Der graue Sünder.

Der Dullhäubel hatte die Ogath heimgeführt. Sie war fleißig und ernst, hielt den Hof fest in der Hand und gebar ihm zu dem ersten Dirnlein noch elf andere, allesamt rothaarig.

Er war ein Mann in den besten Jahren worden. Das Haar hing ihm tief in die pfiffig gerunzelte Stirn, über den kleinen Augen hafteten die Brauen wie rote, borstige Raupen, der Fuchsbart deckte ihm Kinn und Lippen. Die Nase war ein wenig schief gebogen. Denn er schnupfte weit eifriger als früher, und der Tabak, wie er ihn vormals genossen, schmeckte ihm nimmer, er war ihm zu mild. Drum mischte er ihn jetzt nicht nur mit Schmalz, daß er sich binde und nicht so leicht zerstäube, sondern er rieb auch Glasscherben drein, daß er die Nase schärfer angreife und das Hirn aufrüttle.

Der also verstärkte Schmalzler scheuchte ihm die Sorgen, die ihm seine Schelmenstücke eintrugen, und tröstete ihn, wenn ihm die Bäurin das Gewissen riegelte, oder wenn ihn der Blaumantel mit seinem höllischen Blick durchbohrte.

Denn trotz seiner Jahre kam der Dullhäubel nicht aus der Bubenhaut heraus, sein Kopf wimmelte voll schabernackischer Pläne, und die Lust, dem lieben Nächsten ein Schwänklein und Schwänzlein anzubinden, verringerte sich ihm nicht.


Einmal schlachteten sie im Dullhäubelhof eine Sau. Da wollte sich der Bauer von der Arbeit wegschrauben und meinte, er habe in der Stadt zu tun, er müsse dort in die Steuerstube schauen und dem Marktpreis nachfragen, und am Heimweg wolle er das Kalb mitbringen, das die Bäurin in Blaustauden gekauft hatte.

In Hirschenbrunn kehrte er in jedem Haus ein, wo der Herrgott den Arm herausstreckte, horchte scheinheilig den Reden der Stadtleute zu und ließ sich erzählen, was in den Zeitungen gedruckt war.

Eine hübsche Weile stand er vor einem Arzneiladen und überlegte. Hernach trat er ein, den Schmalzler auf dem Handrücken, schaute sich lange um, starrte einfältig das Krokodil an, das, an die Decke gekettet, scheußlich nach ihm herabfletschte, schnupfte ausgiebig, schaute sich wieder um und wackelte tölpisch mit dem Kopf.

Geschäftig fragte der Apotheker: »Was begehrt Ihr? Dachsschmalz? Regenwurmöl? Mausohrsaft? Pfefferminz?«

»Du hast es wohl nit, Wurzelkrämer,« sagte der Bauer schüchtern und drehte den Hut in der Hand.

»Wollt Ihr Schwefel? Kupferwasser? Ein Quintel Weinsteinöl? Salniter? Salarmoniak? Eine Wagenschmiere? Eine Handsalbe?«

Der Dullhäubel sah den Apotheker tiefsinnig an. »Ich krieg es wohl nit da herin,« murmelte er.

»Besinnt Euch, Vetter! Hat Euch der Doktor einen Giftzettel geschrieben? Braucht Ihr eine Kropfschmiere? Eine Laussalbe? Ein Windsäftlein fürs Kind?« sprudelte der Mann hinterm Ladentisch.

Der Dullhäubel horchte ihm ehrfürchtig zu, und als dem Apotheker der Atem ausging, faßte er die Klinke, schnitt ein Koboldsgesicht und sagte: »Also behüt dich Gott, Wurzler! Einen Peitschenstecken hätt ich gebraucht.« –

Gemächlich ging er heim.

In Blaustauden suchte er den Burgermeister auf, von dem hatte die Ogath ein Kalb, dessen braunscheckiges Fell ihr wohl gefiel, zur Aufzucht erstanden.

Als der Mittag ausgeläutet ward, zog der Dullhäubel, den Burgermeister am Arm und das Kalb leitend, durchs Dorf. Auf der Brücke hielt er an und begann grell zu singen:

»Die Blaustaudner läuten,
sie läuten vor Not,
sie fangen den Bettelmann
und nehmen ihm 's Brot.«

Der Burgermeister vermahnte ihn: »Sing das nit, Freund! Sing ein anderes! Und überleg dir, mit wem du gehst! Ist dir nix heilig?«

Dem Dullhäubel war nichts heilig. Er packte das Kalb am Ohr und redete ihm hinein: »Merk auf, Burgermeisterlein! Wie der Teufel den Heiland versucht hat, hat er ihn auf den Lusen geführt, und von dem Berg aus hat er ihm die ganze Welt gezeigt. Aber Blaustauden ist ihm zu rußig gewesen, das hat er verstecken wollen und hat geschwind seinen Schweif darauf gelegt.«

Da schellte der Burgermeister dem Spottvogel eins hinter die Ohren, daß dem der Hut in den Bach flog, und lief schleunig davon. Der Dullhäubel stand da, das Kalb am Strick, und mußte den Widersacher rennen und den Hut schwimmen lassen.

Als er am Freithof vorüber trieb, stieg gerade der Totengräber aus einem Grab. Der versuchte, einen breitkrempigen Filzhut auf den Kopf zu setzen, aber der Hut war ihm zu weit und sank ihm bis zum Maul herunter.

»Staches, zu dem Hut mußt du dir einen größern Schädel anschaffen!« riet der Dullhäubel.

»Ich hab den Filz jetzt gefunden,« sagte der Staches, »in deinem Ähnel seiner Grube ist er gelegen. Ja, der Bonifaz muß heraus, er hat lang genug gerastet. Unserm Rauchfangkehrer muß er Platz machen.«

Der Bauer band das Kalb an einen Stein, darein das Bild einer Pfarrersköchin gemeißelt war, den Kochlöffel in der Hand.

Aus dem geöffneten Grab grinste der Schädel des Bonifaz herauf, die Pfeife war ihm noch unverwest ins falsche Gebiß geklemmt, das der Ähnel selber sich aus einem Rindsknochen geschnitzt hatte.

Der Dullhäubel setzte den Hut auf, der der Verwesung so tapfer widerstanden, und er paßte ihm wie angemessen. »Der Alte braucht ihn nimmer,« sagte er, »ich nehm ihn mit. Die Pfeife drunten aber kannst du dir nehmen, Staches.«

Dem Totengräber grauste. »Vergelts Gott, ich trag kein Verlangen darnach.«

Der Bauer zerrte das Kalb weiter, und oft tappte er nach dem Hut, den ihm der Ähnel zur gelegenen Zeit aus der Ewigkeit geschickt hatte.

Ein Haus sperrte ihm den Weg, das trug den einladenden Spruch überm Tor:

Das ist das Wirtshaus an der Straßen;
wer einen Durst hat, kann hier einen lassen.

Und weil der Dullhäubel himmelblau gelaunt war, zog er das Kalb mit sich in die Stube und band es an den Tischfuß.

Die Wirtin saß gerade beim Nähzeug und riß die Augen auf ob der seltsamen Gäste.

»Siebenkittelwirtin, schenk ein! Dem Zöpfel da,« der Bauer deutete auf das Kalb, »gibst du einen Kirschgeist!«

Auf der Bank unter dem schräg vorhängenden Spiegel lungerte der Lippenlix und strich sich den stolzen Schnurrbart. »Sitz her, Kasper!« sagte er. »Geld hab ich wie ein Sautreiber. Spiel mir es ab!«

»Ich mag nit, Schönbart.«

»Wirtin, schaff Karten her!« begehrte der Lix. »Spielen wir Grünoberfangen um drei Zündhölzer! Oder willst du färbeln? Oder lampeln?«

Er fuhr ganz wild über die Karten her, mischte sie, ließ abheben und gab aus.

Sie trumpften auf den Tisch. »Und da hast du eine Eichel!« »Und da friß den König!« »Und heraus mit der Schellensau!« So flog es hin und zurück.

Die Karten aber, die der Lix wie einen Fächer in der Hand faltete, malten sich in dem Spiegel ab, der über ihm sanft geneigt hing, und der Dullhäubel luchste heimlich empor und sah droben alle Trümpfe, die der andere in der Hand hielt, und gewann darum Spiel auf Spiel.

»Wie geht das heut zu?« staunte der Lix. »Aber ich hör nit auf, und wenn ich meine hundshäutenen Hosen ausziehen und nacket heimrennen muß.«

Es wurde finster. Die Wirtin zündete die Kerze an. Das Kalb wurde unruhig und blökte.

Der Lix setzte das letzte Sechserlein dran und verlor. Er schalt Gott und alle Heiligen. »Du Raubersknecht, keinen zerbrochenen Groschen hast du mir lassen, das ganze Geld schatzt du mir ab. Der Teufel soll dich vom Abtritt wegholen! Es ist Zauberei dahinter. Gib das Kalb weg, oder ich erstech es!«

»Dem Zöpfel tust du nix, Schönbart,« sagte der Dullhäubel und strich den Gewinst ein. »Ich bin satt. Ich geh heim.«

»Oho, weil ich jetzt gewinnen könnt, gehst du davon, du Fuchs aus Fuxloh? Noch einmal spiel mit mir! Die Haut zieh mir auch noch ab! Wirtin, streck Geld für!«

»Dir nit,« schnippte sie.

Er setzte seine Uhr ein samt der Kette. Unwillig tickte sie am Tisch. Das Kalb plärrte, der Dullhäubel gewann.

Der Lix ließ das Maul hangen. Auf einmal starrte er wild unter den Tisch. »Hast du nit einen Roßfuß? Du gewinnst ja wie der Teufel selberst. Und noch einmal spielen wir. Meinen Bart setz ich ein, es ist niemanden in der Pfarre ein schönerer gewachsen.«

Mit zitternden Fingern mischte er. Herz war Trumpf.

Der Dullhäubel hielt alle Trümpfe in den Händen und warf sie kichernd auf den Tisch. Dann griff er in das Nähzeug der Wirtin um die Schere.

Der Lix riß die Augen auf wie eine gestochene Geiß. »He, willst du meinen Leib schänden, jetzt, wo du mich ausgeraubt hast?«

Der Dullhäubel ergriff den schönen Schnurrbart. »Halt dich, Lix! Zahl deine Schuld! Zahlen bringt Frieden.« Und ehe sich der Lix aus seiner Versteinerung erholte, hatte er ihm den Bart links und rechts weggeschnitten und ins Kerzenlicht gehalten, wo das Haar mit übelm Geruch verbrannte.

Jetzt heulte der Verstümmelte auf und ward inne, was er verloren hatte.

Der Dullhäubel war mit dem Kalb schon an der Luft, und weil er ein wenig schwankte, riß er einen Stecken aus dem Zaun und stützte sich darauf.

Hoher Sommer war es. Der Hundsstern ging auf, verschlafen schaute der Mond in die Welt.

Im Wald drin rastete der Bauer, er stieß den Stecken in den Grund und band das Zöpfel dran. Dann warf er sich neben dem Weg ins Moos.

Er mochte wohl ein wenig eingenickt sein, als er aufschrak. Eine Dirne kam daher, jung und flink wie ein Wiesenwasser.

»Wohin denn in aller Nacht, du Allerschönste?« fragte er.

»Zum Bader um einen Blutegel,« erwiderte sie. »Ist das der richtige Weg?«

»Schleun dich nit so! Wer ist denn krank?«

»Dem Vater schwärt der Zahn. Du wirst ihn ja kennen, den Lukas. Ein Musikant ist er. Er haltet es nimmer aus vor Weh.«

»Der Lukas soll zum Fuxloher Schmied gehen, der reißt ihm zwei Zähne mit einem Griff,« riet der Bauer.

»Mein Vater hat schon alles versucht. Mit einem glühenden Nagel hat er sich den Zahn ausgebrannt. Es hat nit genutzt. Den Bart hat er sich wachsen lassen gegen das Weh. Mit einem Strick hat er den Zahn dem Stier an den Schweif gebunden; der Zahn hat sich nicht geruckt, eher wär dem Vieh der Schweif abgerissen.«

»Setz dich her, Dirn!« lud er sie ein. »Wie heißt du denn?«

Sie ließ sich zu ihm ins Moos hin, sittsam deckte sie die Füße mit dem Kittel zu. Der Mond lugte ihr in das derbe, frische Gesicht.

»Müd bin ich,« sagte sie, »übers Gebirg hab ich müssen. Mechel heißen sie mich daheim, der Schulmeister hat mich Mathilde Schellnober geschrieben. Und wer bist denn du?«

Er dachte ein wenig nach. Dann sagte er unschuldig: »Aus Blaustauden bin ich. Ein Tischlergesell. Franz bin ich getauft. Nach dem heiligen Franziskus.«

Er tastete nach ihrer Hand, sie zuckte nicht zurück.

»Bist du brav, Tischler?« fragte sie.

»Freilich. Bei Tag und Nacht bin ich brav. Nur mit den Weibern bin ich ungeschickt. Ich kann nit lügen, drum mag mich keine.« So redete er sanft und traurig.

»Das ist kein Fehler,« tröstete sie.

»Mein Geschäft braucht ein Weib, ich möcht mich selbständig machen. Weißt du mir keine, Mechel?«

»Ich wüßt genug, aber ich sag dir sie nit.«

»Warum denn nit, Mechel?« Er drehte den Kopf wie ein girrender Tauber und schmeichelte: »Du bist so sauber, dein Bild will ich auf alle Truhen malen.«

»Es sind schon noch schönere Dirnen im Wald,« antwortete sie kurz. Unruhig rückte sie hin und her.

Schnell legte er ihr den Arm um die Hüfte.

Sie stieß ihn von sich. »Ich muß zum Bader. Sonst verzieht sich der Weg hoch in die Nacht. Und das hab ich von der Mutter sagen hören, daß die Mannsleut alle falsch sind. Du drehst dich um und liebst eine andere.«

Er legte die Hand auf den Brustfleck. »O, du kennst mich nit. Ich bin treu wie der Tauber der Tauberin.«

Sie musterte ihn scharf. »Ganz jung bist du nimmer,« sprach sie.

»Im besten Saft steh ich, Mechel. Schön bin ich nit, aber heikel.«

»Mein Heiratsgut ist gering, Tischler,« meinte sie zaghaft. »Der Vater ist ein Musikant; was er verdient, vertut er.«

»Wenn du nur eine buchsbaumene Bettstatt mitbringst!« spaßte er. Das Kopftuch zog er ihr herab und krauelte ihr lind das krause Haar.

»Meine Zöpfe sind gelb,« lächelte sie, »ich wasch sie jedes Frühjahr mit Märzenschnee.«

Er packte das baumfrische Kind fester. »Mechel, spreiz dich nit!« bettelte er.

»Du bist aber hitzig, Franz,« lispelte sie verschämt.

Schneidiger griff er nach ihr. Da blitzte das Mondlicht an seinem Finger.

Sie schnellte schreiend auf. »Tischler du tragst einen Ehring!«

Er wurde demütig, seine Stirne krauste sich. »Im Witstand bin ich, Mechel, im Witstand. Der Herrgott hat sie mir hingenommen. Niemand kocht mir, niemand macht mir das Bett.« Die Stimme knickte ihm.

Sie wurde neugierig. »Woran ist sie gestorben?«

»Ich hab gehört, am Rotlauf.«

»Hast du gut mit ihr gelebt?«

»Ich hab nit bei ihr liegen wollen, sie hat kalte Füße gehabt. Ja, ein Wittiber bin ich, und das ist mein einziger Tadel.«

Die lieben, dummbraunen Augen der Mechel glänzten voll Mitleid. Und er merkte es und riß sie zu sich hin und herzte und halste sie, bis sie ganz wirr bat: »Tischler, hör auf! Du bringst mich in die Lieb, und ich bin noch zu jung dazu.«

Droben schoß ein Stern über den Himmel, Johanniskühlein flogen glimmend.

»Laß ab, Tischler! Die Buben werden mir einen ströhernen Mann aufs Dach setzen. Die Schand begehr ich nit. – Und wenn einer daherkommt!«

»Wer wird denn gerad jetzt unterwegs sein!« tröstete er. »Es rührt und reibt sich nix.«

Sie rang mit versagender Kraft gegen ihn.

»Ich heirat dich ja. Und wenn du mich gern hast, der Himmel fallt nit ein,« zischte er.

Da stapfte es den mondverdämmerten Weg daher, Steine rollten, ein Stecken klang an einen Fels.

Die Mechel sprang auf und rauschte wie eine gehetzte Hirschkuh ins Gebüsch.

Die alte Ulla humpelte mit der Geiß daher.

»Verdammte Nachthex!« brauste der Dullhäubel sie an.

»Verspätet hab ich mich. Die Geiß hab ich zum Bock geführt,« sagte sie bang.

»Geh geschwind heim, dein Kater will gemolken sein. Er gibt dir täglich zwölf Seidel Milch, dir Nachthex.«

»Bauer, du machst mich schwarz,« flehte sie. »Die Kinder spotten mir schon nach ›Hex! Hex!‹ Die Leut speuzen aus vor mir und verriegeln die Tür, wenn ich betteln komm. Und ich bin doch nur ein überständiges Weib und kann nimmer essen, nimmer schlafen.«

»Aber hexen kannst du,« rief er unbarmherzig.

»O du gar schlimmer Mann, was feindest du mich an? Unschuldig bin ich, der Blaumantel kann es mir bezeugen. O die Welt ist voller Angst und Nöten! Und man kann sich kaum aufrecken bei der teuern Zeit, kaum schnaufen kann man.«

Ein toller Schwank war dem Dullhäubel durch den Kopf geschossen. »Hexen kannst du,« bestand er. »Du verzauberst den heiligen Blaumantel selber. Ruf ihn um die Mitternacht. Dann stürzt er dir ins Haus. Versuch es!«

Er rannte in das mondscheinige Gebüsch der Mechel nach. Sie war nimmer zu finden. –

Als er zur Kapelle kam, räusperte es sich droben im Föhrenbaum. Zwei dürre Beine schlotterten vom Ast.

Der Dullhäubel schlug ein Kreuz. »Wer sitzt da droben?«

»Ein Schlaghäusel richt ich auf für den Mondschein,« erwiderte es. Es war der Narr.

Der Bauer atmete auf. »Gehustet hast du wie ein krowatischer Schuster, Zusch.«

»Ich bin Rudolf von Habsburg, der Sohn Josefs des Zweiten,« sagte der Narr feierlich.

»Steig herunter, Zusch, du erschlagst dich!«

»Ich sterb nit. Ich werd hundertfünfundzwanzig Jahr alt und fahr dann gleich ins Himmelreich, weil ich eine reine Jungfrau blieben bin.«

»Die Nacht ist nit warm,« hub der Dullhäubel listig an, »sogar dem Blaumantel scheppern die Zähne vor Kälte.«

Der Narr fuhr wie ein Eichkater von der Föhre herab. »Ich zünd ihm die Kapelle an, dem Heiligen, daß er sich die Händ wärmt,« murmelte er. Stumpf lagerte der Blödsinn auf seiner Stirn, doch seine Augen zündelten.

