Reisen noch mal so schwer sei wie jetzt; ich hielt es deshalb für gut, noch vorher einige Streifzüge in das Land zu machen und lieh den Kundschaftern willig mein Ohr.

Eines Tages saßen wir in dem neuen, fertigen Hause und sahen dem Regen zu, der von dem Palmblattdach niederströmte, als der wachhabende Ombascha vom Pallisadentor her einen bärtigen, alten Neger anbrachte, der einen abgetragenen, völlig durchnäßten Gehrock anhatte.

Schlimme Nachrichten brachte der alte Mann: Weit oben am Rufiyi, hinter den Panganischnellen, seien sehr böse Schenzi (wakali sana), die von Tag zu Tag wilder würden. Der Zauberer Hongo sei bei ihnen und mache sie unverletzlich; er gebe ihnen Mittel gegen die Geschosse der Askari.

Der breitnasige Alte wollte uns den Weg zeigen.

Am nächsten Morgen marschierte ich ab.

In den ersten Tagen ging es immer an den Fluß entlang; durch Ebenen mit hohem Gras und Mangobäumen, Schamben und Dörfern am Wasser.

Weit im Norden tauchte ein Gebirge mit schroffen Höhen auf: die Uluguruberge.

In verlassenen Dörfern traf ich mehrmals Wasserböcke, denen das Kraut, das auf dem Ackerboden wuchs, besonders zu schmecken schien.

Während in allen friedlichen, mir unterworfenen Dörfern auf einer aus Untermast und Stenge zusammengesetzten Stange ein weißes Tuch wehte, war in den Dörfern, deren Bewohner sich einmütig zum Feinde erklärten, mitten auf dem Platz vor dem Hause des Jumben ein Topf so eingegraben, daß der obere Rand mit dem Erdboden abschnitt.

Tagelang sahen wir keinen Menschen; um so mehr Wild: außer Flußpferden und Krokodilen auch Wasserböcke und ganze Herden von Swallahantilopen.

Wir kamen an Berge, die der Rufiyi in tiefem Bett durchbrochen hat, verließen jetzt das Ufer des Stromes und stiegen in wunderschöner, wilder Landschaft zwischen Felsen empor.

Ich schoß eine Kuhantilope, die sich ein Horn abgestoßen hatte; eine Hornplatte bedeckte die Bruchstelle über dem Knochen. ([Abbildung Seite 180.])

Der Führer brachte uns zu einem Dorfe an einem Abhang, der sich wieder zum Rufiyi senkte. Unten lagen die Felder der Eingeborenen. Der Fluß strömte über viele Steine und sein Bett verengte sich mehr und mehr. Wir hatten die Schnellen umgangen.

Die Panganischnellen des Rufiyi. Der Strom durchbricht hier, um die Ebene zu erreichen, einen steinigen Höhenzug. Wie ein großes Trümmerfeld, von Steinen bedeckt, lag das Bett in der Trockenzeit da; in der Mitte tobte das Wasser in einer tief eingegrabenen, zwanzig Meter breiten Rinne.

An den Stromschnellen des Rufiyi.

In den Abendstunden ging ich zu den Stromschnellen, die auf mich den Eindruck eines Naturwunders machten, weil ich so sehr an den breiten Strom gewöhnt war, wie er zwischen flachem Schwemmland träge dahinfloß. Hier waren seine Wassermassen wie von einer gewaltigen Hand in ein enges Bett gepreßt und tobten schäumend gegen die blank polierten Steine.

Ich stellte mich auf eine Steinplatte, die über das tosende Wasser hinüberreichte und photographierte.

Was wäre Menschenkraft in dem Strudel dort unter mir, in der wilden Bewegung!

Ich merkte, daß ich in einer furchtbaren Gefahr geschwebt hatte: ich hatte, als ich durch das Diopter meiner Kamera sah, das Bestreben gehabt, etwas zurückzutreten, um einen schönen großen Stein, der vor mir lag, mit auf das Bild zu bekommen. Zum Glück vergaß ich nicht ganz, wo ich stand, und sah mich noch einmal um: nur eines Fußes Breite hätte ich zurückzutreten brauchen um abzustürzen!

