Am mittleren Rufiyi.

Doch wieder zurück in die Aufstandszeit!

Einen Monat blieb ich in der kleinen Befestigung am Flusse, ohne daß die Aufständigen versuchten, mich anzugreifen oder nach Norden über den Fluß zu gehen.

In den Matumbibergen, die südlich vom Rufiyi liegen, war inzwischen ein Militärposten eingerichtet worden; mehrere Abteilungen der Schutztruppe operierten im Kilwabezirk, der sich nach Süden an den Mohorrobezirk anschließt. Nie kam es zu einer gemeinsamen Aktion, weil die Nachrichten zwischen den Streitkräften zu spärlich waren und man nicht wußte, ob man mit der Anwesenheit einer Truppe an irgend einem Punkte bestimmt rechnen konnte. Nachrichten aus Westen sagten, daß auch im Mahengebezirk Aufstand sei.

So war die Lage, als ich eines Tages den Befehl bekam, ich solle die Boma in Mayenge einem Unteroffizier übergeben, zur Küste zurückkehren und die Führung einer in Mohorro eintreffenden Abteilung Marineinfanterie übernehmen. Hiermit schien meine Zeit im Aufstandsgebiet beendet zu sein; ich nahm Abschied von den Unteroffizieren und von dem Platze, der mir inzwischen so vertraut geworden war, und fuhr in einem großen Boote stromab.

An vielen wohlbekannten Stellen kam ich vorbei, und war gegen Abend bereits nahe bei dem Orte Ndundu, wohin ich die Matrosen und die Träger mit den Zelten und der Kochlast vorausgesandt hatte. Da erschien auf der Höhe eines Uferhanges in den Büschen ein Neger und hielt einen Brief hoch; „barua“[38] rief er fast atemlos.

Das Boot suchte eine Landungsstelle; ich ergriff den Brief. Es war ein Schreiben des Akiden von Kooni, desselben Arabers, dem ich schon oft zuverlässige Meldungen zu danken hatte. Er schrieb, in der Landschaft Mtanza seien die Aufständigen versammelt und bedrohten die Bewohner der umliegenden Dörfer, die ihnen Lebensmittel geben müßten, obwohl sie sich mir unterworfen hätten; sie seien ohne jeden Schutz, ich solle doch schnell zur Hilfe kommen. Dazu schrieb der Unteroffizier aus Mayenge, er bitte mich um Erlaubnis gegen das Lager der Aufständigen vorzugehen, fühle sich aber eigentlich nicht stark genug, da der Gegner, nach den Aussagen von Spähern, durch Wapoporo aus dem Mahengebezirk verstärkt sei. Große Eile sei not; denn die Aufständigen wollten wieder nach dem Nordufer hinübergehen, und noch nie seien die Boten in solcher Aufregung zurückgekommen, wie diesmal.

Ich unterbrach die Weiterreise und schickte einen Eilboten nach Mohorro, mit der Mitteilung, daß ich auf meinen Posten zurückkehren müsse.

Ich folgte dem Nashorn auf den Fußspitzen, es nahm Schlingpflanzen vom Erdboden auf.


GRÖSSERES BILD

Flußufer in der Nähe von Panganya, dem guten Baumwolland. Der Boden ist ungemein fruchtbar, und kann, wenn es nötig sein sollte, künstlich bewässert werden.

Allein im Aufstand.

Mein Boot sandte ich nach Ndundu weiter, um der Karawane den Befehl zu bringen, mir sofort zu folgen. Ich selbst ging in Begleitung zweier Neger auf dem Ufer denselben weiten Weg zurück, den ich am Tage so bequem im Boote sitzend gekommen war.

Nach siebenstündigem Marsch in der Dunkelheit überfiel mich große Müdigkeit und Hunger, und ich hielt in einer kleinen Ortschaft, um die nachfolgende Karawane abzuwarten. Ich ließ ein großes Feuer anzünden und legte mich daneben, um von den Mücken ungestört schlafen zu können. Aber, gewohnt einen Askariposten in der Nacht im Lager zu sehen, fühlte ich mich heute doch in einer gewissen Unsicherheit, hier mitten im Aufstandsgebiet unter völlig fremden Negern allein; ich schlief nicht, obwohl ich die Augen schloß. Zwei Stunden nach meinem Eintreffen erschien der lange Sudanese Bachid Said; hinter ihm die erwarteten Träger und bald darauf auch die drei Matrosen, die mir vom Bussarddetachement noch geblieben waren. Um drei Uhr am Morgen legte ich mich in mein Feldbett, um noch zwei Stunden zu schlafen. Als ich erwachte, war es noch dunkel; starker Tau lag auf den Kissen und tropfte vom Moskitonetz auf die Bettdecke. Um fünf Uhr wurde der Marsch fortgesetzt.

Gegen Mittag erreichte ich die Boma.

Der Nachmittag und der Abend gingen hin, mit Fortschaffen der Vorräte und Vorbereitungen für den Abmarsch. Ein großes Boot mit leeren Munitionsgefäßen, Jagdtrophäen und anderen entbehrlichen Dingen wurde stromab nach Ndundu geschickt; (als ich die Sachen später von den Negern zurückforderte, fehlte nicht ein einziges Stück. Das scheint ein gutes Zeugnis für die Ehrlichkeit dieser Neger zu sein). Noch bevor wir aufbrachen, ging der Akide Melicki mit zwei Eingeborenen auf Kundschaft und kam in der Nacht mit der Nachricht zurück, das Südufer werde von Vorposten der Aufständigen bewacht.

Nachdem meine ermüdeten Begleiter ausgeruht hatten, wurde die Boma gegen Mittag des folgenden Tages vollständig geräumt; dann setzte die Expedition auf das Nordufer über und marschierte bis gegen Abend in westlicher Richtung weiter. Zum Abendbrot ließ ich zwischen den Mangobäumen von Kooni kurze Zeit halten und dann auf dem hohen Ufer weiter marschieren, bis wir gegen ein Uhr in der Nacht von den Führern zum Fluß hinabgeführt wurden.

Die Stelle kannte ich noch nicht; so weit war ich bei dem ersten Streifzug nicht gekommen. Wir durchquerten einen seichten Wasserarm und gingen durch tiefen Sand bis zu einer Düne, an deren Abhang das dunkle Wasser des Flusses entlangfloß.

Plätze wie diese sind für ein Lager sehr günstig; wir lagerten wie auf einer Insel, und ein einziger Posten konnte die breite, helle Sandfläche übersehen, die uns vom Walde trennte.

Die Feldbetten wurden aufgestellt, wir aßen ein Stück Brot und schliefen bis gegen drei Uhr am Morgen; dann wurden wir Europäer als die letzten über den Fluß auf das feindliche Ufer übergesetzt.

Die Führer versicherten mir, wir hätten Zeit genug, um noch vor Tagesanbruch das Lager der Aufständigen zu erreichen.

Ich schärfte allen auf das strengste ein, sich still zu verhalten, ging selbst, wie gewöhnlich, an der Spitze und beobachtete die Führer genau, weil ihnen nie ganz zu trauen war.

Ein mißglückter Überfall.

Um auf keinen Fall bemerkt zu werden, verließ ich sofort den ausgetretenen Weg; wir gingen im Gänsemarsch durch Schilf, über freie Sandflächen, auf denen sich Flußpferde jagten, und durch abgeerntete Matamafelder.

Unter einem großen Baume brannte ein Feuer; wir gingen auf fünfzig Schritt daran vorbei. Ein Mann erhob sich, nahm ein großes, brennendes Holzscheit, hielt es über den Kopf und sah scharf nach uns herüber. Wir blieben einige Minuten stehen; in der langen Linie der sechzig Menschen hörte man nicht das leiseste Geräusch. Dann gingen wir weiter. Die toten Matamastengel krachten unter unseren Füßen, doch der leuchtende Wächter blieb mit seiner Fackel stehen; er mochte das Geräusch Flußpferden zuschreiben, wenngleich er noch immer zweifelnd und angestrengt herüber starrte.

Plötzlich stieß mein Fuß an einen weichen Gegenstand; es war ein mit Kafferkorn gefüllter Sack. Ich fürchtete, daß ein Mann uns bemerkt und den Sack fortgeworfen habe.

Besorgt sah ich auch, als wir unaufhörlich weitermaschierten, nach dem östlichen Himmel, der schon heller wurde; die Gräser vor uns traf das erste schwache Licht. Ich drängte vorwärts; denn die Lagerfeuer waren noch nicht zu sehen!

Aber die Eile nutzte nicht mehr; der Tag brach herein. Hinter weiten, kahlen Sandflächen mit Schilfinseln standen in der Ferne die Mangobäume, bei denen das Lager der Wapoporo sein sollte.

Jetzt merkte ich woran ich war: die Führer hatten Angst gehabt, bei Nacht in die Nähe der Aufständigen zu gehen und hatten uns, weil wir so früh aufgebrochen waren, auf Umwege geführt. Mein Plan war vereitelt; (ich hatte gehofft, die Lagerfeuer in der Dunkelheit zu finden und mich in der Nähe verstecken zu können, um bei Tagesanbruch einen plötzlichen Überfall auszuführen) trotzdem liefen wir weiter, kamen in ein Dorf und auf einen Kreuzweg mit frischen Fußabdrücken im Staub.

Als wir dem Wege folgten, fielen aus dem hohen Schilf Schüsse.

Wir waren in einer ungünstigen und gefährlichen Stellung und liefen vor, bis wir in freie Flächen kamen, die mit kniehohem, blaublühendem Unkraut dicht bestanden waren.

Posten der Aufständigen stiegen von den Bäumen und eine Schar Bewaffneter zog sich hinter einem Hügel in den Busch hinein. Kurz darauf fanden wir das verlassene Lager. Über siebzig Bettstellen standen auf einem Hügel; mehr als hundert Lagerfeuer brannten, und Töpfe mit Essen standen darüber. Auch ein kleines Gehöft dicht bei dem Feldlager zeigte Spuren, daß dort viele Menschen gehaust hatten.

Durch die Schuld der Führer war der Überfall mißglückt. Anders wäre es wahrscheinlich gekommen, wenn ich eine Karte von der Gegend gehabt hätte, aus der ich mir selbst eine Anschauung über die Entfernung hätte bilden können, oder wenn der Akide bei mir gewesen wäre, dem ich mehr trauen durfte als den feigen Negern.

So war eine gute Gelegenheit, den Aufständigen eine Schlappe beizubringen, verpaßt worden.

In dem verlassenen Lager.

Hier, wie in den umliegenden Dörfern, fanden wir eine ganze Anzahl kleiner Vorratshäuser, die erst in diesem Jahre gebaut zu sein schienen, und mit Matamaähren und anderen Kornfrüchten vollgestopft waren. Nach meiner Schätzung waren in dem verlassenen Lager allein 170 Tons Getreide zusammengeschleppt.

Wahrscheinlich hatten die Aufständigen eine gewisse Freude daran gehabt, mit ihren großen Flinten in die Dörfer der Umgegend zu gehen und die Eingeborenen zu zwingen, ihre Ernte zu dem Kriegslager hinzuschaffen. Viele Kürbisse lagen in einer Hütte.

