Die Geschichte der deutschen Flotte — ein kurzer Überblick.

Als in den Tagen der Hanse Lübecks Flagge meergebietend drei Jahrhunderte in den nordischen Meeren wehte, da pulsierte in den hansischen Städten der Geist der Seefahrer. Aber mit dem Verschwinden der Hanse war auch der Gedanke an eine Flotte hinweggerauscht, bis der umsichtige und tatkräftige Große Kurfürst Friedrich Wilhelm in seinen Kriegen mit Schweden den Wert einer Flotte erkannte. Von seinen für das Kurfürstentum so nützlichen Bestrebungen, auch zur See Geltung zu bekommen, war in den vorhergehenden Abschnitten schon die Rede.

Die Nachfolger des Großen Kurfürsten verwendeten alle Mittel auf das Landheer, die kleine Flotte verfiel. Am 13. August 1720 wurde unter Friedrich Wilhelm I. eine Abtretungsurkunde der Forts von Groß-Friedrichsburg, Akkoda und Arguin unterzeichnet. 6000 Dukaten zahlten die Holländer als Kaufpreis.

Der kriegstüchtige Alte Fritz hat mehrfach bei seinen Kriegsoperationen den Mangel einer Flotte empfunden. Er half sich, so gut er konnte. Einmal stellte die Stettiner Kaufmannschaft einige bewaffnete Schiffe gegen die Schweden zur Verfügung. Es waren dies kleine Küstenschiffe, die, schnell mit Kanonen ausgerüstet, zu Kriegsfahrzeugen wurden, jedoch gegen die Schweden nichts ausrichteten. In der Zeit der kriegerischen Wirrnisse am Beginn des 19. Jahrhunderts fehlte jegliche Flottenrüstung in Deutschland; wohl versuchten einige Generale, nach der Schlacht bei Jena einige Schiffe zu einer kleinen Flotte zu vereinigen, auch arbeitete der nachmalige Kriegsminister von Rauch in der Zeit von Preußens Wiedergeburt eine umfangreiche Denkschrift aus, in der er die Notwendigkeit einer Flotte im Frischen Haff nachwies und neunzehn Fahrzeuge mit viertausend Mann Besatzung forderte. Leider stand dieser erste Flottenplan nur auf dem Papier, er blieb unausgeführt. Nach dem Friedensschluß im Jahre 1815 erhielt Preußen Schwedisch-Vorpommern und damit auch sechs kleine schwedische Kanonenschaluppen, welche die Anregung zum Bau einer kleinen Kriegsflotte gaben. Man blieb bescheiden. Major Longé arbeitete im Jahre 1820 einen neuen Flottengründungsplan aus, der achtzig Fahrzeuge mit viertausenddreihundert Mann Besatzung vorsah. Nur ein Kriegsfahrzeug wurde bewilligt. Im Jahre 1823 besaß Preußen acht Fahrzeuge, von denen fünf mit Geschützen versehen waren. Jedoch vermehrte sich der Widerstand gegen eine Flotte, und auch die im Jahre 1835 gepflogenen Unterhandlungen einer Küstenverteidigungskommission führten zu keinem Erfolg. Das Ministerium lehnte die Gelder rundweg ab, und jede Aussicht auf eine Rüstung zur See war erloschen. Kurzsichtig und kleinlich war die Zeit.

Die erste deutsche Flottille auf der Elbe, August 1848.

