Das zwölfte Kapitel.
Es war Einer, der kam zu ihm bei der Nacht.
Er war aber ein sehr vornehmer Mann des Landes, der Vornehmste und Reichste im ganzen Lande. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhüllt, dass Niemand sein Gesicht erkennen konnte. Die Falten des Mantels verbarg seine Gestalt, dass es unmöglich war zu sagen, ob er klein gewachsen war oder gross, breit oder schlank. Er war von weit gekommen mitten in der Nacht. Er kam zu Pferd und allein. Ein vertrauter Diener hütete sein Pferd, während er hinaufgegangen war, mit ihm zu sprechen in der Nacht.
Die Nacht war stürmisch und sehr finster. Man hörte den Wind brausen. Er trieb die nassen Zweige der Bäume in grossen Packen gegen die Fenster, dass es klatschte und prasselte. Der Wind [pg 197]war gewaltig. Er fuhr über die Erde in einem weiten schwarzen Mantel, dessen unterste Schleppe die Erde fegte. Oben blies er in die Wolken. Sie flohen eilig wie wollige, furchtsame Schafe durch die Nacht. Der Wind zerriss sie in grosse Fetzen und jagte sie fort. Er freute sich, dass er so allein draussen war zu herrschen, orgelte sehr laut und blies ein Triumphlied des Trotzes und der Herausforderung über die Erde.
Der Wind kam von den Eissteppen des Nordens und war über die See gefahren und sein Mantel hatte die Kämme der Wogen aufgepeitscht, dass sie nach ihm schnappten und sich überschlugen in der Jagd nach ihm. Wie hungrige, graue Jagdhunde mit triefenden Lefzen liefen die grossen Wogen unter dem Winde. Aber sie fingen ihn nie. Er heulte und jauchzte. Manchmal packte er sie und wirbelte sie im Tanze, rund, rund, um einen spitzen, kreiselnden Trichter in der Mitte, wo er seinen Kopf versteckte. Er zerschnitt sie in glatten, gekeilten Furchen wie der scharfe Steven eines Dampfschiffs. Dann entschlüpfte er ihnen wieder, sich überschlagend in der Luft. Sie machten verzweifelte Sprünge und warfen sich ihm nach an den Strand wie un[pg 198]gefüge Meerthiere mit nassen, schweren, aufklatschenden Leibern.
Aber er lachte nur und schrie lauter und floh davon.
Er heulte um die Fenster des Leuchtthurms, den die Menschen gebaut hatten, um der Fluth zu wehren, dass der Leuchtthurmwächter erschrak in seinem Herzen: Ich will die Laterne fester stellen, denn heute ist Sturmnacht. Er blies dem Wächter die Capotte vom Gesicht und schrie laut auf vor seinem Fenster, wie ein Meervogel mit schwarzen, schlagenden Flügeln. Dann fuhr er weiter.
Er blies in die weissen Segel der kleinen Fischerbarken, dass sie umschlugen vor dem Wind, platt lagen wie elende, furchtsame Sklaven. Und er probte den stolzen Oceandampfer, der ruhig weiterschiffte in seiner geraden, majestätischen Bahn.
Auf dem Lande bekreuzten sich die Leute und machten die Läden fester zu. Sie dachten mit Sorge an die Schindeln auf ihren Dächern, die schlechten Strohdecken der Scheunen. Der Wind fegte die Schindeln herunter. Er hob das Strohdach auf und fuhr in die Scheune, dass Alles auf[pg 199]stob, durcheinander wirbelte, wie wenn der Raubvogel in den Hühnerstall fährt.
Hui – hui – machte der Sturmwind.
Im Gebirge köpfte er die Tannen und schleuderte sie kopfüber den Abhang hinunter. Von der offenen Bergseite, wo die neue Strasse lief, riss er grobe, rohe Fetzen und kollerte sie in die blanken Eisenbahnschienen mitten auf den Damm. Er polterte an den Pfeilern der Brücken und peitschte die Weidenruthen am Ufer, die sich bis auf die Erde bogen, der Wind ist ihr Herr. Er war furchtbar.