Große Tontöpfe mit „Pombe“[39], standen dort und ließen auf das Leben der Krieger schließen; Reste von Hühnern und Tauben zeigten, daß die Räuber es auch an „kitǒḗo“, an der nötigen Zukost, nicht hatten fehlen lassen.

Vielleicht aber wurde den einst so tapferen das Wohlleben verderblich. Der kriegerische Geist wenigstens schien ihnen etwas abhanden gekommen zu sein; denn sie flohen allzu schnell, als wir ihnen nahe kamen.

Den Tag über blieb ich in dem Lager der Aufständigen und erwartete die Trägerkarawane mit den Proviantlasten.

Nach den Anstrengungen der Nacht waren wir müde und hungrig; ich aß geröstete Maiskörner und schlief einige Stunden auf einer Negerbettstelle im Schatten eines Palmblattdaches.

Negerdorf am mittleren Rufiyi. Hütten mit schattigen Vorhallen; Mangobäume und Zuckerrohr. Die Wege auf dem humosen Alluvialboden sind in der Trockenzeit hart wie eine Tenne.

Patrouillen steckten in der Umgegend die Hütten in Brand und brachten neue Vorräte an Getreide.

Von Zeit zu Zeit erschienen in der Ferne Aufständige, um zu kundschaften, und gingen in weitem Bogen um uns herum, bis sie einige Geschosse fliegen hörten und das Weite suchten; der Verlust der großen Vorräte schien ihnen sehr schmerzlich zu sein.

Gegen Abend ließ ich als Zeichen für die Karawane ein großes Haus anstecken. Außerdem saßen zwei Neger hoch oben in einem Baum und sahen vergeblich nach den Trägern aus.

Als die Flammen und der Rauch in die Baumkrone hineinwehten, ließen sich die beiden Ausguckposten zur Freude aller Zuschauer wie reife Früchte durch die Zweige hindurch zur Erde fallen.

Das brennende Haus bot einen wunderschönen Anblick; die roten und gelben Flammen ergriffen das trockne Strohdach; glühende Reste stürzten in das dunkle Innere. Dann brannten die Dachsparren und Pfeiler und brachen der Reihe nach zusammen.

Statt der Karawane erschienen von neuem Aufständige und sandten uns aus ihren Vorderladern einige heiße Eisenkugeln herüber.

Inzwischen war ringsum das trockene Gras in Brand geraten und eine feurige Linie kroch weiter und weiter in den Busch hinein. Vor dem Feuer sahen wir deutlich die Gestalten von Aufständigen und konnten trotz der späten Stunde ziemlich sichere Schüsse abgeben.

Wir hatten uns bereits aus Matten und Türen Lagerstellen für die Nacht gebaut und einen Windschutz errichtet, als die Trägerkolonne endlich ankam. (Erst um vier Uhr am Nachmittag hatte sie den Befehl bekommen, nachzufolgen; die am Morgen entsandten Boten gestanden ein, aus Furcht nicht gegangen zu sein.)

Jetzt hatten wir Abendbrot, Zelte und Betten; Hunger, Durst und Müdigkeit waren bald vergessen.

Schutz der Landschaft Mtanza.

Am nächsten Morgen führte der Akide, der inzwischen eingetroffen war, die Expedition durch weite, fruchtbare Flächen nach dem Hauptdorfe der Landschaft Mtanza. Das Dorf wurde, wie die meisten Ortschaften der Gegend, einfach nach dem Dorfschulzen benannt: „Kwa Jumbe Mgonza“. (Beim Jumben Gonsa) oder kurz: „Jumbe Mgonza“, womit der Ort gemeint ist, dessen Oberhaupt der Jumbe ist.

Von jetzt an war Mtanza mein Hauptquartier. Etwa hundert Meter vom Ufer des breiten Stromes entfernt, schlug ich unter einem großen Baume die Zelte auf, ohne zu wissen, daß ich mich auf vier Monate hätte einrichten können.

Der Platz entsprach den Anforderungen, die ich bei der augenblicklichen Lage stellen mußte. Rundum wohnte eine zahlreiche Bevölkerung, deren Unterstützung ich brauchte, um meine Expedition zu verpflegen und die Ansiedelung der Aufständigen zu fördern; die Bewohner von Mtanza waren Mitte August durch die nach dem Norden vordringenden Aufständigen mit in die Aufstandsbewegung hineingezogen worden und hatten bei Kipo, wie sie selbst eingestanden, die größten Verluste erlitten, da sie damals als Ortskundige an der Spitze der Aufständigen gingen. Nun trieben sie weiter die Politik, die ihnen als Grundbesitzern die beste schien: sich dem Stärkeren anzuschließen.

Auf einem Ritt durch die nahen Dörfer überzeugte ich mich mit Befriedigung, daß hier noch Hab und Gut zu schützen sei; große Vorräte von Getreide lagen in den Häusern. Ich war erstaunt über die Ausdehnung der Schamben und konnte an den zahlreichen, starken Strunken auf den abgeernteten Feldern sehen, wie reich die Ernte gewesen sein mußte.

Weiber und Kinder waren nicht in den Dörfern, und als ich gegen Abend zurückritt, waren auch die Männer verschwunden; endlos erschien mir die Reihe der einförmigen Lehmhütten, aus denen kein Laut kam und kein Feuerschein herausfiel.

Hinter den Häusern floß der Strom, in dem Flußpferde laut brüllten.

Am nächsten Morgen fuhr ich in aller Frühe auf das Nordufer, um zu sehen, wo die Flüchtlinge hausten. Ich fand einen kleinen, malerisch von hohem Wald umgebenen See. Im hellen Sonnenschein ruhten Flußpferde; Krokodile entfernten sich von den Ufern und zeigten dann ihre Köpfe in der Mitte der Wasserfläche. Die Verstecke der Eingeborenen lagen in dichtem Gebüsch, schwer zugänglich und durch Dornen geschützt. Viele Flüchtlinge kampierten auf einer Insel, die vom Wasser des Stromes umspült wurde. In der verflossenen Nacht war dorthin ein Krokodil gekommen und hatte ein kleines Kind geraubt. (Die Neger hatten aus Furcht vor den Aufständigen keine Lagerfeuer gebrannt.) In kleinen Gruppen saßen die Frauen um die Feuer herum. Alles Hausgerät stand dabei; jede Familie hatte Körbe mit Mehl, Matten, geflochtene Teller, Löffel und anderes Holzgerät, das im Negerhaushalt gebraucht wird. Mein Erscheinen im Lager der Flüchtlinge erregte etwas Verlegenheit, wie unverkennbar auf allen Gesichtern zu lesen war.

Der Ombascha Chuma nahm eine militärische Haltung an und sagte im Hinblick auf die Leute: „Sie haben bei Kipo gegen uns gekämpft.“

„Du meinst, deshalb fürchten sie uns?“

„Nein, vielleicht sind sie noch feindlich.“

Er sagte das als Mahnung zur Vorsicht und weil er hoffte, ich würde die Neger jetzt noch bestrafen; dafür sind die Askari immer.

Ich half einem kleinen Bengel das Mäulchen voll Matamabrei stopfen und sagte dazu scherzhaft: „iß nur tüchtig, damit du stark wirst und später die große Flinte halten kannst, wenn ihr wieder Aufstand machen wollt“.

Da lachten die Erwachsenen und wurden zutraulicher.

Mehrere Boote begleiteten mich auf das Südufer zurück; die Männer kamen zu meinem Zelt und baten mich, in Mtanza zu bleiben und sie zu schützen. Ich versprach, eine Boma anzulegen, wenn alle in ihre Häuser zurückkehrten, die Äcker bestellten, mir täglich Lebensmittel zum Kauf anboten, und auch Boten- und Trägerdienste zu den in Friedenszeiten üblichen Löhnen übernehmen wollten. Zu alledem waren diese Vertreter der Landschaft gerne bereit.

Als ich in der Frühe des nächsten Tages am Ufer badete, standen die Menschen am Fluß, packten ein und aus, und riefen nach Booten.

Unterworfene Neger arbeiten auf einer Baumwollpflanzung, um während der Hungersnot Brot zu verdienen.


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Der Wald hatte viele beherbergt: Mütter mit kleinen verängstigten Kindern an der Hand und Säuglingen auf dem Rücken. Ich sah die Einbäume hin- und herfahren und wurde nicht müde, den Leuten zuzusehen; lag doch in dem Zutrauen dieser Menschen für mich ein Erfolg: mit Hilfe dieser Neger, die den Wert ihrer Ländereien zu kennen schienen, hoffte ich den Rufiyi bis zu den Panganischnellen hinauf in die Hand zu bekommen.

Das ist mir nicht vollständig gelungen; ich scheiterte an der Roheit der Wapogoro, die sich als ganz scheue, hinterlistige Buschbewohner entpuppten; aber die Aufständigen sind wenigstens nicht mehr nach Norden über den Rufiyi gegangen.

Am Flusse saßen auf einem umgekehrten Einbaum vier Askarifrauen und warteten auf ihre Männer, die auf dem anderen Ufer patrouillierten.

Friedensarbeit.

Wochenlang hielt mich friedliche Tätigkeit in Mtanza; rund herum bauten die Askari kleine Hütten, und ich erlaubte ihnen, ihre Weiber heraufkommen zu lassen, weil ich das friedliche Leben in dem Orte betonen wollte; ich gab mir den Eingeborenen gegenüber den Anschein, als ob ich den Aufstand für beendet hielte. Die Zeit, die ich im Lager in Mtanza zubrachte, war für mich sehr wertvoll; ich habe dort einen Einblick in das Tun und Treiben der Schwarzen gehabt. Was nun kam, war Friedensarbeit, die nur selten durch kleine, aber anregende Streifzüge nach Lederstrumpfart unterbrochen wurde.

Meine Befehle erlaubten mir nicht, große Kriegszüge zu machen. Dazu war ich auch zu schwach; denn die Linie, die ich mit drei Unteroffizieren, zwei Matrosen und sechsundzwanzig Askari bewachen sollte, war 180 km lang. — Die Mündung des Rufiyi wurde durch die Seesoldaten in Mohorro gesichert; den Posten zwischen Mtanza und Mohorro mußte ich zeitweilig besetzen; von Mtanza aus war es mir möglich, mit dem Strom in einer Nacht 80 km zurückzulegen, so daß ich die obere Hälfte der gefährdeten Linie selbst schützen konnte. — Nur dadurch, daß ich über große Strecken hin, friedliche Ansiedelungen ins Leben rief, konnte ich mit meiner kleinen Streitmacht die Aufgabe erfüllen.

Die Rebellen standen immer noch unter dem Eindruck der Verluste, die sie zu Beginn des Aufstandes erlitten hatten, und überschätzten meine Macht. Schnell sprach es sich außerdem bei den Negern herum, daß ich jedem Schutz gewährte, der sich unterwarf.

Es galt, möglichst bald den alten Einfluß der Regierung wieder herzustellen; um in ihrem Sinne wirken zu können, unterhielt ich deshalb Fühlung mit dem Bezirksamt und bemühte mich, über alle Vorgänge auf beiden Ufern des Stromes Klarheit zu bekommen.

