10. Capitel.

Der Buru Budur — Magelang während des Krieges mit Lombok — Soldatenfreunde — Die Religionen auf Java — Schulen für die Javanen — Die Dysenterie — Leberabscesse — Eine Expedition in den Tropen — Nochmals von Dienstboten — „Der Garten von Java“.

Die gesellschaftlichen Zusammenkünfte in Magelang waren in der Regel sehr amüsant; die erste, welche ich mitmachte, war ein Picknick am Fusse des Buru Budur (= Bårå Budur = der unzählbare Buddha?). Der Landesgerichtsrath T. hatte keine Kinder, ich hatte keine und Dr. A. war kinderlos; wir sechs und die Familie des Dr. S. beschlossen eines Tages, eine gemeinsame »Reistafel« unter den Palmen zu halten und zwar am Fusse jenes 1000 Jahre alten Tempels, welcher als ehrwürdige Ruine des alten Hindudienstes in seiner Grösse und in seinem Reichthum an Bildarbeiten alle Pyramiden Aegyptens und alle Ruinen des Alterthums hoch überragt.

So schwer es fällt, das religiöse Denken der Javanen in seinen Theilen zu erkennen, d. h. wie viel dem alt-polynesischen Glauben, wie viel dem Bramadienste, wie viel dem Buddha-Glauben und wie wenig dem Mohamedanismus angehört, so leicht haben sich die Gelehrten geeinigt, den Buru Budur als dem Buddhadienste gewidmet anzuerkennen.

Wir nahmen an einem Sonntag zwei Reisewagen, in welchen nicht nur wir zehn Personen Platz hatten, sondern noch zwei Bediente mit dem nöthigen Geschirr auf dem Bock sassen; am Ziele unserer Reise war ja ein Passantenhaus, welches von einem ausgedienten Soldaten bewacht wurde; in diesem Pesanggrâhan befanden sich nicht nur Betten, sondern es bestand auch Gelegenheit, ein Mittagessen einzunehmen; d. h. Reis, Früchte und Hühner konnten in den verschiedensten Formen den Besuchern geboten werden; die Damen unserer Gesellschaft hatten also nur für einige Speisen zu sorgen; denn auch einige Flaschen Bier, Apollinariswasser und Rothwein hielt er in Vorrath.

Schönes Wetter begleitete uns; wir nahmen den Weg durch die Mörderallee, vorbei an dem Berge Tidar auf die grosse Strasse nach Djocja; sie wird von den sie umgebenden Kampongs in gutem Zustande erhalten; sobald die Regenzeit eintritt, wird der Schotter, welcher in gewissen Abständen zu pyramidenförmigen Haufen längs des Weges in Vorrath sich befindet, über die Strasse geworfen, und die schweren Lastwagen drücken ihn in den Boden, welcher durch den Regen weich geworden ist. Ungefähr ein Kilometer vor Muntilan geht eine schmale Strasse nach Westen und zwar an das Ufer des Elloflusses. Kurz vor der Einmündung dieses Flusses in den Progofluss sahen wir einen schönen Tempel, es war der Tjandi Mendút ([Fig. 19]) aus Trachitblöcken. Er hat acht Seiten und vier einspringende Ecken, ist pyramidenförmig und hatte vielleicht eine Höhe von 25 Metern.[192] Er ist erst seit 60 Jahren ausgegraben. Auf der Westseite befindet sich eine Treppe und ein Eingang zu einer Halle von ungefähr 40 ☐Metern; die Mauer desselben bestand aus porösen Trachitsteinen und war anfangs cylinderförmig und ging in einer Höhe von ungefähr vier Metern in die Form einer spitzen Pyramide über; ich wusste nicht, was ich zunächst bewundern sollte, die kunstvolle Weise, in welcher dieser Saal gebaut war, oder die darin befindlichen Statuen. Jeder Stein ruht nämlich in der angegebenen Höhe so auf seiner Unterlage, dass er diese um einige Centimeter überragt; ein weiterer Kitt oder Verbindungsmittel der Steine war nicht zu sehen. Durch die Ausbrüche des Merapis wurde dieser Tempel so erschüttert, dass der Eingang zahlreiche Risse zeigte, d. h. dass über dem Eingange die Würfel-Steine grosse Lücken zeigten, welche den ängstlichen Gemüthern der Damen selbst den Eintritt in die Halle verleideten. Im Hintergrunde derselben sass Buddha mit herabhängenden Beinen und wie zum Beten gefalteten Händen; er ist nackt, 4½ Meter hoch, der Gesichtsausdruck erinnert an eine sanfte, gutmüthige Frau ([Fig. 25]). Zu beiden Seiten befinden sich zwei weibliche Figuren, 2½ Meter hoch, mit Ringen an den Armen und Knöcheln und Tiaras. Sollte es, wie Veth[193] vermuthet, eine ihrem Gotte dargebrachte Huldigung zweier Halbheiligen sein?

Bald verliessen wir diesen Tempel und bestiegen wieder unsere Wagen; aber schon nach einigen Minuten erreichten wir den Ello, auf welchem sich zwischen zwei grossen Rottangstricken eine Fährte befand; sie war gross genug, um die acht Pferde und die zwei Wagen aufzunehmen. Zunächst wurden diese an das jenseitige Ufer gebracht, und dann bestiegen wir diese primitive Fahrgelegenheit. Noch ungefähr zehn Minuten fuhren wir, als wir plötzlich vor einem kleinen Hügel standen, wo sich nach links der Weg wandte. Keine hundert Meter weit lag der Tempel vor uns. Der erste Eindruck liess mich kalt. Als ich im Jahre 1884 mit Urlaub nach Europa ging, verliess ich bei Ismailia das Schiff und fuhr mit der Eisenbahn nach Kairo, um die Cheops-Pyramide und die Sphinx zu sehen; auch das Massenhafte und das hohe Alter dieser Denkmäler einer untergegangenen Kunstzeit packten keine Faser meine Nerven. Ich glaubte damals überhaupt keinen Sinn für architektonische Schönheit zu besitzen; als ich aber zwei Monate später zum ersten Male das neue Rathhaus in Wien sah, da fasste mich der Zauber dieses gothischen Baues mit aller Macht. Ich trat also mehr mit Neugierde als mit Entzücken dem Buru[194] Budur näher und sah die hunderte Gruppen und die tausende Figuren, welche sich an den Wänden dieses Tempels befinden. Diese Basreliefs bringen Buddhas oder Verehrer des Buddha in allen möglichen und unmöglichen Stellungen, Scenen aus dem Leben von Fürsten, Riesen, Schlangenkönigen, Eseln, Geistern, Thierfabeln. Leider fehlt uns der Ariadnefaden, der uns in diesem Labyrinth als Führer dient.

Die Frau des Dr. A. hatte schon wiederholt diesen Tempel besichtigt; sie nahm also die Pflichten einer Hausfrau auf sich, um mit Hülfe des Tempelwächters und der mitgenommenen Bedienten für die »Reistafel« zu sorgen. Wir Andern bestiegen zunächst die Haupttreppe, welche von zwei grossen, steinernen Löwen bewacht wurde und uns zur Basis des Tempels brachte, welche die Form eines Quadrates von 151 Metern Seitenlänge hatte. Die äusseren Grundmauern bestanden aus Trachitblöcken, deren oberster Rand eine Reihe von Basreliefs einnahm ([Fig. 26]), welche den Typus des ganzen Gebäudes charakterisiren. Auf einigen Treppen stieg man auf die zweite Terrasse, auf welche wieder eine Galerie folgte, die auch eine Wand nach aussen hatte. Es sind im Ganzen zwölf Terrassen, und das Gebäude erlangt hierdurch die Höhe von ungefähr 50 Metern über dem Fuss des Berges. Diese Terrassen oder Galerien sind mit hundert Gruppen von Basreliefs verziert, in welchen Buddha meistens der Mittelpunkt der verschiedensten Scenen ist. Zahlreich sind die Nischen, in welchen er sitzt, und ebenso zahlreich sind die kleinen Kuppeln mit diesem Gotte.

Ein feenhafter Anblick war es für mich späterhin, wenn ich Abends dahin ging und der Mond den ganzen Tempel in seine silbernen Strahlen hüllte. Es war ein Zauberschloss, aus welchem von allen Seiten, von allen Ecken und Winkeln das sanfte, ruhige Antlitz des Gottes Buddha auf uns niederblickte.

Auf der Spitze des Tempels stand die grösste Kuppel von 3,6 Meter Höhe und 9,9 Meter Breite. Sie hatte eine Spitze von 9 Meter Höhe, darin war ein rundes Zimmer, in welchem früher wahrscheinlich das grösste Buddhabild, das Allerheiligste, gestanden hat.

Ich kann mich unmöglich in eine weitere Beschreibung dieses Riesentempels einlassen; die Photographie desselben ([Fig. 27]) möge dem freundlichen Leser einen schwachen Ersatz dafür bieten, und möge er mit mir die hohe Kunst der Javanen bewundern, die vor tausend Jahren geblüht und heute unter den fanatischen, kunstfeindlichen Bekennern des Islams beinahe bis auf das Niveau der Naturvölker gesunken ist.

Rhaden Saleh, dessen Mutter ich in Magelang behandelte, ist, wenn auch ein bedeutender Maler, doch der einzige Künstler, welchen Java in der Gegenwart aufweisen kann, natürlich, wenn wir von den dort lebenden Europäern absehen.


Am 2. August des Jahres 1894 war eine andere grosse Gesellschaft bei mir versammelt; es wurde 8½ Uhr, und Alle waren in so fröhlicher Laune, dass Niemand daran dachte, nach Hause zu gehen, und man das holländische Volkslied anstimmte: »Wir gehen noch lange nicht nach Haus«. Die Stunde des Nachtmahles war herangerückt, und eine Lehrerin stellte den Antrag, ein Picknick zu improvisiren, dass Jeder sein Nachtmahl in mein Haus bringen lasse, um auf diese Weise der Hausfrau ihr Amt zu erleichtern. Mit lautem Hurrah wurde dieser Vorschlag angenommen, und um 9½ Uhr sollten wir zu Tisch gehen; aber o weh! die zurückgebliebenen Gäste waren 13! Da die eine Lehrerin aufs Bestimmteste behauptete, unter solchen Verhältnissen nicht zu Tisch gehen zu wollen, liess ich meine Equipage anspannen und fuhr in den Officiersclub, der voraussichtlich noch nicht geschlossen sein würde. Ich täuschte mich nicht. Der erste Herr, welcher mir entgegentrat, war Lieutenant d’A..., welchem ich die Schwierigkeit meiner Lage auseinandersetzte und die Bitte vortrug, eine so verspätete Einladung anzunehmen; er fuhr mit mir nach Hause und — drei Wochen später war er todt!

Es war nämlich der Krieg mit Lombok[195] ausgebrochen und die Truppen waren zum grössten Theil aus der Garnison von Magelang genommen. Lieutenant d’A... war eines der ersten Opfer, welche der Leichtgläubigkeit des Truppen-Commandanten zum Opfer gefallen waren.

Die Sássak hatten schon zu wiederholten Malen bei dem Residenten von Buleléng (auf der Insel Bali) über den Despotismus ihres Fürsten geklagt. Alle Vorstellungen der holländischen Regierung, seinen mohamedanischen Unterthanen, den Sássakern nämlich, einen erträglichen Zustand zu gönnen, wie sie ihn bei ihren Glaubensgenossen auf Java und Bali kannten, fanden immer ein zustimmendes »Ja-Ja«; aber eine Veränderung brachte der Fürst weder in den politischen noch in den socialen Verhältnissen der Sássak, und am 24. Juli 1893 liess er selbst einen Controlor sechs Tage lang in Ampenan warten, um die Nachricht ihm zukommen zu lassen, dass er weder ihn, noch einen Brief empfangen wolle. Endlich musste Holland sich zur That aufraffen und organisirte 1894 eine Expedition, um unter dem Schutze von zwei Bataillonen Soldaten den Fürsten von Lombok zu einer thatsächlichen und radikalen Reorganisation seines Reiches zu zwingen. Unter dem Commando des Generals Vetter, dem der Resident Dannenborgh als Civil-Commissar und General van Ham als Stellvertreter zugetheilt wurde, zogen zwei Bataillone, also ungefähr 1000 Mann, nach Lombok (6. Juli 1894). Sie wurden aus der Garnison von Magelang genommen. In gehobener Stimmung marschirten sie aus ihren Casernen, am Ende der Stadt erwartete sie eine Commission von Bürgern, mit dem Residenten A. an der Spitze. Die Soldaten erhielten Cigarren, Bier und Genevre, und den Officieren sprach man bei einem Glase Champagner ein herzliches Lebewohl zu, ein dreimaliges Hurrah auf die Gesundheit der Königin-Wittwe schloss diese ergreifende Scene, und unter den Klängen eines Marsches zogen die Soldaten zu Fuss nach Willem I, wo sie ebenfalls festlich empfangen wurden. Am andern Morgen gingen sie per Eisenbahn nach Samarang, wo sie sofort nach der Rhede marschirten, um sich zur Reise nach Lombok einzuschiffen.

Mehrere Bivouacs wurden errichtet: auf dem Landungsplatz Ampenan, in der Hauptstadt Mataram und in der Fürstenstadt Tjakra negara. Es geschah, was zu erwarten war. Der Fürst erklärte sich zu allem bereit, was die holländische Regierung zu Gunsten der »armen Sássaker« verlangte; er trat in Unterhandlung und verkehrte sehr gemüthlich und freundschaftlich mit den Führern der Expedition, liess sich selbst Arm in Arm mit dem General Vetter photographiren und zog die Verhandlungen so in die Länge — bis alles zur Vernichtung der holländischen Armee vorbereitet war.