Das Jahr 1848 kam. „Schleswig-Holstein, meerumschlungen!“ brauste es durch die Lande, und in jenen Tagen, in denen das Volk um seine politische Freiheit rang, weitete sich auch der Gesichtskreis. Dänemarks kleine Flotte brachte den Deutschen das Gefühl ihrer Ohnmacht zur See bei. „Wir brauchen eine Flotte!“ war die Losung, und das Frankfurter Nationalparlament beschloß nahezu einstimmig, für die Schaffung einer Flotte 18 Millionen Mark zu bewilligen. Die Gelder sollten die einzelnen Bundesregierungen aufbringen. Auch diesmal blieb es bei dem Plane, wenn nicht das deutsche Volk eingriff. Die glühende Begeisterung des Volkes suchte zu erreichen, was den staatlichen Organen abging. Vereine und Komitees bildeten sich; bei festlichen Veranstaltungen wurde Geld gesammelt für den Bau einer Flotte. An verschiedenen Orten kam ein Anfang zustande. Am schnellsten war Hamburg bereit, denn sein Handel wurde durch die dänischen Übergriffe unmittelbar betroffen. Die Reeder des dortigen Flottenvereins sorgten für die Armierung der Schiffe. Godefroy und Sloman übergaben dem Senat drei große Segelschiffe, die zu Kriegsschiffen ausgerüstet wurden. So hat sich das deutsche Volk die Anfänge seiner Flotte selbst geschaffen. Prinz Adalbert von Preußen, der Vorsitzende der damaligen technischen Marinekommission, arbeitete eine Denkschrift aus, die zwanzig Linienschiffe, zehn Fregatten, dreißig Dampfer, vierzig Kanonenboote, achtzig Kanonenschaluppen und eine Besatzung von achtzehntausend Mann forderte. Der Hauptstützpunkt dieser Flottenmacht sollte Kiel werden. Wieder wurde der scharfumrissene Plan nicht ausgeführt. Nur 2 Millionen Gulden konnte der Bund flüssig machen; endlich trugen fünf Fahrzeuge die deutsche Flagge; daß es der kleinen Flotte an Mannschaften nicht fehlte, war eine Folge der Begeisterung der deutschen Jugend. Kriegsmutig zeigte sich die junge deutsche Flotte. Als im Juli 1850 der Friede mit Dänemark kam, da versiegte auch die Flottenbegeisterung. Im Jahre 1852 wurde von der Bundesversammlung die Auflösung der Bundesflotte verfügt. Zwei Fahrzeuge erhielt Preußen als Ersatz für die geleisteten Beiträge, den Rest versteigerte der oldenburgische Staatsrat Hannibal Fischer öffentlich meistbietend. Preußens Finanzminister hatte es abgelehnt, die Gelder für den Ankauf dieser Schiffe flüssig zu machen, und so hatte damals die erste deutsche Flotte, mit Begeisterung ins Leben gerufen, ein unrühmliches Ende gefunden.

Gefecht zwischen deutschen und dänischen Schiffen bei Helgoland.
Von Professor Hans Petersen.

Prinz Adalbert von Preußen.

„Das Band ist zerschnitten, war schwarz, rot und gold!“ so klang es durch die Lande; wohl wurde an den Grenzen Deutschlands viel über diesen unrühmlichen Ausgang gelacht, aber der Flottengedanke blieb lebendig.

Mit der Auflösung der Bundesflotte hatte das preußische Marinewesen eine größere Selbständigkeit erlangt. Zu den vom Reiche erworbenen Schiffen kamen einige Neubauten. Im Jahre 1853 wurde eine eigene Admiralität mit dem Prinzen Adalbert von Preußen an der Spitze geschaffen. Die Entwicklung des Marinewesens war jetzt frei und erfolgreich von Stufe zu Stufe; allerdings ging der Fortschritt nur langsam. Im Jahre 1854 forderte Prinz Adalbert in einer Denkschrift dreiundsechzig Kriegsfahrzeuge, er erhielt sie aber nicht. Dafür aber ging man an den Bau von Werften; durch den Vertrag mit Oldenburg kam Preußen in den Besitz von Wilhelmshaven. Freudig hat Prinz Adalbert für den Marinegedanken gearbeitet, und vieles von dem, was er geschaffen hatte, dient noch heute als Grundlage. Preußen fiel nach der Auflösung der Bundesflotte die Aufgabe zu, die deutschen Interessen im Auslande zu vertreten. An der Stelle der schwarz-rot-goldenen Fahne flog die preußische Kriegsflagge über die Ozeane, überall mit Achtung begrüßt. Die Berichte der preußischen Vertreter im Auslande weisen darauf hin, daß die Sache der Landsleute durch die Zeigung der Flagge eine wirksame Unterstützung erfahren habe. In den nachfolgenden Kapiteln wird noch von namhaften Taten der jungen preußischen Kriegsmarine die Rede sein. Im Jahre 1864, am Beginne des Krieges mit Dänemark, zählte Preußens Kriegsflotte siebzig Fahrzeuge, die aber nur einen kleinen Tonnengehalt hatten und dazu schwach armiert waren. Im Seegefecht von Jasmund, im Treffen bei Helgoland, bei den Gefechten im Wattenmeer hat sich die preußische Marine mit Tapferkeit geschlagen, einen entscheidenden Einfluß auf den Gang der Kriegsereignisse jedoch noch nicht gehabt. Die Erfahrungen im dänischen Kriege haben Moltkes Anschauungen von der schwachen Flotte recht gegeben, und im Jahre 1865 forderte die preußische Regierung 105 Millionen Mark sofort, sowie 15 Millionen Mark jährlich, um eine Flotte von vierundvierzig leistungsfähigen Fahrzeugen zu besitzen. An Leuten, die der Regierung die Mittel vorenthalten wollten, fehlte es nicht. Jedoch Bismarck setzte ohne Einwilligung des Landtages den Ausbau fort. Im Kriege von 1866 bot sich für die Flotte keine Gelegenheit, sich hervorzutun.