Ich fand Eingeborene, die eine Art von Polizeidienst übernahmen und bezahlte sie dafür. (Meine Askari mochte ich zu solchen Aufträgen nicht verwenden; denn sie waren weniger ortskundig, wurden leicht erkannt und dann von vornherein mit Mißtrauen angesehen.) Alle Neger, die das Dorf passierten, ließ ich mir von den Polizisten vorführen. Es waren nicht allzuviele; denn der Verkehr vom Kissakkibezirk war gering und ging zum großen Teil auf dem Nordufer entlang, wo nicht alle Waldwege bewacht werden konnten.

Die Postboten.

Meine Boten brauchten nach Mohorro vier Tage und bekamen für den Weg 1,30 Mk. Ich sah einmal an dem Datum von Telegrammen, daß ein Bote fünf Tage gegangen war anstatt vier; er gebrauchte die Entschuldigung, er habe einmal stundenlang nach einem Boot rufen müssen, um über den Fluß zu setzen. Das durfte ich ihm glauben; denn ich hatte selbst schon Gelegenheit gehabt, beides zu bewundern: die Ausdauer eines Mannes, der übersetzen wollte und nach einem Boot rief und die Dickfelligkeit eines anderen, der am jenseitigen Ufer bei seinem Einbaum hocken blieb.

Die Boten bekamen allerlei Nebenaufträge der Askari, und ein oder der andere kleine Soldatenboy begleitete sie. Hierbei liefen klassische Beispiele von unpraktischem Sinn und Dickköpfigkeit unter.

Frauen der Askari beim Frisieren. Die ‚bibi‘ am weitesten links hat Ziernarben auf dem rechten Arm. Ganz rechts sitzt eine Msukuma mit kurz geschorenem Haar. In der Hütte hockt ein Askariboy am Kochfeuer. Man beachte die Stellung der Füße!

Askari Fataki schickte seiner Bibi ein Tuch mit vier Pishi Reis nach Mohorro; zugleich erhielt der Bote vom Askari Mursat Geld, um vier Pishi Reis in Mohorro zu kaufen und nach Mtanza zu bringen. Beide Aufträge mußten pünktlich ausgeführt werden; der Bote schleppte vier Pishi hinunter und brachte vier andere zurück. Vergeblich versuchte ich, dem Negerhirn einzureden, daß das Resultat dasselbe sei, wenn Fataki dem Mursat seine vier Pishi Reis verkaufe und seiner Gattin das Geld schicke; Fataki glaubt, sein Reis sei besser als der, den seine Bibi in Mohorro bekomme, und Mursat will durchaus Reis aus Mohorro kaufen. Um diesem Eigensinn nachzukommen, muß der Bote zehn Pfund acht Tage lang mit sich schleppen — (die gleichen Dinge geschehen übrigens in großem Maßstabe im Welthandel; dort sind es Prinzipienfragen, vielleicht auch hier)!

Abends nach Eintritt der Dunkelheit gab ich einmal einem Manne den Befehl, einen Brief nach Mohorro zu bringen. „Soll ich etwa allein gehen? es ist Nacht, da müssen zwei gehen!“ Müssen, denn einer allein fürchtet sich; gehen zwei, so fühlt sich jeder durch den anderen geschützt; keiner sperrt die Augen auf, und dann laufen sie einfach los.

Wenn ein Bote ankommt — er trägt den Brief meist in einem gespaltenen Stock eingeklemmt und hält ihn hoch, damit er nicht gegen Büsche streift oder sonst wo Schaden leidet — so folgen ihm wohl ein Dutzend Bengels.

Die Ankunft eines „Barua“ ist für die Schwarzen ein Ereignis; mit dummdreisten Mienen bleiben sie in geziemender Entfernung stehen und beobachten die Wirkung der Nachrichten auf den Leser. Auch versuchen sie, Lohn dafür zu erhalten, daß sie den Boten begleitet haben.

Übrigens war die Ankunft eines Briefes und die Ansammlung von Zuhörern stets eine gute Gelegenheit, Gerüchte unter das Volk zu bringen. Ich nutzte das gründlich aus; wenn die Aufständigen von den anderen Truppen so oft Prügel gekriegt hätten, wie ich es verkündete, wären sie wohl beinahe ausgerottet!

Die Mittel, mit denen Frieden gestiftet wurde, waren eben mannigfaltiger Art.

In Mtanza hatte ich auch Gelegenheit, das Eheleben der Schwarzen kennen zu lernen.

Die Frauen der Askari.

Jeder Askari darf sich nur eine Frau halten. Die für die Wahl einer Lebensgefährtin maßgebenden Gründe sind merkwürdig. Für äußere Schönheit kommen unter anderm vor allem große Ohren in Betracht. Die Ohrmuscheln werden in der Jugend durchlöchert und die Löcher allmählich erweitert, bis drei möglichst große, aus Papier gerollte Pflöcke darin Platz haben.

Im übrigen muß sich das Weib, um dem Manne zu gefallen, gut kleiden und frisieren können, darf recht viel Zeit dazu verwenden, muß aber auch für das Essen sorgen; und dazu vor allen Dingen ist Sauberkeit und Sorgfalt notwendig. (Die gewöhnlichen Arbeiten verrichtet der Askariboy, der für sich wieder einen neuen, sehenswerten Teil des Lagerlebens bildet.)

Poshoausgabe.

Sanitätsunteroffizier Lauer verteilt Getreide an die Askari, die zum Teil in bequemen, häuslichen Kleidern (Baumwolltuch und Hemd) einhergehen. Bei einem Askari erkennt man Flicken, die sorgfältig auf das sehr wenig haltbare Khakizeug aufgenäht sind. Zerrissen oder schmutzige Kleider sind diesen Negern zuwider. Sobald sie von Märschen ins Lager kommen, ziehen sie sich um und beginnen zu waschen und zu nähen.

Mit großer Leichtigkeit werden Ehen geschlossen und aufgelöst. Die Folge davon ist, daß man von den Schwarzen meist den Eindruck hat als ob sie in glücklicher Ehe lebten. Sobald das Verhältnis der Gatten nämlich unerträglich wird, gehen sie auseinander.

Dies gilt nur von den freien Suaheliweibern. Dauernder ist die Verbindung wohl, wenn für die Frau eine Kaufsumme gezahlt wurde. (Am Rufiyi zahlte der Mann etwa dreißig Rupie.) Hat die Frau ein Kind, so ist sie mehr wert; denn das Kind kann, wie mir ein Vertrauensmann sagte, später die kleineren Kinder beaufsichtigen, wenn die Mama auf dem Felde arbeitet.

Der Askariboy; Hausbau.

Anforderungen besonderer Art werden an den Askariboy gestellt. Seine Haupttugend ist eine große Begeisterung für den Soldatenberuf, die ihren Grund hat in Abneigung gegen das stille Leben im Heimatdorf. Abenteuerlust und Anspruchslosigkeit und die allen Negern gemeinsame Abneigung gegen regelmäßige Arbeit zeichnet ihn aus. Er bekommt zu essen, was übrig bleibt, hat aber im Kriege manchmal Gelegenheit, recht viel auf die Seite zu bringen. Er bekommt gelegentlich ein Kleidungsstück geschenkt; doch wenn der Tag da ist, an dem er seinen Lohn fordert, wird ihm als Antwort: „Du hast mir einen Teller zerbrochen, hast jeden Tag viel zu viel gegessen und deine Arbeit war miserabel — ich kann dir keinen Lohn geben!“ Dann sitzt der kleine Kerl noch einen halben Tag in niedergeschlagener Stimmung im Lager und — sucht sich einen anderen Dienst.

Als mehrere Wochen verflossen waren, ohne daß kriegerische Unternehmungen stattfanden, schickte ich die letzten drei Matrosen, die ich bis dahin noch mit mir hatte, zur Küste, weil ich sie nicht unnütz dem Fieber und anderen Krankheiten aussetzen wollte. Die Leute hatten außerdem die Rückkehr an Bord sehr nötig; denn ihre Kleidung war stark mitgenommen. Gleichzeitig sandte ich Sergeant Kühn nach Mayenge, sodaß ich von jetzt an mit Sanitätsunteroffizier Lauer, dem Arzt meiner Expedition, alleine war.

Da die Rücksicht auf die Europäer fortfiel, konnte ich jetzt viel weitere Märsche machen als bisher. — Die Askari sind sehr anspruchslos und man braucht ihretwegen keine große Trägerkolonne mitzunehmen; sie versehen nach anstrengendem Marsche den Wachdienst, gehen Patrouille, beaufsichtigen die Träger, brauchen nur einmal am Tage zu essen (was sie essen ist leicht mitzunehmen) und schlafen zu ebener Erde, ohne Bett, Moskitonetz und Zeltdach. —

Unter den weitstehenden Ästen des großen Baumes, bei dem wir unser Lager aufgeschlagen hatten, ließ ich ein Haus bauen. Ich war überrascht, wie schnell ein Gebäude fertig wurde, das allen Ansprüchen genügte.

Jeder Neger ist Baumeister und an Übung fehlt es ihm nicht, da er oft gezwungen ist, neu zu bauen oder auszubessern, was Insekten, Hochwasser oder Feuer zerstören.

Mein Haus stand neben einem großen Baum. Rundum bauten sich die Askari und Träger Hütten.

(Die senkrechtstehenden Rohrstangen sind bis zu acht Meter lang.)

Eines Tages trommelte der Jumbe das Dorf zusammen. Männer und Knaben kamen und hörten den Befehl: „Ihr werdet jetzt dem Bana Kubwa[40] ein Haus bauen, damit er bei uns bleibt.“

Ein Platz wurde abgesteckt; dann fuhren die Neger mit Beilen auf das Nordufer und brachten aus dem Walde Pfähle und Balken und große Pfeiler, die sich am Ende gabelten und deshalb geeignet waren, das Dachgebälk zu tragen. Es wurden Löcher in die Erde gegraben, um die Pfähle hineinzustellen. — Bei dieser Arbeit lockert der Neger den Boden mit einem kleinen Stück Holz und hebt die Erde mit der Hand aus, so daß das Loch nicht größer wird, als es sein muß, um den Pfahl aufzunehmen. — Schon am zweiten Abend stand das Gerippe des Hauses fertig da. Jetzt wurde vom Flusse starkes Rohr geholt und die Dachsparren mit den beinahe armstarken, bis acht Meter langen Stengeln belegt, die die Stelle von Bambusrohr vertraten. Bei dem ganzen Bau wurde kein einziger Nagel oder Zapfen verwandt, sondern alle Verbindungen durch Bastbänder hergestellt, die aus den Blattrippen der Dumpalme geflochten waren. Die horizontal liegenden Balken ruhten in gegabelten Pfeilern. Über die Rohrstengel der Dachbedeckung wurden Blätter einer Fächerpalme gelegt und, ebenso einfach wie geschickt befestigt, indem die Stiele durch einen Einschnitt angekerbt und etwas aufgespalten wurden, so daß ein Haken entstand, der über den Rohrstengel hinüberfaßte. In der Mitte des Hauses blieb eine große Halle frei; auf der einen Seite waren meine Wohnräume, auf der anderen die des Unteroffiziers.

Die Wände bestanden aus Fachwerk von Rohrbekleidung mit dazwischen gestopfter, toniger Erde. Die Fensteröffnungen wurden durch Läden aus Rohrstengeln geschlossen; Türen brauchten wir nicht.