Wie leicht kann man sich im Eifer vergessen!

Das war ein Augenblick, an den ich immer wieder denken muß.

(Der Seemann wird überhaupt das Gefühl nicht los, daß die Bergsteigerei „unseemännisch“ sei. Da sind keine sicheren Wanten, kein Pferd und kein Jackstag! Die Steine wackeln und die Grasbüschel reißen aus, wenn man sich daran festhalten will!)

Einige Tage später kamen wir an eine Stelle, wo der Weg den Fluß wieder verließ und sich nach einer anderen Richtung wandte. Die Führer sagten, wir hätten einen weiten, wasserlosen Wald vor uns. Deshalb versteckte ich alle entbehrlichen Lasten im Busch und gab den freigewordenen Trägern Wasser zu tragen.

Dann folgten wir dem Wege in den Wald hinein.

Unsere Führer schienen recht mutig zu sein. Da war der breitnasige Alte, in seinem grauen Gehrock, und ein anderer junger Neger, dessen Eltern die Aufständigen entführt hatten. Wut schien sie zu beseelen. Sie zeigten von selbst eine gewisse Vorsicht und taten überlegen, als ich ihnen sagte, wir müßten betretene Wege meiden, ein einziger Schenzi, der zufällig durch den Wald streifte, könnte unsern Plan vereiteln. Auch vermieden sie, bei Tage über Blößen zu gehen, die von andern Abhängen aus sichtbar waren.

Die weiße Farbe meines Maskatesels beunruhigte mich; am liebsten hätte ich ihn mit nassem Lehm eingerieben oder in dichtem Busch zurückgelassen.

Als der Wald lichter wurde, machten wir halt. Alle legten sich hin; die Reittiere grasten hinter einem kleinen Hügel. Bei jedem Tier hockte ein Neger und haute ihm mit Zweigen über den Kopf, sowie es anfangen wollte, zu wiehern.

Es ist zu verräterisch, dies Wiehern! Und ist der Esel erst einmal dabei, dann dauert es eine halbe Minute lang. Meist sprang das halbe Lager auf, wenn ein Esel nur den ersten, gepreßten Atemzug tat, der das Konzert jedesmal einleitet.

Impallahantilopen kamen äsend auf uns zu.

Als es dunkel wurde, gingen wir weiter und erreichten eine Höhe, auf der das Zelt leise aufgeschlagen wurde.

Auf Kundschaft in der Nacht.

Ich ging am Abend um acht Uhr mit dem Akiden, dem Betschausch und zwei Führern Patrouille. Es war sehr hell; der Halbmond schien, und Monduntergang war erst um Mitternacht zu erwarten.

An einem sandigen Fluß machten wir halt. Die Führer legten sich auf die Erde und horchten; sie behaupteten, Menschen zu hören. Auch ich vernahm in der Ferne ein Stimmengewirr.

Plötzlich erhob sich auch dicht vor uns, unterhalb des Flußbettes, lauter, harmloser Gesang, und es schien ratsam, nicht weiter vorzugehen, um nicht bemerkt zu werden.

Wir gingen vorsichtig zurück und um zwölf Uhr nach Monduntergang zum zweiten Male in die Richtung auf das Dorf. Nun gelang es mir, die Lage der einzelnen Hütten festzustellen.

Es herrschte tiefe Stille. Einige Wachtfeuer brannten.

Befriedigt über das Resultat meiner Erkundung kehrte ich um und erklärte dem Unteroffizier meinen Plan: Ich wollte eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang in die Nähe des Dorfes gehen. Bis dahin wollten wir schlafen; doch schon um drei Uhr wachte ich auf, weil ein heftiger Regen auf das Zelttuch niederprasselte und mir kam der Gedanke, den Regen zu benutzen, um unbemerkt an das feindliche Lager hinanzugehen. Schnell ließ ich antreten.

Unter der Wolke wurde der Himmel wieder hell; der Regen konnte nicht mehr lange anhalten; doch prasselte er so laut auf die Blätter nieder, daß wir ungehört bis in die Nähe des Dorfes laufen konnten.

