Das elfte Kapitel.

Es war Fritz Kuhlemann, der ihm diese Botschaft schickte:

„Die ausgehen sollten, wohnen in reichen Häusern. In steinernen Kirchen ist das Wort verschlossen für blöde Mengen am Sonntagmorgen. Die Mächtigen missbrauchen Deine Worte für ihre Zwecke. Man führt Kriege in Deinem Namen. Ungerechtes Gericht ist gesprochen unter dem Zeichen der Liebe. Der Arme geht hungrig. Der Niedrige ist verachtet. Der Sünder stirbt nachher wie zuvor. Was ist Deine Heilsbotschaft an die Welt?“

Er sprach: „Siehe zu, was ich thue:

„Soll ich Krieg führen, um die Welt zu überzeugen? Der Hass wäre schlimmer denn zuvor. Die Sklaven von heute wären grausamere Herren, als die Herren von gestern.

„Soll ich Gesetze geben, neue Ordnung erfinden? Dies Gesetz wäre gut, aber die Menschen sind schlecht. Unter der guten Ordnung bliebe die wilde Wüste.

„Vielen ist es gesagt, aber Wenige hören. Allen ist es ein Schlachtwort und Wenigen Frieden. Einige finden, weil sie von Anfang an hatten, und Viele, die suchen, finden niemals. Schrecklich und scharf ist es, wie ein Schwert, das durchbohrt, süsse Milch, die ganz junge Kinder trinken.“

Er war aber auf einem Schiff, wo er dies sagte, dass er sich übersetzen liesse von einem Ufer zum andern. Und es war ein Mann neben ihm, der ein Tuch mit Samenkörnern eingebunden hatte, die er säen wollte auf seinem Acker.

Er sprach zu ihm: „Gieb mir von Deinen Körnern.“

Der Mann sprach: „Nimm so viele, wie Du willst?“

Er nahm eine Handvoll und streute sie auf das Wasser.

Sprach der Mann zu ihm: „Wie kannst Du solches thun, so doch das Wasser die Samen nicht hält und austreibt?“

Er sprach: „Sollen sie keimen, wird es sie schon tragen, wo sie Wurzel finden. Die Erde ist nicht besser denn das Wasser. Wo ein Same leben soll, müssen tausende sterben.“

Und es war ein Buckliger auf demselben Schiff, der war ganz verwachsen. Alle Knochen seines Leibes standen schief und sein Gesicht war scheusslich anzusehen mit schielenden Augen und einer platten, queren Nase.

Derselbe sprach zu ihm: „Meister, es ist recht, was Du sagst, dass alle Menschen gleich sind, und ist nicht Einer schön und der Andre hässlich, Jener klug und Dieser thöricht. So sage auch diesen, dass sie mich schön finden, und lobe meine Verwachsenheit, die keine Missgestaltung mehr ist.“

Er sprach zu ihm: „Was habe ich mit Dir zu schaffen? Ganz hässlich bist Du und schauerlich anzusehen. Was wagst Du zu hoffen von der Schönheit, die Du beleidigst, und woher kommt Dir der Muth, der Du feige bist und ganz niedrig.“

Trieb ihn von sich mit harten Worten und sah wieder in den Fluss, darin die Landschaft sich spiegelte im klaren Wasser.

Aber sie hörten es nicht gern. Die, die das hörten, fuhren fort, das Volk zu reizen zur Gewalt, um die Machthaber umzustürzen, oder System und Lehrsätze zu erfinden, die Alles gerecht machen sollten, dass Jeder seine Fülle hätte, kein Unfrieden mehr sei in der Welt. Diesen liefen Viele zu. Sie hatten ein grosses Gefolge hinter sich, die sagten: „Morgen kommt der grosse Zusammensturz. Wir werden dann essen, die wir jetzt hungrig sind. Wir werden herrschen, die dienen. Wir sind Viele und sie sind Wenige. Lasst uns uns zusammenrotten und laut schreien, dass wir sie übertäuben und ihre Stimmen mit unseren Stimmen, die zahlreicher sind und lauter schreien.“