Rund um das Haus entstanden die Hütten der Askari, die Küche mit der Wohnung für die Boys, der Hühnerstall und ein Eselstall. Später ließ ich um das ganze Lager Wall und Graben ziehen und einen hohen Pallisadenzaun errichten, an dessen Eingang die Wache ein Schutzdach erhielt.

Am Strom.

Bei Sonnenaufgang war ich jeden Morgen am Fluß, um zu baden. Ein Schwimmbad durfte ich freilich nicht nehmen, weil die Krokodile zahlreich waren; ich mußte mich darauf beschränken, mir einige Eimer voll Wasser über den Kopf zu gießen, während ich am Ufer stand.

Die Morgenstunde am Strom war für mich stets ein großer Genuß. Es war jedesmal gleich schön, zu sehen, wie der breite Fluß unter die aufgehende Sonne floß. Über die glänzende Flut fuhren Einbäume mit Negern, die im Walde des Nordufers Holz holen oder Honig suchen wollten; aus den Hütten stieg blauer Rauch, der in den dürren Blättern der Palmdächer entlangkroch. Tauben flogen von ihren Nachtquartieren herüber in die Felder.

Askarifrauen kommen mit irdenen Töpfen vom Wasser in den Pallisadenzaun der Boma. Manche sind schlank und schön gewachsen; um so auffallender sind dann die langen Arme, die an Menschenaffen erinnern, und die großen, breitgetretenen Füße.

Als in den späteren Monaten die ersten Regenschauer gefallen waren und die Feuchtigkeit der Luft zunahm, lagen morgens oft weiße Nebelmassen über dem Strom. Oft auch schwirrte es über den Schilfinseln von unzähligen Schwalben.

Pünktlich um sechs Uhr wurden die Askari geweckt. Dann gingen die Frauen mit großen Töpfen zum Ufer und holten Wasser. Um acht Uhr begann der Dienst, das Exerzieren und die Arbeiten an der Befestigung. Diese Arbeit sollte eigentlich eine Strafe sein, aber die Neger wurden kaum beaufsichtigt und stellten sich dennoch pünktlich zur Arbeit ein, weil sie Essen dafür bekamen.

Zum Revierdienst, den Sanitätsunteroffizier Lauer gegen neun Uhr abhielt, kamen immer mehr Eingeborene und verlangten „dawa“, wobei sie auf den kranken Körperteil zeigten. Wunden waren bei ihnen gut zu behandeln und heilten schnell. Bei inneren Krankheiten aber konnten die Neger nicht verstehen, daß sie wiederkommen sollten; sie ließen sich einmal Arznei geben und glaubten dann gesund zu sein. Die Askari waren schon verständiger; sie kamen immer wieder, um Chinin zu nehmen, wenn sie Fieber hatten.

Schlimm waren die Wunden von Pfeilschüssen. So kam ein Mann, dem die Pfeilspitze mit abgebrochenem Schaft noch in einer häßlich aussehenden Öffnung zwischen den Rippen steckte; die Spitze mit den Widerhaken wurde herausgeschnitten, ohne daß der Neger ein Zeichen von Schmerz von sich gab.

Mit Giftpfeilen getroffene Menschen starben, wenn das Gift frisch war, in wenigen Stunden. Um die Wirkung des Pfeilgiftes zu erläutern wurde mir erzählt, ein alter Jäger sei bis dicht an einen Löwen hinangegangen und habe ihm einen Giftpfeil in die Seite geschossen; der Löwe, der vorher noch nicht verwundet war, sei nach mehreren Schritten tot umgefallen; das Gift hatte zufällig eine Ader getroffen, die nach dem Herzen führte.

Schlangen.

Die Eingeborenen mischten das Pfeilgift aus dem Saft von bestimmten Pflanzen und echtem Schlangengift.

Bißwunden von Schlangen habe ich nie gesehen.

Schlangen waren am Rufiyi nicht gerade häufig, wurden nur aber oft gebracht, weil ich die Negerjungens, die mir halfen, meine Sammlungen von Käfern und Insekten zu vervollständigen, anhielt, mir alles Ungeziefer zu bringen, was auf den Feldern getötet wurde. Ich habe im Laufe der Zeit eine Anzahl Schlangen beobachtet, möchte aber, wenn ich es erzähle, nicht den Eindruck erwecken, als ob die mir selbst unheimlichen Tiere dort eine alltägliche Erscheinung wären.

Unser Haus lag an einer Stelle, die besonders reich mit Schlangen gesegnet war. In den Zweigen des großen Baumes konnte man gelegentlich einem Streit zusehen, den kleine schwarzweiße Vögel mit einer silberweißen Schlange führten. Das Reptil ringelte sich träge durch die kleinen Äste der Zweige, während die Vögel unter lautem Gezwitscher um seinen Kopf herum flatterten und sich im Vertrauen auf ihre Gewandtheit dicht bei ihm hinsetzten, um auszuruhen. Am häufigsten waren: eine rotbraune Schlange und die grüne Baumschlange, die besonders, wenn sie auf den Blättern der Bananen liegt, schwer zu sehen ist.

Beim Pürschen traf ich einmal in hohem Grase eine der gefährlichen und giftigen Puffottern; sie lag zusammengeringelt auf einer freien Stelle und schlief. Ich schnitt mir einen Stock ab, schlug sie tot und streifte sie; denn die Haut der Puffotter ist bunt gemustert und läßt sich gut zu einem Gürtel verarbeiten.

Eine Riesenschlange schoß Unteroffizier Lauer mitten im Buschwald; mit einer anderen hatten wir eine geradezu unglaubliche Begegnung: Wir gingen in hohem Grase auf einem schmalen Pfad; ich voran, hinter mir Lauer. Da ich eifrig nach Wild aussah, achtete ich nur halb auf den Weg. Plötzlich rief mein Begleiter erschrocken: „Herr Oberleutnant!“ Ich drehte mich hastig um und sprang zur Seite, weil er das Gewehr im Anschlag ungefähr auf meine Füße gerichtet hatte. Ich sah, wie ein dicker Ast, über den ich eben hinweggestiegen war, sich bewegte: es war eine Riesenschlange, die quer über den Weg kroch, und von der nur der mittlere Teil des Körpers auf dem Wege zu sehen war, weil das Schwanzende noch auf der einen, der vordere Teil schon auf der anderen Seite des Weges im Schilf verborgen war. Als Lauer schoß, kam auch der Kopf der Schlange aus dem Grase zurück und fuhr mit geöffnetem Rachen dem Schützen entgegen, der schnell zurücksprang. Jetzt schoß ich und traf dicht unter den Kopf; die Schlange verschwand im Grase, und wir fanden sie nicht.[41]

Mein Begleiter machte mir nun vor, wie ich den linken Fuß gehoben und etwas weiter als gewöhnlich nach vorne gesetzt hatte, um über den vermeintlichen Baumstamm hinwegzusteigen.

Wir waren beide überzeugt, daß uns niemand diese Geschichte glauben würde.

Früher habe ich mich einmal über ein Bild in Gordon Cummings „Lion hunter of South Africa“ gefreut: Cumming und ‚Kleinboy‘ ziehen am Schwanz einer Schlange, die in einen Steinspalt zu verschwinden droht. Dies ist gar nicht so grob aufgeschnitten, wie man wohl glaubt (Cumming kann es sonst ganz gut!); ich selbst hatte ein Erlebnis, aus dem ich sah, daß seiner Darstellung sehr wohl wirkliche Eindrücke zugrunde gelegen haben mochten. Ich wurde eines Tages gerufen, als eine anderthalb Meter lange, graue Schlange über den Hof meiner Boma kroch. Die Neger hinderten die Schlange mit Stöcken daran, in einem Schlupfwinkel zu verschwinden; plötzlich aber glitt sie mit dem Kopf in ein kleines Mauseloch, das niemand beachtet hatte. Ich sprang schnell hinzu und faßte zum großen Entsetzen der Neger den Schwanz der Schlange mit beiden Händen. Gefahr war nicht dabei, auch wenn die Schlange giftig gewesen wäre; denn das Mauseloch war so eng, daß das schlanke Reptil gerade hineinpaßte, und rückwärts kann keine Schlange kriechen, weil sich dabei die Schuppen abspreizen und es verhindern. So zog ich auch diesmal ohne Erfolg, mußte loslassen, und die Schlange verschwand ganz in der Erde.

Ameisen; Sandflöhe.

Häufig sah man in Mtanza die Schlangen auch in dem Palmstroh der Dachbedeckung des Hauses kriechen und hörte sie nachts wenn sonst alles still war. Es war dann ratsam, nicht barfuß im Dunkeln umherzugehen; denn außer Schlangen soll man Skorpione oder bissige Ameisen immer fürchten, und Sandflöhe, die man beim Barfußgehen unfehlbar bekommt, sind auch lästig.

Der Biß der „Siafu“, der angriffslustigen Ameise, ist im Verhältnis zu der Größe und Unschädlichkeit des Insekts von überraschender Wirkung. Man kann sonst sehr ruhige Menschen tanzen sehen, wenn eine Ameise sie auf dem Rücken zwackt. (Menschen, die eine gewisse Zurückhaltung vor der Tür des Zahnarztes nicht leicht überwinden, sollten versuchen, ob sie lernen, sich von einer Ameise freiwillig und aus Wissensdrang kneifen zu lassen.)

Der Sandfloh bildet eine Plage hauptsächlich auf den Karawanenstraßen. Auch ich hatte manchmal Sandflöhe in den Zehen und zwar jedesmal, wenn ich bei einer Wasserjagd barfuß gegangen war, wobei mich die kleinen Tiere entweder im Boot oder an den von vielen Negern betretenen Landungsstellen befallen hatten. Zuerst macht sich der Sandfloh dadurch bemerkbar, daß er an der Stelle, wo er sitzt, ein nicht unangenehmes Jucken verursacht. Die Stelle, an der der Plagegeist in der Haut wohnt, rötet sich, und plötzlich kommt einem der Gedanke: es ist ein „funza“. Der Boy wird gerufen, und der entfernt das kaum sichtbare, kleine schwarze Pünktchen sorgfältig mit einer Nähnadel.

Der Sandfloh stammt aus Südamerika, ist von da vor mehreren Jahrzehnten nach Westafrika eingeschleppt worden und kommt erst seit Mitte der neunziger Jahre in Ostafrika vor. Das befruchtete Weibchen bohrt sich mit Vorliebe in die Haut unter den Fußnägeln ein. Nach einigen Tagen wird der Hinterleib so groß wie eine Erbse, und es gehört dann ein besonderes Geschick dazu, die Eier bei der Nadeloperation sämtlich herauszubekommen. Bei den Negern sieht man oft Verunstaltungen der Füße und Hände infolge von Entzündungen, die aus Sandflohstichen hervorgegangen sind.

Ich hatte auf solche Verletzungen ein Augenmerk und sah zufällig eines Tages einen merkwürdigen Fall von Vererbung. Bei einem Mann war die vierte Zehe des rechten Fußes verkrüppelt und hing ohne Kochenverbindung etwas zurückstehend auf der Haut des Fußes. Er sagte, dies sei von Jugend auf so gewesen, und stellte mir seinen Sohn vor, bei dem der vierte Finger der linken Hand, angeblich seit seiner Geburt, verkrüppelt und steif war; das vorderste Gelenk des Fingers schien zu fehlen.