Den Betschausch schickte ich mit fünf Askari nach einigen Häusern, die abseits im Busch lagen. Fünf andere Askari beauftragte ich, sich an dem Wege, den die fliehenden Feinde voraussichtlich nehmen müßten, zu verstecken. Ich selbst ging mit Unteroffizier Lauer und zwölf Askari unmittelbar auf das Hauptlager los. Außer den Askari hatte ich zehn Träger, besonders flinke Kerle, mit; die sollten Gefangene machen. — Die Askari können in ihrer Ausrüstung nicht schnell genug laufen. —

Dicht vor den Häusern machten wir halt und legten uns auf dem Wege nieder.

Kurz danach hörte der Regen auf.

Vorsichtig ließ ich die einzelnen Askari im Busch an das Lager hinankriechen und befahl jedem einzelnen, sich ein günstiges Ziel zu suchen und den ersten Schuß abzuwarten. Wenn jeder geschossen hätte, sollten alle vorstürzen und mitten in das Lager hinein, so daß keiner der Schenzi Zeit habe, sein Gewehr zu spannen.

Plötzlich stieß mich Lauer an und zeigte nach hinten. Ungefähr hundert Schritt hinter uns brannte ein Lagerfeuer auf, an dem drei Gestalten saßen! Nur der laute Regen hatte es möglich gemacht, daß wir unbemerkt zwischen die Posten und das Lager kamen.

Mir wollte es anfangs nicht in den Sinn, daß die Männer, die dort in so greifbarer Nähe hockten, uns nicht gesehen haben sollten; aber diese Wächter hätten selbst Geräusch von unserer Seite nicht beachtet und geglaubt, es käme von ihren eigenen Leuten.

Allmählich wurde es heller; Männer kamen aus den Hütten; andere erhoben sich von Bettstellen, die im Freien um Holzfeuer herum standen. Ich konnte genau sehen, wie sie ihre Gewehre abwischten und mit ihren Pfeilen und einer Bierflasche hantierten.[47] Sie unterhielten sich laut.

Lauer, zwei Askari und ich lagen auf dem offenen Wege; als es immer heller wurde und wir uns nicht rühren durften, war das Licht wie ein Verräter; ich hatte das Gefühl, als zeigte jemand auf uns: „Da, da sind sie!“ Und die Spannung wuchs von Minute zu Minute.

Die Männer, die hinter uns am Feuer gesessen hatten, waren plötzlich verschwunden; wir wußten nicht, wo sie geblieben waren. Das Feuer brannte noch hell und ein langer Stock stand an dem Baume.

Ein Mann verließ das Dorf und ging in die Schamba; aber nicht auf unserm Wege.

Überfall beim Morgengrauen.

Endlich knatterte es in der Ferne; die Neger wurden unruhig, sprangen auf und drängten aus den Hütten heraus.

Schnell erhob ich mich und erschoß einen langen Neger, der mir am nächsten stand. Alle Askari waren aufgesprungen und schossen; dann stürmten wir aus den Büschen hinaus, in das Lager hinein.

Die Bilder, Eindrücke, kurzen Überlegungen wechselten in den nächsten Minuten so schnell, daß ich sie nicht festhalten konnte und noch weniger beschreiben kann.

Die Aufständigen drückten ihre Flinten ab und flohen so schnell sie konnten.

Lauer lief nach links; mir folgten drei oder vier Askari.

Im Laufen kann man nicht schießen; auch nicht auf kurze Entfernung. Ich muß stehen bleiben und schieße. Dann wieder wild drauflos!

Mein Boy Hassani ist dicht hinter mir und hält mir nach jedem Schuß einen neuen Ladestreifen mit fünf Patronen unter die Nase: „Bana, bana!“ (Er glaubt, ich hätte verschossen.)

Links von mir läuft ein Neger, deutet auf seinen Fuß und ruft: „Nimekwisha kupigwa.“[48] — Entsetzlich! — dann stürzt er, durch die Brust geschossen, vornüber und schlägt mit den Armen um sich.

