Zwölfter Brief.

Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.

Die Aussteuer ist eine wichtige Sache. Da „er“ bezahlt, können wir mit der nötigen Gewichtigkeit zu Werke gehn.

Mein Allerheiligstes ist jetzt das reine Modemagazin, Kataloge, Proben, Wiener und Pariser Modellzeichnungen. Da sitzen wir nun sehr ernsthaft, das Nixchen und ich, und suchen aus: rosaseidene Hemdchen mit Valenciennes, hellblaue, süsse, weisse Caleçonhöschen mit hell heliotropnen und lichtmaigrünen Languetten.

Manchmal sind wir im Zweifel, aber sie fügt sich immer meiner überlegneren Einsicht.

Das entzückt sie: „Du verstehst Alles. „Er“ nähme mich grad so gut in einem [pg 108]Sack. – Gott! was soll ich nur machen, wenn ich Dich nicht mehr habe!“

Dann weint sie ein bischen. Aber dann finden wir wieder was extra Hübsches und sehr Teures, wie’s selbst Dada nicht hat. Und wir sind getröstet. „Er“ zahlt ja.

Wenigstens soll er ordentlich blechen – schon für seine Undankbarkeit. Ein Mann, der nicht sieht, wie eine Frau angezogen ist, ist ein Tölpel. Sie macht sich für ihn hübsch. Sie giebt sich Mühe. Was ist das für Mühe! – so’n Löckchen, das graziös und an der richtigen Stelle in die Stirne fällt, eine Schneidertaille, die gut sitzt. Wieviel Nachdenken, Geduld, manchmal Pein, gehört dazu! – Was Wunder, wenn sie das Weggeworfne an Leute giebt, die es besser zu taxieren wissen.

Ich verstehe zu taxieren.

Dann sind wir ganz glücklich. Sie dreht sich vor mir wie eine Drahtpuppe. Wenn ich sie hübsch finde, ist sie glücklich.

„Nixchen! Das darfst du nicht tragen. Das steht Dir nicht.“

Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind. Aber sie gehorcht immer. Alle Frauen gehorchen mir, weil sie das Unpersönliche fühlen, das Wohlgefallen an der Gattung, den Wunsch ihnen Vergnügen zu machen. Ich glaube, wenn ich vor die Sultanin-Mutter träte: „den Turban etwas mehr nach rechts, bitte schön“ ... sie thäte es und wäre mir dankbar. Und sie hätte ein Recht dazu.

Das ist unsere Tugend, uns Weltmännern ihre. Und ist sie nicht eigentlich die allerhöchste Tugend? Spinoza sagt: wer die Fehler der Menschen nicht liebt, liebt die Menschen selbst nicht! Das Menschlichste [pg 110]an der Menschheit ist für mich das Weib. Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler. Sie fühlen das. Sie lieben mich wieder. Sie haben Zutrauen zu mir.

Das ist ganz unbewusst: „Du bist so gut,“ sagt sie manchmal. Dann nimmt sie meine Hand und küsst sie, beinah leidenschaftlich: „Du bist gut.“

Da ist die Ranküne wieder, das kleine, tückische, widerborstige Katzenfauchen in dem „Du“.

„Der ist viel besser als ich.“

Ist er’s wirklich? Ich glaube kaum. Er hätte ihr eine Moralpredigt gehalten und sie beschämt und verbockt nach Hause geschickt wie der selige Joseph schnöden Angedenkens. Die Franzosen haben da ein hübsches Sprichwort: Il y a des choses qui ne se refusent pas. – Oder er hätte sie [pg 111]genommen, seine Lüste befriedigt, mit einem moralischen Kater hinterher sie zur büssenden Magdalena gepeinigt ... Das ist die Tugend dieser Tugendbolde.

Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss, fein und zierlich, ganz in ihrem Fischchen-Element bei mir, munter schwätzend wie ein Vögelchen, von dem, was in ihr ist, all ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten .. – ich habe sie als Künstler behandelt, nicht roh, nicht männisch-selbstsüchtig, nicht pfäffisch-zerstörerisch.

Sie weiss das auch ganz gut, Gänschen, das sie ist. Sie liebt mich.