Unsere Hauptnahrung in der Aufstandszeit war Reis. Das Mittagsessen bestand gewöhnlich aus gekochtem oder gebratenem Huhn, Reis und Mohogoknollen; zeitweilig aber war an Konserven kein Mangel und dann gab es eingemachtes Gemüse, Würstchen, Sardinen, Hering, Sprotten, Käse und Kompott. Auf die meisten Konserven verzichtet man aber gerne, wenn Hühner, Eier, Bananen und andere Früchte im Lande zu bekommen sind.

An die Mohogoknollen hatten wir uns sehr gewöhnt; sie ersetzten uns die Kartoffeln. Meist aßen wir sie zerrieben und in Fett gebraten. Die ersten Kartoffeln, die ich danach vorgesetzt bekam, schmeckten mir fade.

Von den Landesprodukten haben wir ferner mit Vorliebe gegessen: grünen Mais, Ananas, Mangos, die leider nur kurze zeitlang zu haben sind und die seltenen Tomaten. Mit Matamamehl habe ich mich nicht befreunden können. Die einheimischen Bohnen schmecken bitter.

Sehr ungern entbehrte man Brot aus Weizen- und Roggenmehl, Kaffee und Zucker, und wenn einer dieser Genüsse ausging, fühlten wir es sofort.

Auf das Brotbacken verstehen sich die schwarzen Köche gut. Es ist einfacher als man glaubt, und Backöfen sind dazu nicht nötig; ein eiserner Topf mit dem aufgegangenen Teig wird ringsum auf dem Deckel mit glühenden Holzkohlen bepackt, bis das Brot durchgebacken ist. Da konservierte Butter nicht gut schmeckt, ißt man mit Zwiebeln ausgebratenes Schweineschmalz oder Flußpferdfett dazu. Zu hellem Weizenbrot schmeckt auch Jam oder Fruchtgelee.

Teurung.

Sehr bald wurden die Eier in der Umgegend knapp, und wenn die Eingeborenen von weit her ein halbes Dutzend anbrachten, waren sie meist alle schlecht. Die Kornfrüchte stiegen im Preise und schließlich war überhaupt nichts mehr zu bekommen: es hieß einfach: „njaa“, „es ist Hungersnot.“

Da wurde ich auf den farbigen Händler aufmerksam, der im Dorfe einen kleinen Laden hatte, und Baumwolltücher, Glasperlen, Salz, Öl und Getreide an die Eingeborenen verkaufte. Ein großes Haus, das neben seinem Laden lag, war, als ich einige Monate vorher zum ersten Male nach Mtanza kam, bis unters Dach mit gefüllten Getreidesäcken vollgepfropft gewesen; jetzt war es leer. Der schlaue Inder hatte das Getreide zur Küste geschafft, und ließ, als die Hungersnot begann, Sack für Sack wieder heraufholen. Er verkaufte denselben Negern, die ihm fünf Monate vorher achtzehn Pishi Matamakorn für eine Rupie gegeben hatten, jetzt ein Pishi für denselben Preis.

So teuer konnte kein Neger auf die Dauer sein täglich Brot bezahlen. Es war auch unmöglich, die Askari bei diesen Preisen zu verpflegen; für den Askari ist 10 Heller (13 Pfennig) Verpflegungsgeld (täglich) festgesetzt; ich mußte deshalb in Mohorro Getreide bestellen.

Am Flußübergang bei Mtanza. Askari, Frauen und Boys.

Hungersnot.

Die Eingeborenen litten bereits unter der Hungersnot, und man merkte, daß sich die Zahl der Einwohner in den Dörfern lichtete; die Neger gingen in Bezirke, in denen die Not geringer sein sollte.

Für die Zurückbleibenden waren die Mangofrüchte eine willkommene Hilfe. Als die Zeit der Reife näher kam, zogen die Neger zu hunderten in die Mangowälder der Umgegend.

Alle Mangobäume sind von Menschenhand gepflanzt und bezeichnen deshalb meist die Plätze, an denen Neger gewohnt haben, die aus irgend einem Grunde ausgewandert sind. In der Regel ist Trinkwasser in der Nähe. Die Eingeborenen konnten deshalb in der Zeit der Mangoreife ihre Wohnsitze nach den nahrungspendenden Mangowäldern verlegen und richteten dort im Busch kleine Feldlager ein.

Aus Stangen bauten sie kleine Hütten, deckten Gras darüber und legten rundum einen Zaun von Dornzweigen, um sich gegen Raubtiere zu schützen. Das ganze hieß „Boma Porini“: das Lager im Walde.

Solche Dornverhaue, mit kleinen Hütten, traf ich oft an, wenn ich in der Umgegend umherstreifte, und da ich selbst kein Verächter der Mangofrüchte war, schlug ich auch wohl mein Zelt unter den schattigen, dunkeln Bäumen auf.

Eines Abends saß ich an einem solchen Platze vor meinem Zelte und schrieb.

Die hohen, alten Stämme standen ringsum in saftigem Grase; unter den fruchtbeladenen Ästen war das Gras niedergetreten und der Boden mit Kernen und ausgepreßten Schalen der Früchte bedeckt. Ein süßer Geruch erfüllte die Luft. Hoch oben in den Zweigen schüttelten noch immer einige Neger; Frauen und Kinder sammelten die niedergefallenen Früchte in Körbe. Auf dem schmalen Fußpfad, der sich durch das Wäldchen hindurchwand, kamen Dutzende von Negern mit gefüllten Bastsäcken. Kleine, nackte Kinder liefen hinterher; in jeder Hand eine Mango und mit abschreckend angeschwollenen Bäuchen, zu denen die dünnen Beinchen schlecht paßten.

Die Mangofrüchte waren schon so reif, daß sie von selbst herabfielen. Ununterbrochen raschelte es in den Blättern und dann schlug eine saftige Frucht auf das Sonnensegel des Zeltes oder gar auf meinem Tisch auf; das wurde so unleidlich, daß ich mich schließlich in das Zelt zurückzog.

Ob auch die Löwen jetzt Hungerszeit hatten?

In dieser Nacht wenigstens kam der wachhabende Askari, der mein Interesse an den Tieren kannte, an mein Zelt und flüsterte hinein: „Bwana, simba analia karibu“ (Herr, der Löwe brüllt in der Nähe). Und ich hörte noch mehrmals die tiefe Stimme des Gefürchteten.

Am nächsten Morgen sah ich, daß zwei starke Löwen dicht an meinem Zelt vorbeigegangen waren und fand, als ich den Fährten folgte, ganz in der Nähe die frischen Reste eines Riedbockes: den Kopf und einen Hinterlauf.

Bald hatte ich in meinem Lager eine große Sammlung selbsterbeuteter Antilopengehörne. In der Mittagszeit ließ ich sie oft hinauslegen, um die Schädel zu bleichen. Die Hörner wurden mit Petroleum abgerieben, um sie fest zu erhalten und vor Käfern zu schützen, die ihre Eier gern in den Raum zwischen Horn und Knochenzapfen ablegen (die Larven bohren dann große Löcher in die Hornmasse).

Der Mangoreichtum der Umgegend hielt leider nicht allzulange vor; nach mehreren Wochen waren die Bäume abgeerntet, und die hungrigen Menschen mußten sich nach anderen Nahrungsmitteln umsehen.

Die Bewohner ganzer Ortschaften vereinigten sich jetzt zu gemeinsamem Fischfang in entlegenen Tümpeln. Andere gruben eßbare Wurzeln im Wald oder sammelten die kümmerlichen Rispen wilder Steppengräser.

Ratten wurden in länglichen, aus Bast geflochtenen Röhren gefangen, gebraten und gegessen. Alte, stumpfsinnige Leute füllten sich den Magen mit Schlamm und Gras; ja, ich sah einen Neger, der lebende Ameisen mit der Hand vom Wege aufnahm und in den Mund steckte.

Immer öfter kamen die Eingeborenen zu mir und baten, ich sollte ihnen Wild schießen; sie müßten sonst auswandern, wenn sie nicht Hungers sterben wollten.

Da beschloß ich eines Tages, den Leuten zu helfen und einen Elefanten zu schießen. Ich wollte zu gleicher Zeit mit einem Vorurteil brechen, das sich seit einigen Jahrzehnten in dieser Gegend eingebürgert hatte: daß Elefantenfleisch nicht eßbar sei. Da ich selbst schon einige der großen Dickhäuter erlegt hatte, nahm ich Unteroffizier Lauer mit, der gerne einen Elefanten schießen wollte, sich aber dazu allein nicht genug Jagderfahrung zutraute.

Wir gingen an einen Platz, an dem ich öfter Elefanten gesehen hatte, ohne ihnen etwas zu Leide zu tun. Dort angekommen, waren wir kaum eine Viertelstunde gepürscht, als ein großer Elefant vor uns stand, mit nur einem, jedoch sehr starken Zahn.

Ich beschrieb meinem Begleiter am Kopf des Riesen genau die Stelle, auf die er schießen sollte. Er ging bis auf zwanzig Schritt hinan; ich stand hinter ihm, um nötigenfalls mitschießen zu können. Aber es war nicht nötig; Lauer schoß ganz ruhig, und der Elefant brach auf der Stelle zusammen: die Jagd war beendet.

Elefantenfleisch als Nahrung.

Wir gingen zu unsern Zelten und machten es uns bequem. Da kamen, wie wir erwarteten, die Neger, denen ich Fleisch versprochen hatte und fragten, ob ich nicht einige Antilopen schießen wollte?

„Nein, erst wenn der Elefant aufgegessen ist.“

„Wir essen kein Elefantenfleisch.“

„Dann habt ihr auch keinen Hunger.“

„Wir sterben vor Hunger, aber Elefant zu essen, ist nicht Sitte.“

Murrend zogen sie von dannen, blieben aber in der Nähe des Lagers.

Ich wußte, daß diese Leute sich nur vor einander schämten, von dem Fleisch zu essen; jeder einzelne fürchtete den Spott des anderen.

Jetzt kam der Koch und sagte, um uns hineinzulegen, mit unschuldigem Gesicht: „Was soll ich kochen? Fleisch ist nicht da!“

„Hat das Tier, das ich geschossen habe, kein Fleisch?“

„Ja: Elefant!“ sagte er geringschätzig.

„Na also; brate das!“

Anfangs ging ein Lächeln und Zähnefletschen durch die Zuschauer; sie waren erstaunt, daß wir Elefantenfleisch essen wollten. Dann sagte einer das Wort: „mzungu“, und auf allen Gesichtern lag wieder Ruhe.[42]

„Er ist ein Weißer“ soll nämlich heißen: Als weißer Mann kann er tun, was wir nicht tun dürfen. („Weil wir es nicht vertragen oder weil es sich für uns nicht schickt.“)

Der Unteroffizier und ich waren die ersten, die von dem Fleisch kosteten. Es war grobfaserig, schmeckte aber als Beefsteak nicht schlecht.

Ich befahl auch den Boys, sie sollten davon essen, damit sie den übrigen Negern ein gutes Beispiel gäben.