Am 26. August, es war ein Sonntag, schickte der Commandant der Marinetruppen ein Telegramm nach Batavia, dass ein bedeutendes Gewehrfeuer auf Lombok gehört werde. Ein zweites Telegramm meldete, dass ein Kahn mit der Nachricht von einem Massacre angekommen war, und dass er sofort die Marine zu Hülfe schicken werde, und am 27. August kam die Trauermär, dass in der Nacht vom 25. auf den 26. August ein Ueberfall der Lomboker stattgefunden habe, bei welchem beinahe die ganze Armee aufgerieben wurde. Das 7. Bataillon lagerte zwischen Mataram und Tjakra und bekam die volle Ladung aus erster Hand. Ahnungslos lagen die holländischen Soldaten zwischen den niedrigen Lehmmauern, als aus Hunderten von Oeffnungen von beiden Seiten ein mörderisches Feuer begann; auf der Flucht durch Mataram war derselbe schaurige Höllenlärm, und erst ausserhalb der Stadt konnten sich die Truppen zur kunstgemässen Vertheidigung vereinigen. Das 6. Bataillon verliess sofort sein Bivouac und besetzte die leerstehende »Puri«, in welcher es sich zwei lange Tage und drei Nächte ohne Wasser befand und nur von den wenigen Speisen lebte, welche die Soldaten in ihren Beuteln mitgenommen hatten. Major B. war Bivouacs-Commandant. Am Abend des 25. August ging er allein, wie er mir später erzählte, längs der Schildwachen spaziren und sah plötzlich einen Lomboker vor sich stehen, welcher ihm mit geheimnissvoller Stimme zuflüsterte, ihm zu folgen; er wolle den tuwan Major zu einem reizenden Mädchen bringen, welche alle Bewerbungen bis jetzt verschmäht habe und nur einem »hohen« Manne ihre jungfräulichen Reize opfern wolle. Zwei Stunden später begann das Schiessen; Major B. liess sofort die zurückgebliebenen Truppen in Alarmstellung treten und pries das Geschick, dass er dem Sirenengesang dieses Verräthers nicht Gehör gegeben hatte. Ein Schrei der Entrüstung über die Sorglosigkeit und Leichtgläubigkeit der Anführer übertönte den Jammer der zurückgebliebenen Frauen und Kinder der Officiere und Soldaten in Magelang. Als die lange Liste der Verwundeten und Todten an der Mauer des Clubs angeschlagen wurde, da entlockte der Schmerz um den gefallenen Freund mir und jedem anderen Menschenfreunde vielleicht zu scharfe, aber doch verdiente Verwünschungen und Flüche über den Vertrauensdusel von Männern, welche sich, an die Spitze eines Feldzuges gerufen, wie kleine Kinder mit allen ihren Truppen in die Falle eines schlauen und verrätherischen Fürsten locken liessen. Zwei Damen fuhren sofort nach Surabaya, um dem Kriegsschauplatze näher zu kommen und die Ankunft ihrer Männer abzuwarten; die übrigen blieben in Magelang und zählten die Stunden, bis sie die Detailberichte von ihren Männern erhalten konnten. Die Frau des Capitäns K. war die Unglücklichste, der Name ihres Mannes stand mit dem eines Arztes und eines Lieutenants auf der Liste der Vermissten. Der Gouverneur-General van Wyk schickte sofort Ersatztruppen, zu denen von Magelang das 2. Bataillon gehörte. Wiederum geleitete eine Commission die Truppen bis an das Ende der Stadt, und wiederum leerte der Resident A. ein Glas Champagner auf das Wohl der Truppen, welche diesmal ihre durch den Verrath eines treulosen Fürsten gefallenen Kameraden rächen sollten. Ich bedauere, nicht ein Maler gewesen zu sein, um eine Scene zu zeichnen, welche mich damals mächtig erschütterte und so ergriff, dass ich trotz aller Mühe die Thränen nicht unterdrücken konnte. Der Ausmarsch der Truppen aus den Casernen war begleitet von lautem Jubel und Trompetenschall, besonders die Compagnie der Amboinesen gab durch laute Rufe ihrer Freude Ausdruck, für Vaterland und Königin den Tod ihrer Kameraden und ihrer Freunde rächen zu dürfen. Eine grosse Menschenmenge umstand das Exercierfeld vor der Caserne, und in lauter Aufregung rief die Menschenmasse ein Glückauf den braven Soldaten zu, welche ihr Leben opfern gingen, um die erlittene Schmach auszulöschen — und im Hintergrunde sass auf der Treppe ihrer Wohnung die Frau des Capitäns K., in thränenlosem dumpfen Schmerz versunken, brütend über die Qualen und Martern, mit welchen ein grausamer, verrätherischer Feind ihren Mann in diesem Augenblicke foltern würde. Sie war eine schöne, stattliche Dame und sass in ihrem Schmerze gebrochen auf der Treppe. Dort zog eine jubelnde Schaar kräftiger, lebenslustiger Männer, begleitet von ihren Freunden, von Frau und Kindern, und hier sass verlassen und einsam mit starrem, angstvollem Blick wie eine Niobe eine unglückliche Frau, welche das Schrecklichste für ihren in den Händen eines Eingeborenen befindlichen Mann fürchtete.

Die braven Soldaten hielten ihr Wort: Mataram und die Fürstenstadt Tjakra negara wurden erobert, ihre Mauern niedergerissen und die Schatzkammer nach Holland gebracht. Der Fürst wurde nach Batavia verbannt, wo er auch nach kurzer Zeit starb.

Die zahlreichen Verwundeten, sowie die durch andere Krankheiten erschöpften und invaliden Soldaten wurden mit einem Dampfer der indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft zunächst nach Surabaya gebracht. Hier hatten sich natürlich ebenfalls Commissionen aus den Bürgern gebildet, um den Opfern des Krieges bei ihrer Ankunft Cigarren, erfrischende Getränke, Briefpapier und Couverts u. s. w. zu geben, und auch das Rothe Kreuz betheiligte sich mit Lust und Eifer an diesem menschenliebenden Werke. Sobald es der Zustand der Patienten erlaubte, wurden sie nach dem Gesundheits-Etablissement im Tengergebirge evacuirt, wo sie sich in der Regel sehr bald von den überstandenen Miseren erholten. So dauerte es einige Wochen, selbst oft zwei bis drei Monate, bis sie sich so weit erholt hatten, dass sie auf ihr Verlangen wieder nach Lombok geschickt werden, oder aber nach Magelang zurückkehren konnten, wo Viele ihre »Frauen« und Kinder wieder fanden. Es wurde nämlich, wie bei jedem Feldzuge, beim Abmarsch der Truppen nach Lombok nur 20 Soldaten pro Compagnie, also ungefähr 12%, gestattet, ihre Haushälterinnen mitzunehmen. Wie ich schon an anderer Stelle mittheilte,[196] hat man kein Recht, von einem anderen Standpunkte als von dem der geschlechtlichen Moral diese Frauen zu verurtheilen. Wenn auch die Haushälterinnen der Officiere ihre »Männer« manchmal in allem Thun und Lassen, in ihrem Denken und Fühlen auf das Niveau eines Eingeborenen bringen, so sind, wie die Erfahrung lehrt, die Haushälterinnen der Soldaten geradezu ein nothwendiges Element der Disciplin. Die wenigsten Strafen haben Soldaten, welche eine Haushälterin haben, und am wenigsten dem Alcohol ergeben sind jene europäischen Soldaten, welche die »Njai« (mit oder ohne Kind) zwingt, von ihrem Solde einige Cents täglich zum gemeinsamen Haushalte abzutreten. Nebstdem giebt es ja viele »Soldatenfrauen«, welche mit den eingeborenen Soldaten gesetzlich verheiratet sind.

Die zurückgebliebenen »Frauen« waren gewissermaassen versorgt; sie konnten in der Caserne wohnen bleiben und erhielten pro Tag ½ Kilo Reis und 3 (?) Decagramm Salz. Ein Lieutenant führte das Commando über die Frauencompagnie, d. h. er überzeugte sich täglich von ihrer Anwesenheit, bei welcher Gelegenheit sie militärmässig vor ihrem Bette standen und die Frau eines Sergeanten über die Vorfälle der letzten 24 Stunden rapportirte. Nebstdem nahm sich die Frau eines Hauptmanns der Intendantur, welcher Verwalter des grossen Militärspitales war, der verlassenen Frauen und Kinder an; sie sorgte, dass die Kinder regelmässig die Schule besuchten, dass sie von Zeit zu Zeit ihrem Vater einen Brief schrieben, dass von dem errichteten »Lombokfonds« die verwaisten Kinder mit Kleidern und Wäsche unterstützt wurden, dass die zurückgekommenen halbinvaliden Soldaten mit Bier, Wein, Cigarren u. s. w. bewirthet wurden und, last not least, dass die zurückgebliebenen Frauen sich nicht der officiellen Prostitution in die Arme warfen. Unterstützt wurde sie in ihrem humanen Werke von einem Missionare der Sabbatarier, welcher kurz vorher, von einigen holländischen Damen reichlich unterstützt, nach Indien gekommen war, um die Moral der europäischen Soldaten auf ein höheres Niveau zu bringen, als sie bis jetzt hatten. Die Basis seines Thuns und Lassens war, die Macht des Alcohols und der eingeborenen Frau zu brechen. Zu diesem Zwecke errichtete er am nördlichen Ende der Stadt ein Clubgebäude für die Soldaten, in welchem zahlreiche illustrirte Blätter auflagen und Kaffee, Thee, Chocolade, Limonade u. s. w. für einen sehr mässigen Preis zu bekommen waren. Diese Concurrenz der militären Cantine hatte Erfolg; es waren genug Soldaten, welche dem Alcohol in jedweder Form aus dem Wege gehen wollten; wenn man auch in der Cantine Limonade, Syrup und Mineralwasser erhielt, so war es doch sehr schwer, und für willensschwache Individuen geradezu unmöglich, dem Alcohol fern zu bleiben. (Sagte mir ja selbst ein deutscher Militärarzt, dass er sich dem allgemeinen Gebrauch des Genevre nicht entziehen konnte, weil er damit den Schein auf sich genommen hätte, den holländischen Collegen und übrigen Clubgenossen den Gebrauch des Genevre als Untugend vorzuwerfen.) Es herrschte also in seinem Club ein ruhiger und gelassener Ton, und dieser Theil seines Strebens und Wirkens hatte gewiss die Sympathie jedes unbefangenen Beurtheilers der herrschenden Verhältnisse.

Der zweite Punkt seines Programmes ist jedoch nicht frei von Einwand. Die Ertödtung der fleischlichen Gelüste der ledigen Soldaten hätte er nicht anstreben sollen; wenn der Herr van der St... seine Anhänger veranlasst hätte, mit den Töchtern des Landes eine Ehe einzugehen, so hätte er weder gegen die heiligen Gesetze der Natur, noch gegen die christliche Religion gesündigt; er aber verkündigte nur die Schändlichkeit des unehelichen Lebens mit den Eingeborenen.

Von der grossen Truppenzahl, welche in Magelang lag, also von ungefähr 4000 Mann,[197] hatten nur 13 diesen Theil des Programms angenommen, und mein Berichterstatter selbst machte mir den Eindruck, dass diese gewaltsame Unterdrückung des Geschlechtstriebes nur auf Kosten der Gesundheit, d. h. gegen Tausch mit dem ekelhaften Laster der Onanie erfolgt war. Ich muss aber bekennen, dass der Herr van der St... praktisch und tolerant genug war, Jedermann die Thore seines Tempels zu öffnen, und die Zahl der Besucher war so gross, dass gewiss sein Clubgebäude im Laufe der Zeit zu klein wurde. Ja noch mehr; er nahm sich jener Kinder an, welche der Vereinigung der Soldaten mit den eingeborenen Frauen ihr Dasein verdankten, und sorgte mit seiner Schwester für ihre Erziehung und für ihren Unterricht, wenn der Vater durch Krankheit oder durch den Tod seinen Pflichten nicht gerecht werden konnte. Leider kam er dabei in Conflict mit den Gesetzen des Unterrichts. Eine gewisse Zahl von Kindern darf nur von einem diplomirten Lehrer Unterricht erhalten; er wurde also gezwungen, alle seine Schutzbefohlenen die öffentliche Schule besuchen zu lassen, da er nicht im Stande war, für sie einen diplomirten Lehrer anstellen zu können. Jetzt machte sich wieder eine andere Schwierigkeit geltend. Er war Sabbathist und hielt als solcher den Sonnabend und nicht den Sonntag für den von Gott festgestellten Ruhetag; demzufolge liess er alle seine Zöglinge Sonnabends die Schule nicht besuchen. Da der Unterricht in Indien confessionslos ist und unmöglicher Weise eine solche Störung des Unterrichtes gestattet werden konnte, musste er den Staatsgesetzen sich fügen und seine Pfleglinge Sonnabends in die Schule gehen lassen. Seine Arbeit war mir auch so sympathisch, dass ich im September des Jahres 1896 keinen Augenblick zögerte, durch meine Unterschrift das segensreiche Unternehmen des Herrn v. d. St... zu empfehlen und die Stiftung eines Vereins zu veranlassen, der die verlassenen Soldatenkinder und Soldatenfrauen zu nützlichen Gliedern des Staates erziehen sollte. Dieser Verein sollte allen hülfsbedürftigen Soldatenkindern ohne Unterschied der Religion zur Seite stehen und die Erziehung eine christliche resp. protestantische sein.

Die herrschende Religion in Indien ist — der Indifferentismus.