Gewaltig erscholl die Stimme Fritz Kuhlemann’s aus der grossen Stadt. „Gebt Eure Güter und verlasst Eure stolzen Paläste! Gebt Eure Macht auf, Ihr Herren und Regierenden! Lasst uns gute Gesetze haben und nicht mehr unsre Frauen und Mädchen verkaufen zu Laster und Unzucht! Wir wollen keine Kriege mehr und keine Hungersnoth. Wir wollen Alle arbeiten und essen. Einer soll sein wie der Andre, Keiner König und Keiner ein Bettler. Unsre Frauen sollen gleichgeachtet sein [pg 187]wie wir und unsre Töchter wie unsre Söhne. Wir wollen glücklich sein auf dieser Welt und Kinder zeugen. – Denn was nachher kommt, wissen wir nicht, Niemand kann an gegen den Tod.“

Ein junger Mann kam zu dem Fremden. Er wollte mit ihm über seinen Seelenzustand sprechen.

Er sagte: „Ich habe immer ein untadeliges Leben geführt. Von Lastern und verbotnen Dingen habe ich mich ferngehalten. Ich habe versucht, meinen Geist zu bilden mit allem Wissen und der Bildung unsrer Zeit. Ich habe meine Lehrer in Ehrfurcht gehalten und meinen Eltern gehorcht. Gegen Niedrigstehende bemühe ich mich höflich und gerecht zu sein. Es fehlt meinen Leuten an nichts. Sie haben ihre Gebühr und über Gebühr. Ich bin allgemein angesehen und hochgeachtet. Wenn ich ein Weib nehmen will, wird Niemand zögern, mir seine beste Tochter anzuvertrauen. Ich werde sie unschuldig, wohlgebildet und von gutem Ruf nehmen, wie ich selber bin. Es klebt kein Stäubchen an meinem Vermögen. Alles ist auf ehrliche Weise erworben und von meinen Voreltern langsam erarbeitet. Kein Blutrichter fände einen Flecken daran. Niemand ist von mir um einen Pfennig betrogen. Dem Staat zahle ich pünklich, was ihm [pg 188]zukommt. Ich betheilige mich an allen Wohlfahrtseinrichtungen und gemeinnützigen Anstalten. Die Leute auf meiner Besitzung sind glücklich gepriesen von Allen. Sprich nun selbst, bin ich vollkommen so und nach Deinem Sinn?“

Er sprach: „Du sagst, dass Du Güter hast. Nimm Deine Güter, den letzten Pfennig, den Du besitzest, und gieb ihn den Armen, den Bettlern und den Hunden.“

Der junge Mann ward sehr traurig und ging von ihm. Er sah ihm lange nach, denn er war ein trefflicher junger Mann, licht und schön von Ansehen, der das Gute suchte.

Darauf sprach er: „Der Reichthum ist schlimmer denn die Wollust, die Wollust giebt für Andre. Er denkt nur an sich. Auch thut der wohl eher Busse, der grobe Sünde thut, denn der angesehen ist vor aller Welt und niemals fiel. Ach es ist schwer! schwer für einen Menschen, der viele Güter hat, dass er das Gute finde!“

Nun sprach Jemand aus seiner Umgebung zu ihm: „Was nützt es den Armen, so Einer giebt? Es käme wenig auf Alle. Morgen wäre dasselbe wieder, dass Einige nichts hätten und Andre mehr.“

Er sprach: „Es ist nicht um der Armen willen. [pg 189]Wenn er es auf’s Meer würfe, die Wellen trügen es fort, wäre es ihm ebenso gut. Siehst Du nicht, dass seine Güter wie eine Mauer stehen zwischen seinem Thun und dem freien Wollen seiner Seele? Alle seine Liebe bleibt eingeschlossen und wird ersticken in ihm, ohnmächtig und schlaff werden. Nur weil er reich ist. – Der Arme liebt wohl leichter. Er hat dafür Neid und Niedrigkeit als seine Feinde. Die Seelen, auf denen das Joch lange liegt, werden niedrig. Und die wahre Liebe ist stolz und eine Königin. Aber die begehren, sind Sklaven. Nur der nichts mehr begehrt, ist ein Vornehmer und ein Fürst.“

Wenige verstanden dies und Viele murrten darüber. Einige sagten, er liebt nur die Armen. Die Andern fanden, dass er ein Reactionär sei und es mit den Hohen nicht verderben wollte.