Sie sahen sich gegenseitig mißtrauisch an, um sich zu versichern, daß jeder der andern auch essen würde; keiner wollte der einzige sein.

Die Neger schämen sich.

Schließlich aßen sie; aber einer schämte sich dabei so sehr, daß ihm die Tränen in die Augen traten.[43]

Als ich sagte, ich würde alle zwingen, das Fleisch zu essen, griffen sie endlich zu; es schmeckte ihnen, und so entstand eine recht frohe Stimmung.

Ich hatte es also doch erreicht, daß die „dasturi“, die scheinbar unerbittliche Gewohnheit, ihre steinernen Gesichtszüge zu einem warmen Lächeln verzog; Frauen und Kinder fanden sich bei dem erlegten Elefanten ein und füllten ihre Körbe mit den Fleischstreifen, die ihnen von den Männern zugeworfen wurden.

Bald führte ein ausgetretener Weg von der Landstraße (einem Fußweg) durch das Gras nach dem Elefanten hin. Die Schwarzen trockneten das Fleisch und konnten so wochenlang davon leben.

In anderen Gegenden Afrikas verhalten sich die Eingeborenen ganz anders, als ich es hier geschildert habe:

In der Ebene des Rufiyi.

Das starke Schilf zeugt von der Fruchtbarkeit des Bodens. Die Neger sind dabei, es umzuhauen, weil Baumwolle gesät werden soll.

Wenn ein Elefant geschossen ist, verbreitet sich die Kunde davon sehr schnell im Lande und der Andrang der Abnehmer des Fleisches ist so stark, daß sich Parteien bilden, die regelrechte Kämpfe um den Elefanten aufführen. In wenigen Stunden ist von dem etwa achtzig Zentner schweren Koloß nichts übrig, als die Knochen, und oft erinnert ein frisches Grab in der Nähe des Platzes an den Ausgang eines Kampfes, den rohe Menschen in ihrer Gier führten.[44]

Als die sogenannte kleine Regenzeit näher kam, begannen die Eingeborenen fleißig an ihren Feldern zu arbeiten; Busch, Sträucher und Schilfgras wurde ausgerodet, auf Haufen geworfen und angezündet.

So blieben die Äcker einige Wochen liegen, dann räumten die Frauen auf und bearbeiteten die Fläche mit einer breiten, kurzstieligen Hacke. Da alles auf dem Felde zu tun hatte, wurden die Häuser zugeschlossen. Selbst die kleinen Kinder mußten mit, und meist trugen die Frauen bei der Arbeit noch einen Säugling auf dem Rücken. Die größeren Kinder saßen am Rande des Ackers. Dabei soll es oft vorkommen, daß ein unbewachtes Kind vom Leoparden geraubt wird.

Die Landwirtschaft der meisten Neger ist nicht sehr intensiv. Das Land ist fruchtbar und dünn bevölkert, so daß der Neger nach Bedarf neue Flächen unter Kultur nehmen kann, wenn der alte Acker nicht mehr trägt. In der Ebene wird daher derselbe Acker drei oder viermal, in den Bergen höchstens zweimal nacheinander bebaut. Dies richtet sich nach der Güte des Bodens und der Getreideart, die gesät werden soll. Gedüngt wird nicht; außer einigen Ziegen und Schafen haben die Eingeborenen am Rufiyi auch kein Vieh.

Die Feldfrüchte.

Angebaut wird Reis, Mais, Matama und Mohogo. An tieferen Stellen wird vor allem Reis gesät, weil Reis die Nässe gut verträgt und sogar besonders gut gedeiht, wenn er zeitweilig ganz im Wasser steht. An höheren Stellen säen die Neger Mais und Matama. Bei der außergewöhnlich hohen Überschwemmung, die ich im Jahre 1905 miterlebte, verfaulte der Mais, kurz bevor er reifte, auf dem Felde. Dadurch wurde die Hungersnot noch empfindlicher; denn Hunderte von Menschen hatten mit hungrigem Magen auf diese Frucht gewartet.

Die anspruchsloseste und am leichtesten anzubauende Frucht ist der Mohogo (Maniok). Ein kleiner Stock, in die Erde gesteckt, entwickelt sich in wenigen Monaten zu einem hohen Busch, der in der Erde zahlreiche, eßbare Knollen bildet. Wie oft haben meine Leute auf weiten Märschen ihren Hunger in einem Mohogofelde gestillt: mit einem kräftigen Ruck wurde der Busch aus der Erde gehoben und, wenn er dabei nicht abbrach, die Knollen abgerissen und geschält und das weiße Fleisch verzehrt.

Außer den genannten Früchten werden in der Nähe der Häuser in geringen Mengen angepflanzt: Zuckerrohr, Bananen, Ananas, Tomaten, niedrige und hohe Bohnensträucher und Rizinusstauden; an günstigen Stellen auch Tabak für den eigenen Gebrauch.

Nach sechs Wochen kam ich wieder an den Platz, wo ich den Elefanten geschossen hatte; Löwen und Hyänen, Geier und Marabu hatten soweit aufgeräumt, daß fast nur die riesigen Knochen übrig waren, auf denen die Haut in Fetzen hing.

Im Haushalt der Natur ging selbst die faule Flüssigkeit, die aus dem Kadaver herauslief, nicht verloren; denn Millionen von Larven wälzten sich darin und dienten kleinen Vögeln zur Nahrung.

In den Getreidefeldern findet man hie und da eine Kürbisstaude, und für den Export werden, auf Anregung der Kommunen, Erdnuß und Baumwolle angepflanzt.

Von Geräten für den Ackerbau kennt der Neger nur die Hacke und einen mit einem Stück Eisen beschlagenen Stock zum Jäten von Unkraut; außerdem Messer und Beil zum Roden des Busches.

Im Reinhalten der bebauten Äcker von Unkraut habe ich überall großen Fleiß gesehen. Auch der Maniok erfordert diese Mühe; denn das Unkraut gedeiht in dem mit der Hacke gelockerten Boden nach dem Regen üppig.

Daß trotz der Menge der Früchte und der Hilfsquellen, die der findige Eingeborene aus den Wäldern an wilden Früchten, Honig und eßbaren Wurzeln hat, die Hungersnot so häufig und verderblich auftritt, hat seine besonderen Ursachen. Vor allem liegt es daran, daß der Neger nicht mehr baut, als er bis zur nächsten Ernte unbedingt nötig hat. Kommt dann aber einmal durch Überschwemmung, Heuschrecken oder Dürre eine Mißernte, so trifft sie ihn völlig unvorbereitet.

Als Entschuldigung für diese Sorglosigkeit mag es gelten, daß sich Getreide in den Tropen sehr schwer aufbewahren läßt; der Neger kennt noch keine Mittel und besitzt noch keine Vorkehrungen, um Korn in großen Mengen gegen Feuchtigkeit und tierische Feinde zu schützen. Die Körner werden von Ameisen angefressen, oder, wie der Mais, von einem kleinen Rüsselkäfer angebohrt, so daß sie zum mindesten ihre Keimkraft verlieren. In geringen Mengen konservieren die Eingeborenen Maiskörner, indem sie die an den Kolbenblättern zusammengebundenen Kolben im Dachgebälk der Wohnhütten aufhängen und beständig unter Rauch halten; doch das ist wenig und im allgemeinen verkauft der Neger den Überschuß über den nächsten Bedarf billig an den Inder.

Die Regierung förderte den Anbau von Baumwolle und Erdnüssen bei den Eingeborenen und glaubte hiermit einen Weg gefunden zu haben, ihnen zu gesunden Erträgen aus der Landwirtschaft zu verhelfen; denn das sind Produkte, die der Neger leicht konservieren könnte, und die ihm einen Gewinn sichern, weil sie vermutlich nicht durch den Laden des indischen Zwischenhändlers gehen, sondern unmittelbar an die Entkernungsanlagen und Kommunen verkauft werden. Aber wenn der Neger bei einer Mißernte an Kornfrüchten gezwungen ist, seine Nahrungsmittel vom Inder zu beziehen, dann ist er diesem doch wieder ausgeliefert.

Der Inder schädigt den Ackerbau.

Wie wichtig es ist, daß europäische Händler und Unternehmer sich an dem Aufkauf von Körnerfrüchten beteiligen, zeigt folgende, in Ostafrika ganz bekannte Tatsache: Bei einer großen Ernte kaufen die Inder das Getreide zu Spottpreisen von den Eingeborenen, die ja meist bei dem Händler in der Kreide stehen und deshalb an ihn verkaufen müssen. Dieses Getreide wird nun nicht etwa auf den Markt gebracht; der Inder verkauft es vielmehr wieder an die Eingeborenen, sorgt aber dafür, daß der Preis recht hoch wird, dadurch, daß er künstlich Mangel hervorruft. So sollen die indischen Kleinhändler sehr oft an der Hungersnot unmittelbar schuld sein, indem ihre Krämertaktik die Landwirtschaft der Eingeborenen unterbindet!

In den Pflanzzeiten verkauft der Inder sehr ungern Sämereien an Eingeborene; allenfalls kann der Neger schlecht keimfähige, verdorbene Ware bekommen und muß dafür einen hohen Preis zahlen. Der schlaue indische Händler kennt eben nur sein Geschäft und hat an dem Lande kein Interesse; wenn er nun großen Vorrat an Getreide hat, sucht er darauf hinzuwirken, daß der Neger wenig erntet, in Not kommt und bei ihm kauft. Alle Inder sollen sich hierin einig sein.[45]

Die Folge dieser Handlungsweise ist dann eine Steigerung der Löhne, die den europäischen Unternehmern, den Plantagen, den Kommunen und der Kolonialverwaltung zur Last fällt.

In dieser Darstellung scheint eine gehässige Übertreibung zuungunsten der Inder zu liegen; wer aber die Inder gesehen hat, weiß die Wahrheit darin zu finden.

Sie sind Handelsleute, wie sie im Buche stehen; bleiche Schmarotzer, für die es in Ostafrika kein Land, keine Scholle, keine Heimat gibt. (Die ackerbautreibende Kaste kommt nicht zu uns, da die britische Regierung ihr die Auswanderung verbietet. Das ist sehr schade.)

Selbst wo die Inder sich, wie in Sansibar, in den Grundbesitz der Araber hineingedrängt haben, glaubt man, wenn man sie sieht, den Eindruck der Bodenständigkeit zu vermissen.

Unstet sehen sie aus; wie das Geld, das durch ihre Finger geht.

Nur die Geldsäcke, das Geld von der schmutzigen Kupfermünze aus der Hand des nackten Waniamwezi bis zum Scheck auf die Chartered Bank of India in der Ebenholztruhe neben harmlosen Bohnen und Kwemenüssen: das ist ihre Heimat.

Vielleicht klingt auch das zu heftig; der Gedanke, daß Deutschland eine große Kolonie mit schwerem Geld unter seinen Schutz nimmt, damit Händler fremder Rasse ungeziemenden und dem Lande schädlichen Gewinn daraus ziehen, ist unerquicklich; wir haben selbst fleißige Männer genug, denen der Handelsgewinn aus dem natürlichen Reichtum des Landes zu gönnen wäre, und nur an Orten, deren Klima dem Weißen verderblich wird, ist der Inder nicht immer zu entbehren, zur Vermittelung der Ausfuhr einheimischer Produkte.