Ueber die Städte der Menschen fuhr er. Sie schlossen die Läden vor und zogen sich die Nachtmützen tiefer über die Ohren: Es ist Sturm draussen und gut, dass wir nicht im Freien sind. – Wo er Einen fand, der draussen war, schüttelte er ihm die armseligen Fetzen vom Leib und kältete ihn durch, dass der Frost in ihm blieb. Denn der Sturmwind war schrecklich und ein Feind der Menschen.
Durch den Sturm und die Nacht ritt der einsame Reiter. Sein Gesicht war dicht verhüllt im Mantel. Sein Pferd schritt schnell, ausgreifend, mit der Regelmässigkeit schöner, geübter Edelthiere. [pg 200]Der Sturm versuchte ihm den Mantel vom Gesicht zu zerren. Aber er hüllte sich nur noch dichter hinein. Ganz schwarz sah er aus. Wie ein schwarzer Schatten ritt er durch die Nacht unter dem heulenden Sturmwind. Der Diener folgte, stumm, wachsam, in einiger Entfernung.
Der Reiter hörte dem Concert des Windes zu. Es war ihm, als bildete es eine sehr hohe, erhabne und brausende Melodie. Aber er war zu weit entfernt und zu niedrig. Er konnte nicht verstehen, was der Sturmwind sang.
Es war ein Lied vom Krieg, von Trompetenrufen und Pferdegetrappel, von wehenden Fahnen, Kanonendonner und knatterndem Gewehrfeuer – dann der Hurrahschrei des Siegers. Einer ritt allein im strahlenden Adlerhelm. Die Sonne seines Helms warf Strahlen. Ein weisses Pferd schritt unter ihm. Alle schrieen: Heil! Heil dem Sieger, dem grossen König unter den Menschen, dem Gewaltigen!
... Es war der Orgelklang eines Doms. Alle Glocken läuteten. Festguirlanden hingen. Frauen wehten mit ihren Tüchern. Weissgekleidete Mädchen trugen Blumen und sangen. Endlos war der Zug der Festtheilnehmer. – Der Hermelin [pg 201]hing um seine Schultern. In schweren Falten umfloss ihn der Purpur. Er schritt die Stufen zum Altar hinan. Hinter ihm rauschte der Mantel. Das Schwert stiess klirrend gegen den Marmor und der Priester im Ornat hob die lichte Krone, den wundersamen Reifen ohne Anfang, ohne Ende, wie die Schlange, die den Weltkreis hält, funkelnd im Schmuck der Edelgesteine – des Rubins, der das Blut ist, Topase, köstlicher als Gold, der Herrschaft, und Smaragden, funkelnde grüne Augen der Edelkatze. – Und er war es, der gross und reich war, der König war.
Lieder von Ruhm und Macht sang der Sturmwind. Der einsame Reiter in der Mitternacht hörte ihm zu. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhüllt und ritt schnell, dass Niemand ihn kennen konnte.
Als ein Fremder zu dem Fremden kam er mitten in der Nacht.
Draussen tobte und fauchte der Sturmwind. Er strich dahin mit dem tiefen, surrenden Ton zu stark gespannter Saiten. Die Luft schwang und zitterte nach seinem Röhren. Die Erde aus ihren Eingeweiden antwortete gleich dem vibrirenden Resonnanzboden einer Violine.