Sie wird oft sentimental jetzt: „Ich kann nicht leben ohne Dich! Ich möchte am liebsten sterben!“

Manchmal sogar fast wild: „Ich will von zu Hause durchgehn. Mir ist alles ganz [pg 112]egal. Ich lege mich hierhin und gehe nicht wieder fort. Du kannst mit mir machen was Du willst.“

Das sagt sie wohlweislich, wenn sie mir angezogen gegenübersitzt und Makronen knabbert – und dann lauert sie auf den Effekt. Sie möchte etwas mehr Effekt, einen Ausbruch, eine Szene, die Bestie: Mann.

Dann spiegelt sie sich in ihrer Jungfrauschaft: „Es ist doch gar nichts. Eigentlich habe ich doch gar nichts gethan. Niemand kann doch etwas sagen von „uns“.“

Sie betrachtet ihre Ehe als ein grosses Opfer, das sie bringt, mir bringt. Kleines Egoistchen! Ob wohl überhaupt schon mal ein andrer Gedanke als der an ihr eignes kostbares, kleines Selbst in diesem Gehirnchen aufgestiegen ist?

Sie betrauert meine Wohnung: Whip[pg 113]chen, Martin, die Gläser .. Dann wird sie so gerührt über sich selbst, dass sie schluchzt. Aber das macht eine rote Nase, darin ist sie ästhetisch.

Die leidenschaftlichsten Frauen werden dadurch in Schranken gehalten: „Mein Kind, das steht Dir nicht, Deine Stimme klingt schlecht, Du verdirbst Deine Haarfrisur.“ Sie wollen gefallen und sollen gefallen.

Wird die Frauenemanzipation darin je etwas ändern? Die Orientalin, die ihren Leib salbt und ihn mit Juwelen schmückt, sie ist das Naivste und das Grösste. Das Urälteste und das Allermodernste.

Sie fangen an mit Geist. Dann lächeln sie Dir zu .... Und wenn der Geist wiederkommt, dann bist Du als Mann fertig. Ich habe das zu oft durchgemacht.

Ich möchte es nicht anders. Nur mehr [pg 114]Ehrlichkeit möchte ich! Es wird so unendlich viel gelogen, gerade über diesen Punkt. Es ist Alles nur: Qui s’excuse, s’accuse, die Sinnlichkeit, die sich in allerlei Mäntelchen drapiert, selbst in das der Entsagung. Alle Frauen wollten einmal im Leben ins Kloster gehen. Warum giebt man ihn nicht zu, den stärksten und gewaltigsten Lebenstrieb, wie Hunger und Durst, wie Ehrgeiz und Müdigkeit. Der alte, schöne Satz, dass das Weib dem Manne zur Freude, zur Freudigkeit geschaffen sei, setzt sich Brillen auf und schneidet sich die Haare ab, und wird ihm ein Spott und sich selbst ein Zwitter, ein unverstandenes und unverständliches Rätselwesen.

Das bedauere ich von allen Verirrungen der Zeit am meisten, dass die Frauen dogmatisch werden, logisch, prinzipiell. Man will [pg 115]sie einregimentieren und einschwören. Die Völker, die am wenigsten Sonne und Sinnlichkeit haben, geben den Unfug an. Ihr unterbindet euch selbst die Lebensader! Décadence-Männer machen mit.

Und doch:

„’s ist eine der grössten Himmelsgaben,

So ein lieb Ding im Arm zu haben.“

Nicht nur für uns, für es selbst auch. Wo ist die Frau, deren Herz und Hirn gross genug ist, die geliebte, liebende Frau, von herben und verkrüppelten Früchten, die reife, süsse?.....

Jeder Mann betrachtet sie als ein Geschöpf, einzig und allein für ihn bestimmt, eine Adamsrippe, eine Unvollkommenheit. Nur wir, die wir sie wahrhaft lieben, sehen in ihr das Geschöpf für sich, das Menschenwesen, in seiner Eigenart des Interesses und der Teilnahme wert.

Mögen sie hereinfallen! Das „weisse Blatt“ ist die grösste männliche Unverschämtheit, Heuchelei, Protzenhaftigkeit, in der wir wissentlich und willig beharren. Ein Geschöpf mit Augen, Ohren, Sinnen, hundertmal feineren und aufmerksameren Augen, Ohren, Sinnen wie wir, soll das nicht sehen, hören, fühlen, wie wir?

Der Egoismus der Männer macht sie blind. Ich habe kein Mitleid mit Egoisten. Selbst der hintergangene Ehemann! Er ist lächerlich und verächtlich mit Recht. Lebte er wirklich mit seiner Frau, hätte er sich bemüht sie kennen zu lernen, ihr Denken, ihr Fühlen bis in ihre Verlogenheiten hinein – haben wir etwa nicht unsre Verlogenheiten? – wäre ihm das passiert? hätte er nicht warnen, eingreifen können als es Zeit war, wenn nötig sie vorher freigegeben.