Kampf brandenburgischer und spanischer Schiffe bei St. Vincent.
Von Professor Hans Petersen.

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

Nachdem der Norddeutsche Bund begründet war, ging die preußische Flotte an diesen über. Am 1. Oktober 1867 wurde auf den Schiffen die preußische Flagge niedergeholt und durch die schwarz-weiß-rote Flagge ersetzt. Der neue Reichstag zeigte ein größeres Verständnis für die Flotte und stimmte damit auch einem Projekte zu, das 30 Millionen Mark erforderte. Sechzehn Panzerschiffe, zweiundzwanzig Kanonenboote, dreißig Korvetten für das Ausland und eine Anzahl kleinerer Schiffe sollte die Flotte umfassen. Beim Ausbruch des Krieges mit Frankreich zählte sie fünf Panzerschiffe, neun Korvetten, zweiundzwanzig Kanonenboote und einige kleinere Schiffe. Im Kriege selbst konnten nur drei Schlachtschiffe verwendet werden. Die kleineren deutschen Fahrzeuge legten dennoch gegenüber dem übermächtigen französischen Gegner große Unerschrockenheit an den Tag. In bedeutende Entscheidungen aber brauchte die Flotte nicht einzugreifen.

Deutschlands beispiellose Entwicklung setzte ein. Wirtschaftlich dehnte und reckte sich das Land. Mit den Erfolgen der deutschen Industrie wuchs auch die Notwendigkeit des Ausbaues der deutschen Flotte. Die schwarz-weiß-rote Handelsflagge zeigte sich allüberall und mehr und mehr in den Welthäfen. Die Tätigkeit des Kaufmanns, die Rührigkeit der Industriellen bedingte, daß nicht nur ein starkes Heer, sondern auch eine ausreichende Flotte zur Wacht und zum Schutze der deutschen überseeischen Handelsinteressen bereit sei.

Die Lehre des Krieges von 1870 blieb nicht ungenutzt: man begriff, trotz der enormen Erfolge des Landheeres, welchen Einfluß die unbehinderte Freiheit des französischen Seeverkehrs auf die Entwicklung der Ereignisse ausgeübt hatte.

Als für den Prinzen Adalbert die Zeit der Erfüllung seiner langersehnten Wünsche nahte, da setzte am 6. Juni 1873 ein Lungenschlag seinem für die Marine so tätigen Leben ein plötzliches Ende. General von Stosch wurde zum Chef der Admiralität ernannt. Er stand bis zum 20. März 1884 an der Spitze der Marineverwaltung. Mit aufrichtiger Bewunderung haben seine Untergebenen zu ihm aufgeschaut, denn er war eine in sich gefestigte Persönlichkeit, die mit eisernem Fleiß und unbeugsamen Willen für die Entwicklung der Marine sich betätigte. Sein Name ist verknüpft mit dem ersten auch wirklich durchgeführten Flottengründungsplan vom 21. April 1873 und mit der am 1. Juli 1883 erschienenen Denkschrift über die Durchführung dieses Planes. Der erste systematische Ausbau der deutschen Flotte begann: sie sollte dem Schutze des Handels, der Verteidigung der Küste und der Entwicklung des Offensivvermögens dienen. In der späteren Behandlung legte General von Stosch den Schwerpunkt mehr auf die Küstenverteidigung, weil das angriffsweise Vorgehen sich auf kleinere Seemächte beschränke, die Entscheidung im Kriege immer beim Landheere liege, und eine gewonnene Seeschlacht höchstens den Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen bilde. Diesen Voraussetzungen entsprach der Schiffbau der Periode Stosch.

Neben den Schiffen umfaßte der Plan die personelle Entwicklung, den Ausbau der Werften, Häfen und sonstigen Landanlagen.

Bei der kurzen Erörterung dieses Flottenplanes im Reichstag faßte dieser aus seiner Mitte eine Entschließung, daß die vorhandene Voraussicht des Baues einer größeren Anzahl von Kriegsschiffen die deutsche Schiffbauindustrie stärke, um Deutschlands Wehrmacht zur See vom Ausland unabhängig zu machen. Der Reichstag wünschte diese ‚eigentlich selbstverständliche‘ Entschließung, damit die deutschen Werften sich auf ihre Aufgabe vorbereiteten. Stosch erblickte in seinem Plan nur die allgemeinen Richtungslinien für seine Tätigkeit an der Spitze der Marineverwaltung. Von der Festlegung der technischen Einzelheiten sah er ausdrücklich ab.