Zahlreiche Juden befinden sich in der indischen Armee, im Corps der Beamten, im Handel und unter den Pflanzern; es besteht jedoch keine einzige jüdische Gemeinde, kein einziger jüdischer Tempel, und es ist mir nicht bekannt, dass die rituellen Speisegesetze und die schönen Familienfeste der Juden jemals in Indien gehalten wurden.

Die Protestanten sind am zahlreichsten vertreten; aber die orthodoxen, »die feinen« Protestanten, sind eine kleine, sehr kleine Schaar. Die Regierung muss sich ja in religiösen Angelegenheiten nicht nur wegen der Staatsgrundgesetze, sondern auch wegen der Millionen Mohamedaner und Tausende von Heiden, über welche sie herrscht, jeder religiösen Propaganda enthalten. Die Art und Weise, wie sie sich gegen die Missionare der verschiedenen Religionen benimmt, kann geradezu mustergiltig genannt werden; sie hindert nicht im geringsten Grade die Freiheit der Religionen und ihrer Missionare; sie tritt aber überall jedem Zelotismus entgegen und duldet nicht den geringsten Uebergriff, von welcher Seite er auch kommen möge. Die Zahl der Protestanten ist, wie gesagt, sehr gross; wenn eine Regierung keinen grossen Eifer in religiösen Angelegenheiten zeigt, so ist auch die grosse Masse des Volkes indifferent, und vielleicht ist dieses eine der Ursachen, dass sich trotz der grossen Zahl der Protestanten kein reges, religiöses Leben in Indien offenbart. Nur zu oft geschah es, dass ein sterbender Kranker um die Ankunft eines »Domine« ersuchen liess, was, wie wir sofort sehen werden, bei den »Katholiken« niemals nöthig war, weil der »Pastor« täglich das Spital besuchte. Nur zu oft konnte dem Verlangen eines sterbenden Protestanten nicht entsprochen werden, weil der »Domine« sich in Djocja aufhielt und nur alle 14 Tage einmal nach Magelang kam, um etwaige Taufen u. s. w. vorzunehmen. Uebrigens ist der »moderne Domine« ein unglückseliges Mittelding zwischen Seelsorger und Geistlicher. Wissenschaft und Glauben lassen sich theilweise vereinigen; der »moderne Domine« leugnet dieses. Ich hörte einen solchen Domine an die Soldaten, ich möchte sagen im Angesicht des Feindes, eine akademische Rede halten, dass Jesus »ein braver Mann und nichts mehr als ein braver Mann gewesen sei«; ich ärgerte mich über diesen Mann, der zu den Soldaten, welche jeden Augenblick des Ausmarsches gegen den Feind gewärtig sein mussten, nichts anderes zu predigen wusste, als dass Jesus ein braver Mensch gewesen sei. Ihm stand jedoch die Wissenschaft höher als der Glaube, so dass er nicht einmal zu den Soldaten auf dem Kriegsschauplatze etwas anderes als über den Werth der Wissenschaft zu sprechen wusste. Dieser Mann hatte seinen Beruf verfehlt.

Darum ist der Indifferentismus der Protestanten[198] in Indien gross. An einigen hohen Feiertagen gehen sie in die Kirche, wenn eine solche existirt, im Uebrigen denken sie weder an Gott noch an die Bibel.

Die Katholiken sind an Zahl eine viel kleinere Gemeinde, aber sie sind reger und unternehmender; in Magelang hatte »der Pastor« ein eigenes Haus und eine kleine Kirche; zahlreich sind diese über ganz Java zerstreut. Der Sitz des Bischofs von Mauricastro ist Batavia mit einer schönen Pastorie auf dem Waterlooplatze. Selbst in Atschin ist eine »Pastorie«, und der Pastor Verbaak dient dort schon seit mehr als einem Jahrzehnt, geehrt und geachtet von Freund und Feind.

Die Mohamedaner sind in Java in grosser Zahl unter den Soldaten vertreten; von ungefähr 17000 eingeborenen Soldaten sind nur circa 1800 Christen, und zwar 12 Compagnien ambonesischer Soldaten (aus den Molukken). In der civilen Bevölkerung Javas ist der Islam die vorherrschende Religion; ungefähr 50000 Europäer und Halbeuropäer, 220000 Chinesen u. s. w. stehen circa 22 Millionen Mohamedanern gegenüber, wovon circa 11000 Araber und 5000 Armenier und Türken ihre Heimath ausserhalb Javas haben.

Auch unter den mohamedanischen Soldaten ist die Basis ihrer Religion Indifferentismus mit einem starken Beigeschmack von Fatalismus. Tuwan Allah Kassih = Gott hat es gegeben, ist das Um und Auf ihrer Lebensphilosophie. Ich habe niemals einen eingeborenen Soldaten die vorgeschriebenen religiösen Uebungen halten gesehen; bei der Geburt eines Kindes, beim Tode seiner Frau oder bei der Hochzeit seiner Tochter giebt er ein Salâmatan,[199] dem ein »Hadji« präsidiren und durch das Ableiern einiger arabischer Segenssprüche die nöthige Weihe geben muss; natürlich unterwerfen sie sich der Beschneidung, enthalten sich des Genusses des Schweinefleisches und trinken manchmal Schnaps, Bier oder Wein, ohne aber Missbrauch davon zu machen; d. h. wenn bei gewissen Gelegenheiten ein »Freischnaps« gegeben wird, finden sich immer einige eingeborene Soldaten, welche davon Gebrauch machen.

Der Javane ist nur ausnahmsweise ein Zelote; mein Kutscher z. B. war in jeder Hinsicht ein rechtgläubiger Mohamedaner, er ass kein Schweinefleisch, er trank keinen Alcohol, selbst wenn er ihm als Medicament von mir gegeben wurde. Aber das Gebot »Du sollst zu Gott, dem Herrn, fünfmal des Tages beten« befolgte er nicht, denn es kostet viel freie Zeit, dieser Vorschrift gerecht zu werden; er muss sich vor dem Gebete reinigen, weil man sich nicht im unreinen Zustande Gott nähern dürfe. Auch dieses Bad ist mit strengen Regeln verknüpft, so dass man also, wie erwähnt, sehr viel freie Zeit, wie z. B. ein Hadji, oder ein Hausirer haben muss, welcher durch die Heuchelei seiner ausserordentlichen Frömmigkeit kauflustige Dorfbewohner locken will. Sein Glaube ist ja nicht echt; er hat noch den ganzen Aberglauben der alten Hindureligion, gerade wie die Mythologie der alten Indier in allen ihren Heldenliedern und ihren Wâjangs Kulit fortlebt. Aber die äusseren Ceremonien befolgt er gern, so lange sie ihm nicht zu unbequem sind, z. B. er wird kein Huhn von unbefugter Hand schlachten lassen, wenn ein Mann bei der Hand ist, der das für diese Operation angewiesene Gebet sagen kann. Ist ein solcher Dorfpriester aber nicht bei der Hand, wird er — das Huhn essen, auch wenn es nicht rituell geschlachtet wurde. Dasselbe gilt von den Salâmatans. Diese werden bei allen Phasen des täglichen, gesellschaftlichen und Familienlebens gegeben, und es erhält der Dorfpriester (modin) die Einladung, um bei dem Festmahle gegenwärtig zu sein, welches zu Ehren eines neugeborenen Kindes, des Baues eines neuen Hauses, beim Anlegen eines neuen Reisfeldes u. s. w. gegeben wird. Dieses Fest wird durch ein Gebet des Hadjis eingeleitet, und treuherzig sagen die Anwesenden bei jeder Pause ihr deutliches und lautes Amin, amin, obwohl sie kein einziges Wort von demselben verstanden haben; es ist ihnen auch gleichgiltig, was der Priester bei dieser Gelegenheit vor sich hinbrummt, wenn dieser nur in deutlicher und vernehmbarer Sprache den Anlass des Festes mitgetheilt hat, so dass Allah darüber keinen Augenblick den geringsten Zweifel hegen kann. Im Allgemeinen kümmert er sich auch mehr um die bösen Geister als um Tuwan Allah (Gott den Herrn), weil dieser gut und weise ihm nicht schadet, jene aber durch Geschenke (Opfer) bestochen werden müssen, um ihn nicht zu verfolgen. Helfen bei Krankheiten diese Opfer nicht, dann muss List gegen List gebraucht werden. Ist z. B. ein Kind krank und gelingt es der Dukun nicht, es zu heilen, so macht sie eine Puppe z. B. aus einem Stück eines Pisangstammes, welche mit alten Lappen umgeben wird. Diese Figur wird eine Zeit lang vor dem Hause des kranken Kindes liegen gelassen und hierauf begraben, um den bösen Geist glauben zu lassen, dass das Kind seinen Leiden schon erlegen sei, so dass seine Bemühungen schon überflüssig seien. Ein anderer, häufig angewendeter Streich ist folgender: Der Vater geht nach dem Brunnen, wo das Kind nach seiner Ansicht sich erkältet oder im Allgemeinen seine Erkrankung sich zugezogen hat; an dieser Stelle zündet er Weihrauch an, um den »bösen Geist« auf sich aufmerksam zu machen, öffnet seinen Gürtel und lässt das eine Ende ins Wasser fallen; ohne das andere Ende des Riemens loszulassen, entfernt er sich von diesem vom Teufel verhexten Orte (angkon), und zwar in einer der Wohnung des kranken Kindes entgegengesetzten Richtung; der böse Geist verliert dadurch die Spur des Kranken und — dieser ist gerettet.

Fig. 27. Totalansicht des Buru Budur.

Im Allgemeinen wird man nicht fehl gehen, wenn man die Quelle aller abergläubischen Gebräuche und Sitten in dem Hinduglauben der Vorväter suchen wird; aber ein kleiner Theil derselben ist auch ein Importartikel der Araber, und noch mehr der Hadjis. Diese Hadjis sind ja keine Priester stricte dictu; es sind nur Mekkapilger, welche auf ihrer Reise nach Mekka mit Mohamedanern der ganzen Welt verkehrt hatten und durch den Contact mit gleich wenig geschulten und gebildeten Männern im Austausch der gegenseitigen Anschauungen in erster Reihe das Mystische und Transcendentale angenommen haben und erst in zweiter Reihe das Positive und Rationelle des mohamedanischen Glaubens nach Hause mitnehmen. Dadurch sind sie auch gefährliche Elemente der Javanen geworden; ob aber die indische Regierung keinen Missgriff begangen hat, die Pilgerfahrt nach Mekka zu erleichtern, ist noch eine offene Frage. Je mehr Hadjis nach Java kommen, desto kleiner sollte ihr Einfluss werden; denn der Nimbus schwindet in demselben Verhältnisse, als die Zahl der Würdenträger zunimmt; die Erfahrung scheint jedoch damit nicht übereinzustimmen. Im Jahre 1888 war ein Aufstand in Bantam, der gerade durch den Einfluss der zahlreichen Hadjis entstanden war, um das »verhasste Joch der Kafirs« abzuschütteln; die Wohlfahrt des Landes, die Sicherheit des Eigenthums und der Personen, welche der Eingeborene unter der Regierung der Holländer geniesst, vergisst der Hadji, wenn er den Prang sabib (den heiligen Krieg) predigt; aber die grosse Menge der Javanen ist sich dieser Wohlthaten bewusst. Darum gelingt es niemals diesen unruhigen Friedensstörern, ein grösseres Feld für ihre Hetzereien zu finden. Seit dem grossen Javakrieg war niemals eine Provinz (Residentie) oder auch nur ein grosser Bezirk auf Java in Aufstand gegen die holländische Regierung; immer waren es nur einzelne Kampongs, welchen die Hadjis einen solchen Hass gegen die Europäer einimpfen konnten, dass sie zu den Waffen griffen. Leider scheint der türkische Consul das Treiben der mohamedanischen Priester wenn auch nicht gerade zu ermuthigen, so doch sicher auch nicht zu tadeln, obzwar die holländische Regierung den Islamismus in jeder Hinsicht unterstützt und hoch hält. Es sind ja ungefähr 15000 mohamedanische Religionsschulen auf Java mit ungefähr 230000 Schülern; also 1% der Bevölkerung lernt in solchen Schulen Schreiben (die arabische Schrift), etwas Rechnen, einzelne Capitel aus dem Koran; nebstdem giebt es auch zahlreiche Priesterschulen, in welchen die Liturgie, Dialektik und Moral des mohamedanischen Glaubens ausführlich gelehrt werden.

Die Stellung dieser Priester ist in den Dörfern keine lucrative, weil eben der Javane ausser bei festlichen Gelegenheiten seinem Seelsorger keine Geschenke giebt. Der Priester muss also theilweise selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen, und zwar durch Handel oder Landbau. Am meisten wird der Puasa oder der Fastenmonat gehalten, und am Ende desselben bringt wohl Jedermann seine Pitra dem Geistlichen des Dorfes. In Magelang sollte im Jahre 1895 die Moschee einen Neubau erhalten; der Kirchenrath fand es nicht rathsam, dafür die eigene Kasse in Anspruch zu nehmen. Bald wurde es jedoch bekannt, dass Jedermann ein gottgefälliges Werk ausüben und sicher einige Sprossen auf der Leiter zum Himmel erobern könne, wenn er sich an dem Bau betheiligte. Ich hatte damals eine Köchin, die vielleicht 60 Jahre alt war. Wenn um 1 Uhr Nachmittags und um 8 Uhr Abends ihre Arbeit beendigt war, ging sie mit einem kleinen Korbe hinab an die Ufer des Progoflusses, füllte ihn mit Steinen und brachte sie auf den Bauplatz der Moschee und warf jedesmal einen Duit (= ⅚ Cent) in die grosse, hölzerne Kiste, welche zu diesem Zwecke als Opferstock am Eingang der Moschee stand; dasselbe thaten meine übrigen Bedienten.