»Große Hitz tut dem Blaumantel nit gut,« lenkte der Schelm ein. »Trag ihn lieber, wenn der Nachtwächter zwölf schreit, der Ulla in die Hütte und leg ihn zu ihr ins Bett, dort erwärmt er sich gewiß.«

Der Besessene nickte und kletterte in die Kapelle.

Da lachte sich der Bauer in die Faust und ging ins Dorf hinauf und klopfte den Wirt wach. Der tat ihm mürrisch auf, stellte ihm einen gesalzenen Fisch und ein paar Flaschen Bier hin und legte sich wieder ins Stroh.

Der Dullhäubel trank allein im Mondschein. –

Indessen hatte die Ulla ihr armseliges Bett bereitet. Sie lag ohne Ruhe, die Reden des Bauern hatten ihr das kleine Hirn ganz gar und verwirrt. War sie vielleicht doch, ohne es zu wissen, eine Gabelreiterin?

Sie dachte mühselig nach, ob ihr nie etwas zugestoßen, was nicht geheuer gewesen. Aber ihr enges Leben lag schlicht und ohne Rätsel vor ihr.

Lang quälte sie sich ab und flüchtete schließlich vor sich selber in den Schlaf.

Da träumt ihr, sie flöge über das Land hin. Tief unten lagen Kirchturm und Freithof, Häuser und grasendes Vieh. Über den Wald flog sie und hob die Knie hoch, daß sie sich nicht an den Tannenspitzen stoße. An den Nestern streifte sie vorbei, drin die Rabenhennen gluckten, einem hohen Berg zu, und der trug ein Feuer. Mitten im Wald drunten stand ein zerbrochenes Häusel, aus seinem Rauchfang ritt ein rußiges Weib auf einem Schürhaken heraus und ritt neben ihr her, und als die Ulla die andere scharf anschaute, so war sie es selber. Schaudernd schlug sie ein Kreuz. Da stürzte sie strahlenschnell in die Tiefe, schlug auf und erwachte.

Sie besann sich des Traumes. Es war doch lustig gewesen, so ohne Beschwernis zu fliegen und so weit in die Welt hinein zu schauen. Könnte man nur ganz kleinwunderwenig die Hexenkunst treiben, wie viel leichter würde doch das bittere Leben! Ach, sie wollte ja nur der Geiß eine Raufe voll Futter hexen und ein paar Scheiter Holz in den Ofen, wenn der harte Winter draußen stürmt und die Hohlwege zudeckt!

Ein fernes Wachthorn blies vom Dorf her Mitternacht.

Da lüstete es die Ulla, jetzt schnell einmal, nur einmal die Kunst und die Kraft zu versuchen, die ihr der Dullhäubel andichtete, und weil ihr in der Eile nichts anderes einfiel, rief sie einen Spruch, den sie vorzeiten vergeblich gebetet: »Heiliger Antoni, schick mir den Bräutigam in die Kammer!«

Und schon trampelte es draußen. Und ob sie es auch entsetzt mit den Händen abwehrte und den freveln Spruch widerrief, die Tür ward aufgestoßen, ein schwarzer Kerl sprang herein, wälzte ihr etwas Schweres ins Bett und verschwand.

Der Ulla setzte der Herzschlag aus.

Der Teufel hatte sie beschenkt. Also war sie doch eine Hexe. So viele Jahre hatte sie fromm gelebt, und jetzt verfiel sie der Hölle. O was hatte sie getan?!

Ein Schuhu höhnte draußen, der Wind murmelte unheimlich ums Haus.

In ihr schrie es um Hilfe. Ihre Seele hatte ein dünnes, verzagtes, windverwehtes Stimmlein und führte eine unbeholfene Rede.

Alter Leute Seele ist so matt wie ihre Hände. Und das Gebet der Ulla hatte gebrochene Flügel. Ihr war, es dringe nicht zu Gott, es steige nicht über die Tannen hinaus, es falle wie ein Stein schwer und schmerzhaft zurück in ihr Herz.

Neben ihr lag das Sündige, Schreckhafte, Unbekannte, der Zeuge ihres Hexentums. Das Fieber glühte in ihren Fingern, doch sie wagte nicht hinzugreifen.

Der Mond rückte und spiegelte in dem weißen Haar der Greisin. Auf einmal leuchtete er voll über das Bett.

Der heilige Blaumantel lag mit wachen, weit offenen Augen neben ihr.

»O weh, der Dullhäubel hat nit gelogen,« seufzte sie, »Ich bin eine Hex!«

Schwerfällig tickte die Uhr, und da ihr Zeiger immer wieder zurücksank, wußte das Weib nicht, ob der Morgen schon nahe sei. Furchtsam schaute sie den an, der ihr Bett teilte.

Als es graute, spannte sie die Geiß vor ein Wägelein, lud den Heiligen auf und schaffte ihn zurück in die Kapelle. – – –

Der Mond grinste.

Um den Dullhäubel drehte sich die Welt wie ein Rad. Er lehnte sich an einen Baum und horchte. Irgendwo quackten die Frösche.

»Ihr Grillnöder, was singt ihr?« schrie er. »Ihr könnt es ja nit.« Er fing an zu quacken, die Frösche ein Besseres zu lehren. Doch sie ließen sich nicht schulmeistern.

Dann heulte er auf wie ein Mondscheinhund und weckte alle Kläffer und Köter rings in den Einschichten, daß sie zornig bellten oder in gezogenem Geheul klagten und die Leute in den Betten ängstigten.

Die Kapelle war leer. Da johlte der Trunkene: »Herrgott, schau herunter! Dein Heiliger schlaft bei einem alten Weib.«

Der Wendehals auf der Fähre drehte den Kopf nach dem kreisenden Himmel. Ein Schuhu kreischte. Ohne Rast gurgelte der Wolfsbach.

Wie der Dullhäubel neben dem Wasser dahintaumelte, rutschte er aus und plumpste hinein. Die kühle Flut wusch ihm den Kopf und ernüchterte ihn. Er blies, ächzte und schnaubte und kroch ans Ufer, den Blaumantel verwünschend, dem er das Unglück zuschrieb.

Als er sich wieder auf den Füßen fühlte, war sein erster Gedanke: »Heut hau ich einmal mein Weib!«

Er kam heim und tappte durch den Hof ins Vorhaus. Die Stubentür aber war versperrt; ein Strohsack lag davor, der schien für ihn bereitet.

Der Dullhäubel rüttelte. »Ogath, ich sag dir es im guten, tu auf!«

Drin rührte sich nichts.

»Bäurin, tu auf! Tu auf, Bäurin! Ich bin es. Der Dullhäubel ist es. Dein Kasper,« schmeichelte er. »Weib, laß dir sagen, riegel auf!«

Er drängte das Ohr ans Schlüsselloch. Kein Hauch war zu hören.

Da kam ihm die Hitze. »Tu auf, Weib, sonst hol ich die Hacke und spreng die Tür auf!«

Drin meldete es sich ruhig: »Wag es! Den Kittel schlag ich dir um den Schädel, solang ein Fetzen dran ist. Draußen hast du den Strohsack.«

»Laß mich doch nit zugrund gehen!« schluchzte er. »In den Bach bin ich gefallen, waschelnaß bin ich.«

»Warum bist du nit ersoffen?« sagte sie aufgebracht. »O mein gottseliger Mann, der Gid, ist tausendmal besser gewesen als du! Das ganze Geld versäst du im Saufhaus.«

»Herr, erbarm dich meiner!« murmelte er wie bei einer Litanei.

»Den Hof versaufst du, deine Kinder werden einmal nacket gehen!«

»Herr, erbarm dich meiner!« antwortete er dumpf.

»Die Kellnerinnen reißt und rumpfst du herum.«

»Herr, erbarm dich meiner!«

»Nacht für Nacht reitest du die Zung in die Schwemm,« eiferte sie. »Vertu nit alles, daß du einmal ein anständiges Begräbnis kriegst!«

»Begraben muß ich werden. Das hab ich noch nie gehört, daß einer eingeackert worden ist.«

»Schäm dich! Der Dunst und Dampf redet aus deinem Hirn.«

»Ich schäm mich in den Kniebug hinein, da sieht es niemand.«

»Hast du das Kalb in den Stall eingestellt? Hast du es nit verjuxt?«

»Jesmaria, das Kalb hab ich im Wald vergessen!« rief er erschrocken. »An den Zaunstecken steht es gebunden.«

»Himmlischer Vater, da haben wir wieder den Schaden! O wenn das mein Gottseliger erlebt hätt!«

Die häufige Mahnung an den Gottseligen verdroß ihn. Er wollte überhaupt für heute die Zwiesprache enden. Drum sagte er: »Weib, ich bet jetzt. Stör mich nit! Du begehst eine Todsünd.«

»Du und beten?!« spottete sie. »Ja sausen und brausen laßt du es, dein Gut verstreust du. Und ich muß mich mit den zwölf Menschern durchfretten.«

Er richtete sich auf. »Weib, reiz mich nit! Wenn ich wild bin, ist der Zorn auch gleich da. Wer macht uns arm? Du mit deiner Fruchtbarkeit. Was du treibst, ist zuviel. Und nit einen einzigen Buben, lauter Menscher! Die kannst du dir nit genug kriegen, zu Dreikönig eins, zu Allerheiligen wieder eins.«

»Du Schandvogel!« schalt und schelmte sie. »Du Rabenseel!«

Er blieb nichts schuldig. »Du Truchtel, sei still!«

Ein Schimpf rankte sich in den andern.

»Du Flank du, du Schlank du!«

»Du Runzel, du Schlunzel!«

»Du Sauftümpel, du Galgenbraten!«

»Du Zahnraffel, du Schürhaken!«

»Du Abfaum, du alter Schepperer!«

»Du Schebrelle, du Rabatsche!«

»Du lasterhaftes Bockfell!«

Er gab nach. »Weib, wie einen Pudelhund beutelt es mich vor Kälte. Erbarm ich dir nit? O an dir erleb ich keine Freud, jeden Schluck in die Gurgel zählst du mir!«

Murrend warf er sich auf den Strohsack.

Der reichliche Trunk wirkte, und der Dullhäubel schlief ein.

Kaum hatte er die Augen zu, so beugte sich der Blaumantel über sein Bett, daß ihm der hölzerne Leib krachte.

»Dullhäubel,« wispelte er, »ich bleib nimmer in der Einöd. Es sind mir zu viel Narren und Diebe da.«

»Ich trag dich nach Blaustauden,« stöhnte dienstwillig der Träumer.

»Zu den hochnasigen Heiligen in die Kirche will ich nit,« erwiderte der Blaumantel, »die Goldenen und Silbernen verachten meine hölzerne Kutte. Schieb mich ins Dorf! Neben dem ›pfalzenden Hahn‹ will ich sein.«

Gleich stand der Dullhäubel hinter der Kapelle und schob an und stemmte sich daran, es war eine schwere Plage, aber die Kapelle rückte nicht vom Ort, und der Bauer schnaufte und ein scharfer Durst peinigte ihm Zunge und Gaumen und brannte ihm tief in den Schlund hinab, und sogar Magen und Gedärme dürsteten ihm und lechzten nach einem Trunk. Und wieder warf sich der Dullhäubel gegen die Mauer, drängte und schob. Den Schweiß, der ihm von den Brauen tropfte, fing er mit dem Maul auf, um sich zu erquicken. Doch die Kapelle saß wie ein Fels in der Erde. Da bleckte der Blaumantel wild lachend die Zähne, schwang sich aufs Dach und ritt droben wie ein Reiter auf dem Roß und schrie: »Wieh!« Jetzt rührte sich die Kapelle und fuhr wie ein schneller Wagen bergan.

Der Dullhäubel erwachte, staunend und blöd hockte er auf dem Strohsack.

Den peinigenden Durst zu löschen, richtete er sich auf und tappte in den Keller, wo auf einer Bank die Milchtöpfe standen, ergriff einen davon und soff. Er mußte saufen, süß oder sauer, Kuhmilch oder Geißmilch, es galt ihm gleich. Er soff wie ein glühender Stein. In endlosem Zug schlampte er den Ton bis auf das Neiglein aus, wischte sich schnaufend den Bart und taumelte satt hin aufs Stroh. –

Der Hahn krähte, der Tag graute an. Schon rumorte die Bäurin in der Stube.

Mit einem schrecklichen Druck im Magen erwachte der Dullhäubel. Er stützte sich ächzend, riß das Maul auf, und ein wilder Blutguß schoß auf das Pflaster des Vorhauses.

»Bäurin! Bäurin!« winselte er. »Zu Hilf, schnell! Aus ist es! Dahin geht es!«

Als sie aus der Stube kam, brach ihm wieder das Blut in dickem Strahl aus dem Hals. Sein Auge stierte, Bart und Brust und Hände, Strohsack und Estrich, alles war rot besudelt.

Die Ogath rang die Hände über dem Kopf. »Himmlischer Vater, er hat den Blutsturz!«

»Rühr dich!« stöhnte er. »Den Pfarrer hol, den Bader! O mir ist hundselend! Den Pfarrer schickt mir, ich bin ein großer Sünder. O, daß ich gar so viel Blut hab!«

»Den Bauch reib ich dir mit Kampferöl,« rief sie. »Ich koch dir ein Helfkräutel, einen Tausendguldenkrauttee, der hilft.«

»Nix hilft,« schrie er ungeduldig, »den Geistlichen hol!«

Sie rannte die Bodenstiege hinauf und weckte die Kinder. »Wabel, Reigel, Rosel, Portiunkel, Stasel, Kathel, Liesel, Urschel, Mariandel, Kundel, Luzel, Stanzel! Geschwind, der Bauer geht ein!«

Die zwei ältesten Töchter liefen nach Blaustauden.

Die Wabel klopfte das Pfarrhaus wach. »Hochwürden, der Vater hat Blut lassen. Die Mutter laßt bitten, Ihr sollt ihm die Seel aussegnen. Den Flederwisch nehmt auch gleich mit, daß Ihr den Bauer besprengt!«

»Wenn es den letzten Schnapper giebt, kommen sie daher,« zürnte der Geistliche. »Sonst sieht man manchen nit in der Kirche. Es stehen in der Meß oft mehr Heilige als Leut umeinander.«

»Rennt, Pfarrer! Das Blut schießt ihm heraus wie gestern der abgestochenen Sau.«

Der Herr Nonatus war ein seeleneifriger Mann. Er sagte: »Ich geh gleich mit. Der größte Sünder ist mir am allerliebsten, und der Dullhäubel zahlt sich aus. Meßner, läut das Speisglöckel!«

Die Reigel weckte den Bader.

Der bärbeißige Wundarzt Gottfried Mehlstäubl nahm gleich eine Flasche Blutegel mit.

»Was ist denn los mit dem Dullhäubel?« fragte er. »Hat er wieder einen Kapuzinerrausch heimgebracht? Hat er sich die Wampe überfressen? Ist ihm der Darm auseinander gesprungen?«

»Blutkrank ist er,« weinte die Reigel. »Einen ganzen Zuber voll Blut hat er gespieben. Jetzt lechzt er.«

»Heul nit, Dirndel, ich helf ihm. Ich hab schon andern Leuten geholfen. Unserm Burgermeister hab ich den Bandwurm abgetrieben, fünfzig Ellen lang.« –

Derweilen lag der Dullhäubel blutig im Stroh. Er hörte in der Ferne das Glöckel, dessen Geläut den Weg des Pfarrers begleitete. Er betete: »Heiliger Blaumantel, liebreicher Fürbitter im Himmel, steh zu mir! Wenn ich wieder gesund bin, stift ich dir eine Kerze, so lang wie eine Deichsel, vor deiner Kapelle soll sie brennen Sommer und Winter, Tag und Nacht.«

Der Grazian, der wegen seines Alters als Meßner abgedankt worden war, fand sich ein, und nicht ungern sah er die letzte Stunde des Schelmen nahe. Denn die verweste Geiß stank ihm noch immer aus dem Magen, und er hatte den Streich nie verwinden können.

»Schau, schau, Dullhäubel,« sagte er, »gestern hast du noch heimgejodelt von der Siebenkittelwirtin, und heut gehst du auf dem letzten Gras. ›Gestern im Trab, heut ins Grab‹, heißt es. Du schaust aus wie der linke Schächer.«

Der Bauer griff an die Brust, die Zunge schlotterte ihm. »Mir wird ganz herzschlächtig.«

»Zieh die Strumpf und die Schuh aus, Dullhäubel, und renn der Höll zu! Wart nit auf die heilige Wegzehrung, sie hilft dir nimmer. Ja, den Tod betrügst du nit, du Sündenbock, du Leutfopper, du Bauchbruder, du Trost dem Teufel! Dahin mußt du mit deinen Rieben und Ränken. Ich seh dich schon schneeweiß in der Truhe.«

»Ich sterb nit,« kreischte der Dullhäubel auf.

»Rümpf dich und wind dich, du kommst ihm nit aus, dem Sensenwetzer. Im Sündenstank fahrst du hin.«

»Jedes Haar wirft seinen Schatten,« wehrte sich der Bauer. »Warum soll denn gerad ich keinen Fehler haben?!«

Unbarmherzig predigte der Meßner: »Jetzt liegst du auf der Streu, jetzt schießt das Blut heraus, das wilde Dullhäubelblut, das kein gut getan hat sein Lebtag. In einer kurzen Weil tümmelt der Teufel vor der Tür und zerrt dich davon bei den Füßen. In die Höll strudelst du hinab.«

»Laß mich aus, Grazian, verschon meine Sterbensnot!«

»Ja, mein lieber Freund, jedem wird gelohnt nach seinen Werken. Wenn der Teufel herwürgt mit offenem Schlund und hernach deine Seel zwischen den Zähnen hintragt, ich trau mir es gar nit zu sagen, wohin! Ja, mein lieber Freund, wenn der ganze Himmel papieren wär, und auf jedem Stern säß ein Schreibersknecht, sie könnten allsamt gar nit beschreiben, was eine Seel leidet im ewigen Pech.«

»Meßner, das weiß ich. Ich dank dir.« Der Schweiß brach dem Bauer aus.

Die Ogath trat aus der Stalltür. »Der Didelmann hat uns das Kalb daher gebracht, gottlob,« sagte sie, »es ist ganz wild.«

Wieder hub der Grazian an: »Es ist schad, Dullhäubel, daß Gott dich mit so einem guten, wirtschaftlichen Weib versorgt hat!«

»Bäurin, ich will gut tun, wenn ich wieder aufkomm,« gelobte der Dullhäubel.

»Ja, wenn die Zaunstecken blühen,« sprach sie unwirsch. »Du tätst es wieder treiben wie ehmals, die Händ schonen, die Weiber verfolgen, Vieh und Leut foppen. Ausgestanden hab ich genug mit dir. Ein Selbstler bist du gewesen, hast an Weib und Kind nit gedacht und an die Gemeinde nit, nur an dich und allweil nur an dich. Und eine lederne Röhre hast du im Hals, die brennt und muß feucht gehalten werden. So, jetzt hab ich dir es gesagt.«

»Gelts Gott, Bäurin, gelts Gott! Du hast die Wahrheit geredet,« wispelte er. Die Augen fielen ihm zu.