So sagen die, die an ihrem eigenen Geldbeutel die lästige Konkurrenz des geschmeidigen, bedürfnislosen Inders erfahren haben.

Die Firmen, die ihr Geschäft auf den indischen Kleinhändler zugeschnitten haben und die das viel getadelte Kreditsystem stützen, sagen, der Inder hole doch wenigstens etwas aus dem Lande heraus; wenn er ein Geschäft dabei mache, solle man es ihm gönnen. Dafür lebe er jahrelang so einfach.

Und dann wird man gefragt: „Wollen Sie sich hinstellen und stundenlang mit einer Bibi um ein Baumwollentuch handeln? Wollen Sie Mais, Matama, Öl und Perlenketten verkaufen? Wollen Sie? Na, also! Der Weiße ist doch dazu zu fein.“

Ich aber dachte mir, daß ich es schon einrichten wollte, und so werden viele denken.

Wahre Kulturarbeit.

Sowie kein Inder im Lande wäre, würde sich kein Arbeitgeber scheuen und kein Ansiedler zu fein sein, einen Laden zu halten, in dem der Neger alles billig bekommt, vom Baumwollentuch bis zur Nähnadel. Jeder dritte Suaheli eignet sich jetzt schon dazu, eine „duka“ zu verwalten und täglich Abrechnung zu machen!

All die wertvollen Produkte aber: Elfenbein, Gummi, Kopal, Getreide, Baumwolle, Ölfrüchte, Schildpatt, Wachs könnte der Europäer aufkaufen und würde, wenn er es versteht, die Neger anständig zu bezahlen (selbst wo größerer Gewinn dem Naturkinde leicht abzuringen wäre), bald das Vertrauen ganzer Stämme haben, würde viele Arbeiter in seine Nähe locken und eine wahre Kulturarbeit leisten können.

So denken viele ihre Lebensaufgabe da draußen; aber die Kunst der Erziehung und des Regierens, die in manchem Ansiedler als eine edle, vielversprechende Kraft steckt und nach Betätigung drängt, wird zu leicht unterdrückt durch die Ungunst der Verhältnisse und setzt sich dann um in Resignation, in Bitterkeit — ja, leider sogar in Alkohol.

Im Jahre 1905, während des Aufstandes, hatte ich Gelegenheit, selbst Beobachtungen über Ernte, Getreideausfuhr, indische Krämertaktik und Hungersnot anzustellen.

Der Aufstand begann im August, nachdem überall eine besonders reiche Ernte eingekommen war. Die Inder kauften das Getreide zu Spottpreisen in ungeheuren Quantitäten und verschifften es nach der Küste, sobald die Truppen in der Gegend die Ruhe wieder hergestellt hatten. Überall waren große Vorräte in den Dörfern; aber der Versuch, die Inder zu veranlassen, einen Teil dieser von ihnen erworbenen Vorräte im Lande zu behalten, um für die Truppen und die Eingeborenen später Getreide zur Verfügung zu haben, hatte nur zur Folge, daß die Inder ihre Vorräte mit möglichster Beschleunigung zur Küste brachten, um künstlich einen Mangel herbeizuführen und den Preis zu steigern.

Man konnte es ihnen ja gar nicht verdenken; denn ihre Aufgabe ist es ja, in möglichst kurzer Zeit recht viel Geld aus dem Lande zu ziehen und dann nach Indien zurückzugehen. Die Entwickelung des Landes kann ihnen ganz gleichgültig sein.

So mußte ich später das wenige Korn, das der Inder Sack für Sack wieder heraufbrachte, achtzehnmal teurer bezahlen, als es drei Monate vorher gekostet hatte. Den Eingeborenen fehlten die Mittel, solche Preise zu zahlen und sie litten furchtbar unter der Hungersnot. Auch eine Expedition des Hauptmanns von Wangenheim, die die Verbindung mit dem hartbedrängten Mahenge herstellen sollte, scheiterte hauptsächlich an dem Nahrungsmangel. Die Träger waren durch Hunger entkräftet und die Expedition mußte umkehren, weil die Flüsse so angeschwollen waren, daß man nicht vorwärts gehen konnte. Ein Europäer ertrank. Der Wildreichtum half über die größte Not hinweg.

Es ist kaum glaublich, wie schwierig das Reisen (und also auch der Buschkrieg) in der Regenzeit ist, im Vergleich zur Trockenzeit. Ich sah es immer wieder, daß die Jahreszeit meine ersten Streifzüge, die ich mit den Matrosen machte, ungemein begünstigt hatte.

Da waren die Flußübergänge kurz, die Bäume und Sträucher kahl; das Gras lag dürr am Boden und brauchte, wenn man weite Übersicht haben wollte, nur angesteckt zu werden. Mücken gab es fast gar nicht; Nahrung überall.

Regenzeit und Hungersnot.

Anders in der Regenzeit! Ganze Ebenen standen unter Wasser; selbst bei Kipo, wo freies Terrain mich im August so begünstigt hatte, stand jetzt das Gras so hoch und die Büsche waren so dicht belaubt, daß ein Gefecht wie das am 21. August ganz ausgeschlossen gewesen wäre; die Gegend war nicht wieder zu erkennen. In Flußbetten, durch die wir noch im November trockenen Fußes gegangen waren, tobte das Wasser. Dazu kam der Mangel an Nahrungsmitteln, der Hunger.

Die Neger können Hungersnot meisterhaft ertragen, weil sie an diese seit Jahrhunderten regelmäßig wiederkehrende Plage gewöhnt sind.

Ein gewisser Stumpfsinn, eine fast zufriedene Ergebung in den Zustand wirken so beruhigend auf den Zuschauer, daß ihm der Schrecken gar nicht so nahe geht und er das rechte Mitleid kaum empfindet.

Eigentümlich war die Haltung der Neger dem Bezirksamt gegenüber. Die Kommunen haben einen Notstandsfond, aus dem für die Eingeborenen Getreide gekauft wird, ohne daß sie es zu bezahlen brauchen. Sie sollen nur kommen und es sich holen. Das taten die trotzigen Bergbewohner in Matumbi und Kitschi nicht, obwohl sie sich unterworfen hatten; sie zogen es vor, in Massen zu verhungern!

Williger waren die Rufiyileute, und ich sagte mir, wenn jemand Hunger litt, dann sollten es nicht die Neger sein, die sich mir unterworfen hatten, sondern die Aufständigen! Deshalb faßte ich den Plan, die Mohogoäcker der Aufständigen in den Bergen abzuernten.

Ein Raubzug.

An einem bestimmten Tage wurden alle freundlichen Neger zur Boma bestellt.

Boten gingen an die Jumben, jeder, der mitmachen wollte, sollte sein Messer, einen Sack und für zwei Tage Essen mitbringen.

Achthundert Menschen fanden sich zur bestimmten Zeit ein; aber keiner hatte etwas zu essen bei sich. Sie vertrauten alle darauf, daß ich Wild schießen würde.

Zwei Tage konnte es dauern, bis wir die ersten Mohogoschamben erreichten, und ob ich Wild bekommen würde, war nicht sicher; ich brach schleunigst auf, weil die Leute immer hungriger wurden.

Die Neger wurden in Gruppen zu fünfzig Mann unter die Jumben oder andere Leute, die Autorität (kräftige Arme und ein großes Maul) hatten, verteilt; ich hielt eine Ansprache, in der ich den Plan erläuterte und um Disziplin bat, damit es uns gelinge, recht viel zu fressen einheimsen zu können.

Alle waren meiner Meinung und ich ging schnell voraus, fünf Stunden weit.

Dann bestimmte ich einen Lagerplatz.

Es waren noch zwei Stunden bis zur Dunkelheit. In dieser Zeit wollte ich Wild schießen, soviel ich bekommen könnte und sandte auch Unteroffizier Lauer aus, mit dem Auftrage, Fleisch für das hungrige Volk zu schaffen.

Wie ich es gemacht habe, das darf sich der ausmalen, der ähnliche Reviere kennt, der weiß, daß jedes Rudel angepürscht sein will und daß zwischen zwei Schüssen ein Weg liegt zum nächsten Rudel, der zu Fuß zurückgelegt werden muß; den Leser will ich mit der Jagdschilderung nicht ermüden.

Kurz: Als es dunkel war, lagen auf der Strecke drei Wasserböcke, zwei Swallah, zwei Riedböcke, eine Kuhantilope und ein Warzenschwein.

Lauer hatte drei Kuhantilopen und zwei Wasserböcke geschossen.

Also zusammen vierzehn Stück Wild! Und das war für die vielen Menschen noch zu wenig.

Todmüde saß ich im Lehnstuhl.

Wohl hundert Feuer brannten; an jedem saßen ein halbes Dutzend Neger. Auf dünne Stöcke hatten sie Fleischstücke aufgereiht und ans Feuer gestellt; von Zeit zu Zeit schnitten sie ein Stück ab und steckten es in den Mund.

Zwei Weiße und achthundert Neger; war es nicht ein tolles Unternehmen?

Wir sahen uns das Bild noch einmal von weitem an: die hellen Feuer, die vielen Gestalten und die Bäume, die von unten beleuchtet wurden; darüber der dunkle Himmel mit kleinen, silbern blinkenden Sternen.

Am dritten Tage in der Frühe erreichten wir die ersten Schamben.

Das Abernten ging sehr schnell; die hungrigen Leute fielen wie Heuschrecken darüber hin. Große Pflanzungen, in denen der Mohogo so üppig stand, daß Menschen darin nicht zu sehen waren, lagen in kurzer Zeit am Boden.

Die Neger schnitten den Mohogo in Scheiben und trockneten ihn an der Sonne. So konnten sie große Mengen mitnehmen. Auch zerstampften sie die Knollen in großen Holzmörsern und trockneten den Brei auf ausgebreiteten Tüchern, bis er weiß wurde, wie Mehl.

Die Dörfer hier lagen hoch in den Bergen, wo kein Wasser war; die Brunnen waren oft drei Stunden von den Hütten entfernt.

Der Akide sagte, die Frauen dieser Neger seien jeden Morgen sechs Stunden unterwegs, um einen Topf Wasser zu holen.

Das Wasser läuft außerdem so spärlich nach, daß nur wer zuerst kommt, gleich einen vollen Topf schöpfen kann; jede will deshalb die erste sein und sie stehen in der Nacht auf, um bei Tagesgrauen am Brunnen zu sein.

Wozu ist diese Mühe? Weshalb wollen die Leute nicht in der Nähe des Wassers wohnen, wo der Boden nicht schlechter ist als oben?

Aus alter Gewohnheit meiden sie die Wasserstellen, die jeder Räuber zum Lager begehrt.

Wie das Wild, das nur auf Minuten und mit scheuer Vorsicht zur Tränke kommt, ja sich ganz vom Wasser entwöhnt, um nicht eine leichte Beute des Löwen zu werden.

Wir hatten unsere Not, es so einzurichten, daß wir täglich in die Nähe eines Brunnens kamen. Manchen Negern genügte der Saft, den sie mit den Mohogoknollen aufnahmen, und sie tranken gar kein Wasser.

Mit Mohogomehl reich beladen, kehrte die große Räuberbande nach acht Tagen aus den Bergen zurück und zerstreute sich.


