Das grüne Holz.

Fuxloh lag ganz hinten in der Welt zwischen den Örtern Blaustauden und Grillenöd, abseits von den breiten Straßen duckte es sich verloren in den Wäldern, ein gar rauhes Dorf voller Tannen. Obst trug dort nur ein einziger Mostbirnbaum, der über hundert Jahre alt war, doch waren seine Birnen so grausam herb, daß man schreien mußte, wenn man hineinbiß. Sonst gediehen nur noch ein paar Vogelbeerbäume und Elexstauden droben an den felsigen Wegen. Aber in ihrem Schatten blühte die weltentlegenste Einfalt in tausend Blumen aus.

Heute findet man das Dorf nimmer, die Wälder sind darüber gewachsen.

Der Fuxloher Wind blies scharf und brannte den Bauern den Schlund aus. Drum war in dem Ort der Durst daheim. Besonders vorzeiten blieben die Männer oft wochenlang auf der Wirtsbank, sie knöpften sich den Latz vom Hosenboden ab und saßen auf dem rohen Fleisch, um das Hirschleder zu schonen. Am Samstag brachten ihnen die Weiber frische Hemden ins Wirtshaus. Und hie und da banden sich die Säufer mit Stierketten aneinander, daß keiner sich heimlich von der nassen Mette wegschleiche und sie alle gemeinsam in des Rausches Elend fuhren.

Dazumal waren die Fuxloher als grobe Schelme, Wilderer und Raufer verrufen, im Lauf der Zeiten aber verloren sie allmählich den übeln Leumund. Es geschah kaum mehr, daß einer den Grenzstein in des Nachbarn Acker rückte, Rösser wurden überhaupt nimmer gestohlen, und selten nur weckte einen nachts das alte Raubschützenblut aus der Rast, daß er aufsprang und an der bayrischen Grenze irgendwo auf einer Waldschneise einen Bock niederknallte.

Nur im Dullhäubelhof hatte sich die alte Art der Fuxloher treulich erhalten.

In einer Schlucht am Wolfsbach, wohin die Bauern vom Dorf herab immer die Gänse trieben, daß sie schwimmen lernten, lag das Gehöft mit dem moosgrünen Schopfdach, darunter an die Mauer ein verschmitztes Gesicht gemalt war mit dem Spruch:

Gott, gib jedem Lumpenhund
zehnmal mehr, als er mir gunnt!

Vor langer Zeit, als die ungarische Königin Resel mit dem Preußen Krieg führte, hauste der Pankraz Dullhäubel auf dem Hof. Bei dem kehrte der Reichtum ein. Den Kopf deckte er sich allweil mit einem dreieckigen Hut, an seinem Rock glänzten mehr Knöpfe, als Tage im Jahr waren. Er ließ das Geld springen und hatte die nötige Münze dazu, denn er war ein Werber, und damals, wo Soldaten gegen Preuß und Türk sein mußten, da lohnte sich sein falsches Gewerb. Manch armen Schlucker fing er, der sich über die Grenze herüber verirrt hatte, und der wurde ohne Erbarmen ins Regiment gestoßen, und viele hatte der Pankraz am Gewissen, die im Krieg auf der blutigen Fleischbank verdarben.

Dazumal kam auch ein Erdspiegel ins Haus, der Pankraz handelte ihn einem wallischen Juden ab, und die Fuxloher fürchteten jetzt den Bauer, der das zauberische Gerät verborgen hielt und dadurch Macht gewann über alle andern.

Aber einmal fing er mit seinen Helfershelfern einen Handwerksburschen und kettete ihm die Hände, und als er ihn gen Hirschenbrunn führte, um ihn dort zu stellen, mußte er sich unterwegs bücken, die Schuhschnalle zu schließen, die ihm aufgesprungen war. Den Augenblick nutzte der Gefangene aus, er schlug dem Werber die Fesseln auf den Schädel, daß er hin war.

Ein arger Vogel legt ein arges Ei.

Der Nachkömmling des Pankraz war der Servaz Dullhäubel. Der trieb sich in grünen Jahren in den Wäldern des Lusens umher und schoß die stolzen Hirsche und die starken Bären. Das Wildern fiel ihm leicht, da er sich dazu himmlische Hilfe zu sichern wußte: er schaffte oft des Nachts ein Wildbret in die Blaustaudner Pfarrküche, und dafür schloß der damalige Geistliche ihn und seine Wege täglich ins Meßgebet ein.

Als dem Servaz einmal von einem Jäger der Fuß krumm geschossen wurde, mußte er das freie Wildschützleben lassen, aber sein zorniges Blut gab ihm keine Ruhe, und er wurde der wildeste Raufer waldauf und waldab. Wenn er zum Kirchweihtanz ging, gab ihm die Bäurin immer sein Totenhemd mit. Die Haut war ihm von Messern zerstochen, der Schädel zerschrammt von splitternden Krügen, das eine Ohr abgebissen, die Zähne eingeschlagen. Mit heraushängenden Därmen schleppte er sich einst von Fuxloh nach Blaustauden zum Balbierer, dort schob er fein lind das Gedärm zurück in seine alte Stätte, steckte Speck in das Loch und nähte es sich selber mit des Balbierers Nadel zu. Die Naht hielt hernach noch dreißig Jahre.

Er rühmte sich oft, der Richter solle ihm in seinem Buch ein Gesetzlein vorweisen, danach er noch nicht abgestraft wäre. Kurz vor seinem Absterben noch erschlug er auf der Kegelbahn den Waldheger von Daxloh mit einem Kegel.

Der Apfel rollt nicht weit vom Baum.

Der Nachkömmling des Servaz war der Bonifaz Dullhäubel. Der hatte es wiederum auf das Bier und den groben Bauernwein abgesehen und soff und schlampampte, daß es ihm schier zu den Ohren herausrann. Fuhr er mit dem Rössel in die Stadt, so schob er dort Kegel auf volle Flaschen und streute das Geld den Kellnerinnen hin. Bei jedem Krug, der ihm vorgesetzt wurde, tat er einen von den fünfundzwanzig Gupfknöpfen an seinem Brustfleck auf; war die Weste ganz offen, so zahlte er seine Schuld, knöpfelte wieder zu und hub von frischem an. So wurde er auch in der größten Zeche nicht irr. Wenn er keinen Trunk mehr bewältigen konnte, so bahrten Wirt und Hausknecht ihn auf seinem Wagen auf, das Rössel zog an und trabte mit dem Schlafenden durch Wald und Sternschein heim. Doch hielt es vor jedem Wirtshaus an, beim grünen Kuckuck, beim Posthorn, bei der Siebenkittelwirtin, bei der Mausfalle, beim blauen Mondschein, und wie die Einkehrstätten alle hießen, und der Trunkene reckte sich aus dem Schlaf und gröhlte: »He, Wirt, füll nach!«

Ein anderes Anwesen wäre unter den Hammer gekommen, der Dullhäubelhof aber hielt den Säufer aus. Viel Grund und Boden und Holz und Vieh gehörten dazu, und die Bauern hätten noch viel reicher sein können, wenn es sie darnach gelüstet hätte. Denn der Pankraz, der Guckähnel, hatte einen schönen Schimmel im Stall stehen, und der Waldfürst hätte das schneeblührieselweiße Roß gar gern geritten und dafür den ganzen weitmächtigen Wald bis zum Lusen hingegeben. Der Pankraz aber hätte nimmer getauscht, und wenn der Fürst vor ihm auf den Knieen gerutscht wäre.

Wie gelebt, so gestorben. Vor lauter Gesundheittrinken kam der Bonifaz Dullhäubel um die Gesundheit.

Die Fuxloher mähten gerade die Wiesen, da kroch der Bonifaz in der Scheuer des Wirtes »zum pfalzenden Hahn« ins Heu, seinen schweren Rausch zu verschlafen, und die Mäher verschütteten ihn aus Übermut unter dem Heu. Sie vergaßen ihn aber hernach in ihrer heißen Arbeit und erinnerten sich erst, als die Bäurin ins Dorf kam und nach dem Bonifaz fragte. Schnell räumten sie das Heu weg; da lag der Vergrabene mit lustigem Gesicht, aber erstickt. Weil die Burschen den Weg zum Gericht scheuten, so halfen sie sich, wie sie es verstanden: sie schlugen einen Haken in die Scheuer, wo sie am finstersten war, hängten den Toten dran und drückten ihm seinen breiten filzenen Scheibenhut in die Stirn. Dann schrieen sie das Unglück im Dorf aus: »Leut, Leut, der Bonifaz hat sich aufgehängt!« Und weil eben ein Sturm anfing, glaubten die Fuxloher ihnen gern und sahen mit Grausen, wie der Strick sich dem Bonifaz um Hals und Bart schnürte, und der Totengräber in Blaustauden drunten grub das Grab um drei Schuh tiefer als sonst, daß der Bonifaz nimmer heraus und umgehen könne.

Die Bäurin gab ihm den Scheibenhut mit in die Truhe. Sie meinte, in der Ewigkeit sei es hübsch lüftig, und der Selige sei allweil heikel gewesen auf den Zugwind. Auch steckte sie ihm die Pfeife ins Maul, er möge sich jenseits etwas vorqualmen, daß ihm Zeit und Ewigkeit besser vergingen. Sie war ein fürsorgliches Weib, die Sodonia.

Wie die alten Vögel pfeifen, so stümpern die jungen.

Der Nachkömmling des Bonifaz war der Isidor Dullhäubel. Der schlug sich, als er zur Mannheit kam, mit einem Stein die vordersten Zähne aus, womit die Soldaten das Papier von den Patronen reißen, daß das Pulver ins Gewehr rinne. So blieb der Isidor vor dem Krieg verschont.

Der neue Bauer meinte, ein richtiger Mann müsse neun Kinder zeugen, und da mußte nicht bloß seine Bäurin daran glauben, sondern auch alle Mägde, die auf dem Hofe dienten. Die Kinder außerhalb der Ehe wuchsen frisch und fröhlich heran, die eheleiblichen aber wurden nicht alt. Sein Weib, die Sanna, sorgte sich nicht um die Brut, sie schlief gern und schlief allweil ein, wenn sie säugte, und der Säugling fiel ihr dabei oft aus dem Schoß. So blieben ihr, ein einziges ausgenommen, keine Kinder, trotzdem daß sie sehr fruchtbar war und nur Zwillinge und Drillinge gebären konnte.

Sie grämte sich nicht um die Liebschaften des Bauers. Doch die Sodonia, die Altbäurin, war ob der heidnischen Vielweiberei ihres Sohnes schwer bekümmert. Aber wenn ihm wieder einmal ein Staudenkind auf die Welt kam und die Sodonia ihm es als Sünde heftig verwies, lachte er nur: »Fürs Lebendigmachen ist noch keiner gestraft worden.«

Der Isidor Dullhäubel führte allzeit sein Tabakglas mit, und weit und breit tat es ihm keiner gleich im Schnupfen. Nicht einmal der Blaustaudner Schulmeister, der, selbst wenn er die Orgel zum Hochamt schlug, den Tabak nicht völlig entbehren konnte und darum auch beim Spiel allweil ein braunes Häuflein auf dem Handrücken trug und die Nase oft und oft inbrünstig dazu niederstoßen ließ und mitten in Gottes Lobpreisung andächtig hineinschnupfte.

Als der Isidor noch frommer war, schnupfte er in den Fasten nicht, so sehr es ihn auch lüstete; er tat sich einen Abbruch, um Gott wohl zu gefallen. Erst am letzten Kartag, wenn der Pfarrer sang: »Christ ist erstanden!«, da nahm er sich wieder das erste Schnüpflein. Als aber am Auferstehungstag einmal der Geistliche kein Ende fand und Gebet an Gebet, Litanei an Litanei knüpfte und nimmer in den Erlösungsruf ausbrach, schlug sich der Isidor ungestüm den Tabak auf die Hand: »Ob der Herrgott auferstanden ist oder nit, – ich schnupf!« Seither fastete seine Nase nimmer, und wenn ihm einer dies als Laster vorrückte, wehrte er sich: »Das Schnupfen ist keine Sünd. Der Pfarrer Eusebius hat seine Tabakdose sogar auf dem heiligen Kelch zum Altar getragen. Freilich hat der mit seiner geistlichen Nase nur Spaniol mögen, und ich schnupf brasilianischen Tabak. Aber unser Herrgott kennt keinen Unterschied.«

Dazumal, als sie den alten Bonifaz vom Nagel herunternahmen, lümmelte der Isidor mit seinem Nachbar, dem Mußmüller, im »pfalzenden Hahn«, ließ sich von ihm über den Tod seines Vaters trösten und lüpfte eifrig den Krug.

»Sei froh, daß er hin ist,« redete der Müller. »Es ist dein Glück, daß er im Ausgeding gesessen ist, er hätt dir sonst den ganzen Hof versoffen.«

Der Isidor schaute finster. »Soviel kann keiner versaufen, als ich hab. Und vergönn es ihm, neid es ihm nit in die Grube nach!«

»Dullhäubel,« der Müller hob beschwörend die Stimme, »Dullhäubel, ich weiß es: der Durst schluckt den Bach samt der Mühl.«

»Deinen Bach freilich, Gori, der hat kein Wasser,« grinste der Bauer. »In aller Früh gehst du aus, schlagst mit der Stange den Tau von den Erlen, daß du Wasser aufs Rad kriegst.«

In des Mußmüllers Stirn schnitten sich zwei scharfe senkrechte Falten, er packte das Stutzenglas und hieb es dem Isidor auf den Schädel, daß die Scherben flogen. Jetzt hob auch der Bauer sein Glas und trümmerte es dem Müller auf das Hirn. Das alles geschah ohne sonderlichen Lärm.

Derweil der Wirt neue Gläser holte, saßen sie blutig und lachten.

»Nix für ungut, Müllner.«

»Tu her ein Schnöpflein, Isidor, daß wir einen andern Sinn kriegen!«

Der Bauer zog von dem blauen, geschliffenen Tabakglas den Stöpsel weg, den er aus Weiberhaaren geflochten hatte, und die zwei kräftigten sich an dem scharfen Brasil.

Der Wirt stolperte in die Stube. »Dullhäubel, dein Weib hat sich ein ungeschicktes Wochenbett ausgesucht. Gerad vor der Kapelle hat die Wehstund sie angepackt.«

Der Bauer pfiff halblaut vor sich hin; die Hand, die sich mit einem Schnöpflein heben wollte, sank ihm.

»Sie ist über den Erhängten zu stark erschrocken,« redete die Wirtin zum Fenster herein.

Der Müller riet: »Nachbar, drück die Knie zusamm, daß sie leichter niederkommt!«

»Bei der Kapelle?« besann sich der Bauer. »Das ist kein ungeschickter Ort, Wirt. Da springt der heilige Blaumantel heraus und steht ihr bei.«

»Wir Weiber helfen uns schon selber,« schwätzte die Wirtin. »Ich für mein Teil komm um einen weißen Laib Brot nieder, ich geh dreimal in der Stube hin und her und beutel das Kind ab.«

Der Isidor blähte sich auf. »Studieren muß er, der Bub. Ein hoher Herr soll er werden; Steuern soll er einmal ausschreiben, den Müllnern und den Wirtsleuten!« lächelte er mit pfiffigem Querblick.

»Was? Mir neue Steuern?« brauste der Gori. »Jetzt, wo wir Müllner so schwer geschädigt sind von den neuen Zeiten? Alle Gerechtigkeit haben sie uns genommen. Früher haben wir im Bach fischen dürfen, so weit unsereiner den Hammer hat werfen können. Heut nimmer. Früher ist meine Mühl eine Zwangmühl gewesen; heut schafft ein jeder sein Korn nach Trippstrill und Schlampampen.«

»Dullhäubel, drei Buben!« rief die Wirtin in die Stube.

»Sakerment, wie viel?« Der Bauer hielt wie schwerhörig die Hand ans Ohr.

»Drei Buben. Bis jetzt.«

Der Dullhäubel faltete die Hände. »O Herr, halt ein mit deinem Segen!«

Die Tür knarrte, und auf der Schwelle stand die Hebamme mit einem mächtigen Wickelpolster, drin zwei Büblein kläglich winselten. Eine Magd trug das dritte Kind.

»Drei Buben, Bauer!« meldete die Hebamme. »Eine harte Geburt! Gerad vor der Kapelle.«

Der Isidor Dullhäubel ergrimmte. »Hat er ihr also nit geholfen, der Blaumantel? Da steht er schon so lang auf meinem Grund, und jetzt, wo meine Buben anrücken, jetzt rührt und ruckt er sich nit. Jetzt reicht er keine Hand.«

»Er ist halt ein Heiliger und keine Hebmutter,« beschwichtigte ihn der Müller.

Aber der Bauer eiferte: »Ist doch schon die Muttergottes selber aus ihrem silbernen Gewölk gestiegen und den Weibern beigesprungen in ihrer Stund! Hätt nit der Tropf auch aus seiner Kapelle treten können?!«

»Wischt euch das Blut ab, Männer,« sagte die Hebamme, »und geht gleich mit zur Taufe, daß die Würmer nit als Heiden absterben. Daß sie ins Engelreich kommen und drüben einen Namen tragen. Der ist traurig dran, der keinen Namen führt. Und die Drillinge werden nit lang leben, es sind Siebenmonatkinder.«

Die zwei Männer standen auf und wankten mürrisch den Weibern nach ins Pfarrdorf Blaustauden hinunter.

Dort in der Kirche legte die Hebfrau ihr Paar dem Müller in die Arme, derweil der Bauer den einschichtigen Sprößling hielt. So traten sie zu dem Taufstein.

Der Pfarrer ließ nicht lange warten.

»Hollah, drei auf einem Schub!« lachte er. »Die drei Eismänner haben schon auf deinem Hof gehaust, sind wunderliche Heilige gewesen, Dullhäubel. Taufen wir die da nach den drei Königen!«

Und er taufte sie Kasper, Melcher und Balthauser. Die Büblein hielten sich mäuselstill, und erst, als bei der Taufe des Kasper, den der Bauer selber hielt, der geistliche Herr fragte: »Widersagst du dem Teufel?« da schrie der Bub gar mörderlich auf, als sei er von dem besessen, dem er absagen sollte, und sei mit der Taufe gar nicht einverstanden.

»Halt das Maul, Kerl, oder ich schlag dir die Zähne ein!« drohte der Pfarrer.

»Segnet ihn mir gut ein, Hochwürden, den Kasper!« bat der Bauer. »Spart kein Wasser nit!«

Als die Männer den Weibern wieder die Täuflinge überließen, merkten sie, daß der Melcher und der Balthauser kein Schnäuferlein mehr taten. Der Müller mochte sie wohl ein wenig zu fest an sich gedrückt haben, und es war ungewiß, ob sie getauft oder heidnisch ins Jenseits eingefahren waren.

Der Bauer aber freute sich an dem Kasper. Der hielt die lebendigen Augen offen und sah scharf darein. »Der hat gescheite Augen,« frohlockte der Alte, »das ist ein Kreuzköpfel.«

»Er ist zu früh auf die Welt gekommen, der Spitzbub,« sagte die Hebamme. »Ich will ihn auf der Schaufel dreimal in den Backofen schieben, dann geratet er. Und gespieben hat er auch schon. Speibendes Kind, bleibendes Kind!«

Der Isidor ließ im Wirtshaus noch einen gezuckerten Wein auftragen, wie ihn die Weiber gern mögen, hernach schickte er die zwei mit dem Lebendigen und den Toten heim.

Er selber trollte erst spät seinem Hof zu.

Vor der Kapelle rastete er. Der Mond lugte glashell hinein.

»Blaumantel, ob du schon schlafst?«

Der hölzerne Heilige drin redete nicht und deutete nicht.

»Geh, reck die Nase her und schnupf, heiliger Blaumantel!« spottete Isidor. Er tappte sich zu dem Heiligen hin und schüttete ihm das Tabakglas in den Bart.

Da nieste es auf einmal so schrecklich auf, daß die Kapelle zitterte. Mit schlotternden Knieen floh der Bauer. Und eine grobe Stimme schrie hinter ihm her: »Du wirst deine Schnutel, deine Schnufel nimmer lang tragen!«

Was der beleidigte Heilige geweissagt hatte, das geschah. In ein paar Jahren starb dem Isidor Dullhäubel die Nase am lebendigen Leib ab, wie eine Blume an der grünen Staude verwelkt, und weil er hörte, daß die alten Ritter, wenn ihnen die Hand abgehauen worden war, sich für die fleischene eine eiserne an den Arm hatten schnallen lassen, so suchte er einen Kupferschmied heim, und der setzte ihm eine kupferne Nase zwischen die Augen.

Doch das Leben freute ihn nimmer, seit er nimmer schnupfen konnte, und er vergaß es dem Blaumantel nicht, daß er ihn um das eindringlichste Ergötzen seines Lebens betrogen hatte; schimpfend stampfte er an ihm vorbei und rückte den Hut nimmer.

Als der Kasper so hoch wie der Stubentisch war, und sich schon selber die Tür auftun konnte und ganz listig schon aus den engen Augen herauslugte, da stellte der Bauer ihn vor die Kapelle und schalt unflätig hinein. So keimte in dem kleinen Kasper ein Widerwille auf, und der wuchs, als die Altbäurin Sodonia dem Buben, wenn er etwas Schlechtes getan, mit dem Zorn des Heiligen drohte und diesen als Vorbild eines wohlgefälligen Wandels hinstellte.

Die Alte rüstete den Heiligen mit der Pracht der wunderlichsten Wunder aus und dichtete ihm alle Gewalt über Himmel, Hölle und Welt zu, so daß der Herrgott, an ihm gemessen, nur ein ohnmächtiger Schatten schien. Vor seinem Zauber wurde der Gichtbruch tanzend und wanderte der Lahme, versiegte alles Gebrest; Stumme lobsangen ihn, Blinde wurden geheilt an dem Schimmer seines blauen Mantels.

Der Kasper lehnte oft vor der Kapelle und staunte voll Angst und Trutz hinein.

Am Bach, in dem gemauerten Häuslein, hinter der Gittertür geborgen vor Regen und Schnee, hatte der Heilige seinen Unterschlupf. Mit krausem, rotem Schädel, mit strengen, quellenden Augen und langer Nase stand er drin, das Haupt geneigt unter der Last des Heiligenscheines, am Kinn angeleimt einen fuchsfarbenen Bart aus Menschenhaar, den Mund weit offen und die Arme abwehrend von sich gestreckt, als seufze er: »Gott, hüt mich frommen Bruder vor dieser Welt!«

»Dein Guckähnel hat ihm einmal frevelmütig den Bart gestutzt, aber gleich ist er ihm wieder nachgewachsen, dem Heiligen,« erzählte die Sodonia dem Buben.

»Warum ist er denn heilig?«

»Weil er in einem Felsenloch gehaust hat sein Lebtag.«

»Da ist der Fuchs auch ein heiliger Mann, der schlaft auch in einem Steinriegel hinter der Mühl.«

»Ein Vieh ist nit heilig,« sagte die Altbäurin verdrossen.

Der Kasper faltete die Stirn. »Woher ist der Blaumantel gekommen? Hat er sich die Kapelle selber gebaut?«

Sie zog den Buben auf den Schoß und erzählte: »Gar überlang ist es schon her, da haben die Hirten den hölzernen Heiligen in einem hohlen Baum gefunden, da auf der Stelle, wo er jetzt steht. Sie haben ihn nach Blaustauden geschafft und dort auf den Altar gestellt, aber er ist davon und wieder zurück in seinen Baum. Jetzt haben sie ihn in die Stadt gebracht, daß er nit in einen so langweiligen Einöd trauern müßt, sondern ein paar ansehnliche Heilige um sich hätt, und daß er sich dran gewöhnt, haben sie ihn in der ersten Nacht in eine Truhe unter Schloß und Eisenband gelegt, und der Pfarrer und der Meßner haben sich darauf gesetzt, daß der Vogel nit ausfliegt. Aber der Blaumantel hat die Truhe gesprengt, Pfarrer und Meßner über den Haufen geworfen, und ist wieder zurück in die Heimat. Er hat wollen in der Wildnis geehrt werden, wo er gebetet und gebüßt hat. Da hat man über ihn die Kapelle gebaut.«

Der Kasper schielte mit den verzwinkerten Äuglein hinauf. »Mir hat aber der Vater gesagt, die Fuxloher hätten den sakrischen Blaumantel auf der Wallfahrt gestohlen, daß sie einen wohlfeilen Heiligen hätten. In einem Sack hätten sie ihn daher gebracht.«

»Sei still, Bub,« warnte die Altbäurin, »sonst straft er dich auch. Denk an dem Bauer seine Nase!«

»Meiner Nase darf er nix tun,« trotzte der Kasper.

»Still, still! Sonst kommt gar der Gankerl, steckt dich in den rußigen Kessel, bratet dich, frißt dich.«

Es war, als würde dem Buben die kecke Rede vergolten, denn nach ein paar Tagen wuchs ihm auf der Nasenspitze eine Warze, die ihm gar nicht gut zu Gesicht stand. Das wurmte die Altbäurin, der an des Kasper Sauberkeit gelegen war, aber das Hörnlein blieb, wie oft es auch mit Wolfsmilch und mit Warzenkraut betupft, mit Fensterschweiß gewaschen und mit Roßhaar gedrosselt wurde. Es frommte nicht heißes Schusterpech, und als die Sodonia den Mißwuchs gar mit Zunder wegbrennen wollte, brüllte der Bub entsetzlich und ließ keinen mehr an sich heran.

Da kam die Ulla daher, ein buckliges Bettelweiblein mit einem kleinwinzigen Kopf, drin ein Hirn kaum Platz zu haben schien. Ihr spitzes, haariges Kinn schlotterte, geschäftig drehte sie sich in der Stube hin und her und knüpfte mit einem Faden fünf Knoten über der Warze des Kasper, der sich wie verhext unter dem sonderbaren Tun des Weibleins duckte. Nachher betete sie fünf Vaterunser und murmelte noch ein Heimliches in sich hinein, daß den Buben ein Grausen anflog. Schließlich humpelte sie hinters Haus, und wo die Tropfen vom Dach in die Erde schlugen und eine Rinne gegraben hatten, dort verscharrte sie den Faden.

Als der Mond neu wurde, war die Warze verschwunden, und der Kasper war ein sauberer Bub mit blühroten Wangen, großem, kugelrundem Kopf und flinken Füßen.

Die Ulla aber fürchtete er noch mehr als den Erdspiegel, der im Keller unzugänglich verschlossen lag. Oft stahl er sich zu der verfallenen Hütte der Alten und belauschte sie, wie sie zwischen den Felsen wilde Kräuter brockte und eintrug, wie sie mit den Raben redete und den Schlangen oder einer Staude etwas sagte oder gar einem Stein.

Sonst war er ein Waghals. Er ritt auf den Ochsen und Rössern, kletterte auf die Tannen hinauf bis zur höchsten Spitze, rannte über den Dachfirst, wo der Hauslauch grünte, und niemals stieß ihm ein Unglück zu.

Nur einmal blieb ihm eine Bohne in der Nase stecken, sie wollte nicht heraus und keimte schon.

»Sie wachst dir ins Hirn, Kasper,« jammerte die Altbäurin. »Der Blaumantel wird dich ganz gewiß an der Nase verderben lassen. Ich seh dich schon verkupfert.«

Der Bauer aber klemmte den Kasper zwischen die Kniee und drückte ihm das Gesicht in eine Hand voll Tabak hinein. Da riß es dem Buben den Kopf in die Höhe, er nieste sprühend, und die Bohne flog aus der Nase an die Wand.