»Heilige Mutter Anna,« schrie der Grazian, »er wird schon blau! Der Teufel schreit juchhe.« Er stieß ein Gebet aus. »Lasset uns beten zu den heiligen drei Königen, sie sollen ihm den Weg weisen, er muß in die Ewigkeit wandern.«

Jetzt kam der Pfarrer mit dem Bader daher, und die Dirnlein drängten nach, neugierig und furchtsam.

Der Bauer tat die glasigen Augen auf und röchelte: »Pfarrer, Bader, der Tod geht mir zu.«

Der Wundarzt Gottfried Mehlstäubl staunte: »Sakerlot, du hast unglaublich viel Blut gekotzt! Mensch, mußt du vollblütig sein! Wo fehlt es denn? Hast du ein kaltes Fieber oder ein glosendes? Schüttelt es dich? Reißt es dich? Kratzt dich der Hals? Ist dir das Zäpflein gefallen?«

Der Kranke deutete auf den Magen. »Da in der Herzgrube tut es weh.«

»Hast du den Stuhl offen?« forschte der Arzt. »Hast du dich nit überfressen, Schlauch? Ja, der Fraß wühlt sich mit dem eigenen Rüssel das Grab auf. Die Runstadern sind dir geschwollen. Tu das Maul auf und zeig her deinen Schlung!«

»Im Bauch rumpelt es mir,« flüsterte der Bauer.

Der Bader entschied: »Du hast es auf der Leber. Eine jede Krankheit rührt von der Leber her. Du hast wohl einen kalten Trunk getan, he?«

»Bader, gib mir was ein, ein Pulver, einen Saft, daß ich am Leben bleib!« klagte der Dullhäubel.

»Halt das Maul, Wehdarm! Ich muß auch einmal sterben,« antwortete der Gottfried Mehlstäubl.

»Da schau meine unversorgten Kinder an und hilf!« Der Bauer deutete mit Kinn und Bart auf die zwölf Dirnlein.

»Kinder hast du in allen Größen wie eine Bodenstiege. Aber was nutzt das alles, wenn sich eine giftige Sucht einschleicht. Ich schätz, du überlebst die Stund nimmer.«

»Herr Pfarrer,« lallte der Dullhäubel, »richt mich her – für die Ewigkeit!«

Da drückte ihm der Grazian einen geweihten Rosenkranz in die Hand, die Ogath wischte mit dem Fürtuch über die Augen, die Kinder weinten.

»Gottlob, daß du dich nit in Halsstörrigkeit verhärtest, Dullhäubel,« begann der Pfarrer. »So tu Reu und Leid, mein lieber Christ!«

Des Baders Neugier war noch nicht gestillt. »Und wo fehlt es denn sonst noch, Bauer? Plagen dich die Würmer? Bläht dich der Wind?«

Doch der Dullhäubel räusperte und rächste sich, fuhr jäh auf, gurgelte, und wieder schoß das Blut heraus. Alle wichen zurück, die Bäurin scheuchte die Kinder hinaus. Blaß und matt sank der Bauer zurück.

Der Gottfried Mehlstäubl krauste die Stirn. »Seltsam! Seltsam! Vetter, die Reih ist an dir. Hättest du mir alle Jahr deinen Brunn schauen lassen, wie der Grazian da, tät ich mich in deinem Leib besser auskennen.«

»Der Tod zeichnet ihn,« sagte der Pfarrer. »Laßt uns allein, daß ich ihn geschwind noch auströste!«

Da gingen alle hinaus.

»Öl mich ein, Hochwürden, öl mich! Richt mich zusamm – fein sauber – für den Weg!« drängte der Bauer.

»Jetzt, Dullhäubel, häut dich!« begann der Herr Nonatus Hurneyßl. »Tu ab das Gewand deiner Sünden! Wann und wo bist du das letztemal beichten gewesen? Bei mir nit.«

»Den zweiten Sonntag nach Ostern – hab ich gebeichtigt – in Bärnloh.«

»So, so, in einer fremden Pfarre, bei dem schwerhörigen Pater, und an dem Tag, wo die Roßdieb beichten gehen? Eine saubere Seel! Aber jetzt her mit deinen Sünden!«

Der Dullhäubel bekannte: »Öfter hab ich mich versündigt als Steine im Bach sind und Bäume im Wald.«

»Sieben Straßen laufen zur Höll, das sind die Todsünden. Hast du eine begangen?« forschte der Pfarrer.

Der Sünder sprudelte: »Gefressen hab ich, gesoffen, gerauft, gescholten, geschworen, gelogen und betrogen, die Weiber nit in ihren Ehren lassen, mit den Jungfern gescherzt, am Freitag bin ich fensterln gangen, den Leumund hab ich den Leuten genommen, verfrevelt hab ich mich gegen den heiligen Blaumantel. Jetzt weiß ich nix mehr.«

Dem Pfarrer wirbelte das Hirn. »Ein Gewissen magst du haben wie ein Scheuertor,« staunte er.

»Der Teufel hat mich im Schlund, reiß mich heraus, Hochwürden!« zeterte der Dullhäubel. »Bind mich los, bind mir die Sünden ab und öl mich!«

»Nur langsam, Dullhäubel, und hübsch eins nach dem andern. Hast du nit gejuchzt und gejodelt und gegalmt zur Unzeit und unzüchtige Rockenlieder gesungen?«

»Das hab ich alles getan, Pfarrer. Bind mich los!«

»Ich will dich nit dem Teufel zuteil werden lassen. Aber sag mir, hast du ein einzigesmal im Leben ein gutes Werk verrichtet?«

»Freilich, Pfarrer. Die Feiertage hab ich emsig gehalten, die abgeschafften auch. Und zwölf Christen hab ich in die Welt gesetzt.«

Der rüstige Beichtvater sah ihn verdutzt an. »Ah, so bist du gesotten? Du willst unsern Gott und unsern Teufel überlisten?« Und er holte aus und reichte dem Sünder eins auf den Schädel. »Dafür erlaß ich dir die Bußgebete, du alter Spaßvogel.«

»Das ist mir lieb,« sagte der Dullhäubel erleichtert.

»Jetzt geratest du halt ins Fegfeuer, Bauer, und das ist eine scharfe Lauge. Wasch dich drin, reib dir die Seel unverdrossen ab! Und fahrst du hernach in den Himmel, so führ dich gut auf, daß du meinem Pfarrsprengel keine Schand antust.«

»Ich werd mich doch nit zu dem höllischen Bären verirren?« verzagte der Kranke. »Ist es drunten wirklich so heiß?«

Der Pfarrer schaute den Dullhäubel ernsthaft an. »In der Höll ist es so heiß, daß die gepeinigte Seel, die den Kniffen und Kunstgriffen des Satans erlegen ist, gar kläglich herausschreit: ›Gebt mir ein Schmiedfeuer, daß ich mich dran kühl!‹ So kalt ist das irdische Feuer dagegen.«

»Ich riech schon lauter Brand,« wimmerte der Bauer. »O wär ich gesund, ich wollt anders leben! Einen Sack tät ich anziehen und wallfahren gen Maria-Dorn. Sterb ich aber,« seine Stimme versiegte schier, »so stift ich eine ewige Meß meiner Seel zum Trost, und dem Blaumantel, meinem Fürbitter, soll ein Wachsstock brennen hundert Jahr. O weh, wie schlecht wird mir jetzt!«

»Was ist, Dullhäubel, was ist?«

»Der Schleim steigt mir im Hals, ich erstick, ich krieg den Schleimschlag! O weh, von der Welt scheid ich, in die Höll spring ich.« Er rülpste, und das Blut sprudelte ihm wieder gräßlich aus dem Hals.

»Leut, er stirbt!« schrie der Pfarrer.

Der Bader, der Grazian, der Knecht und die Kinder liefen herein.

Schrecklich schaute der Bauer aus, weiß wie Kalk lag er dort, die Lippen voller Blut.

Die Ogath trug die brennende Sterbekerze daher und drückte sie ihm in die Hand. Er aber verdrehte die Augen grausam und fluchte: »Sakerment, bin ich noch nit hin?!« Er röchelte.

»Bäurin,« meinte er auf einmal, »es ist wunderlich, jetzt mitten im Sterben lüstet mich nach einem Schnupftabak. Geh, tu mir die Lieb an! Es ist das Letzte, was ich von dir begehr.«

»Jetzt ist ausgeschnupft,« sagte sie kurz. »Jetzt halt die Herren nit auf und schau zu, daß du einmal stirbst!«

»Ich sterb, und keines tut einen Schrei,« sprach er wehmütig, »keins weint einen Tropfen, keinen Seufziger druckt es euch aus.«

Der Kopf sank ihm auf die Seite, das Kinn hing ihm.

»Jetzt erklenkt ihn der Satan,« rief der Grazian.

»Macht Tür und Fenster auf, sonst reißt seine Seel ein Loch durchs Dach!«

»Ihm stehen schon die Augen,« nickte der Bader.

»Er ist am Weg,« flüsterte der Pfarrer.

Der Sterbende hauchte noch einmal: »Mein letzter Wille! Meine Töchter – dürfen nur auf einen Hof – hinheiraten, wo ein Glöckelturm drauf ist. Ich bin ein großer Bauer – gewesen.«

Jetzt lag er blaß und still.

Die kleinen Dirnlein klammerten sich weinend an den Kittel der Mutter, und sie zog tief Atem: »Jetzt bin ich wieder eine Wittfrau.«

Plötzlich erhob sich im Keller ein großes Geschrei. Die Wabel, die älteste Tochter, kam die Staffeln herauf, einen leeren Topf in der Hand.

»Mutter, ich weiß, was dem Bauer fehlt!« Sie lachte, daß ihr die Zähren rannen, sie lachte, daß sie den Atem verlor und schier in einem Husten erstickte.

Der Gottfried Mehlstäubl nickte. »Sie ist närrisch worden.«

»Was lachst du jetzt, wo dein Vater vor das ewige Gericht hintritt?« verwies sie der Pfarrer streng.

Die Wabel schwenkte den Topf. »Blut hat er gespieben,« brüllte sie vor Lachen, »Blut, aber nit sein eigenes. Gestern haben wir eine Sau getötet, das Blut haben wir ihr abgelassen, in den Keller haben wir es gestellt. Der Vater hat in seinem Rausch – das ganze Saublut ausgesoffen.«

»Herrgott von Blaustauden,« schrie die Bäurin, »das ganze Saublut? Heut hab ich es backen wollen.«

Leben und Röte kehrten in die Wangen des Dullhäubel zurück, er tat die Augen ganz schmal auf und lallte: »Liebe Freunde, es ist nit unmöglich.«

Des Pfarrers Hals verfiel in einen Krampf.

Der Bader hielt sich den Bauch. »Gespieben hast du wie ein Hochzeitshund, Dullhäubel. Du könntest die Wissenschaft irr führen! Du hast aber auch einen sauberen Hinfahrtsfraß genossen. Gelt, die Suppe ist dir zu feist gewesen? Jetzt steh auf, nimm dein Bett und geh!«

Der Herr Nonatus Hurneyßl hatte sich wieder beruhigt. »Bauer,« sagte er, »der Herrgott hat dir heut einen Spiegel vorgehalten. Fang ein neues Leben an!«

Der Dullhäubel drückte pfiffig ein Auge zu. »Bader, ich bin allweil schnell gesund worden. Einmal hab ich mir beim Holzhacken eine Hand wurzweg abgehaut. In vierzehn Tagen ist sie mir wieder sauber nachgewachsen. Heut weiß ich nimmer, ist es die linke gewesen oder die rechte. Und jetzt, Ogath, gib den Tabak her! Das ist die beste Arznei.«

Er schnupfte, legte sich dann zurück, schnarchte wie eine Brettmühle und überließ die um sein Sterbebett Versammelten ihren Betrachtungen.


Blitzblau lugten die Schlehstauden drein, und die letzte Bauernrose brannte im Gärtlein. Die Luft hing voll zarter Fäden, die alten Weiber hatten ihren Sommertag.

Im Stadel drosch die Ogath mit ihren ältesten Töchtern das Rüttstroh, sie wollte damit die Betten frisch füllen. Fröhlich klangen die drei prallenden Flegel, und der Dullhäubel legte dem Dreischlag die Worte unter: »Schind die Katz!« und schlich sich hinter den Stauden davon, um der Tenne auszuweichen.

Die Kapelle umging er in einem Bogen: des Blaumantels Blick vertrug er nimmer, weil er ihm die Kerze nicht opferte, die er ihm in der Sterbensangst gelobt hatte.

Vom Dorf klingelte der Schmiedhammer.

Beim Sulpiz gab es immer Gesellschaft, Köhler brachten die hölzerne Kohle, Fuhrleute ließen die Rösser beschlagen, die Bauern ließen sich die Axt schärfen, Kundschaft kam mit zerbrochenem Eisengerät, und manchen trieb andere Not hin.

Heute suchte der Lukas Schellnober in dem rußigen Gewölbe Hilfe. »Schmied,« redete er, »du bist die letzte Zuflucht. Der Zahn tut mir arg weh, ich könnt mir das Kinnbein vom Schädel reißen.«

»Sieh ihm den Zahn, Sulpiz!« meinte der Dullhäubel. »Speib in die Händ, der riesige Mann hat Zähne wie eine Wildsau.«

Der Sulpiz Schlagendrauf beeilte sich nicht. Er trug eine glühende Stange zum Amboß. Bevor er drauf schlug, reckte er sie jeden von seinen drei Weibern hin, die er an die Wand gerußt hatte, und gröhlte: »Leck! Leck! Leck!« und dann fuhr er jäh und heimtückisch damit dem Dullhäubel unter die Nase: »Schmeck! Schmeck!«

Der Bauer fuhr zurück bis zur Tür.

Zornig hämmerte der Meister auf das Eisen los. Es war nicht zu verwundern, daß die Kinder von Fuxloh den wilden Mann mit dem verworrenen Rußbart für den Teufel hielten.

»Hau zu, Schwarzer,« neckte der Dullhäubel aus wohlabgemessener Ferne, »hau zu und denk, du hast dein viertes Weib unter dir!«

Der Sulpiz schüttelte den Hammer. »Halt das Maul oder ich zerschmied dich! Was stehst du da wie eine Martersäul? Hast du daheim keine Arbeit? Was begehrst du?«

»Die Feuerzang sollst du mir leihen, daß ich meine Bäurin wieder einmal angreifen kann.«

Das gefiel dem Schmied. Er tauchte die Stange ins Wasser, daß sie zischte, und deutete auf eines von den Rußbildern. »Die erste dort, die Luzel ist es. Einmal fahrt sie zur Kirchweih nach Bärnloh, ich bin allein im Haus. Um Mitternacht klopft es an die Tür, steht ein Kohlschwarzer draußen, die Augen glosen ihm. Ich soll ihm den Rappen beschlagen. Ich schau das Roß an. Es hat zwei schwarze Zöpf geflochten wie die Luzel. Die zwei wilden Augen schauen mich an wie die Luzel, wann sie mit mir gerauft hat. Ich beschlag das Roß auf allen vier Hufen. Der Kerl springt drauf, sagt kein Geltsgott, und reitet dahin. In der Früh liegt mein Weib neben mir im Bett mit Hufeisen an Händen und Füßen.«

Der Sulpiz lachte, daß das Eisen in der Werkstatt klirrte.

»Du kannst leicht lachen, Schmied, dich martert nix,« sagte der Zahnwehmann und hielt sich den verbundenen Kopf.

»Schäm dich, Musikant,« tadelte der Rußige. »Du bist so stark wie ein Felsenbaum und dabei so ungesund.«

»Wer ist heutigentags gesund?« greinte der Lukas. »Ja, vormals haben die Leut mehr ausgehalten. Mein Vater zum Beispiel hat Glas gefressen, das Blut ist ihm aus dem Maul geronnen, er hat Bier darüber gegossen, und gut ist es gewesen. Bis er einmal so ein neuartiges Lampenglas gegessen hat, da ist er magenkrank worden. Das neumodische Teufelswerk ist nix nutz, das altwäldlerische Glas ist viel milder gewesen.« Und er wimmerte auf: »Weh und weh, mein Zahn!«

Der Schmied ließ sich auf den Amboß hin: »Duck dich her, Lukas!«

Da kauerte der Musikant auf die Erde, der Sulpiz klemmte den verbundenen Kopf zwischen seine Kniee und zog einen Schlüssel aus der Tasche.

»Tu das Maul auf! Welcher Zahn ist es?«

Ächzend deutete der Leidensmann in sich hinein. Der Schmied griff zu und drehte, daß ihm die Adern am Arm schwollen, indes der Geklemmte die vierzehn Nothelfer anschrie.

»Der Stockzahn rührt sich nit, der Teufel!« schalt der Sulpiz. Er fuhr dem Gepeinigten noch einmal ins Gebiß, und mit einem Ruck, daß schier der Amboß wankte, riß er einen mächtigen Zahn heraus.

»Du hast den falschen erwischt,« rief der Lukas, »das gilt nit!«

»Die Hauptsach ist, daß das böse Blut abgeht,« tröstete der Zahnbrecher. »Jetzt geh zum Misthaufen und speib das Blut aus!«

Der Musikant legte ein Sechserlein auf den Amboß. »Wenn es besser wird, trag ich den Zahn nach Maria-Dorn und häng ihn der Muttergottes mit einem seidenen Band um den Hals,« gelobte er.

»Und du lümmelst noch allweil da?« schnauzte der Schmied den Dullhäubel an. »Ich verdien Geld, und du versäumst dein Geschäft.«

»Ich kann nix versäumen, Meister.«

»Eine junge Dirn ist da gewesen und hat nach deinem Hof gefragt. Sie will in den Erdspiegel schauen.«

Hastig nahm der Dullhäubel den Weg unter die Füße.

Es war zum erstenmal, daß ihn jemand um den Erdspiegel anging. Die Leute waren schon zu klug. Zu des Ähnels Zeiten trug der Spiegel viel mehr ein als der Opferstock in der Kirche, die Bittsteller kamen aus aller Weite; wer ihnen das Roß gestohlen oder den Stall verhext, wollten sie wissen und wollten allerhand Heimliches ausfindig machen. Das war vorbei.

Der Bauer sann nach, wie er den Erdspiegel wieder in Schwang und Ruf bringen könne. Heute schien sich eine gute Gelegenheit zu bieten. Er nahm sich vor, die Dirne erst um ihr Anliegen zu fragen, dann wollte er sich in den Keller sperren, als ob er Hokuspokus triebe, und dort würde ihm schon die rechte Antwort einfallen.

In seinem Hof droschen die drei immer noch, und die kleinen Dirnlein spielten vor der Scheuer, eines kitzelte die andern auf die nackten Sohlen und rief: »Wer schmunzt, wer lacht, wer die Zähn für reckt, der gibt ein Pfand.«

Als der Dullhäubel die Stube leer fand, schwante ihm Schlimmes, und er lief in den Keller.

Die Tür zum Erdspiegel war aufgerissen.

Ins Halbdämmer des Raumes brach durch ein Guckloch ein Strahl und traf den runden Spiegel, der auf einem Felsblock lag. Eine junge Dirne beugte sich drüber und rätselte an den Zeichen, die auf das Wunderglas gemalt waren: eines glich der Ziffer vier, ein anderes führte drei Zinken wie eine Mistgabel, das dritte trug einen Ring mit zwei Hörnlein.