„Es ist Sturmwind und sehr finster,“ sagte der schwarze Reiter. „Ich bin zu Dir gekommen, um mit Dir zu sprechen über Dinge, die gefährlich sind zu nennen und sehr geheim. Darum komme ich in der Nacht. Sie ist furchtbar, diese Nacht!“
„Es giebt einen Morgen,“ sagte der Fremde. „Das Licht wird sehr hell kommen. Wir werden Morgen haben bald.“
„Ich darf den Morgen nicht sehen. Ich habe grosse Eile, und dass ich hier bin, darf Keiner wissen. Das Licht nicht und nicht der weisse Nebel des Morgens, der dem Hahnschrei vorangeht. Durch die Nacht und den Sturm bin ich gekommen, weil es Nacht ist und Sturm in mir. Hörst Du die Weisen draussen? Es sind alle Geister der tollen Vergangenheit, die los sind. Sie singen mir von Stolz und Sieg und Macht. Ich sehe sie Alle, die dies Haus umkreisen und mit mir hierhergezogen sind. Sie tragen Rüstungen von Eisen und gehen langsam vorüber. Die Letzten haben Purpurmäntel und Einige reiten auf herrlichen Pferden. Einer trägt sein Haupt unter seinem Arm. – Warum sind sie grauenhaft und traurig wie diese?“
„Sie haben getödtet,“ sagte der Fremde. „Sie haben genommen. Sie haben gerächt und gerichtet.“
„Aber Viele haben Gutes gethan. Sie haben Ordnung gestiftet. Sie haben geschafft. Die Kraft ihres Hirns haben sie gegeben und die Stärke ihres Arms. Sie waren Väter und Erbauer.“
„Des Vaters Amt ist ein schweres. Viele führt in die Irre, der als ein Führer selber irrt. So er dieser Geringsten einen ärgert, besser wäre es ihm, er verlöre Leben und Leib. Der Baumeister, der nur einen Stein falsch wählt, gefährdet den Bau.“
„Das ist schrecklich. – Sie waren Erwählte unter den Menschen. Die Gnade von oben hat ihnen geholfen.“
„Es ist schwer, dass ein Reicher das Himmelreich finde,“ sagte der Fremde. „Die Gnade wird dem Demüthigen.“
„Man kann demüthig vor Gott sein und stolz vor den Menschen. Gott hat Könige eingesetzt.“
„Einen. Er hatte nicht, da er sein Haupt hinlegen sollte und ward in der Krippe gebettet.“
„Du denkst also, dass es ein Unrecht ist, ein Grosser dieser Welt zu sein?“
„Es stehet geschrieben: Wer unter Euch will ein Herr sein, der sei Aller Knecht.“
„Das ist bildlich gemeint,“ sagte der Reiter. „Wer dem Ganzen dient, ist Aller Knecht.“
„... Und er nahm seinen Schurz und wusch ihnen die Füsse,“ sagte der Fremde milde.
„Das ist doch auch nur symbolisch.“
„Du glaubst, dass das Kreuz ein Symbol ist?“ Der Fremde lächelte – ein trauriges Lächeln. Man sah eine Qual von zweitausend Jahren, versteinert gleichsam, wie lange gestorben, die lebte.
Der Reiter sah ihn ungewiss an. Er zitterte. Der Sturmwind draussen blies zum Umwerfen. Und es war sehr finstre Nacht.
„Gewissermaassen ja. Das Leben ist eine Art Kreuz. Wir hängen am Kreuz. Jeder, der den Kampf des Lebens ficht. Auch Unsereiner hat in sich zu kämpfen, mehr denn Andre. Du sagtest schon, die furchtbare Verantwortung. – Auf Einen fällt der Fehler. Es ist schwer, Recht zu scheiden vom Unrecht. Für dieses schwere Amt müsste man Vorrechte haben. Wer wollte freiwillig es auf sich nehmen?“
„Glaubst Du, dass es Keiner möchte?“
Der Reiter verwirrte sich. „Es muss doch sein, um der Ordnung willen. Es ist besser, dass das [pg 205]Festgefügte bleibt. Einer, um den kein Kampf ist, der den Ehrgeiz nicht kennt, Neid, Niedrigkeit. Das Alles haftet dem Emporgekommenen an. Der Purpurgeborne kennt es nicht. Ist er nicht edler?“
„Gottes Sohn hatte zu seiner Rechten mehr denn zehntausend Legionen Engel. Er liess sich binden und kreuzigen.“
„Er war der Edelste. Das ist nicht menschlich, das ist göttlich.“
Eine lange Pause entstand. Der Fremde hielt das Haupt geneigt. Es waren auf seiner Stirn rothe Spuren wie von Schärfen, Spitzen, die eingedrungen waren. Er hatte Narben in den Händen. Ein Schmerz, wie von einer schweren, nie geheilten Wunde schien in seiner Seite zu wohnen. Er legte die Hand in seine Seite. Er seufzte.
