Die Handelswaren der Hansezeit.

In den Jahrhunderten, in denen die Hanse herrschte, haben sowohl die Waren als auch die Art, in der der Kaufmann seine Waren vertrieb, eine mannigfache Änderung erfahren. Der Aufstieg des hansischen Handels kam langsam, der Abstieg schneller; auch der Anteil, den die einzelnen Hansestädte am Umsatz hatten, war verschiedenartig. Der Handel der Hansestädte beschäftigte sich sehr stark mit Rohstoffen und ihrer Herbeischaffung durch die Seefahrt. Ein großer Teil der eingeführten Rohstoffe wurde entweder im Süden Deutschlands verarbeitet, oder er ging auf dem Seewege nach Brügge, nach England, ja sogar bis nach Spanien. Die Tätigkeit des hansischen Kaufmanns bildete nicht etwa der Frachtverkehr, sondern der Zwischenhandel, in dem er zwischen dem Verkäufer und dem Abnehmer als selbständiger Kaufmann auftrat. So wie der Hanse die Rohstoffe verhandelte, schaffte er den flandrischen und englischen Industrieerzeugnissen und denen des Gewerbes und der Kunst ein Absatzgebiet. Einen reichen Gewinn zogen die Seestädte aus dem Frachtverkehr, indem sie ihre Schiffe an den binnenländischen Kaufmann vermieteten, da dieser der Fahrzeuge zum Fortschaffen seiner Waren benötigte.

Die Art des Handels war zunächst sehr einfach; im sogenannten ‚Proper-Handel‘, das heißt Eigenhandel, erstand der Kaufmann persönlich seine Waren, führte sie fort und schloß am anderen Ort den Kaufvertrag mit dem Käufer ab. Oft kam eine Art Tauschhandel zustande, Ware wurde gegen Ware vertauscht, und ein hinzugerechneter Aufschlag schuf den Gewinn. Allmählich kam dann die Entwicklung; sie brachte den Kommissionshandel auf, die reinen Geldgeschäfte nahmen zu, und die Zahlungsanweisung, der Wechsel, fand von Italien aus den Weg nach Deutschland.

Mit dem Wachsen des Handels entstand auch der Großkaufmann. Er zog Untergebene zur Abwicklung seiner Geschäfte heran. Sie hießen die ‚Lieger‘ und waren berechtigt, eigene Geschäfte abzuschließen, auch Schulden konnten sie einziehen. Entweder wohnten die Lieger an einem fremden Platz, oder sie begleiteten die Waren nach ihrem neuen Bestimmungsort; dort verkauften sie die Sendung und erwarben andere Handelsartikel. In den hansischen Kontoren des Auslandes galt auch für sie das Kaufmannsrecht.

Die Verkaufsläden und die Speicher bedienten die Gesellen oder Knechte, die Verpackung, die Verladung und dergleichen Arbeiten gehörten ebenfalls zu ihren Aufgaben. Die Kaufmannssöhne aus den vornehmsten Familien begannen ihre Laufbahn auf der untersten Staffel. Glänzende und verlockende Kaufläden mit prächtig aufgebauten Waren, die heute die Städte zieren, kannte das Kaufmannshaus der hansischen Zeit nicht. Die Vorratsräume in den Speichern, die Bodenräume und die Diele des eigenen Hauses genügten zur Stapelung der Waren; in einer engen, einfachen Schreibstube wurden die Handelsgeschäfte abgeschlossen, die Buchführung und der Schriftwechsel erledigt. An manchen Orten besaßen die Gilden dafür besondere Häuser. Die Krämer, die Kleinkaufleute der damaligen Zeit, benutzten Keller, Vorbauten oder Stuben, um von ihnen aus ihre Handelsgeschäfte im Kleinverkauf zu betreiben.

Die Verpackung der Waren, wie Ballen, Säcke, Fässer usw., wurde durch besondere Handelsmarken gekennzeichnet, die sich aus geraden oder krummen Linien zusammensetzten und so zur Kennzeichnung des Besitzers dienten. Eine solche Marke hatte damals rechtlichen Schutz und bedeutete für jene Zeit das, was heute die Firma darstellt. Der hansische Kaufmann brachte seine Marke in den Handelsbriefen an, er trug sie in seinem Siegelring, den er stets bei sich führte in dem breiten Gürtel, in dem er auch seine Geldbörse bewahrte.

