Der Tag von Eckernförde.
(5. April 1849.)
Als die Schleswig-Holsteiner für ihre Freiheit im Kampfe gegen Dänemark standen, schickte ihnen der Deutsche Bund Truppenunterstützungen, die im Jahre 1849 unter dem Oberbefehl des Herzogs von Koburg-Gotha standen. —
Es war am Abend des 4. April. Der Tischler Kalissen hatte von einem schwankenden Gerüst oben an der Spitze des Gettorfer Kirchturms Ausschau gehalten und die Ankunft eines starken dänischen Geschwaders angezeigt, das einen Angriff auf Eckernförde zu planen schien. Sofort rüsteten die vorhandenen Streitkräfte sich zur Gegenwehr; die geringe Infanterie mußte den Strand besetzen, und die Küstenartillerie zwei kleine Schanzen, die schon im Jahre 1848 zum Schutz des Hafens errichtet worden waren. Die Nordbatterie führte sechs Geschütze und ihr gegenüber die Südbatterie nur vier eiserne Kanonen. Für beide standen zur Bedienung unter Hauptmann Jungmann vier Unteroffiziere und zweiundsiebzig Artilleristen, durchweg Rekruten, bereit. Eine nassauische Feldbatterie wurde aufgefahren, um einen etwa beabsichtigten Landungsversuch der Dänen mit zu verhindern. Daß diese kleine Schar vor den nahenden Kriegsschiffen mit ihrer viel größeren Geschützstärke nicht einen Augenblick zitterte, war das Verdienst des heldenmütigen Jungmann, der erst kurz vorher aus der Türkei, wo er die starke Artillerie am Bosporus befehligte, zurückgekehrt war.
Die Mannschaften der Nordschanze standen unter Hauptmann Jungmann, den Befehl in der Südschanze hatte bei dem Mangel an Offizieren ein junger Holsteiner, der Freiwillige, Unteroffizier von Preußer, inne.
In der Frühe des Gründonnerstags fuhr das dänische Geschwader, das während der Nacht draußen gekreuzt hatte, unter allen Segeln in den Eckernförder Hafen ein. Das stolze Linienschiff ‚Christian VIII.‘ führte zweiundneunzig Kanonen und stand unter dem Befehl von Kapitän Paludan, die Fregatte ‚Gefion‘ hatte vierundfünfzig Kanonen, die Dampfschiffe ‚Hekla‘ sieben und ‚Geyser‘ sechs Geschütze.
Die einlaufende Flotte wollte die beiden Strandbatterien zerstören, durch eine Truppenlandung sich der Stadt bemächtigen, alle gefundenen Vorräte vernichten und dann schleunigst den Rückzug antreten. Wohl stand der Wind dem Geschwader nicht günstig, trotzdem glaubten die Schiffsführer im Vertrauen auf ihre starke Geschützzahl von hundertneunundfünfzig Kanonen die kleinen Batterien am Strande zum Schweigen zu bringen. Gegen acht Uhr kamen die Dänen in den Schußbereich der Nordschanze. Sofort wurden sie von dort durch eine gutgezielte Ladung begrüßt, die das heransteuernde Linienschiff nur mit seinen Buggeschützen beantwortete.
Situationsplan der Zerstörung der dänischen Schiffe ‚Christian VIII.‘ und ‚Gefion‘ bei Eckernförde.
Als beim Beginne des Geschützfeuers die ersten Kugeln in die kleine deutsche Batterie einschlugen, entfiel den noch nicht kampfgewohnter Soldaten der Mut. Plötzlich stand ihr Hauptmann Jungmann auf den Brustwehr und begrüßte die rings um ihn in die Erde einschlagenden Kugeln mit gezogenem Degen. Das wirkte Wunder. Jetzt erkannten die jungen Kämpfer, daß nicht alle Kugeln trafen, und mutig standen sie ihren Mann bei der Bedienung der Geschütze, obwohl die feindlichen Schiffe ein furchtbares Feuer eröffneten. Dreißig bis vierzig Kugeln sausten oft auf einmal heran, wenn das Linienschiff eine volle Breitseite abgab. So wurden in kurzer Zeit Tausende von Geschossen verschwendet, ohne großen Schaden anzurichten.