Ja, wenn wir nicht alle Rollen spielten. Und es giebt eine Rolle „Mann“, die wir mit Vorliebe spielen, gegen die Rolle „Weib“, die wir ihnen aufoktroyiert haben. Sie rächen sich wie sie können.

Nicht nach Besserung seufzt die Welt, sondern nach Wahrheit. Die Wahrheit ist die höchste Menschenliebe, nur im Vergleich unmoralisch, ungütig, böse. Und wenn der Vergleich fällt von seinem hohen Piedestal, dann steigt das Niedrige. Was ist gemein? Was ist verächtlich? Was ist erhaben, bewunderungswürdig? wenn Alles Menschliche menschlich ist.

Ein heiliges Mitleid liegt schwanger über der Welt, die feinste, reine Quintessenz des Christentums. Nur die Pharisäer stören es. Dem Zöllner ist es natürlich.

Verzeih den Exkurs! Man macht sie zum [pg 118]Schlusse. Der Deutsche macht sie. „Die Moral von der Geschichte“ – Und es ist eine gute, alte Sitte, denn Moral ist überall, wenn es auch nicht die der Rute und der Zuckertüte ist.

Vorgestern feierten wir unser Abschiedsfest.

Sie hatte sich sehr niedlich gemacht, eins von ihren neuen Ausstattungskleidern, ein schillerndes, grünliches, seidnes mit niedrigem Hals.

„Ich habe Mama gesagt, dass ich noch bei Kathi heut Abend bin, und ich will auch wirklich hingehn.“

Ich hatte Alles mit Rosen geschmückt. Wir tranken Sekt und assen kleine, pikante Sachen dazu.

Wir waren sehr lustig.

Sie sass auf meinen Knieen: „Hast Du [pg 119]mich lieb? Wirst Du mich ewig lieb haben, Herri? Wirst Du mich auch nie vergessen?“

Eine gewisse Wärme kommt doch über mich. Ach Herzchen! Herzchen!

Dann erinnerten wir uns an alles Hübsche in unsrer Liebe, ihr erster Besuch, der erste Kuss, all das Heimliche, Süsse ... jeder Gegenstand in meinem Zimmer, Whipchen, die Photographien, der Bismarck ...

„Nie, nie vergesse ich das“ ...

Wir waren ganz glücklich.

„Wie eine Insel ist das, als ob ich zu Hause wäre. Ach Liebchen!“ .... Dann schluchzt sie wieder ein bischen.

Dann die Moral wieder: „Du findest mich auch nicht schlecht?“

– Die süsse, alte Beruhigung Gretchens. Alle thun das. Und Daisy Grimme! die macht’s doch viel schlimmer.

„Wenn es doch möglich wäre! Wenn ich doch heute bei Dir bleiben könnte – und immer!“ ....

„Nun muss ich zu dem ekligen, widerlichen Ball – und morgen!!“ – – –

Ein erneuter Thränenstrom. Sie klammert sich an meinen Hals. Sie ist ganz glühend. Sie küsst mich.

„Nicht wahr, Du glaubst’s, Du glaubst’s doch, dass ich Dich lieb habe, nur Dich!“

Ich glaub’s. Ich glaube Alles.

„Gott! wenn wir jetzt allein auf der Welt wären! im Paradies!“ ....

„Ach! es ist zu schrecklich eingerichtet im Leben! ... Und nicht wahr, meine Briefe, die hast Du verbrannt? Du verbrennst sie doch alle?“ ...

– „Ob wir uns wohl mal wiedersehen? [pg 121]Oh Gott! Wie schrecklich das würde! Ich würde Alles verraten.“

„Sehr verständig würdest Du sein.“

„Ach Du! Nun nimmst Du Dir andre Frauen. Mich hast Du überhaupt gar nicht gern gehabt. Sage, dass Du mich ein bischen gern gehabt hast? Du bist ja so unmoralisch!“

Martin meldet die Droschke.

Ich fahre mit. Oben sind alle Fenster erleuchtet.

„Wenn ich jetzt könnte! Dass Du mich noch nicht mal gehabt hast .. Der greuliche Kerl mich kriegt.“

Sie weiss genau, dass die Droschke im nächsten Moment anhalten muss.

Sie hält.


[pg 122]