Das sind natürlich Ausnahmefälle, welche die Regel bestätigen, dass auf Java die Hadjis in den Dörfern von den Liebesgaben ihrer Schutzbefohlenen nicht leben können.

Ich muss noch bemerken, dass über ganz Java Volksschulen verbreitet sind, welche sich wesentlich von jenen oben erwähnten unterscheiden, welche quasi reine Religionsschulen sind. Die Kinder der Häuptlinge besuchen oft die Volksschulen der Europäer (im Jahre 1887 waren nach »Schulze’s Führer auf Java« 256 Eingeborene unter 8500 Schülern aller Volksschulen), während für das Gros der Eingeborenen sich zahlreiche Schulen befinden, in welchen Rechnen, Lesen und Schreiben, etwas Naturkunde, Geographie und Geschichte von Ostindien, Zeichnen und Singen gelehrt werden. Ich selbst habe zu wiederholten Malen Bediente gehabt, welche schreiben und lesen konnten. Wie viel Analphabeten Java in seiner Einwohnerzahl von ungefähr 25000000 besitzt, lässt sich nicht einmal annähernd angeben. Diese Zahl kann nicht klein sein, weil erst die gegenwärtige Generation unter dem Einflusse der neuen Schulen steht und bei deren Entstehen nicht sofort alle Kinder daran theilnahmen.

Nebstdem wird ein höherer Unterricht an die Söhne von Häuptlingen ertheilt, welche das Cadre der künftigen Beamten bilden sollen. Leider muss auch von diesen Schulen gesagt werden, dass die indische Regierung im Unterrichtswesen der Eingeborenen des Guten zu viel gethan hat; es wird z. B. in den Schulen für eingeborene Lehrer viel zu viel auf die naturwissenschaftlichen Fächer verwendet — ich sah ja im Seminarium zu Bandjermasing ein vollständig eingerichtetes chemisches Laboratorium —, und in der Schule für die Söhne von Häuptlingen in Magelang wird — Nationalökonomie docirt!! Der dafür angestellte Doctor der Rechte versicherte mir zwar, dass diese Schüler der holländischen Sprache vollkommen mächtig seien; aber auf meinen Einwand, dass solche abstracte Theorien in dem Gehirn eines Javanen noch keinen Platz hätten und von den 16–18jährigen Burschen unmöglich verdaut werden könnten, konnte er mir nur entgegnen, dass in seinen Vorträgen mehr der politischen Organisation gedacht werde, obwohl er für die Nationalökonömie angestellt worden sei.

Der Vollständigkeit halber muss ich auch die im ersten Bande: Borneo erwähnten Doctor-djawa-Schulen für eingeborene Aerzte und die Schule der ambonesischen Christen in Magelang anführen.

Heiden hat die Insel Java nur sehr wenige; im Osten Javas sind die Bewohner des Tenggergebirges, ungefähr 4000, und im Westen auf dem Berge Kentjana ungefähr 2000 Seelen, welche dem Hinduglauben treu geblieben sind. In der Armee ist gegenwärtig die Zahl derselben sehr klein, weil die africanischen Compagnien aufgehoben wurden, und die Mohren, welche kein Verlangen hatten, in ihre Heimath zurückgesendet zu werden, siedelten sich in der Provinz Bageléen an.


Nach der Eroberung von Tjákranegára kehrten die Truppen denselben Weg zurück, den sie bei ihrem Auszuge genommen hatten. Das Schiff brachte sie nach Samarang, dort bestiegen sie die Eisenbahn, und 4 Stunden später kamen sie in Willem I an, wo sie ebenso herzlich als in Samarang begrüsst wurden. Am andern Tage gingen sie zu Fuss bis nach Pringsurat, wo für durchgehende Truppen ein ständiges Gebäude bestand. Da ein Marschtag 27 Kilometer beträgt und dieser Ort von Magelang 25 Kilometer entfernt ist, so konnten sie zwischen 9 und 10 Uhr in ihrer Garnison anlangen. Auf dem grossen Exercierplatz zwischen der Caserne wurden aus Bambus Hallen gebaut, und Jung und Alt, Arm und Reich war schon um 8 Uhr auf diesem Felde versammelt, um die wackeren und braven Soldaten zu begrüssen. Es war schon 10 Uhr, als die ersten Töne der Militär-Musik an unsere Ohren drangen, und lauter und immer lauter wurde der Jubel, als die Truppen zwischen den Häusern der Officierpavillons erschienen. Es war ein trauriger Anblick, und manches Herz erzitterte bei dem Gedanken, wie viel Elend und Entbehrung diese jungen Männer gelitten haben mussten, dass sie so schmutzig, so blass und so verfallen aussahen. Dennoch hatte Niemand mit ihnen Erbarmen; von Allen, die durch ihre Stellung sich berechtigt hielten, eine Ansprache zu halten, wollte kein Einziger seine schönen Worte der Menschheit vorenthalten, und so mussten diese durch Krankheit und den Marsch von 25 Kilometern ermüdeten und erschöpften Soldaten noch eine ganze Stunde lang in »Habt Acht«-Stellung den gewiss gut gemeinten, aber auch recht unzeitgemässen Redestrom über sich ergehen lassen. Endlich hatte der letzte Redner sein Hip-hip Hurrah donnernd ihnen zugerufen; das Commando: Eingerückt, marsch! erscholl, und sie zogen in ihre Caserne, wo eine Tafel für sie hergerichtet stand, und umgeben von ihren Frauen, Kindern und Freunden vergassen sie alles Leid, das sie erlitten, und alle Entbehrungen, die sie erschöpft hatten. Die Reaction blieb natürlich nicht aus. Am nächsten Tage kamen Viele ins Spital, und schon am zweiten Tage war das Spital überfüllt. Hatte die Erwartung, ihre Garnison, ihre Freunde, Frau und Kind wiedersehen zu können, sie während ihrer Reise »auf den Beinen erhalten«, so forderte nach dem Rausche der ersten Freude des Wiedersehens die Erschlaffung der überspannten Nerven ihr Recht. Die grösste Zahl bestand aus Erkrankungen des Darmes und Fieberpatienten, die Zahl der Dysenteriefälle und der Leberabscesse überstieg alle, welche ich seit meinem Aufenthalte in Borneo (1877–80) beobachtet hatte. Im Jahre 1880 herrschte im Südosten dieser Insel eine heftige Dysenterie-Epidemie. Unter dem Drucke der herrschenden Verhältnisse konnte ich nicht mehr thun, als dem Häuptlinge des Districtes und den beiden dort weilenden Missionaren einige Rathschläge für die Behandlung der Patienten und betreffs der nothwendigen hygienischen Maassregeln zu geben. Ich konnte mir weder über den Verlauf der Krankheit, noch über ihre Folgen ein Urtheil bilden, ich konnte nichts über die Ursachen und die Entstehungsweise erfahren; ich konnte aber aus den officiellen Mittheilungen einen Ueberblick über die geographische Verbreitung dieser Epidemie gewinnen. Diesmal war ich unter günstigeren Bedingungen. Mir war Zeit, Ort und das Wie des Entstehens bekannt. Die meisten der Dysenteriefälle waren Recidivisten von Lombok; aber ich bekam auch solche Kranke zur Behandlung, welche diesen Feldzug nicht mitgemacht hatten und nicht einmal auf Lombok gewesen waren. Diese Fälle blieben jedoch glücklicher Weise isolirt, und es entstand keine Epidemie, weil in Magelang dazu alle Bedingungen fehlten. Nicht locale oder meteorologische Verhältnisse habe ich dabei im Auge, denn »ohne Einfluss sind Elevation und Figuration des Bodens, sowie geologische Formation und physikalischer Charakter desselben«[200] auf das Entstehen der Dysenterie-Epidemie. Ich kann mir auch keinen grösseren geologischen und topographischen Unterschied vorstellen, als den der Länder, aus welchen Beobachtungen von Dysenteriefällen stammen. In Island und Grönland, in Africa, in Europa, in America und in China und Japan kommen Dysenteriefälle entweder vereinzelt oder in grossen Epidemien vor. Ich selbst sah den ersten Fall im Jahre 1873 in den Karpathen am Fusse des Gletschers Tartara; sieben Jahre später befanden sich die von mir beobachteten Dysenteriefälle im östlichen Randgebirge Borneos mit vorherrschender Kalkformation. Auf Lombok 1894 war der reinste Typus des Alluvium, und in Magelang die schönste tertiäre Formation. Wir müssen also dem Krankheitserreger der Dysenterie die Ubiquität stricte dictu zuerkennen. Auch seine Lebensdauer ist eine fürchterlich grosse. Schon 2000 Jahre vor Christus wird dieser Krankheit in den indischen Schriften Erwähnung gethan, und Herodot wie Hippokrates geben schon eine ausführliche Beschreibung dieser Krankheit. Dieser fürchterliche Feind der Menschheit hat also einen sehr alten Stammbaum; aber auch ihn trifft das Schicksal alles Irdischen; »er ist werth, dass er zu Grunde geht«, und er verschwindet unter dem mächtigen Einfluss der Hygiene. Bleeker erzählt in seinem Buche »Dysenteria tropica«, dass von 31879 Europäern, welche zwischen den Jahren 1816–1832, also innerhalb 17 Jahren, nach Indien gegangen waren, 24330 (!!) gestorben sind, und dass

im Jahre

1819

im

Allgemeinen

 1175

und

an

der

Dysenterie

  597

starben,

1820

 1315

  472

(Cholera)

1821

 2260

  801

1822

 1363

  572

1823

 1326

  505

Krieg
geg. Celes

1824

 1412

  423

1825

 1869

  512

Krieg
in
Java

1826

 2409

  992

1827

 3213

 1199

1828

 4243

 2126

1829

 3492

 1632

1830

 2265

 1019

1831

 1548

  629

27890

11479

Die Zahlen der behandelten Dysenteriepatienten waren[201]

im Jahre 1819  5585 Soldaten
1820  5050
1821  6963
1822  5681
1823  6063
1824  4393
1825  5719
1826  6414
1827 10985
1828 12980
1829  9818
1830  8939
1831  6490
95080

Es wurden also in diesen 13 Jahren 95080 europäische und eingeborene Soldaten an Dysenterie »inclusive Diarrhöen« behandelt, davon starben 11479, während im Ganzen 27890 mit dem Tode abgingen; also 41% (!!) der Gestorbenen fielen in diesem Zeitraume der Dysenterie und den Diarrhöen zum Opfer. Interessant ist es, dass schon für diese Zeit Bleeker berichtet: »Die dysenterischen Krankheiten haben sowohl an Extensität als an Intensität bedeutend abgenommen, so dass ihr Charakter und Behandlung viel günstiger geworden ist.« Die Abnahme der Dysenterie in der indischen Armee hält gleichen Schritt mit der Entwicklung der Hygiene. Vom Zeitraume 1878–1885 berichtet Dr. van der Burg von 6324 Dysenteriefällen mit 857 Todten, d. h. also 107 im Jahre, und in den Jahren 1891 bis 1895 kamen nur 4, 6, 2, 5 und 8 Todesfälle der tropischen Dysenterie vor, und wenn wir billiger Weise auch die katarrhale Form der Dysenterie nicht vergessen, welche in der Statistik der früheren Jahre zu der tropischen Form gerechnet wurde, so ist dennoch der Unterschied ein grosser. Im Jahre 1895 wurden in der indischen Armee von der tropischen Dysenterie 8 und von der katarrhalen Dysenterie 41 Soldaten unter 750 Todten im Allgemeinen hingerafft; d. h. 6½% der Todten waren Opfer der Dysenterie, während vor 70 Jahren 41% daran gestorben waren. So sehr sich alle diese Ziffern bestreiten lassen, steht doch diese Thatsache fest, dass die Dysenterie in Indien bedeutend an In- und Extensität verloren hat, und nach meiner Ansicht spielt die grössere Sorgfalt, welche dem Trinkwasser gewidmet wird, darin die Hauptrolle.