Der Hauptangriff des Linienschiffes galt zunächst der Nordschanze, während der Zeit beschoß die Fregatte die Südbatterie. Die dänischen Artilleristen zielten schlecht, die meisten Geschosse flogen hoch über die deutsche Batterien hinweg auf den Strand, oder sie zerstörten die Brustwehr und die etwas höher gelegenen Deckungsschanzen für die Infanterie.
Damit wuchs der Mut der Verteidiger mehr und mehr. Als in der Nordbatterie eine Bombe auf die Pulverkammer fiel, stürzte sich ein alter Feldwebel auf den gefährlichen Gast und machte ihn unschädlich. Wenige Augenblicke später warf eine große Vollkugel ein Geschütz um; nur wenige Minuten, und der Schaden war wiederhergestellt. Mit großer Ruhe ward gezielt und geschossen! Jede Kugel traf mit Sicherheit ihr Ziel. Eine spätere Untersuchung der ‚Gefion‘ ergab, daß nur sechs Geschosse fehlgingen, alle übrigen saßen sämtlich im Schiffsrumpf dicht über dem Wasserspiegel.
Auch das Segelwerk der Schiffe litt; als auf dem Linienschiff dichter Qualm aufstieg, gab er Kunde, daß eine deutsche Bombe gezündet hatte und das Feuer das Schiff bedrohte. Noch schlimmer stand es um die Fregatte. Sie war durch einen Schuß in das Steuer beinahe zu jedem Manöver unfähig. Durch Notzeichen rief sie die Dampfboote herbei, aber keines vermochte die Schußlinie der beiden Strandbatterien zu durchfahren. Schwer beschädigt mußten die beiden auf ihre eigene Rettung bedacht sein und die Kriegsschiffe ihrem Schicksal überlassen.
Nach den Berichten der Augenzeugen sahen viele Zuschauer von der Anhöhe am Hafen in fieberhafter Aufregung dem Kampf zu. Schwieg die Nordschanze eine Weile, dann bemächtigte sich Kummer und Verzweiflung der harrenden Menge; sowie sie aber die Kanonenschüsse der Dänen auch nur mit einem Schuß erwiderte, drückten die Zuschauer sich freudetrunken die Hände und riefen einander zu: „Sie hält sich, die Schanze hält sich! Gott schütze Schleswig-Holstein!“ Mehrere Stunden hielten die wackeren Batterien dem furchtbaren Angriff stand, aber sie wären schließlich doch unterlegen, wenn die Elemente sich nicht als gute Verbündete erwiesen hätten.
Eine schwache östliche Brise wurde allmählich immer stärker und trieb die Dänenflotte tief in den Hafen hinein, so daß sie auch von den Feldgeschützen der nassauischen Batterie mit Kartätschenfeuer bestrichen werden konnte; das hinderte die Mannschaften an einem Aufenthalt auf Deck und in den Wanten. Die Not der ‚Gefion‘ stieg aufs höchste, sie bat noch einmal dringend um Hilfe, der Dampfer ‚Geyser‘ eilte heran, schon lag das Bugsiertau an der Fregatte, da zerschnitt eine Kugel das Seil — das Schicksal der ‚Gefion‘ war besiegelt; sie war verloren. Dem Kapitän blieb nichts weiter übrig, als die Flagge zu streichen.
Das Linienschiff ‚Christian VIII.‘ litt nicht weniger unter dem Feuer der Strandbatterien, dazu brannte das Schiff, aber der Herd des Feuers war nicht zu entdecken. Immerzu schlugen glühende Kugeln krachend in den Rumpf des Schiffes ein. Sie mußten aufgesucht und über Bord geworfen werden, wenn nicht an hundert Stellen zugleich der Brand auflodern sollte. Nach siebenstündigem Kampf stieg in der Mittagsstunde am Mast die weiße Parlamentärflagge auf, das Feuer schwieg auf beiden Seiten, und ein dänisches Boot nahte mit einer Botschaft des Kapitäns Paludan.
Niederlage der dänischen Schiffe ‚Christian VIII.‘ und ‚Gefion‘ in der Eckernförder Bucht.
In einem Schreiben, das an die ‚Oberste Zivil- und Militärbehörde in Eckernförde‘ gerichtet war, verlangte der dänische Befehlshaber freien und unbehinderten Abzug der Schiffe; sollte das verweigert werden, so würde er die Stadt in Brand schießen.