Höchst mannigfaltig waren die Gegenstände, die der hansische Kaufmann verhandelte. Alle Reiche der Natur spendeten ihre Gaben. Als wertvollsten Handelsartikel brachten der Norden und der Osten Pelzwerk, das in der damaligen Kulturwelt weithin, selbst bis in den Orient seine Verbreitung gefunden hat. Kostbares Pelzwerk galt als ein Zeichen der Vornehmheit und des Reichtums. Verordnungen verboten zeitweise den unteren Volksständen, Pelze und Pelzverbrämungen zu tragen. Als ein Zeichen der mittelalterlichen Hochschätzung des Pelzwerks sei daran erinnert, daß der Hermelinmantel noch heute als das Zeichen fürstlicher Würde gilt. In der Verarbeitung des Pelzwerkes, in der Zubereitung der Felle, in der Gerberei und der Kürschnerei hatten die Russen eine große Kunstfertigkeit erlangt. Der Kaufmann mußte streng darauf achten, daß er nicht übervorteilt wurde; er kaufte aus dem Grunde gern ungegerbte Ware. Der Hauptstapelplatz für diese wertvollen Handelsartikel war Nowgorod. Unter den Pelzarten fanden den meisten Absatz: Hermelin und Wiesel, Eichhorn, Bär, Biber, Bisam, Fuchs, Iltis, Luchs, Marder, Otter, Zobel, kurzum alle die Tiergattungen, die auch heute ihre Felle zu allerlei Kleidungsstücken und Gebrauchsgegenständen hergeben müssen. Mit dem größeren Anbau und der Zunahme der Bevölkerung traten andere Handelsartikel hinzu. Lebendes Vieh und frisches Fleisch, Handelsgegenstände, die heute große Bedeutung haben, konnten damals nur in benachbarten Landstrichen verhandelt werden, ein größeres Absatzgebiet fanden jedoch gedörrtes und gepökeltes Fleisch. Pferde brachte der Kaufmann von Preußen und Schweden bis nach England. Andere Erzeugnisse der Tierzucht erfuhren eine vielfache Verwendung. Rohe und gegerbte Häute, Leder aller Art, Talg, Speck, Butter, Käse kamen aus Norwegen und Schweden, Dänemark, Rußland und Deutschland. Ein größeres Absatzgebiet errang sich die Wolle, die vorwiegend in Flandern und England verarbeitet wurde. Die Hauptreichtumsquelle des hansischen Kaufmanns bildete aber der Hering. Seine Ausfuhr erstreckte sich über ganz Europa, und nur wenig geringer war der Handel mit getrocknetem Fleisch, dem Stockfisch. Hierfür bildete Bergen den Hauptstapelplatz.

Als große Bezugsquelle für Wachs galt Rußland, wo die ‚Wachsbäume‘, das sind die Stöcke der Waldbiene, unendliche Mengen erbrachten. Jene Zeit brauchte viel von diesem Stoff. Ein frommer Gebrauch des Mittelalters bestand in der Stiftung von Kerzen. Auch in den Kanzleien der Regierungen benutzte man das Wachs, da den Urkunden des Mittelalters wächserne Siegel angehängt wurden. In dem Hause der Reichen und Vermögenden brannte an hohen Festtagen die Wachskerze; für gewöhnlich begnügte sich jene Zeit mit den Unschlittkerzen und die ärmeren Volkskreise mit der Tranlampe, die qualmend an der Wand hing. Das Wachs kam geschmolzen, aber ungereinigt in großen Blöcken in den Handel. Auf den Kontoren prüften besondere Kenner die Qualität, um Fälschungsversuchen vorzubeugen. Den Gefährten des Wachses, den Honig, kaufte man sehr gern, denn er bedeutete für jene Zeit viel, weil der Zucker noch teuer und sehr selten war.