„Und wenn ich es thäte?“ fuhr der Reiter fort. „Wer hätte den Vortheil? Ein Andrer, der käme und schlimmer wäre, vielleicht weniger tief angelegt, – ein Leichtfertiger. Ein Tyrann. Wem wäre geholfen? Und was ist Einer?“
„Einer war und er that.“
„Selbst dieser Eine ...? Ist die Welt besser geworden? Die Formen der Unterdrückung haben gewechselt. Vielleicht sind sie weniger roh. Sind [pg 206]sie darum weniger grausam? Ist Hunger, Krieg, Ungerechtigkeit verschwunden? Er war Gottes Sohn und starb vergebens. Wer bin ich?“
Der Wind hatte einen neuen Einlass gefunden. Er stiess hinein wie in eine Trompete. Ein Fensterglas zersplitterte. Es klang wie Gelächter, das Lachen von tausend Kobolden und Dämonen. Der Fremde antwortete nicht.
„... Es könnte sein, dass Umwälzungen kämen,“ sagte der Reiter, „allgemeine, durch einen Umschwung des Denkens erzielte, langsam vorbereitete. Vielleicht kommt es so? Ich weiss nicht. Wem ist es gegeben zu erforschen? Man muss bleiben, wo man hingestellt ist, sich genügen lassen, sein Bestes zu thun. Unsre Einsicht ist unvollkommen. Langsam nur geht die Zeit. Ich bin nicht ein Erlöser. Nicht ein Genie ... Ich thue meine Pflicht.“
Er hatte seinen Mantel wieder umgenommen. Er rief nach seinem Pferde. Diese ritten hinaus wieder in die Nacht.
Ueber ihren Häuptern fegte der Sturmwind. Er sang wilde, triumphirende Weisen.
Hoiho – hoiho – triumphirte der Sturmwind.
Er ging allein fort, bis er an einen grossen Wald kam und setzte sich daselbst auf einen Stein.
Es war ein sehr alter Wald aus lauter hundertjährigen Bäumen, Eichen mit seltsamen verknoteten, verknöcherten Stämmen, die da wie Vorweltriesen standen. Unten waren sie schon abgestorben, aber oben trieben immer wieder frische grüne Zweige mit krausen Blättern und Eicheln. In einige war der Blitz gefahren. Sie trugen seine Spur wie ein breites kohlschwarzes Band vom Wipfel zur Wurzel. Da war alles Leben versengt, aber die andre Seite grünte noch und breitete Aeste. Alle standen da in einem geheimnissvollen Kreisring. Nicht zu nahe bei einander, weil sie sich sonst gestört hätten im Wachsthum. Um den engeren Ring lief jedesmal ein weiterer. Seine Stämme standen in den Zwischenräumen zwischen denen des Ersten, so dass es von innen anzusehen war wie eine hölzerne geschlossene Ringwand, aus lauter Stäben, dass man nicht unterscheiden konnte, wo der Wald aufhörte oder anfing. Aber zwischen den einzelnen Kronen fiel breit der blaue Himmel durch. Der Boden war mit hohem, grünem, sehr feinem Gras bewachsen. Man konnte gehen in [pg 208]den Abständen der Ringe wie in einer Wandelbahn. Es war schattig und doch hell.
Die Rinde dieser Bäume war rauh, borkig, mit starken, eingeborstnen Abschilferungen wie die mächtigen Dickhäuter. Moose wuchsen aus ihr in grauen Hängebärten. Knoten und Buckel hatte das Alter gebildet, schwärzliche Warzen, in denen die Säfte sich schwärend stauten. Die Aeste kamen wieder, verrankten und verschlangen sich in seltsamer Weise. Keine Regel schien da mehr zu herrschen, nur Laune, grimmige, kauzige Spottsucht des Alters. Die Wurzeln liefen sehr lang mit Knollen und Armen. Sie verästelten und verwoben sich auch ineinander. Einige Stämme hatte man abgehauen. Aber die Stümpfe waren geblieben. In deutlichen Ringen stand ihr Leben geschrieben. Kleines Buschwerk, Gepilze, schoss und trieb um die Todten. Man sah ihre Wurzeln, die weiss wurden, abstarben. Doch mächtig mit starken Fibern und Adern wie Gespinnste einer untergegangenen Hexenwelt.