Der Bauer erkannte im Halblicht die Fremde nicht. »Was sprengst du mir die Tür?« schalt er. »Bist du eine Räuberin?«

»In meiner Verzagtheit hab ich es getan,« antwortete sie. »Verzeih mir, Spiegelmann!«

Er schob sie weg und schaute lange und ernst hinein in das Glas. Dann sagte er geheimnisvoll: »Ich seh es, du kommst wegen einer Liebschaft.«

»Siehst du meinen Schatz auch?« rief sie heftig. »Er ist mir verloren gegangen. Wo find ich ihn?«

Er starrte in den Spiegel und sann auf eine hübsche Lüge.

»Merkst du was?« fragte sie voll Neugier. »Ich hab nur den Dreizahn gesehen und den Hörnerbock und den Vierer.«

»Das sind die Zeichen der drei Heidengötter,« flüsterte er. »Weiberleut sehen nur das im Erdspiegel. Und dann, bist du noch eine Jungfer, he? Bist du nit schon einmal über das sechste Gebot gestolpert?«

»Aber hingefallen bin ich noch nit.« Sie kehrte sich verschämt ab.

»Es ist, als ob heut der Spiegel rauchig wär,« redete der Dullhäubel in das Glas hinein. »Hätt ich nur das Zauberbuch nit verlegt, ich könnt dir gleich verraten, wo sich dein Liebhaber herumtreibt.«

Da versuchte auch sie hineinzuspähen, und da sich ihr junger Leib dabei derb an den Bauer schmiegte, ließ er sie gewähren.

Plötzlich schrie sie hell auf: »Da schaut er heraus, der Tischler Franz, der mit mir hat Adam und Eva spielen wollen!« Und jäh sich besinnend, starrte sie den Dullhäubel neben sich an und packte ihn beim Bart. »Du bist es gewesen, Erdspiegler, der mir die Heirat versprochen hat!«

Es war die Mechel Schellnober.

Er begehrte auf. »So kommst du mir? Mir, dem Dullhäubel? Ich kenn dich nit. Ich bin ein verheirateter Mann. Willst du Unfried stiften in meinem Haus? Gleich fahr ab, du Lügenwachtel, sonst schrei ich um den Schergen!«

»Lügst du aber keck!« staunte sie. »Und du bist es gewesen, und wenn du auch leugnest wie ein Spitzbub. Ich kenn dich an dem kugelrunden Schädel, an dem roten Bart, an dem kurzen Hals. Denselben Filzhut mit derselben Schnalle hast du aufgehabt. Komm einmal ans Licht hinauf! Du willst dich weiß brennen, willst tun, als ob du die nackete Unschuld selber wärst.«

»Das bin ich auch. Und den Hut hab ich mir erst gestern gekauft, du zottige Gretel. Beweisen kann mir keiner nix. Und ans Licht geh ich just nit, mir ist warm, und im Keller ist es schön kühl.«

»So steig ich allein hinauf, Erdspiegler, und klag es deinem Weib.«

Da stieß er sie zurück und sprang ihr voran die Stiege hinauf, lief vors Haus und schrie: »Bäurin! Wabel, Reigel, Rosel! Kinder, kommt schnell! Stasel, Kathel, Liesel! Sakerment, mir fallen die Namen nit ein!«

Die Mechel erschrak, als sie auf einmal mitten in einem Ring von Jungfern und Dirnlein stand.

Mit dem Finger deutete der Dullhäubel auf sie. »Weib, Kinder, die mannsleutnärrische Schnudel da ist mir in den Keller nach, ganz putipharisch hat sie nach meiner Unschuld begehrt. Aber ich bin ihr nit ins Eisen gegangen.«

»Gibt es denn keine Wahrheit mehr auf der Welt? Hat der Schauer alle guten Leut erschlagen?« weinte die Mechel. »Erdspiegler, du stellst mich her, daß kein Hund mehr ein Bröckel Brot von mir frißt. Und du hast mir versprochen –.«

Er ließ sie nicht ausreden. »Sie hat die Bubensucht; sie lügt, ich hätt ihr die Heirat versprochen. Kinder, den Vater will sie euch nehmen, und dir, liebes Weib, den Ehmann!«

»Sie soll dich nur mitnehmen,« sagte die Ogath.

»Was? Das wollt ihr euch gefallen lassen?« Seine Stimme verstieg sich. »Und ihr jagt sie nit aus dem Hof?«

»Ich zeig dir schon, was es heißt, einen neuen Trieb kriegen,« lachte die Bäurin wunderlich. Und sie fiel mit den Töchtern über den Dullhäubel her wie Hündinnen über einen Bären, im Hui wälzte er sich, die Hiebe fielen wie ein Schlossenschauer über ihn, er konnte sich ihrer nicht erwehren.

»Blaumantel, hilf! Die Mannsleut müssen zusamm halten,« rief er.

»So, jetzt nimm dir ihn mit,« sagte die Bäurin zur Mechel, »wir schenken dir ihn herzlich gern.«

»Ich mag ihn nit,« antwortete die Fremde. »Und zu wegen seiner wird aus mir keine Klosterfrau. Die Welt ist kein Krautgarten, mein Glück wachst überall.«

Mit trotzigen Schritten ging sie davon. –

Der Dullhäubel wurde durch die Schläge nicht gebessert. Am selben Abend noch tat er dem Grazian Schande und Spott an.

Er spielte mit einem fremden Sautreiber im Wirtshaus bis spät in die Nacht Karten. Der Meßner trank ihnen eifrig zu, denn der Sautreiber zahlte ihm die Zeche, aber auf einmal lag er mit der Stirn auf dem Tisch und schlief. Da löschte der Dullhäubel die Lampe, versperrte die Fensterladen und tat mit seinem Spießgesellen in der stichdunkeln Stube, als spielten sie weiter. Als die zwei immer wilder schrieen und immer fester mit der Faust in den Tisch schlugen, erwachte der Grazian. Er hörte sie die Trümpfe ausschreien und Farbe bekennen, und als er nichts sah, stammelte er mit zitternder Stimme: »Leut, ich bin blind. Ich hab mich blind gesoffen.«

Der Dullhäubel ließ ihn eine ganze Stunde in der entsetzlichen Meinung, und am nächsten Tag lachte ganz Fuxloh über den blinden Grazian.


Der Mai blühte aus.

Die Fuxloher hielten am Pfingstmontag abends vor der Kapelle eine Andacht. Der abgedankte Meßner Grazian hatte den Weibern ein neues Lied beigebracht, und sie sangen es, und der Bach sauste darein, der geschwollen war, weil ein Wetter niedergegangen übers Gebirg.

»Der Tag ist vergangen,
der Abend ist hier,
gute Nacht, o Maria,
bleib ewig bei mir!«

Wie das Lied so herzerheblich hinüberflog über die Wiesen zum Wald, daß alle, die da sangen, ihre Freude hatten, watete der Dullhäubel durchs Gras daher, brachte einen Schemel mit und setzte sich abseits den andern darauf. Und als die frommen Stimmen der Weiber sich in die höchsten Höhen erflogen, stimmte er überlaut sein eigenes Lied an.

»Wer will mit mir wallfahrten gehn,
muß tragen ein Paar Schuh,
muß Käs und Brot mitnehmen,
muß aufstehn in der Fruh.«

Da wurden die andern in ihrem Lied langsam irr, eine Stimme nach der andern verzagte und hörte auf, bis zuletzt nur des Dullhäubel traurig gezogene Weise sich behauptete.

»Was irrst du uns?« schalt der Grazian betrübt.

Die Weiber redeten erbost auf den Störenfried ein. Der aber sagte: »Ich sitz auf meiner Wies, und auf meinem Grund sing ich, was mir gefallt. Ihr habt wie die Nattern gesungen. Was braucht ihr das neumodische Schnaderhüpfel? Mein Lied ist allweil gesungen worden, seit die Kapelle steht, und bleiben soll es, wie es bräuchlich gewesen ist.«

Da konnten die Fuxloher nichts dawider reden, sie verzichteten auf den neuen Gesang, und der Grazian hub eine Litanei an. Doch auch sie stockte bald, und besonders die Weiber wurden verwirrt und des Betens überdrüssig, weil der Dullhäubel mit starrem Blick sie anschaute, als wolle er sie verzaubern. Es wurde ihnen angst.

Schließlich begehrte der Grazian auf, dem die ganze Andacht verdorben war: »Was schaust du so unsinnig her?«

»Mein Schemel ist aus neunerlei Holz,« sagte der Schelm.

»Ist das eine Antwort auf meine Frag? Wie steht es mit deinem Hirn?«

»Wer auf einem Schemel aus neunerlei Holz sitzt, sieht alle Hexen.«

Die Weiber fuhren auf wie gestörte Wespen. »Er beleidigt uns alle!« schrie die Burgermeisterin.

»Du sei still,« warnte der Dullhäubel, »ich schau auf deinem Kopf ein Krähennest.«

»Dem Kaiser soll man schreiben, daß er den Böswicht abschafft,« sagte die Iglin.

»An deiner Nase hängt eine Fledermaus, Iglin. Grins nur her und zahn mich an! Ich fürcht mich nit.«

Jetzt wagte keine mehr zu schimpfen, um des Dullhäubel Bosheit nicht auf sich zu ziehen. Nur die Spuchtin rief: »Ist denn keiner unter euch Mannsleuten, der sich unser annimmt und ihm den Herrn zeigt?«

Der Longinus Spucht duckte sich hinter dem breiten Schmied, und der Schmied seufzte schwermütig: »Ach ja, alte Weiber gibt es genug auf der Welt!«

Der Dullhäubel frohlockte: »Mein Guckähnel hat sieben Weiber gehabt, und alle sieben hat er erschlagen. Zuletzt haben ihn tausend Engel in den Himmel gehoben.«

Die Weiber standen auf und gingen, die Männer verliefen sich, und den Grazian hörte man noch fern im Wald schimpfen.

Jetzt war der Dullhäubel mit dem Heiligen allein.

Dem hatten sie den welken Kranz aus Hagebutten, Silberdisteln und Heide mit frischen Maiblumen ersetzt.

Der Wald nachtete ein, Mondlicht flunkerte in den Stauden, in der Wiese knarrte der Wachtelkönig.

Der Dullhäubel riß den Heiligen aus der Kapelle. »Eine Kerze hab ich dir versprochen, so lang wie eine Deichsel. Der Wachszieher aber bietet solche nit feil, und so kann ich mein Wort nit lösen. Und du verdienst es auch nit, Blaumantel. Wie oft ich dich anruf, du hilfst mir nit. Da rinn den alten Weibern nach!« Er warf ihn in den Wolfsbach.

Da war ihm, der Blaumantel werde in dem angeschwollenen Bach lebendig und drehe teuflisch den Kopf nach ihm zurück, rühre die Arme und schlage Räder im Wasser.


Am andern Abend, der Mond hing dürr und krumm und armselig überm Vogeltänd, da kam die Wabel aus dem Dorf herunter gelechzt: »Bauer, ein ganzer Schober Leut rennt daher, den Blaumantel begehren sie von dir, Gabeln und Drischeln tragen sie und wollen dich erschlagen.«

»Du hast in ein Wespennest gestriegelt, Bauer,« sagte die Ogath.

Dem Dullhäubel rann es kalt über die Haut. »Verrammelt das Tor!« rief er.

Seine Leute schleppten Eggen und Pflüge herbei und sperrten das Tor mit Ketten, Wagen und Wiesbäumen. Die Fenster waren durch eiserne Gitter gesichert.

Der Bauer selber stand am Dachboden und hielt zum Guckloch den Schießprügel hinaus, womit die Erzväter gewildert hatten. Sein Weib betete drunten, betete um einen glücklichen Ausgang, die Kinder knieten totenblaß um sie.

Schon trampelten die Feinde den Waldweg daher, wie die Wölfe im Winter kamen sie. Sie läuteten mit Kuhglocken, bliesen und lärmten.

Dreschflegel ragten über sie hinaus, Sensen, Hellebarden und abgedankte Spieße. Die Gesichter waren berußt oder mit Moosbärten verhüllt, ein tückischer Mummenschanz. Immer stärker wurde ihr Geschrei: »Hin muß er werden! Haar und Kopf muß er lassen, der Schelmenbub!«

Jetzt stauten sie sich vor dem Gehöft, und der Dullhäubel sah sie genauer. Es wimmelte und wibelte drunten. Die Hüte hatten sie mit Reisig besteckt, die Röcke verkehrt, Männer hatten Weiberkittel an. Einer hatte ein Hirschgeweih vor die Stirn gebunden, andere deckten sich hinter hölzernen Larven oder trugen alte Kriegshelme oder stülpten sich Körbe über den Kopf. Einer trug sogar einen Schnabel, die eiserne Unzier, wie sie böse Weiber vorzeiten hatten tragen müssen am Pranger.

Der Dullhäubel meldete sich, ehe sie ihm das Haus stürmten. Vom Guckloch rief er hinab: »Guten Abend miteinander!«

Da hoben sich die verlarvten Gesichter, uralte Faustbüchsen zielten herauf, sie schrieen, pfiffen, läuteten mit eisernen Töpfen, und einer blies wahnwitzig in ein Kuhhorn.

Auf einmal war es still. Ein kurzer Mann trat vor, Maul und Kinn gedeckt mit einem wüsten Baumbart, und forderte aus verstelltem Hals: »Gib uns den Blaumantel zurück, du hast ihn im Moos versenkt!«

»Meiner Seel, ich hab ihn nit!«

»Wo ist er dann? Du weißt es.«

»Der Blaumantel? Der schalanzt wo im Land herum. Traut ihm nit, Fuxloher! Er kann sich nit ausweisen, nit einmal in der römischen Kanzlei kennen sie ihn.«

»Wo der Heilige ist?« klang es wilder.

»Er ist zum Himmel aufgeflogen. Oder hat er sich eine bessere Kapelle ausgesucht. Was weiß ich? Laßt mich in Ruh!«

Stimmen gellten: »Er spottet noch, der Schlechtling! Bis ins Schienbein hinein ist er verwahrlost! Stecht ihm eine Lucke! Erstechen soll man ihn! Erstechen!« Ein Spieß erhob sich steif aus dem Haufen.

»Wollt ihr mich auch verkrüppeln wie meinen liebsten Freund, Gott hab ihn selig, den Müllner?« klagte der Dullhäubel. »Oder wollt ihr mich umbringen? Leut, vergeßt euch nit! Geht hin, woher ihr gekommen seid! Eure Weiber haben euch aufgehetzt.«

»Röhr nit, Fuchs! Uns kriegst du nimmer dran. Heut rechnen wir ab,« stieg es aus der Tiefe.

»Was kommt ihr mit den Waffen daher? Ich bin ein friedlicher Mann.«

»Einen Igel fangt man mit eisernen Handschuhen,« antwortete es.

»Hütet euch!« beschwor er sie. »Ich hab den Erdspiegel, der ist im Zeichen des Skorpions gegossen worden.«

»Den Spiegel zerschlagen wir dir. Abrechnen müssen wir!« scholl es wirr durcheinander. »Wem von uns hast du noch nix angetan, du Schnittlauch auf allen Suppen?«

»Liebe Landsleut, hört mir zu! Habt ihr schon einen Galgen gesehen? In der Kriminalstube ist einer aufgemalt, zwanzig Schuh hoch, eine Leiter dran, ganz blutig. Liebe Landsleut, habt ihr schon einen nacketen Sabel gesehen? Der Scherg hat einen umgebunden, der Herr Anton Zinkinker, ihr kennt ihn alle. Wie wird euch ums Herz sein, wenn er euch ins Haus kommt mit dem Spieß am Gewehr, mit dem Federbusch am Hut, wenn er euch die Hand auflegt und schreit« – der Dullhäubel brüllte – »wenn er schreit: Im Namen des Gesetzes!!?«

»Wir fürchten uns nit. Es weiß keiner, wer wir sind,« scholl es. »Du tanzt uns nimmer lang am Buckel. Wir legen dich kalt.«

Einer schrie: »Teufel, halt den Sack auf, diesmal ist der Kasper zeitig.«

»Du bist der abgedankte Meßner.« Der Dullhäubel deutete hinab. »Deine Stimme kenn ich. Und deine schelchen Achseln.«

»Du irrst dich,« antwortete der drunten, »ich bin heut gar nit da.«

Drunten wurden sie still, sie reckten die Köpfe zusammen und hielten Rat. Es war die unheimliche Ruhe vor dem Donnerschlag. Dem Dullhäubel rann der kalte Schweiß. Er wußte, jetzt müsse er den Fuxlohern anders kommen, ehe es zu spät war.

»Der Kalender ist mir gebrochen,« kicherte er hinunter. »Ich weiß nit, ist heut aller Narren Kirchfahrt oder der blinde Irtag. Geht heim und legt euch ein ehrliches Gewand an, ihr verzweifelten Buben!«

Da rüttelten sie schon am Tor, daß das Haus bebte.

Der Dullhäubel reckte eine brennende Kerze zum Guckloch hinaus. Verdutzt hielten die drunten ein.

»Sippschaft,« schrie er mit seiner grellen Stimme, »das ist eine Kaiserkerze!«

»Blas sie aus! Sie geht uns nix an,« erwiderte ein Männlein, das die Nase in einem Wetzsteinkumpf stecken hatte, so daß sie gespenstisch lang erschien.

»Mein Ähnel hat sie am Schlachtfeld gekriegt, die Kerze,« sagte der Bauer, »der Kaiser selber hat sie geweiht.«

Der Mann mit dem Kumpf aber rief hitzig: »Der Kaiser soll uns – – –!« Kurzum, er tat, mit Ehren zu melden, eine landläufige Rede, die sonst gar niemanden Wunder genommen hätte und die ihm auch von keinem verübelt worden wäre. Aber der Dullhäubel fischte sie auf.

»Leut,« schrie er, »jetzt hat einer von euch den Kaiser beleidigt. Drauf steht die härteste Straf, der Tod durch Pulver und Blei. Der mit dem langen Schnabel dort und mit dem dicken Bart, der Longinus Spucht ist es gewesen, der dem Kaiser die Arbeit geschafft hat. Und du, Glöckelbauer, Burgermeister von Fuxloh, hast dazu mit dem Kopf beifällig genickt, hast ihm Recht gegeben. Wenn der Kaiser das erfahrt?! Und ihr andern, ihr steht da und habt es gehört und schlagt den nit gleich auf dem Fleck nieder, der das kaiserliche Erzhaus derartig beleidigt?«

Die Fuxloher wichen vor dem Spucht zurück wie vor einem Gezeichneten. Ihnen hingen zerknirscht die Köpfe, die wilden Vorsätze waren aus dem Geleis gesprungen. Ratlos schielten sie nach dem Burgermeister.

Der Schelm droben schmiedete sein Eisen. »Spucht, du weißt, was dir bevorsteht: Pulver und Blei! Du tust mir leid.«

»Du wirst doch den Spucht nit dem Schergen angeben?!« sagte der Glöckelbauer kleinlaut. »Das Angeben ist eine Schand, der Angeber steht gleich hinter dem Totschläger.«

Eine kleine Gestalt mit langer Nase löste sich von dem Schwarm und rannte in den Wald hinein.