Es gefiel ihnen auch sehr, ihm schwierige Fragen zu stellen, weil sie ihn fangen wollten in den Antworten. Und er schickte sie ihnen zurück, fragte: Was willst Du thun?, dass sie selber sich antworten mussten, beschämt standen in ihrer Nacktheit und List.

So war ein Mann, der ein Eheweib hatte, die ihn betrog.

Er kam zu ihm und fragte, ob er ihr verzeihen sollte? „Das Gesetz erlaubt mir, mich von ihr zu trennen, sie zu strafen an Gut und Habe. Die allgemeine Meinung und meine Stärke würden mir wohl gestatten, sie zu tödten. Das erste ist Gerechtigkeit, das zweite Rache.“

„Und Deine Liebe?“

„Aber sie hat meine Liebe verrathen. Alle Zärtlichkeiten, die ich ihr erwiesen habe, sind vergessen. Sie hat Kinder von mir gehabt. Ich habe ihr Ehre gezollt als dem Oberhaupt meines Hauses. Ihre Schönheit erfreute mich. Ich gab ihr genug, um sich zu schmücken. Keiner ihrer Wünsche, den es in meiner Macht war zu erfüllen, blieb unerfüllt. Ich liebte ihren Verstand, ihre Art sich auszudrücken, die Weichheit ihrer Stimme, die Liebesbezeugungen, die sie mir erwies, und dadurch Neigungen in mir erweckte, ihre Schüchternheit und Hülflosigkeit selbst.“

„Und ihre Seele? – Hast Du ihre Seele geliebt? Was in ihr schwach war und arm und nach Hülfe schrie? Ihre Zögerungen, den Glauben an Dich, Deine Vollkommenheit, die nicht war, diese verzweifelte Liebe, die im Fleisch suchte, was in Deiner Seele fern von ihr war, – Deine Seele, [pg 191]die sich nicht mit ihr vereinigen konnte. Die sie in die Arme eines Andern fliehen machte, der sie noch unglücklicher liess? – Diese arme, nackte frierende, beschämte Seele, hast Du sie geliebt?“

Auch der verstand ihn nicht. Viele Leute sagten nun: „Er ist nachsichtig für die Sünden des Fleisches. Huren und Lüstlinge sind ihm recht.“

„Die Sünden der Wollust sind traurig,“ sagte er. „Sie tragen ihre Strafe in sich. In dieser Traurigkeit, die nachher kommt von der Unvollkommenheit der Liebe, dass es nur wieder Unvollkommnes ist, was sie gebärt. Die Unreinheit ist das Gift, das Alles vergiftet, das ihr naht. Es giebt keine Schönheit mehr für den, der faul sieht. Sie lieben nicht, die sich der Leidenschaft hingegeben haben. Das ist eine eiternde Krankheit, Würmerfrass der Seele.“

„So wäre es also besser, ganz keusch zu sein, keine Kinder mehr zu zeugen und dass die Welt aufhörte?“ fragte Einer. Er war ein Mann, der im Laster gelebt hatte, und er wollte ihm eine Falle stellen, um zu sagen: „Welch’ ein Unsinn!“

Er sah ihn lange an. „Was weisst Du von der Keuschheit? Das ist die weisse Blume des Paradieses, das erste Gewebe aus den Strahlen [pg 192]der Morgenröthe. Wenige sind ihrer theilhaftig. Und ob sie nackt gingen durch den eklen Sumpf, er befleckte sie nicht. Alle Schande und Schmach kann ihnen nichts anhaben, denn sie schämen sich nicht. Das ist das Höchste, sich nicht zu schämen. Weil die Scham in uns ist von der Sünde.“

Aber Viele wollten, dass er sich deutlicher erklärte.

Er that es nicht: „Vielleicht begreifen nur sie es, die das Andre gekannt haben, durchgegangen sind durch den feurigen Ofen und im Feuer wieder rein wurden. Die irdische unvollkommene Liebe ist in sich ein Abbild der andern. Sie giebt die Sehnsucht. Die Sehnsucht schafft neues Leben – immer neues! Sie sind wohl die Unglücklichsten, die nie geliebt haben. Sie sind unfruchtbar.“

Manche hätten gehofft, dass er mehr darüber sagte. Aber er hielt seinen Mund geschlossen und sprach nicht mehr den Tag.