Der Magistrat der Stadt überließ Hauptmann Jungmann die Entscheidung, der in Verbindung mit Hauptmann von Irminger, dem Kommandeur des dritten schleswig-holsteinischen Reservebataillons, und dem Etappenkommandeur Wigand das Schreiben folgendermaßen beantwortete:
„Wir sehen uns nicht veranlaßt, Ihre Schiffe zu schonen. Sollten Sie Ihre Drohung, eine offene Stadt zu beschießen, verwirklichen, so würde ein solcher Vandalismus der Fluch Dänemarks werden, dessen Vertreter Sie hier sind.“
Diese Antwort war von der Bevölkerung in der ernsten Stunde mit Jubel aufgenommen worden. Zweifellos hätte jede feindliche Kugel ein Haus der nahen Stadt zerstört, aber trotzdem riefen die Bürger entschlossen: „Wir wären ehrlos und verdienten den Fluch ganz Deutschlands, wenn wir die Schiffe entkommen ließen; darum bestehen wir darauf, daß der Vorschlag der Dänen abgelehnt werde.“
Gegen fünf Uhr nachmittags begann der Entscheidungskampf. Er sollte nicht lange dauern. Ein großartiges Schauspiel bot sich für die Zuschauer; sie beobachteten, wie fast jede Kugel der Batterien traf und nach jeder abgefeuerten Breitseite der Schiffe Dampf- und Staubwolken die ausdauernden Kanoniere einhüllten. Diese wurden mit Jubel begrüßt, wenn die Wolken sich verzogen hatten und die schwarz-rot-goldene Flagge, wohl vielfach durchlöchert, immer noch auf den Batterieständen wehte.
Die sonst so vortreffliche dänische Artillerie hat in dem Kampf bei Eckernförde sich schlecht bewährt. Wie später bekannt geworden ist, flüchteten die Kanoniere vor dem Feuer der Deutschen von den Kanonen, und an ihre Stellen traten Seekadetten. Aber auch deren Aufopferung konnte die stolzen Schiffe nicht retten.
Als die Abendsonne am Himmel verschwand, sank auf den Dänenschiffen der stolze Danebrog. Zwei schöne Fahrzeuge bildeten die Beute einer kleinen Schar umsichtig geleiteter, tapferer Kanoniere. Ein tausendfaches Hurra der Zuschauer begrüßte das Ende des Kampfes. Das Feuer schwieg, und dann war alles still. — —
Im Erfolg erst erwies sich die wahre Heldengröße der Sieger. Nirgends hörte man lauten, übermütigen Jubel, in tiefer Bewegung reichten die Braven sich still die Hände und blickten dankbar zum Himmel auf. Unteroffizier von Preußer bemerkte, daß die Dänen alle Boote herabließen und in eiliger Flucht von dem brennenden Schiffe zu entkommen suchten. Preußers Entschluß war rasch gefaßt. Mit einigen seiner Leute sprang er in ein Boot, ermahnte die Fischer, ihm mit ihren Kähnen zu folgen, und steuerte dem Kriegsschiff zu, aus dessen Luken schwarze Rauchwolken emporwirbelten. Nach wenigen Minuten war er an Bord des von Blut und Leichen bedeckten Schiffes. Mit übermenschlicher Anstrengung bemühte er sich um die Rettung der Verstümmelten und Entkräfteten. Unterdessen griff das Feuer rasend um sich, bedrohte die Pulverkammer und das Leben der heldenmütigen Retter.
Vergebens beschwor von Preußer seine Freunde, nach dem Land zurückzukehren, vergebens trieben die dänischen Matrosen zur Eile. Plötzlich ertönte eine furchtbare Explosion, ‚Christian VIII.‘ war in die Luft geflogen. Ein Augenzeuge schrieb darüber:
„Die Dunkelheit wich plötzlich größester Tageshelle. Eine Feuergarbe, groß und breit wie das Linienschiff, stieg empor. Der Hafen glich einem Feuermeer. Eine ungeheure schwarze Rauchwolke schwebte über dem Ganzen. Brennende Balken und Masten bildeten riesige Sterne darin, und die in der Luft platzenden Bomben durchzuckten wie Blitze, denen der Donner unmittelbar folgte, diese Wolkenmasse. Es war ein unbeschreiblich großartiger, furchtbar schöner Anblick.“ — Der heldenmütige Retter von Preußer fand mit zweiundneunzig Mann beim Untergang des Schiffes seinen Tod.