In den Tagen der Hanse bildete das Getreide gleichfalls einen willkommenen Handelsartikel. Norddeutschland gab Roggen und Weizen in größerer Menge ab, Rußland lieferte damals noch nichts zur Ausfuhr. Die nordischen Reiche und auch England waren im Mittelalter von der Zufuhr des deutschen Brotgetreides durchaus abhängig. Die Preise der Getreidearten schwankten viel mehr als heute, weil der verschiedene Ausfall der Ernte dies verursachte. Der Hanse handelte ferner mit Malz, Mehl, Zwiebeln, Thymian und Grütze, die letztere nahm den Weg bis nach Spanien. Einen sehr gewinnbringenden Erwerb bot die Brauerei, in der damals Deutschland nicht übertroffen wurde. Die Bedeutung des Biers war größer als heute, weil Bier in jenen Tagen als ein Nahrungsmittel galt und heute nur ein Genußmittel darstellt. Es gab unzählige Arten dieses Getränkes; fast jede Stadt hatte ihre besonderen Biersorten. Manche waren dünn und leicht, andere dickflüssig und schwerer. Erwähnt sei hier eine früher gebräuchliche eigentümliche Bierprobe; nachdem das Bier auf einen Schemel gegossen war, mußte sich ein Mann mit seiner Lederhose daraufsetzen. Wenn er sich nach einiger Zeit von seinem Sitze erhob, mußte der Schemel festkleben als Zeichen für die Güte des Bieres. Schon damals besaß das deutsche Bier Weltruf, selbst in den Zeiten von Handelssperren machte man mit diesem Stoff eine Ausnahme. Unter den Artikeln des Nordens müssen der Flachs, der aus Rußland und Skandinavien kam, ferner Hanf und Werg genannt werden, auch der Holzhandel war sehr lebhaft. Alle Länder um die Ostsee gaben Holz in reicher Menge ab, dazu lieferten sie den für den Holzschiffbau jener Zeit unentbehrlichen Teer. Einen bedeutenden Reichtum erwarb sich der deutsche Orden durch den Handel mit Bernstein, der sich einer besonderen Wertschätzung erfreute und seinen Weg bis in das Morgenland hinein nahm.

In der menschlichen Nahrung ist das Salz ein notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil; blutige Kriege um die Salzquellen wurden in den ältesten germanischen Zeiten geführt. Gerade wegen ihres geringen Salzgehaltes eignete die Ostsee sich nicht zur Gewinnung des Salzes, und da der bergmännische Abbau von mineralischem Salz damals noch nicht üblich war, blieb man auf das durch Quellen aus der Erde kommende Salz angewiesen.

Unter den Salzstätten Deutschlands aus den Tagen der Hanse hatte Lüneburg die bedeutsamste Stellung inne. Gerade der Vorort der Hanse, Lübeck, stand mit Lüneburg seit der Mitte des 14. Jahrhunderts durch einen bequemen Wasserweg, den Elbe und Trave verbindenden alten Stecknitzkanal, in Verbindung. Dieses binnenländische Erzeugnis wurde von Lübeck über See ausgeführt und hieß ‚Travesalz‘, im Gegensatz zu dem ‚Baiensalz‘, das von einer kleinen Bucht südlich von der Loire in größerer Menge durch zahlreiche Flotten, den ‚Baienflotten‘, über die See geschafft wurde. Auch den Handel mit Erzen kannte man in der hansischen Zeit. Schweden lieferte eine ganze Menge; schon damals befanden sich viele Eisengruben in lübeckischem Besitz. Andere Metallarten und Mineralien, die Gegenstand des hansischen Handels waren, sind: Kupfer, Blei, Schwefel, Arsenik, Zinnober, Alaun, Borax; auch ungemünztes Gold und Silber in Barren wurde ausgeführt. Als Ballast führten die Schiffe gute, zum Bauen geeignete Steinarten mit, Schweden lieferte Granit, Bornholm den hochwillkommenen Kalkstein.

An die Produkte des Nordens reihten sich die aus dem Westen und Süden Europas als Gegenstände des umfangreichen Handels der Hanse. Den ersten Platz nahmen die verschiedensten Weinarten ein; unter ihnen stand als wertgeschätzteste Sorte der Rheinwein an der Spitze. Jene Zeit liebte es auch, die Speisen kräftig zu würzen, weniger um den Geschmack zu beeinflussen, als um damit zu prunken. Der Hauptmarktplatz für die Gewürze war Brügge. Aus Italien, Südfrankreich und Spanien kam das feine Olivenöl in länglich spitzen Fässern, den Pipen. Es würde ein umfangreiches Verzeichnis geben, sollte alles aufgezählt werden, was die Warenpäcke aus dem Süden und Westen enthielten: Kastanien, Feigen, Datteln, Rosinen, Mandeln, Reis, Orangen, Granatäpfel, alles Dinge, die noch heute unser Herz erfreuen; auch die damalige Zeit genoß sie gern. Aus der Reihe der Gewürze und Heilmittel seien erwähnt: Zucker, Senf, Pfeffer, Nelken, Muskat, Safran, Zimt, Anis, Kampfer, Rhabarber, Wurmkraut, Kardamom, Mandelmilch. Zum Gottesdienste benötigte man des Weihrauchs, zur Färberei des Indigos.