Hinter dem Dorf lag ein weites, abgeerntetes Mohogofeld. Darin liefen die mit Gewehren Bewaffneten und zeigten uns nur den Rücken. Andere, die große Bogen, Köcher und Pfeile trugen, blieben schon hinter den Häusern in niedrigem Gebüsch und hinter bewachsenen Erdhügeln stehen. Giftpfeile schwirrten.

Bald wurde dem Gefecht ein Ende gemacht durch die Dreistigkeit meiner Träger, die hinter den Fliehenden herliefen und mit dem rungu[49] auf jeden einschlugen, der sich nicht gefangen geben wollte.

Obwohl ich die Träger rote Mützen hatte aufsetzen lassen, um sie von den Aufständigen zu unterscheiden, fürchtete man jetzt, in dem Durcheinander eigene Leute anzuschießen. Deshalb kehrte ich zum Dorfe zurück, wohin alle Gefangenen gebracht wurden.

Im Dorfe lagen die Leichen der Gefallenen.

Es war nicht schön, daß wir jetzt das Dorf plündern mußten; ich wäre gern weggegangen und hätte in meinem Zelte, fern von dem wüsten Bilde von Tod und Zerstörung, ausgeruht und gefrühstückt.

Aber wir mußten die Hütten in Brand stecken und dazu war es doch gut, daß sich meine hungrigen Leute, die ich auf den Raub vertröstet hatte, vorher herausholten, was sie an Lebensmitteln finden konnten. Hühner- und Taubeneier wurden angebracht. Töpfe mit Pombe; Mehl, Mais und Reis. Bald waren auch die Askariboys zur Stelle, und nun begann ein Plündern, an dem man die Rohheit dieser Menschen kennen lernen konnte.

Lauer und ich achteten darauf, daß wenigstens die Leichen nicht verstümmelt wurden; ich ließ sie aus den Häusern hinaustragen, bevor Feuer angelegt wurde.

Mehr konnten wir nicht tun. Schonung der Tiere zu fordern oder auch nur Anstoß zu nehmen an Rohheiten, wäre unnütz gewesen.

Die Hühner und Tauben waren von den Häusern nicht wegzutreiben, so sehr waren sie „domestiziert“.

Die Neger verfolgten sie; griffen sie. Die Tiere flüchteten unter die Dächer oder flogen auf den Dachfirst; die Verfolger warfen mit Stöcken oder Steinen nach ihnen und ließen sie ruhig weiter leben, wenn Glieder gebrochen waren.

„Chakula tu,“ „es ist ja nur etwas zu fressen,“ war die Antwort, wenn man schalt.

Als die Hütten schon brannten, lief ein Hund, den die Askari gefangen hatten, wieder in eine Hütte zurück, heulte kläglich und verbrannte.

(Die knechtische Abhängigkeit von dem Herrn, das blinde Vertrauen zu dem Ernährer, das die Selbständigkeit tötet, muß in allen Geschöpfen außerordentlich leicht zu entwickeln sein. Es ist auch im Sklaven wieder zu finden, ist unwürdig und darf doch nur vorsichtig angetastet werden, wo es einmal besteht, weil es Voraussetzung eines besonderen Lebens geworden ist.)

Wie der Schenzi lebt.

Ich war hier zum erstenmal in einem Orte, an dem die Neger alles zurückgelassen hatten, was sie in Frieden und Krieg gebrauchen.

Da standen die Hütten mit allem Hausgerät; die Hühnerställe, der Taubenschlag und die Vorratshäuschen mit Matamakorn. Hacken, Beile und Drillbohrer wurden aus den Hütten gebracht. So konnte ich mir denn ein Bild von dem Leben des Buschnegers machen.

Vom Händler kauft er nur Tücher, Salz, Waschblau, Seife und Nähnadeln. Alles andere macht er sich selbst, und hat deshalb auch immer etwas zu tun; er ist gar nicht so faul, wie wir ihn uns denken.