Jetzt haßte der Kasper den Blaumantel. Den heilsamen Tabak aber begehrte er, und bald wußte er sich aus des Vaters ungenütztem Vorrat den bräunlichen Staub zu verschaffen, der das Hirn so lieblich kitzelt und erfrischt und das ganze Blut riegelt, wenn der Niesreiz von inwendig her an die Nase herankriecht und schallend zerstäubt.

Weil der Kasper gar so waghalsig und ungebärdig aufwuchs und von den Wipfeln schier nimmer herunter zu kriegen war, wo er die Krähennester ausraubte, sorgte sich die Sodonia um des Enkels leibliches Wohl und Seelenheil und fürchtete, er schlage allzusehr in die Art der Vorfahrer am Dullhäubelhof.

Drum meinte sie zur Bäurin: »Du, Sanna, wir müssen den Daumen mehr auf den Buben halten, daß er nit ausartet. Er hat nit Rast, nit Ruh, wie aus Schlangenschwänzen ist er zusammgesetzt. Er zerreißt zu viel Hosen.«

Die Bäurin gähnte: »Das tut nix. Der Schneider bittet auch ums tägliche Brot.«

Die Alte ließ nicht nach. »Der Kasper hat ein gutes Gemerk, wir sollten ihm einen Schulmeister halten. Der Brunnkressenhannes wär ein gelehrter Mann.« –

Da fand sich der Brunnkressenhannes im Hof ein.

Er war ein magerer, krummhälsiger Gesell, der den Bauern gegen einen Jahrlohn das Vieh hütete. Auch bekam er alljährlich von der Gemeinde ein neues Kuhhorn, und er prahlte oft, zu seinem Begräbnis brauche er keine Musikanten, da würden alle Hirten aus dem Gebirg kommen und auf den Hörnern, die in seiner Kammer hingen, ihm zu Grabe blasen.

Jetzt aber fragte ihn der Isidor Dullhäubel: »Hannes, kannst du schreiben und lesen und rechnen?«

»Und singen auch,« nickte der Hannes stolz.

»Du sollst das alles unserm Kasper in den Kopf bringen. Triffst du das?«

Der Hirt bäumte sich auf. »Das vermag ich wohl. Ich hätt schier selber in der Stadt die Schulmeisterprüfung hingelegt.«

»Warum hast du es nit getan?«

»Ei, da haben mich die Herren von der Schulmeisterschul gefragt, was ich vom Specht wüßt. Ich hab langmächtig hin und her gedacht, und zuletzt hab ich zugeben müssen, daß mir derselbige Specht ganz unbekannt ist und daß ich ihnen überhaupt nix davon erzählen kann, und wenn sie mich erschlagen. Da hat mich einer erschrecklich scharf durch die Augengläser angeschaut und hat auf die Tür gedeutet. ›Behüt Gott! Ich geh gern,‹ sag ich. Und wie ich glücklich draußen bin, steht einer dort, der ist aus der Blaustaudner Pfarrei gewesen. ›Du,‹ sag ich, ›hörst, jetzt gesteh mir auf dem Fleck, was ist denn das – ein Specht?‹ ›O du lieber Landsmann,‹ schreit der, ›du wirst doch schon einmal einen Baumhackel gesehen haben?!‹ Nein, Dullhäubel, wenn ich gewußt hätt, daß der Baumhackel in der Stadt sich Specht schreiben laßt, den ganzen Tag hätt ich den studierten Herren davon erzählen können.«

Der Dullhäubel holte den Hirschenbrunner Volkskalender vom Fensterbrett, schlug ihn vorn auf und hielt ihn dem Hirten hin. »Jetzt will ich mich überzeugen, ob du gut lesen kannst.«

Der Brunnkressenhannes holte aus der Brusttasche eine Brille herfür, rüstete sich damit und setzte ein gelehrtes Gesicht auf.

»Mit Brillen lesen, ist keine Kunst,« rief der Bauer. »Das trifft ein jeder.«

Der Hannes kehrte sich nicht dran und las langsam und gewichtig: »Sankt Kilian stellt die Mäher an. Wann Maria im Regen übers Gebirg geht, dann geht sie im Regen wieder zurück.«

Schnell deutete der Dullhäubel auf eine Eintragung, die auf der andern Seite stand. »Ob du die Schrift auch verstehst?«

Der Brunnkreßner wischte mit dem Ärmel über die Nase und las: »Am Montag nach Mariä Himmelfahrt ist der Kasper auf die Welt kommen. Den Tag hernach ist unsere gelbfleckete Kuh, die Docke, beim Stier gewesen.«

»Selbes ist wahr,« freute sich der Bauer, »meine Mutter hat das geschrieben. Die Zeit stimmt.«

Nun schlug er den Kalender hinten auf und hielt ihn lauernd dem Hirten hin.

Der las: »Viehmärkte in Hirschenbrunn sind zu Georgi, am Tag vor Peter und Pauli, zu Ägidi und zu Martini.«

Der Isidor wunderte sich über die Maßen. »Sakerment, wahr ist es, vorn und hinten kann er lesen. Aber, Hannes, ich muß dich noch mehr versuchen.«

Er rannte davon und kam nach einer hübschen Weile mit einem andern Kalender zurück.

»Den hat mir der Mußmüllner geliehen, es ist ein Linzer Stadtkalender. Ob du den auch verstehst?«

»Das wär nit schlecht.«

Der Hannes las, worauf des Dullhäubel derber Finger zeigte: »Ein Bauer begehrte einen Viehpaß. Der Schreiber fragte: ›Auf wieviel Ochsen?‹ – ›Auf Zwei‹. – ›Und der dritte treibt sie‹, lachte der Schreiber. – ›Und der vierte schreibt sie‹, lachte der Bauer.«

»Sakerment, ist das eine schöne, kurze Geschichte. Und ist sie auch wahr? Und steht das wirklich so drin?« staunte der Dullhäubel.

»Ganz genau, ich beschwör dir es. Tausend Schwüre leg ich darauf ab in einer Viertelstund!«

»So kannst du also einen jeden Kalender lesen vorn und hinten?«

»Oben und unten, geschrieben und gedruckt,« sagte der Hirt.

»Sakerment, wenn du jetzt noch die Gitarr zupfen könntest, du könntest um die größte Schul einreichen,« meinte der Bauer.

Damit war der Brunnkressenhannes als Schulmeister aufgenommen. –

Am andern Tag hütete der Hannes auf der Weide vor dem Vogeltänd das Vieh. Das Kuhhorn im Gürtel, saß er auf einem Stein, und vor seinen Zehen brannten die feurigen Nägelblumen. Rings graste das Vieh, ein rotblümetes Stierlein scherzte, ein Heuschreck hüpfte aus dem Gras auf. Am Himmel glänzte eine linde Wolke.

Da brachte der Isidor Dullhäubel seinen Schüler daher.

»Er wird bei mir Zucht lernen,« rief der Brunnkressenhannes. »Gute Zucht tragt gute Frucht. Da setz dich her zu meinen Füßen, Kasper!«

Er räusperte sich und fing an: »Zuerst müssen wir von der Welt lernen. Drum merk auf, und sag es mir dreimal nach: Die Welt ist eine Kugel.«

»Oha!« schrie der Bauer, der zuhörte. »Weitaus gefehlt! Die Welt ist ein Teller.«

Der Hannes bog den krummen Hals und sah den Dullhäubel scheel an. Nachher begann er wieder: »Du kannst es mir glauben, Kasper! Die Welt ist so rund wie dein Schädel.«

Betroffen tastete der Bub seinen Kopf ab, als wolle er den rechten Begriff von der Gestalt der Erde gewinnen.

Derweil widerstritt der Bauer: »Alles ist gerad und eben. Wo sieht man es denn, daß die Welt kugelrund ist? Wenn es so wär, müßt man ja auf der Seite hinunterfallen. Bucklet ist die Welt, aber rund nit.«

»Die Welt ist rund wie eine Kegelkugel und dreht sich,« sagte der Brunnkressenhannes scharf und unwillig. »Schwätz mir nix drein, Bauer!«

Der Isidor erwiderte: »Wenn die Welt sich dreht, müßt einmal das Wasser aus dem Brunn fallen, du Aff du! Und mit dem Kopf nach unten müßt man zeitweilig gehen, du Aff du! Stell dich einmal auf die Stubendecke hinauf, du Aff du, und fall nit herunter!«

Der Hirt ward hitzig. »Und dennoch dreht sich die Erde um die Sonne!«

Da holte der Bauer weit aus und reichte dem Hannes einen schallenden Hieb. »Ich vertrag viel, aber so arg laß ich mich nit narren, du falscher Lügenteufel. Hab ich es doch erst heut wieder gesehen, wie die Sonn aus der Erd heraus gerodelt ist! Und die Sonn steht nit, sie geht; doppelt so geschwind geht sie wie ein Mensch.«

Der Hannes rieb sich die Wange. »Du bist ein grobes Wetter, Bauer. Aber es hilft dir nix. Und die Gelehrten wissen allerhand, was dir seltsam ist, und sie haben recht. Wie könnten sie sonst die Stund genau ansagen, wo sich der Mondschein verfinstert?«

»Das nehmen sie ja aus dem Hirschenbrunner Kalender, du Narr!«

»Und wer macht denn den Kalender, he?«

»Den Kalender hat es allweil gegeben, du Narr. Hör mir auf mit deinen neugescheiten Gelehrten! Die wissen am End gar, wann Gott die Welt erschaffen hat.«

»Jawohl, Bauer, am dreizehnten März.«

Da schlug der Isidor Dullhäubel ein Kreuz, daß er sich dabei schier die kupferne Nase aus dem Gesicht gerissen hätte, und ging und überließ den Kasper seinem Schulmeister.

Der hob den Finger. »Jetzt, Bub, mußt du einen Spruch lernen. Sag mir ihn nach!

Kind, horch, was dein Gewissen spricht
und handle so, dann fehlst du nicht!
Die innre Stimme ruft uns zu:
Böses meide! Gutes tu!«

Zeile um Zeile drillte er dem Schüler ein, und der konnte es bald auswendig.

»So, jetzt lernen wir Lieder singen!«

Der Hannes zog das Maul schief, sah ins Gras und begann mit meckernden, hohen Lauten:

»Morgens, wenn die Sonn aufgeht
und der Tau im Gras da steht,
treib ich mit verliebtem Schall
meine Viehlein aus dem Stall
auf die grüne Hutweid hin,
ob ich gleich ein Hirt nur bin.«

»Nun, Kasper, wie gefallt dir das Lied? Es hat eine recht sittsame Weis.«

»Gar nit gefallt es mir,« rief das Bauernbüblein.

»Du Lump, du fauler, du geringschätziger!« tadelte gekränkt der Hannes. »Du wirst auch einmal so ein Bauer werden, der alle Tag Sonntag und alle Sonntag Kirchweih hat und nix tut, als an den Zäunen lehnen. Weißt du vielleicht ein schöneres Lied?«

Der Bub ließ es sich nicht schaffen und gellte aus höchstem Hals:

»Ich schrei hü,
ich schrei ho,
ich schrei allweil
hüstaho!«

»Da loset dem jungen Dullhäubel zu, der braucht keinen Schulmeister nimmer,« sagte der Hirt bissig.

Er kramte einen messingenen Ring heraus, das war seine Sonnenuhr, stellte sie gegen das Licht und sah nach der Stunde.

»Bub,« meinte er, »meine Zeit ist da, mich schläfert. Nimm derweil das Vieh in acht!«

Er unterwies den Kasper noch, wie er sich als Hirt zu halten habe, verblümelte dabei seine Rede mit vielerlei nutzbaren Sprüchen, sank dann auf einmal steif und mit gläsernen Augen ins Gras zurück und schlief.

Der Kasper kümmerte sich nicht um das Vieh, sondern kitzelte die Grillen aus ihren Nestern, und hernach fing er ein paar Bienen, sperrte sie in ein Schachtel, und die war der Stall, dort sollten sie Honig melken. Dann grub er ein tiefes Hummelnest aus. Eine Hummel entkam ihm und irrte herum wie ein fliegendes Baßgeiglein, eine andere aber ertappte er und steckte sie zu den Bienen, denen sollte sie der Weisel sein. Auch die Hummelzellen gab er ihnen in den Stall, sie sollten sich ihrer als Schüsseln und Bratscherben bedienen.

Bald war sein unruhiger Sinn des stillen Spieles überdrüssig, und er schlich sich zu zwei weidenden Kühen hin und knüpfte ihnen die Schwänze zusammen, und als er hernach böse zu summen anhob wie eine Blutfliege, wurden die zwei Tiere vor Angst irr, sie wollten fliehen und konnten nicht, sie versuchten sich zu scheiden, und es gelang nicht, das eine zerrte hin, das andere zog her, sie sprangen immer närrischer.

Der Kasper ergötzte sich daran, und daß seine Lust noch höher steige, stahl er dem Hirten das Horn und stieß mit aller Wut seines Atems darein.

Der Brunnkressenhannes taumelte auf. Er sah, wie die Kühe mit verknüpften Schwänzen, die eine rechts, die andere links, einen jungen Ahorn schier umrissen. Verzweifelt griff er sich ins Haar, das so karg stand wie der armen Leute Hafer.

»Herrgott von Blaustauden, laß nur die Schwänze nit reißen!« Mit diesem und noch manch anderem Stoßgebet rannte er den Kühen zu Hilfe.

Da tauchte der Meßner Grazian aus einer Staude, ein spitzköpfiger, einseitiger Mann; die eine Achsel stand ihm höher als die andere. Er deutete mit krummem Finger auf den Kasper. »Das ist ein liederlicher Bursche. Der wird es zu nix bringen.«

Der Bub blies mißtönig auf dem Stengel einer Ringelblume und schaute, kalt bis ins mittelste Herz, zu, wie der Hannes die ungeduldigen Kühe auseinander tat.

»Dem liederlichen Burschen wird es einmal schlecht gehen,« weissagte der Meßner Grazian, »der wird noch einmal Mäus und Grillen fressen.«

Indes hatte der Hirt sein umständliches Amt vollbracht und fiel nun mit einem heimtückischen Sprung über den Kasper her, lieh sich dessen Ohrwäschlein aus, tappte ihm nach dem Schopf und riß ihm eine dicken Schübel Haare aus. Dabei keuchte er: »Dank hab die Rut, sie macht das Knäblein gut!« und der Kasper sollte den Spruch wiederholen. Der aber stampfte und strodelte unter den Krallen seines Meisters und krähte wie ein junger Rabe, der aus dem Nest gefallen ist.

Der Grazian hingegen predigte aus der Staude heraus: »Der liederliche Bursche rennt dem Galgen zu, er kann ihn nimmer erwarten. Hau zu, Hannes! Hau so viel Ruten an ihm ab, als auf einem Joch wachsen!« –

Damals endete das kurze Schulmeistertum des Brunnkreßners.

Der Isidor Dullhäubel nahm seinen Buben her. »Kasper, du wirst ein großer Bauer wie ich. Du wirst einmal Vieh und Felder und Holz haben. Holz macht die Erde stolz, und du kannst einmal stolz den Kopf heben, und die andern Fuxloher Bauern werden nur Notleider gegen dich sein. Lernen sollst du nit viel, es ist nit gesund. Wer viel weiß, wird nit feist.«

»Zum Hannes geh ich nimmer,« trotzte der Bub.

»Du brauchst auch nit, Bub. Die richtige Meinung über die Welt bring ich dir bei, und lesen und schreiben lernst du von der Altbäurin.«

Es war die lustigste Lehrzeit, die der Kasper bei seinem Vater verlebte. Weil der Bauer glaubte, das Gedächtnis sei die wichtigste Arbeit des Gehirns, so mußte der Bub die scheckigsten Lügenmärlein auswendig lernen, davon die Geschichte vom brennenden Wasser, das mit Feuer gelöscht worden ist, und von der papierenen Kapelle, drin der hölzerne Pfarrer eine haselne Messe liest, noch am glaubwürdigsten war. Hernach brachte der Dullhäubel seinem Schüler, der lebhaft wie ein Hirschlein darein sah, manchen Spottreim und manchen spitzigen Stichelschwank bei und erzählte ihm die Streiche, derer die Dörfer diesseits und jenseits des Gebirges bezichtigt wurden, und bald wußte der Kasper jedem Ort ein Narrenglöckel anzuhängen, und er spottete über die Bärnloher, denen einmal ein Ochs auf den Kirchturm hinaufgestiegen war, und über die Daxloher, wo die Kühe so bitterlich hungern, daß eine der andern den Schwanz abfrißt. Quackten im Mai die Frösche, so lachte der Kasper: »Die Grillnöder singen!« Und wenn die Blaustaudner Glocken über den Wald herauf klangen, sang er:

»Die Blaustaudner läuten,
sie läuten vor Not,
sie fangen den Bettelmann
und nehmen ihm's Brot.«

Der Bub konnte auch bald so kunstvoll mit der Peitsche schnalzen wie ein alter Fuhrknecht. Er schob die Finger ins Maul und pfiff schrill, daß es den ganzen Wald Vogeltänd durchdrang und die Krähen in den Nestern sich duckten.

Weil er den Großen und den Kleinen seine Sprüche und Stichelnamen anhängte, traute sich schier niemand am Dullhäubelhof vorüber, und der Kasper war von allen gefürchtet wie ein bissiger Enterich. Drum fand er auch zu seinen Spielen keinen Gesellen.

Nur des Mußmüllers Gid, ein stämmiger, vertrotzter Bub, vertrug sich mit ihm, und die zwei bauten Wasserräder in den Wolfsbach, durchstöberten die Felder nach gesprenkelten Rebhuhneiern und die Wipfel nach Nestern, fingen Schnerrer und Kranwitvögel, brieten und fraßen sie, fischten und krebsten, schopften und prügelten sich weidlich und söhnten sich wieder aus.

Die Nachbarsbuben waren bald nimmer zu trennen. Und kam einmal der Gid nicht früh genug aus dem Haus, so stellte sich der Kasper vor des Müllers Tür und lockte mit seiner feinsten Kehle durchs Schlüsselloch hinein: »Müllnerin, wenn du den alten Mostbirnbaum magst, mein Vater laßt dir ihn ausgraben. Ist der Gid nit daheim?«

Er tat so fein und so schmeichelnd, weil die Mühle der einzige Ort auf der Welt war, der ihm unheimlich schien. Denn der Müller Gori drohte oft den unbändigen Buben: »Ich laß den Wassermann los, er liegt in der Kuchel im Ofenloch an der Kette.« Und sprang gar der schwarze Hund Zikan, den einmal böhmische Komödianten zurückgelassen hatten, hinter dem Ofen hervor und fletschte den Kasper an, da verzog er sich schnell und blieb eine kleine Weile artig.

Aber das Blut der Buben verlangte allmählich nach verwegeneren Dingen, und die vererbte Rauflust regte sich. So zogen sie oft an die Gemarkung des Dorfes und forderten schreiend die Widersacher heraus.

»Salz in der Butten,
Mehl in der Gruben,
die Grillnöder sind
Hagbutzelbuben.«

Die Grillnöder Buben litten den Schimpf nicht, und sie trauten sich über die Schmäher, und so kam es zu zerkratzten Gesichtern, verbeulten Schädeln und blutigen Häuten, wobei aber der Kasper meist gesund davonging, denn er hielt sich zur rechten Zeit zurück und überließ den Hauptanteil an dem Streit dem Gid.

Der Müllerbub war auch weitaus stärker als Kasper. Nur im Gedächtnis fehlte es ihm.

Einmal schickte der Mußmüller seinen Gid zum Schuster, und dort richtete der Bub den Auftrag ganz verkehrt aus. »Gelobt sei Jesus Christus, Schuster,« sagte er, »da schickt dir der Schuh ein paar Müllner, er laßt dich gar schön doppeln, daß du ihn bitten tätst, und daß du ihm morgen die Schuh machst, er will sie heut noch anlegen.«

Als der Kasper das erfuhr, kannte er die verdrehte Rede gleich auswendig, und er schonte den eigenen Freund nicht und sagte sie ihm allweil wieder ins Gesicht, so daß oft bitterer Unfriede wurde zwischen den Buben und zwischen den Vätern, denn keiner, der Dullhäubel nicht und der Mußmüller nicht, ließ etwas über seinen Sprößling kommen.

Bald traute sich der Kasper mit seinen Schwänken an die großen Leute.

So saß einmal der Schmied mit seinem Gesellen beim Mittag, die Suppe rauchte, und das Weib schnittelte Brot in den Topf. Da sprang der Kasper in die Stube und schrie: »Schmied, helft, helft, euer Brunn brennt!« Hurtig rannten Meister und Meisterin und Gesell hinaus zum Brunnen, und als die Genarrten zurück kamen und alle Sakermenter schalten, stand ein Ochs in der Stube, der hatte die Suppe ausgesoffen und leckte sich noch die Nasenlöcher. »Den Hammer her!« brüllte der Schmied. Er hätte das Bürschlein mit den Ohren vor seine Werkstatt genagelt, wenn es nicht gar so entsetzlich um Erbarmen gebettelt hätte.

Der Kasper lernte dazumal, daß die Leute alles und auch das Unglaublichste glauben, man braucht es ihnen nur zu sagen.

Derlei Unfug trieb er noch viel. Der Bauer litt es und nahm lachend den Missetäter in Schutz. Ein einziges Mal nur vergriff er sich an ihm.

Die Grillnöder Buben brachten dem Kasper einen seltsamen Schimpf auf. »Erdspiegelbub! Erdspiegelbub!« kreischten sie und zeigten auf ihn. Er konnte sich nicht wehren, weil er nicht wußte, was das Wort bedeutete.

Der Brunnkressenhannes sagte ihm hernach, daß im Dullhäubelhof in einem schauerlichen Loch neben dem Krautkeller der Spiegel aufbewahrt sei, drin alles offenbar werde, und in dessen Glas jeder Dieb und Räubersknecht sich zeigen müsse, wenn es der Bauer verlange.

Er erzählte: »Vor alter Zeit ist mein Ähnel einmal durchs Gehölz gefahren. Plötzlich geht der Wagen nimmer vom Fleck. Die Ochsen legen sich ins Joch, daß sie züngeln und der Schweiß ihnen rinnt wie ein Bach, der Ähnel haut mit dem Geißelstecken auf das arme Vieh los, umsonst, der Wagen steht wie angefroren. Da nimmt er vor lauter Zorn die Axt und haut sie ins Hinterrad. Gleich rollt der Wagen wieder fort, als ob nix gewesen wär. Wie der Ähnel hernach zum Dullhäubelhof kommt, hört er es drin ächzen. Er schaut nach. Da liegt der Servaz Dullhäubel blutig im Keller bei dem Erdspiegel und sein Fuß abgehackt neben ihm. Der Servaz hat in dem Glas meinen Ähnel fahren sehen, hat ihm einen Possen tun wollen und den Fuß aufs hintere Rad in den Spiegel gestellt. Und wie mein Vorfahr dreingehaut hat, hat er dem Servaz den Fuß abgehackt. Er soll hernach krumm gegangen sein, der Servaz.«

Der Kasper schlich sich am selben Tag noch in den Keller. Aber die Tür zum Erdspiegel war vernagelt, und als er sie aufsprengen wollte, ertappte der Bauer den neugierigen Buben und legte ihn übers Knie.

Das war das erste und letzte Mal, daß der Kasper des Vaters Faust spürte.

Als die Sodonia den Enkel in solchen Ränken und Schwänken aufwachsen sah, kränkte sie sich arg. Sie machte sich wunderliche Gedanken über ihn und fürchtete sogar eine Zeitlang, der Kasper sei ein Wechselbalg und in der Wiege vertauscht worden, und darum habe er auch einen gar so großen Kopf und ein so boshaftes Gemüt, und sie bereute, daß sie ihm nicht gleich nach der Geburt Märzhasenaugen um den Hals gehängt hatte, den höllischen Tausch zu hindern.

Nun wollte sie seinem Übermut stauen, indem sie ihm die ewigen Leiden vorhielt. Sie blätterte mit ihm durch des Kapuziners Cochem »Goldenen Himmelsschlüssel« und wies ihm drin die Bilder, wie die Sünder am Bratspieß des Teufels gespickt wurden und ihnen der Leibhafte mit feuriger Axt das Fleisch vom Bein metzgerte und das Glied aus dem Gelenk riß, wie Nattern mit giftigen Zungen die Verdammten mitten ins Herz stachen und schleimige Kröten ihnen ins Maul krochen, und wie ein derart gepeinigter Mensch sich nicht helfen und nicht wehren konnte, zumal da er durch den Bauch an den Erdboden genagelt war.

In des Vaters Cochem Höllenspiegel gilbten dürre, duftende Nußblätter. Die Sodonia ließ den Buben oft daran riechen und sagte dazu traurig: »Die Blätter wachsen nit in Fuxloh, sie wachsen in einem Land, wo die Leut milder sind.« Die Alte hatte aus einem fernen Dorf aus dem Vorland des Gebirges herauf geheiratet.

Obschon der Kasper sich in der Nacht abergläubisch fürchtete, am lichten Tag schreckte ihn der Ahnin Warnung nicht, daß auch er einmal in den Höllenkessel hinabquirlen und drunten brennen und braten müsse. Er wurde im Gegenteil immer begieriger, die marterlichsten und verwickeltsten Peinen des Satans kennen zu lernen, als wolle er diesem einstmals als gelernter Gesell behilflich sein. Das merkte die Sodonia mit blutendem Herzen, und sie hakte bald den Höllenspiegel zu und malte den Teufel nimmer an die Mauer.

Der Kasper schlief in ihrer Kammer, und wenn er nachts aufkam, sagte sie mit ihm das Einmaleins auf, um ihn von bösen Gedanken abzuhalten, und lehrte ihn kopfrechnen. Auch die Schrift brachte sie ihm bei, und beim Lesen zeigte er sich recht anstellig, dabei aber geschah der große Fehler, daß das abgegriffene Buch, darin er lesen lernte, »Die lustigen Streiche des Till Eulenspiegel« hieß.

Die einzige Hoffnung der Sodonia war, daß der mißratene Mensch sich schon geraderecken werde, wenn er einmal die Lehren des Glaubens aus berufenem Mund hören werde.

Und es kam die Zeit, da versammelte der Pfarrer Sebastian Knaupler die Fuxloher Kinder vor der Kapelle des Blaumantels, um sie für die erste Beicht würdig vorzubereiten. Er lehrte sie die himmelschreienden und die lässigen Sünden hersagen, erzählte ihnen die biblischen Geschichten und münzte, was er da an geistlichen Dingen vorbrachte, in fröhlichen und handgreiflichen Augenschein um.

Also hob er, als er von der Sündflut erzählte, die Kutte immer höher und höher, damit das steigende Wasser recht anschaulich den Kindern ans Herz schwölle, kletterte schließlich, von den Buben gehoben, auf die Kapelle, das wachsende Meer zu verdeutschen, und rang droben die Hände. Dem Häuflein drunten ward angst, mit weiten Augen schauten sie zu dem geistlichen Herrn auf und in ihren Hirnen dämmerte der Umfang des Strafgerichtes.

Da riß ein Lärm die kleine Gemeinde aus den Schauernder Sündflut in das alltägliche Fuxloh zurück.