Der Burgermeister meinte, er habe mit der Sache nichts mehr zu schaffen, und verschwand. Einer nach dem andern verzog sich, und bald war der Anger vor dem Hof leer, und die Dullhäubelleute räumten die Verschanzung weg.

»Die Bockmelker, die Nebelschieber, die Heiligenfresser! Mit der Feuerspritze gehen sie gegen den Mond los,« lachte der Schelm aus dem Guckloch. »Meiner Seel, wenn ein Narr vom Himmel fallt, soll er auf Fuxloh fallen, bei uns findet er die richtige Gemeinde.«


Der Longinus Spucht rannte so scharf und rastlos durch den Vogeltänd, daß ihm das Herz unbändig schlug und er fürchtete, es springe ihm aus dem Maul heraus.

Seither wurde er nimmer gesehen. Sein Weib suchte ihn eine Woche lang umsonst.

In wenigen Tagen umspannen wilde Gerüchte den verschwundenen Mann. Sein schwarzer, zottiger Bart, die unruhigen, stechenden Augen und besonders die verwegenen Räuberlieder, die er immer gesungen, verschafften ihm, der ansonst ein wohlberüchtigter Mann gewesen, bald den Ruf eines Weglauerers und Räuberhauptmanns.

Uralte Waldgeschichten vom Räuber Schierling tauchten wieder auf, der den Leuten den Geldbeutel abgeschreckt und sie auf die Bäume hinaufgejagt und schließlich heruntergeschossen hatte wie Kranwitvögel, und vom bayrischen Hiesel, der von den Wanderern die Zunge als Maut genommen und hernach sich das Messer gestrichen hatte an den Hosen. Gar bald war auch der Spucht der Mittelkern solch gefährlicher Sagen, die von einigen zufälligen Geschehnissen genährt wurden.

So gingen einmal die Dirnlein des Dullhäubel um Beeren und kamen weit in die Wälder hinein. Da ward der kleinen Luzel bang vor der lautlosen Öde, sie weinte, und um sie zu stillen, erzählte ihr die Stasel ein Märlein. Ach, es fiel ihr gerade ein gar schauriges ein, daß ihr selbst davor angst wurde!

Sie erzählte: »Und die zwei Kinder sind in einen Wald kommen, und allweil tiefer und tiefer sind sie hinein, und der Wald ist stockfinster worden vor lauter wildem Laub und krummen Ästen, und noch immer hat der Wald kein End genommen. Auf einmal steht vor ihnen – – – das Räuberhaus.« Sie flüsterte dieses Wort, ins Herz davor erschaudernd.

Im gleichen Augenblick standen die Kinder vor einer verwurzelten Höhle, drin schlief der Spucht, eine Pistole in der Hand. Die Kleinen rannten über Rain und Stein davon und sprengten hernach schreckliche Geschichten im Dorf aus.

Bald darauf fand der Burgermeister, als er in aller Frühe vors Haus trat, einen Zettel auf dem Zaun stecken. Es war ein Brandbrief.

Am Dorfanger berieten sich die Fuxloher. Sie sahen sich schon als Abbrändler mit einem Bittgesuch von Haus zu Haus gehen. Der Brunnkressenhannes, der am schönsten lesen konnte, las den in bauchiger, derber Schrift geschriebenen Brief mit schauriger Stimme vor.

»Ihr Fuxloher Haderlumpen, Am Tag Medardi Brennt Dem Igelbauer Sein Stadel. Wer Löschen Hilft, Dem Zünd Ich Auch Unter. Willst Du Wissen, Wer Ich Bin? Schmecks.«

»Den Brief hinterlegen wir beim Gericht,« entschied der Burgermeister.

»Was hilft mir das?« klagte der Igel. »Wenn es lichterloh aus dem Dach schlagt, was nutzt das Gericht? Der Nachtwächter muß die ganze Nacht um meine Scheuer herum gehen.«

»Da müssen ein paar tapfere Leut bei mir sein,« wehrte sich der Nachtwächter, »ich setz das Leben nit allein aufs Spiel.«

Der Grazian rief auf einmal: »Der Teufel schickt seinen Vorreiter daher, der weiß euch Rat.«

Schon von fern winkte der Dullhäubel. »Leut, brennen wird es! Unsere rote Henne hat gekräht.«

»Da habt ihr es,« greinte der Igel.

Der Dullhäubel zog die Nase hoch. »Brändelt es nit schon?«

Alle Augen richteten sich gen den Berghang, wo des Igelbauers Wirtschaft war. Aber sie lagerte friedlich, und nur ein linder Qualm hing über dem Rauchfang.

»Dullhäubel, spaß nit!« mahnte der Glöckelbauer. »Der Schrecken ist mir ins Knie gefahren.«

Der Brunnkreßner legte den Brandbrief zusammen. »Der Schreiber ist in keine gute Schul gangen,« sagte er mißbilligend, »jedes Wort hat er mit einem großen Buchstaben angefangen. Das ist falsch.«

»Ganz recht ist es,« stritt der Dullhäubel. »In einem Brief schreibt man alles groß, daß keine Beleidigung geschieht.« –

Die Fuxloher forschten nicht nach, wer den Zettel geschrieben. Aber die Brandwächter, die nachts um des Igels Scheuer lungerten, hielten die Schießprügel fest und warteten, und der Nachtwächter sagte halblaut: »Der Spucht, der rennt einem ohne weiters das Messer hinein. Er hat ein kaltes Herz.« –

Der verrufene Mann irrte indes auf Diebssteigen in den Wäldern des Lusens, fraß Krauselbeeren und hauste in einem umwurzelten, umknorrten Loch, eine Eiche hatte dort die Fänge eingeschlagen. Er spürte hinter jeder Staude Schergen und kaiserliche Reiter und sah den Himmel voller Galgen.

Nur wenn ihn der Hunger gar zu hart peinigte, traute er sich an eine Einschicht heran und half den Leuten, die den Mann mit dem wilden Bart nicht kannten, das Gras mähen und verlangte dafür Suppe und Brot. »O weh,« seufzte er oft, »wenn die einöden Leut hören, daß ich den Kaiser geschändet hab, sie werden mir nix mehr geben, und ich kann Holzobst fressen wie die wilden Säu!«

Er führte eine ungeladene, zerbrochene Pistole bei sich und wäre arg verlegen gewesen, wenn er damit ein wildes Tier hätte abwehren müssen.

Er ward schwermütig. Er dachte, jetzt käme er nimmer heim zu seinem Weib und nach Fuxloh. Und Eisen und Zuchthaus warteten auf ihn. Pulver und Blei!

Am schlimmsten war ihm in der Nacht, wenn die Eulen wimmerten, finstere Bäche unheimlich für sich hin redeten, schwarze Bügel flogen und Gespenster schwärmten. Da nahm der Spucht oft vor der eigenen Angst Reißaus und geriet in fremde, abseitige Schluchten und fremdes Gestrüpp und Gesträuß und fand lange nicht zurück in die bekannte Gegend.

Einmal ging er nachts auf einem fremden Holzsteig, der war so unheimlich, als ob der Teufel dort herumstinke. Der feurige Mond leuchtete, hinter finstern Stauden brummte ein Hirsch, verzagte Wacholderstöcke standen karg und schaudernd im Wind. Und wie der Spucht so einschichtig durch die Wildnis strich, sah er auf einmal am Weg einen Mann, der schien zu lauern.

»Halt, Longinus, das gilt dir!« dachte der Spucht. Die Ohren sausten ihm.

Der Mond verkappte sich hinter einer dicken Wolke. Die Moosgeiß rief gespenstisch wie eine verirrte Kuh, und entsetzt rannte ein Bach aus dem finstern Wald. Fern leuchtete eine Einschicht auf.

Der Spucht nahm sein Herz in die Hand, ging auf den scheulichen Kerl los, nahm den Hut ab und sagte gar erbärmlich: »Ich bitt um Verzeihung, Herr, ich hab mich verirrt. Wie heißt denn der Wald da?«

»Totenkopf.«

»Und der Bach da?«

»Mörderbach.«

Nach der Einschicht fragte er nimmer, denn der Bösewicht hätte gewiß geschrieen, sie heiße »Stichzu!« und wäre mit einem langen Messer hergesprungen.

Der Spucht kehrte sich um und stotterte ein Schutzgebet: »Gott, steure mich ins Himmelreich!« Die Zähne schepperten ihm, er meinte, jetzt pfeife ihm eine Kugel in den Rücken. Er rannte, bis er mit dem Bart in einer Dornstaude hängen blieb.

Die Einöd ist des Menschen Feind. In der Einöd ist alles zu fürchten.

Dort steht ein Wald, brandig und dürr bis in den letzten Wipfel hinauf, geisterhaft rieseln die roten Nadeln nieder. Das Gespenst eines Holzknechtes, den ein stürzender Baum erschlagen, erwürgt diesen Wald.

Dort ist ein Gehölz, und geht man nächtens dort, da fragt vom Wipfel ein Unbekannter herunter: »Wohin?«

Dort in der Schlucht ist ein Jäger für immer verschollen. Oft schreit sein Geist drin auf.

Der Spucht starb jede Nacht vor Furcht. Und mancher Baum reckte ihm die festen Äste hin und knarrte: »Häng dich auf, Spucht!«

Von Heimweh getrieben, schlotterte er schließlich gen Fuxloh.

Die Bäume verdüsterten sich schon, als er durch den Vogeltänd huschte. Es wurde wieder unheimlich. Eine Unke läutete im Moor, sie rief wie eine verlassene Wittib. Ein Dämmervogel strich. »Es ist eine Schneiderseel,« flüsterte der Spucht und bekreuzte sich.

Mitten im zerfahrenen Hohlweg lauerte ein Mann genau so wie der im Totenkopfwald am Mörderbach bei der Einschicht Stichzu. Oder war es gar ein Spießwächter? Wird er nicht jetzt wie ein brennender Löwe herspringen, den Scheuchhund neben sich?

Alles war karthäuserisch still. Der Wind rührte nur einen einzigen Ast, und der knarrte. Ein Klagweiblein schwang sich in die Luft, flatterte und schrie.

Der Spucht faßte Mut und schrie: »Ich schieß dich nieder, Hund, daß du meckerst! Ich laß dir das Messer hinein, daß es dir hinten wieder hinaus steht!«

Der im Hohlweg aber lachte grausig.

Da schrie der Spucht: »Bist du geheuer oder nit?«

Der Dullhäubel stand wie der Teufel da. »Wo nebelst du herum, Longinus? Zieht dich das Gewissen her?«

»Bauer, Gnad und Erbarmen! Verrat mich nit!« flehte der Spucht.

»Die Soldaten suchen dich, Longinus, zwölfhundert Mann mit einer Kanon, der Feldmarschall Laudon führt sie an. Der Kaiser darf sich den Schimpf nit gefallen lassen.«

»Ich renn über die bayrische Grenz,« stöhnte der Spucht.

»Dann wird ein Kriegsfall draus; der Laudon verlangt, daß du ausgeliefert wirst.«

»Mein Gott, soll unschuldiges Blut auch noch rinnen! Und ich hab es ja nit bös gemeint. Was soll ich tun? Bauer, sag mir einen Ausweg!«

»Stell dich reumütig dem Richter!«

Und der Dullhäubel stolperte davon und jodelte:

»Ich bin mit dem Kaiser
von Östreich in Stritt,
der Scherg will mich fangen,
er hat mich noch nit.« –


Frühtags stand der Spucht wie ein Schlottergeist in der Amtsstube des Landschergen Anton Zinkinker in Blaustauden.

Der Scherge legte sich gerade in der Kammer daneben das kaiserlich-königliche Gewand an. Inzwischen schaute sich der Spucht in der Stube um.

Verweisend blickte das Bild des Kaisers von der Mauer herab, und darunter drohten ein Schleppsäbel und eine Doppelflinte. Über dem Schreibtisch in geschnitztem Rahmen hing ein Schriftstück, darauf waren Gewehre und Säbel, gekreuzte Pistolen und kriegerisch gefiederte Hüte aufgemalt, und es flog den Spucht geradezu ein Frost an, als er die blutgierigen Dinge so hart bei einander sah. Und über all dem wilden Werkzeug stand geschrieben:

Belobungszeugniß

Uiber Antrag der k. k. Bezirkshauptmannschaft Hirschenbrunn wird dem Landschergen Anton Zinkinker für die mit unermüdlichem Eifer und besonderer Ausdauer bewirkte Zustandebringung des flüchtigen Dieben Franz Netachlo hiermit die belobende Anerkennung ausgesprochen.

Die Unterschrift war nicht zu lesen, aber so dick und so groß durfte sich gewiß nur der Kaiser unterschreiben. Der Spucht knickte zusammen, und seine Schuld erschien ihm bodenlos.

Der Landscherge trat herein. Er hatte denselben Bart wie der Kaiser am Bild. Den Säbel riß er von der Wand, gürtete ihn um und fuhr den Spucht grob und kurz an: »Was wollen Sie?«

»Die Waffen liefer ich aus,« stotterte der und legte seine Pistole auf den Tisch. »Und ich bitt, führen Sie mich vors Kriegsgericht. Sonst erdruckt mich das Gewissen.«

Der Anton Zinkinker rollte ihn an: »Was haben Sie verbrochen?«

»Ich bin der Longinus Spucht aus Fuxloh. Ist denn in der Zeitung nix von mir gestanden? Wegen der kaiserlichen Beleidigung?«

»Ich weiß nix«, brummte der Scherge. »Wenn Sie aber durchaus im Zuchthaus Spinnen und Fliegen fangen wollen, so kommen Sie mit. Ich hab sowieso in der Stadt zu tun. Reden Sie dort mit dem Richter!«

Er schulterte das Gewehr, auf seinem Hut nickte der kriegerische Hahnenschwanz, und er ging stolz und steif, die Brust heraus, und schaute nicht rechts und nicht links. Neben ihm trippelte der Armesünder mit geknickten Knieen, als führe sein Weg schnurstracks zum Galgen.

Die Leute, die ihnen begegneten, freuten sich. Sie sagten: »Es ist gut, daß sie den Raubmörder einführen. An dem Bart sieht man es ihm an, was er Blutiges imstand ist.« Oder: »Dem Spucht hab ich es oft gesagt, daß wir uns im Zuchthaus sehen werden. Ein verwogener Raufer ist er gewesen, überall dabei.«

Er nahm alles zerknirscht hin.

In Hirschenbrunn rannten ihm die Kinder nach und deuteten auf seinen wildmächtigen Bart.

Als er ins Gerichtshaus trat, war ihm, er müsse tot umfallen. Er sah sich noch einmal um und wisperte: »Blaue Luft und grünes Gras, behüt euch Gott! Berg und Wald und Hirsch und Reh und Weib und Kind, ich seh euch nimmer. Mein Lohn ist Pulver und Blei.«

In einer Kanzlei empfing ihn ein alter Herr, sein Bart war weiß wie Rauhfrost, doch die Augen funkelten ihm scharf und jung.

Er ließ ihn hart an: »Sie sind also der berüchtigte Räuberhauptmann Spucht?«

»Taglöhner und Holzhacker bin ich, sonst nix, Euer Gnaden,« stammelte der Spucht.

»Wieviel Menschen haben Sie ermordet?«

»Keinen, um Gotteschristi willen, keinen!« schwur er entsetzt.

»Warum haben Sie den türkischen Kaiser beleidigt, Sie Grobian? Hat er Ihnen etwas getan?«

»Ei, gibt es einen zweiten Kaiser auch noch?« Der Spucht ließ das Maul offen vor Verwunderung.

»Weh Ihnen, wenn ich noch einmal etwas Ähnliches von Ihnen erfahre! Dann kenn ich keine Gnade mehr,« drohte der Richter. »Und nun kehren Sie in den Schoß der Gemeinde Fuxloh zurück! Vorerst aber lassen Sie sich vom Balbierer nebenan auf meine Kosten den Bart stutzen. Verstanden? Hinaus!!«


Die Fuxloher wollten wallfahrten gehen.

Sühnen wollten sie, daß einer von ihnen sich an dem Heiligen vergriffen; sie wollten verhindern, daß ob dieses Frevels der Himmel mit schwarzen Wettern auf Saat und Frucht niederschlage, die der verschollene Blaumantel nimmer schützte. Und weil die Not kein Gesetz kennt, wollten sie an überheiligem Ort bitten, daß der Erzschelm Kasper Dullhäubel bald von der Erde weggeräumt und der Hölle überliefert werde, die er sich reichlich verdient hatte.

Der Meßner Grazian wurde frühzeitlich von dem Uhrgewicht geweckt, das von der Höhe herab mählich auf seine Stirn gesunken war. Er lugte zum Fenster hinaus, wie der Wind gehe und ob kein gefährliches Gewölk hänge zwischen den Bergen Rachel und Lusen. Doch stand der Himmel hell gespannt über dem Land, und das Wetterglas stieg. Da stiefelte er sich festlich, knüpfte sich ein rotes Halstuch unter dem Adamsapfel, band grobes Geld ins Schneuztuch und weckte den Brunnkressenhannes.

Der Hannes blies gewaltig ins Kuhhorn, und droben im Dachreiter des Glöckelbauern rührte sich das Geläut. Jedes Gehöft sandte seine Leute zur Wallfahrt aus; Alte und Kinder, die ansehnlichsten und die mindesten Fuxloher kamen daher, denn es gab schier keinen im Ort, dem der Dullhäubel nicht einmal eine Schalkheit angetan hätte.

Bald waren sie wegfertig.

Vier schwangere Bäurinnen holten aus der Kammer des Grazian eine geschnitzte heilige Walburga. Der Igelbauer trug auf einer Stange den heiligen Kölbel, der die Wallfahrer schützt auf ihrer staubigen Reise; der Brunnkressenhannes schwenkte die Männerfahne, der Spucht lenkte die Weiberfahne, und der Hahnenwirt ging mit dem gekreuzigten Herrgott.

Die Dirnen hatten die Zöpfe mit Myrten und holden Zaunblumen geziert, und auch die uralte Ulla ging mit, das silberne Haar hatte sie gelöst und sie durfte es so tragen, weil sie eine Jungfrau war.

Sie trugen Zehrung in Zwilchsäcken mit und in Bündeln, mancher hatte sich weislich mit einem Regenschirm versehen.

Als die Kreuzschar singend auszog, lag der Dullhäubel auf einem Bühel. »Ich kann nit mitgehen,« schrie er ihnen nach, »auf der Ferse wachst mir ein Hühneraug, so groß wie eine wallische Nuß.«

Der Grazian schüttelte den Schirm. »Spott zu! Du hast bald ausgespottet!«

»Wie meinst du das, du Vaterunsermühl? Willst du vielleicht gar bitten, daß ich bald hin werd, du Weihbrunnkrug? Haltest du unsern Herrgott für einen Schuft, der sich kaufen laßt, du augendreherischer Meßner? Geh zu und verricht dein kniebeuglerisches Geschäft!«

»Rennen wir, sonst wirft er uns ein paar unschöne Wörter nach!« drängte der Hannes.

Der Schelm am Bühel näselte, den Grazian nachahmend, der eilenden Kreuzschar seinen Spott nach.