Ein Schauri.

Ich will auch ein Schauri schildern, das ich abhielt.

Die meisten Schauri handelten von Diebstahl und von Schulden; heute aber handelte es sich um etwas anderes: um Mord, fahrlässige Tötung, versuchten Selbstmord, Mißbrauch der Amtsgewalt und anderer Substantiva.

Es war nämlich folgendes geschehen:

Ein Neger mit Namen Dibagila kam und sagte mit Ruhe: „Die Askari schießen auf Menschen; mein Bruder ist erschossen!“

Ich schickte eine Patrouille aus; die kam nach einer Stunde wieder und brachte auf Bettstellen zwei Verwundete: den Askari Manika und ein Weib.

Dem Askari war der rechte Oberschenkel zerschossen; klaffend hing das Muskelfleisch hinunter. Das Weib hatte einen Schuß durch das Fleisch überm rechten Knie.

Sanitätsunteroffizier Lauer war in Mayenge, um Sergeant Kühn zu behandeln, der Fieber hatte. Ich ging deshalb selbst an die Verbandkästen und verband die entsetzlichen Wunden, nachdem ich eingedrungene Stofffetzen herausgezogen hatte. Die gleichgültigen Gesichter der Patienten erleichterten mir die Arbeit. Das Weib schimpfte ununterbrochen.

Darauf versuchte ich festzustellen, was vorgefallen war. Und nun mußte ich meinen ganzen Spürsinn ins Feld führen, um Wahrheit von Lüge zu trennen. Die beiden Askari sagten, ein Schenzi habe geschossen und mit demselben Schuß den Askari und das Weib getroffen; das Weib, es sei von dem einen Askari angeschossen worden. (Der Dibagila, der nachher Hauptzeuge wurde und alles wußte, stand jetzt noch dabei und schwieg!)

Ich überlegte: die Wunde des Askari war so, daß der Schuß aus nächster Nähe abgegeben sein mußte. (Ich hatte schon einmal einen Mann gesehen, der sich selbst erschossen hatte; an die Wunde mußte ich denken.) Das Weib hatte eine gewöhnliche Schußwunde, mit glattem Schußkanal.

Ich ließ meinen Esel satteln und ritt, obwohl ich durch einen Dysenterieanfall aufs Äußerste ermattet war, in der Sonnenglut selbst zu dem Tatort, der eine Stunde entfernt war. Die Augenzeugen waren mit.

„Da hat der Schenzi gesessen, der geschossen hat. Hier hat der Askari gestanden — du siehst den Blutfleck, Bana — und da unten hat dieselbe Kugel die Frau getroffen.“

Aha! Da haben wir die Lüge: also fliegt eine Kugel im rechten Winkel weiter, wenn sie einen Askariknochen trifft! Daß der Bana kubwa sich die Mühe mache, hierherzureiten, daran habt ihr Lügner wohl nicht gedacht?

Ich schickte alle anderen Leute weg und ließ mir von dem Dibagila, der offenbar aus Furcht vor den Askari nicht gesprochen hatte, erzählen, wie es gewesen sei. Dibagila hält seine ausgestreckten Arme dicht an den Körper, als ob ein Tuch sie an Bewegung hindere, bewegt die Schultern und den Oberkörper in eigentümlicher Weise und zeigt mit den Kopf in die Richtungen. Seine Stimme ist schneidend, doch tönend; er spricht dramatisch, bisweilen sehr laut: „Es kam einer zu mir, der Salim bin Mtambo, und sagte: ‚Dein Bruder ist am Fluß erschossen, er ist ins Wasser gestürzt! — baß‘“ — (Dies ‚baß‘ dient zur Interpunktion beim Sprechen und ist der Erzählung der Schwarzen eigen.) „Ich lief hin. Es war Blut am Boot. Ich sprang ins Wasser, schwamm umher, konnte nichts finden; dann folgte ich den Askari und sagte: ‚Mein Bruder ist erschossen, ich gehe zur Boma und sage es dem Bana kubwa.‘

Askari Manika antwortete: ‚Wenn der Bana kubwa erfährt, daß ich deinen Bruder erschoß, läßt er mich aufhängen; ich will sagen, ein Schenzi habe auf mich geschossen und werde mich selbst ins Bein schießen.‘

Er drehte sein Gewehr um, setzte die Mündung auf sein Bein, schoß und fiel hin.

Der andere ging dann ins Dorf und schoß auf ein Weib.

Ich fragte: Weshalb tust Du das?

Er sagte: ‚Ich schieße bloß so!‘“

Am Nachmittag wurden viele Zeugen geladen und Schauri abgehalten. Das heißt eigentlich waren es nur Vernehmungen, denn verurteilen konnte ich den unglücklichen Askari doch nicht, der sich selbst gerichtet hatte. Unter dem großen Baume saßen Hunderte von Negern und hörten zu, was da vorne gelogen wurde.

Gelogen wird immer, manchmal empfiehlt es sich aber auch, die Wahrheit zu lügen. Der Richter muß dann nicht denken, daß der Neger die Wahrheit sagt, um die Wahrheit zu sagen, nein, er sagt etwas, weil er für vorteilhaft hält, es zu sagen; zufällig ist es die Wahrheit.

Ein Askariboy war in der Kunst, den Mzungu zu belügen (das ist der Inhalt des Schauris) noch nicht gewandt genug und sagte auf jede Frage nur „hapana“ oder „sijui“.

Ein anderer Zeuge, ein Pogoro, konnte gar nicht sprechen; trotzdem bekamen die Dolmetscher alles aus ihm heraus, was sie hören wollten. (Ähnlich dachte ich mir den „klugen Hans“, von dem damals gerade in den Zeitungen die Rede war.)

Der Pogoro stierte mich an mit Augen, denen man ansah, daß sie mehr von der Glut des nächtlichen Feuers als vom Studium gerötet waren.

Er hob das Kinn, wenn die zudringlichen Dolmetscher die Antwort „ja“ von ihm haben wollten. (Er hätte auch mit dem Fuße scharren können.)

Nach ihm kamen drei Frauen an die Reihe. Ein bildhübsches Geschöpf war dabei. Sie begleitete ihre Reden mit weichen, schönen Bewegungen. Ein kleines, ahnungsloses Kindchen beschäftigte sich gleichzeitig an ihrer linken Brust.

Plötzlich wandten sich alle um: Auf einer Bettstelle wurde der Tote angebracht. Man hatte ihn im Flusse treibend gefunden.

Der Schuß war unterm Schlüsselbein durch die rechte Schulter gegangen, Krokodile hatten schon eine Hand abgefressen.

Als alle Zeugen geredet hatten, entließ ich die Versammlung.

Das ganze Ereignis sah jetzt so aus: Die beiden Askari waren an den Fluß gekommen und wollten nach einer Insel hinüber. Sie sahen einen Mann im Boote und riefen, er solle das Boot herbringen; der hörte nicht.

Da schoß der Askari Manika, um ihn aufmerksam zu machen, und traf unglücklicherweise.

Der Mann fiel über Bord und wurde nicht mehr gesehen.

Die Askari kehrten nach einer Weile um. Leute hatten gesehen, was geschehen war.

Der Dibagila folgte den Askari.

Da bekam der Askari Manika Angst vor Strafe und schoß sich selbst ins Bein.

Der andere schoß, um die Verwirrung noch größer zu machen; sie hatten also einfach Krieg gespielt! — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

[38] barua = Brief.

[39] Ein aus Kaffernkorn gebrautes, berauschendes Getränk.

[40] „Bana kubwa“ wird unterwürfig eigentlich nur der genannt, der etwas zu sagen hat, und den die Weihe des Amtes über andere Europäer erhebt. Da sich aber die Boys unter sich jetzt schon gegenseitig „bana“ (Herr) anreden, darf jeder weiße Mann beanspruchen „bana kubwa“ (wörtl. hochangesehener Herr, also „Exzellenz“) genannt zu werden, ohne daß man ihm den Vorwurf machen müßte, er leide an Größenwahn.

[41] Ich habe später noch zwei Riesenschlangen geschossen.

[42] Ähnlich beruhigt sich der Neger über alle Maschinen, die er nicht versteht, und die als fertige Einrichtung aus Deutschland kommen, mit dem Wort „kazi uleya“: es ist Europäerarbeit. Die wunderbarsten Instrumente; Grammophone, Kaleidoskope können ihn wohl vergnügen, machen ihm aber kein Kopfzerbrechen. Anders ist es mit Dingen, die er beurteilen zu können glaubt; Körperkraft, Gewandtheit und Geschicklichkeit bewundert er auch beim Europäer.

Auch dafür erlebte ich Beispiele: Am Paregebirge zeigten mir meine Träger einmal einen Mann, der auf den Händen lief. Als der Mann sich eine Weile produziert hatte, sagten sie, „das können die Europäer nicht“. Darauf zeigte ich ihnen, daß ich es besser konnte als der Mann, und nun sprachen sie tagelang von nichts anderem. Ebenso bewunderten sie mich, wenn ich über einen breiten Graben sprang oder im Wasser mit ausgestrecktem Körper auf dem Rücken schwamm, was ihnen ganz unerklärlich war.

[43] Wie stark die Einbildung auch bei den Negern den Geschmack beeinflußt, zeigt folgendes Beispiel:

Ich gab einmal Negern Schokolade zu essen, was sie nicht kannten. Es schmeckte ihnen sehr gut. Einer fragte: „Was ist das, was wir gegessen haben?“

„Schweineblut mit Zucker,“ antwortete ich zum Scherz. Entsetzt wandten sie sich ab. Nachher kamen sie zurück und fragten, ob das wahr sei; einigen sei so übel geworden, daß sie es wieder von sich gegeben hätten.

Als ich ihnen versicherte, ich hätte ihnen nur zeigen wollen, wie töricht sie manchmal seien, sagten sie: „Du wolltest uns also nur Ekel machen“ und einer setzte grinsend hinzu, er freue sich, daß er die Schokolade noch im Bauche habe.

Übrigens wird im Haushalt der Europäer gern gesehen, daß sich diese Neger von bestimmten Speisen und Getränken fernhalten. Sie verschmähen Alkohol — ganz im Gegensatz zu dem Neger der Westküste, der guter Abnehmer schlechter Spirituosen ist — bleiben selbst als Köche und Diener der Messen und Restaurants bei ihrem Reis mit Zukost und nehmen nichts von den Speisen der Europäer. Allenfalls naschen sie von der Butter, die sie sehr lieben, und dagegen schützen sich die findigen Hausfrauen in Daressalam, indem sie vor den Augen der Boys einen Löffel Schweineschmalz in jede neugeöffnete Butterdose hineintun. Wer neu nach Ostafrika kommt und auf Märschen gerne und reichlich ißt, weil sein Appetit gut angeregt wird, wundert sich wohl, daß die Neger den vielen Mahlzeiten zusehen können und selbst nur einmal am Tage essen; die Erklärung dafür geben die Schwarzen selber sehr nett, indem sie dem Europäer schmeichelnd sagen: „Du mußt auch mehr denken und hast mehr Kräfte als wir, deshalb brauchst du andere Nahrung.“

[44] Vgl. Dominik: Kamerun.

[45] Vgl. Deutsch-Ostafrikanische Zeitung Juni 1907.