Der Brunnkressenhannes, der dem Pfarrer Sebastian Knaupler das schulmeisterliche Amt neidete, sah von der Viehweide nieder, tutete und näselte:

»Auf der Wies und auch am Klee
ich so lange umher geh,
bis sich laßt ein Brünnlein finden,
daß mein Vieh daraus kann trinken,
allda setz ich mich in Ruh,
nehm die Schwegel, pfeif dazu.«

Wie neugierige Gänse reckten die Kinder die Hälse und lauschten dem Störer. Der Pfarrer drohte: »Da alter Grillenkitzler, jetzt halt schon einmal das Maul!«

Um die Sinne der Kinder wieder an sich zu reißen und die bergüberschwellende Flut in einem verwogenen Bild auszulegen, packte er den Ast über sich und schwang sich in die Föhre. Er glitt aber dabei aus und stürzte. Zum Glück verhängte er sich mit den Füßen in eine Astgabel, die Kutte sank ihm über den Kopf verhüllend nieder und entblößte zwei dünne, borstige Beine, die von einem kurzen Lederhöslein nur spärlich bedeckt waren. Aus der Kutte heraus flehte er gedämpft um Hilfe.

Die Kinder meinten, das gehöre alles zu der biblischen Geschichte, drum rührten sie sich nicht, warteten und staunten. Schließlich kam der Hannes mit einer Leiter gelaufen und erlöste den Herrn Sebastian Knaupler aus seinem absalomischen Zustand.

Der Pfarrer wischte sich den Schweiß. »Kinder, für heut ist es genug. Habt ihr alles begriffen?«

Der Kasper hob die Finger in die Höhe. »Ich begreif nit alles.«

»So mußt du mich fragen, kleine Seele!«

Hellauf rief der Bub: »Was für eine Himmelssünd ist das, die Unkeuschheit?«

»Die Unkeuschheit,« brummte der Geistliche, »das ist, wenn einer die Hosen verkehrt anzieht. Und frag nit zuviel, Bengel, und bet zu deinem Schutzengel, er soll dich nit verlassen!«

»An den Schutzengel glaub ich nit,« sagte der Kasper keck.

»Warum nit?«

»Wenn ich einen Schutzengel hätt, so hätt er mir helfen raufen, wie mich der Schmied in der Beiz gehabt hat.«

Da fiel der Pfarrer über den Buben her und rüttelte ihn beim Kragen. »Du frevelhafter Teufel, wirst du gleich an deinen Schutzengel glauben!« –

In der Woche vor dem Freudensonntag beichtete der Kasper zum erstenmal. Der Pfarrer spitzte seine Ohren scharf, und der Sünderling wispelte hurtig hinein: »Bei der Mußmühl weiß ich ein Nest, sind fünf Eierlein drin, fliegt allweil eine Bachstelze hin. Dir sag ich es. Daß du es aber niemanden sagst, Pfarrer!«

Der Herr Sebastian Knaupler zog das Schneuztuch heraus und schneuzte sich lange. Dann schlug er ein ellenlanges Kreuz in die Luft und segnete. »Geh hin, o Mensch, deine Sünden sind dir vergeben!«


Der Kasper ging hin und wuchs sich gemächlich zu einem stämmigen Burschen aus, stark und gelenkig. Sein Kopf war noch größer geworden, nur die Augen blieben winzig und die Stimme hoch und dünn und kichernd, wie er sie als Kind gehabt hatte.

Er plagte sich nicht, mit seiner Arbeit hätte er sich kaum das tägliche Brot verdient. Viel lieber schlüffelte er im Dorf umher und lauschte überall hin mit offenem Maul und verschlagenem, flinkem Blick. Hemdärmlig stand er auf der Kegelstatt und wog und warf die Scheibkugel, daß es donnerte.

Die Sodonia verwarnte ihn oft und rieb ihm vor, wie Müßiggang bösen Ausgang nehme, besonders bei einer Bauernwirtschaft, er aber pfiff sich ein Lied lustiger als das andere, rückte sich den Hut schief und sang:

»Und ein bissel bin ich bucklet,
und ein bissel bin ich krump,
und ein bissel bin ich tilltapp,
und ein bissel bin ich Lump.«

Weil er in der Rede gut beschlagen war und keinem die rechte Antwort schuldig blieb, und weil er schier aus lauter schönen Spitzbübereien zusammengesetzt war, wählten ihn die Burschen, die im Fasching vermummt durch die Dörfer reisten, zu ihrem Hanswurst, und in diesem Amt trug er einen strohenen Dreschflegel, einen Spitzhut und ein Kleid, aus hundert bunten Flecken närrisch zusammengewürfelt wie seine Seele.

Der Müllergid ging als der Hauptmann voran, ein gefranstes Handtuch als Schärpe vor der Brust, auf der Achsel einen Spieß, der sich unter dem Speck bog, den sein tolles Gesindel aus den Rauchfängen der lachenden Bauern heimste.

Und der Kasper stürzte jäh ins Knie, hob die Hände auf und schrie kläglich: »Ihr lieben Daxloher, ich bitt euch um Gottes willen, gebt her ein Pfund Teufelsspeck! Leugnet es nit, vor Dreikönig habt ihr den Teufel abgestochen und in den Rauch gehängt. Und ich bitt euch gar schön um eine kuhwarme Blutwurst, so lang muß sie sein, daß sie sich neunmal um den Blaustaudner Turm wickeln laßt und dreimal um eure Bürgermeisterin.«

Dann sprang er wie ein Heuschreck auf und schlug sich mit dem Strohflegel eine Gasse durch die Gaffer, und während seine Gesellen am Dorfanger tanzten und der Pritschenmeister einen der Zuschauer auf die Bank legen ließ und ihm fünfundzwanzig auf die Hinterlandschaft maß, durchstöberte der Kasper die Speckkammern und Ofenröhren der unbewachten Gehöfte, und kam dann üppig beladen zurück zu seiner Bande und jauchzte: »Die ganze Welt ist ein Fasching, juchu!«

In Blaustauden trieb der Kasper einen verreckten Geißbock auf. Sein Gesindel grub hinterm Dorf ein Loch und senkte den Bock hinunter. Der Kasper hielt die Grabrede: »Unser lieber, guter Herr Burgermeister ist tot.« Und einer kniete neben ihm, als Wittib verkleidet und jammerte, daß es einem das Herz zerspaltete und den Weibern rings das Wasser aus den Augen sprang. »Ein guter Hausvater ist dahin,« hub der Kasper wieder an, »ein braver Ehemann. Ihr Jungfern von Blaustauden, ich wünsch euch allen einen so eifrigen Mann.«

Der Meßner Grazian aber, der unter den Leuten stand, begehrte auf. »Ich laß den Blaustaudner Jungfern ihre Ehre nit angreifen,« schrie er und drängte sich scharf zu dem Redner hin.

Gleich wurden die Köpfe rot, ein Knäuel ballte sich zusammen, Fäuste reckten sich, und der Meßner lag auf einmal in der Grube auf dem Geißbock.

Es wäre zu blutigen Schlägen gekommen, wenn nicht der neue Pfarrer Nonatus Hurneyßl eingegriffen hätte, ein aufrichtiger und entschlossener Mann. Mit dem Regenschirm jagte er die Leute auseinander, verfolgte damit den Kasper, der sich mit dem Strohflegel nur schwach wehren konnte, zum Ort hinaus und half schließlich mit dem nämlichen Schirm seinem Meßner aus der Grube.

In der Nacht vor dem Fastensonntag trommelte es dem Grazian ans Fenster. Der Grazian, in der Meinung, es gelte, einen Kranken zu versehen, tat den Laden auf, und blitzschnell wurde etwas Gehörntes, Fürchterliches, an eine Stange Gebundenes in die Stube gestoßen, und das roch abscheulich.

»Der Teufel ist es, er stinkt nach Schwefel!« schrie die Meßnerin und fiel aus einer Schwäche in die andere.

Der Grazian dachte gleich an seine Höllenfahrt und kroch plärrend unters Bett.

Als die aufgeschreckten Nachbarn in die Stube leuchteten, fanden sie einen halbverwesten Geißbock.

Der Grazian wollte sich den Fastenbraten und den daran hängenden Spott nicht gefallen lassen und übergab die Sache dem Gericht. Der Täter aber kam nicht auf, trotzdem daß alles mit den Fingern auf ihn hätte weisen können.

Damals geigte die Sodonia dem Kasper tüchtig die Wahrheit, und es schien, als ginge der Bursch in sich und verabscheue seinen Wandel, der die Leute ärgerte.

Er stellte sich Tauben ein, züchtete sie und handelte damit und redete von nichts mehr als von Schopf- und Kropf- und Trommeltauben, von rotgesudelten und schwarzgesudelten, spiegelnden und rauhfüßeten Tauben und pfiff den Vögeln den ganzen Tag und lockte sie, die über den First des väterlichen Hauses trippelten.

Und in der Zeit dieser zärtlichen, weichen, sehnsüchtigen Pfiffe, und während er die Spiele und Scherze der Vögel betrachtete, wie der Tauber sein Weiblein umtanzte und girrend scharwenzelte und sie am Schnabel zog, und wie die beiden beleidigt und dann wieder schön mit einander taten, da wurde das Blut des Kasper ganz wunderlich, und er konnte sich selber nicht begreifen.

Und einmal, der Mond blinkte in die Stube, wo Bauer und Bäurin in dem breiten Himmelbett schliefen, da tappte sich der Kasper zur Tür. Aber er stieß an einen Stuhl, und der Bauer fuhr auf und sah den Burschen schleichen.

»Wohin denn, Bub?«

»Vater, heiraten möcht ich,« lallte der Kasper halb im Schlaf.

»Du hast recht. Heut noch nit, aber morgen, Bub. Und jetzt leg dich nur wieder!«

Folgsam kehrte der Kasper um und schlief weiter. –

Seit jener Mondscheinnacht lachte der junge Dullhäubel den Dirnen in die Augen. Und um sich vor ihnen ein Ansehen zu geben, handelte er sich vom Krämer eine Tabakspfeife mit buntem Kopf ein, die steckte er in die einwendige Brusttasche, daß das Mundstück herausguckte. Auch putzte er sich mit einem blauen Hut, grasgrünen Hosenträgern und einer breiten Uhrkette auf und ließ sich unter der Nase einen fuchsfeuerroten Schnurz wachsen. Und seine Schultern wurden breiter, seine Hände fester und griffiger. Nur die Stimme blieb ihm hoch und kindisch schrill.

Einmal saß die Sodonia nachts im Bett auf, weil sie sich den Schlaf nicht erzwingen konnte. Da hörte sie es wie mit Diebestritten das Haus umspüren und bald hernach den Kasper draußen halblaut singen:

»Dirndel, tu auf
und laß mich zu dir,
bin ein armer Kaplan,
sollst beten mit mir!«

Die Alte witterte neuen Unfug, und sie wollte die Hand über des Burschen Unschuld halten. Denn seine Mutter, die Sanna, kümmerte sich nicht um ihn, sie lag den halben Tag hinter der Scheuer unter der Hollerstaude, und die Stalldirn fing ihr die Läuse.

Die Sodonia wurde wachsam, und bald darnach merkte sie, wie sich der Kasper nach dem Essen davon zog und auch die Geißdirn verschwunden war. Schleunig suchte sie Dachboden, Stall und Stadel durch, bis sie schließlich zu einem alten, von Brombeergebüsch verwucherten Backofen kam, dort sah sie vier Füße heraus stehen. Sie packte das eine Paar kräftig an und zog den Kasper heraus.

Scheltend führte sie ihn zum Bauer. Aber der lachte unbändig und freute sich über den Ort, wo die Verliebten ihre Zuflucht gefunden hatten.

Es war zum letztenmal, daß der Isidor Dullhäubel sich freute. Er verfiel auf einmal, sein Gesicht wurde käsweiß, die kupferne Nase überzog sich mit Grünspan, und er behauptete, sie täte ihm weh. Die Kraft ging ihm aus.

Zu Mariä Geburt rief er den Kasper zu sich in die Stube. Er zog sich die hirschlederne Hose aus, die von den Vorfahrern überkommen war, warf sie dem Burschen hin und murrte: »Da!« Auf dem Tisch schillerten sieben Tabakgläser, darin die Namen der Wochentage geschliffen waren, und das Sonntagsglas glühte rot wie ein brennendes Herz. Der Bauer deutete darauf und ächzte: »Da!« Hernach ließ er sich matt ins Himmelbett fallen und starrte zu dem Spiegel hinauf, der darüber als Decke hing, und sah droben das kalkige Gesicht und die grüne Nase und seufzte.

So wich der alte Bauer dem jungen. –

Am Kirchweihsonntag schleppte sich der Isidor Dullhäubel zum letztenmal in den »pfalzenden Hahn«. Und als er mitternachts toll und voll heimkehrte, weckte er seine Bäurin und sagte fröhlich: »Heut hab ich die Krankheit versoffen.«

Der Kasper schwenkte noch am grauen Morgen die Dirnen im Tanz, als sein Knecht ganz außer Atem daher kam. »Kasper, heimgehen sollst du. Der Bauer ist gestorben.«

»Hast du mich erschreckt!« antwortete der Kasper. »Ich hab schon gemeint, der rotblassete Tauber wär hin.«


Der neue Bauer schaffte dem Toten ein schönes Begräbnis an. Die kupferne Nase nahm er ihm, als er in der Truhe lag, weg, sie konnte dem Isidor beim Jüngsten Gericht mehr schaden als nützen. Der Kasper band sie an den Senkel der Stubenuhr, die schon längst ein stärkeres Gewicht gebraucht hatte. So hing ihm allzeit ein Andenken an den Verewigten vor Augen.

Die Musikanten bliesen, der Pfarrer spritzte den Weihbrunn über die Truhe und betete um das immerwährende Licht und um die ewige Rast, und der Kasper heulte am Grab des Isidor Dullhäubel und begehrte, man solle ihn gleich mit dem Alten einscharren.

Hernach ließ er sich nach ewigem Dorfbrauch ins Wirtshaus spielen, und dort ging es feucht und lustig her, daß der junge Dullhäubel beim Abschied schluchzend zu den Musikanten sagte: »Mein Vater hat jetzt eine schöne Leich gehabt. Wenn wir leben und gesund sind, müßt ihr mir bei meinem Begräbnis auch so schön aufspielen.« –

Der Mond war schon schlohweiß unterwegs, als sich der Trunkene heimtrollte.

In der Blaumantelkapelle war es hellicht. Der Kasper Dullhäubel stierte hinein. Ihm schien es, der Heilige beutle unwillig den Kopf und hebe die Handteller gegen ihn, als greine er: »Fahr ab, du Sündenlümmel!«

»Du bist ein Lümmel, nit ich!« antwortete der Bauer. »Und meine Nase nimmst du mir nit, die ist kerngesund. Schau nit so scheinheilig drein! Wer weiß, wer du gewesen bist bei Lebzeiten.«

Der Heilige glotzte mit offenem Mund, der Mond verlieh ihm Leben.

»Dir verdank ich meinen roten Bart,« knurrte der Dullhäubel. »In dich hat sich meine Mutter verschaut, wie sie mich getragen hat. Wir zwei rechnen noch einmal ab miteinander. Und red nit so grob mit mir! Jetzt bin ich der Dullhäubel.« –

Tags darauf bat er die Altbäurin, sie möge ihm ein altes Heiligenbuch leihen, das er einmal in ihrer Truhe gesehen hatte.

Die Sodonia freute sich. »Das Buch schenk ich dir, Bauer. Das ist recht, daß du jetzt einkehrst bei dir und das Leben der Heiligen lesen willst, daß du ein Beispiel vor dir hast. Und so wachst in deiner Frömmigkeit ein gutes Blümel aus deinem Vater seinem Grab.«

»Sind alle Heiligen drin?« fragte er kurz.

»Alle! Alle!« Sie nickte feierlich.

Eine Woche lang buchstabierte er sich durch das andächtige Buch, daß er das Leben des Blaumantels kennen lerne. Er hoffte, in der Erdenwallfahrt des heiligen Nachbarn einen schwarzen Fleck zu finden, wie ja die stolzesten Heiligen oft die größten Sünder gewesen sind. Vielleicht hat der Blaumantel einen Bauer im Roßhandel betrogen oder es mit einem leichtfertigen Weibsbild gehalten oder gar irgendwo auf der Straße einen Wegfahrer abgegurgelt. Es gibt gar wunderliche Brüder unter den Heiligen. Und wenn der Dullhäubel den Fleck des hochfährtigen Heiligen aufgedeckt hat, wird er ihm ein paar schöne Strahlen aus dem Heiligenschein zupfen und ihm gehörig heimgeigen, wenn der Blaumantel ihm noch einmal ins Gewissen reden sollte.

Doch wie scharf der Bauer auch die Buchstaben ins Auge nahm und wie mißtrauisch sein Finger über die Zeilen tappte, daß ihm nichts entwische, er fand in dem Buch nicht einmal den Namen des Heiligen.

»O du Duckmauser, wer weiß, was für einer du bist?« grinste der Kasper Dullhäubel. »Jetzt will ich dir erst recht nachspüren.«

Er suchte den hochwürdigen Herrn Nonatus Hurneyßl heim.

Der Pfarrer lehnte gerad im Predigtstuhl, der ein großes, nach oben offenes Schneckenhaus war, und erzählte die Marter des heiligen Sebastian.

»Was gilt es, du kriegst den Pfeil in die Gurgel!« rief er. »Was gilt es, du kriegst den Schuß in den Nabel! Bums, sitzt dir der Pfeil im Schienbein! Ja, meine lieben Seelen, da sperrt ihr euer Maul auf und loset. He, du alte Zipfelhaube im dritten Stuhl am Eck, schlaf nit! Greift dich denn die Marter gar nit an? He, du Bürgermeister von Grillenöd, räusper dich nit so laut! He, Mausfallenwirt, lach nit so mit den Stockzähnen! Versuch es, laß du dir einmal von einem gottschändlichen Buben mit der Schindelbüchse einen Nagel in den geschwollenen Magen schießen!«

Da knarrte das Kirchtor, der Kasper Dullhäubel stand da und tappte demütig in den Weihbrunnkessel.

»Gehorsamster Diener, Dullhäubel!« grüßte der Herr Nonatus Hurneyßl grimmig. »Hast du den Weg verfehlt? Oder regnet es draußen, weil du da herein kommst? Kannst du nit zur Zeit da sein? Mußt du mich in den schönsten Martergeschichten stören? Hast du vielleicht einem Geißbock die letzte Ölung geben müssen? Das möcht ich wissen, was du heut von unserm Herrgott verlangst. Herrgott im Altar, trau dem Dullhäubel nit! Ja ja, schnupf nur, und tröst deine Nase! Der Teufel wartet auf dich, er bekränzt schon die große Bratröhre, wo er dich dünsten wird. Amen.«

Die Gemeinde murmelte: »Vergelts Gott!« und der Pfarrer stieg schwerfällig von der Schneckenkanzel herab.

Nach der Messe schob sich der Dullhäubel in die Kanzlei des geistlichen Herrn.

Der rief leutselig: »Ei, was für ein Wind tragt den Dullhäubel daher? Willst du gar schon heiraten? Das wär ratsam. Deine Wirtschaft braucht ein Weib.«

»Mich druckt ein besonderes Anliegen,« entgegnete der Bauer. »Sag mir, Hochwürden, woher stammt denn unser guter Schutzheiliger, der Blaumantel? Und was für Martern hat er erlitten, eh die Fuxloher ihn in die Kapelle gesperrt haben?«

»Meine liebe Seele, ich kann dir darüber nit viel Auskunft geben. Euer Heiliger schreibt sich eigentlich Sankt Aurazian, so steht es in unserm Kirchenbuch zu lesen. Sonst ist über ihn nirgends ein Wort zu lesen, so viel ich auch die Heiligengeschichte nachgeblättert hab. Mein Vorgänger, der Pfarrer Sebastian Knaupler, hat in selbiger Sache einen Brief an die päpstliche Kanzlei in Rom geschrieben, aber auch die haben nix gewußt vom heiligen Aurazian. Er muß ein gar bescheidener Mann gewesen sein, weil er nix von sich hinterlassen hat als seinen Namen.«

Der Dullhäubel dankte und ging. Bei der Siebenkittelwirtin kehrte er ein und trank, bis er strotzte, und erst, als er keinen Trunk mehr vermochte, besann er sich auf den Heimweg.

Die Nacht war schwarz, kalter Regen schlug durch den Wald. Der Steig war voll Gerill und Geröll und voll lauernder, tückischer, schlüpfriger Wurzeln, so daß der Bauer oft hinstürzte.

Vor der Kapelle zündete er sich die Pfeife an und beleuchtete den Heiligen. Der wehrte mit den Armen ab, als wolle er keinen Teil haben an dem Dullhäubel und als grause ihm vor dessen trunkenen Wandel.

»Herr Auraz Blaumantel, jetzt red du selber, wer du bist,« gröhlte der Bauer. »Gelt, du staunst, daß ich deinen Taufnamen weiß? Ich komm dir schon hinter die Schliche. Red, wer du bist! Du hast das Maul allweil offen und kannst nit giges und nit goges sagen.«

Schärfer schlug der Regen nieder, der Wind bog die Bäume, der Wolfsbach sauste.

»Von dir weiß nit einmal der Papst in Rom, woher du bist, du zugereister Heiliger. Aber ich bin der Dullhäubel aus Fuxloh!«

Und er kroch in die Kapelle, rollte den Blaumantel in den Regen hinaus, legte sich an seine Statt und schlief ein. –

In aller Frühe stapfte der Holzhacker Longinus Spucht mit seinem Weib daher, zwei Leute, eines kleiner als das andre. Sie wollten weit in den Lusenwald hinein, Bäume schneiden, und hörten es jetzt in der Kapelle drin schnaufen und rasseln und gurgeln.

»Um teufelswillen, Weib, der Blaumantel schlaft hart,« wisperte der Spucht.

»O du Batzenlippel,« spottete sie, »wie kann denn ein Hölzerner so schnaufen?!«

»Also ist es ein Bär,« stammelte er.

»Schau hin, ob niemand in der Kapelle liegt!« befahl sie.

Er tat ein paar verzagte Schritte und rief: »Ist niemand in der Kapelle?«

Da kreischte drin eine greuliche Stimme: »Was, bin ich jetzt auf einmal der Niemand? Ein großer Herr bin ich, auf der Welt gibt es keinen größern. Ich bin der – –«

Weiter hörten die zwei nichts, sie rannten in einem Saus dem Wald zu. –

Die alte Ulla hob hernach den obdachlosen Heiligen wieder in seine alte Heimstatt und wusch ihm den blauen Mantel, der arg beschmutzt war.

Im Gau des Lusens ging bald das Gerücht um, der Heilige habe mit zwei armen Holzhackern ein frommes Gespräch geführt.

Der Dullhäubel aber prahlte sich, er habe die ganze Nacht mit dem Blaumantel im »pfalzenden Hahn« gesoffen und Karten gespielt und habe schließlich den trunkenen Heiligen heimschaffen müssen.


Das Frühjahr kam, die Tage nahmen auf.

Da tändelten die Vögel, der Birkhahn krudelte, der Kiebitz tanzte um seine Frau, der Fuchs lief der Füchsin nach und der Has der Häsin.

Und wie die Sterne so zierlich leuchteten und der breite Bauernmond über den Fuxloher Heustadeln hing, stieg der Dullhäubel auf halsbrecherischen Waldsteigen übers Gebirg hinüber ins Bayernland der Einöd Kaltenherberg zu. Der Lugausbauer dort hatte eine mächtige Tochter.

Das Gehöft lag schon finster.

Der Dullhäubel klopfte an.

Drin meldete sich der alte Lugaus. Er trat ans Fenster und spähte in die weiße Nacht heraus.

»Bist du der Bauer?« fragte der Dullhäubel.

»Der bin ich.«

»Tu auf! Heiraten möcht ich. Deine Tochter möcht ich.«

»Hoho, wer bist denn du? Der Lugaus gibt sein Mensch nit dem ersten besten, der in der Nacht daher reitet. Wir Bauern auf der Einöd sind dumm, aber zum Narren haltet uns keiner.«

»Dem Mußmüllner aus Fuxloh sein Bub bin ich. Hast du noch nie nix gehört von der Mußmühl?«

»Ei freilich! Komm nur herein! Bist herzlich gern gesehen.«

Der Alte riegelte die Tür auf, dann stieg er im Vorhaus die Stiege ein paar Staffeln hinauf und rief in die Bodenluke hinein: »Ogath, heb dich! Heb dich schleunig! Der Mußmüllnerbub ist da. Schlupf in den Kittel! Leg an dein seidenes Gewand!«

Der Dullhäubel setzte sich auf eine mit Rosenstöcken reichlich bemalte Truhe und ließ die Füße baumeln.

Die alte Bäurin gab ihm die Hand und kicherte und nickte unablässig. Der Lugaus brannte einen Span an und steckte ihn in den Leuchter am Ofen, hernach ließ er sich am Tisch nieder und schmunzelte übers ganze stoppelige, faltige Gesicht.

»Gesehen hab ich dich noch nit, Müllnerbub,« sagte er. »Ich bin nur ein einziges Mal drüben gewesen in Fuxloh. Der Weg her ist gar wild, voller Steinfelsen und Gewurz. Dazumal bin ich mit dem Leiterwagen herübergefahren von Fuxloh. Den Weg hab ich dersider verschworen und verredet. Wie ich die Ochsen so antreib, verlier ich zuerst die Leitern, hernach das linke Hinterrad, hernach das rechte, hernach das linke Vorderrad, hernach das rechte, schließlich den Hinterwagen, und wie ich daheim war, waren nur mehr die Ochsen da mit der Deichsel.«

Die Ogath trat herein, eine starke, große Dirne. Über Achsel und Brust hing ihr ein haselbrauner Zopf; ein ganz kleines, feines Bärtlein wuchs ihr über der Lippe, es stand ihr gar nicht schlecht.

»Da setz dich zu ihm hin,« sagte der Lugaus. »Heiraten sollst du!«

Halb schläfrig, halb verschämt ließ sie sich auf die Truhe nieder und schmiegte sich an den Dullhäubel. Die alte Schwieger nickte und kicherte.

»Die Ogath ist für dich, Müllnerbub, die kriegst du,« fing der Lugaus wieder an. »Schau sie nur an, wie sie gestellt ist! Wie hochbrüstig sie ist! Ja, meine Menscher haben Schmalz. Drei hab ich schon ausgeheiratet, leicht hab ich sie angebracht. Die Ogath ist jetzt die letzte.«

»Schön ist sie wie ein Nägleinstock,« kicherte die Lugausin.

Der Bursch tat den Arm um das volle, noch von Bett und Schlaf warme Weib, und sie schielte heimlich zu ihm hinüber.

»So red ihm doch schön zu, Ogath!« drängte die Alte. »Bist denn du eine Stummin?«

»Nach Fuxloh geb ich das Mensch gern, Fuxloh ist ein schönes Ort,« sagte der Lugaus.

Die Junge erwiderte mit tiefer, lachender Stimme: »Herzlich gern geh ich fort aus der Einöd.«

Der Dullhäubel gab ihr recht. »Eure Einöd gilt bei uns nit viel. Der Isidor Dullhäubel, Gott schenk ihm das ewige Licht, hat gespottet, bei euch täten sie den Mittag mit dem Kleiensack ausläuten.«

»Der Dullhäubel hätt über seinen kupfernen Kumpf spotten sollen!« fuhr der Alte auf. »Wie man hört, hat den Hof jetzt wieder genau so ein Spitzbub wie alle seine Vorfahrer.«

»Ich bin aber der Mußmüllnerbub,« redete der Dullhäubel flugs darein.