Trotzdem die Bacteriologie bis jetzt eine hohe Entwicklung genommen hat, stehen wir in der Dysenteriefrage noch immer einem unsichtbaren und unbekannten Feinde gegenüber. Ob nun Amöben (Amoeba coli Lösch) oder Bacterien (Bacterium coli commune) oder Paromaecium coli oder Streptokokken die Krankheitserreger der Dysenterie seien, ist noch nicht entschieden (denn auch mechanische und toxische Reizungen des Dickdarmes [z. B. Stuhlverstopfungen, Quecksilber u. s. w.] erzeugen ruhrähnliche Erkrankungen); und dennoch stehen wir in der Prophylaxis nicht ohnmächtig der Dysenterie gegenüber, wenn wir uns die Verhältnisse vor Augen halten, unter welchen bis jetzt diese Krankheitsform in ihrer verheerenden Macht Einbusse erlitten hat. Die individuelle Prophylaxis kann bei dieser Krankheit mehr leisten, als der Staat helfen kann. Niemand fürchte sich vor dem Genuss der Früchte; denn sie treten der Stuhlverstopfung entgegen und lassen im Darme eine solche Menge nicht pathogener Bacterien entstehen, dass sie die der Dysenterie überwinden können; man trage den jeweiligen Temperaturverhältnissen Rechnung. In den kalten Nächten oder Morgenstunden trage Jedermann eine Leibbinde. Das Baden möge nie mehr als ein Reinigungsmittel sein, d. h. nicht so lange dauern, bis ein Frösteln den Eintritt der Erkältung verräth. Jede Diarrhöe werde sofort sorgfältig behandelt, und lässt sich vermuthen, dass eine Anhäufung von Koth die Ursache sei, nehme man sofort ein Liqueurglas voll Ricinusöl. In der Wahl der Getränke sei Jedermann vorsichtig; so wie für die Soldaten im Kriegsfalle eine bestimmte Menge von Munition und Lebensmitteln mitgenommen wird, muss auch für das Trinkwasser gesorgt werden; vor dem Ausmarsch überzeuge sich der Commandant, dass jeder Soldat in seiner Feldflasche Thee oder schwarzen Kaffee oder vollkommen reines Wasser mitgenommen habe. Im Bivouac müssen die grossen Kessel nach dem Kochen der Speisen sorgfältig gereinigt werden, oder es müssen eigene Kessel mitgenommen werden, in denen eine hinreichend grosse Menge Wasser ¼–½ Stunde lang in der Siedhitze gekocht wird; hat man keine Gelegenheit, sich in der Nähe Eis zu verschaffen, so werden sich manche Maassregeln finden lassen, um auch in den Tropen bald die Temperatur des abgekühlten Wassers so niedrig als möglich werden zu lassen, z. B. die Gefässe in den kühlen Grund zu senken. Das Ueberschütten in kleinere Gefässe für die einzelnen Unterabtheilungen der Armee wird immer hinreichen, um dem gekochten Wasser so viel frische Luft beizumischen als nöthig ist, ihm einen erfrischenden Geschmack zu geben; ich trinke z. B. noch jetzt nur gekochtes Wasser und habe durch dieses Verfahren niemals den erfrischenden Geschmack desselben entbehren müssen. Ich weiss, dass Hunger weh thut und dass der Durst quält; aber mir ist auch aus Erfahrung bekannt, dass mit einem geringen Maasse von Selbstbeherrschung der Durst einige Stunden ertragen werden kann. Der Soldat werde also mit dem nöthigen Nachdruck auf die Gefahren des Gebrauchs von ungekochtem Wasser auf dem Kriegsterrain aufmerksam gemacht, und er wird es dann über sich bringen, lieber einige Stunden Durst zu leiden, als sich der Gefahr der Cholera, Ruhr u. s. w. auszusetzen. Uebrigens haben wir ja in den Tropen eine bis jetzt unbekannt gebliebene reichliche Quelle von chemisch reinem Wasser: die Lianen. Bei der Wahl eines Bivouacs wird ja immer dafür gesorgt, dass es in der Nähe eines Flusses oder Teiches angelegt, die Küche oberhalb und die Aborte und Badehäuser unterhalb des strömenden Wassers errichtet werden. Sollte jedoch trotz aller Vorsichtsmaassregeln die Ruhr ausgebrochen sein, dann tritt die Desinfection der Entleerungen mit der grössten Strenge und mit allen möglichen Mitteln in ihre Rechte, und wenn die Aborte nicht über einen grossen, starken Strom gebaut sind, dann ist es besser, Senkgruben zu errichten, in welche täglich eine 10 cm hohe Schicht von Asche, Gyps, Kalk oder Sand geschüttet werden muss. Eine sorgfältige Desinfection der Entleerungen wird in der Regel hinreichend sein, das Fortschreiten der Ruhrepidemie aufzuhalten, und es überflüssig machen, zu dem gewiss nicht unbedenklichen Transferiren des Bivouacs nach einer ruhrfreien Gegend übergehen zu müssen. Die Isolirung der Kranken und die grösste Reinlichkeit dürfen natürlich in einem solchen Falle nicht vergessen werden.


Wie den Fachleuten bekannt ist, giebt die Ruhr häufig Anlass zur Entstehung von Leberabscessen, indem das Gift der Ruhr ins Blut aufgenommen wird und auf dem Wege zur rechten Herzkammer in der Leber deponirt wird. Vom Jahre 1876–1894, also während 18 Jahren, war ich nicht in der Lage, in den Tropen Leberabscesse zu sehen, und in den Jahren 1894 und 1895 bekam ich beinahe jeden Monat einen oder den andern Fall dieser Krankheit zur Beobachtung oder zur Behandlung. Die grosse Zahl derselben hatte natürlich auch zur Folge, dass so mancher interessante Fall vorkam, der auch den Fachmann interessiren dürfte. Bei einem Europäer z. B. stand ich Tage lang im Zweifel, ob eine gewöhnliche Entzündung des Leberüberzuges vorhanden war, oder ob ein Leberabscess die Ursache seiner Schmerzen sei; während des Gespräches mit dem Patienten bekommt er plötzlich und unvermittelt einen Hustenreiz, auf welchen die starken Brechbewegungen folgten; er hustete den typischen Inhalt eines Leberabscesses aus, nach 14 Tagen verliess er geheilt das Spital. Der Abscess hatte das Zwerchfell und die Lunge durchbohrt, mündete in einen grossen Ast der Luftröhre, brach durch und — heilte. Bei einem zweiten Patienten glaubte ich alle Symptome des Leberabscesses vor mir zu haben, und trotz wiederholter Probepunction gelang es mir nicht, den Sitz des Abscesses zu finden. Erst bei der 7. Probepunction mit einer langen Hohlnadel stiess ich auf den Eiterherd, ein Strom Eiter floss aus, ich nahm einen Theil der Rippe weg, um freien Zugang zu dem Abscesse zu finden, und ungefähr nach sechs Wochen verliess der Patient geheilt das Spital. Der Jahresausweis von 1895 berichtet nur von 38 Fällen von Leberabscessen (30 Europäer und 8 Eingeborene), wovon 9 starben (7 Europäer und 2 Eingeborene). Diese Ziffer entspricht nicht den thatsächlichen Verhältnissen, weil die Diagnosen für jeden Monat festgestellt werden müssen, und der eine Chef nach drei Tagen, der andere nach acht Tagen und ein dritter erst am Ende des Monats die Mittheilung der Diagnosen verlangt.


Brachte der Krieg mit Lombok auch den zurückgebliebenen Officieren viel Abwechselung und viel Arbeit, so sollte das Jahr 1896 diesen und also auch mir die Miseren des Kriegslebens nicht ersparen. In Atschin hatte Tuku Umar seine Maske fallen lassen und sich feierlich der Sultan-Partei angeschlossen. Ein neuer Feldzug musste wieder unternommen werden, und das 6. Bataillon, welches unterdessen auf den completen Stand eines vollkommen kriegstüchtigen Feldbataillons[202] gebracht worden war, sollte daran theilnehmen. Schon Anfangs April hatte sich das Gerücht in Magelang verbreitet, dass das 6. Bataillon wieder »nach Atjeh gehen werde«; die Gesuche der jungen Lieutenants, diesem Bataillon zugetheilt zu werden, kamen von allen Seiten nach Batavia. Wir bekamen Befehl, die Soldaten strenge auf ihre Kriegstüchtigkeit zu untersuchen. Endlich wurde den eingetheilten Officieren officiell mitgetheilt, sich marschbereit zu halten, und erst als am 23. April der Befehl kam, am 24. um 6 Uhr früh abzumarschiren, wurde ich telegraphisch angewiesen, das 6. Bataillon nach Atjeh »zu bringen«. Ein gleiches Schicksal hatten zwei Jahre früher die Aerzte, welche nach Lombok gehen sollten. Die Infanterieofficiere wussten Wochen lang vorher, dass sie (mit dem 6. und 7. Bataillon) in den Krieg marschiren mussten; die Aerzte bekamen erst 2–3 Tage vorher den Marschbefehl.[203] Im Mobilisirungsplane sind schon Wochen vorher die Zahl und die Namen der Aerzte aufgenommen, welche den Feldzug mitmachen müssen; aber die Landes-Sanitätschefs halten sich strenge an die »geheime Ordre« und theilen die Namen der angewiesenen Aerzte nicht mit; die anderen Corpschefs fürchten sich nicht, ihren Officieren zur rechten Zeit einen Wink zu geben. Ich hatte also kaum 24 Stunden Zeit, mich marschbereit zu machen. Der Inhalt des Telegramms war nicht deutlich genug, um zu wissen, ob ich das 6. Bataillon nur auf der Reise begleiten, oder ob ich auch weiterhin den Feldzug mitmachen sollte. Ich musste also für alle Fälle sorgen und mir verschaffen: Gamaschen, Revolver, dünne Matratze mit Mosquitonetz und Polster, eine Commishose, einen Helmhut,[204] Militärschuhe, Flanellhemden, Kerzen, Essbesteck, zwei Meter Lackleinwand, Feldflasche mit Becher, Zwirn und Nadel und Spennnadel und Scheere, Briefpapier, Bleistift und Taschentintenfass, Streichhölzer u. s. w. Dies alles nebst der üblichen Wäsche und den Kleidern packte meine Frau in einen Koffer, während ich die dienstlichen Angelegenheiten besorgte. Mein Gärtner erklärte sich bereit, gegen eine Erhöhung seines Lohnes um 5 fl. mit mir zu gehen, und so zogen wir am 24. April von Magelang aus. Wieder begleitete eine grosse Menschenmasse die Truppen, und am Ende der Stadt, bei dem Club des Herrn van der Steur nahm eine Commission von Bürgern von uns Abschied, und bei einem Glas Champagner drückte der Resident die üblichen Glückwünsche für unser Wohl, für den Sieg unserer Waffen im Kampfe gegen den treulosen und verrätherischen Tuku Umar, für Vaterland und Königin in herzlichen Worten aus.

Unterdessen hatten die Soldaten Zeit und Gelegenheit, von diesem ersten »Halt« den möglichst besten Gebrauch zu machen. In der Eile und Aufregung des Abschiedes von Frau und Kind (auch diesmal durften nicht mehr als 20 Frauen per Compagnie mitgehen) war vieles vergessen worden, was bei bedächtigem Thun gewiss nicht geschehen wäre. Hier öffnete der Eine den Schuh, dessen Zugriemen ihn drückte, dort entfernte sich ein Anderer, um gewissen Bedürfnissen Genüge zu leisten, ein Dritter lüftete die zu straff gebundene Cravatte, ein Anderer lief zum Train, um ein Sacktuch aus dem Tornister zu holen, ohne ihn natürlich aus der grossen Menge herausfinden zu können; ein Unterofficier bat den Herrn van der Steur, seiner Frau und seinen Kindern hülfreich zur Seite zu stehen u. s. w. Es war eben die sogenannte »Pishalte«, welche bei dem Ausmarsch von Truppen die erste unerlässliche Pause bedingt. Einige Officiere und Damen begleiteten uns bis zum »Paal« 4. Linksab befand sich ein schmaler Weg, welcher nach Kali benéng führte, welches ein sehr belebter Badeplatz für die Bewohner von Magelang ist. Eine Quelle mit frischem reinen Bergwasser entspringt an dem Fusse eines Hügels; ein Häuschen mit vier Cabinetten bietet Gelegenheit zum Auskleiden, und da das Wasser auf der einen Seite nicht tiefer als 1½ Meter wird, ist hier eine willkommene Badegelegenheit für Damen und Kinder. An der andern Seite des Häuschens hat der Bach eine grössere Tiefe und wird von den Männern gebraucht, welche des Schwimmens kundig sind. Nebstdem befindet sich dort ein europäischer Pächter, welcher auf Verlangen Getränke und Speisen liefert.

Es war unterdessen 8½ Uhr geworden, die Sonne begann schon lästig zu werden, und der Commandant der Truppen, Major X., gab Befehl, die Cravatten und Röcke im oberen Theile zu öffnen.

Major X. war für mich ein unerwünschter Commandant; im Jahre 1886 waren wir beide in Atschin und er bekleidete damals den Rang eines Oberlieutenants, und ich war schon 4 Jahre Regimentsarzt; ich duzte ihn also damals; seit dieser Zeit war er Major geworden, und ich war noch immer Regimentsarzt, stand unter seinen Befehlen, und als Zeichen seiner Herablassung sprach er jetzt gegen mich mit jy und jou (= du), ohne dass es mir die Disciplin erlaubt hätte, ein Gleiches zu thun. So ein goldener Kragen verändert in hohem Maasse den Mann. Ich hatte einen Collegen, mit dem ich Jahre lang im brieflichen Verkehre das »Du« gebrauchte; er wurde Stabsarzt und ... mit Wohlgefallen liess er sich mit Herr Stabsarzt und »Sie« tituliren.

Ich hatte alle Ursache, auf dem Marsche auf dem vom Reglement vorgeschriebenen Platze zu bleiben, d. h. ich blieb mit der Ambulanz am Schlusse der Colonne, und hinter mir folgte der Train, welcher aus den Officiersdienern, den Lastwagen, den Kulis und den Soldatenfrauen bestand. Um 10 Uhr kamen wir nach Sedjang, wo uns die letzten Begleiter, einige Officiere zu Pferde nämlich, verliessen. Bis dahin war die Strasse beinahe wie eine Spiegelfläche. Im Hintergrunde erhoben zu unserer Rechten der Telojo und der Merbabu, und zu unserer Linken der Sumbing ihre stolzen Häupter. Hier erwartete uns der Regent von Temunggung, um uns Glück auf! zu unserer Reise zu wünschen. Die Truppen hielten ¼ Stunde Rast, weil wir einen steilen Weg zu ersteigen hatten, und um 1 Uhr erreichten wir Medono, das Endziel des ersten Tagemarsches. Wir hatten also 18 Paal = 27 Kilometer zurückgelegt, ohne dass mehr als ein einziges Mal meine Hülfe in Anspruch genommen wurde. Ein Officier hatte mich um ein Stückchen Pflaster für eine Blase an der Ferse ersucht. (Die Soldaten erhalten keine Lappen, sondern Strümpfe.) Hier in Medono hatte der »Quartiermacher«, Lieutenant-Kwartiermeester M. für uns gut gesorgt; die Soldaten bezogen das Bivouac in Prins Surat, und die Officiere fanden bei dem Häuptlinge des Bezirkes nicht nur ein gutes Bett, sondern auch ein gutes Essen.

