Elfter Brief.

Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.

Meine Hochzeit! Am 24. Juni ist meine Hochzeit. Sonnwendtag! am Rosenfeste! – Hochzeit – hohe Zeit! – Weisst Du, was das heisst? Wer kann es wissen! Wer kann es aussprechen!

Wie ich vorher gelebt habe, begreife ich nicht, wie ein Egoist, ein Selbstling. Selbst die hohen Träume, die Ideale und Gedanken! Ich komme mir vor, wie ein Mensch, dem über Nacht das Geheimnis des Lebens aufgegangen ist. Und er lebt nun. Er wirkt Leben.

Und wer hat mich das gelehrt? Ein kleines, stummes, wunderbares Wunder, [pg 97]eine zarte, weisse Knospenhülle, um eine träumende, unschuldige Seele.

Mathilde! Mein Mädchen! Mein Weib!

Und wir sprechen von überlegnem Geist, von Klugheit, von Grossthaten. Hier ist der Kern des Rätsels: das Unbewusste, die Unschuld in der Lieblichkeit.

Ob sie denkt und philosophiert, wie ich. Das geschieht Alles so selbstverständlich. Sie lässt sich von mir küssen, in die Arme schliessen.

Sie lächelt. Sie bereitet die Aussteuer.

Wie ich diese schöne Sicherheit liebe! So wird sie als Gattin, als Mutter bleiben, ihr Geschick erfüllt. Wieviel sichrer geht die Natur im Weibe. – Jungfrau – Geliebte – Mutter! Wir irren auf allen Pfaden, beflecken Seele und Leib, um zuletzt demütig niederzuknien vor so einem holden, [pg 98]nicht denkenden, kinderthörichten Wesen: Nimm mich! Lehre mich leben! Mach’ mich glücklich!

Wenn ich jetzt zu ihr komme, finde ich sie vergraben zwischen weisser Leinwand und Spitzen, bunten Seidenstoffen.

Ah, dieser holde und mysteriöse Apparat, der die Braut in das Haus des Gatten geleitet wie auf einer schneeigen Rosenwolke, Dinge, die verhüllen, Wollust versprechen, Reinheit, Zartheit. Ich getraue mich kaum sie anzufassen mit meinen groben Fingern. Ihr Zweck ist mir ein süsses Mysterium, macht mich träumen .. wie diese Festtags-Packete unsrer Kinderzeit, sorgfältig eingeschlagen und umwickelt, um die holde Spannung, die Sehnsucht zu erhöhen.

Sie nimmt das sehr ernsthaft. Sie scheint ganz damit beschäftigt. Ist es denn nicht [pg 99]ernsthaft, ihre kleine Person, die sie schmückt, reizend macht. Bin ich es nicht, für den sie sich schmückt?

Ist es nicht urälteste, heilige Sitte, die Braut, die sich salbt und schmückt, das süsse Geschenk ihres Leibes noch süsser machend. Es sind nörgelnde Kritiker, Frauen, die ihren Beruf, ihr innerstes Wesen verkannt, die gegen die Eitelkeit polemisieren, Uniformen, Trachten einführen wollen. Die Frau giebt nur sich selbst. Ihre Seele ist so ganz eins mit ihrem Leibe in diesen Momenten – Lebensträgerin ... Sie soll ja das Glück sein, die Wonne, die Schönheit.

Hochzeit – hohe Zeit! – –

In mir ist’s hohe Zeit.

Ahnt sie die Kämpfe, diese Begierden, die mich manchmal zerreissen, dass ich sie [pg 100]nehmen möchte, wie ein wildes Tier, sie fortschleppen, verschlingen ... Sie ist sehr ruhig, mit der Heiligkeit der Unschuld alle bösen Begierden dämmend, dass ich sanft bin, folgsam. Nur den grossen Jubel in mir, der mich hochträgt, wie ein Adler, dass ich sie in die Arme nehmen und gegen die Sonne halten möchte.

Hochzeit! hohe Zeit!

Mein Heim steht geschmückt. Seit Wochen sind Tapezierer und Tischler thätig. Die Mama hat Alles angeordnet. Um manches ist mir’s leid, das Alte, Altgewohnte. – Ich werde ja auch ein neuer Mensch. Es ist recht, dass Alles neu ist.

Die Hochzeit soll hier in Templin sein, ein Fest für alle meine Leute. Sie üben schon dafür. Der Lehrer mit den Schulkindern. Ein Flüstern geht unter den Ar[pg 101]beitern. Alle sehen mich freundlich an. Ach die Menschen sind doch gut!