»Ein Müllner ist mir recht. Den nimmst du, Ogath! In einer Mühl staubt es das ganze Jahr ein kleines Geld und ein großes auch. Freilich« – dabei kniff der Lugaus listig ein Auge zu – »Diebe sind die Müllner alle.«

Die Schwieger rieb sich die hageren Hände, sie huschte emsig hin und her, zupfte an der Ogath ihren Kittel, brachte dann einen Laib Brot und nötigte den Hochzeitswerber zum Tisch.

»Du kommst in eine gute Freundschaft, Müllner,« sprach der Einöder. »Mein Bub ist auch recht, der ist ein Herrgottelschnitzer in Straubing. Den Kopf hat er von mir, die Füße sind wie Stangen, und einen Hund hat er auch.«

»Sei nit so verstockt, Ogath! Red mit ihm!« riet die Alte.

Und die Dirne sprach: »Rot solltest du nit sein, Müllner! Ein roter Bart steht selten auf einem guten Ort. Aber für sein Auswendiges kann der Mensch nix. Sonst gefallst du mir.«

Der Lugaus und die Lugausin zischelten eifrig aufeinander ein und winkten und lächelten sich zu. Die zwei Leute glichen sich sehr, die breiten, runzlichen Stirnen, die kleinen, wackelnden Kinne, die langen Nasen, dünnen Lippen und gutmütigen Augen ähnelten einander derart, daß man nicht gewußt hätte, wer der Bauer und wer die Bäurin sei, wenn er nicht die Hosen und sie nicht den Kittel angehabt hätte.

»Lugaus, wie hast du denn dein Weib kennen gelernt?« fragte der Dullhäubel lustig.

»Ich bin zum Häusel hinein, und sie zum Häusel heraus, da haben wir uns begegnet,« lachte der Alte. »Und zwischen Sommer und Winter ist es gewesen: wie ich zu ihr gangen bin, ist die Welt grün gewesen, und wie ich von ihr heim bin, hat es geschneit, alles in einer Nacht.«

»Und was ist es mit dem Heiratsgut, Bauer?«

»Ich laß mich nit lumpen. Einen Strumpf voller Silber kriegt meine Tochter mit, zwei Küh und eine funkelneue Bettstatt. Und ein schönes Spinnrad laß ich ihr drechseln.«

»Sie taugt überall hin, die Ogath,« eiferte die Alte, »in jeder Kuchel kann sie stehen. Sie kann zwei Brühen kochen, eine süß, die andre sauer. Und gerichtet ist sie auch gut, sie hat zwei Schürzen, eine schwarztibetene und eine rottibene.«

»Bauer, Bäurin, das alles müßt ihr mir verschreiben,« begehrte der Dullhäubel.

»Du sollst es schriftlich haben. Gleich setzen wir miteinander den Heiratsbrief auf. Bäurin, bring Tinte, Feder und Papier, daß wir die Sach in Gang und Schwang bringen.«

Die Alte stellte ein Fläschlein rußiges Wasser hin. Aber weil sie die Gänse im Stall nicht aufstören wollte, gebrach es an einer Feder, und Papier fand sie nicht vor.

Da wandte der Lugaus die Tischplatte um. »Das ist jetzt das Papier.« Er reichte dem Dullhäubel einem Halm Kümmelstroh. »Da tauch ein, Müllner, in die Tinte und schreib! Ich und mein Weib sind keine Schriftgelehrten, zu unserer Zeit ist weit und breit keine Schul gewesen.«

Der Alte schaffte jetzt an, und der Dullhäubel kratzte emsig mit dem Stroh seine hagebuchenen Buchstaben auf den Tisch.

»Schreib hin, Müllner! ›Und die Ogath kriegt tausend Taler mit und einen Kammerwagen voll Zeug und unsere Küh Köpfel und Prinzel. Der Name des Herrn sein gelobt!‹« Hernach setzte der Lugaus drei Kreuze unter den Heiratsbrief und drehte die Tischplatte wieder auf die alte Seite, daß die Schrift nicht verwischt werde.

»Jetzt knie dich nieder, Ogath, daß ich dir den väterlichen Segen geb!«

Sie zierte sich ein wenig, dann fiel sie polternd auf ihre starken Kniescheiben hin, die Bäurin schneuzte sich in den Unterkittel, der Lugaus breitete wie ein Pfarrer über sie die Hände aus und sagte: »Sei froh, Ogath, daß du keine alte Jungfer wirst, du brauchst nach dem Tod nit im Moos die Kiebitze hüten!«

»Hör zu, Schwäher! Die zwei Küh tät ich mir gern anschauen,« bat der Dullhäubel.

Der Lugaus leuchtete mit dem Span in den Stall, wo das Vieh lag und atmete. Mit gekrümmtem Fuß trieb er die verbrieften Kühe auf. Sie schauten sich mürrisch um und zogen das Maul scheel.

»He, Köpfel, auf, du mußt nach Fuxloh! Prinzel, du auch. Fuxloh ist ein schönes Ort. Du kannst sie dir gleich mitnehmen, Müllner, die Küh.«

»Heut ist der Weg zu finster, Schwäher. Aber wann soll uns der Pfarrer zusamm binden?«

»Meinetwegen heut noch,« kicherte der Lugaus.

»Schwäher, ich hätt der Ogath noch was heimlich zu sagen.«

Der Alte blinzelte schelmisch: »Geh nur zu mit ihr, Müllner, und sag ihr es deutlich!«

Da ging der Dullhäubel mit der Ogath aus dem Gehöft in den Wald hinein. Ein mondsüchtiges Füchslein gellte, lau strich die Luft durch die Stämme, und Nacht und Himmel waren spiegelheiter.

Mit seinen läppischen Händen tappte er nach ihr.

»Laß mich aus!« schalt sie und entrang sich ihm.

Als er sie dennoch mit zangenden Fingern packte, kerbte sie ihm die Nägel ins Gesicht.

Er ließ murrend ab. »Stutzig und trutzig bist du wie eine Kranwitstaude!«

»Du kannst mich einmal genug anrühren,« tröstete sie, »heut wär es noch zu früh. Aber jetzt geh ich mit dir, ich will die Mühl rauschen hören, wo ich einmal die Müllnerin bin.«

Dem Dullhäubel schoß das Blut bis zum Schopf hinauf. Da hatte er sich eine saubere Suppe eingebrockt! Wie die Dirne so ruhig und fest wie ein Felsen vor ihm stand! Die gibt nimmer nach.

»Ich kann dich nit mitnehmen,« stotterte er. »Es paßt sich nit. Was täten die Leut dazu sagen?«

»Die Leut sollen reden! In drei Wochen sind wir Mann und Weib.«

Sie faßte mit festem Griff seine Hand und schlug mit ihm den Weg über die Grenze ein.

Es war still worden, der Fuchs klagte nimmer. Der Mond stand im Vollschein.

»Bist du allweil so einsilbig?« fragte sie.

»Ich red oft ein ganzes Jahr nit,« stieß er heraus. Er stolperte unwirsch dahin und dachte, wie er sie vertreiben und die Gefahr abwenden könnte, die gäh wie ein Waldgewitter über ihn aufdrohte.

Im dicksten Tann blieb er plötzlich stehen und schaute sich ratlos um. »Jetzt haben wir uns vergangen. Ich weiß keinen Weg.«

Sie lachte. »Wir steigen ins Tal. Drunten in den Schluchten hebt der Bach an, der leitet uns gewiß zu deiner Mühl.«

Sie zog ihn den Waldsteig hinab; es war, sie rieche den rechten Weg. Dem Dullhäubel ward unheimlich.

Wenn der Gid den Streich erfährt, dann weh!

Der Kasper Dullhäubel nahm sich vor, sich närrisch zu stellen, daß er die felsenfeste Braut verscheuche.

Droben am Ast schrie ein Schuhu.

Der Bursch hielt an und zischte hastig: »Horch, wie schön der Vigelvogel pfeift!«

»Du spassiger Bub du!« sagte sie ruhig.

Er langte nach einem Ast und wollte sich daran hinauf schwingen. Sie hielt ihn zurück.

»Willst du hinauf, deinem Vigelvogel singen helfen?«

»Ich bin gefährlich«, knurrte er. »Der Mond zieht mich alle Nacht in die Höh. Gestern bin ich aufgewacht, wie der Mond schwarz worden ist, da bin ich in Blaustauden auf dem Turmknopf gesessen.«

»Der Mond nimmt mir dich nit, mein Müllner. Zieht er dich an, so häng ich mich dran. Und ich bin gewichtig.«

»Ich bin gefährlich,« murmelte er. »Ich hab schon mehr als einen umgebracht.«

»Das glaub ich nit,« sprach sie.

Er stierte sie finster an, lange, lange, bis ihr schauerlich zu Mut wurde. Er fing auf einmal ohne Ursache grausig zu lachen an und sang unverständliches Zeug: »Schön knieweit, schön dachslet, unten lauter Leut, oben wie eine Tirolerin!«

»Müllnersbub, ist dir das Rädel laufend worden?« rief die Ogath erschrocken.

»Weh, weh, weh! Das Mühlrad dreht sich mir im Kopf!« flüsterte er, duckte sich und schlug einen Purzelbaum.

»Du hast ein Fieber, Bub.«

»Die Liebe zerwirrt mich, Dirn.« Er jauchzte hellauf, kniete dann vor eine Rotkröpfelstaude hin und betete ein Vaterunser.

Sie riß ihn stark in die Höhe. »Entweder bist du unrichtig im Hirn, oder feindet dich der höllische Geist an,« sagte sie. »Jetzt darf ich dich nit verlassen, ich muß dich in die Mühl bringen und deinen Leuten übergeben.«

Der Dullhäubel verzweifelte an seinem Glück, dumm und stumm ließ er sich führen, und sie redete ihm tröstlich zu und betete still vor sich hin, Gott möge seinen Verstand wieder hell werden lassen.

Je näher sie Fuxloh kamen, desto glühender ward dem Schelm der Weg unter den Fersen. Er mußte die Ogath verscheuchen, sonst fiel ein Berg von Unheil und Spott über ihn.

Er schluchzte auf einmal kläglich auf. »Ogath, ich verdien dich gar nit. Kehr um, kehr um beizeiten! Ich könnt dein Unglück sein.«

»Ja warum denn?«

»O die Leut reden schlecht von mir! Aber es ist alles, alles nit wahr. Die Ehr schneiden sie mir ab ellenlang. O die Welt ist grundverdorben!«

»Gar so schlimm werden sie dir doch nit nachreden, Bub. Und ein wenig verzeih ich dir schon.«

»Ich schäm mich soviel,« plärrte er, und die Tränen rollten ihm übers Gesicht. »Die Leut sagen, daß ich – daß ich – schwanger bin.«

Er riß blitzschnell das Messer heraus, stieß es in eine Fichte, hängte den Hut daran und sprang in hohen Sätzen davon.

Ihr war um das schöne blaue Hütlein und um das blanke Messer leid, sie raffte die Sachen an sich und rannte ihm nach, und weil sie gar flink auf ihren rüstigen Beinen war, holte sie ihn ein, als er keuchend bei der Blaumantelkapelle rastete und bei dem Heiligen Hilfe zu suchen schien wie ein gehetzter Hirsch beim Einsiedel.

»Bub, Bub,« beschwor sie ihn, »wenn du so arg heuchelst, soll dich der Herrgott strafen. Schwör mir bei dem Heiligen da, daß du mich nit narrst. Der Heilige hat das Maul offen, steck die Hand hinein. Wenn du falsch schwörst, beißt er sie dir ab.«

Aber der Dullhäubel entriß ihr das Messer und fuchtelte damit irrsinnig im Wind herum. Taub gegen ihren Jammer, kniete er am Weg hin zu einem dürren Kuhfladen, zerschnitt ihn und reichte ihr schluchzend die Hälfte. »Ogath, nimm es an und trag es um den Hals zum Andenken!«

»Mein Herr und mein Gott!« rief sie aus und kehrte traurig um. Denn da war nimmer zu helfen. –

Daheim drehte sie die Tischplatte um, zu sehen, was der Bräutigam geschrieben hatte. Anstatt des Heiratsbriefes las sie einen Reim.

Drunt im wilden Moos
liegt ein totes Roß,
vorn und hint offen,
ist der Schwäher draus gschloffen.

Die Ogath rieb den Schandspruch mit einer Bürste ab. In ihrem Hirn blieb er brennen.

Sie schluckte den Zorn hinunter und schwieg Vater und Mutter gegenüber. Doch den falschen Buben wollte sie heimsuchen und ihm ein schweres Donnerwetter anheben.


Am Aller-Wetter-Herrentag ging die Ogath übers Gebirg nach Fuxloh, wo sie sich den Weg zur Mußmühle weisen ließ.

Dort vor der Tür auf einem eingegrabenen Mühlstein stand der Gid und zündete sich die Pfeife an. Zuerst rieb er das blauköpfige Zündholz hinten am Sitzfleck, hernach am Knie und an der Schuhsohle, schließlich spreizte er die Beine, bückte sich zu dem Mühlsteinpflaster und streifte daran, und als auch das kein Feuer gab, schleuderte er fluchend das Hölzlein weg.

Da stand die Ogath vor ihm. »Das Glöckel läutet, Mühlbursch. Schütt Korn zu, statt daß du da so langweilig spielst.«

Der Gid staunte die starke fremde Dirne an, dann meinte er spöttisch: »Hoho, da kommt eine daher gelaufen und will mir was schaffen.«

Sie antwortete stolz: »Ich reit nit auf der Geiß daher. Ich weiß, wer ich bin und was ich hab, und ich weiß, wem ich angehör.«

Der junge Müller lachte. »Du kannst die Kaiserin selber sein, mir hast du nix zu sagen. In der Mußmühl bin allweil ich der Herr.«

Da fühlte die Ogath einen brennenden Stich im Herzen und merkte, daß sie von dem bösen Nachtbuben zwiefach betrogen worden war. Aber sie ließ die Zähren, die ihr die Augen schwimmen machten, nicht übers Ufer treten, und weil sie sich einmal die Mühle in den Kopf gesetzt hatte und ihr der staubige, finsteräugige Bursch auf dem Mühlstein besser gefiel als der fuchsbärtige Freier, und weil sie es daheim in der Einöd nimmer freute, so wollte sie versuchen, ob sie da in dem brausenden Haus ihr Bleiben könnte haben.

Und das Blut schlug ihr auf einmal so hart in der Ader, als sie sagte: »Wenn du der Müllner bist, so frag ich dich, ob dein Weib keine Dirn braucht?«

»Ich bin ledig,« antwortete er, »aber die Mutter hätt eine Hilf not, sie ist nit gesund.«

Sie trat näher. »So ding mich auf. Stark bin ich. Da greif mir den Arm an. Deine Mehlsäck heb ich leicht.« Und jäh umschlang sie den jungen Müller bei den Knieen, und ehe er sich ihrer erwehren konnte, hob sie ihn in die Höhe.

Als er verwirrt und schier taumelnd wieder Boden faßte, stammelte er: »Du hebst einen Mühlstein. Du hast Kraft wie ein stürzendes Wasser. Du bist zu brauchen.«

Er dingte sie auf, und sie half ihm in der Mühle, rannte die bestäubten Stiegen auf und ab, goß das Korn in den Trichter und warf sich spielend die Mehlsäcke über die Schulter, als wären sie mit Federn gefüllt. Sie lernte die Schleusen öffnen und die Mühlsteine schärfen mit dem Kieshammer und die Pfannen der Räder schmieren und besorgte das Vieh im Stall und den Mittag am Tisch und die gichtische Müllerin im Bett. So gewann sie bald das Herz der Alten, und die schwarzen Augen des Gid flogen ihren schnellen und kräftigen Bewegungen allzeit nach.

Einmal abends saßen sie beisammen. Der Alte hatte die Stirn gerunzelt, er starrte in die Milchsuppe wie in einen Spiegel und vergaß zu essen.

»Die Suppe kühlt dir aus,« mahnte die Müllerin. »Ärger dich nit über das, was nit zu ändern ist!«

Der Alte drehte die trübe Stirn der Ogath zu. »Ja, Ogath, vormals hat es eine schöne Gerechtigkeit für uns gegeben: meine Vorfahrer haben von jedem Sack Getreid einen Zins einheben dürfen, und wenn ihn auch die Fuxloher in der Kuckucksmühl, in der Grillenmühl oder in der Samstagmühl haben mahlen lassen.«

»Heut sind die guten Gesetze abgeschafft,« tadelte der Gid. »Alle Ordnung ist zerfallen. Das wurmt mich.«

Die Ogath redete wie ein tröstlicher Geist. »Männer, den Stein, den man nit heben kann, laßt man liegen. Die Mußmühl wirft genug Geld ab und hat genug zu mahlen; sie könnt sich noch einmal so geschwind drehen, die Arbeit tät nit abreißen.«

»Es ist nit das allein, was mich betrübt,« raunte der Alte. »Aber jetzt rührt sich der Mühlteufel wieder. Bei jeder vierten Brut meldet er sich. Zuletzt ist er bei meinem Ähnel gewesen, – jetzt kommt er zu dir, Gid.«

Die Gichtische erhob sich ängstlich im Bett. »Hast du ihn gehört?«

»Jeden Samstag hör ich ihn, Weib, da plätschert er im Wasser unterm Mühlrad.«

»Du irrst dich, Vater,« sprach der Gid. »Es rauscht und saust nur der Bach so seltsam.«

»Ich hör ihn schon seit drei Samstagen,« beharrte der Alte.

Die Angst schüttelte die Bettlägrige wie ein Frost. »Hast du ihm am letzten Nikolaitag was zu essen in die Radstube hinunter geschüttet?«

»Das hab ich besorgt, Weib. Und einen Filzhut hab ich ihm auch hinunter geworfen, daß er sich ihn auf das grüne Haar setzt und uns den Frieden laßt fürs ganze Jahr. Und jetzt ist er trotzdem da.«

»Wie schaut er denn aus?« lächelte die Ogath.

»Zwischen den Fingern hat er Häute wie ein Fischotter, und im Wasser wird er nit naß. Im Wasser ist er stark wie neun Rösser, man kann ihn nit überwinden; am Land ist er nit kräftiger als neun Fliegen. Wie der Ähnel noch auf der Mühl gewesen ist, hat der Wassermann häufig in der Nacht geklagt wie eine Seel, die die Seligkeit nit findet.«

»Ich leid ihn nit im Haus,« grollte der Gid, »ich richt ihm die Otterfalle auf.« –

Von jetzt an blieb es in den Samstagnächten immer still unter dem Mühlrad, wie atemlos auch die zwei Müller hinunterlosten.

Doch einmal, als der Gid den Vater aus dem Haus und die Ogath bei der siechen Mutter wußte, da hörte er es durch das Brausen des Mühlrades seltsam planschen und rauschen.

Der junge Mensch lauschte fieberisch.

Badet wirklich einer drunten mit schilfgrünem Schopf und spitzem Gebiß und langen Krallen? Zählt er die Seelen der Ertrunkenen, die er unter gläsernen Töpfen drunten gefangen hält?

Den Gid übermannte es, mit dem Unhold, der ihm die Werkstatt unheimlich machte, auf Leben und Sterben zu raufen. Wild riß er die Tür zur Radstube auf. In der schäumenden Traufe des Mühlrades, in wirbelnden, stoßenden Wassern, im Dämmer sah er es schneeweiß leuchten, er hörte einen weichen, entsetzten Schrei und stürzte sich hinab ins Wasser und hielt den wunderkühlen, starken Leib seiner Magd Ogath in den Armen.


Ehe der Mond sich wieder füllte, hielten die zwei Hochzeit.

Die ganze Freundschaft von Fuxloh und Grillenöd und jenhalb des Gebirges rückte an, die Männer mit Myrtensträußen in den schwarzen Röcklein, die Bäurinnen schwarzseiden vom Kopftuch bis zum Kittel, die Jungfern schillernd in braunen und rötlichen Kleidern.

Der Hochzeitslader jauchzte und wünschte dem Bräutigam einen Stall voller Ochsen und viel Körner im Kasten und einen Beutel voller Geld, der schickt sich in die Welt. Der Braut herentgegen wünschte er den Stall voller Kühe, davon eine mehr Milch gibt als dem Nachbarn seine neun Stiere, und wünschte ihr in sechs Jahren sieben Kinder und zuletzt einen rotschädligen Buben.

Da wies der Gid in die Weite: »Dort kommt endlich der Brautführer daher, und der ist mein bester Freund, der Kasper Dullhäubel.«

Die Ogath war nicht wenig verdutzt, als sie den falschen Burschen daher schlendern sah, der in der Nacht um sie gefreit. Er hatte sich zwar den roten Schnurrbart weggeschabt, doch sie erkannte ihn an dem großen, runden Kopf und den winzigen Zwinkeraugen gleich wieder. Sie tat aber, als wäre er ihr fremd.

Der Dullhäubel hatte sich mit Maschen und Sträußlein fein herausgeputzt, sein Brustfleck war mit doppelt aufgereihten Silberzwanzigern verknöpfelt, und an der geschmiedeten Silberkette klingelte ein silbernes Rössel und ein halbes Dutzend Frauentaler. Und als die Brautschar gen Blaustauden ging und die Bauern jauchzend die runden Hütlein schwangen, da warf der Dullhäubel seinen Hut am höchsten und er schnackelte mit den Fingern und schnalzte mit der Zunge, und keiner tat es ihm gleich.

Über den Wald herauf winkte der Turm mit dem Schindeldach, der Wildtauber ruchzte im Tann, gelbe Schnäbel schwätzten, das Laub spielte, Blumen liebäugelten auf der Wiese.

In ihren knisternden Schuhen trat die Braut stolz daher, ihr lichtgrauer Seidenrock hatte tausend Falten und stand über die vielen Unterkittel also breit gesträubt, daß sie kaum zur Kirchtür hinein konnte. Im Haar saß ihr ein künstlicher Myrtenkranz, der vorn über der stattlichen, ernsten Stirn wie eine Krone geflochten war und, sich über dem Scheitel teilend, weit über den Nacken herabhing.

Mitten durch die in langhalsiger Neugier erstarrten Blaustaudner führte der Dullhäubel die Braut zum Altar, und er konnte es sich nicht versagen und wisperte ihr zu: »He, tragst du den Kranz mit Recht?«

Sie sah ihm groß in die fuchsschiefen Augen und antwortete: »O du hundsschlechter Kerl!«

»Du hast mich also nit vergessen, Ogath. Schau, das freut mich.«

»Verschwunden bist du wie der Teufel, wenn man ihn mit Weihwasser abspritzt,« murmelte sie zornig und kehrte sich ab.

Er zog sein Rubinglas aus dem Sack und tröstete sich mit brasilianischem Tabak.

»Pfui Teufel,« sagte sie laut, »jetzt hab ich einen schnupfenden Brautführer!«

Er schaute scheinheilig zur Orgel hinauf. »Ich freue mich schon auf die schöne Musik,« flüsterte er. »Du wirst schauen, Ogath, wie zärtlich unser Schulmeister orgelt. Das Wasser wird dir in die Augen schießen.«

Der Pfarrer Nonatus Hurneyßl schritt zum Altar und gab die Brautleute zusammen. Es war ein Paar, wie es die Blaustaudner Kirche noch nie überwölbt hatte, der starke, finsterschauende Mann Gid und die große, schöne und stille Ogath.

Doch als der Orgler das Brautamt begann, hub ein derart wüster Mißklang an, daß die Leute erschraken, der Schulmeister mußte einhalten, er sprang wie besessen von der Orgelbank und fluchte, der Balgentreter horchte in die Windkammer hinein, ob nicht der Leibhafte drin knotze, und endlich kamen die Musikanten dahinter, daß ein verwogener Schelm in der Nacht vorher die Orgelpfeifen unter einander vertauscht hatte.


Das Hochzeitsmahl war im »pfalzenden Hahn« gerüstet.

Die Ogath saß schweigsam und blaß zwischen dem Gid und der Igelbäurin, die als erfahrene Brautmutter sorgte, daß die alten Bräuche geübt wurden.

Auf den Tellern dampfte Rindssuppe und Kuttelfleck und Bäuschel; mit Zuckersachen besteckter Reis ward aufgetragen und Kaffee in ansehnlichen, bunten Töpfen und dazu Gugelhupf und leckerer Kuchen. Die Gäste packten sich Schweinsbraten und fette Würste in Bündel zum Heimtragen ein. Als die Ehstandsbrühe, drinnen Rindfleisch schwamm, auf den langen Tisch gesetzt wurde, sagte die Brautmutter mit bedächtiger Würde zu den Brautleuten: »Nit süß und nit sauer, gerade recht, so wie der Ehstand ist.«

Der Dullhäubel spießte einen Knödel auf, biß hinein und sprach kauend über den Tisch hinüber zur Ogath: »Ob du schon weißt, warum bei eurer Mühl keine Scheuer ist?«

Sie merkte, wie sich ihres Mannes Stirn verfinsterte, und wich der Frage aus: »Ich weiß nix und will nix wissen.«

Der Dullhäubel aber kröpfte den Knödel hinunter und erzählte: »Da ist in der Mühl einmal der Korbflicker auf der Stör, und die Müllnerin stellt ihm eine Eierbrüh hin mit Knödeln. Der Mann will mit dem Löffel einen Knödel auseinander zwingen, aber es geht nit. Jetzt setzt er gewaltig an. Der Knödel weicht ab, haut das Fenster durch, doppelt durch, springt draußen an einen Stein, daß das Licht davon fliegt, schlagt an die Scheuer, die Scheuer fallt um. Da hat der Korbflicker drein geschaut!«

Der Gid reckte sich und zückte die Gabel. »Kasper, du willst mich heut an meinem Ehrentag spotten?!«

Die Ogath zog ihn auf die Bank zurück. »Du sollst doch einen Spaß verstehen, Gid!«

Der junge Müller stocherte wütend ins Kraut hinein.

Der Dullhäubel grinste. »Selbigesmal, wie die Müllnerin, die die steinernen Knödel hat kochen können, geheiratet hat, da ist es weit gemütlicher gewesen als heut. Damals haben sie so kräftig getanzt, daß der Fußboden durchgebrochen ist, und allsamt sind sie in den Stall hinuntergepurzelt. Die Braut ist zwiespältig auf den Stier zu sitzen kommen.«

Der Gid schlug auf den Tisch, daß die Ehstandsbrühe aushüpfte. »Du lügst mehr, als ein roter Hund rennen kann, Kasper.«

Der alte Müller beugte sich zum Dullhäubel hin. »Du plauderst allerhand Dummes über unsere Mühl, du Springinges mit deinem gelben Schnabel, und ist doch die Mußmühl weitaus die fürnehmste Mühl gewesen. Die Fuxloher Bauern haben bei uns mahlen müssen. Das Recht hab ich noch schriftlich daheim, du kannst es lesen. Die alten Fürsten haben ihren Namen drunter gesetzt. Heut haltet sich keiner mehr darnach, es ist eine untreue Zeit. Jeder fahrt mit seinem Malter, wohin er will. Der Mühlzwang hätt nit abgeschafft werden sollen. Das ist nit recht.«

Der Gid ward rot wie ein Feuer. »Die alte Pflicht muß wieder aufkommen,« sagte er heiser. »Ich leid es nit anders. Allsamt wie ihr da sitzt, Fuxloher, müßt ihr das Korn bei mir aufschütten. Ich setz es durch.«

»Meinem Vater haben sie das Recht abgezwungen,« rief der Alte, »ins fürstliche Schloß haben sie ihn geladen und haben ihn dort so lange gehaut, bis er zu allem Ja und Amen gesagt hat. Jetzt gehen viele Gaukelmühlen an unserem Bach, hat aber kein Müller ein rechtes Geschäft und keiner recht zu fressen.«

»Das riegelt mir die Galle,« schrie der Gid.