Mit dem Schiffbau ging die Entwicklung der Werften Hand in Hand. Die kleineren Werke in Stralsund und Geestemünde wurden aufgegeben, der Ausbau von Wilhelmshaven kräftig gefördert, und schon unter Stosch wurde mit dem Bau einer zweiten Einfahrt daselbst der Anfang gemacht. Die Werft in Kiel wurde erweitert. Kasernen und Lazarette, Depots, sowie andere Bauten verschiedener Art schlossen sich an. Die Ausbildung der Offiziere wurde verbessert, den Mannschaften durch die Vierjährig-Freiwilligen aus der Landbevölkerung ein neuer Ersatz zugeführt, und für einen guten Unteroffizierersatz durch Förderung des Schiffsjungeninstituts vorgesorgt. Noch einem anderen wichtigen Institut, der deutschen Seewarte in Hamburg, an deren Spitze der Chef der Admiralität in der Person Neumayers einen überaus verdienten Gelehrten stellte, hat Stosch während seiner ganzen Amtsführung eine weitgehende Förderung zuteil werden lassen. Als Stosch nach zehn Jahren aus seinem Amte schied, konnte er mit Befriedigung auf die getane Arbeit zurückblicken. Als Beweis dafür sei eine Stelle aus dem Hamburgischen Exporthandbuch hier wiedergegeben: „Als die deutsche Reichsflagge stolz an der Gaffel deutscher Kriegsschiffe wehte, die junge Reichsflotte mehr und mehr sich vergrößerte, da schlug man im Auslande den Deutschen gegenüber einen anderen Ton an, man hatte Respekt vor Deutschland bekommen.“ Die Marine war bereit für die militärischen Anforderungen, die im Kriegsfall nach den damaligen Voraussetzungen an sie herangetreten wären. Auch dem Verlangen des Reichstages war die Marineverwaltung gefolgt, denn abgesehen von dem Aviso ‚Zieten‘ waren alle Schiffe auf deutschen Werften gebaut worden. Auch das Panzerplattenmaterial bezog man von deutschen Werken, die Geschütze lieferte Krupp. Im Jahre 1883 kam zur geringen Freude des Seeoffizierkorps wieder ein General von der Armee, der General von Caprivi, der spätere Reichskanzler, als Nachfolger von Stosch an die Spitze der Marine. Bei Stoschs Eintritt konnte noch kein Seeoffizier auf den hohen Posten Anspruch machen; als Caprivi kam, durfte dieser Grundsatz nicht mehr gelten. Während der Amtsführung Caprivis wurde besonders der Bau der Torpedoboote bevorzugt. In die Ziele des Kriegsschiffsbaues kam dadurch eine tiefgreifende Unsicherheit hinein; selbst England sah damals für einige Zeit davon ab, große Schlachtschiffe auf Stapel zu legen.

Der Bau der Torpedoboote wurde kräftig gefördert. Nur einige Musterboote kamen aus England. Der deutsche Schiffbau bemächtigte sich bald dieser Spezialität, und seine guten Leistungen erwirkten, daß die fremden Marinen zahlreiche Bestellungen der Werft von Schichau in Elbing beziehungsweise dem Stettiner ‚Vulkan‘ zukommen ließen. Die Herstellung der Torpedos nahm Caprivi in eigene Verwaltung. Die Torpedowerkstatt in Friedrichsort, deren Entwicklung in dieser Zeit geschah, gelangte bald dahin, Torpedos in allen ihren Teilen zu erbauen und technisch immer weiter zu vervollkommnen, ohne dabei in irgendeiner Weise von der Privatindustrie abhängig zu sein. Die Küstenverteidigung durch Minen und Festungen wurde nicht vergessen. Das Kriegsministerium übergab die Befestigungen an der Elbe- und Wesermündung der Marine, die nun von der Mitwirkung der Armeebehörden nicht mehr abhängig war.

Linienschiffe wurden in der Zeit Caprivis nicht gebaut. An dem planmäßigen Ersatzbau von Kreuzern und Kanonenbooten wurde nichts geändert. Auch in anderer Richtung nahm die Marine unter Caprivi eine gute Entwicklung. Durch die Schaffung der Reservedivisionen wurde dafür gesorgt, daß auf einem ständig im Dienst gehaltenen Panzerschiff ein Stamm von Offizieren und Unteroffizieren derart in der Handhabung dieser schwierigen Kriegsmaschinen in Übung blieb, daß selbst auf unvorhergesehenen Befehl die Panzerdivision unbedenklich in See gehen konnte. Seemannschaft und kühne Entschlußfähigkeit lernten Offiziere und Mannschaften auf den Torpedobooten.