Zunächst war es meine Pflicht, mich den Soldaten zur Verfügung zu stellen, und ich ersuchte den Major X., das Signal »für den Doctor« geben zu lassen; er sah mich an, als ob ich dem Irrenhause entsprungen wäre; er besann sich jedoch nur einen Augenblick, liess »für den Doctor« blasen und sah zu seinem Erstaunen eine stattliche Reihe von Soldaten ankommen, welche meine Hülfe gegen diverse kleine Leiden nöthig hatten. Die meisten unter ihnen klagten über Diarrhöe und ersuchten mich um »einen Bauchtrank«. Ich hatte zu meiner Verfügung zwei Verbandtaschen, eine Feldmedicinkiste und eine Feldverbandkiste, nebstdem hatte ich eine grosse Büchse mit Medicin mitgenommen, welche nicht in der officiellen Liste der Medicamente für den Feldgebrauch aufgenommen war, wie z. B. Antipyrin u. s. w. Der »Bauchtrank« bestand aus 10 Tropfen der auf [Seite 196] erwähnten Choleraessenz oder Laudanumtinctur, welche in dem Feldbecher mit Wasser gegeben wurde; aber auch einige Officiere ersuchten mich um »ein beruhigendes Mittel für den Bauch«.

Die Ankunft der Truppen war natürlich vorher bekannt gewesen, und eine grosse Schaar Klontongs (Hausirer) erwartete uns, wodurch das Lagerleben einen romantischen Anstrich bekam. Sehr Viele eilten natürlich zunächst nach dem Badehause, um durch Siram[205] den Körper zu erfrischen, Andere belagerten die Klontongs, welche erfrischende Getränke feilboten, und Einige suchten einen passenden Platz, auf welchem sie das Leder für das Würfelspiel ausbreiten konnten. Das Würfelspiel (màïn dâdu) wird an besonderen Festtagen auch in der Caserne gestattet und ist eine Concession an den Charakter der eingeborenen Soldaten. Auf dem Marsche ist es eine erwünschte und willkommene Zerstreuung in der Ruhepause, und es bleibt in der Hand des Commandanten, sie bis zu jener Zeit zu gestatten, welche der Nachtruhe gewidmet werden muss. Selbstverständlich betheiligte sich auch mancher europäische Soldat an dem Spiel. Die Hausirer mit Früchten, erfrischenden Getränken und Bäckereien machten den ganzen Nachmittag und den ganzen Abend ein glänzendes Geschäft; aber auch die wandernde Garküche fehlte nicht und erfreute sich eines reichlichen Absatzes. Wenn bei Manövern in Europa die Bevölkerung ersucht wird, auf der Heeresstrasse für die durchziehenden Truppen Trinkwasser zur Verfügung zu stellen, so lässt sich wenig dagegen einwenden, ja vielleicht ist dies sehr empfehlenswerth, weil in den meisten (??) Fällen das Wasser rein und gut ist. In Indien wäre ein solches Ersuchen geradezu gefährlich, weil in den seltensten Fällen ein gesundheitsschädliches Wasser ausgeschlossen wäre. Ich muss es jedoch wiederholen, dass für das Trinken der Soldaten ebenso viel Sorge als für das Essen getragen werden sollte, und dass ebenso wenig die Besorgung des Trinkwassers als die des Fleisches der Gunst des Zufalles überlassen werden sollte.

Gross war die Zahl der Getränke, welche den Soldaten von den Hausirern männlichen und weiblichen Geschlechts zum Kauf angeboten wurden. Hier sass eine Frau mit einem Haufen alter Cocosnüsse,[206] deren harte Schale handbreit abgeschlagen war, so dass man das weisse Fleisch derselben sehen konnte. Die Milch der Nuss, welche Klapperwasser genannt wird, ist ein erfrischendes, kühlendes, süss-säuerliches Getränk, welches jedoch bei Diarrhöe nicht genommen werden darf. Jede Nuss hat ungefähr zwei Gläser dieser bisweilen mit weissen Flocken getrübten Flüssigkeit. Dort stand ein Javane mit einem Pack grosser Bambusstöcke, welche wie eine Schreibfeder zugespitzt waren; die Namen, welche er mit kreischender Stimme den Passanten zurief, waren mir unbekannt; ich weiss also nicht, was für ein Getränk er den durstigen Soldaten für einen Cent pro Glas anbot; vielleicht war es nur warmes Zuckerwasser, welches von den Eingeborenen gern getrunken wird. Auch Tjien tjau, Zuckerwasser mit Agar-agar und den Körnern der Sulassifrucht (Ocimum gratissimum), und Tjien tjau idju wurde verkauft, das ist eine Flüssigkeit von hellgrüner Farbe, welche aus den Blättern des Cissampelos hirsuta gewonnen wird. Hier stand eine wandernde Garküche: Auf einem Dâpur stand ein thönerner Topf mit warmem Zuckerwasser und kleinen Stücken von Agar-agar und kleingeschnittenen Blättern von Djeruk purut (Papeda Rumplin). Selbst Oghio wurde verkauft, d. h. Zuckerwasser mit Agar und Eis, welches die Hausirer aus Magelang mitgebracht hatten; ein Chinese rief mit lauter Stimme Stéh als Verkürzung für das herrliche Sasâté, das sind kleine Stücke Schweinefleisch (bei den mohamedanischen Eingeborenen wird natürlich Rind-, Ziegen- oder Lammfleisch verwendet), welche in einer Kerrysauce gekocht und mit einem Stäbchen durchbohrt über dem Feuer geröstet werden.

Es würde mich zu weit führen, von allen Speisen und Getränken, welche hier feilgeboten wurden, eine ausführliche Beschreibung zu bringen; ich muss mich begnügen, den Totaleindruck dieses romantischen Bildes anzudeuten. Um 6¼ Uhr brach so ziemlich unvermittelt die Finsterniss ein, und ein Meer von kleinen Lämpchen bedeckte das bunte Lager. Um 7 Uhr kamen alle Officiere in die Veranda des Bezirkshäuptlings zum Souper. Als rangältester Hauptmann sass ich neben dem Major X. und betheiligte mich an dem lebhaften Gespräche, welches so ziemlich zeitgemäss war. Ein junger Bramarbas behauptete nämlich, dass derjenige ein schlechter Officier sei, der nicht mit Freuden in den Krieg ziehe, und wäre es nur, um eine Gelegenheit zu finden, den militärischen Willemsorden 4. Classe verdienen zu können. Major X. glaubte diesem in jeder Hinsicht beistimmen zu müssen, und entrollte hierauf ein Bild seines Gemüthslebens von der Stunde an, in welcher er den Marschbefehl erhielt, bis auf den jetzigen Augenblick. Ganz rührend war die Schilderung von dem Momente, in welchem er von seinem in Europa weilenden Sohne brieflich Abschied nahm und ihn ermahnte, falls er im Kriege fallen sollte, eine Stütze seiner Mutter und seiner Schwestern zu werden. Sie gab mir aber auch Gelegenheit, dem jungen Bramarbas auf Grund meiner Erfahrungen und Beobachtungen das Unnatürliche seines Ideenganges auseinanderzusetzen. Im Anfange der Debatte hatte dieser junge Lieutenant ein Wörtchen fallen lassen, welches dem unter den jungen Officieren landläufigen Glauben entsprach, dass der Militärarzt »eigentlich kein Officier sei«, weil er »nicht combattant« sei. Bei den älteren Officieren fand er damit keine Zustimmung, weil sie aus dem letzten Kriege in Lombok nur zu gut wussten, dass der Militärarzt alle Misèren und alles Elend des Kriegslebens wie jeder andere Officier mitgemacht habe, und dass von dem Militärarzt oft mehr als von jedem Andern gefordert werde; ich selbst hatte vor einigen Monaten Manöver mitgemacht, und musste neunmal den Truppen nachlaufen, weil neunmal Kranke sich gemeldet hatten, welchen ich Hülfe leisten musste; die Truppen blieben nicht stehen, und ich musste oft 10–15 Minuten lang in Laufschritt nacheilen; dazu kam noch, dass ich nicht wie jeder »Combattant« Monate oder Jahre lang vorher im Marschiren geübt und trainirt war. Last not least frug ich den jungen Marssohn, wozu denn mehr Muth gehöre, im Kampfe mit dem Feinde den Säbel zu schwingen, den Revolver abzuschiessen und im vollen Eifer und Feuer sein Leben zu vertheidigen, oder wie ich es z. B. in Atjeh gethan hatte, unter dem Feuer der Truppen ruhig und gelassen den Verwundeten die erste Hülfe zu leisten und mit Ueberlegung z. B. die Quelle der Blutung zu suchen, während die feindlichen Kugeln um mich flogen und sausten. Im weiteren Gespräche betonte ich, dass nach meiner Ansicht jeder nachdenkende Officier den Krieg verabscheuen könne und müsse. Der Krieg sei ein nothwendiges Uebel, und die Soldaten seien verpflichtet, in diesem schaurigen Spiele die erste Rolle zu spielen. Der Officier, welcher für dieses traurige Amt richtige Erkenntniss habe, sei ein denkender Mensch, und wenn er den Ausmarsch zu dieser Arbeit mit Wehmuth und Schmerz antrete, so sei er ein fühlender Officier, und nicht, wie der junge Held glaube, ein schlechter Officier. In Betreff der individuellen Seite charakterisirt die momentane Stimmung beim Ausmarsche das Temperament des betreffenden Officiers. Dem Einen winkt Ehre und Ruhm, dem Andern Krankheit, Wunden und Tod; der Eine ist darum weder ein Officier mit Leib und Seele, noch ist der Andere darum ein schlechter Officier. Der Eine denkt an Frau und Kind, und der Andere an — Nichts. Beide thun ihre Pflicht, vielleicht noch mehr als die Pflicht erfordert, und ich möchte auf zwei Thatsachen hinweisen, dass die Sorge um Frau und Kind den Muth nicht lähme, und dass der sorglose Blick in die Zukunft nicht immer den Muth erhöhe. Der Herr Y. möge nur das Verzeichniss der Officiere nachsehen und nachrechnen, wie viel der Decorirten verheiratet seien, und wie viel von ihnen das Joch der Ehe noch nicht tragen; er würde finden, dass die Sorge um Frau und Kind das Pflichtgefühl gewiss nicht einschränke, und zweitens möge er constatiren, ob mehr verheiratete oder mehr ledige Officiere — mich heute um ein Medicament zur Beruhigung des Bauches ersucht haben.

Fig. 28. Ein Javane bei der Hausarbeit, d. h. ohne den Kris (Dolch), welchen er in der Oeffentlichkeit immer trägt, und zwar am Rücken, wie es [Fig. 13] zeigt.

Nach der Tafel ersuchte uns Major X., bald zu Bett zu gehen, weil der Aufbruch der Truppen um fünf Uhr stattfinden werde und wir uns daher von dem letzten Marsche gut erholt haben müssten. Als ich darüber einen verwunderten und fragenden Blick auf ihn warf, fügte der Major hinzu, dass es in den Tropen rathsam sei, die Truppen wegen der herrschenden kühlen Temperatur in den ersten Morgenstunden marschiren zu lassen; ich war jedoch anderer Ansicht. Während die anderen Officiere uns verliessen, machte ich ihn aufmerksam, dass der ganze Weg bis Ambaráwa von unzähligen Sawahfeldern umgeben sei, dass wir uns also in einem künstlichen Sumpf befänden, und dass gerade in den frühen Stunden des Morgens die bacterientödtenden Strahlen der Sonne fehlten, dass also gerade durch den Marsch die Soldaten den schädlichen Miasmen dieser Felder ausgesetzt seien; hierzu komme noch, dass die meisten Soldaten nicht früher in den Schlaf fallen würden, als sie seit Jahren gewöhnt seien; wenn um fünf Uhr abmarschirt würde, müssten sie schon um vier Uhr aufstehen, und könnten sich dann von den Strapazen des vorigen Tages nicht erholt haben. Im Ernstfalle kennt man nur ein Ziel: den Sieg, und die Gesetze der Hygiene müssten schweigen; aber in Friedenszeiten sei es geradezu Pflicht, so weit als möglich die Kräfte der Soldaten zu schonen, um jederzeit für den Ernstfall ungeschwächt die Mannschaften ihrem Ziele entgegenführen zu können. Major X. gab darauf keine Antwort — aber erst um 5 Uhr wurde Reveille geblasen, und um 6 Uhr war Alles zum Abmarsch bereit.

Medóno hat eine absolute Höhe von 598 Metern, und Pingit, die Grenzstation zwischen den Provinzen Kedú und Samarang, ist 686 Meter hoch. Diese 91 Meter mussten wir ersteigen, um dann in diesem Djambu-Gebirge immer bergab bis Djambu (492 Meter) und 4 Kilometer weiter bis Ambaráwa (498 Meter) nur unbedeutende Erhöhungen des Bodens überwinden zu müssen. Ich nahm also gerne den Vorschlag des »Kwartiermeesters« an, ein Dos-à-dos zu miethen, um dulce et jucunde den letzten Theil unseres Marsches zurücklegen zu können. Das vorgespannte Pferd war jedoch öfters ganz anderer Ansicht und blieb stehen oder drängte den Wagen nach rückwärts. Sofort kamen aber einige Kulis vom Train und zwangen den Gaul, anständig mit ihnen Schritt zu halten. Auf der Spitze des Berges kam uns ein deutscher Pflanzer entgegen und lud die Officiere ein, bei ihm Halt zu machen und sich durch ein Gläschen Champagner zum weiteren Marsch zu stärken. Major X. glaubte jedoch dieser wohlgemeinten Einladung kein Gehör geben zu sollen, und um circa 12 Uhr kamen wir in Djambu an, wo uns eine Commission von Bürgern aus Ambaráwa begrüsste. Zu dieser gehörte der brave Dr. P., welcher mich sofort in Beschlag nahm und zur »Reistafel« einlud. Er war in seiner Equipage und wollte mich überreden, mit dieser in die Stadt zu fahren. Ich blieb jedoch bei der Truppe, und dieser brave College war nun gezwungen, mit mir 4 Kilometer zu Fuss zurückzulegen. Die Stadt war zu unserem Empfange geschmückt, und Abends war in dem Clubgebäude des Forts Willem I ein Festabend.