»Am Papier haben wir es schwarz auf weiß, der Fürst hat es bestätigt. Und was geschrieben ist, bleibt geschrieben. Ganz Fuxloh muß in die Mußmühl!«

»Ich nit,« trotzte der Dullhäubel.

Mit einem Blick wie ein Stichmesser tappte der Gid über den Tisch, und der alte Müller hielt den Dullhäubel schon an der Gurgel.

Im rechten Augenblick noch fuhr der Meßner Grazian darein, die schneidende Stimme erhob er: »Lasset uns ein andächtiges Vaterunser beten für die verstorbene Freundschaft des Bräutigams und der Braut!«

Da verstummte die Zwietracht, und alle Stimmen vermischten sich in einem eintönigen Gebet für die verschollenen Seelen der Vorfahren.

Hernach spielten die Musikanten hellauf, daß in allen das Waldblut zu zucken und zu springen anhub, und der Hochzeitslader schrie: »Das Brautpaar soll vivat leben!«

Der Dullhäubel trat vor die Igelbäurin hin und begehrte als Brautführer von ihr als sein Recht den ersten Tanz mit der Braut.

Die Brautmutter richtete sich hoch auf. »Erst bring mir eine Kerze, die Tag und Nacht brennt!«

Jauchzend schwang sich der Dullhäubel zum Fenster in den Garten hinaus, rannte um den Zaun herum und kam mit einer Brennessel wieder, und die steckte er der Iglin in das Bierglas.

»Brenn dich nit an der Kerze, Brautmutter. Und jetzt laß mich mit ihr landlerisch tanzen!«

»Brautweiser, erst bring mir sechs Lichter, ein jedes muß anders brennen.«

Der Dullhäubel verschwand in der Kuchel und trug nach kurzer Weile ein Brett daher, darauf glühten sechs kleine Stengelgläser mit Kirschgeist und Kümmel und anderen roten, gelben und lichten Schnäpsen.

»Kostet den goldnen, Brautmutter!« lockte er und bot ihr ein Stämplein dar, »das ist ein süßer Trunk, wie ihn die Weiber gern mögen. Du bist ja genäschig wie eine Geiß.«

Die Iglin zierte sich ein wenig, griff dann schämig nach dem gelben Schnaps, spitzte den Mund und kostete lächelnd. Im Hui ward ihr Gesicht sauer, und es schüttelte sie am ganzen Leib. »Der Spitzbub hat mir einen Essig gegeben,« schalt sie.

Hernach begehrte sie: »Eh ich dich tanzen laß mit der Jungfer Braut, zeig mir ein Bett, drin neun Jungfern schlafen, keine in der Mitte, keine am End!«

Der Dullhäubel kratzte sich hinterm Ohr und meinte, das errate der Kuckuck. Aber er stieg auf den Dachboden und brachte ein Spinnrad daher und drehte es, daß die neun Speichen lustig wirbelten.

»Du kannst gut raten,« lobte die Iglin. »Jetzt trag mir noch einen lebendigen Braten auf!«

Während der Dullhäubel den Braten holte, kroch der Lukas Schellnober, der bei der Musik den Baß blies und als der stärkste Mann in der Gegend galt, unbemerkt unter den Tisch und packte die Ogath beim Fuß. Sie kreischte und strampelte, und die Brautmutter half ihr und raufte den Mann unbarmherzig bei den Haaren, und schließlich gab ihm die Braut selber einen Schlag auf die Wange, daß es wie ein Schuß knallte. Doch der Riese zog ihr, unbekümmert um alles, was da über ihn niederging, den Schuh aus, kroch schnaufend unter dem Tisch herfür und trottete zur Tür hinaus. Als er wiederkam, stellte er den Schuh mit Nelken und Rosen und Stiefmütterlein gefüllt vor die Braut hin.

»Wirt, gib dem Grobian einen Krug Wein!« befahl die Iglin. »Den Fuß hätt er ihr schier ausgerissen.«

Der Schuhräuber setzte sich auf ein Faß. »Die Ogath hat Kraft,« staunte er, »die hat mir einen feinen Hieb gegeben. Einen Hieb, den Gemeindestier schlaget er nieder. Einen Hieb, als wenn das Wetter einschlaget.«

Vor lauter Freude an dieser Kraft vergaß er den Schmerz, der ihm im Schädel summte.

Der Dullhäubel stellte derweil eine verdeckte Schüssel auf den Tisch. »So, da wär der lebendige Braten.« Er hob den Deckel, und eine Maus schlüpfte heraus, die hatte eine blaue Masche um den Hals.

Die Weiber kreischten, rafften die Kittel zusammen und stiegen auf die Stühle und Bänke. Verwirrt jagte das Tierlein auf dem Tisch hin und her, warf die Stengelgläser um, daß es ein feines Geklingel gab, und wagte endlich den Sprung auf den Fußboden.

Die Iglin wurde jetzt feierlich. »Brautweiser, jetzt bau der Braut eine silberne Brücke und nimm sie zum Tanz!«

Der Dullhäubel holte einen Geldstrumpf und legte zwei Reihen Silbergulden von einem Tischeck zum andern, und die Ogath trat zaghaft darauf und schwankte den silbernen Steig dahin und sank hinab in die Arme des Dullhäubel, die Spielleute setzten an, und die zwei tanzten so wild, daß der lange lose Myrtenkranz vom Haar der Braut weithin wehte.

Draußen vorm Wirtshaus saß die alte Ulla auf einem Stein. »Sie werden doch drin nit auf mich vergessen,« raunte sie.

Eine Hand schob sich zur Tür heraus und warf ihr einen Kuchen in den Schoß.

Sie lächelte. »Mir ist es ganz ein Ding, ob ich ein schwarzes Brot krieg oder ein weißes. Das weiße eß ich lieber, nur wegen der Farbe.«

Drin am Tisch saß die Braut, der Ernst ihrer Stirn verging nicht, und kein Lächeln erhellte ihr Gesicht, wie arge Späße auch der Dullhäubel trieb.

Am meisten zielte sein Übermut nach dem Bräutigam.

»Zeig her, Gid, den Arm,« rief er, »ob dir das Haar dran bergan wachst!«

»Warum bergan?« fragte der Gid mißtrauisch.

»Weil ihr Müllner den andern Leuten in den Mehlsack greift.«

»Du heißt mich also ins Gesicht einen Dieb?« brauste der junge Müller.

Die Ogath beschwichtigte ihn. »Scher dich nit um solche Reden! Du brauchst viel Mehl, wenn du alle bösen Mäuler verkleiben wolltest.«

»Ein jeder Sack raucht, wenn man drauf schlagt,« schrie der Gid. »Soll ich allein mir alles gefallen lassen?«

Die Gäste murrten, daß der Dullhäubel Unfried stifte, und als dieser merkte, daß sich der Groll wie ein dumpfes Gewölk um ihn zusammen zog, da lenkte er ein und fing an, lustige Lügen zu erzählen über Leute, die nicht da waren, und unterhaltliche Lieder zu singen, darin er sich selbst ein Klämpflein anhängte, oder er streute sich Tabak auf die linke und die rechte Achsel, drehte den Kopf wie ein Wendehals darnach und schnupfte ihn mit der ausgiebigen Nase links und rechts weg.

Ob solcher Schnacken söhnten sich die Gäste wieder mit ihm aus. »Man kann ihm nit feind sein, dem Faxenmacher,« lachten sie.

Als der Gid und die Ogath hernach zum erstenmal in der Brautkammer lagen und die Mühle rastete, hörten die zwei die halbe Nacht draußen im Garten die Pumpe ächzen.

Der Dullhäubel pumpte vor lauter Eifersucht den Brunnen aus.


Die Jahre verwichen.

Der Dullhäubel wirtschaftete mit der Altbäurin und mit Knecht und Magd auf seinem Hof. Die Mutter zählte nicht mit, die schlief stehend und gehend ein.

Er selber mühte sich auch nicht sonderlich, es behagte ihm viel mehr, den Fuxlohern allerhand Possen zu spielen, Land und Leute gen einander zu hetzen, auf den Wirtstisch fest aufzutrumpfen und ein Leben zu führen wie seine Vorfahrer.

Immer mehr wandte sich der Blaumantel hinter seinem Gitter von der Welt ab, immer saurer sah er darein, wenn der Dullhäubel vorübertrollte, und schließlich bildete sich der Bauer ein, der Heilige wisse um all seine Schwänke und verrate sie vor Gottes Stuhl im Himmel. Drum besann er sich viel, wie er den unliebsamen Widersacher wegschaffen könnte.

Einmal, am Simonjudastag, als das Kraut gehobelt und im Faß eingetreten war, schleppte er den Heiligen heimlich in den Keller, und stellte ihn statt eines Steines auf das Krautfaß, um es zu beschweren. »Jetzt bist du beschäftigt, du Müßiggänger,« spottete er.

Doch seit der Hölzerne unterirdisch als Krautheiliger waltete, plagten den Dullhäubel bergschwere Träume und vergällten ihm den Schlaf.

Ihm träumte, dem Blaumantel wüchsen Haar und Bart, und er, der Bauer, müsse ihn scheren und stutzen. Zunächst setzte er ihm einen Topf auf den Schädel, und was darunter an Haar hervorkringelte, schnitt er ab. Es war aber steif wie Eisendraht und kaum zu bewältigen. Hernach striegelte er ihn mit einem Igel, ein Kamm hätte den abscheulich verfilzten Schopf nicht durchrütten können. Er schnitt ihm den Bart vom Kinn und aus den Wangengruben und Nasenlöchern, schob ihm einen Löffel in das Maul, daß sich die Haut daran straffe, seifte und schäumte ihn ein und balbierte die Stoppeln mit einer Dachschindel. Der Bart aber wuchs augenblicklich wieder nach, und so wurde das Balbieren zu einer schrecklichen Mühe ohne Ende. Dabei glotzte der Blaumantel seinen Schaber höllisch an, und der Löffelstiel stand ihm gräßlich aus den grellroten Lefzen. Hundsmüd und zerknirscht fuhr der Dullhäubel aus dem Schlaf, an seinem Hemd war kein trockener Faden.

Noch mehr quälte ein anderer Traum, der allnächtlich wiederkehrte. Der Heilige im Krautkeller wuchs, wuchs durchs Gewölb in die Schlafkammer des entsetzten Dullhäubel, wuchs durch den Boden zum Dach hinaus, daß die Balken sich bogen und die Schindeln flogen und das Haus wankte und schier stürzte. Nur die Kutte wuchs ihm nicht, und der Dullhäubel mußte ihm hinten und vorn Schürzen und Leintücher vorhängen von wegen der Schamhaftigkeit. Droben überm Dach zuckte und flammte der Heiligenschein und drohte, Wald und Korn zu zünden. Da preßte der Bauer einen Schrei aus der Brust, er schrie den Fuxlohern um Hilfe, aber alle Fuxloher Männer vermochten den verwilderten Blaumantel nicht zu überwinden, den sonst zwei zarte Jungfern stundenweit getragen auf der Wallfahrt nach Maria Dorn.

Der Dullhäubel hörte aus diesen Träumen sein zerrissenes Gewissen schreien, und als ihn der Blaumantel einmal wieder wie eine Trud drückte, keuchte er aus dem Bett in den Keller hinab, stürzte den Quälgeist kopfüber in einen Buckelkorb und schleppte ihn zur Kapelle.

Der Mond ging eben ab. Etwas Gespenstisches meckerte im finstern Moor. Ein Hund schrie Mord über ein blaues Irrlicht. Ein griesgrämiger Rabe hüstelte im Schlaf.

Der im Buckelkorb schien sich zu rühren und ward immer schwerer und schwerer; der Dullhäubel meinte, Himmel und Erde müsse er tragen. Vielleicht war das Schnitzbild überhaupt kein Heiliger, vielleicht funkelte es hinter seinem Genick im Korb und war ein Bild des Gottseibeiuns selber, das sich ein Zauberer und Götzenknecht geschnitzt hatte in böser Absicht, und vielleicht springt der heidnische Kerl gar aus dem Korb und schleudert den Bauer selber hinein und schleppt ihn – Gott verhüt es! – zum höllischen Backofen.

Dem Dullhäubel schnürte sich die Gurgel zu, sein Atem klemmte sich. Vor Angst betete er laut und untertänig, und er stellte seinen blauen Feind unter Bittreimen und Stoßseufzern wieder in die Nische.

Nach diesem Nachtgang lebte er gottesfürchtig und eingezogen, und das um so lieber, als ihm die Fuxloher auflauerten, deren Heiligen er mißbraucht hatte. Auch nahm er sich fest vor, jeden Gottestag die Predigt zu hören und seinen Groschen zu opfern zur Ehre der Kirche und zum eigenen irdischen und himmlischen Vorteil.

Doch der Teufel wacht und zieht dem bußfertigen Sünder gern eine Sperrkette über den Weg. Also geschah es auch dem Dullhäubel, als er sich wieder einmal dem Herrgott von Blaustauden zeigen und in aller Bescheidenheit ganz hinten am Kirchtor hatte lehnen wollen.

Er stieg in die hirschledernen Hosen hinein, legte den Sonntagsrock an und steckte das rubinene Glas zu sich. Im Hof trat er noch einmal zum Saustall, den er sich ganz klein hatte zimmern lassen und redete durch das Futtertürlein dem Vieh gütlich zu: »Friß nur, Sau, daß du einen Leib aufnimmst! Oder hast du keine Ehr in dir?«

Wie er jetzt so treuherzig und in der besten Absicht bergab trabte und der Wind über die Zäune strich und die Wiesen rauchten, sprang ihm ein hitziger Mensch in den Weg, packte wie ein Straßenräuber ihn beim Brustfleck und schrie: »Gerad will ich dich heimsuchen. Ich hab gehört, du verkaufst eine Sau.«

»Meine Sau ist speckfeist. Ob ich sie dir geb, ist nit gewiß.« Und der Dullhäubel vergaß schnöd des Herrgotts und kehrte mit dem Fleischhacker schnurstracks um.

Die Sau wog gering. Weil sie aber kläglich in den winzigen Stall gestellt war, so füllte sie ihn aus und erschien gar mächtig.

»Um wieviel ist sie dir feil, Bauer?«

»Um dreißig Gulden, Fleischhacker.«

Der Sauhändler prallte erschrocken zurück, machte Augen wie Pflugräder und drohte, ins Knie zu fallen. »Dreißig Gulden?! Du bist närrisch worden, Kasper.«

»Dreißig Gulden,« sagte der Bauer eintönig.

»Was wiegt die Sau?«

»Schätz sie ab, Luitel!«

»Dreißig Pfund wiegt sie. Kein Lot mehr.«

»Dreißig Pfund?! O du Raubersbub! Jetzt willst du mich betrügen, wo ich dir so weit entgegen kommen bin mit dem Preis? Dreißig Pfund wiegt eine ausgezogene Katz. Schau sie genau an, die Sau, sie geht schier nit in den Stall hinein. Dreimal so viel wiegt sie zum mindesten!«

»Daß ich nit lach, Kasper! Neunzig Pfund hat sie nit einmal samt dem Saustall.«

»Luitel, greif meine Ehr nit an!« drohte der Dullhäubel.

Der Händler sparte nicht mit seiner Verachtung. »He, das soll eine Sau sein?« rief er empört. »Gib sie her um zwanzig Gulden!«

»Dreißig kostet sie. Das ist schandenwohlfeil.«

»Was tust du mir an?« stöhnte der Luitel. »So manches Jahr sind wir treue Freunde gewesen. Und jetzt willst du mir das Blut aussaugen? Dullhäubel, laß nach! Dullhäubel!! Dullhäubel!!!«

»Dreißig Gulden.«

»Hinwerden soll ich in fünf Minuten, wenn du von mir einen Kreuzer mehr kriegst als zwanzig Gulden,« schwor der Fleischhacker.

Der Dullhäubel zog die Sackuhr. »In fünf Minuten? O Freund, da mußt du dich hübsch fleißen!«

»Du spottest noch? Kasper, denk an deine letzte Stund! So ein elendes Krepierlein! Die Knochen stehen ihm hinten und vorn heraus. Dem Schinder hast du die Sau gestohlen. Gib sie her um fünfundzwanzig Gulden!«

»Dreißig.«

»Lauter rothaarige Menscher soll dein Weib einmal kriegen!« fluchte der Luitel. »Die Sau soll dir die Nase abfressen, daß du nimmer schnupfen kannst!«

Der Dullhäubel ward blaß, tastete nach der Nase und trat einen Schritt zurück. Die Verwünschung griff ihn an, und schier hätte er nachlassen. Aber er erfing sich wieder und sagte sanft: »Dreißig Gulden.«

Der Luitel heulte auf. »Er treibt mich in die Verzweiflung Hast du ein Herz im Leib, Kasper? Bist du ein Christ? Gib her die Sau um achtundzwanzig Gulden! Reck her die Hand! Schlag ein!«

Er versuchte immer wieder in die Hand des Bauern einzuschlagen, die wie tot hing. Er winselte, beschwor, fluchte, verwünschte.

Der Dullhäubel blieb kalt. »Geh heim, Fleischhacker! Du bist ja nit verheiratet mit meiner Sau.«

»Tu sie her um achtundzwanzig Gulden fünfzig Kreuzer,« schluchzte der Luitel, »und nimm dir die Sünd mit in die Ewigkeit!«

Jetzt seufzte der Dullhäubel wehmütig auf: »Ich will dich nit unglücklich machen, und weil du mein Freund bist seit jeher, so gehört dir die Sau um den Preis, den du jetzt selber geboten hast. Aber nit gern laß ich dir sie. Sie ist meine einzige Freud gewesen; ich hab sie aufgefüttert und wachsen sehen und zunehmen –.« Er wischte sich über die Augen, seine Stimme erstickte.

Da schlugen die zwei ein. Der Handel war geschlossen.

Der Luitel blätterte die schmierige Brieftasche auf und zahlte. Bedächtig zählte der Bauer das Geld nach, und als er es verwahrt hatte, half er dem Händler das widerspenstige Tier bei den Ohren aus dem Stall ziehen.

»O verflucht, ist die Sau gering!« stammelte der Luitel, als er sie im hellen Taglicht sah.

Und als er sie gar durch das große Hoftor zerrte, wurde es ihm durch den Vergleich recht augenscheinlich, wie winzig die Sau war. Vor Wut ächzte er auf und drohte mit der Faust zurück.

Der Dullhäubel aber schüttelte das Geld und frohlockte laut: »Den hab ich angeschmiert, daß ihm die Augen tropfen.« –

So übervorteilte er jeden, der sich mit ihm im Handel messen wollte.

Trieb er eine Kuh auf den Markt, so rührte er ihr im letzten Wirtshaus, wo er einkehrte, eine kräftig gesalzene Mehlsuppe an, darauf durstete das Vieh gar sehr und es soff wie ein dürrer Rasen Wasser in sich, bis es die Wampe voll hatte. Dann stand es stattlich da und freute sich eines guten Gewichtes, und der Dullhäubel schlug sie mit erklecklichem Gewinn los.

Derlei Kniffe und Pfiffe hatte er einen ganzen Heuwagen voll.

Ein ganz besonderer Segen lag auf seinem Hof, trotzdem daß er seine Hände schonte und die schönste Zeit beim Bier verlümmelte. Mit glänzenden Fellen stand ihm das Vieh im Stall, seine Kühe kälberten eifrig, seine Geißen kitzten dreifach und vierfach, seine Hennen legten Eier mit zwei Dottern. Kein Reif sengte ihm die Erdäpfelblühe, kein Schauer knickte sein Korn, sein Heu kam räuspendürr unters Dach.

Und mancher Fuxloher ward deswegen in dem gerechten Herrgott irr.


Dem jungen Mußmüller wich der Dullhäubel aus, er scheute ihn. Der Gid wurde immer hitziger und rauflustiger und stritt mit allen Leuten, weil er das altverbriefte Recht wieder durchsetzen wollte. Auch sonst störte ihm mancherlei das Glück, besonders aber, daß in der Mühle die Wiege leer blieb.

Einmal stach den Dullhäubel der Kitzel, und er schlich sich den Bach entlang, den mürrischen Nachbar ein wenig aus dem Häuslein zu bringen.

Die Vögel wuschen sich, am Zaun blühten die Hollerstauden. Die Mühle rumpelte verschlafen, und das Rad knarrte verdrießlich: »Soll – ich – denn – noch einmal – umgehn?«

Mit unwirscher Stirn lehnte der Gid am Türstock. Es hatte schon lange nicht geregnet, und wenig Wasser fiel aufs Rad. Die Ogath saß auf der Sonnenbank und flickte.

Da rief der Dullhäubel hinter einer Erlenstaude: »Wie die sieben dürren Jahr schaust du drein, Gid. Geht dir die staubige Mühl zu langsam?«

Die Eheleute schraken auf wie Hennen, wenn der Fuchs durch den Zaun blinzt.

Der Nachbar setzte sich gemächlich auf einen Grenzstein jenseits des Baches und fragte: »Strickst du den Geiferlatz für den neuen Müllnerbuben, Ogath? Wann wirft der Krähvogel ihn euch in den Rauchfang? Er laßt sich Zeit.«

»Du Daunderlaun, wir sind ohne Kinder auch lustig,« speiste sie ihn ab.

Er höhnte weiter: »Wer ist denn schuld daran, du oder der Mann? Müllner, du mußt sie über neun Zäune tragen und schreien, die Nachbarn sollen dir helfen.«

Er achtete nicht des Mühlrades, das bedächtig und schier drohend brummte: »Juckt – dich – der – Buckel? Juckt – dich – der – Buckel?«

»Ich helf mir selbst,« grollte der Gid, »und dich brauch ich am wenigsten. Du bist derselbe Lump wie deine Ähnel.«

»Der Apfel fallt nit weit vom Birnbaum,« entgegnete der Dullhäubel. »Wenn ich ihr nur meine Pudelhaube hinwerfet, gleich krieget sie einen Buben, die Ogath.«

»Ja, weil du der rotbartet Kasper bist,« knirschte der Gid. »Das muß ich mir ins Gesicht sagen lassen, Ogath. Dran bist du schuld.«

»Ich geh wallfahrten gen Maria-Dorn,« seufzte sie bang. »Vielleicht nutzt es.«

»Geh hin, wohin du willst! Ein Bub muß her.«

»Geh nacket in die Kindelkapelle, Ogath!« kicherte der Dullhäubel.

Der Müller wurde schneeweiß und packte einen Hammer, der auf der Türschwelle lag. »Ich erschlag dich, ich bin Gott einen Toten schuldig,« zischte er und sprang über den Bach.

Er war flinker als der Nachbar, und als er ihn gestellt hatte, schlug er mit dem Hammer blind auf ihn los und traf ihn auf die Achsel, daß er hin in die Binsen fiel.

Das Mühlrad ging auf einmal viel lustiger und spottete: »Hat dich der Buckel gejuckt? Hat dich der Buckel gejuckt?«

Beruhigten Blutes kehrte der Gid zu seinem Weib zurück. »Den Grenzstein will ich heut noch mit Kalk frisch überweißen, weil ein schlechter Kerl drauf gesessen ist. Und ein Bub muß her, und wenn wir zwei solange drum wallfahren müssen, daß uns bei jedem Schritt ein Blutstropfen von der Ferse fällt!«

Indes raffte sich der Dullhäubel mit allerhand Gedanken an Schergen, Gericht und Zuchthaus aus der Wiese auf, tappte nach der wehen Achsel und schielte bös zur Mühle hinüber. »Blut ich, so klag ich; blut ich nit, so klag ich nit.«


Im Volk ging die Rede, daß einst von Gesetz wegen in der Mußmühle kein Weib habe hausen dürfen. In Wahrheit verhielt es sich so, daß unter jenem Dach nur wenig Kinder geboren wurden. Während es in den Bauernstuben wimmelte, zogen die jeweiligen Müllersleute immer nur einen einschichtigen, vertrotzten Buben als Samenstengel auf.

Der Ogath lag es wie ein Mühlstein am Herzen, daß sie Jahr für Jahr galt ging. Sie hätte alles drum gegeben, und nicht nur ihres verfinsterten Mannes wegen, wenn sie ein Kind gehabt hätte, und weil alles Gebet, alle Sehnsucht und Traurigkeit fruchtlos blieb, so dachte sie immer heißer an Wunderkräfte, die ihr den Segen aufschlössen.

Was ihr der Dullhäubel in seiner Verruchtheit geraten, ging ihr nimmer aus dem Sinn.

Weit drin in der Wildnis des Lusens ist die Kindelkapelle. Dort hat schon manches Mutterverlangen sich hingekehrt und ist erhört worden. Doch die große Gnade kann nur durch ein großes Opfer herbei gelenkt werden: nackt muß das Weib wallfahren zu jenem Gnadenursprung, in letzter Blöße muß sie schreiten durch die Wälder, ehe ihr das Wunder zuteil wird.

Von Woche zu Woche nahm sich die Ogath die seltsame Wallfahrt vor, doch immer wieder schrak sie in Scham davor zurück, bis ihr Wunsch endlich so gewaltig aufbrannte und alles andere davor verglomm.

Zu Mariä Heimsuchung fuhr der Müller in die Stadt ins Schloß, dort wollte er noch einmal wegen des abgeschafften Mühlrechtes verhandeln.

Da schlich die Ogath barfuß in das Vogeltänd, das war der Wald, der hinter der Mühle aufstieg und den Steig beschattete, der zur Kindelkapelle führte.

Vor einer Steinhöhle hielt sie an. Ihre Brust ging hoch, angstvoll flog ihr Blick durch die Bäume, sie trat aus dem Sonnenlicht in den tieferen Schatten einer niedergreifenden Tanne. Zitternd band sie sich die blaue Schürze los und legte sie in den Steinriß, sie tat die Joppe ab und den Rock und die drei barchentenen Unterkittel und verbarg sie. Jetzt stand sie im Hemd und lauschte todängstlich hinein in das Vogeltänd.

Nichts regte sich. Nur eine Drossel pfiff.

Sie wartete, bis der Vogel sich versungen hatte. Dann warf sie das Hemd ab und war nackt.

Ihr schauderte.

Mit gefalteten Händen, mit fallenden Zähren begann sie die leidvolle Wallfahrt.

Anfangs schien es ihr öfters, es halle der dumpfe Tritt eines Wandrers ihr entgegen, und sie floh mit verhaltenem Atem hinter eine Staude und lauschte lange und traurig.

Das Blut brannte ihr in den Wangen den weiten Weg. Sie schämte sich vor den lustigen, spiegelnden Quellwassern, die sie überschreiten mußte, sie schämte sich vor dem flüsternden Laub, das sie zu beschwätzen schien, und vor den rauhen Felsen sogar, denn alles hatte heute Gesicht und Augen. Jeder Stein am Steig, jede Wurzel am Hang, alles, alles kehrte sich ihrer sündigen Nacktheit zu.