Die Feldarbeit ist seine Hauptbeschäftigung; er baut Matamakorn, Bergreis, Mais, Mohogo und Kürbisse. Er wohnt mitten in seinem Felde und beschäftigt sich immer etwas damit; ob er nun Unkraut aushackt, Schädlinge fernhält oder neues Land vorbereitet. Die Zeit der Ernte kann ihm nicht entgehen, denn er kennt jede Staude auf seinem Felde; er lebt mit den Pflanzen, wie der Viehzüchter mit seinem Vieh.

Zur täglichen Arbeit gehören Wasser- und Brennholzholen und Essenkochen; am Hausgerät und am Hause selbst ist immer etwas schadhaft. Da müssen neue Töpfe geformt werden, weil die alten zerbrechen; der große Holzmörser, in dem das Getreide zerstampft wird, die Holzteller, Löffel, Bettstellen, Hackenstiele fordern eine geduldige Schnitzarbeit, und der Neger streift tagelang im Wald umher, um passendes Holz zu finden. Da er nämlich vom Tischlerhandwerk nicht viel versteht, die Anwendung von Leim nicht kennt[50] und ungern mit Zapfen und Nute arbeitet, holt er sich am besten alles fertig aus dem Wald oder schnitzt es aus einem einzigen Stück. So entstehen denn die plumpen, törichten Stühle und Bänke, die großen Trommeln und Mörser und auch die riesigen Boote, mit dem „cheso“ (einem scharfen Beil mit quergestellter Schneide) ausgehöhlte Bäume; die Pfeiler, Türpfosten, Dachsparren aber liefert der Wald fertig in jeder Größe, und das Geschick des fleißigen Bautischlers besteht nur darin, den Pfosten so auszuwählen, daß die Gabelung an der rechten Stelle sitzt.

Gebaut wird immerzu, und wenn Haus, Taubenschlag und Vorratshäuschen fertig sind; wenn der Hof eingezäunt ist, kommen kleine Geisterhüttchen für die Toten an die Reihe.

Außer dem Hausgerät fertigt der Neger an: Pfeile, Bogen und Köcher; Fischreusen; Stellnetze zum Absperren der abfließenden Regenbäche und Flechtwerk zu allen möglichen Zwecken: Stricke, Matten, Körbe und Säcke aus Blattrippen kleiner Fächerpalmen; Wildnetze und Tauwerk aus gebleichten Baumfasern.

Alles dies ist nicht für die Dauer, und das Leben des Schenzi ist ein ununterbrochener Kampf mit Überschwemmung, Dürre, Wildschaden und Fäulnis; mit Ratten, Käfern und weißen Ameisen (die ihm über dem Kopf das Dach seiner Hütte zu feinstem Sägemehl zerkleinern, wenn er das ewige Feuer ausgehen läßt).

Aber mit diesem Kampf und der Sorge erkauft er sich etwas, was die Weisen aller Zeiten ein großes Gut genannt haben: die Einsamkeit, Selbständigkeit und Freiheit.

Nicht, daß er ganz ungesellig wäre: nein, abends im Dorfe wird die Trommel gerührt, Pombe getrunken, geraucht und getanzt.

„Kurz abgesehen vom Steuerzahlen

Läßt sich dies Glück nicht schöner malen,

Worauf denn auch der Satz beruht:

Wer einsam lebt, der hat es gut.“

Steuer zahlen: Ich kann mir vorstellen, daß diese Neger nicht einsehen wollten, weshalb sie Pombesteuer zahlen sollten, wenn sie ihr Matamakorn gären ließen, um es als Bier zu trinken. Was merkten die von der Macht des Europäers? Alle Jahr einmal kam der Akide und rief: „Heia! bringt Geld her, zahlt eure Hüttensteuer.“

Und weshalb sollten sie kein Wild mehr mit Netzen fangen?

Es ist nicht schwer, zu verstehen, daß diese Leute sich dem Aufstand gerne anschlossen und man braucht nicht nach Schuld zu fragen, wenn man die Ursachen des Aufstandes sucht.

Ein Askari war schwer verwundet; er hatte einen Schuß in die Brust bekommen und die Kugel war noch drin.