Grosse Steine von alten Heidenzeiten her lagen in der Runde. Jedermann wusste, dass man diese Steine nicht anrühren durfte. Es lagen grosse Helden der Heiden darunter begraben und [pg 209]sie waren blos verzaubert und nahmen es übel, wenn man sie reizte. Dann kamen sie hervor aus ihrem Grabe, schlugen mit ihrer Zauberkraft Mensch und Vieh. Manche erzählten, dass sie zu Zeiten ein weisses Ross da hätten grasen sehen, ohne Zaum und Sattel, von wunderbarer Farbe und Sanftmuth. Aber wenn man es anrufen und fangen wollte, wurde es schwarz, Feuer sprühte aus seinen Nüstern. Das war das Schlachtross des Heidenkönigs. Auch von einer wundersamen Frau erzählten sie. Er hielt sie dort gefangen mit sich im Tode, die im Leben seine Braut nicht gewesen war. Denn zu den Zeiten waren Männer; solcher liess ein Weib nicht und ob er sie im Sturm geraubt. Der alte Heidenkönig hielt sie im Grabe, und des Nachts stand sie auf und ging zu ihrer eigentlichen Heimath und ihren Kindern, dem weisen, guten König, dem sie angehörte. – Aber des Nachts und wenn es finster war, hielt sie der Andre, der sie geraubt mit seinem Leben. Und man fand, dass es so recht war im Volke, weil er den Blutpreis gezahlt um sie. Es war darum im Herzen der schönen Frau, dass sie nicht widerstehen konnte, wenn er sie zu sich rief auf sein höllisches Bett des Nachts.
Aber sie war unselig und klagte. Oft hörte man ihre Klage widerhallen im Mittag, zu Stunden des Tags, wenn die Luft lau und lind war. Sie klagte, dass der gute König, ihr Mann, gestorben war, alle ihre Kinder und späte Enkelkinder. Ihre Seelen waren zu Gott oder zum Teufel, je nachdem sie thaten, recht oder unrecht gehandelt im Leben. Sie auch war längst todt im Leibe; nur ihre Seele konnte nicht sterben um der sündigen Leidenschaft willen, die sie festhielt an dem starken Helden.
Aus solchen Klagen der weissen Frau hatte man ein Lied gemacht. Knechte und Mägde sangen es oft bei ihrer Arbeit. Es war ein Lied des Landes geworden, von der armen Seele, die nicht sterben konnte, weil sie noch immer liebte. Ihre Liebe war vom Teufel und starb doch nicht. Weil er so stark gewesen war und so schön, der tapferste Held der Heiden und ein Wunder, der König, vor den Leuten.
Jedermann wusste, dass sie nie den Frieden finden konnte. Sie war wie eine unselige Seele zwischen Himmel und Erde. Der Heidenheld küsste sie heiss und wach wieder, jede Nacht, wenn sie müde war und kalt, endlich sterben wollte.
Der Fremde sass auf dem Stein und schrieb in den Sand mit seinem Stabe. Er folgte den krausen Runen der Wurzeln. Buchstaben und Worte bildeten sie, seltsame Worte von tiefer Meinung. Er folgte ihnen in jede ihrer fliehenden Curven, bis sie sich die Hände reichen, neues Spinnen begann. Wo sie aufhörten im Baumstamm, wurden sie sehr stark, wie starke Leiber mannbarer Männer, und standen wie Thürme, die nichts umwirft. Der Blitz war an ihrer Seite hinabgefahren. Er auch hatte seine Schrift gelassen. Da war die Schrift des Blitzes, der Jahre, des Regens, uralter Zeiten.
Ein Salamander schlüpfte zwischen den Wurzeln vor, schwarz und gelb gesprenkelt. Er sah den Fremden an mit blanken, klugen Aeugelchen, die wie Kugeln aus seinem platten Kopfe sprangen. Man sagt von ihm, dass er fest bleibt im Feuer. Wer den Salamanderkönig fängt, steht unversehrt mit ihm mitten in den Flammen, alle Schätze der feurigen Tiefe sind sein. – Denn der Molch ist der König des Feuers, derer, die hämmern ohne Unterlass im Gestein, Zwerge, neidischer, ungefüger Riesen und Drachen. Rothes Gold hüten sie, funkelndes Edelgestein, unerhörte Schätze, von [pg 212]denen die Menschen blind werden und roth sehen in bebender Gier.