Der grüne Baumhackel lachte schrill, der Krummschnabel glotzte vom Ast, spöttisch knickste das Rotschwänzel. Das Hirngrillein, der Guckauf, der Nußhackel, die Spottvögel alle, die Schlangen am Weg, der verzagte Has, der Hirsch, der unter der Berghollerstaude rastete und hinauf fraß, sie alle schauten sie an, die da gläubig in ihrer schmerzlichen Keuschheit dahin wallte.

»Vögel, berget die Äuglein im Gefieder!« bat sie. »Wend ab die Augen, Wendehals! Ihr Blumen, verschließt euch und schaut mich nit so an! Zeig mir mein Bild nit, du stiller Bach!«

Immer älter und verworrener wurde der Wald, schreckhaft verbogene Bäume schickten die Wurzeln wie Nattern und Tatzelwürmer aus, Felsen trugen tiefes, feuchtes Moos und trieften, Geier jagten schreiend über den finster geschlossenen Wipfeln.

Mitten in diesen Schrecknissen ragte das Wunderkirchlein auf.

Es lag so mutterseligallein, so verhuscht und verborgen vor aller Welt, so recht geeignet, daß ein armes Mutterherz oder eine betrübte Magd oder ein reuiger Sünder oder, wer immer den Herzwurm hat, sich in aller Geheime ausweinen konnte.

Die Ogath trat in das wetterverschlissene Bethäuslein. Das Herz ward ihr sonnenlicht, als sie den Altar sah.

Da saß die Maria, die heilige Kindelbetterin, weiß wie ein Lilienblatt, schlicht und einfältig, und neben ihr beugte sich der Zimmermann mit dem eisgrauen Bart, ein uralter Tattel, über die Krippe, darin ganz nackt und bloß das Himmelskind schlief, und zwei Eheleute schauten furchtsam drein, denn die Könige waren gekommen, den Heiland im kalten Stroh zu grüßen, der Kasper, schwarz wie ein Kohlenbrenner, der Melcher, der Weihrauchkönig, reitend auf dem Kameltier, und der Balthauser, der mit dem silbernen Stern tanzte. Ganz hinten, durch zierliche Heiligenscheine aus ihrer Demut erhöht, knieten das Öchsel und der ägyptische Esel.

Vor dem Altar stand eine große, leere Wiege.

Die Ogath aber redete mit der hohen Gnadenfrau: »Die Mußmüllnerin bin ich, und es ist eine Sünd und eine Schand, wie ich da vor dir steh. Aber deine Augen sind so still, und du schaust mir ins Herz bis auf den Grund. Du siehst nix Schlechtes drin. Und ich bitt dich, trag meinen Wunsch hin, wo man ihn hört. Mit gesegnetem Leib möcht ich gehen wie die anderen Weiber, und so bitter gern tät ich am Anger vor der Mühl Windeln bleichen, tät Hosen flicken für ein schlimmes Büblein, oder wenn es ein Dirnlein sein sollt, wollt ich es gern zöpfeln und es hegen und pflegen, und alles Herzleid tät ich willig tragen, was so ein Kind bringt.«

Weiter fand sie keine Worte.

Sie kniete zur Wiege hin, legte ihren schmerzlichen Wunsch hinein und wiegte still und versunken in den Anblick der heiligen Leute und gläubig, daß das Wunder geschehe an der Frau, die es wagt, nackt zu wallfahren.

Sie wiegte, bis die Sonne tief im Bergwald versunken war und die Kapelle sich mit grauen Schatten füllte.

Im Dämmer ging sie heim, erbangend, wenn das Gras zischte oder der Wind flüsterte, verzagend vor jedem Gebüsch. Denn selten gibt es eine Staude, drin nicht ein Auge ist.

Die Raben kehrten in den Fichten ein zur nächtlichen Rast. Wie stockende Geister leuchteten die weißen Grenzsteine. Droben tat sich der Sternhimmel auf und funkelte durch die Wipfel nieder und silberte Zweig und Laub.

Lichter aber schimmerte der Leib der Wallfahrerin, und die Blendnis ihres Fleisches lockte und schrie durch die Nacht.

»Ich bin wie eine Latern,« klagte sie.

Der Wald ward sanfter, gangbarer der Weg. Durch die Stille hörte sie schon die Mühle. Fern über den Bäumen sah sie hin und wieder das Gebirg in schwarzen Klumpen dunkeln. Sie wanderte und wanderte im Glanz ihres Leibes hin.

Als sie den Steinriß erreichte, wo sie das Gewand versteckt hatte, huschte ein Mann aus den Felsen herfür und griff nach ihr.

Sie schloß die Augen und ließ willenlos alles geschehen.

Es mußte so sein.


Als der Gid erfuhr, wie die Ogath wallfahren gegangen war, prügelte er sie unbarmherzig, daß sie blau und blutig wurde, und das starke, stolze Weib ließ sich schlagen und wehrte sich nicht.

Tags darauf kam der Zusch, ein närrischer Mann, zum Müller und lallte: »Der Dullhäubel schickt mich. Du sollst ihm Haut und Haar von deinem Weib schicken. Du hast gestern geschlagen.«

Der Gid jagte ihn davon. –

Im Frühjahr gebar die Ogath ein Dirnlein mit dickem, rotem Haar.

Der Müller zerbiß sich die Lippen, er hatte einen Buben begehrt.

»Woher hat sie das rote Haar?« murrte er.

Er versperrte sich immer mehr in sich selbst. Seine Augen flogen scheu, die kargen Worte, die er redete, zauderten undeutlich an seinen Lippen. Oft brütete er stundenlang über dem Brief, der den Vorfahren Zins und Kundschaft verbürgt hatte, und sann auf Wege und Schliche und Gewaltsamkeiten, sich wieder ins alte Recht zu setzen.

Einmal saß er am Fenster und quälte sich, eine Bittschrift an den Kaiser aufzusetzen. Denn im fürstlichen Schloß hatte man ihm gesagt, der Kaiser selber habe die Zwangmühlen abgeschafft. Er wollte mit der Schrift nach Wien reisen und dort, wenn es nicht anders ginge, einen Fußfall tun.

Da holperte draußen auf der Straße ein Wagen daher, der Fuhrmann pfiff gell und knallte ohne Aufhör mit der Geißel. Der Gid riß das Fenster auf und schaute hinaus. Es war der Dullhäubel. Seine Ochsen wollten den mit Kornsäcken beladenen Wagen vorüberziehen.

Aufsprang der Gid, packte die Urkunde und rannte hinaus.

Er trat dem Fuhrwerk in den Weg und hielt die Ochsen an, die Augen flirrten ihm.

»Kasper, wohin?«

»In die Mußmühl nit, in die Grillenmühl,« sagte der keck.

»Das ist gegen das Gesetz,« lechzte der Gid. »Da siehst du die Schrift. Schwarz auf weiß steht drin, daß du bei mir mahlen mußt. Dein Hof steht drin aufgeschrieben mit Tinte und Feder. Mir ist es nit ums Mahlgeld, mir ist es ums Recht.«

»Ich mahl bei dem groben Müllner nit, der mit dem Hammer die Leut erschlagt.«

»Gelt, Kasper, du fahrst an meiner Mühl vorbei, weil du weißt, was mir ein Spieß ins Aug ist! Heut laß ich dich nit vorüber. Recht muß Recht bleiben. Übers Recht gibt es keinen Weg.«

»Speib Gift, speib Gall!« sagte der Dullhäubel kalt. »Deine Red hat keinen Kopf und keinen Fuß. Steck ein den Wisch Papier und fuchtel nit so vor den Ochsen herum! Du zerrüttest sie mir.«

»O du grundschlechter Kasper, genau so wie deine Vorfahrer peinigst du die Leut. Mit Bluthunden haben sie den jungen Burschen nachgespürt, das lebendige Menschenblut haben sie um einen Judaslohn verraten!« spritzte der Gid dem Dullhäubel ins Gesicht.

Der antwortete gelassen: »Du steigst mir auf den Buckel! Und es bleibt dabei, der Grillenmüllner und kein andrer schrotet mir das Korn.«

Blutrot sprang der Müller den Bauer an. Diesmal aber war der Dullhäubel gerüstet. Er riß eine Ochsensenne aus dem Wagen und schlug schrecklich auf den Feind los.

Der Gid keuchte in sein Haus. Im Flur stand der alte Müller.

Der Gid faßte eine Hacke. »Reichlich hat er mich gehaut,« schnaubte er. »Vater, du stellst dich hinter die Tür. Du packst ihn von hinten. Gleich ist er da. Droben am Steinbühel graben wir ihn ein.«

Atemlos warteten die zwei.

Der Dullhäubel aber führte sein Korn schon weit und sang sein Leiblied.

»Ich schrei hü,
ich schrei ho,
ich schrei allweil
hüstaho.«


Als dem Müller die Blutrünste und blauen Flecken vergangen waren, steckte ihm der Bote einen Brief zu, und damit wurde er vors Gericht beschieden.

Der Dullhäubel hatte geklagt, der Gid habe ihn auf hellichter Straße überfallen, ihn und seine Vorfahrer geschmäht und verschändet und ihn schließlich mit einer Ochsensenne halb erschlagen.

»O der falsche Fuchs!« schrie der Gid. »Erst haut er mich grün und gelb, hernach zieht er mich vors Gericht. Auf der Stell klag ich ihn auch.« –

Der Dullhäubel rüstete sich indes emsig für den Gerichtstag. Er wollte den lieben Mußmüller so weit bringen, daß er kniefällig um Verzeihung heulte.

In der Scheuer übte er seine Rede ein. Vorerst neigte er sich nach allen Seiten, denn er dachte sich den Gerichtshof rund wie einen Kreis und rings lauter Richter und Schergen und sich selber in der Mitte.

»Gnädigster, allerstrengster Herr Gerichtshof!« hub er an. »Indem daß der Herr Ägid Wilfinger, Müllnermeister in Fuxloh, mich, den Herrn Kasper Dullhäubel, ehrengeachteten Bauern daselbst und eheleiblichen Sohn und Nachfolger des Herrn Isidor Dullhäubel, indem daß derselbe denselben und seine Ochsen auf freier Straße angepackt hat und mich hat zwingen wollen, daß ich in seiner Mühl mahl, wo doch schon der Herr Kaiser Josef im Jahr achtundvierzig alle Zwangmühlen verboten hat, und weil ich selbem Müllner nit zu Willen war, hat er mich und meine gottseligen Vorfahrer mit boshaften Wörtern verunehrt und hat insbesonders mir – mit Verlaub zu sagen – geschafft, ich soll ihm auf den Buckel steigen. Nachdem dies geschehen war, hat er mich mit einer Ochsensenne so kläglich genotnötigt, daß ich vierzehn Tag meine Arbeit hab versäumen müssen und Hand und Fuß nit rühren können. So, jetzt hat der Widersacher das Wort.«

Damit ging der Dullhäubel in die Ecke der Scheuer, wo spinnverwebt die Putzmühle stand, und drehte sie fünf Vaterunser lang, daß sie rumpelte und fauchte, und deutete also die Rede an, womit der Gid sich verteidigte.

Als der Bauer an der Putzmühle in einen gelinden, warmen Schweiß geraten war, setzte er ab und sprach wiederum in der eigenen Sache.

»Allerhöchster und ehrbarer Herr Gerichtshof! Indem daß der Ägid Wilfinger sich gar so lügenhaft verteidigt und mit seinen Spitzfünden der Wahrheit unverschämt ins Gesicht schlagt und behauptet, es hätte sich alles umgekehrt zugetragen und ich hätte ihm mit einer Ochsensenne leibgefährlich und schandbar zugesetzt, daß er schleunig in der Mühl habe seine Zuflucht holen müssen: so verschwör ich mich mit dem härtesten Schwur, daß der Müllner jetzt abscheulich gelogen und getrogen hat. Gott soll mich strafen, wie ich da steh, wenn nur ein einziges Wort nit wahr ist!«

Jetzt ließ er wieder die Putzmühle lärmen, und dies bedeutete wieder die Antwort des Gid.

Hernach schloß er die Verhandlung und sagte: »Indem daß der Müllner von seinem halssteifen Leugnen nit ablaßt und in ohrenblaserischer Weis mich, seinen Nachbarn und vormals treuen Freund ins Zuchthaus bringen will, so trag ich alleruntertänigst seine gerechte Bestrafung an. Ich bitt euch, sperrt den Herrn Ägid Wilfinger drei oder vier Jahr bei Wasser und Brot ein, daß mir mein Recht geschieht und er hernach als ein verbesserter Müllner wieder auf die Welt kommt.«

Er verneigte sich nach allen Winden und ging aus der Scheuer, seiner Sache sicher. –

Am Gerichtstag putzte sich der Dullhäubel wie ein Pfingstelreiter heraus: er schirrte sich in die grasgrünen Hosenhalfter und steckte einen Häherspiegel in den blauen Hut, die Silberknöpfe glänzten am Brustfleck, und so trat er getrost aus dem Haus.

Als die Sodonia über ihn ein Kreuz schlug, sagte er: »Heut wird es ein Rausch, ob ich gewinn oder verlier.«

Vor seinem Hof aber hockte die Ulla, sie ließ ihr zahnlücketes Lächeln spielen und grüßte: »Guten Morgen in aller Fruh, Bauer!«

Das alte Weib deutete er als übles Vorzeichen. Fluchend rannte er in die Stube zurück, tauchte alle fünf Finger in den Weihbrunn und besprengte sich kräftig, daß alles Gelüst des Teufel zu schanden werde. Dann schlich er zur Hintertür davon und ging in einem weiten Ring um das Bettelweib. –

Der Gerichtshof schaute ganz anders aus, als wie der Dullhäubel geträumt hatte. Es war eine sonnige Stube, drin auf grünem Tisch zwischen zwei Kerzen das Kreuz mit dem angenagelten Herrgott stand.

Der Richter hatte einen breiten Goldbart, eine rötliche Nase und graue, scharfe Augen, die einen durch Mark und Bein schauten.

Der Schreiber, dem zwischen den Augenbrauen eine mächtige Warze saß, zog eben den Pfropf aus einem Tintenfläschlein. Neben ihm glänzte eine schneeweiße Gansfeder.

Als der Dullhäubel in die Stube trat, war der Müller schon drin. »Holla, gefehlt ist es,« dachte der Bauer, »jetzt ist mir der Kerl zuvor kommen!« Doch hoffte er die Scharte auszuwetzen, und er grüßte artig: »Gelobt sei Jesus Christus, Herr Gerichtshof und Herr Schreiber!«

Er wollte auch den Mann neben der schneeweißen Gansfeder ehren, denn wie leicht konnte der ein Wörtlein in seine Schrift rinnen lassen, das einem das Genick brach.

Der Goldbart murrte etwas und deutete ungeduldig auf einen Sessel. Doch der Dullhäubel hielt es an der Zeit, seinen Trumpf auszuspielen, er holte das Tabakglas herfür und bot es mit zwinkerndem Blick auf die rötliche Nase dem Richter hin.

»Was unterstehen Sie sich?« brüllte dieser.

Der Dullhäubel legte die Hand demütig aufs Herz. »Herr Gerichtshof, ich bin halt ein dummer Bauer.«

Er knickte auf den Sessel nieder, der blaue Hut fiel ihm auf den Fußboden. »Holla,« dachte er, »jetzt hab ich mich verrechnet. Aber meine Red muß mich herausreißen.«

Die Stimme des strengen Mannes kam auf einmal ganz unglaublich mild und zart aus dem Goldbart heraus, die starken Augen wurden ihm feucht, er zupfte an seiner Nase.

»Leutlein, euch hat der Herrgott nachbarlich hingesetzt in das schöne, friedliche Tal am Wolfsbach, und ihr steht jetzt in dieser Stube euch gegenüber wie zwei Waldratten, die sonst nichts mehr zu fressen haben als eins das andere. Was verklagt ihr euch wegen ein paar überflüssiger Hiebe und ein paar lustiger Wörter? Besinnt euch, ihr strittigen Männer! Es kann kein gut tun, wenn einer von euch wegen des andern abgestraft wird. Es wächst Haß daraus, und der Haß glost weiter in Kind und Kindeskind und schlägt allweil wieder giftig aus der Asche. Denkt an den Frieden eurer Enkel! Söhnt euch aus! Gebt euch die Hände!«

»Ich will mein Recht,« trotzte der Müller.

»Ich auch,« rief der Dullhäubel.

Das graue Auge des Richters verfinsterte sich, mit langen Schritten ging er von Wand zu Wand.

»Es ist gut,« sagte er. »Und jetzt erzählen Sie mir den Vorfall, Wilfinger!«

Der Gid stellte sich kerzengerad hin wie ein Soldat und begann rauh: »Ich komm aus der Mühl. Der Kasper steht auf der Straße. Ich zeig ihm unsern Freibrief. Wir reden nit lang, da reißt er die Ochsensenne aus dem Wagen. Wenn ich nit renn, erschlagt er mich.«

»Umgekehrt ist es gewesen!« kreischte der Dullhäubel.

»Ruhig!« knurrte der Richter. »Ägid Wilfinger, beschwören Sie Ihre Aussage!«

Die Kerzen flackerten unheimlich, und der Gid reckte den Arm steif auf bis schier zur Decke und stammelte nach, was der Richter vorsprach.

»Falsch hat er geschworen, der staubige Teufel!« schalt der Dullhäubel. »Dir wasch ich noch einmal die Kutteln.«

»Du elendiger Bauerntrumpf!« grollte der Gid. »Erwisch ich dich noch einmal, ich hämmer dich hin, daß du nimmer aufstehst!«

Der Richter rieb sich die Fäuste. »Das ist ein spitzer Handel, Männer,« reizte er die zwei. »Redet euch nur die Leber frei!« Der Bart zitterte ihm unter dem lachenden Mund. Lachend riß er das Fenster auf.

Das Geschrei der zwei Fuxloher versammelte drunten am Markt die Stadtleute. Sie horchten und lachten.

Der Dullhäubel war rot wie ein Truthahn. »Müllnerdieb, Müllnerdieb!« zeterte er. Ihm fiel nichts anderes ein.

Der Gid hatte keine Farbe im Gesicht. »Du abgefeimter Fuchs,« sprühte er, »du drehst dem Teufel einen Knopf in den Schweif.«

Sie wüteten gen einander wie zwei leer laufende Mühlsteine, mit bösen Reden stachen sie auf sich ein, vergangene Zeiten öffneten sie und rissen die verweste Schande der Voreltern heraus.

»Du Lump!« brauste der Gid. »Und allsamt seid ihr Lumpen gewesen auf euerm Hof. Der Vater sauft sich zu Tod, der Ähnel sucht die letzte Rast am Strick, dem Guckähnel wird der Hirnschädel eingehaut, und wer weiß, wie viel von deiner Brut am Galgen gezappelt haben!«

Der Dullhäubel blieb nichts schuldig. »Du ehrlicher Müllner, dein Vater ein ehrlicher Mann, dein Ähnel, dein Urähnel, dein Guckähnel, lauter redliche Müllner! Kein Körnlein ist euch stecken blieben im Fingernagel, kein Stäublein Mehl ist haften blieben an euern Schürzen, keinen Sand habt ihr gemischt –.«

»Was? Du willst an meinem ehrlichen Gewerb schnipfeln?« Der Gid langte hinüber, wie der Bär nach Reiner dem Fuchs greift.

Schnell barg der Schreiber das Tintenfaß und sah sich nach der Tür um.

Dem Richter schien es genug. Er brüllte, daß die Scheiben klirrten: »Ruhe! Sonst laß ich euch dingfest machen und ins Zuchthaus schmeißen!«

Der Dullhäubel aber bäumte sich auf: »Hat der Gid geschworen, muß man mich auch schwören lassen!« Er schwang die rechte Hand in die Höhe und spreizte die Finger, die linke ließ er mit zur Erde gereckten Schwurfingern hängen; er glaubte, so müsse der Schwur ohne Schaden durch den Leib gehen, auch wenn er nicht ganz echt sei.

Der Goldbärtige schaute ihn mit einem Blick an, der ihm den Arm lähmte, und sagte halblaut: »Ihr zwei versteckten Lümmeln, augenblicklich versöhnt ihr euch, sonst laß ich euch krumm schließen, daß euch die Knochen brechen! Glaubt ihr, ich hab die Zeit gestohlen, daß ich mit einem groben Müller und einem spitzfindigen Schelm, der da kalt schwören will, herumschlage? Im Hui vergleicht euch! Und dann hinaus mit euch!«

Die Widersacher schauten verdutzt drein, der Richter aber winkte entschlossen hinab auf den Marktplatz, dort stand ein riesiger Mann mit einem Säbel.

Den zweien wurde ängstig.

Der Säbel klapperte draußen die Stiege herauf. Der Dullhäubel langte sich nach dem Hals, als würge ihn etwas. Dem Müller war, eine Sense fahre ihm durch die Kniee.

»Gid, verzeih!« ächzte der eine.

»Kasper, vergiß!« murmelte der andere.

Der Mann mit dem Säbel trat herein. Sein Gesicht war ernst, als müsse er in die Feldschlacht gehen. Er wischte sich links und rechts über den Schnurrbart.

Der Richter sprach zu ihm: »Sie, Herr Notnagel, rennen Sie gleich zum Postmeister hinüber! Er soll nicht aufs Kegelscheiben vergessen. Im Wirtshaus zum Blumenstöckel.« –

Die zwei Fuxloher atmeten auf, als sie draußen auf dem Gang standen.

Der Gang war weitläufig und finster, und drum verirrten sie sich und gerieten an eine eisenbeschlagene Tür, die halboffen stand.

Der Dullhäubel spähte hinein.

In der Kammer drin war nichts zu sehen als ein vergittertes Fenster und eine hölzerne Liegerstatt. An die Wände hatten die Leute, die hier einschichtig über den Lauf der Welt nachgedacht hatten, allerlei Ergötzliches gezeichnet. Neben dem Bild eines mit Raben und baumelnden Schuften wohlversehenen Galgens waren Gesicht und Brüste eines üppigen Zigeunerkindes zu schauen, Schergen mit Säbeln und Hahnenbüschen auf dem Hut starrten von der Mauer nieder, unbekümmerte Sprüche luden zur Besinnung ein; auch mancher Reim war verzeichnet, der ein artiges Gemüt verletzt hätte, und mit blauem Stift stand steif und groß hingemalt: »Ade, du trauter Ort! Ich bin da gesessen ein paar schöne Wochen.«

Dem Dullhäubel wurde ganz heimlich in der Kammer. Die Sonne zeichnete das Gitter gar lustig auf die Liegerstatt hin und zierte die Spinnweben im Winkel mit regenbogenen Farben. Eine Maus kroch aus ihrem Loch und stellte ein Männlein.

Ungern verließ der Dullhäubel die Stätte. Er deutete mit dem Daumen zurück und sagte zu dem Müller: »Wenn mir das alte Bettelweib nit begegnet wär, du säßest jetzt da drin. Schad drum!«


Die Ulla wohnte am Vogeltänd neben einem Felsen. Ihre zerrissene Hütte war mit Stangen und Stecken kläglich gestützt, Türsäulen und Fensterstöcke waren morsch, die Scheiben zerbrochen und mit Papier verklebt. Die Schindeln faulten am Dach und waren zum Teil durch Baumrinden ersetzt. Doch darauf glänzten Steine mit schönen glasigen Gebilden, so daß es auf all der Armseligkeit wunderlich blitzte.

Im Fenster wuchs in einer Scherbe kümmerlich die Blume Zagelhintaus. Ein Kienbaum verschattete die Hütte, ihm wucherte im Gezweig ein Hexenbesen, kraus verwachsen wie das Nest eines verrufenen Vogels.

Es war morgens. Der Guckauf lockte hell.

Die Waldkräutlerin brockte vor ihrer Tür einen struppigen Schlafapfel aus dem Dorn, sie wollte ihn abends ins Bett legen, weil sie nimmer gut schlief.

Zu dem winzigen Fenster meckerte die Geiß heraus. Die Ulla humpelte hin und spaßte: »Gib mir ein Bussel, Geiß!«

Als wär er aus dem Felsen gesprungen, stand der Dullhäubel da.

»Du hast die Geiß gern, Ulla. Du brauchst sie wohl Zum Reiten? Reitest du auf den Lusen tanzen? Das ist ein hoher Berg.«

Die Alte nickte gutmütig mit dem kleinen Vogelkopf. »Du bist heut gut aufgelegt, Bauer. Dir hab ich einmal eine Warze besprochen. Weißt du es noch? Jetzt bist du ein schöner Mann worden. Geh, schenk mir was! Schau, wie armselig meine Heimat dasteht!«

Sie deutete auf die Tür, die müd in den Angeln hing.

»Die Tür ist schlecht,« sagte der Bauer, »aber du brauchst sie nit besser, du reitest ja zum Rauchfang ein und aus.«

Die Geiß stand jetzt in der Tür, die Vorderbeine gespreizt, und horchte neugierig zu.

»O mein liebes Vieh, der Bauer macht uns zwei schlecht. Du bist ein Schwänkmacher, Dullhäubel. Freilich geht es mir schlecht. Wenn nur genug Brot wär, drei Zähne hab ich schon noch,« kicherte sie kläglich. »Ach ja, die Not ist mein Kuchelmensch und Schmalhans der Meister.«

»Aber Milch hast du genug?« fragte der Bauer scharf.

»Nit viel, gar nit viel. Was halt die Geiß hergibt.«

»Alte, du weißt, daß in meinem Hof der Erdspiegel ist. Drin seh ich alles auf der Welt. Wie ich gestern abends hinein schau, seh ich dich den Wegzeiger gegen Grillenöd melken. Zur gleichen Zeit hebt meine beste Kuh, die schwarzrückete Stallmeisterin, gottskläglich an zu plärren. Ich schau nach, da steht sie im Stall, zittert am ganzen Leib und schwitzt, als wenn sie einer geritten hätt. Ich hab sie gleich melken wollen, da hat sie nit ein bißlein Milch gegeben, nur ein Tropfen Blut ist ihr aus dem Euter geronnen. He, was hast du meine Kuh verzaubert, Hex?« rannte er.