Am andern Morgen brachte uns die Eisenbahn nach Semárang, wo wir sofort nach dem Hafen gingen. Hier war der Resident mit zahlreichen Damen und Herren anwesend, um uns bei einem Glase Champagner Glück zu unserer Reise und zu unseren künftigen Heldenthaten zu wünschen. Der Landes-Sanitätschef hatte natürlich (?) für mich kein einziges herzliches Wort und beschäftigte sich nur mit den »gleich hoch stehenden« Stabsofficieren, und das Benehmen dieses Mannes mir gegenüber sollte demonstrativ sein: Weil ich mit »meinem Commandanten« in Ngawie eine Meinungsdifferenz[207] gehabt hatte, musste er, der als mein Chef mein gutes Recht einer selbständigen Ansicht hätte vertheidigen sollen, urbi et orbi zeigen, dass ich auch ihm eine persona ingrata geworden sei. Ob das Prestige des militärärztlichen Dienstes dabei gewonnen hat?? — —

Ich wurde angewiesen, mich auf jenem Schiff einzuschiffen, welches die Cavallerie mit den Mauleseln überführen sollte. Ich konnte also noch einige Stunden auf das Einschiffen der Pferde und Maulesel warten. Endlich war das letzte dieser störrischen und widerspenstigen Thiere an Bord, und ein lauter Pfiff der Dampfpfeife erinnerte mich und die dienstfreien Officiere, das Schiff zu besteigen. In Atjeh angelangt, wurde mir mitgetheilt, dass meine Transferirung eine zeitliche gewesen wäre, und so kehrte ich mit dem nächsten Schiffe nach Java zurück und kam am 13. Mai, nach einer Abwesenheit von 20 Tagen, in Magelang wieder an.

Zu Hause angekommen, erwartete mich ein kleiner häuslicher Krieg. Mein Diener Ali hatte im Jahre 1894 einen Officier nach Lombok begleitet und war bei dem Ueberfalle von Mataram in die Hände der Feinde gefallen. Wenige Tage danach kam er zurück und wurde auf Befehl des Commandanten sofort nach Java zurückgeschickt, weil der mehr oder weniger begründete Verdacht auf ihm ruhte, dass er von dem Feinde zurückgeschickt worden sei, um Spionendienste zu leisten. Mir wurde dieses von Niemandem erzählt, als ich ihn in meinen Dienst nahm. Mein früherer Bedienter, ein Javane ([Fig. 28]), mit dem poetischen Namen Djojo, welcher fünf Jahre bei mir gedient hatte, erklärte mir nämlich eines Tages, er müsste mich verlassen, weil ihn sein Dienst bei mir langweile. Gegen dieses Argument wusste oder wollte ich nichts einwenden und gab ihm den Abschied. Es that mir leid, ihn entlassen zu müssen, denn er war eine treue und ehrliche Seele. Im Allgemeinen sind ja die malayischen Bedienten die besten der ganzen Welt, wenn man sie nicht schimpft oder schlägt. Sie sind ruhig und gelassen, betrinken sich niemals und werden nie den Abstand zwischen sich und ihrem Herrn vergessen. Wenn vielfach über die malayischen Bedienten geklagt wird, so geschieht es immer nur von Menschen, welche überhaupt keinen Tact haben. Vielfach wird auch behauptet, man müsste der malayischen oder javanischen Sprache vollkommen mächtig sein, um den Bedienten Respect einzuflössen. Dies ist nicht richtig. Ein solcher Bedienter kennt genau seine Position, und es entspricht dem Charakter, den Sitten und Gebräuchen seiner Nation, den höheren Rang immer und überall zu respectiren; schon die Sprache der Javanen documentirt dies aufs deutlichste. Sie unterscheidet sich je nach dem Range[208] des Sprechenden in die Ngoko-Sprache und Kromo-Sprache. In dieser spricht der an Rang oder Jahren Höhere gegen den Untergebenen, welcher seinerseits immer nur in der Ngoko[209]-Sprache gegen seinen Vorgesetzten antworten darf; auch die reiche Literatur der Javanen unterscheidet diese zwei Sprachen.[210] Wenn man der javanischen Sprache mächtig ist, muss man also gegen seine Bedienten nur die Ngoko-Sprache gebrauchen, sonst glaubt er, dass man ihn höhnen will; merkt er jedoch, dass sie nur mangelhaft gesprochen wird, so wird er gewiss die grösste Toleranz zeigen. Ich selbst hatte dieses bei meiner Ankunft in Java erfahren; ich ersuchte meinen Bedienten um ein Streichhölzchen und gebrauchte das malayische Wort ajer = Wasser; ohne mich irgend den lapsus linguae fühlen zu lassen, brachte er mir das gewünschte Streichhölzchen. Zwei Jahre später kam der Sultan von Kutei (Ostküste von Borneo) zu mir; ich fragte ihn, wie es seinem »Weibe« gehe, indem ich das Wort parám-puwan gebrauchte; mit keiner Miene deutete er die Betise an, die in diesem Worte lag. Später brachte er das Gespräch auf râtu = Königin, ich musste ihn fragen, was das Wort râtu bedeutete, und in den gelassensten Worten antwortete er: Râtu heisst die Frau des Sultans oder Königs. Ich entschuldigte mich wegen meines lapsus linguae, was er jedoch als überflüssig zurückwies. Ein Pendant zu diesem Falle erfuhr ein junger Beamter, welcher zum ersten Male den Regenten seines Bezirkes beim Empfange des Residenten sprach. Er sprach ihn mit lu = »du« an;[210] lächelnd wandte sich der Regent, welcher ein sehr gebildeter Mann war, gegen den Residenten und sagte in correcter und feiner holländischer Sprache: »Die jungen Herren machen in Delft[211] bedeutende Fortschritte; vor einigen Jahren kam ein junger Beamter zu mir und sprach mich mit Kôwe,[212] und Herr X. spricht mich jetzt mit lu an.«

So tief sitzt der Respect gegenüber dem Vorgesetzten in dem Volkscharakter der Javanen, dass es immer dem Herrn zuzuschreiben ist, wenn sein Bedienter sich eines unziemlichen Wortes oder einer unpassenden Bewegung schuldig macht. Natürlich giebt es auch unter den malayischen Dienstboten mauvais sujets — gerade wie in Europa, — aber es lässt sich nicht leugnen, dass gute und brave Dienstboten sich immer bei jenen Herren melden, welche ihre Bedienten gut behandeln, d. h. bei etwaigen Nachlässigkeiten nicht schimpfen oder selbst schlagen.

Ich will gern noch einmal über die Dienstboten[213] sprechen, weil ich es geradezu für ein Unglück halte, wenn in einem Hause aller 14 Tage ein Wechsel der Bedienten stattfindet. Es ist richtig, dass der malayische Bediente streng auf die Arbeitstheilung hält, und dass z. B. die Köchin nicht die Arbeit des Gärtners verrichten will. Dort aber, wo die Verhältnisse es nicht erlauben, mehrere Bediente zu halten, verrichtet auch der malayische Dienstbote alles, was man von ihm fordert. Es ist wahr, dass der malayische Dienstbote naschhaft ist, aber dagegen giebt es ja ein gutes Hülfemittel; entweder sei man nicht zu sparsam und gebe ihm ebenso gut Kaffee und Thee, als man es in Europa thun muss, oder man schliesse es ab. Es ist wahr, dass der malayische Dienstbote mit der Wahrheit auf gespanntem Fusse steht; mit der grössten Ruhe wird er z. B. auf die Frage, wer dieses oder jenes zerbrochen habe, zur Antwort geben: Sie, mein Herr! Lässt man sich durch diese Unverfrorenheit zu einer leidenschaftlichen Antwort hinreissen, wird er keine Antwort geben, sondern weggehen und, bei seinen Kameraden angelangt, seiner Freude Ausdruck verleihen, dem Herrn einen solchen Streich gespielt zu haben. Zu dieser Gewohnheit gehört auch das »indische Taubsein«; der betreffende Dienstbote sitzt in der Nähe hockend und starrt in die blaue Luft, er wird gerufen, er giebt keine Antwort. Nur zu oft lässt sich die europäische Dame hinreissen und eilt fluchend und schimpfend zu ihm hin und erhält die einfache Antwort: »Ich habe es nicht gehört.« Dies ist ein Symptom des Unwillens, und dafür giebt es nur ein Heilmittel: Stante pede den Abschied zu geben. Im Jahre 1883 war ich in einem abgelegenen Fort in Sumatra in Garnison. Ich war sehr leidend und konnte mich in Folge meines Rheumatismus manchmal kaum bewegen. Eines Tages rief ich meinen Bedienten, der mich hören musste; er kam nicht; so schlecht es ging, erhob ich mich von meinem Lehnstuhl und schleppte mich nach hinten, wo mein Bedienter hockte und mit einem wesenlosen Ausdruck seinen Blick in dem unendlichen Weltenraum schweifen liess. Natürlich behauptete er, meinen Ruf nicht gehört zu haben. Ich liess ihn zum Fenster treten, schaute in sein Ohr und erklärte einfach: Ja, dies ist richtig, du bist taub, einen tauben Bedienten kann ich nicht gebrauchen, du kannst mich sofort verlassen. Das Fort lag an der Grenze des feindlichen Landes Atjeh, es war daher keine Möglichkeit, einen andern Dienstboten zu erhalten, und darum gab er mir kurz die Antwort: Baik tuwan = gut, mein Herr! Als ich ihn aber kurz darauf ins Spital schickte, einen »Handlanger« kommen liess und diesen zu meiner »Ordonnanz« ernannte, da hatte ich das Heft in den Händen; er setzte sich zu meinen Füssen nieder, faltete die Hände, neigte den Kopf und sprach sein minta ámpon = ich flehe um Verzeihung; er war seit dieser Zeit niemals mehr »indisch taub«. Nur die Ruhe imponirt den malayischen Dienstboten. Meine Frau kam mir oft mit Klagen über die Nachlässigkeit u. s. w. meines Dienstboten, ich rieth ihr in der Regel, Geduld zu haben und zu controliren und wiederum zu controliren. Hatte dieses keinen Erfolg, so liess ich ihn zu mir auf »das Bureau« kommen und theilte ihm mit, dass es mir unbegreiflich sei, dass meine Frau so oft Anlass zu Tadel über seine Arbeiten hätte, und machte ihn darauf aufmerksam, dass dies das Thun und Lassen eines schlechten Bedienten sei.

Glaubte ich jedoch Symptome von Unwillen zu sehen, da kannte ich kein anderes Mittel als den Abschied. War es nöthig, so deutete ich es an und drohte ihm damit, sobald er sich wieder Aehnliches zu Schulden kommen liess, und führte meine Drohung im gegebenen Falle immer aus. Dieses wussten meine Bedienten, und ich hatte nur sehr selten Ursache, sie zu wechseln, obzwar Alle immer einen gewissen Betrag des Lohnes in Vorschuss hatten. Sie erhielten nämlich 8 bis 15 fl. pro Monat Gehalt; 8 fl. erhielt der Gärtner und 15 fl. der Kutscher, der »Hausbediente«, die Köchin und die Babu (Zofe) erhielten 10 fl. monatlichen Gehalt; nebstdem erhielt Jeder 3 fl. für die Kost; die Ueberreste meiner Mahlzeiten vertheilte die Köchin nach ihrem Belieben, und wenn zu dem Reste von Thee oder Kaffee auch manchmal ein bischen Zucker »nach hinten« ging und meine Frau darüber klagte, gab ich ihr den Rath, durch die Finger zu sehen oder den Zucker hinter Schloss und Riegel zu setzen. Dieser Gehalt war in Magelang der landesübliche; ebenso üblich ist es, dass die Dienstboten immer von ihrem Herrn einen Vorschuss haben. Sofort beim Eintritt ersuchen sie um einen Vorschuss von 1–3 Monaten; in ihrer dienstfreien Zeit ist ja alles verpfändet worden, was sie besassen. Der Kris = Dolch der javanischen Bedienten, der Ohrschmuck (= anting-anting) der Köchin, der schöne Sarong der Babu ruhen in der chinesischen Pfandleihanstalt und müssen ausgelöst werden, damit sie im Dienst des Herrn anständig gekleidet gehen können. Späterhin giebt es zahlreiche Anlässe, um wieder und wieder einen Vorschuss zu verlangen. Aber wie ich schon erwähnt habe, dieser Vorschuss war für mich niemals ein Hinderniss, meinen Bedienten den Abschied zu geben, obwohl es ihnen ganz gut bekannt war, dass damit nur eine civilgerichtliche Forderung verbunden war, welche wahrscheinlich niemals hätte eingebracht werden können. Wenn ich mich nicht irre, ist dies erst seit ungefähr zwölf Jahren der Fall. Vor dieser Zeit wurden diese Forderungen strafgerichtlich als Missbrauch des Vertrauens verfolgt und bestraft, und als die Regierung diese Maassregel als unbillig aufhob, erhoben die Handelsleute und alle möglichen Parteien einen lauten Protest dagegen. Die Regierung liess sich dadurch nicht beirren, auch den Eingeborenen diesen Rechtsschutz zu gewähren und — es geht ganz gut. Ich selbst habe z. B. keinen Cent auf diese Weise verloren. Als ich im Jahre 1886 in Batavia vor meiner Reise nach Ngawie eine Babu aufnahm, gab ich ihr 15 fl. Vorschuss. Sie kam aber nicht den Tag vor meiner Abreise in den Dienst. Ich ging zu dem Schout = Revierinspector und theilte ihm den Vorfall mit. Der Hotelbediente, welcher mir diese Babu empfohlen hatte, kannte ihren Namen und Wohnort, und am folgenden Tage hatte ich mein Geld zurück. Sie selbst erklärte, von ihrem Manne keine Bewilligung zur Abreise erhalten zu haben. Andere sind vielleicht weniger glücklich als ich gewesen und haben bei ihren Bedienten einige Gulden verloren. Ich muss es aber wiederholen, dass eine gute und tactvolle Behandlung der Bedienten auch in Java das einzige Mittel sei, um von den kleinen Nadelstichen des Lebens verschont zu bleiben, welche der ewige Wechsel der Dienstboten unvermeidlicher Weise mit sich bringt.