Es giebt ein vollkommenes Glück auf der Erde. Es giebt Engel. In vier Wochen ist der Engel mein Weib.

Wie süss muss es sein, das Leben sich in ihr entwickeln zu sehn, die strahlende Einfachheit des Naturgangs – Leben gebend vollendet sich ihr Leben. – Was ist das Mädchen, das Weib gegen die Mutter? Ist nicht Mutter der Inbegriff aller menschlichen Tugenden, Selbstlosigkeit, Güte, Leidertragen ...

Mein Weib! Mein Mütterchen!

Wie eine kleine Königin wird sie empfangen werden. Ist es denn nicht auch ein kleines Königreich, eine ganze Welt im Kleinen, ihre Welt, der sie Vorbild und Vorsehung ist. „Hausvater und Hausmutter“, [pg 102]der alte, schöne, deutsche Begriff. Hier kann er sich noch verwirklichen. Wir können es noch sein.

So lange es das giebt, steht die Gesellschaft sicher, auf festen Füssen: Reine Frauen, Männer, die ein Heim schaffen können, die an Reinheit glauben.

So, das ist ein Hieb für Dich! Und nun eine liebe, schöne Bitte. Komm! Du darfst nicht fehlen. Komm und sieh einen glücklichen, glückseligen Menschen.

Hohe Zeit – Hochzeit!

Einmal sei auch Du froh. Sag: Ich sehe das Glück und ich glaube es.

Und wenn Du über den Schwärmer lachst, sieh Mathilde im Brautschmuck, weiss unter der weissen Myrtenkrone – und wie Thomas: Geh’ und glaube. Geh’ und schreib ein Buch des Glaubens und der Liebe.

Ich habe so viel davon in mir, dass auch auf Dich etwas übergehn müsste. Ich fühle mich sieghaft, die grosse Lehre der Weltfreude zu verkünden – und Mathilde heisst meine Madonna.

Noch ein kleiner, hübscher Zug von ihr, in unsrer Zeit der Mitgiftjägerinnen, des höheren Kokottentums, wo Mütter schon ihre halberwachsenen Töchter auf „die gute Partie“ dressieren.

Sie hatte den Katalog eines Wäschegeschäfts neulich. Es waren da Muster von teuren Spitzen, die ihr gefielen.

Die Mama, verständig wie immer, riet lächelnd zu billigeren: „Das ist ja für eine Prinzessin, Kleine, – und Du bist ein armes Geheimratstöchterchen.“

Natürlich übernehme ich das Alles. Es [pg 104]bedurfte einer gewissen Überredung bei der Mama. Sie geben mir so Unendliches. Sollen diese teuren Menschen sich Gênen auferlegen, vielleicht rechnen und sorgen, während ich schwelge!

Sie muss mich als Sohn für sie mit eintreten lassen. Ich bin jetzt einer von der Familie. Worin besteht denn die Zusammengehörigkeit, das Vertrauen, wenn ich nicht auch das Schwere mit ihnen tragen darf? Sind diese Güter mein Verdienst? Brauche ich sie? Ich wäre glücklich unter einem Strohdach.

Es ist um Mathildens willen, dass ich mich des Geldes freue. Auch das hat sie mich erst fühlen gelehrt. Es vermehrt meine Macht, zu beglücken.

Verzeih, dass ich dies überhaupt erwähne. Wir haben auch darüber so oft gestritten, [pg 105]über Geldwert und Geldanbetung in unsrer Zeit. Manche Erscheinung des öffentlichen Lebens giebt Dir recht. Ich selbst habe einige Fälle erlebt, die mich misstrauisch und traurig machen.

Man weiss ja leider, dass man ein reicher Mann ist.

Sie weiss davon nichts. Wenn man ihr die kleine Hand mit Geld füllt, wird sie es ausstreuen, lächelnd, segnend, unbewusst. Sie soll von diesem Wissen frei bleiben. Mag die ganze Welt jagen und rechnen, so ist sie das stumme, ruhende Juwel am Herzen der Schöpfung. Wer da ist, um uns an das Himmlische zu mahnen, das Unvergängliche im Dasein, der braucht den Wert eines Hundertmarkscheines nicht zu kennen.

Die Blume ist in sich selbst genug. Die Poesie zu wahren. Das reine Gefühl.

Wir sind nur wir, Mann und Weib. Um uns das Paradies.

Komm, Du armer, verirrter Adamssohn, ruhe im Schatten unsrer Palmen!


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