Sanitätsunteroffizier Lauer verband ihn. Es war wenig Hoffnung; aber Lauer sagte, daß es gut werden könne, wenn der Mann mit dem sauberen Verbande schnell nach Mohorro gebracht würde, wo er gute Behandlung habe.

Deshalb sandte ich den Betschausch und zehn Askari sofort nach Mtanza, mit dem Auftrage, den Verwundeten so schnell als möglich in einem Boote zur Küste zu schicken.

Die Boma in Mtanza mußte schleunigst wieder besetzt werden; denn ich fürchtete, daß die Aufständigen meine Abwesenheit benutzten, um einen Einfall in die friedlichen Gebiete am Rufiyi zu machen.

Ich hatte nur noch Unteroffizier Lauer und zehn Askari bei mir und schleppte vierundzwanzig Gefangene mit, darunter neunzehn Weiber, die nicht schnell gehen konnten.

Die Gefangenen befreit.

In der folgenden Nacht lagerte ich, um nicht bemerkt zu werden, ohne Feuer im Busch. Am Morgen erwachte ich, als ein Askari in mein Zelt kam und meldete, die Gefangenen seien weg und alle Askari hinter ihnen her. Erschrocken und entrüstet ging ich aus dem Zelt und fand erst keine Erklärung für das Verhalten der Askari und dafür, daß weder Lauer noch ich etwas gehört hatten. Wir setzten uns auf die Kochkiste und warteten, bis es hell wurde und die Askari einzeln wieder ankamen.

Gegen drei Uhr am Morgen hatte der Posten gesehen, daß die Gefangenen, die gebunden neben unserm Zelt lagen, davonliefen. Er hatte schnell die Askari geweckt und die waren sofort aufgesprungen und hinterdrein gelaufen. Nur ein alter Sudanese, der schlecht laufen konnte, blieb und weckte uns, als die Askari schon außer Rufweite waren.

Auf wen sollte ich böse sein?

Schließlich waren wir zufrieden, daß man uns nicht meuchlings ermordet hatte.

Die Gefangenen waren doch alle gebunden gewesen; und jetzt lagen die Fesseln zerschnitten da! Es mußte also wohl jemand im Busch herangekrochen sein, sich zwischen die Gefesselten gelegt und ein Messer von Hand zu Hand gegeben haben!

Natürlich machte ich mir Vorwürfe, daß ich im Busch gelagert hatte, anstatt einen freien Platz zu suchen; aber auch das hätte seine Nachteile gehabt!

Kurz, die Lehre, die man daraus ziehen kann, war: geht’s gut, dann war alles recht, und auf jede Überlegung, die man vorher machte, ist man stolz; geht’s schief, dann kommen Vorwürfe.

Und war nicht die Hälfte von alledem was ich getan hatte im Vertrauen auf Glück unternommen?

Als die Askari alle wieder zur Stelle waren und der drollige Askari Nyati[51] als letzter mit finsterem Ernst einen ängstlichen Pogoro anbrachte, mußten wir sogar herzlich lachen; denn der Askari hielt seinem Gefangenen eine Strafpredigt, wobei er alle Stimmregister, die auf einem Kasernenhof gehört werden, der Reihe nach zog. Er machte dabei ein ungemein überlegenes Gesicht und kaute nachlässig an einem Grashalm, während er den Unglücklichen fixierte, der kein Wort davon verstand.

Der Schluß der Predigt war das mit geschlossenen Zähnen, wie in Erbitterung gesprochene Wort: „Schuain“.[52]


Tierleben an den Schnellen.

Zwei Tage später näherten wir uns wieder den Bergen von Kibambawe.

Oft blieb ich stehen und sah voll Genuß auf das Landschaftsbild. Sanft fiel hier das steinige, offene Gelände zu dem Rufiyi ab. Jenseits des Stromes zog sich der Buschwald bis zu den Bergen in weiter Ferne. Der wilde Strom rauschte dort unten über Steine und schlängelte sich wie ein bleifarbenes Band in die Berge hinein, die er durchbrochen hat, um der Tiefebene und dem Ozean zuzueilen.

Zwischen den Bäumchen erschien eine Herde Hundsaffen; Paviane, die mit ängstlichen, und doch unverschämten Blicken nach uns herüberäugten.