Der oben angedeutete häusliche Krieg nahm folgenden Verlauf: Sofort nach meiner Ankunft von Atjeh liess sich mein Kutscher durch die Babu bei mir anmelden mit den Worten: »Minta bitjâra sama tuwan« = er wünsche den Herrn zu sprechen. Ich fürchtete im ersten Augenblick, etwas von einer Krankheit oder anderem Unglück meiner Pferde zu hören, aber wie überrascht war ich, als er mir einfach mittheilte, dass sein Sohn ein Hühnerei vor meinem Hause eingegraben gefunden habe. Mein Hühnerstall stand im hinteren Theile des Gartens. In der Meinung, dass er das Eigenthumsrecht des Eies für sich resp. für seine Henne reclamiren wolle, sagte ich ganz kurz, um mich nicht wegen eines Eies, das in Magelang zwei Cent kostete, in eine Debatte einzulassen, er möge es behalten. Zu meiner Ueberraschung sagte er nicht das übliche »trimah-kassih« (= ich danke), sondern warf einen Blick der Verwunderung auf mich, schickte sich zum Weggehen an und stotterte endlich die Worte heraus: »Vielleicht weiss der Herr nicht, was dieses bedeutet.« Jetzt war es meine Sache, verwundert zu sein. Ich bekannte diesbezüglich meine Unwissenheit und erfuhr nun, dass Jemand mich behexen wolle; das Ei sei vor dem Hause eingegraben worden mit der Zauberformel, dass das Faulen des Eies auch den Bewohner des Hauses treffen möge; er wisse zwar nicht, ob ich die Zielscheibe dieses Bannfluches sei; sehr gut könne auch er einen Feind haben, der ihm dieses grosse Unglück wünsche, aber er halte es für seine Pflicht, mir dieses mitzutheilen; das Ei sei noch frisch, das Unheil könne also über mich noch keine Gewalt haben; aber ich möge auf meiner Hut sein, weil nicht immer wie diesmal ein günstiger Zufall das Faulen des Eies verhüten könne; sein Sohn habe es zufällig gesehen, dass Ali, mein Bedienter, dieses Ei eingegraben hätte. Mir war alles unverständlich, warum sollte Ali mich verhexen wollen, und warum wollte mich der Kutscher vor dieser Verwünschung und Bezauberung beschützen. Den Schlüssel zu diesem Räthsel gab mir meine Frau, indem sie mir mittheilte, dass sie während meiner Abwesenheit wiederholt Streitigkeiten zwischen den Bedienten bemerkt zu haben glaube. Bei näherer Untersuchung zeigte es sich, dass alle übrigen Dienstboten Ali hassten, weil er ein »Spion der Feinde« gewesen sei. Getreu meinem Principe, dem Aberglauben meiner Bedienten keinen Werth beizulegen, ohne ihn darum zu verspotten, liess ich beide Bediente zu mir auf das Bureau kommen und theilte ihnen mit, dass ich mich nicht in ihren Zwist mischen wolle, dass ich sie aber erinnere, den Frieden in meinem Hause nicht weiter zu stören, und dass sie Beide am Ende des Monats meinen Dienst verlassen müssten. Der Kutscher war der grosse Intriguant; durch die nähere Untersuchung kam heraus, dass nicht Ali das Ei vor dem Hause eingegraben hatte, sondern dass es der Kutscher gethan hatte, und dass er hierauf sein Söhnlein das Ei suchen und finden liess, und dass also Ali nicht den Plan geschmiedet hatte, den bösen Zauber und Fluch auf mein unschuldiges Haupt zu laden. Der Frieden hielt nicht an. Ich sah selbst den Gärtner sich mit einem Kris auf den »Spion Ali« stürzen, und nur durch meine persönliche Intervention wurde ein Mord verhindert. Noch vor Ende dieses Monats verliess Ali meinen Dienst, und der Frieden war im Hinterhause hergestellt.


Magelang wird mit Recht der »Garten von Java« genannt, und alle Reize der Tropenwelt sind dieser von fünf Bergriesen eingeschlossenen Provinz verschwenderisch zu Theil geworden. Selbst ein ewig brummender, ewig qualmender und rauchender Vulcan erhebt im Osten sein stolzes Haupt und ist ein stolzer und erhabener Hintergrund dieses reizenden Panoramas. Der Merapi ist von Wolken umhüllt, und stets steigt eine grosse Rauchsäule zur Himmelshöhe, aber auch oft wälzt er grosse Feuermassen über seinen kahlen Scheitel. Es ist mir nicht bekannt, wie oft dieses in früheren Jahrhunderten geschehen ist. Verheerend müssen seine Ausbrüche gewesen sein, wenn wir das Terrain auf Abhängen und weit hinein in die drei Provinzen betrachten, über welche sich sein kahles Haupt erhebt. Gewaltige erratische Blöcke bedecken die Provinzen Kedú, Solo und Djocja. Auch der grosse Buru-Budur soll nur aus Steinen erbaut sein, welche in früheren Jahrtausenden in den Tiefen des Merapi geweilt hatten. Im Januar des Jahres 1894 fand die letzte[214] Eruption statt; ein sanfter Zephyr wehte über Magelang; der Himmel glänzte in seiner Sternenpracht; die majestätische Ruhe der Tropennacht wurde nur durch das Quaken der Frösche und das Zirpen der Grillen gestört. Ich ging mit einem Obersten über den Schlossplatz spazieren, als ein unwillkürlicher und zufälliger Blick nach dem Osten des Horizontes eine ungeheure feurige Schlange traf, welche sich von dem Gipfel des Merapi in der Richtung nach Muntilan, also halbwegs zwischen Djocja und unserer Stadt, hinabwälzte. Gleichzeitig fiel ein feiner Aschenregen, der in wenigen Minuten unsere Kleider mit einer äusserst feinen und dünnen Schicht bedeckte. Die Zeitungen hatten allerdings schon einige Tage vorher von einer erhöhten Thätigkeit des Merapi gesprochen. Da jedoch bei Tage der Anblick des Vulcans mit seiner variablen Rauchsäule keine bedeutende Veränderung zeigte, so wurde dieser Notiz weiter keine Beachtung geschenkt, und erst dieser unerwartete Anblick einer riesigen, feurigen Schlange, welche sich in zahlreichen Krümmungen über seinen Abhang mit unermüdlicher Dauer gegen den kleinen Vorberg wälzte, nöthigte uns, immer und wieder den Blick auf ihn zu richten. Tage und Wochen lang dauerte dieser Strom der feurigen Masse, und in dunklen Nächten war die Rauchsäule von einem feurigen Kern erfüllt, welcher jedoch nicht intensiv genug war, um auch das umliegende Terrain zu beleuchten.

Die Beschreibungen, welche der deutsche Gelehrte Junghuhn[215] von diesem Vulcan bringt, haben, so weit sie die Spitze des Berges betreffen, durch den Ausbruch im Jahre 1872 keinen Werth mehr; der ganze Eruptionskegel ist verschwunden; er ist theilweise hinabgestürzt und hat am Fusse des Berges so manches Dorf zerschmettert, oder er ist in die Tiefen des Vulcans gestürzt, wo, laut Mittheilungen des Dr. Gronemann, der abgebröckelte Kraterrand auf einem grossen Felsen schwebend gehalten wird und der Zeit harrt, durch einen hinreichend starken Lavastrom mit hinausgeschleudert zu werden. Einige Ingenieure wollten sich von Djocja aus der Stätte des Feuerstromes nähern; sie gelangten nicht weiter als bis zur kleinen Ringmauer, welche sich einige hundert Meter am Fusse des Berges hinzieht. Aus den Spalten des Bodens drangen ihnen heisse Dämpfe entgegen, und tiefer und tiefer sanken die Füsse ihrer Pferde in die aufgelagerte Aschenschicht, so dass ein weiteres Vordringen unmöglich wurde.

Sehr oft hatte ich Gelegenheit, dieses »Arcadien Javas« zu sehen und zu bewundern; ich wurde nämlich einige Male zu dem Vater eines meiner Patienten, Li Tiow Poo, welcher in Temanggoeng wohnte, gerufen und ging eines Tages mit einem Agenten der Lebensversicherungs-Anstalt »New York« am 25. December 1894 nach Páraan. Es fehlt mir an Worten, in würdiger Weise die schönen Landschaftsbilder zu beschreiben, welche in langer Reihe vor meinen Augen vorbeizogen, und ich muss es einer fähigeren Feder überlassen; denn ich kann nur mit dürren und mageren Worten den kürzesten Weg beschreiben, welchen ich nehmen musste, um in einem Tage auf dieser Route hin und zurück zu reisen. Bis Setjáng war der Weg eben; hier wechselte ich die vier Pferde und verliess die grosse Heerstrasse, um linksab, d. h. westlich, einem kleinen Wege zu folgen, der sich am Fusse des Sumbing über Berg und Thal in zahlreichen Windungen hinschlängelt. Bei Kranggan ist eine grosse und schöne Brücke über den Progofluss, und mit schaudererregender Geschwindigkeit zogen die Pferde unsern schweren Reisewagen hinab in das Thal des Flusses; und mit genau berechneter Sicherheit erreichten sie die Brücke. Reich bedeckt ist der Sumbing bis zu einer Höhe von 900–1000 Metern mit Sawahfeldern, weiter sah ich europäische Gemüse, Erdbeeren, Kraut, Tabak u. s. w. angepflanzt; der Gipfel des Berges ist jedoch kahl. Der dichte Urwald des Merapi fehlt hier; der Raubbau hat diesen Berg, so wie den Sindara, seinen Nachbar, entwaldet, ohne rechtzeitig für einen Nachwuchs zu sorgen, und beide Berge sind über der Höhe von 1250 Metern wasserarm; kein Bächlein, kein Bergstrom stürzt sich in die Tiefe; nur das »Himmelwasser« befeuchtet den fruchtbaren Boden dieser beiden ruhenden und vielleicht ganz ausgestorbenen Vulcane. Auffallend waren nebstdem zahlreiche Hügel, welche in den Sawahfeldern zerstreut lagen und mit Gras bedeckt waren; es waren offenbar erratische Blöcke und zwar von stattlicher Höhe (10–30 Meter!), in historischer Zeit vielleicht aus dem Sumbing herausgeschleudert; man sieht sogar in der Kratermauer eine Oeffnung, aus welcher sie herstammen. Wie Junghuhn erzählt, sind es nach der javanischen Sagenwelt Reishaufen, welche von einem erzürnten Gotte in einen Stein verwandelt wurden.

In Temanggoeng bekamen wir neue Pferde; zwei Wege führen von hier aus nach Páraan, dem Ziele unserer Reise; der eine zieht in einem grossen Bogen (11 km lang) durch das Dorf Kedú, nach welchem die ganze Provinz den Namen erhielt, und der andere (7½ km lang) führt direct am Fusse des Berges dahin. Der Kampong ist ein langgestrecktes Dorf und beinahe ausschliesslich von Chinesen bewohnt; sie sollen sehr reich sein und dieses besonders dem Bau des Tabaks verdanken. Wir stiegen bei Lie Tiauw Piek ab, welcher ein mit Reichthum und chinesischer Eleganz ausgestattetes Haus bewohnte. Nachdem wir mit Bami,[216] Kimlo[216] und einer reichlichen Reistafel mit Bier, Wein und Apollinariswasser unsern knurrenden Magen befriedigt hatten, kamen die fünf Candidaten für die Lebensversicherung zur Untersuchung, und schon drohte die Sonne unter dem Horizonte zu verschwinden, als wir unsere Rückreise antraten. Freilich hatten unsere Pferde gar keine Lust, Páraan zu verlassen; unter lautem Schreien halfen die Chinesen den Wagen vorausschieben, um die Pferde an ihre Pflicht zu erinnern, sie blieben ruhig stehen. Ein Kuli fasste das eine Pferd bei der Stange und zog es vorwärts; als Antwort darauf schlug das Pferd mit dem rechten Hinterfusse aus und brach die Stange, an welcher die Zugriemen befestigt waren. Sofort wurde ein Stück Bambus an der Axe befestigt, die Pferde gaben ihren Widerstand auf, und in brausendem Galopp verliessen wir das Dorf. Um 10½ Uhr kamen wir in Magelang an, und unvergesslich bleibt mir diese Reise; ein schöneres und lieblicheres Bild, als diese Reise mir bot, habe ich niemals gesehen.