Admiral Friedrich von Hollmann.

Als Kaiser Wilhelm II., der schon als jugendlicher Prinz tiefes Verständnis und warmherziges Interesse der Marine entgegenbrachte, den Thron bestieg, war Caprivis Amtsführung zu Ende. Der neue, dem Seeoffizierkorps entnommene Chef der Admiralität holte eine lang versäumte Maßnahme, den Bau von Linienschiffen, nach.

Man macht oft Caprivi zum Vorwurf, daß er fünf Jahre lang keine Panzerschiffe baute. Ihren militärischen Wert schätzte er, wie die aus seiner Zeit herrührenden Denkschriften beweisen, vollkommen richtig ein. Dieser Vorwurf ist daher unbegründet. Die Flottenlisten der fremden Nationen England und Frankreich weisen in der Zeitperiode des Auftretens der Torpedowaffe fast gar keine Linienschiffbauten auf. Die anderen unter den heutigen Seemächten kamen für jene Zeit überhaupt noch nicht in Betracht. Der Bau der neuen Linienschiffe wurde energisch gefördert. Im Jahre 1893 und 1894 traten sie in das aktive Geschwader ein.

Eine andere bedeutungsvolle Maßnahme hob die geschaffene einheitliche Admiralität auf. Neben ein rein militärisch gegliedertes Oberkommando kam das Reichsmarineamt, dessen Chef als Vertreter des Reichskanzlers den Etat der Marine vor dem Reichstag und die Verwaltungsangelegenheiten als Chef der Verwaltung den militärischen Marinebehörden gegenüber vertreten mußte. Im Jahre 1890 kam an die Spitze dieser Behörde der Admiral Hollmann.

Der erste Gegenstand, der in seiner Amtstätigkeit in der Öffentlichkeit viel erörtert wurde und die Flotte vorübergehend in den Hintergrund treten ließ, war die Erwerbung und militärische Befestigung der Insel Helgoland und die Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals.

Die bedeutsame Entwicklung unseres deutschen Vaterlandes nahm ihren Fortgang. Die starke Bevölkerungszunahme nötigte dazu, den Schwerpunkt deutschen Erwerbslebens von der Landwirtschaft in die Industrie zu verlegen. In immer erweitertem Maße steigerte sich die Einfuhr überseeischer Rohstoffe, die eine ungeahnte Ausdehnung unseres Seehandels bedingten. Wir wurden Mitbewerber, wo man uns bisher kaum beachtet hatte. Allgemeine Zustimmung fanden die Kaiserworte: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser,“ und „Bitter not ist uns eine starke Flotte!“

Eine schwere Aufgabe, im deutschen Volke breiten Schichten diese Wahrheiten begreiflich zu machen! Wir waren berechtigt, auf dem Weltmarkt mit gleichen Ansprüchen wie die übrigen Völker aufzutreten, wir mußten mit ihnen Weltpolitik treiben.

Die Aufgabe wurde gelöst; heute erkennt das deutsche Volk, daß eine starke Flotte ihm Freiheit und eine ungehinderte Entfaltung im Welthandel gewährleistet. Seit 1897 ist Staatssekretär Tirpitz der umsichtige Leiter des Marineamtes. Seine Maßnahmen, einen einheitlichen militärischen Organisationsplan über Ausbau und Indiensthaltung zu schaffen, welche trotz Änderungen, die durch den Wandel der Zeit bedingt sind, ein festes Grundgepräge aufweisen, fanden die Zustimmung der gesetzgebenden Faktoren.

Ende März 1898 kam nach mühseligen Verhandlungen der Grundplan, das erste große Flottengesetz, zur Annahme. Die notwendigen erforderlichen Erweiterungen des Grundplanes brachten die Flottennovellen von 1900, 1906 und 1911.

Das deutsche Volk hat jetzt die Gewähr, daß seine Marine den Anforderungen, die an sie herantreten können, gewachsen ist. Ein großer Fehler wäre es, das Gesetz aufzuheben, das eine weitblickende Regierung schuf. Schwere Lasten brachten die Flottengesetze dem Volke, jedoch muß unsere Generation sie tragen, um der künftigen die Ellbogenfreiheit auf der See und damit im Welthandel und Weltverkehr zu sichern: „Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser!“ und Deutschlands Flagge soll in Ehren wehen!