So setzten sie ihm zu mit vielen spitzfindigen Fragen. „Ich habe meinem Nachbar Geld geliehen. Nun will er es mir nicht wiedergeben. Ist er im Recht oder ich?“

Er sprach: „Warum forderst Du es?“

Es entstand da ein ganz lächerlicher Disput über die Ehre. „Wenn Einer mich geschlagen hat, muss ich ihn wieder schlagen?“

Er sprach: „Ein Schlag und noch ein Schlag sind zwei Schläge. Machst Du ein Loch damit zu, dass Du es doppelt weit einschlägst?“

Aber in seinem Herzen wurde es traurig über sie. Und er that seinen Mund auf und fing an zu wehklagen.

„Arme! die Ihr reich seid, und Eure Güter fressen Euch selbst, Geiz, Neid und Habsucht! Was Du zu viel hast, nimmst Du einem Andern, der zu wenig hat, und für jedes Ueberflüssige, das Du Deinem Leibe anthust, leidet ein Andrer Mangel.

„Geht Ihr hin und gebt Theile, baut Krankenhäuser und sammelt für Wohlfahrtsanstalten: Dies thue ich – und wollt Lob Eurer Nachbarn und Ansehen vor den Leuten, Ihr Heuchler! Wo Ihr nicht genommen habt zuvor, was brauchet Ihr zu geben?

„Ihr sagt, dass Ihr sie hochbringt und streitet für die Freiheit Eurer Brüder, Gesetze, Unterricht und Bürgerrechte. Was brauchtet Ihr Freiheit, wenn Ihr nicht Unfreie gemacht hättet zuvor, Eure [pg 194]Seelen nicht in Banden wären des Geizes, des Trotzes, des Hochmuths, der Lüge, der Trägheit und der feigen Angst?

„Nach Macht trachtet Ihr selbst, wie Ihr Euch hochbaut vor den Leuten, dass sie Euch anstaunen möchten. Innerlich seid Ihr hohl. Ihr zehrt vom Kostbarsten, das Ihr habt. Und wenn der Tag kommt, dass man Euren Leib zu Grabe trägt, Eure Seele war todt in Euch lange vorher.

„Ihr denkt, Ihr habt gefunden, darum sucht Ihr nicht mehr. Das Gesuchte ist weiter von Euch, denn da Ihr irrtet in Noth und Zagen. Ihr stopft die äussre Wunde zu und der Brand frisst fort inwendig. Ihr seid stolz in Eurer Erkenntniss, Eurem Wissen, köstlichen Kleidern um Eure Nacktheit. Und wenn Ihr ganz nackt steht, kommt der Frost. Ihr erstarrt unter dem faulen Schimmer. Eure Herrlichkeit ist die der Eintagsfliege, Eure Grösse die des Maulwurfs, der seinen Erdhaufen aufwirft.

„O Ihr Kleinen! Ihr Armseligen! Ihr Ungläubigen! Wie unglücklich seid Ihr in Eurem Glücke! Wie erbärmlich in Eurem Stolz!

„Die Kinder und Unmündigen werden wissen vor Euch, die Kleinen, die Ihr verachtet habt. Das [pg 195]Lamm wird stärker sein denn der Löwe, der laut brüllt. Eine Jungfrau mit der Seide ihres Haares wird Königreiche leiten, die der Eisenfuss zertritt.

„Wehe Euch! Wehe Euch!

„Die Pflanzen wissen, die Felsstücke. Die Wasser, die ihren Weg laufen. Alle Sterne, die gehen in ihrer Bahn.

„Ihr werdet nie wissen, die Ihr klug seid. Ihr könnt nicht, die Ihr stark seid. Die wollen, werden niemals erreichen. Die kämpfen, siegen nicht.“

Solche Rede erbitterte Viele. Sie suchten ihn zu erhaschen. Aber er ging mitten durch sie hindurch und entwischte ihnen immer.


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