»Die schönste Zeit ist eingetroffen,
die Einkehrhäuser stehen offen,
singt, Wallfahrer, sauft nur zu,
schnürt euch die Schuh mit dem Strohhalm zu!«

Der Schmied Sulpiz Schlagendrauf wollte gegen den Sänger losgehen, doch der Grazian hielt ihn beim Rock. »Herr, vergib ihm!« seufzte er mit dem Blick nach oben.

Der Dullhäubel lachte und schalt: »Ihr Nothälse, ihr habt alle nix, müßt euch die Schuh mit Rotz schmieren! Ihr Zipfelhaubenbauern, ihr Waldesel, stehlt euch nur wieder einen buchsbaumenen Heiligen!«

Knirschend zog die Kreuzschar davon. –

Der schwänkische Mann schlenderte vergnügt heim, weil er den Wallfahrern den rechten Segen mit auf den Weg gegeben hatte.

Aber als er zur Kapelle kam, war ihm, der helle Donnerstrahl schlage vor ihm nieder: der Blaumantel stand wieder drin, mit hellen Farben neu bemalt, den Kinnbart reichlich vermehrt und verlängert, den Blick weit greller und stechender als früher.

»Der Teufel blendet mich!« krächzte der Dullhäubel.

Doch der Teufel äffte ihn nicht, sondern munkelte ihm ins Ohr. Da schaute der Schelm sich pfiffig um, und als er nichts Lebendiges merkte als einen Vogel, der auf einem Tannenspitz rastete, und nichts hörte, als ein paar Dompfaffen und Teufelsmeßner im Wald, nahm er den Heiligen beim Genick und schleifte ihn auf heimlichem Steig zu dem alten Backofen, dort schob er ihn hinein und zündete ihm höllisch unter, und der Blaumantel fing an zu prasseln und zu knallen und sang wie die drei Jünglinge im Feuerofen.

Mit leichtem Gewissen ging der Dullhäubel zum »pfalzenden Hahn«.

Wirt und Wirtin waren auf der Wallfahrt. Das Dorf war wie ausgestorben, nur das Vieh hörte man glöckeln auf den Hutweiden.

Da stieg der Dullhäubel durchs Fenster in die Stube, legte ein paar Guldenzettel auf den Tisch und stach sich ein Faß an. »Jetzt, Seel, spring aufs Geripp, sonst ersaufst du!« lachte er und zechte gewaltig und ebenbürtig den Vorfahrern, die im Jahr nur zwölfmal aus dem Wirtshaus heimgekommen waren.

Erst als das Abendglöckel läutete und der Fuchs im Steinriegel den Hühnersegen betete, taumelte er heim vom Leichentrunk des Blaumantels und stieg, der Ogath nicht in die Hände zu fallen, ganz sacht auf den Heuboden und wühlte sich dort ein. –

Der Spucht schwenkte die schleißige Fahne, darauf die Notburg gemalt war, wie sie die Sichel an den Lichtstrahl hängte.

»Ewig leid ist mir um den Blaumantel,« seufzte der Grazian, »der ist auch ein starker Himmelsfreund gewesen, hat einen Nagel in den Nebel geschlagen und die Stiefel dran gehängt.«

Er lugte durch die messingenen Brillen, die er aufgesetzt hatte, die Wallfahrt zu verschönern, ins Gebetbuch; die Wangen glühten ihm, weil er sich heute wichtiger wußte als die andern Fuxloher, den Burgermeister mit einbegriffen, eine Litanei nach der andern näselte er der Kreuzschar vor und hörte nimmer auf. Er hatte sich gelobt, den Dullhäubel tot zu wallfahren.

Bergan ging es, alle stapften stumm, der Berg nahm ihnen den Atem. Nur als sie zu einem hochgelegenen, wenig ergiebigen Acker kamen, der zum »pfalzenden Hahn« gehörte, da hielt der Wirt das Kreuz, das er trug, darüber, schüttelte es zornig und schrie: »Da schau dir ihn an, Herrgott! Ist das ein Hafer?«

Oben auf der Schneide, wo man den letzten Blick über Fuxloh genießt, ehe es hinter Berg und Baum versinkt, da kehrten die vier Weiber mit der Walburga um, und der Grazian rief seiner Schar zu: »Da schaut hin, da seht ihr noch einmal euer liebes Vaterland!«

Sie wallfahrteten von Staude zu Staude, talnieder und bergauf durch den blauen Sommer, wateten durch die seichten, felsklaren Bäche, die krumm und weitläufig daher rannen, schritten über wackelnde Stege und feste Brücken; übermütig flatterten die Fahnen. Helle und dumpfe, reine und krähende Stimmen sangen dem Vorsänger die Weise nach und beteten aus morschen Büchern, daß die Wälder erschollen, die Scheuern widerhallten und die Dörfer, die sie durchwallten.

Die Ulla, die ihr Lebtag noch nicht viel weiter als über die Dachtropfen ihrer Hütte hinausgekommen war, wunderte sich ein über das andere Mal: »Leut und Kinder, ist die Welt aber groß! Jetzt steht dort droben auch noch ein Haus!«

Barfuß ging sie dahin, die Schuhe am Stecken über die Achsel gehängt.

Und der alte Didelmann hüpfte hin und wieder behend in eine Einschicht, um sich den Ziegel wärmen zu lassen, den er am Bauch trug.

Wie an einem weißen Band waren die Dörfer an der Straße aufgereiht, und wo die Kreuzschar zog, schwangen sich die Glocken in den kropfigen Türmen und schlanken Dachreitern, lenkten und schwenkten und senkten der Brunnkreßner und der Spucht die Fahnen, trug der Hahnenwirt den Herrgott und der Igel seinen Stangenkölbel um die Kirchen und traten singend hinein, dem heiligen Wolfgangi und dem Isidori und dem Prokopi einen kurzen Gruß zu bieten, und hernach wanderten sie den Weg weiter, der hübsch krumm talein, talaus sich schlängelte gen Maria-Dorn.

Stauden grünten am Steig, es hingen rote Blumen drin, der Tau flocht Rosenkränze, ein zarter Wind rührte scheu an Korn und Wald, Vögel schwätzten und wirbelten, der Specht, der Holzknecht, hackte lustig den Tann an, und über dem allen gewölbt hing der muttergottesblaue Himmel.

Bäche schossen daher aus Klüften und Gründen, verborgene Mühlen murmelten in den Schluchten, und vom Turm des heiligen Bartholomä, der das dreieckige Fenster hatte, das die Kinder das Auge Gottes hießen, von dem Turm rief neckisch die Glocke immer wieder: »Klingeleisen, Bügeleisen!«

An einer zerfallenen Burg wallten sie vorbei, drin nach der Sage ein verwunschener Schnapphahn geisterte. Die Buben riefen in den Keller hinein: »Zinnspanner, komm heraus!« und huschten wie gescheuchte Hirschlein davon.

Mit leisem Schauder schritt die Schar an dem Pesthügel vorbei. Und manch sonderbarer Heiliger wartete am Weg und wollte lobsungen sein und ein blaues oder buntes Kränzel empfangen. Die Muttergottesfahrer kannten meist den Namen und die Geschichte dieser Heiligen nicht, sie deuteten und benannten sie aus ihrer Einfallt heraus, wie sie es verstanden oder einmal hatten erzählen hören.

Im Schatten seiner rostigen Strahlenscheibe stand auf einem Bein ein solch namenloser Himmelsmann; das andere Bein, das er an sich gezogen hielt, mochte ihn schon schmerzen. Doch schnitt er trotz seiner Marter ein vergnügliches Gesicht. Dreißig Jahre soll er nicht gesessen noch gelegen sein und habe mit dieser Peinigung das Himmelreich an sich gerissen.

»Nehmt euch ein Beispiel an ihm, Fuxloher!« sagte der Grazian und versuchte ein wenig auf einem seiner spandünnen Beine zu stehen. Und alle drängten zu dem steinernen Weihbrunn hin und besprengten sich eifrig.

Vor dem Wermutdörflein – so hießen sie den Ort, weil im Wiesental rings soviel Wermut blühte – vor dem Dörflein stand das Hasenmarterl. Darauf freuten sich die Kinder schon den ganzen Weg, und die Mütter trösteten die müden Kleinen damit.

Der Grazian erzählte, ein Bauer habe einmal Sonntags so hitzig einen Hasen gejagt, daß er die Messe versäumte, und drum habe er zur Sühne die winzige Kapelle gestiftet.

Drin saß nun das heilige Kind mitten unter tanzenden Hasen, und die Kreuzschar lachte hinein und ergötzte sich an dem drolligen Tanz, und die Kinder wollten schier nimmer weiter und wollten immer wieder die Hasen sehen.

Doch der Meßner drängte, und sie folgten ihm. Er betete ein Gebet nach dem andern und rief immer aus, wem es gelte. »Wollen wir ein Vaterunser beten für unsere schwertragenden Weiber!« forderte er, und sie beteten mit klaren und hohlen Stimmen. Und weiter rief er: »Ein Vaterunser für solche, die auf hohen Wassern fahren! Und noch eins, daß Kraut und Hafer gedeihen in der Gemeinde Fuxloh!«

Hernach zog er einen pfiffigen Mund und sprach: »Jetzt wollen wir ein Vaterunser aufopfern für alle, die gern mitgegangen wären! – Und eins für die, die nit haben mitgehen können! – Und eins für die, die nit haben mitgehen wollen!«

Er goß einen Schluck kornenen Branntwein in sich, und da eben ein urwinziges, weißes Wölklein aufstieg, rief er: »Jetzt wollen wir beten, daß wir in einem trockenen Regen gehen!«

Doch oft hob er stark und geheimnisvoll die Stimme: »Aber jetzt beten wir recht inbrünstig und herzhaft für den guten Ausgang einer gewissen Sache!« Da sah er schon vor dem gesammelten Stoß der Gebete den verruchten Dullhäubel hintaumeln auf den Totenschragen und überliefert den gespreizten Krallen der Hölle.

Da setzte die Gemeinde gewaltig ein, und es klang wie eine sonderbar wirre Orgel. Doch galt alle Inbrunst dieses namenlosen Gebetes nicht dem Tod des Schelmen, sondern jeglichem glühte ein anderes Anliegen im Herzen.

Der Brunnkressenhannes wünschte sich den Wurm weg, der ihm im Finger tobte; der Didelmann wollte sein inneres Leiden erleichtern, und die Glöckelbäurin wollte ihren Zopf aufhängen am Arm der Muttergottes, die Haare waren ihr ausgefallen in schwerer Krankheit; der Lukas Schellnober trug seinen Stockzahn gen Maria-Dorn, und die Mechel wollte dort um einen Mann bitten, nur um keinen rotköpfigen. Der eine wallfahrtete wegen des Mausfraßes, der andere seinem kranken Roß, der dritte seiner trächtigen Kuh zulieb. Die Ulla schleppte ihr schweres Herz mit, das sie in verfluchtem Hexentum verloren wähnte.

Der Lippenlix ging auch mit, weil ihm der Dullhäubel den Bart geschändet hatte. Er war ein solcher Spielteufel, daß er selbst im Gehen mit seinesgleichen Karten spielte, und nicht eher ließ er davon ab, bis ihm der Lukas Schellnober die Eichelsau aus der Hand schlug.

Weiter ging es.

Sankt Peter, der Wettermacher, grüßte aus seinem blauesten Fenster. Auf den Blockhalden glühten schlanke Weidenröslein, Stauden einsiedelten auf traulicher Heide, die Wiesen lagen rot und weiß und gelb gesprenkelt, und ihre tausend Tauäuglein glühten. Lerchenträchtig war der Himmel. Hasen reckten die Löffel aus Klee und Ginster, Spechte spähten, die Eichkatze staunte aus dem föhrenen Wald, der Grill lauschte im Gras auf, wenn die Bittfahrer vorübersangen. Bienen und schöne goldige Fliegen sumsten heimlich die Marienweisen mit.

Gar als der Kuckuck vom Berg jauchzte, da rief die Ulla, der sich die Welt auf einmal gar so unheimlich weit auftat, freudvoll aus: »Der Fuxloher Guckauf ist mit auf der Wallfahrt, ich kenn ihn am Schrei!«

An einem Hang voll gelber Rainblumen hoch oben auf einer Säule stand ein Steinmann, mit den Füßen mitten drin in einem Strahlenkranz. Ihn hießen sie den heiligen Grobian, weil er der Straße und ihren Wandersleuten den Rücken kehrte.

»Das ist eine Wundersäule,« sagte der Grazian, »sie dreht sich langsam.«

Der Didelmann, der der älteste Mann von Fuxloh war, erzählte: »Vor fünfzig Jahren, ich denk es noch, hat der heilige Grobian mit dem Gesicht noch auf die Straße geschaut. Ganz langsam dreht er sich, alle Jahr gibt es ihm einen geringen Ruck. Merkt auf, Kinder, wenn ihr in fünfzig Jahren wieder da vorüber geht!«

Die Ulla aber redete: »Ihr sollt ihn nit den Grobian schelten! Wer weiß, ob derselbige nit durch sein Blut hat ins Himmelreich schwimmen müssen? Wer weiß, ob die schlimmen Heiden ihn nit mit Blei, Öl und Pech begossen haben?«

Da graute allen, und sie knieten reuig vor dem gescholtenen Heiligen hin. Nur der Brunnkressenhannes nicht, denn seine Filzhosen waren so dick, daß er drin die Kniee nicht biegen konnte.

Der Spucht schneuzte sich gerührt in den Hut.

Durch Drosselwälder und über Kuckucksberge wallend, stießen sie auf eine abgebrannte Florianikapelle; sie war nimmer aufgebaut worden, weil man den heiligen Feuerherrn nicht mehr traute, der das eigene Haus nicht beschützt hatte.

Vor mancher Bildsäule warf sich die Kreuzschar in die Kniee.

Da war der selige Simandel. Der hieß so, weil er gar erbärmlich geduckt stand, als fürchte er eines scharfen Weibes Angriff. Vielleicht hatte er in einem demütigen Ehestand die Marterpalme errungen.

Einmal führte der Grazian seine Herde zu einem Felsen und zeigte ihnen darauf ein Loch, das hatte der Bischof Wolfgang auf der Reise mit seinen Füßen hinein getreten.

Er wies ihnen einen hohlen Stein, der war der Sessel der glorreichen Frau gewesen auf der Flucht, bis sie ein Geißhirt davon vertrieb mit rauhem Schelten und Geißelknall.

Er führte sie zu einem wunderbar riechenden Dornbusch. Dort hatte einst ein Bittfahrer ein geweihtes Gottesbrot erbrochen, und an selbem Fleck war hernach die Staude gewachsen. Jetzt steckten die Fuxloher andächtig schnüffelnd die Nasen darein, stumpfe und spitze, weiße, rote und blaue.

Einen Heiligen trafen sie, der rastete mit durchbohrtem Leib mitten in hohen Disteln drin, verzückt in sein Leid. Ein Stieglitz wiegte sich auf einem der vielen Distelköpfe und letzte sich dran.

Die Kinder wollten wissen, warum der Marterer den Spieß im Bauch habe; niemand konnte es ihnen deuten.

Ein Hirt lagerte unter einem nahen Haselnußbaum, der rief: »Der Herrgott hat unserm Heiligen zwei Zungen gegeben, daß er ihn besser loben kann.«

Den Grazian verdroß die Prahlerei arg, und er knurrte: »Unser Blaumantel hat drei Zungen gehabt. Ich bin ein steifgläubiger Mann, aber gegen unsern Heiligen gilt euer Distelbub einen Pfifferling.«

Der Hirt raffte sich neugierig auf. »So seid ihr die Fuxloher, die die Heiligen stehlen? Bei euch sollen ja mehr Spitzbuben als gestutzte Hund sein.«

Das ergrimmte den Hahnenwirt, und er schlug mit dem gekreuzigten Herrgott auf den Spötter los, der aber wehrte sich verbissen mit seinem krummen Stecken. Der Lukas Schellnober tat schließlich die zwei auseinander.

»Dazuland sind die Hirten grob, das ist wahr,« schimpfte der Grazian, als sie schon weit von dem Distelgarten waren. »Kein Wunder, wenn die Muttergottes davon rennt! Setzt dem Teufel eine Säul her!«

Mit hellen Augen sah die Ulla all die fremden Kapellen und Bilder der Heiligen, die auch nach dem Tod nicht ermüdeten, Wunder zu wirken, und sie konnte sich vor lauter Ehrfurcht nicht genug tun, und als vor einem jähen Straßenabsturz eine Säule stand, die Fuhrleute zu erinnern, daß sie hier den eisernen Schuh unter das Rad zwängen sollten, da ließ sich das Weiblein es nicht nehmen, sie kniete hin und betete gläubig hinauf zur Gibachtsäule.

»Heiliger Radschuh, das sollt der Dullhäubel sehen!« lachte der rauhe Schmied.

Unter einer breiten Linde, in deren Laub es sommerlich summte, rastete die Schar.

Der Longinus Spucht lehnte das Notburgisfähnlein an den Baum und setzte sich auf eine Wurzel. Er hatte himmelblaue Hosen an und rote Strümpfe, er starrte auf die brennenden Waden und dachte zurück an die wilden Nächte am Lusen, während sein Weib am nahen Feld viereckigen Klee suchte, daß sie Glück habe.

Die Kirchfahrer holten ihr Brot hervor, schmierten Schmalz darauf oder häuteten eine Wurst. Die Mütter zöpften die Dirnlein, die sich das Haar an den Stauden zerrauft hatten.

Die Ulla fand ein paar Silberdisteln, sie schnitt den fleischigen Boden davon ab und aß ihn. »Das ist kein schlechtes Obst,« dachte sie.

Sie strich wunderlich erregt in der Nähe der Raststatt herum. Sie fing einen bunten Weinfalter, der gar nicht scheu war und der Menschen Arglist nicht ahnte, und tat ihn in ein Schächtlein; sie zupfte Dornblumen ab und zierte sich den verrunzelten Kopf. Und als sie eine dichte Staude auseinander bog, erschrak sie bis ins innerste Herz: da lag verborgen der Marterheiland, kraftlos niedergesunken an der Geißelsäule, ein grauer Stein. Und halblaut sang die Uralte:

»Unser Herrgott liegt im Moos
gepeinigt und zerschunden,
zählt die fünf bittern Wunden,
und sein Schmerz ist groß.
Kann nit sitzen, kann nit stehn,
kann nit auf und weiter gehn,
liegt in Dorn und Schleh,
die fünf Wunden tun ihm weh.«

Hernach ließ sie die Staude wieder sanft zusammenschlagen und schlich weg. Sie verriet keinem den heimlichen Herrgott.

»Lüpft euch auf!« rief der Grazian. »Wir müssen weiter.«

Verschollene, bemooste Gebete klangen wieder, oft ein Gemisch von Frömmigkeit und Unsinn, in alten halbvergessenen Formeln, den Betern selber unverständlich. Doch sie zerbrachen sich darüber das Hirn nicht und glaubten, Gott werde es sich schon auszudeutschen wissen. Wenn die Wellen der Gebete gar zu hoch schwollen, da reckte der Grazian den Finger auf: »Gebt nit alle Kraft her! Spart sie der Maria auf im Dorn!«

Sie traten aus dem Gebirg heraus in ein freundliches Liebfrauenland voll sanfter Hügel, deren einige grüne Wälderhauben aufhatten; gelbe Felder wogten, Wiesenhalden lachten.