Eine schwarze Amsel kam und lief emsig hin und her. Sie blieb stehen und horchte. Dann lief sie wieder, pickte anklopfend, neigte den Kopf und hob ihn. Man sagt, dass diese Amsel Alles weiss, die Sprache der Vögel und der Bäume, wie die tiefsten Sorgen und Geheimnisse des menschlichen Herzens. Wer ihrer Weisheit zuhört, vergisst Essen und Trinken. Wenn er zu sich kommt, ist sein Haar weiss und sein Herz vertrocknet in ihm, wo er jung war, lieben und lachen konnte, da er zum ersten Mal die teuflische Weisheit der Amsel und ihren Spruch vernommen.
Zwischen den Stämmen wob eine Kreuzspinne. Sie wob emsig, klebrige Fäden ziehend und feuchtend mit hebenden Beinchen. Nach rechts und nach links und in Strahlen von ihrem Mittelpunkt aus. Dann verbanden die Strahlen wieder andre kreuzende Fäden. Auf und ab wob die Spinne netzend und anziehend, wie sie Faden auf Faden spann. Die Kreuzspinne dachte: „Dies Gewebe ist meine Welt. Ich habe es Alles allein gemacht aus mir selbst. Hier hänge ich zwischen Himmel und Erde. Sie können mir nichts anhaben von oben oder unten. [pg 213]Denn ich bin die Sonne, die scheint in der Mitte. Alles, was auf ihren Strahlen läuft oder sie kreuzt, ist mein. Sein Blut nährt mich. Ich werde fett und satt von ihrem Blut. Ich bin die fetteste Kreuzspinne im ganzen Wald. Mein Gewebe ist unzerreissbarer wie die starken Bastfäden der Bäume.“
Der Fremde sass und zeichnete im Sand.
Alsbald kam des Wegs ein sehr alter Mann, dem der Wald gehörte. Er war so alt, dass er nicht mehr gerade gehen konnte, sondern sich auf einen Stock stützen musste. Aber sein Rücken war breit und mächtig in dieser Krümmung, als ob er eine Weltlast tragen könnte. Sein Haar und Bart war schlohweiss, von Schnee, der nie mehr schmilzt in ewigem Winter. In seine Haut hatten die Jahre Furchen gegraben wie in einen Acker. Zäh und hart war sie, von der Sonne vielfach verbrannt, dass ihre Farbe der ungegerbten Leders glich oder Pergamenten uralter Schriften. Wo die Adern sich unter ihr kreuzten, bildeten sie starke, hervortretende Knoten. Sie liefen auf seinen Händen wie Stricke, versteinerte Gänge einstiger Canäle, in denen kein Blut mehr fliesst. Wohl hundertjährig war dieser Mann. Aber seine Augen [pg 214]glühten und leuchteten vom Feuer, das nicht stirbt. Wie Steine waren sie, die erstarren machen die, die darauf sehen, stählerne Spiegel, dass die Seele und die geheimsten Gedanken des Mannes, den er anblickte, offen lagen gleich einer Thür ohne Hüter vor dem Alten mit den furchtbaren Augen. Wenn er die Brauen zusammenzog, war sein Zorn so schrecklich, dass die stärksten Herzen zusammenschmolzen vor ihm, ihr Wille war unter seinem Willen wie eine zappelnde Maus, eine winzige, verwickelte und verwirrte Fliege.
Wer diesem Mann nahte, der verfiel ihm mit Leib und Seele. Und er nahm ihre Leiber und sog ihre Seelen ein. Darum war er gross und stark, wunderbar vor Allen und sehr alt, so dass die Leute ringsum sagten: Er wird nicht sterben. Er aber wusste sehr gut, dass er sterben musste. Darum hütete er den tausendjährigen Wald, liess keinen Stamm schlagen, dass er stehen sollte, grünen und Früchte tragen tausend Jahre nach ihm.