Sie rang die dürren Hände. »Das ist nit wahr, der Erdspiegel lügt. Ich bin ein frommes Weib und keine Schlangenköchin.«

Er fuhr fort: »Im ersten Zorn bin ich in das Vogeltänd gelaufen, hab dir die Milch vom Ofen wegreißen wollen. Da seh ich durch die Luft einen Strohwisch schießen, in deinen Rauchfang schießt er hinein, er sprüht vor lauter Feuer. Ist das nit dein Liebhaber gewesen, Hex?«

Sie starrte ihn mit den blöden Augen an. »Du irrst dich, Dullhäubel, du irrst dich dreimal. Es wird nur ein Sternlein in den Rauchfang gefallen sein. O weh, wie redest du so schrecklich von mir armem Weib! Ich tu ja niemand nix, ich tu nur beten, allweil hab ich die Nase im Betbuch, wenn ich auch nit lesen kann.«

»Jetzt weiß ich, Ulla, wer mir im Stadel die Mäus wachsen laßt und im Haus das Unziefer. Jetzt weiß ich, wer den Nebel her winkt und das schwarze Wetter. Du bist es, Hex!«

»Ich hab ja gar keine Kraft,« jammerte sie, »wie könnt ich das tun? Es ist ja alles nit wahr, nit wahr.«

Unbarmherzig redete er: »Aus deiner Geiß springt die Milch wie der Brunnen aus der Erd, die Milch rinnt dir ums Haus nach, Ulla. Zum Lusen bist du auf einem Besen geflogen, der hinter dir gebrannt hat. Du zauberst und zinzelst und zanzelst und machst Weiber und Küh galt.«

»O du Unfang, du bodenloser, was bringst du mich in Kummer? Deine üble Nachred wird mir schaden, niemand wird mir eine Gabe schenken wollen. Aber jetzt geh ich hin und laß dich am Gericht verklagen.«

»Der Richter ist mein bester Freund, der tut mir nix,« lachte der Schelm. »Und wenn die armen Leut klagen, so gilt es nit. Und wer steht gegen mich auf? Ich bin der Dullhäubel aus Fuxloh!«

»Das ist eine bitterliche Wahrheit,« lispelte sie, »an der Armut wischt ein jeder seinen Schuh. Aber, lieber Kasper, ich bin keine Hex.«

»Du bist es. Dein ganzer Leib legt Zeugenschaft dafür ab: deine Finger sind wie Krallen, dein Kinnbein ist dürr und krumm, dein Gesicht ist runzlig, als ob die Hennen drin gekratzt hätten. Die Augen rinnen dir aus.«

»Ich bin ja alt! Alt bin ich!« wimmerte sie. »Blut könnt ich weinen. Du wirst mich verschreien in ganz Fuxloh.«

»Wenn du ein gerades Weib wärst, die Augen frisch, die Wangen weiß und rot und glatt,« der Dullhäubel schnalzte, »und wenn du sonst am Leib schön fest und dick wärst, da könnt der Erdspiegel zehnmal sagen, daß du hexest. Niemand tät ihm glauben.«

»Das laßt sich nimmer ändern,« sprach sie traurig. »Und wenn ich noch so gut essen könnt, mein Leib ist alt und laßt sich nimmer frisch aufbauen.«

Da flüsterte er: »Und doch weiß ich einen Rat. Geh in die Altweibermühl!«

Wie Abendsonnenlicht glitt es über die enge Stirn der Ulla. »Ja, die Altweibermühl! Ich hab schon davon reden hören. Aber sie ist weit, meine Füß ergehen den Weg nimmer.«

»Geh in die Mußmühl! Der Gid mahlt dich blitzsauber und blutjung. Zweifelst du? Ich lüg dich nit an. Du könntest mich sonst mit einem Buschen Haberstroh erschießen in der Thomasnacht.«

Lachend trollte er sich.

Die Alte stand wie verzaubert. Noch einmal jung werden, Kraft haben in Händen und Füßen, klar und stark sein im Hirn, von den Leuten geehrt werden, tanzen und springen können, und es noch einmal und besser und schlauer versuchen mit dem Leben!

Sie ging im Ring um diesen lichten Wunsch, sie bestaunte ihn von allen Seiten und lugte scheu hin, wie ein Bettelkind durch die Zaunstecken in einen fremden, feinen Garten lugt voll edler Lilien und lieber Rosenstauden und Bäume mit gelbem Obst.

Sie glaubte es gern, daß es ein Mühlrad gebe, das die Alten wieder jung mahle. Wie hätten denn sonst die Leute davon reden können!

Sie packte vor Freude die Geiß bei den Füßen, hob sie auf und schwenkte und schleifte mit dem glotzenden Tier einen gelinden Tanz. –

Als sie am dritten Tag das Herz nimmer bezwang, nahm sie ihren Stecken und ging in die Mußmühle.

Den Weg hin pflasterte sie mit vielen Träumen, die holder glitzerten als der Tau an den Gräsern. Und die Vögel pfiffen die kreuz und die quer, der Baumhackel jauchzte wie ein Hochzeiter, der Himmel droben war glasblau, und die Erde war zart und freundlich wie ein Kränzelgarten.

Die Ulla wanderte die Erlen und Weiden entlang bis zum grünen Weiher, darein der Bach sich sammelnd und verrastend mündete.

Der Gid schleppte eben dem Glöckelbauer die Säcke in die Mühle.

»Bin ich da recht in der Altweibermühl?« fragte sie, und das Herz schlug ihr hellauf.

Der Gid ließ den Sack von der Achsel gleiten und schaute sie wild an.

»Die bringt der Mußmühl einen neuen Namen auf,« lachte der Glöckelbauer.

»Jung sollst du mich mahlen,« redete sie ein wenig scheuer. »Der Dullhäubel schickt mich her.«

»Zu Trutz und Neid tut er mir alles!« rief der Gid in weinerlicher Wut. Und er rollte sie an: »Komm mit!«

Sie beschwichtigte ihn. »Sei nit bös! Ich bin halt ein armes Fürwitzel.«

»Zum Altweibermahlen täten die Fuxloher freilich meine Mühl kennen, da fahret keiner vorbei.« Er stapfte grimmig voraus.

Im Vorderhaus standen einige Holzschuhe. Da schmeichelte die Ulla, den Zornigen zu begüten: »Ihr habt aber viel Holzschuh, da kommen gewiß auf jeden zwei.«

Er führte sie durch das zitternde Haus, und auf einmal weilte sie verwirrt an einem Ort voll staubiger Stiegen und Leitern, der Wellbaum drehte sich, die Gänge klapperten, volle Säcke lehnten aneinander, weiße Mehlhaufen waren aufgeschüttet.

Unheimlich rührte sich das Haus, belebt vom stürzenden Wasser, das das Wesen eines Geistes hatte. Unsichtbar irgendwo schwang sich das Mühlrad, vom Geschäufel zischte und fiel es. Die Aufschüttkasten schüttelten und rüttelten sich ruhelos, gespenstisch regte sich das Beutelwerk. Immer tosender schlapperte und klapperte alles, und der Ulla Herz schlotterte immer banger.

Eine Mehltruhe stand halb offen, und das Weiblein fürchtete, ein grauer Kobold könne herauskriechen und ihr ein Leides tun.

Und auf einmal schoß ihr eine gewaltige Angst vor dem Jungwerden ins Knie.

Soll sie die bittere Welt noch einmal durchreisen, jetzt, wo sie der Ewigkeit und ihrem Frieden schon so nahe ist? Sie sollte sich doch ihr Alter nicht so hart bekümmern lassen!

Und die Geiß daheim, die wird die Ulla nimmer erkennen, wenn sie jung und fremd dahertanzt. Die gute Geiß wird den Bart traurig hangen lassen.

Sie schrak auf. In dem Gebraus hatte sie den Müller vergessen.

Der packte sie grob und schwang sie über den Mühltrichter. »Soll ich dich fallen lassen?«

Sie schrie auf. Sie fühlte sich verschlungen, zermalmt unter den harten Steinen. Wild krampfte sie sich in des Müllers Rock. »Heilige Muttergottes, hilf! Breit deinen Reifrock aus! Ich will nimmer jung werden.«

Die Sinne vergingen ihr. –

Als sie wieder zu sich kam, lag sie am Weiher. Die Mühle brauste gedämpft, Mücken schwirrten.

Sie besann sich lange. Hernach wisperte sie: »Gott, wie geht es zu in deiner Welt!«

Voller Angst und Neugier kroch sie zum Teich hin, schlupfte durch die Felberstauden und schaute in den stillen, grünen Spiegel: da nickte ein altes, verschrumpftes Schwesterlein herauf.

Die Ulla hüpfte vor Freuden auf und bat die im Wasser um Verzeihung, daß sie sie schier um ihre grauen Haare und vertrauten Runzeln und ehrwürdigen Hände gebracht hätte. Ein Muttergotteswunder, so glaubte sie, habe den Frevel verhütet.

Als sie heim ging, lag der Dullhäubel vor seinem Hof am Wasen und reckte die Arme faul von sich.

»Der Müllner hat grob gemahlen,« spottete er. »Jetzt mußt du halt Wolkenschieben gehen auf den Hötschenberg in Tirol.«


Im »pfalzenden Hahn« ging es hoch und hell her. Der Kirchweihtanz dauerte schon die zweite Nacht.

Enganeinander hockten die Musikanten auf ihrer Bühne. Der starke Lukas Schellnober blies den Baß, der Aumichel griff die Klarinette, der Spielmannfranz und seine Buben geigten. Und wenn die Musikanten rasteten, zirpte der Kanari, der aus dem Vogelhaus dem Treiben zuschaute.

Die Bauernsohlen stampften die altbairischen Tänze. Der Glöckelbauer schwang die Iglin, der Igelbauer die Glöckelbäurin; der Holzhacker Longinus Spucht drehte wie besessen des Meßners Weib, derweil der Grazian gottergeben und mit niedergeschlagenen Augen die Spuchtin weit von sich hielt. Der Burgermeister tanzte mit der Burgermeisterin, der Müller mit der Müllerin. Der Dorfnarr sprang in Holzschuhen durch die Stube; zuweilen schlug er eine Blechstürze schallend an die Wand und schrie: »Ich bin ein Steirer!«

Der Dullhäubel drängte eine junge Dirne in die Ecke.

»Deine Zähne glanzen, Stasel,« schmeichelte er.

»Mit Zinnkraut hab ich sie geputzt, Kasper.«

»Du bist süß wie ein Zuckerstock, Stasel. Komm mit mir vors Haus und laß mich schlecken!«

»Nein, nein, Bauer, draußen ist es mir zu finster, ich könnt mich wo anstoßen. Und du bist mir zu wenig treu.«

»Ich hab ein kugelrundes Herz, es rollt von einer zur andern, Stasel. Heut zu dir.«

»Ich dank schön,« sagte sie schnippisch, »ich bin kein Apfelbaum an der Straße, wo ein jeder Bub hinaufsteigt.«

Die Fuxloher hatten ihre Bäurinnen ausgeführt, und auch aus Blaustauden und Grillenöd waren Gäste da, und sie sprangen und trampelten, schleiften und jauchzten und sangen grell durcheinander.

»Musikanten, spielt die ›Sommerblume‹!« schaffte der Müller an.

»Nein, das ›Wintergrün‹ will ich tanzen,« begehrte der Dullhäubel.

Die Ausgedingler mischten in der Kuchel die Karten und spielten ein Spiel, das kroch so faul und endlos um den Tisch, daß die Sage recht haben mochte, einmal seien dabei vier Männer erfroren.

Neben der Bodenstiege im Vorhaus schenkte der Wirt aus, vor ihm auf einem langen Tisch standen die Krüge der Tänzer.

Alles drehte sich eben, niemand war im Vorhaus. Mit eiligen Augen nahm der Wirt den Vorteil wahr: er packte einen Maßkrug nach dem andern und goß das Bier durch den Trichter ins Faß zurück. Hernach lehnte er sich träumerisch mit überschlagenen Beinen und verschränkten Armen an die Stiege und wartete.

Die Tänzer kamen mit den erhitzten Tänzerinnen und wollten trinken.

Der Müller schrie:» Verflucht, da hat mir schon wieder einer das Bier ausgesoffen!«

Der Lippenlix aus Blaustauden murrte bös: »Gerad ist mein Krug voll gewesen, und jetzt ist er leer. Wirt, das geht nit mit rechten Dingen zu.«

Der Dullhäubel ließ sich frisch einschenken. Er kostete und spie aus: »Wirt, dein Bier ist abscheulich warm. Pfui Teufel!«

»Geduldet euch,« tröstete der Wirt, »gleich wird frisch angezapft. Jetzt kommt das Faß, wo die schwarze Katz drauf sitzt.«

Der Longinus Spucht stimmte das Rinaldinilied an. Er hatte einen rauhen, grimmigen Hals. Sein stockfinsterer Bart deckte die Brust weit hinunter, so daß er keinen Brustfleck brauchte. Wegen des finsteren Bartes war schon mancher Wandersmann umgekehrt, der den Spucht von weitem im Wald sah.

Der Brunnkressenhannes setzte sich zum Dullhäubel hin. »Mein lieber Freund,« sagte er, »in der guten alten Zeit ist es anders gewesen. Ich wünsch mir nix mehr, als daß wieder ein so kräftiges Bier gebraut wird wie vormals. Wenn man das Glas ausgetrunken hat, ist der Boden noch schneeweiß gewesen vor lauter Faum. So kräftig ist es gewesen. Heut bringt kein Bräuer mehr einen rechten Faum zusammen.«

Der Dullhäubel tat, als höre er nicht und kehrte sich ab. Da stupfte ihn der Hannes mit dem Ellbogen an. »Bauer, tu her ein Schnüpflein. Der Tabak ist ein magnetisches Pulver, das zieht die Nase an.«

»Setz dich nit an meinen Tisch,« antwortete der Bauer grob. »Du bist nur ein Häuselmann mit einer Kuh.«

»Lausig bin ich nit, daß du wegruckst von mir.« Der Hannes stand auf und trug beleidigt seinen Krug davon. »Freilich muß einer stolz sein, wenn er einen so großen Hof hat wie der Dullhäubel. Der Ofen allein ist dort so groß, daß der Bauer drei Paar Ochsen einspannen muß, wenn er die Bratschüssel aus der Röhre ziehen will.«

»Ihr werdet wieder solang wörteln, bis ihr rauft,« mahnte der Wirt scharf.

Der Longinus Spucht hub ein anderes Räuberlied an.

»'s gibt kein schönres Leben auf Erden
in der weit und breiten Welt,
als ein Straßenrauber werden,
morden um das liebe Geld.«

Die Musikanten setzten an, und Jauchzen und Gepolter verdeckten seine grobe Stimme. Alles drängte zum Tanz.

Als sich der Wirt wieder allein spürte, hob er gemächlich den Holzschlägel, womit er sonst die Piepe in die Fässer trieb, und schlug ihn dreimal dröhnend an die Bodenstiege. Dann gellte er in die Stube: »Leut, frisch angezapft hab ich!« und schenkte wieder aus dem alten Faß.

Der Grazian huschte heran und trank. »Jetzt ist das Bier viel besser.«

Der Spucht wischte sich erquickt den feuchten Bart. »Das Bier hat Kraft,« lobte er, »es raucht einem zur Nase heraus.«

»Wirt, bring eine Zange her!« begehrte der Igelbauer. »Am Türstock steht ein Nagel heraus, die Burgermeisterin hat sich dran den Kittel zerrissen.«

Doch der Lukas Schellnober hüpfte von seinem hohen Sitz herab und riß den Nagel mit den blanken Zähnen so gründlich heraus, daß schier der Türstock mitging.

Alle staunten über die Gewalt, und der Lukas Schellnober stand da, stark wie ein Hebebaum.

Nur der Dullhäubel winkte geringschätzig. »Mein Ähnel hat eine Pflugschar auseinander gebrochen und einen eisernen Haken mit dem kleinen Finger in die Mauer getrieben.«

Da packte der starke Bläser den Prahler samt seinem Stuhl und hob ihn auf den Tisch, daß er zappelnd droben saß, und alle lachten und gönnten es ihm.

Wütend kroch er herunter. Doch wußte er sich gleich wieder ein Ansehen zu schaffen, er zündete sich die Pfeife mit einem Guldenzettel an, schob sich den Hut ins Genick und schloß hochmütig die Augen. »Soll mir das einer nachtun in Fuxloh!«

Die Leute hatten nicht lange Zeit, über den verbrannten Gulden zu staunen, denn der Spucht und der Grazian waren wegen ihrer Weiber in Streit geraten, und alles scharte sich um die zwei.

Der Spucht war eifersüchtig worden und behauptete, der Meßner stoße beim Tanz häufig mit dem Knie an das Knie der Spuchtin. »Ich hau dich, Grazian, daß dir das Maul auf die Seite hängt,« drohte er und spickte die Drohung mit seinen finsteren Blicken.

»Hau her!« trotzte der Grazian.

»Hau erst du her!« begehrte der Spucht und wich einen Schritt zurück. Sein Bart sträubte sich.

Dem Meßner schwoll das Herz. »Hast du eine Schneid, so wag dich an mich!« Er hob einen Stuhl auf und brüllte. Der Spucht duckte sich.

Vom Faß her rief der Wirt: »Grazian, wenn du raufen willst, räum ich dich hinaus.«

Der Narr tanzte täppisch zwischen die Streiter und sang die Worte: »Hofacker, Krautacker!« Ein anderes Lied konnte er nicht.

»Recht hast du, Zusch, stift Frieden!« lobte ihn der Burgermeister.

»Komm her, Narr, trink!« Der Dullhäubel hob das abgestandene Traufbier unter dem Faß weg und schwenkte es. Der Zusch trank mit stieren Augen.

Dann spreizte der Dullhäubel die Beine auseinander. »Jetzt bedank dich, Narr, und schlief durch.«

Da ließ sich der Zusch auf alle vier nieder und kroch durch.

Seine Mutter kam in die Stube. »Wo mag denn mein armer Narr sein?« fragte sie betrübt. »Ich such ihn schon die halbe Nacht.«

Als sie ihn dem Bauer durch die Beine kriechen sah, weinte sie in die Schürze und zog den Narren mit sich fort.

»Den Kasper soll man hauen, bis er nach Feuer stinkt,« schalt der Müller.

Der Dullhäubel aber mischte sich keck in den Tanz. Dabei sprang er wie ein Heuschreck, schaffte sich unbekümmert Platz und stieß die andern aus dem Weg.

Den Lippenlix aus Blaustauden faßte er beim Knopf. »Du Schönbart bist mir auf die Zehen getreten, das Weh schießt mir bis zum Ellbogen herauf.«

Mit einem Schlag stand eine Rotte Blaustaudner Burschen hinter dem Lippenlix bereit. Der zwirbelte sich den langmächtigen Schnurrbart und lauerte, er war ein stößiger Mensch, mit dem keiner gern anband.

Der Dullhäubel schmeckte die Gefahr. »Nix für ungut!« schmeichelte er. »Was stellt ihr euch gegen mich? Reibt euch an dem Müllner! Der sagt allweil, in Blaustauden sind lauter rotaugige Menscher.«

»Traut dem Kasper nit, er hat zwei Zungen in der Gosche,« warnte der Öchseltreiber Mathes aus Grillenöd.

»Die Grillnöder rühren sich,« spottete der Dullhäubel. »Ist das wahr, Mathes, daß bei euch alle stehlen, nur der heilige Sebastian in der Kapelle nit? Der ist angebunden.«

Der Bauer hatte die Lacher auf seiner Seite. Und der Lippenlix zwirbelte den schönen Bart und bekräftigte: »Die Grillnöder sind bekannt. Wenn sie Kirchweih haben, müssen sie in den andern Dörfern den Stall zusperren.«

»Der Kasper setzt den Hut auf, wie der Wind hergeht, einmal so, einmal anders,« greinte der Öchseltreiber, fand aber kein Gehör.

»Sing uns das Fuxloher Lied, Kasper!« verlangten die aus Blaustauden.

Da krähte der Dullhäubel den Spott über sein Dorf.

»Von hint bin ich fürher,
vom schwarzen Laib Brot,
kein weißes Brot eß ich nit,
da brennt mich der Sod.«

Dem Burgermeister schlug die Röte in den Kopf. »Du bist wie der Wiedehopf, Kasper, der beschmeißt auch das eigene Nest.«

»Dreiunddreißig Menscher hab ich,« rief der Dullhäubel, »alle Jungfern von Fuxloh gehören mir, und alle Weiber sind mein gewesen.«

»Jetzt haltst du das Maul!« schnarchte ihn der Igelbauer an.

»Du willst mir was schaffen?« höhnte der Dullhäubel. »Wer bist du, und wer bin ich? Du treibst dreizehn Mäus auf den Markt. Einen Fleck Grund hast du, nit größer als ein Hosentürlein, und schon laßt du dich einen Bauer heißen.«

Die Musikanten fingen schnell einen Ländler an und überlärmten die Schandrede des Dullhäubel.

Den Ländler hatte der Müller bestellt und bezahlt, und er und die Ogath tanzten ihn allein, derweil die andern im Ring herum standen und zuschauten.

»Der Gid reckt sich auf über uns alle,« stichelte der Dullhäubel. »Das ist keine Kunst, er hat das Geld, er stiehlt uns alle ab, uns Bauern.«

»Dein Tanz hat keinen Schmiß, Müllner,« nörgelte der Lippenlix.

»Er kann leicht das Geld ausstreuen,« spottete der Dullhäubel. »Seine Vorfahrer sind klug gewesen, sie haben ihren Kühen den vordern Leib abgehackt, der nur gefressen hat; den hintern Teil haben sie weiter leben lassen. Wegen der Milch und dem Dung.«

»Hör nit auf seine Lügen und sein Plauderwerk, Gid!« bat die Ogath. »Und gehen wir heim!«

Er schnitt ein Gesicht wie ein Gewitter und schwieg.

Der Spucht saß im Flur beim Wirt, sein Deckelglas hinter dem dicken Bart versteckt, daß es die Spuchtin nicht merke. »Jetzt wird es erst schön,« freute er sich, »jetzt streiten sie gewiß.« Die kohlfinsteren Augen glühten ihm.

»O die Jähköpfe!« klagte der Wirt. »Heut setzt es ein Unglück.«

Drin in der Stube fing der Lippenlix an, dem Müller in den Weg zu tanzen, er taumelte plump vor ihm her, der Messergriff stand ihm zum Sack hinaus.

Der Gid stellte ihn. »Begehrst du was?«

»Von dir am letzten!«

Da rief der Müller laut: »Wirt, die Halbe Bier sollt einen Zwanziger kosten, daß nit ein jeder Lauser sich eins kaufen kann, der es nit vertragt.«

»Ich stürz dich um, Gid,« krächzte der Lippenlix.

Der Wirt sprang zwischen die Männer. »Du Blaustaudner Schurimuri, braus nit so daher. Rauf dich daheim aus, wenn dich die Kraft juckt! Du unbändiger Stier du!«

Der Lippenlix schob sich mürrisch zur Tür hinaus. Seine Spießgesellen rückten an einem Tisch zusammen und brüllten grobe, rauflustige Lieder.

»Jetzt gehst du heim!« herrschte der Müller sein Weib an.

»Du gehst mit, Gid!«

Er zog die schweren Brauen zusammen. Da ging sie allein. –

Draußen vorm Wirtshaus zischelte einer auf den Lippenlix ein. »Da steigt er drin auf und ab wie der Hahn in den Gerstenhalmen, der Gid. Und uns laßt er nix gelten. Nur nix gefallen lassen, nur nit langmütig sein, Lix! Der Langmut zieht den Übermut ins Haus.«

»Die Gall gießt sich mir aus,« stöhnte der andere.

»Sei nit verzagt, Lix, und geh den stolzen Müllner an! Steif dich nur auf mich! Ich verlaß dich nit. Da schnupf einmal! Das ist ein Tabak aus den heißen Ländern, der hitzt und kräftigt. He, Bruder, wie heißt der Spruch? Erst schnupfen, dann hupfen, erst saufen, dann raufen.«

Der Brunnkressenhannes wankte aus dem Haus und besang sich mit hoher Hirtenstimme schwermütig den Heimweg.

»Wird mir dann die Zeit zu lang,
sing ich einen Waldgesang,
und verkriech mich in den Hecken,
lehn mich an den Hirtenstecken
und ergreif die Feldschalmei,
dieses macht mich sorgenfrei.« –

Drin in der Stube rief der Dullhäubel: »Spielt auf, Spielleut, daß es schnalzt! Ihr dürft euch dafür den höchsten Baum in meinem Wald umschneiden. Aber der Herr Ägid Wilfinger darf nimmer mittun, der hat schon genug allein getanzt. Andre Leut sind auch noch da.«

Da stoben die Weiber türaus, der Wirbel ordnete sich, und augenblicklich standen sich die Männer mit feurigen Augen und fertiger Faust in zwei Haufen gegenüber. Um den Dullhäubel sammelten sich die Blaustaudner und ein paar Fuxloher, die der Gid wegen des Mühlzwanges beleidigt hatte.

Alles lauerte. Alles erwartete den ersten Wetterschlag.

Nur die Musikanten blieben gleichgültig. Die Geiger tranken und schmierten den Fiedelbogen, der Klarinetter dudelte tiefsinnig für sich hin, und der starke Lukas Schellnober war schnarchend auf seinen Stuhl zurückgesunken.

Der Lippenlix hub an. »Müllner, du bist rauschig, du kannst die Zung nimmer heben. Geh heim, leg dich nieder zu deinem Weib!« Und fauchend stieß er sein Messer durch den Tisch.

»Müllner, du bist der Gescheitere, ich bitt dich, gib nach!« bettelte der Wirt.

Der Gid vergilbte, als hätte er die Gallensucht. »Das ist noch nie geschehen, seit die Welt steht, daß sich hätt ein Mußmüllner heimschicken lassen wie ein Hütbub. Da grab ich mich eher lebendig ein.«

»Er schneidet ein Gesicht wie neun Pfund Teufel,« hetzte der Dullhäubel. »Lix, laß ihm den Darm heraus!«

Da klingelte es. Ein Stein flog aus der Nacht splitternd zum Fenster herein, er traf die Klarinette, und sie fuhr dem Aumichel in das Maul und stieß ihm einen Zahn aus.

Das war das Zeichen. Jäh hoben sich die Fäuste. Der Burgermeister stürzte sich keifend zwischen die Raufer.

Das Vogelhaus fiel von der Wand und zerbrach. Eilig tappte der Wirt nach dem Kanari und verwahrte ihn in der Bratröhre des Ofens. Über ihn schlug es wie ein wildes Wasser zusammen.

Die Wirtin stieg auf einen Tisch und sprengte jammernd Weihwasser über den Kampf; aber die Tropfen halfen nichts, es hätte einer Feuerspritze bedurft. Alles packte zu. Worte flogen hin und zurück, spitz und scharf, wie wenn Stahl in den Stein beißt. Die Kartenspieler hatten ihre Trümpfe weggeworfen und tauchten in dem Wirbel unter.

Der Dullhäubel trank indes im Vorhaus ruhig seinen Krug aus, wischte sich den Schnauzbart und ging, ohne zu zahlen, heim.

Der Müller faßte den Lippenlix und drückte ihn ins Knie. »Ich schwing dich, ich lupf dich!« keuchte er.

»Blut mußt du rotzen!« trotzte der Lix.

Ein Stuhl krachte auf einen Schädel. Krüge wurden geschwungen, flogen, trafen, splitterten. Aus den Knäueln, die sich auf der Erde wälzten, tauchten Beine auf und strampelten. Einer schrie immer wieder: »Das ist heut eine Hetz! Das ist eine Hetz!«

»Alle miteinander jag ich euch auf den Baum hinauf!« drohte der Spucht und floh zum Haus hinaus.

»Ich hol den Schergen,« weinte, kreischte, brüllte, winselte der Wirt. Seine heiseren Schreie gingen unter.

Die Spielleute sprangen von der Bühne in die Schlacht hinab und taten mit. Nur der riesige Baßbläser schlief seelenruhig und entrückt auf seiner Höhe.

Das Getümmel wälzte sich hin und her, die Streiter redeten nimmer. Auf einmal wuchs der Lippenlix aus dem Wirrwarr heraus, mit dem Bierschlägel schlug er die Lampe von der Decke. Da war es stockhimmelfinster.

Der Streit ging in der Finsternis weiter. Niemand suchte mehr einen Feind, jeder nahm den, der ihm in den Griff kam. Alles tobte. Keiner feierte.