Sie wanderten bald auf breiten, ebenen Straßen, bald gingen sie eines hinter dem andern einen dünnen Steig durch hohes Korn, sie verschwanden drin, und nur die Fahnen ragten drüber hinaus und kündeten von ihrer Wanderung.

Ob des endlosen Getreides verzagten die Kinder, sie fürchteten, das Kornweib greife aus den Halmen und verschleppe sie in die knisternde Wildnis.

Der Mittag flirrte über dem Land, immer glüher ward die Sonne, immer müder die Kreuzschar. Sie spannten die roten und grünen Schirme wider das ungestüme Licht. Staub stieg. Die Kinder trippelten an den Händen der Mütter, greinten und weinten oder begehrten ungeduldig heim. Viele ließen sich tragen.

Der Didelmann seufzte: »Der Ziegel ist noch hübsch warm, aber die Nägel hab ich mir von den Zehen gerannt.«

»Steinmüd bin ich,« klagte der Igel. »Der Sommer haut heuer über die Schnur. Für den Kornschnitt ist es recht.«

»Der Weg wird sauer,« flüsterte der Grazian, »aber nachlassen dürfen wir nit.«

Der Burgermeister lugte auf die Sackuhr und sagte: »Der Weg zieht sich, wir haben noch eine harte Stund vor uns.«

»Hör auf mit deiner Uhr,« neckte ihn der Sulpiz, »sie geht nach dem Fuxloher Mondschein.«

Und der Brunnkressenhannes seufzte: »Wenn nur der afrikanische Wind nit wehen tät!«

Glänzte irgendwo ein Wiesenbrunn auf, so stürzten sie darüber her und tranken. An den Bächen wuschen sie sich die staubigen Stirnen. Erlöst atmeten sie, wenn ein Hain seine Kühle über die Straße warf.

Einmal bildete sich der Grazian ein, er habe sich die Füße ausgekegelt. Er legte sich ins Gras, streckte die dünnen Beine in die Höhe und flehte: »Spucht, zieh an, aus Leibeskräften zieh an!«

Der Spucht ließ sich nicht bitten und rüttelte ihm die Gliedmaßen.

»Weh, du reißt mir den Fuß aus!« jammerte der Meßner. Er sprang auf und hinkte weiter.

Die Ulla aber hatte ihre Traurigkeit vergessen. Sie hub ein helles Lied an, das sonst niemand kannte, und drum blieb ihre spinnwebfeine Stimme einsam. Vor den halbgeschlossenen Augen schaute sie die heilige Frau, der ihr Kittel war aus Sonnenschein, und gegürtet war sie mit dem Regenbogen. Und die Ulla fügte lustige Triller und jähe Jodler in ihre Weise, sie konnte nicht anders als fröhlich singen, verstummt war die Qual des Gewissens, und das Herz schlug ihr hellauf vor glücklicher Erwartung.

»Wer hat denn nur das Lied erdacht?
Droben aus der Höh
es habens drei Engel vom Himmel gebracht.
Mariafrau, juchhe!«

»Hört der Ulla zu!« brummte der Schmied. »Ja, wenn die alten Weiber tanzen, hernach fliegt der Staub hoch.«

Sie trabten eine kühle Waldstraße hin. Örterweise warteten Kapellen, drin des gebundenen Heilands Leidensrast und Weg zur Schädelstätte gar wild und lebendig abgebildet war.

Die Sonne ermüdete und senkte sich aus der Höhe.

»Leut, verzagt nit!« feuerte der Grazian seine Schar an. »Wir haben nimmer weit zum goldenen Haus.«

Er fing eine Litanei an und betete sie genau mit derselben singenden und nachhallenden Stimme wie sein verstorbener Pfarrer Sebastian Knaupler, so daß mancher erschrocken auffuhr und meinte, den Verewigten selber zu hören.

Der Meßner betete vor: »Von der heimlichen Nachstellung des bösen Feindes –.«

Die Kreuzschar fiel ein: »Erlöse uns, o Herr!«

»Von Pestilenz und Krankheit –.«

»Erlöse uns, o Herr!«

»Von Blitz und Ungewitter –.«

»Erlöse uns, o Herr!«

»Von den bösen Werken und Anschlägen des Kasper Dullhäubel –.«

Da jauchzte die Ulla auf und deutete.

Über den Wald stiegen die Turmspitzen der Muttergottes, die in den Dornstauden gefunden worden war, und funkelten mit blanken Knöpfen, und die Bittfahrer jubelten, und der Meßner schwenkte den Gupfhut.

»Die Turmknöpf sind großmächtig,« sagte der Hahnenwirt, »ein jeder faßt einen ganzen Eimer Wein. Und das Uhrgewicht im Turm ist ein versteinerter Laib Brot.«

Aus hohem Kreisfenster lugten die Glöcknerbuben, und schon läutete eine Glocke voll und schwer und himmlisch aus dem Getürm, es war ein Klang, als grüße die Herrgottin selber mit goldener Troststimme das Häuflein, das mit irdisch kläglichem Anliegen zu ihr kam, zur Muttergottes, die alle Gebresten wandelt in eitel Gesundheit, alle Schwäche verkehrt in blanke Kraft, alle Verzagtheit und Angst stillt, zur gewaltigen Frau, aus deren Schoß das Heil in die Welt gedrungen.

Andere Glocken gesellten sich der goldenen Hochfrauenstimme, und ein Glöckel war darunter aus lauterem Silber, vor vielen Jahren hatten es die Fuxloher gestiftet, aus den silbernen Knöpfen der Bauern war es gegossen, und die Burgermeisterin selber hatte eine Schürze voll Laubtaler in die kochende Glockenspeise geschüttet. Nun klang das Glöckel lieb und herzlich, als sänge eine junge Bauerndirne, und als wüßte es, wer jetzt zu Besuch käme.

»Die Fuxloherin läutet,« freuten sich alle, das Wasser zitterte ihnen in den Augen ob der Heimatstimme, die rosenkranzumstrickten Hände hoben sich.

Der Wald tat sich auf: da lag die Gnadenstätte vor ihnen, hoch und mächtig.

Ein Rausch ergriff die Kreuzschar, die Fahnen bauschten sich, die Quasten baumelten.

Der Ulla war, jetzt müßten die Heiligen in der Kirche von den Simsen springen und ihnen entgegengehen, und sie selber trat einher gleich einer Hochzeiterin, das aufgelöste, bekränzte Haar wehte ihr wie ein silberner Schleier, ihre Augen waren heiß und selig aufgetan. Da schauten alle Wallfahrer die Ulla an und wurden von dunkler Ehrfurcht bewegt.

Dann wurden die Fahnen geschwenkt und geneigt, Gesang stieg aus dem Wegstaub, die zarten und die groben Stimmen griffen ineinander.

»Über Berg und über Tal
und mit freudenreichem Schall,
über Wald und grüne Au
reisen wir zur Lieben Frau.«

Immer brünstiger, gläubiger, wilder sangen sie, vergessen war der müde Leib, die Herzen schlugen, die Stirnen brannten, die Kinder taten die Augen wundergroß auf.

Funkelnd trat der Pfarrherr aus dem Tor, die Sonne gleißte in der erhobenen Monstranz. Die Altarbuben schwangen die Schellen.

Alles warf sich vor der Blendnis nieder, schüttete sich hin vor dem Segen, der sie grüßte, jeder schlug an die Brust und wagte vor Unwürdigkeit nicht, seinen Gott zu schauen, der aus der Monstranz glühte.

Die Kirche empfing sie mit feierlicher Kühle.

Die Orgel donnerte. Weiße Säulen, wie Schlangen gewunden, trugen den Hochaltar, und dort, umflattert von blauem Weihrauch, umkränzt mit schimmernden Heiligen, herrschte Maria, die Fürbitterin, die erste Frau im Himmel und auf Erden. Perlenstarrend, in gelben Locken, mit goldnen Ketten behangen, im Arm das Krönleinkind, erwartete sie die Menschen. Ihres blauen Sternenkleides Falten flossen hin wie ein geackertes Feld. Engel hielten eine Krone über sie. Große, gewundene Wachskerzen flackerten, und hoch droben glitzerte das gestirnte Gewölb tausendmal schöner als der Himmel der Nacht.

Gestalten in verzückten Gebärden leuchteten an der Wand, ganze Kitten himmlischen Geflügels gaukelten wie Falter im Himmelsgarten. Kanzel, Altar, Rahmen, Leuchter, Lampen, alles funkelte, wie es sich für das Schloß der Königin ziemt, die die höllische Schlange überwunden und unter ihre Ferse gebracht hat. Rings lehnten Krücken und Stecken, die die Geheilten abgelegt hatten, die vormals so erbärmlich lahm gewesen, daß sie hatten weder kriechen noch gehen können. Eine wächserne Zunge hing dort, von einer Frau gestiftet, der die Zunge ans Zahnfleisch gewachsen war und sich hernach gelöst hatte. Auf Tafeln und Widmungen war geschrieben und gemalt, wie die göttliche Dornstaudnerin den Stummen die Rede geschenkt und den Rasenden die Vernunft, wie dem Blinden der Schein, dem Tauben das Ohr offen wurde, wie Geschwulst und Rotlauf vergingen, Wunden sich schlossen, Menschen wunderbar errettet wurden aus wilder Gefahr.

Die Fuxloher bestaunten alles, nickten der Göttlichen zu und warfen ihr kupfernes Geld in den Opferstock.

Die Kerzen knisterten am Altar, die Ulla starrte darein und staunte: »Reiche Welt!« Sie sah die Perlen glühen an der Gnadenfrau, Perlen größer als die Haselnüsse am Vogeltänd, hellblaue, pechschwarze, veilchenfarbne Perlen. Alles gloste von Gold und Silber und wunderschönem Glas.

Doch der flimmernde Muttergottestand ängstigte die Alte, sie wagte kaum den hochlobpreislichen Namen zu wispeln, und hätte doch gar zu gern ihren weißen Kopf gelegt in Marias Schoß. Die droben am Altar war ihr zu stolz und zu reich. »Sie wird die armen Leut nit kennen wollen,« seufzte die Ulla.

Jetzt reckte der Grazian den Hals und flüsterte eindringlich: »Leut, es ist an der Zeit, vergeßt nit, warum wir den weiten Weg gangen sind! Sagt es fein der Dornstaudnerin, warum wir heut ihren Freund, den Blaumantel, nit mittragen!«

Da murrte die Schar ein dumpfes, hartes Gebet wider den Erzschelmen und Landschaden Kasper Dullhäubel.

Die Ulla aber stahl sich mit bekümmertem Blick hinaus aus dem Glanz und irrte traurig und verlassen um die Kirche.

Da fand sie eine Kapelle, drin raunte und sprudelte es traulich, und über dem rinnenden Brunnen war die Gottesmutter auf ein Brett gemalt, die lächelte lieb und grüßte mit den schlichten Augen das Weib; auf dem Schoß zappelte ihr das Kind, es tappte gerad nach einem Gimpel, und der Vogel drehte den Kopf und biß den Buben in den Finger.

»Ei, da ist fröhlich hausen,« dachte die Ulla und kniete mit müden Knieen auf die Betstaffel hin vor das Bild und schaute sehnlich empor. Sie, die heimatlos war wie ein Fläumlein in den Lüften, das nicht fallen kann und nimmer steigen, hier fühlte sie sich daheim.

Sie ließ den bunten Weinfalter frei, den sie gefangen hatte. »Marienkind,« schmeichelte sie scheu zu dem jungen Herrgott hinauf, »dir bring ich ein schönes, ein wunderschönes Sommervöglein.«

Auf einmal dachte sie an ihr Herz, das sie voll Sünden wähnte, und sie betete still: »Maria, lichter als die Lilien hinterm Zaun, roter als die Nelken am Rain, ich grüß dich soviel tausendmal, als Sandkörner liegen auf den Straßen, als Laub wachst am Wald, als Sterne scheinen vom Himmelreich. Geweint hab ich viel, eine Zähre hat die andere gefeuchtet. Zu dir komm ich, dir vertrau ich, Maria. Durch deinen keuschen Namen bitt ich dich, du sollst mir sagen, ob ich eine Hex bin.«

Der Heiligen froher Blick fiel auf den alten Heilbrunn. Da beugte sich die Ulla drüber und schaute ins Wasser, bis sie die eigenen Augen drin sah, und diese schauten so fromm und gut heraus, daß ihr wunderfriedsam unter dem gespiegelten Blick wurde, und sie wußte, daß es keine Hexenaugen waren.

Hernach trank sie von dem fallenden Wasser. Der Marienbrunn sang vertraut, und draußen im Laub meldete sich ein Rotkröpfel.

Hier war gut sein.

Weit weg von der Welt kniete die Ulla und betete herzlich für Tote und Lebende, für alle, die sie kannte und die ihr Gutes getan oder Übles.


Am andern Tag gingen die Fuxloher heim. Sie wünschten sich herzlich wieder in die kleine Heimat zurück aus der Welt, die sie sich so weit und so breit gar nicht gedacht hatten.

Wieder kürzten sie sich den Weg mit Lied und Litanei und ergötzten sich an den geweihten Andenken, die sie mit trugen, meist Bildern des Gnadenortes, mit gereimten Sprüchen bedruckt. Den Kindern hatte man auf dem Schleckmarkt etwas Gezuckertes gekauft, der Spucht hatte eine wächserne Nepomukszunge erstanden, der Grazian gar einen gläsernen heiligen Geist, und er trug die Taube in der spiegelnden Kugel zaghaft an einem Schnürlein, wich vorsichtig jedem Stein am Weg aus, und niemand durfte ihm in die Nähe. Wenn sie rasteten, hängte er sein gläsernes Glück an eine Staude und ließ es an einem Schnürlein schaukeln und im Licht glitzern.

Allen, die da aus dem hochgoldenen Haus der Herrgottin heimkehrten in das dürftige Dorf, allen war, sie hätten als Gottes Gäste ein himmlisches Märlein erlebt, und jeder glaubte, daß jetzt die hohe Dornenstaudnerin seinen Wunsch auf einem wundergläsernen Teller in den himmlischen Saal tragen werde.

Die alte Ulla trabte frisch dahin, sie fühlte sich leicht und über Erde und Leben erhoben wie die weißen Wolken droben.

Der Schmied rief ihr zu: »Heut lachst du daher, Ulla, als ob du statt von der Muttergottes vom Altweibermüllner kämst.«

»Einmal werd ich wieder jung,« antwortete sie. »Im Himmel sind wir alle gleich alt, dreiunddreißig Jahr, wie der Herrgott beim Sterben.«

»Wer hat dir das erzählt?« zweifelte der Schmied. »Ist einer von Jenseits die Leiter wieder herab gestiegen?«

Sie schüttelte ernst den Kopf. »Es darf keiner zurück, daß nix ausgeredet wird von oben. Es muß geheim bleiben.«

Der Grazian seufzte: »Es muß ein harter Weg sein – dorthin.«

Je näher sie gen Fuxloh kamen, desto eifriger betete der Meßner. Allweil wieder rief er aus: »Gott, schenk uns einen feuchten, warmen Regen über Schlösselwald, Hundshaberstift und Leimgrub!« In diesen Orten hatte er seine Töchter verheiratet.

Als die Kreuzschar auf der Bergschneide hielt, von wo der Blick wieder auf Fuxloh fiel, rief der Grazian: »Leut, kniet euch nieder, da seht ihr euer Vaterland wieder!«

Der Fleischhacker Luitel rannte ihnen entgegen. »Männer, schwingt den Hut in die Höh,« keuchte er, »der Dullhäubel ist gestorben.«

Da fuhr es den Kirchfahrern kalt durchs Hirn und eisig durch den ganzen Leib, und das Gewissen bäumte sich ihnen auf, weil ihre Bittfahrt so jähe Frucht gezeitigt hatte. Aber sie faßten sich bald wieder.

»Der Herrgott hat diesmal leicht begriffen,« lachte der Wirt, »wir haben ihm es auch deutlich genug gesagt. Gelobt seist du, Maria!«

»Er hat es verrichtet, der Dullhäubel,« seufzte die Iglin. »Hoffentlich ist er christlich entschlafen.«

Dem Meßner Grazian erschlaffte im ersten Freudenschreck die Hand, das gläserne Gut entfiel ihm und zersplitterte. Da rief er kläglich: »Jetzt hab ich den heiligen Geist den weiten Weg hergetragen wie ein krankes Kind, und jetzt ist er beim Teufel!«

Das Dorfglöckel läutete der Schar entgegen. Kinder kamen und erzählten von dem Leichnam des Dullhäubel.

»Ganz schwarz ist er im Gesicht,« sagten sie.

Der Grazian runzelte nachdenklich das Hirn. »O weh, das ist ein übles Vorzeichen! Ohne Weih und Segen, ohne Pfarrer und Meßner werden wir ihn begraben müssen. Lasset uns beten für die arme Seel!«


Die Ogath hatte den halben Tag über ihren Bauer gesucht und nirgends gefunden, schließlich stieg sie in schwerer Ahnung auf den Heuboden hinauf, dort griff sie blindlings ins Heu und spürte ein eiskaltes Knie.

Mit einem einzigen Sprung war sie wieder drunten auf der Tenne.

Sie schrie den Kindern: »Am Heuboden liegt er. Der Schlag hat ihn getroffen, er ist ein vollblütiger Mann gewesen. Die Leich ist schon kalt.«

»Jesmaria,« plärrte die Wabel, »jetzt ist er gestorben und hat heut noch das Gesott[1] nit geschnitten!«

[1] Häcksel.

Die Töchter flogen zu den Nachbarn und Befreundeten in die Dörfer und zum Pfarrer, die Leiche anzusagen. Die Bäurin selber fuhr mit dem Schubkarren zum Tischler, der Totentruhen vorrätig hatte.

Sie begegnete den Wallfahrern. »Der Bauer hat verlebt,« meldete sie, »übermorgen ist das Begräbnis.«

Als sie abends mit der Truhe heimkam, saß der Dullhäubel vorm Haus, kerngesund, die Wangen blührot, und schnupfte.

»Um Gottes willen, du lebst schon wieder?« stammelte sie.

»Ich bin kreuzwohlauf,« grinste er. »Du hast dich gefleißt mit der Truhe. Hast du auch um den Pfarrer geschickt, daß er mir lateinisch und schlapperteinisch redet und seine Blimblamblorium macht?«

»Aber du bist ja schon kalt gewesen, wie ich dich beim Knie erwischt hab?!«

Er nickte tiefsinnig. »Eine hirschlederne Hose greift sich halt allweil kalt an,« sagte er.


Weil der Dullhäubel den Seinen verboten hatte, die Leiche abzusagen, so wußten nur wenige, daß er noch lebte. Die Leute, die nun zu des Bauers Begräbnis angewandert kamen, lächelten säuerlich, als er selber sie treuherzig begrüßte und ihnen ein Schnüpflein antrug.

»Die Bosheit wuchert weiter, und die Gerechtigkeit ist übers Meer gefahren,« verzweifelte der Grazian.