Der alte Mann ging auf seinen Stock gestützt und sein Hund folgte ihm. Es war ein grosser, grauer Hund vom Geschlecht der Bulldoggen, die keine Furcht haben vor Mensch oder Thier, riesenhaft und ausgezeichnet unter Seinesgleichen, schwer [pg 215]tretend und sehr alt schon, wie sein Herr war unter seinen Gesellen, Herren und Fürsten ringsher. Etwas vom Ausdruck des Mannes war im Ausdruck des Hundes. Diese Beiden verstanden sich ohne Wort oder Zeichen. Wo sein Herr ging, folgte ihm der Hund. Wenn er des Nachts schlief, lagerte sich der Geselle vor seinem Lager. Es war unmöglich zu diesem Lager zu gelangen, ohne den Leib des Hundes zu berühren, der aufsprang, in einem einzigen Gurgelgriff den Eindringling beendigt hätte, dann legte er sich wieder nieder und leckte seine Tatzen. Denn so furchtbar und gefährlich dieser Hund war für Menschen und Thier, so gehorsam und gefügig war er seinem Herrn, dass er das Wunderbare seines Eindrucks erhöhte, der Ruhm des Hundes gross war wie der seines Herrn, in dieser Gegend, wo man sie für Könige hielt und Wesen über dem Maasse des Irdischen und Staubgewordnen.
Der alte Mann war vor dem Fremden stehen geblieben und sah ihn an. So gross war das Feuer der Sehkraft in den Augen dieses alten Mannes, dass es wie Flammen züngelte und emporschlug an dem Andern. Einen Sterblichen hätte dieses Feuer verbrannt. Aber der Fremde [pg 216]sass ganz still, zeichnete mit seinem Stab im Sande.
„Wer bist Du?“ fragte der alte Mann, dem der Wald gehörte.
„Ich bin Der, der gewesen ist und nicht stirbt.“
„Nichts ist gewesen von Anfang, und Alles stirbt,“ sagte der alte Mann. „Es ist Niemand, der nicht stirbt.“
„Nichts, das gewesen ist, stirbt,“ sagte der Fremde.
„Buddha ist gestorben, Alexander und Cäsar. Was ist geblieben von ihrer Weisheit, ihrem Glanz, ihrer Stärke?“
„Die Amsel, die läuft. Der Molch, der wacht. Die Spinne, die spinnt.“
„Du sprichst sehr thöricht,“ sagte der alte Mann. „Jene waren Helden und Weise. Diese sind arme, geringe Thiere.“
„War ihre Weisheit vorsichtiger denn die des Vogels? Ihr Reichthum grösser denn der der Eidechse? Ihr Werk bleibender als das der Spinne?“
„Sie rechnet nach Tagen. Wir zählen Aeonen. Sein Reichthum ist Spukwesen. Die Weisheit des [pg 217]Vogels ist der rohe Instinkt der Natur. Wir finden die schwersten Regeln und lösen das Innere der Menschheitsgeschichte.“
„Euer Wesen ist Spuk und Eure Weisheit ist Spreu. Sieh, wie ich es zerreisse!“
Der Fremde schlug mit der Hand in das Spinngewebe und zerriss es. Die grosse Spinne fiel. Er setzte den Fuss darauf und zertrat sie. Der Salamander duckte sich unter die Wurzeln. Die Amsel entfloh hüpfend.
„Ich fürchte den Tod nicht,“ sagte der alte Mann stolz. „Ich habe das Leben getragen und es ist schlimmer zu tragen als der Tod. Allen Reichthum und alle Macht habe ich gehabt. Und ich war ein Sklave, ärmer wie der ärmste Tagelöhner. Der Tag, da ich vor meinem Hause stand und Kohl pflanzte, war mein glücklichster Tag. Kaiser und Könige habe ich gekannt. Ich habe an ihrem Tisch gesessen und mit ihnen gegessen. Sie waren wie die Gummibälle in meiner Hand, Seifenblasen, die die Kinder auftreiben und zerblasen. – An meinem Stab bin ich hierhergegangen. Ich habe die ganze Welt besessen und konnte mein Thor zumachen vor der Welt, Eifersucht, Noth, Neid, Hass habe ich getragen, [pg 218]Undank, der schlimmer ist wie der giftige Zahn der Natter. Er hat mich nicht angefochten, mehr denn Jubel, Ruhm, Liebe der Weiber, flüchtige Tropfen des Blüthenöls, die verfliegen. – Hier bin ich ein sehr alter Mann. Die Zeit habe ich ausgehalten und ich grüsse den Tod, denn ich bin müde vom Leben. In mir ist Alles todt, was lebendig gewesen. Ich liebe die Welt nicht und ich hasse sie nicht. Alles ist eins, und so gut als wäre es nie gewesen. Wenn etwas nachher ist, werde ich es tragen. Niemals werde ich glücklich sein und niemals klagen. Ich bin vom Geschlecht der Riesen hier, der Tausendjährigen. – Was bist Du gekommen mich zu stören in meiner Oede?