Der Longinus Spucht schrie zu dem zerbrochenen Fenster herein: »Himmelsakerment, wenn ihr nit bald aufhört, rauf ich auch noch mit! Das müßt mit schlechten Dingen zugehen, wenn ich nit ein paar umbrächt!«

In höchster Not tappte sich der Wirt an der Bühne hinauf, er rüttelte den schlafenden Bläser. »Lukas! Still die Leut ab! Stift Frieden! Hau zu!«

Der Lukas Schellnober fuhr schwerschlachtig auf, trunken vom Schlaf. »Wohin soll ich denn hauen?«

»Hau gradaus! Hau, wohin du willst! Du triffst keinen Unrechten.«

Der Riese riß das Mundstück von seinem Baßhorn und ließ sich in die tümmelnde Finsternis hinab. Er teilte mit dem Mundstück Hiebe nach links und rechts aus und schrie: »Hui aus! Hui aus!«

Es war als käme eine Mauer daher. Heulend meldete sich, wen der Lukas mit seiner greulichen Kraft traf. Täumlig und toll suchten sie die Tür, fluchend, wimmernd quetschten sie sich hinaus. Bald war der untümliche Mann allein in der Stube.

Der Wirt kam und leuchtete mit einer Kerze die Verwüstung an. Scherben und Blutlachen spiegelten, Bänke und Stühle lagen zertrümmert oder mit ausgerissenen Füßen, Öl stank. Durch die zerschlagenen Fenster stieß der Nachtwind herein.

Die Musikanten fanden sich wieder ein. Der Lukas Schellnober saß ruhig droben auf der Bühne und putzte mit einem Holz das Blut und die Haare aus dem Mundstück. Dann schraubte er es wieder an den Baß, führte es zu den Lippen, und seine Gesellen stimmten ein und machten wieder zum Tanz lüstern.

Zerschrammt und blutrünstig, struppig und zerfetzt, doch auch abgekühlt von der Nachtluft, befreit und friedsam kamen die Raufer wieder, die Weiber und die Dirnen blieben nicht aus, die Wirtin fegte die Stube rein, und bald drehten sich wieder alle in schönster Eintracht. –

Draußen kroch der Müller auf Händen und Füßen heim, mit zornzerrissenen Lippen, qualvoll, ohne Laut. Er hörte fern die Geigen und die Klarinette summen und den Baß stoßweise murren.

Der Mond verschien, der Wald ward grau. Das Wichtel rief, der Totenvogel.

Drei fürchterliche Stunden kroch er.

Frühgeläut erklang. Die Sonne ging auf, sie schwamm wie ein gräßlicher Blutfleck im Dunst.

Die Ogath kam aus der Mühle. Die Zunge ward ihr steif vor Schreck, als sie den Mann vor sich liegen sah, das Gesicht verfallen, die Stirn aschfahl, blutig.

»Den Fuß hat mir einer mit dem Bierschlägel abgeschlagen,« raunte er.

»Wer?«

»Ich verrat ihn nit.«

»O wärst du heimgangen mit mir, Gid! Reut dich denn deine Gesundheit nit?« schluchzte sie.

»Ich reu mich um nix.«

»O das ist ein Wehtag! O mein lieber Müllner, was haben sie mit dir angefangen?!«

»Das tut nix,« sagte er gleichmütig. »Hätt ich den Bierschlägel gehabt, ich hätt ihm dasselbe getan.«


Nach langem Krankenlager ward der Gid vom Wundarzt wieder hergestellt. Aber er ging krumm.

Auch sein Herz war verdüstert. Immer eigenköpfiger, immer wunderlicher wurde er, mürrisch hinkte er durch die Mühle. Dem rothaarigen Dirnlein, das um ihn aufwuchs, sah er mit argen Augen nach. Sein Weib redete er kaum mehr an. Es war schwer, mit ihm zu hausen.

Den Gerechtigkeitsbrief hatte er sich ans Tor genagelt: alle Welt sollte sehen, daß er in seinem Recht gekränkt wurde. Aber die Welt kehrte sich nicht daran und schaffte ihr Malter zum Grillenmüller, der war ein lachender Mann.

Im Wirtshaus kam es zu einem wilden Streit zwischen den Müllern.

Der Grill schrie: »Fahrt ihm die alten Weiber hin, dem Gid! Das soll erzwungen werden, eine solche Zwangmühl brauchen wir.«

»Dein Weib mahl ich zuerst, die hat es am nötigsten,« antwortete der Gid.

»Die Ulla hat deine Mühl verhext, Gid,« spottete der Teufelmüller, »es fallt lauter Ratzendreck aus den Steinen heraus.«,

Der Mußmüller grollte: »Red nur du nix von Zauberei! Deine Mühl hat der Teufel am Buckel daher gebracht. Kein guter Christ soll drin mahlen lassen. Und eure Mühlen sind nur Gaukelmühlen gegen die meine, mit einer Hand halt ich sie auf. Mit einer Hand, alle zwei auf einmal!«

»Versuch es!« schrien die andern. –

In jener Nacht blieb die Grillenmühle stehen. Unterm Mühlrad lag der Gid mit zermalmtem Arm und zerdrückter Brust. Er hatte sein Wort gehalten.

Sie legten den Leichnam auf eine Stubentür und trugen ihn heim zu seinem Weib.


Die Altbäurin Sodonia konnte nimmer.

Man mußte sie speisen wie ein kleines Kind. Das Fleisch ward ihr offen vor lauter Liegen. Und weil sie nimmer schaffen und nimmer den Dienstboten nachgehen konnte, so wartete sie ungeduldig auf die Erlösung.

Als ihre Stunde kam, stand der Dullhäubel demütig an dem Bettfuß.

»Kasper, ich sterb,« seufzte sie. »Was wird aus dem Hof, wenn ich nimmer bin? Ich hab gespart. Wenn der Geier mir eine Henne erstoßen hat, bin ich ihm bis in den Wald nach. Ich bin geizig gewesen, keine Nuß hat man mir von unsern Haselstauden brechen dürfen. Ich bin ein Weib gewesen wie ein Sporn. Den Hof hab ich gehalten.«

»Das weiß ich, Altbäurin,« wisperte er, »und ich dank dir dafür.«

»Aber deine Mutter taugt nix,« tadelte die Alte. »Sie kann nur so weit zählen und rechnen, als ihr die Finger zu Hilf kommen. Am liebsten schlaft sie. Ordnung kennt sie nit. Mein Gott, wo soll sie denn die Ordnung gelernt haben?! Sie stammt aus einem Haus her, das ist mit Kuhfladen gedeckt. Ich bin allweil gegen die Heirat gewesen, aber der Isidor hat mir nit gefolgt. In der Seligkeit drüben werf ich ihm es noch vor, wenn ich ihn dort find. O es ist mir leid um den schönen Hof!«

»Ich werd mich schon kümmern,« schluchzte er, »ich versprech es dir.«

»Ach du!« winkte sie verächtlich. »Du hast die Faulheit von deiner Mutter geerbt. Allweil lehnst du in der Sonn umher und tust keinen Handstreich. Die Gurgel taufen und die Leut narren, das triffst du. Dein Leben stößt dich in Schulden. Schämst du dich nit vor den Leuten?«

»Mich gehen die Leut nix an,« trotzte er.

»So fürcht unsern Herrgott!«

»Nach Fuxloh sieht er nit. Fuxloh liegt hinter dem Herrgott seinem Buckel.«

»Du irrst dich, Kasper. Der Teufel äugt wie ein Stoßvogel. Hüt dich! Und tracht, daß du einmal am Himmelstisch essen darfst und trinken und des höllischen Feindes spottest. Ich will dich droben in der Seligkeit erwarten, und du mußt mir Rechenschaft legen über den Hof. Aber was nutzt meine Red? Du beutelst dich ab wie ein nasser Hund.«

»Ich will mich verbessern,« sprach er zerknirscht.

»Und noch eins, Kasper. Du bist jetzt ein gestandener Mann. Ein Weib tut dir not. Mit Schmerzen hab ich dir im Sommer zugeschaut, wie du den Graserinnen keine Ruh gegeben hast. Leugn es nit! Ich rat dir, nimm dir ein gutes Weib, die hausen kann! Wähl nit zu lang! Wer gar zu lang unter den Schaffen umgreift, erwischt zuletzt das Dreckschaff. Heirat nit so eine Flankin, die sich aufputzt und aufstutzt und sich am Werktag Löcklein und Schnecklein dreht! Nimm dir eine wie dem Mußmüller seine Wittib! Versprich mir es um des Hofes willen!«

Er reichte ihr die Hand, und dicke Zähren rollten nieder auf seine hirschledernen Hosen. »Ich versprech es dir. Alles Gute versprech ich dir.«

»Was heunst du denn?« beschwichtigte sie ihn. »Ich hab mir mit drei Dullhäubeln genug ausgestanden. Vergönn es mir, daß ich abgestandenes Weib aus Zeit und Leid in die ewige Freud hinfahr!«

An einem glasheitern Herbsttag, die elftausend Jungfern spannen im Himmel die Altsommerseide, und gelbes Laub mengte sich in das müde Grün, da legte man die Altbäurin ins Grab.


Jetzt ging es auf dem Hof nimmer schön zu. Der Dullhäubel sorgte sich um nichts und führte seinen schlechten Wandel weiter. Knechte und Dirnen wurden säumig, da sie die Augen der Altbäurin unterm Rasen wußten. Das Vieh röhrte vergeblich um Futter, der Stall wurde nicht ausgemistet, das Korn nicht gedroschen, das Haus war voll Schmutz.

Die Sanna, die Mutter des Bauern, wärmte sich den Rücken an dem grünen Kachelofen, schlief und aß und schlief wieder ein. Das Schicksal des Hofes rührte nicht an ihre schläfrige Seele.

An einem Wintertag sagte sie zum Dullhäubel: »Bub, jetzt bin ich vierzig Jahr in der Fremd, jetzt verlang ich wieder heim zu meinen Leuten.«

»Warum, Mutter? Es fehlt dir ja nix bei mir.«

»Ich hab mich in euer Leben da nie recht eingewöhnt. Und ich will mich von der Fremd ausrasten. Am Sonntag führst du mich heim.«

Sie ließ sich nicht halten, und er hielt sie nicht. –

Am Tag Pauli Bekehrung zog sich der Dullhäubel die Pelzhaube über die Ohren und schirrte das Roß vor den Schlitten. Darauf packte er Gewand und Federbett der Mutter und setzte sie warm darein. Nun fuhren sie bergan.

Hoch noch über dem hochgelegenen Grillenöd mitten in Geröllhalden und struppigen Wäldern war die Heimat der Sanna, das Siebenschläferhaus geheißen, die einsamste Einschicht im Gebirg.

Der Dullhäubel deutete mit der Peitsche hinauf. »Wird es dir nit zu rauh droben sein, Mutter? Droben ist es so kalt, daß sie am Tag vor der Sonnwend zum letztenmal und am Tag nach der Sonnwend zum erstenmal heizen.«

Der Hagbutzdorn brannte im blanken Schnee, schlohweißer Nebel wob in den Tälern drunten. In den Ebereschen schnabulierten bunte Pestvögel, und Elstern schätterten durch die gläserne Stille.

An einem Bildstock war zu lesen, daß an selber Stelle im Hochsommer ein Kohlenbrenner erfroren war. –

Der Siebenschläferhof war schwer verschneit. Keine Menschenspur führte hin, nur hie und da eine Hasenfährte oder ein Fuchsentritt. Die Fenster waren unter den angeflogenen Flocken erblindet.

»Der Hof ist ausgestorben,« murmelte der Dullhäubel. »Kehren wir um!«

Doch die Sanna deutete auf den Rauchfang. Ein ganz dünner, schier luftblauer Rauch stieg gleich schüchternem Atem auf und meldete Leben.

Der Bauer klopfte an die Tür, an die Fenster. »Auf, der Dullhäubel ist da!«

Es rührte sich nichts.

Schließlich trommelte er mit einem Prügel an die Tür, daß der Wald rings hallte.

Endlich schlurfte es drinnen im Flur.

Die Tür wurde aufgeriegelt. Ein zottiger, graubärtiger Mann, die Augen voll Schlaf, trat auf die Schwelle und fragte: »Was – was kommst du daher in dem stumpfen Wetter? Was – was willst du mitten im Winter?«

»Darf man dich nur im Sommer heimsuchen, Vetter?«

Der Alte gähnte: »Schlaft der Igel, – schlaft der Bär, - schlaft der Ratz. Die rechten Leut – schlafen – im Winter.«

Drin in der Stube schliefen sie im Bett, auf dem Ofen, auf Bank und Truhe, die Bäurin und die Kinder.

»Grüß dich Gott, Bruder!« sagte die Sanna.

»Dich – dich auch!« antwortete er und legte sich auf die Ofenbank. Die Erinnerung arbeitete schwerfällig in seinem Hirn.

»Vierzig Jahr haben wir uns nimmer gesehen,« meinte sie, »das ist lang.«

»Das – das ist lang,« wiederholte er träumerisch.

»Mein Bauer ist gestorben. Der da ist mein Bub, der Kasper.«

»Der – der Kasper,« kam der Widerhall.

»Jetzt frag ich, ob ihr mich daheim laßt bei euch,« sagte die Sanna.

Der Alte wies auf eine leere Truhe. »Leg – leg dich nur nieder!«

Der Dullhäubel wurde ungeduldig und schrie: »Ihr habt einen seltsamen Hausbrauch. Steht auf, Freundschaft! Kocht auf! Uns hungert. Und schlafen wollen wir nit.«

Da regten sich die Schläfer, sie hoben die wirrhaarigen Köpfe und sperrten tölpisch den Mund auf.

»Ist – ist der Sommer da, weil – weil der Star so hell pfigerzt?« lallte einer der Buben.

Die Muhme kroch aus dem Bett und schob einige Knorren ins Feuer, da wachte auch der Ofen auf und murmelte in sich hinein.

»Schlafen sie denn den ganzen Winter, Mutter?« staunte der Dullhäubel.

»Was sollen sie Schöneres tun, wenn das Dreschen vorbei ist und sie die andere Arbeit vollbracht haben?« antwortete die Sanna.

Die Muhme schob einen Topf auf die Platte und nickte. »Jetzt – jetzt ist die ruhsame Zeit.«

Die aufgeschossenen Burschen und die stämmigen Dirnen fletschten lachend die Zähne, stießen sich an und deuteten mit den Fingern auf den Dullhäubel.

Er fragte die zwei Jungfern nach den Namen.

»Bi – bi – bibiana,« stammelte die eine.

»Ju – ju – juliana,« die andere.

»Und wie schreibt ihr euch, Buben?«

»Zy – zy – Zyprian.«

»Bartholo – mä – mä.«

»Ihr – ihr – habt eure schönen Namen noch nit gut eingelernt,« spottete der Vetter aus Fuxloh.

Die Muhme entschuldigte ihre Brut. »Es – es handelt sich alleweil nur ums erste Wörtel, um – um den Anlauf. Magst – magst du keine heiraten, Kasper, von – von meinen Menschern?«

Das Gewölk der heißen Suppe flatterte über den Tisch, daran die Siebenschläferleute mit breiten Ellbogen lümmelten. Sie holten die Blechlöffel hervor, die unter der Tischplatte an Riemen hingen, und dann lallte die ganze stotternde Sippe den Engelgruß. Die Alte fuhr mit einer zweizinkigen Gabel in die Schüssel und rührte um, während die andern die Suppe so ungestüm kalt bliesen, daß sie über den Rand wallte.

Dem Dullhäubel kam ein zorniges Grausen an, er stand vom Tisch auf und ging zu seinem Schimmel hinaus und schaute ihm zu, wie artig er sein Heu fraß.

Erst als er meinte, daß drinnen die Mahlzeit verschlungen sei, traute er sich wieder hinein.

Die Siebenschläferleute leckten eben die Löffel ab, trockneten sie am Ärmel und hängten sie wieder unter den Tisch.

»Jetzt – jetzt schlafen wir weiter,« murmelte der Vetter.

»Mutter, bleibst du wirklich da?« fragte der Dullhäubel.

Sie nickte gähnend.

Er griff nach der Tür. »Also gute Nacht, Freundschaft! Schlaft euch gut aus! In vierzig Jahren such ich euch wieder heim.«

Und er sprang in den Schlitten und schnalzte mit der Geißel. »Renn, Schimmel, renn zu!«


Es war Feierabend.

Der Schmied Sulpiz Schlagendrauf hämmerte noch dreimal auf den leeren Amboß, hernach räumte er sein Werkzeug auf, blies die Laterne aus, die von der gewölbten Decke hing, und reckte wohlig die langen, ausgearbeiteten Arme.

Da stand der Dullhäubel im Mondschein an der Tür.

Der Schmied mochte ihn nicht leiden. Als er einmal mit seinem Weib gestritten hatte, war der Dullhäubel wetterläuten gerannt.

»Du könntest auch bei Taglicht kommen,« greinte der Sulpiz, »Soll ich dir den Schimmel beschlagen? Oder das Hirn?«

»Plaudern möcht ich mit dir.« Der Bauer redete süß wie eine Flöte. »Nur plaudern. Die Zeit wird mir zu lang in der Finsterweil. Und von dir lernt man was. Du bist ein gewitzigter Mann, hast schon drei Weiber begraben.«

»An die Wand hab ich sie gemalt, die Gespenster, zum ewigen Andenken,« lachte der Schmied und trat den Blasbalg. In der Esse loderte es auf und erhellte das Gewölb. Drei greuliche Weiber waren mit Ruß an die Mauer gezeichnet: sie hatten Krallen an den Fingern und Fangzähne im Maul, glotzende, schlimme Augen und zerstrüpptes Haar. Es war ein übler Anblick.

»Mit welcher von den dreien hast du es am schönsten gehabt?« fragte der Dullhäubel.

Der Sulpiz Schlagendrauf griff auf ein Mäuerlein und brachte drei Holzäpfel.

»Beiß in den hinein!«

Der Bauer kostete. »Pfui Teufel, ist der sauer! Den Atem nimmt es mir.«

Der Schmied hielt den zweiten Apfel hin. »Versuch den!«

»Das Maul reißt es mir auseinander, den Schlund zerschneidet es mir!« fluchte der Dullhäubel.

»Friß den dritten!«

»Gelts Gott tausendmal, Sulpiz! Ich kann nimmer. Ich mag mich nit vergiften.«

»Verstehst du jetzt, Junggesell, wie es mir notgedrungenem Ehemann dreimal ergangen ist? Die erste ist lang und hager gewesen, die zweite kurz und dick, die dritte nit klein, nit groß, nit dick, nit dünn. Es ist aber ein Teufel wie der andere gewesen. Das bravste Weib heißt Luder, den andern ihre Namen darf ich nit verraten, sonst zerreißen sie mich.«

Ein altes Männlein schlüpfte in die Werkstatt herein.

»Grüß Gott, Hammer und Amboß! Ich hab gerad jetzt dein Feuer aufleuchten sehen. Eine Bitt hab ich.« Er knöpfte den Brustfleck auf und zog einen Ziegel herfür. »Wärme mir ihn, Schmied! Ich trag allweil den lauwarmen Ziegel am Bauch, das tut mir so gut für mein inwendiges Leiden.«

Der Sulpiz Schlagendrauf legte den Ziegel an die Glut. Und wieder in die alten Zeiten versunken, brummte er: »Das größte Leiden ist ein Weib. Es ist ein Höllhaken, es zischt wie das Fegfeuer.«

Das Männlein luchste hin. »Willst du wieder heiraten, Meister Ruß? Oder du, Dullhäubel?«

»Ich nit,« ächzte der Schmied.

»Ich schon gar nit, Didelmann!« rief der Dullhäubel.

»Kasper, dich juckt es,« redete der Sulpiz. »Aber hör auf mich! Es gibt keinen Mann, der das Heiraten nit tausendmal bereut. Der Pfarrer Hurneyßl selber hat gepredigt, daß so mancher bei seiner Hochzeit glaubt, er greift nach der Zuckerbüchse, aber derweil erwischt er die Pfefferbüchse.«

»Der Pfarrer hat leicht schelten,« antwortete der Dullhäubel, »der hat eine steinrabenalte Köchin bei sich.«

»Kasper, du bist ein lediger Bursch, du kennst die Weiberleut nit. Die kennst du erst, wenn du mit ihnen verheiratet bist. Vor der Hochzeit ist eine jede wie eine zugedeckte Schüssel.«

Der Didelmann nahm den Ziegel vom Feuer, schob ihn wieder unter den Brustfleck und erzählte dabei: »Anno eins, wie der große Wind gegangen ist, haben wir einen Bären gefangen. Der hat uns viel Schaden getan, drum haben wir uns beraten, was die grausamste Straf für das Vieh wär. Da ist ein uralter Mann aufgestanden, Irg Kolroß hat er sich geheißen, und der hat gesagt: ›Laßt den Bären heiraten!‹ Der Alte ist nit der Dümmere gewesen.«

Kichernd schlüpfte der Didelmann aus dem Gewölb.

»Der eine redet hü, der andere hott,« seufzte der Dullhäubel, »ich kenn mich nit aus mit dem Heiraten.« –

Das Frühjahr kam, die Bauern legten die Fäustlinge ab und schnitten das Moos von den Bäumen. Das Gras nahm zu. Da rannen die Maibrünnlein, der Hahn balzte und krugelte, der Wendehals rief schmachtend »woid, woid« und verrenkte sich vor Verliebtheit schier den Kragen. Der Guckauf raufte und hochzeitete. Lau wurden die Nächte, und der Mond schaute scheinheilig drein.

Wenn der Dullhäubel nachts auf den Schemel stieg, das hochgerüstete Bett zu erklettern, seufzte er: »Das Himmelbett ist mir viel zu breit.« Er wälzte sich ohne Schlaf, und das Blut zuckte ihm. –

Einmal ging die Spuchtin an seinem Hof vorbei, sie schleppte einen Korb Klaubholz aus dem Vogeltänd.

Der Dullhäubel stürzte ihr nach, den Atem verschlug es ihm schier. »Holzhackerin, komm heut noch einmal in den Wald, ich schenk dir einen dürren Baum. Komm aber allein! Ich helf dir ihn abschneiden.«

Sie sah ihn mitleidig an. »Bauer, ich dank schön für den Baum. Ich hol ihn morgen mit meinem Mann. Aber du, Bauer, brauchst eine, die dir das Bett schön macht und emsig und zutätig deine Wirtschaft zusammen haltet. Heirat bald! Dann wachst dir ein nagelneues Herz.«

»Ich weiß mir keine,« sprach er betrübt.

»Nimm die Ogath!« –

Der Dullhäubel träumte wieder schwer. Ein sagenhafter Urvater erschien ihm, auf dem Kopf eine kleine rote Haube mit einer baumelnden Dulle daran, und der gebot ihm, das Geschlecht der Dullhäubel schleunig fortzupflanzen.

Und wenn der Bauer nächtens heimkam und der Mond im Vollschein stand, da war ihm, es stünden auf dem Lichtboden des Gehöftes die verstorbenen Vorfahrer Pankraz, Servaz und Bonifaz, die Bärte bereift wie die Eismänner, und der Isidor mit der kupfernen Nase, und sie drohten herab auf den unfruchtbaren Nachkömmling.


Die Ogath verlebte trübe Zeiten.

Der alte Müller war jetzt Herr im Haus. Mit kalten Augen, mürrischem Maul schlich er durch die Mühle und raunzte den lieben Tag über Wind und Wetter, es mochte heiter sein oder trüb. Und immer härter geizte er, sie und ihr Kind sollten nur Erdäpfel essen und sauere Milch, und wenn sie im Winter die eisige Stube heizen wollte, riß er ihr das Scheitlein Brennholz aus der Hand.

Die Mühle ging immer öder und grämlicher, ewig gleich hob sich das Geschäufel aus der Tiefe, mühselig, in schwerfälliger Gewalt, grünlich triefend, und versank wieder.

Immer öder kamen und sanken der Ogath die Tage. Sie wurde des Lebens verdrossen.

Als sie dem Alten einmal vorwarf, er lasse sie und das Kind hungern, lachte er hämisch. »Seltsam, seltsam, wie malefizblond dein Dirnlein ist! Schier wie dem Dullhäubel sein Bart.«

Da ward sie still und schaute das Kind lange in Gedanken an.

Am selben Tag noch machte sie sich gegen Kaltenherberg auf, sie wollte sich mit den Eltern beraten. In der Mühle hielt sie es nimmer aus.

Am Weg begegnete ihr der Narr. Eine bunte Schürze, die er um den Hals gebunden hatte, hing ihm am Rücken nieder. Er breitete die Arme aus wie der Pfarrer am Altar und sang lateinisch.

Die Ogath duckte sich hinter einer Kranwitstaude. Sie wußte, daß er kürzlich seine Mutter gezwungen hatte, in den Kleiderkasten zu steigen, den Kasten hatte er dann umgeworfen und die Frau drin besungen wie eine Leiche im Sarg.

Doch seine gefährlichen Augen hatten die Ogath schon erspäht. Mit ein paar lächerlichwilden Sprüngen stand er vor ihr und krächzte: »Knie dich hinein in den Dorn, Maria!«

Zitternd folgte sie ihm. Sie fürchtete die flackernde Unruhe in seinem Blick. Und als sie mitten im stechenden Busch kniete, raunte er: »Jetzt bin ich der Erzengel. Ich will dich segnen unter den Weibern. Aber zuerst schneid ich dir das sündhafte Haar ab.«

Er wetzte sein Messer am Knie.

Furchtbar schrie sie auf vor Angst. Was mochte der irre Mensch vorhaben?

Da kam der Dullhäubel den Hang vom Vogeltänd herunter gelaufen. Von weitem schrie er: »Stocknarr, ich erschlag dich!«

Der Zusch warf sich ihm zu Füßen und winselte, er möge ihn leben lassen.

Totenblaß kroch das Weib aus dem Strauch. »Händ und Knie sind mir wund, der Kittel ist zerrissen,« weinte sie. »Alle Bitternis muß man sich gefallen lassen, wenn man keinen Mann mehr hat. Fallt ein Stein vom Himmel, so fallt er auf eine Wittibin.«

Der Dullhäubel senkte die Augen. »Wie geht es dir, Ogath? Ich hab dich schon lang nimmer gesehen.«

»Es ist redlich drei Jahr her, daß ich im Wittibstuhl sitz,« erzählte sie. »Dem Alten muß ich den Mühlknecht machen, und in der Nacht kann ich nit schlafen, so arg treiben es die Ratzen. Ich will davon, mit Zähren feucht ich meinen Weg. Zu meinem Bruder will ich, will das Herrgottelschnitzen lernen.«

Verlegen striegelte sich der Bauer durchs Haar, er schrumpfte fast zusammen vor dem großen, ernsten Weib. Er stammelte: »Heut wär mir schier die Scheuer abgebrannt, die Dirn hat die glühende Asche hinausgeworfen. Ogath, mein Hof braucht eine Bäurin.«

»Willst du wieder einen Heiratsbrief schreiben?« antwortete sie herb.

Sie kehrte zur Mühle zurück, in zerrissenem Gewand wollte sie nicht vor die Ihren treten. Der Bauer schlich neben ihr her und redete nichts.

Über den Steg kam ihr das Dirnlein entgegen.

Die Ogath atmete schwer auf, als sie den roten Zopf ihres Kindes glänzen sah. »Dullhäubel,« sagte sie, »nur einmal in deinem Leben red die Wahrheit! Ist das dein Kind?«

»Ja!« wisperte er zerknirscht.

»Die Schand muß zugedeckt werden,« sprach sie. »In drei Wochen heiraten wir.«