AUCH ICH · AUCH DU
AUFZEICHNUNGEN
EINES IRREN
KURT WOLFF VERLAG
BÜCHEREI „DER JÜNGSTE TAG“ BAND 75
GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG
COPYRIGHT BY KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG · 1919
I.
Es ist hier nicht alles, wie ich es mir wünschte. Am Tor steht der Kaiser, der läßt uns nicht hinaus. Er trägt einen roten Rock und läßt mich nicht hinaus, wenn ich mir ein Brieflein kaufen will. Er erzählt auch nichts und macht ein großes Gitter, damit wir uns nicht mit den Damen unterhalten, die draußen vorbeipromenieren mit ihren geputzten Kindern. Er macht das Gitter auf und zu.
Aber gestern hat mir die Mariandjei dies Büchlein gegeben. Recht handlich zum schreiben. Da will ich nun beginnen:
DIE GROSSE RECHTFERTIGUNG.
Das wäre vielleicht nicht einmal so schwierig. Es wäre vielleicht alles noch in Ordnung zu bringen.
Ich bin nur leider nicht mehr ganz bei Trost. Ja, Trost fehlt mir. Jeder hat den seinen. Aber für mich ist wohl keiner mehr übrig geblieben?
Ich hätte nur gerne einmal alles recht klar. Solange ich selbst noch etwas davon weiß. Weil ich der Einzige bin, der etwas weiß. Jeder glaubt, etwas zu wissen. Ich allein weiß wirklich etwas.
Ohne mich rühmen zu wollen! Ach! Wen habe ich nun schon wieder beleidigt? Ich bitte um Entschuldigung! Ich beeile mich, um Entschuldigung zu bitten.
Ich weiß natürlich sehr wohl, daß ich nichts weiß. — Obwohl das nun wiederum auch wohl vielleicht nicht ganz richtig ist, denn: Nichts ist ja wohl nichts. Jedoch: Nichts wissen, das ist schon viel.
Sie denken vielleicht, ich treibe Scherz? Ich spiele ein wenig Sokrates? Aber das liegt mir fern. Liegt mir völlig fern. Hören Sie nur noch einen Augenblick zu, lesen Sie nur noch ein wenig weiter! Ich werde sogleich das Richtige sagen.
Wenn ich einmal, angenommen, wie man so sagt, nichts weiß, ja, was weiß ich denn dann? Es muß doch etwas sein. Wie könnte ich es sonst nicht wissen? Nichts zu wissen, muß doch etwas sein. Nur etwas. Nur ein wenig. Das ist aber nicht zu unterschätzen! Das ist sogar gewiß sehr wichtig, außerordentlich wichtig, dieses Nichts. Ich möchte sogar behaupten, es ist „die Ursache!“
„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ So etwa könnte man sich die Sache vorstellen. So etwa könnte man geradezu behaupten: „Nichts“ war die Ursache der Angelegenheit.
Aber Sie lächeln schon wieder, meine Dame. Sie lächeln bereits über mich, über den „Bajazzo“. Nun, wie Sie wollen! Bitte, ruhig zu lächeln. „Lache, Bajazzo! Und schminke Dein Antlitz!“ Vielleicht ein wenig Gesang gefällig? Vielleicht könnte man ein Lied anstimmen?
Ich bemühe mich, Ihnen zu gefallen, wie Sie sehen. Ich bemühe mich um Ihre Gunst. Ganz einfach gesprochen: Ich möchte Sie herzlich bitten, mir Gehör zu schenken. Ihr Ohr zu leihen, sozusagen.
Und, wenn ich bitten darf, ein wenig Vertrauen! Vertrauen ist es, worum ich bitte. Ich betrachte es als von Gott. Eine Gabe vom Himmel. Ohne Ansehen der Person. Aber kein Almosen! Nichts von Verführung! Leere Hände, gilt es, zu behalten.
Jedoch! Jedennoch! So komme ich nicht zum Ziel. Es ist schon alles wieder verdorben. Ich sehe, ich bin bereits wieder verloren: Habe mich hinreißen lassen, rede und rede.
Die Götzen glänzen mit ihren Perlen. Ihre Haare triefen von Fett und Öl. Ich aber sage Euch: Gottes Bild ist nicht unter ihnen!
Bin aber selbst der schuldige Teil. Ich gebe mir alle Mühe. Ich möchte alles Mögliche tun. Habe bereits auf alle Weise versucht, glücklich zu sein. Aber vergeblich.
Obwohl hier von Glück nicht die Rede sein kann. Wollte um etwas anderes bitten. Was ich benötige ist Vertrauen. Jeder Gott benötigt Vertrauen. Glauben sozusagen. Glaubwürdigkeit. (Jetzt aber hören Sie einmal mein Herz! Es schlägt. Es kichert. Es lacht sich eins. Weil ich da eben „Gott“ erwähnte. Scheinbar so nebenbei erwähnte: „Jeder Gott benötigt Vertrauen.“ Jeder.
Nun, wollen abwarten. Werden schon sehen!)
Aber hier beginnt nun bereits mein Unglück. Abgesehen von Schuld und Unschuld, beginnt hier nun bereits mein Leidensweg: Es kann ja nicht länger verborgen bleiben: Bin leider so wenig vertrauenerweckend.
Ja, unzweifelhaft: Ich errege Gelächter. Man lacht über mich. Und niemand glaubt mir.
Ich bitte aber eines bemerken zu dürfen. Gelächter steckt an. — Vielleicht würden sonst doch nicht alle lachen. Vielleicht wenn Sie es unterließen, zu lachen, würde ich weniger lächerlich erscheinen. Vielleicht, daß sich dann doch einer fände. Vielleicht fände sich dann doch jemand, der an mich glaubt, der an mich glauben möchte?
Ich bitte darum. Ich bitte ergebenst, nicht lachen zu wollen!
Werde aber trotzdem lieber gehen! Werde gehen! Bemühen Sie sich nicht weiter! Lachen Sie getrost!