Kostbare Waren aus dem Orient und dem Süden überbrachte der Kaufmann nach dem Norden: seidene Gewänder und seidene Stoffe, Perlen und Edelsteine, mit Perlen und Edelsteinen verzierte Geschmeide, ferner fanden auch Rohbaumwolle aus Syrien und Kattungewebe ihren Absatz im Norden.

Nicht nur die Roherzeugnisse der Tier-, Pflanzen- und Mineralwelt des eigenen Landes wie der fremden Zonen, sondern auch das, was die Kunst und das Handwerk hervorbrachten, füllte den weiten Bauch der hansischen Schiffe.

Am meisten lieferte die Weberei. Von ihr muß wieder die Tuchweberei erwähnt werden, da gerade sie in verschiedenen Orten und Provinzen besonders gute Stoffe hervorbrachte. Bis in das 16. Jahrhundert hinein lieferten die Flamländer die besten Tuche, die sich durch ihre Farbenfreudigkeit wie auch durch die Feinheit ihrer Gespinste auszeichneten. Jede Stadt in Flandern und im nördlichen Frankreich stellte ihre besonderen Arten her, die im Handel sorgfältig durch mannigfache Bezeichnungen unterschieden wurden.

Am deutschen Niederrhein blühte die Tuchweberei in Köln und seiner Umgebung; dort arbeitete man besonders schwarze Tuche für Priestergewänder.

Als England begann, seine Wolle selbst zu verweben, kamen von dorther englische Laken. Tuch war der Handelsgegenstand, der in allen nordischen Ländern gleich unentbehrlich war und gleich willkommen geheißen wurde. In den Handel kam es je nach dem Ursprungslande in Stücken von verschiedener Länge. Die Tuchstücke trugen Bleisiegel, die ihnen nach der Schau angeheftet wurden und ihre Güte und Gleichmäßigkeit bewiesen. Aus Flandern kamen neben kostbaren Teppichen, die man in vornehmen Häusern zum Verzieren der Wände benutzte, Decken mit allerlei Schmuck.

Leinwand führten die hansischen Kaufleute wohl zeitweise ein, meistens jedoch kam das in Deutschland erzeugte Leinen zur Ausfuhr. Nachdem es Sitte geworden war, das weiße Linnen als Stolz der Hausfrau zu betrachten, entstand die Kunstweberei. Fleißige Frauenhände schmückten das Linnen mit allerlei bunten Stickereien, für die der Handel das Garn feilbot.

Da Handwerk und Industrie in den nordischen Ländern und anfänglich auch in England sehr wenig sich entwickelten, bildeten die Gegenstände des täglichen Lebens einen umfangreichen Teil des Warenverkehrs zur Zeit der Hanse. Daraus zogen die einheimische wie fremde Gewerbtätigkeit ihren Vorteil. Was auch nur gefordert wurde, immer wußte der Kaufmann Nutzen daraus zu ziehen und seinen Kunden darzubieten: Hosen, Hüte und Mützen, Schuhe aus Leder und Kork, Stiefel, Gürtel und Beutel, Säcke, Seife, allerlei Glassachen, Perlen, verschiedene Hausgeräte aus Eisen, Messing und Zinn, wie z. B. Äxte, Türschlösser, Messer, Schlüssel, Nägel, Draht, Nadeln, Spielwaren; nicht zu vergessen die Waffen und die Panzer, die Schätze des vornehmen Hauses, der Kirchen und Klöster, hergestellt aus kostbarem Edelmetall, Pergament und Papier, Rosenkränze und Bilder, ganze Altäre, Glocken und geschriebene Gebetbücher.

Beim hansischen Kaufmann standen die Bedarfsgegenstände des täglichen Lebens, die Genußmittel und der Schmuck für das Haus und für die Kleidung zum Verkauf. Er vermittelte den Austausch der Waren zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West, und sein geschäftskundiger Blick, vereint mit der notwendigen politischen Einsicht und dem Willen, die See zu beherrschen, schuf jenen vergangenen glänzenden Abschnitt in der Geschichte des deutschen Handels — die Zeit der Hanse.