Ich ließ mir die Büchse eines Askari geben und schoß einen der verhaßten Feinde der Landwirtschaft.

Darauf wurden die kleinen der Herde flüchtig; die größeren zogen sich nur langsam unter lautem Gezeter zurück.

Flußlandschaft am oberen Rufiyi. Ein schlanker, kräftiger Neger stand vorne in dem Einbaum und stieß das Boot mit dem Upondo, einer dünnen Stange vorwärts. Er hob den Upondo nicht nach jedem Stoß aus dem Wasser (wie ich es bisher überall gesehen habe), sondern dreht ihn jedesmal um. Überhaupt schienen mir die Neger hier oben flinker und geschickter zu sein.

Ich ging vom Wege ab und traf in hügeligem und bewaldeten Terrain ein Rudel Swallahantilopen; sie standen malerisch an einem Abhang zwischen hohen Steinen.

Ich sah einen starken, roten Bock mit langen Hörnern dabei und schoß ihn; er machte einige Fluchten und brach zusammen. Zwei Träger trugen ihn zum Lager.

Das Rudel war im Umsehen zwischen den Felsblöcken verschwunden.

Ich folgte dorthin und stieg, durch Klippen gedeckt, auf eine Höhe.

Unter mir lag eine kleine, grüne Wiese zwischen Steinabhängen; darin standen auf höchstens fünfzig Schritt etwa zwölf rote, blanke Böcke mit stolzen Gehörnen.

Gefesselt von diesem Anblick ließ ich mich von dem Rudel von einem Tal in das andere führen und sah plötzlich den Fluß mit breiten, steinigen Ufern unter mir.

Auf den tongrauen, glänzenden Steinplatten standen Impallahantilopen; zwischen ihnen gingen Paviane einher; es war ein seltsames Bild, dies Zusammenleben zweier so verschiedener Tierarten.[53]

Am jenseitigen, steilen Ufer hinauf flüchtete ein Rudel Wasserböcke in weiten, kräftigen Sprüngen.

Der Fluß durchströmte jetzt in der Trockenzeit ein tiefes, tunnelartiges Bett in der Mitte des gewaltigen Steintals.

Eine große Flußpferdherde ruhte unbeweglich in dem Wasser und die Rücken der Tiere sahen aus, wie die Steine in ihrer Umgebung.


Drei Tage später kam ich in Mtanza an. Die Aufständigen hatten meine Abwesenheit benutzt und waren auf eine Insel eingefallen, hatten geplündert und Weiber geraubt. Zu gleicher Zeit war Bezirksamtmann Graß von Mohorro aufgebrochen; ich traf ihn in Mayenge und wir machten einen Zug in den westlichen Teil der Kitschiberge.

Da unsere vertrauenswürdigen Kundschafter, die wir vorausgeschickt hatten, es diesmal mit ihren Landsleuten gut meinten, sahen wir nur verlassene Dörfer.

Ein alter Hundsaffe mit starker Mähne; ein Auge und fast alle Zähne fehlten ihm.


GRÖSSERES BILD

[46] Ist das lang auf Deutsch zu schreiben! Anders auf Kisuaheli: man spricht ein paar Stichworte, sieht sich an und versteht sich. Viel neues gibt es ja auch nicht zu sagen; jeder kennt die Gegend, das Leben und was einem alles passieren kann. (Der Mpogoro redet überhaupt nichts und kommt doch durch.)

[47] Wahrscheinlich gossen sie frisches Gift auf die Pfeilspitzen; wir fanden die Flasche nach dem Gefecht; es war braune Flüssigkeit darin.

[48] Ich bin schon getroffen!

[49] Rungu = eine kleine Holzkeule, die manche Träger als Waffe mit sich führen.

[50] Vogelleim kennt er natürlich; ich fand hier im Dorfe einen Topf voll!

[51] „Büffel.“

[52] „Schwein.“

[53] Tiermaler Wilhelm Kuhnert hat dasselbe an derselben Stelle beobachtet und reizende Skizzen davon mitgebracht.

Am Ufer des Rufiyi.