„... Ich habe Zeichen am Himmel gesehen,“ sagte der alte Mann, „und Götter. Es waren andre Götter vor ihnen, grösser und gewaltiger als Du. Sie hassten und liebten, sie sangen und schlugen. Vielleicht schlafen sie, vielleicht sind sie todt. Lass mich schlafen bei meinen todten Göttern! – Sie rafften und wussten und sammelten Schätze und schufen Welten für Zeiten und Jahre. Sie waren Götter und sind wie Menschen. Ich gehöre zu ihnen. Du bist nicht meiner.“
„Du wirst mich kennen.“
Der alte Mann legte eine Hand vor die Augen und beschattete seine Augen mit der Hand. Wie ein Schatten ging es über seine Augen.
„Ich träumte von Einem ... Es ist lange, lange her. Der da kommen sollte ... Ich weiss nicht, ob er vom Himmel ist oder von der Erde? Du bist Fleisch. Aber Dein Fleisch hat den Tod gesehen. Du bist ein König und kommst im Kleide des Bettlers. Du könntest tödten und Du streckst die Hand aus, um zu bitten. ..... Aber kannst Du lieben? Kannst Du lieben wie wir?“
„Ich bin für Dich gestorben. Aus Liebe zu Dir bin ich Fleisch geworden und ich habe gelitten. Es ist die Liebe, die mich lebendig macht vor Deinen Augen.“
Der Alte hatte sich vorgebeugt. Seine Augen drohten den Fremden zu verschlingen. Sie bohrten sich sehr tief in sein Gesicht und schienen seine Seele zu fassen in ihren Tiefen, wo sie nackt lag: „Wohl – wohl – Du bist gut und barmherzig. Es giebt die Schuld. Und es giebt die Nacht. Ueber Schuld und Nacht – – Kannst Du lieben dahinüber?“
„Ich kannte die Nacht des Todes. Und ich bin in der Hölle gewesen.“
„In der Hölle ... In der Hölle ...“ Der alte Mann beugte sich noch weiter vor. Seine Augen schienen sich hineinzufressen in die des Andern, zu ringen – zu ertrinken. Er athmete hart.
„Wo die Flammen steigen zum nächtlichen Himmel, die Starken schmachten in Ketten und Banden – –“
„Wo die Flammen steigen zum nächtlichen Himmel, die Starken schmachten in Ketten und Banden ... Einer ist, der Starke der Starken, der Stolzesten Stolzer ... Einer – –“
„Keiner ist denn ich. Er ist Ich, Ich bin Er. Sieh mich an und verstehe!“
Der alte Mann hatte einen Schritt vorwärts gemacht. Wie ein Blitz an der Eiche glitt er hernieder. So fiel er um und war todt.
Der Fremde drückte ihm die Augen zu. Er machte das Zeichen des Kreuzes über ihn. Er lag da in seiner ganzen, riesigen Länge, die tausendjährige Eiche, die tausend Jahre gestanden hat und fällt. Der Hund hielt die Wache neben dem Leichnam. Er sass still und gerade, den Kopf hochgerichtet, die Vorderpfoten nebeneinander ge[pg 221]stellt, wie steinerne und eherne Hunde sitzen auf alten Grabmälern.
Der Salamander lugte aus seiner Wurzelspalte. Die Amsel hüpfte und beschrieb seltsame Kreise. Die Spinne wob ihr Netz.
Niemals wieder im Zauberwald hörte man die Klage der weissen Frau.