Hernach saßen alle im »pfalzenden Hahn,« und weil sich dort gerade auch drei böhmische, drei österreichische und drei bayrische Musikanten zusammen fanden, ging es bald hoch her, und man söhnte sich leichter mit dem verhinderten Begräbnis aus.

Lange betrachtete der Dullhäubel seine Totentruhe. »Zweispännig wär sie mir lieber,« meinte er, »daß eine saubere Dirn mit mir drin übernachten könnt.«

Er nutzte die Truhe ans, indem er Schloß und Band dran nageln ließ und sich drin Selchfleisch und manchen Leckerbissen versperrte, den er vor seiner genäschigen Sippe nicht sicher wußte.


Der Dullhäubel kam zu Glück und hohen Jahren.

Seine Töchter misteten den Stall, schnitten das Gesott, rechelten die Streu, striegelten die Ochsen, ackerten, säten, ernteten, droschen. Er tat nichts.

Die Wabel, die Reigel, die Rosel, die Portiunkel, die Stasel, die Kathel und die Liesel verheiratete er Bauern, die Glöckelstühle auf dem Dach hatten.

Er ließ sich sein schelmisches Wesen nicht verkümmern, auch dann nicht, als er der Burgermeister von Fuxloh wurde, und die Leute starben nicht aus, die ihm den Galgen auf den Hals wünschten.

Einmal nach der Kirchweih, als er sich weidlich angegessen hatte, setzte er sich vors Haus, nahm das Rubinglas und schlug sich eine erkleckliche Menge Tabak auf die Hand. Zuerst füllte er sich in behaglicher Andacht das rechte Nasenloch, und als er das andere befriedigen wollte und dabei schon das linke Auge wollüstig zudrückte, fiel ihm der Tod sanft in den Arm. Die Hand sank still, ungenützt flatterte das braune Häuflein herab auf die hirschledernen Hosen. Der Kasper Dullhäubel war nimmer.

»Jetzt hat er den schönsten Tod auch noch, der Lump, der das Eingraben nit wert ist!« schalt der Meßner.

»Ja ja, so geht einer nach dem andern dahin,« sagte der Schmied und ließ einen groben Wind streichen.

Nur wenige gingen mit bedächtigem Bauernschritt hinter dem Sarg her; viele waren daheim geblieben, sie meinten, der Schelm sei unsterblich und könne nicht begraben werden.

Der Filzhut des Ähnels und das Rubinglas wurden ihm mitgegeben, das hatte er sich ausbedungen.

Als die Leiche in die Grube gelassen wurde, riß der Strick, die Truhe polterte hinunter und brach auf, und der Dullhäubel schaute noch einmal fröhlich die heulende Schar der Hinterlassenen an.

»Schaufelt zu, schaufelt zu!« schrie der Grazian. Und alle, wie sie ums Grab standen, warfen schnell mit Händen und Füßen Erde hinab, daß der Erzschelm nicht noch einmal an den Tag käme. –

Als der Grazian an dem nämlichen Abend am Dullhäubelhof vorüber ging, tat er einen harten Schrei. Er behauptete, der Verstorbene habe aus dem Dachfenster die Zunge auf ihn gereckt. Da zündete die Ogath eine Laterne an und durchsuchte alle Winkel des Bodens. »Dem schwänkischen Mann trau ich alles zu,« meinte sie.


Der Dullhäubel fuhr schnurgerade zum Himmelstor auf.

Der heilige Peter stand davor, am Gürtel die beinernen Schlüssel, und schrieb mit einer hohen Pfaufeder in einem Buch. Als er den Schelm mit dem breiten Filzhut durchs Gewölk daher waten sah, hakte er das silberne Schloß des Buches zu und fragte: »Wer bist du? Gib Auskunft!«

»Der Dullhäubel bin ich, Bauer aus Fuxloh«, antwortete der Himmelfahrer. »Gelobt sei Jesus Christus!«

»Dein Nam ist mir verdächtig. Reck her deine Seel!«

»Da wird halt der Blaumantel seine Sach fürgebracht haben. Es ist ihm aber nit alles zu glauben, dem Bruder, dem scheinheiligen.«

»Schilt nit!« brummte der Peter. »Und einen Blaumantel gibt es bei uns nit.«

»Es muß einer da sein,« bestand der Dullhäubel. »Schau nur gleich nach in dem dicken Buch!«

Der Torwärtel raunzte: »Es ist ja möglich, daß früher einmal einer da heroben gewesen ist, der sich so geschrieben hat. Vielleicht ist er hinuntergefallen. Ich müßt den Herrgott fragen, der hat ein scharfes Gedächtnis.«

Jetzt zog der Dullhäubel aus der hinteren Schößeltasche seine Seele heraus, blies ein Stäublein Tabak davon weg und zeigte sie ängstlich vor.

Der Heilige rückte die Brille, schnüffelte an der Seele und krauste die Stirn. »Mein Lieber, du hast dich ganz und gar verirrt. Du gehörst wo anders hin. Schab deinen Weg!«

Dem Dullhäubel stand der Schopf geberg. An des Kapuziners Cochem abscheuliches Bilderbuch erinnerte er sich, an den höllischen Ofen, wo die Zerknirschten heulten und Pech spieen und ihnen der siedende Geifer aus den Lefzen spritzte.

Der himmlische Torwärtel tat eine Falltür auf, da ging der Höllensteig hinunter hundert Klafter tief, und des Dullhäubels Vorväter saßen ohne Ausnahme tief drunten auf einer glühenden Bank, den Hosenlatz hinten abgeknöpft, mit nacktem Sitz nach altem Erdenbrauch, und der Schwefel, den sie saufen mußten, rauchte ihnen greulich wieder aus der Nase heraus. Der Teufel kletterte eine brennende Leiter herauf und bellte: »Wau, wau!«

»Mach die schwarze Tür zu, Peter!« hüstelte der Dullhäubel, der höllische Schwefel kitzelte ihn in der Nase.

Doch der heilige Mann antwortete: »Bind dir die Seel fest ins Schneuztuch und steig hinunter! Sie warten schon.«

Dem armen Schelm ward blau und grün vor den Augen. Aber er gab das Spiel nicht verloren. Das Rubinglas nahm er herfür. »Da schnupf, Peter, daß du einen andern Sinn kriegst!«

Der Torwärtel liebäugelte mit dem Glas. »Der Tabak tät mir wohl. Da heroben wird keiner verschleißt, und wenn nix zu schnupfen ist, so ist das eine kleine Krankheit.«

»Du solltest mich doch in den Himmel lassen, nur ein Vaterunser lang,« begehrte der Dullhäubel. »Vor dem Blaumantel will ich einen Fußfall tun.«

Der heilige Peter nahm sich seine mannbare Nase voll. »Wundersam schmeckt der Tabak, der fehlt mir noch zur Seligkeit. Ich hab ihn mein Lebtag gern gehabt. Hau mir noch einen her auf die Hand! Anlehnen muß man sich schier, wenn man den da schnupft, sonst reißt er einen um.« Er blinzelte schalkhaft. »Was für ein Tabak ist es denn? Ein königlich bayrischer? Ein gepaschter, he?«

»Nur hineinschauen laß mich ins Paradeis, Schlüsselmann!« bettelte der Dullhäubel.

Den Heiligen hatte der brasilische Tabak ganz verwirrt, die Augen glosten ihm, und er tat das Tor auf.

Jetzt stand der Dullhäubel im himmlischen Glanz.

Da saßen alle die heiligen Bauernfreunde beisammen, der Wendel, der Liendel, der Isidor und der Steffel, und dengelten silberne Sensen, daß es wie ein vierfaches Glöckelspiel lieblich anzuhören war, und die Magd Notburga jätete in einem Krautgärtlein. Der Märtel und der Jörg ritten auf Milchschimmeln, die fraßen an dem fetten Wasen, der auf den Wolken wuchs. Andere Heilige stolzierten in seidenen Meßgewändern mit hohen Krummstäben auf der Sternstraße auf und ab, ein nackter Martersmann, dem silberne Pfeile in Stirn und Brust und Knie staken, lustwandelte lachend unter ihnen. Alle waren bloßköpfig, nur der heilige Rochus und der Dullhäubel nicht, die hatten den Hut auf.

Engel rauschten mit schneeweißen Flügeln. Die himmlische Regenbogenfrau schaffte am Spinnrad, einen goldgrünen Käfer im Gefältel ihres Kittels, und daneben spielte das Herrgottsbüblein Ball mit dem Weltapfel.

Der Himmelsgarten war umzäunt, auf jedem Zaunstecken saß und sang ein bunter Vogel, und das waren lauter selige Seelen.

In der Mitte aber in wunderbarem, hohem Betstuhl saß Gottvater selber, in seinem Mantel war mit Perlen und Kleinoden der ganze Sternhimmel gestickt, auf seiner Brust zückte die Sonne ihre Strahlen.

Der Dullhäubel senkte die Augen, daß er nicht erblinde, und schaute sich auf den Fuß.

Über dem Herrgott war ein goldener Taubenkobel, der heilige Geist umflog ihn und gurrte wild herab.

»Ei tausend,« staunte der Herrgott, »da kommt ja der Dullhäubel daher aus meinem guten Dorf Fuxloh! Was begehrst denn du da heroben?«

Jetzt nahm der Schelm den Hut ab und stammelte: »Den Herrn Blaumantel such ich. Er soll sich auch Aurazian schreiben. Ich will ihn abbitten – zu wegen meiner Schlechtigkeit.«

Der Herrgott sann nach. »Ich weiß alles. Aber einen Aurazian Blaumantel kenn ich im Himmel nit. Das ist ein Irrtum.«

»Alsdann, Eure Heiligkeit – –.« Der Dullhäubel stockte, er wußte nicht, wie er den Herrn hätte richtig anreden sollen.

»Nenn mich nur Herr Gott!« meinte der Himmelvater. »Du bist dein Lebtag mit mir auf du und du gewesen (wenn du auch recht sparsam mit mir geplaudert hast), drum sag mir jetzt auch du!«

»Alsdann, wenn es keinen Blaumantel da heroben nit gibt, dann ist meine Schuld weitaus geringer,« seufzte der Dullhäubel auf.

»Und was begehrst du noch? Und was schaust du allweil auf deinen Fuß?«

»Er möcht halt auch selig werden,« sagte halblaut der heilige Peter.

Der Herrgott fuhr aus dem Betstuhl auf. »Was?! Der Spitzbub?!«

Doch das himmlische Fräulein am Spinnrocken faltete die Hände. »Geh, lieber Gott, verstoß ihn nit! Laß ihn abwiegen!«

Da schmunzelte der Gottvater, daß ihm der breite Bart auseinander ging, und winkte mit der Hand.

Den Kometen wie eine Straußfeder am Hut, sprang der Riese Michel zur Tür herein, er trug eine großmächtige Wage. Den Bauer lüpfte er beim Kragen und setzte ihn in die eine Wagschale, in die andere legte er große Steine und Gewichte, das waren die Sünden und Schalksstreiche des Dullhäubel, und darunter war auch der Mühlstein vor der Mußmühle.

Jetzt hob der Engel Michel die Wage. Die Schale mit dem Sünder schnellte hoch empor, und der Dullhäubel verzweifelte an seiner Seligkeit, zumal da sich an die andere Schale noch der Teufel mit kohlrackerschwarzen Rabenflügeln und einem langen, rauhen Schwanz gekrallt hielt.

»O weh, o weh,« winselte der Sünder, »jetzt muß ich in der Höll knirschen auf ewig.«

Aber auf einmal senkte sich die Schale, drin er hockte, langsam und stetig.


»Schau hinunter auf die Welt, Dullhäubel, wer dir hilft!« sagte die Jungfrau Maria.

Da sah er tief, tief drunten im grünen Fuxloh vor der Kapelle ein uraltes Weiblein hocken, das betete mit seinem Hagebuttenrosenkranz für die arme Seele des Dullhäubel. Es war die Ulla.

Nun stand die Wage auf gleich.

»Ich darf nit zu leicht befunden werden,« ächzte der Dullhäubel, der helle Schweiß rann ihm von der Stirn.

In seiner Not langte er hinüber nach des Teufels Schwanz, und ob der Satan ihn auch mit der gespaltenen Zunge anlechzte und die rotfeurigen Augen abscheulich glühen ließ, der Dullhäubel packte des höllischen Widersachers Schwanzquaste und legte sie in die eigene Schale, und sie senkte sich um eines Härleins Breite tiefer als die andere.

Da fing unser lieber Herrgott an, sich langsam den Bart zu streichen und auf einmal lachte er dröhnend auf, und der heilige Peter fiel wie besessen lachend auf die Pauke hin, worauf man sonst Gewitter und Donnerschlag wirbelt, und die Muttergottes und alle heiligen Leute konnten sich nicht helfen vor lauter Lachen, und nur der Teufel rupfte sich den rußigen Schopf, spie und ließ die Schale los und sprang in die Hölle.

Vor dem breiten Herrgottsgelächter aber sank die Schale des Schelmes völlig herab, und er stieg aus und war gerettet.

Doch der heilige Peter besann sich und murrte: »In der Welt drunten gibt es einen Spruch, und der ist wahr.

Je ärger der Schalk, je besser sein Glück,
je größer der Dieb, je kleiner der Strick.

Herrgott, paßt denn der Bauerntrumpf da, der nixnutzige, der Tod und Teufel zum Narren gehalten hat, in deine lautere Seligkeit herein?«

Der Herrgott warnte mit dem Finger. »Peter, Peter, geh mit unserm Dullhäubel nit zu streng ins Gericht! Es müssen auch andere Leut um mich sein, nit nur lauter Heilige. Die Heiligen sind mir oft ein wenig peinlich gewesen.«

Und während der Herr mit seinem Knecht also sprach, trat einer auf den Dullhäubel zu und gab ihm derb die Hand. Der fremde Gesell trug einen altertümlich groben Bauernrock und Bundschuhe, und ein Spiegel hing ihm im Gurt; seine lichtblauen Augen funkelten mutwillig, sein Haar war gelb wie Stroh und darauf saß ihm statt des Hutes ein ruppiger, glotzender, krummschnabliger Ohrenvogel.

»Ich sollt dich kennen,« sagte der Dullhäubel und dachte nach.

»Du kennst mich,« kicherte der andere, »ich bin ja dein Bruder, der heilige Eulenspiegel.«

Er hielt dem Dullhäubel den blanken Spiegel vor. Der lugte hinein und sah sich drin rosig leuchten, und über seinem Scheitel hing ein runder, lustiger Heiligenschein.

Der Herrgott richtete jetzt die grauen, frohen Augen auf ihn. »Dullhäubel, was willst du im Himmel anfangen?«

Der schalkhafte Mann leckte sich die Lippen und hob den listigen Bauernblick. »O Herr, wenn ich es wünschen darf, will ich im Sommer Schnee schaufeln und im Winter das Vieh hüten.«

»Zu meiner Rechten darfst du nit sitzen,« lachte der Herrgott, »du bist heut noch nit viel wert. Jetzt führ dich gut auf und laß dir einen milden, süßen Most einschenken.«

Das war dem Dullhäubel recht. Und er sagte zu der Himmelsfrau: »Liebe Fürbitterin, du schnupfst nit? Für deine wehleidige Jungfernnase ist meine Mischung zu scharf. Aber uns schmeckt es, gelt, Gottvater!«

Er schüttelte das rubinene Glas und ließ den Tabak rieseln auf des Herrgotts strahlende Hand.


Also hat unser Herrgott an einem gelungenen Schelm mehr Freude als an neunundneunzig Gerechten. Und so findet die Geschichte vom Kasper Dullhäubel jetzt ihr

Ende.


Von demselben Verfasser erschienen vorher im gleichen Verlag:

Aus wilder Wurzel

Ein Roman
Einbandzeichnung von Oswald Weise. 10. Tausend

Münchner Allgemeine Zeitung: »Das vorliegende Buch ist des Dichters beste und reichste Schöpfung und läßt noch ausgereiftere, kostbarere Früchte erwarten. Hart, eisern, von knirschendem Willen durchzuckt ist dieser Bericht, der von den mutig-zagen Bauern zu erzählen weiß, die es auf sich genommen, die furchtbare Baumwildnis der Eisensteiner Berge im endlosen Böhmerwalde der Scholle dienstbar zu machen. Watzliks Buch wird zu den bleibenden unseres Literaturschatzes gehören.«

Der Alp

Ein Roman
Einbandzeichnung von Richard Birnstengel. 6. Tausend

Paul Grabein im Düsseld. Generalanz.: »… Der Wert des Buches besteht in der ganz prachtvollen, realistischen und doch wieder poetisch überhauchten Schilderung der Natur und Menschen des Böhmerwaldes. Eine Fülle von Gestalten zieht an uns vorüber, jede scharf umrissen in ihrer Erscheinung. Die künstlerische Wirkung Watzliks wird noch gehoben durch die eigenartige Schönheit und Bildkraft seiner Sprache …«

Im Ring des Ossers

Erzählungen aus der Vergangenheit des Böhmerwaldes
10. Tausend

Die Wage, Wien: »… In wohlgepflegter Sprache, die stellenweis wie wundervoll gestimmte Glocken klingt, läßt er des Urwalds Schimmer und geheimnisvoll durchbrauste, zauberische Wildnis farbengolden vor uns erstehn. In einigen Skizzen arbeitet er mit allen Kunststücken, Schönheiten und Klängen des Wortes, daß die Seele erschauert, beglückt und berauscht von der übertönenden und überstürzenden Kraft poesievoller Schilderung …«

O Böhmen!

Roman. Einbandzeichnung von G. Gelbke. 11. Tausend

Deutschnationales Jahrbuch 1919: »Ein Heimatroman, der den Kampf der Deutschen Böhmens um ihre Heimatscholle, deutsches und slawisches Leben mit solcher Farbenpracht und so glutvoller Innigkeit schildert, wie kein zweites Buch. Jeder Satz darin ist Poesie, und wir dürfen den Dichter mit immer größerem Recht zu den ersten Deutschösterreichs zählen.«

Phönix

Ein Roman aus der Wiedergeburtszeit Böhmens
6. Tausend

Kölnische Zeitung: »Wildromantische Ereignisse werden mit großer Farbenpracht durchgeführt, daneben aber macht sich die zartere Romantik eines innigen Naturgefühles liebenswürdig geltend. Ein spannend erzählter, an starken Wirkungen reicher Roman, der auch große poetische Werte besitzt. Man hat es in dem Buch mit dem Erzeugnis einer hohen dichterischen Begabung zu tun.«


Ferner erschien im Verlag Gebr. Stiepel in Reichenberg:

Wermuter

Eine Novelle. Mit Bildern von Artur Ressel. 4. Tausend

Schloß Weltfern. Ein Roman. 5. Tausend

Der flammende Garten

Gedichte. Mit Bildern von Viktor Eichler. 2. Tausend

Firleifanz. Ein Bilderbuch

Einöder. Ein Novellenbuch

Die Abenteuer des Florian Regenbogner

Liebhaberausgabe mit Bildern von Ferdinand Staeger 2. Tausend


Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Der Schmutztitel wurde entfernt.

Korrekturen:

S. 295 lustwandete → lustwandelte
[lustwandelte] lachend unter ihnen