9. Capitel.

Die Provinz Kedú — Der Berg Tidar — In Magelang — Auf dem Pâsar (= Markt) — Javanische Schönheitsmittel — Haustoilette der europäischen Damen — Mein „Haus“ — Empfangsabende — Magelang — Opiumrauchen — Die Chinesen auf Java — Die gerichtliche Medicin der Chinesen — Ein zu grosses Militärspital — Die Königin von Siam in Magelang — Ein Oberstabsarzt „gestellt“ — Nachtheile der Pavillons aus Bambus — Organisation des Rechtswesens — Zum Theaterdirector gewählt — Die Journalistik Indiens.

Auch die Provinz Kedú hat auf ihrer westlichen und östlichen Grenze grosse und mächtige Grenzpfeiler, im Osten die bereits erwähnten Merapi, Merbabu und Telomojo, während der Sumbing, 3336 Meter hoch, der Sindoro, 3124 Meter hoch, und der Berg Bisna, 2363 Meter hoch, diese Provinz im Westen von der Provinz Bagelen scheiden. Die Ausläufer dieser Berge durchziehen die ganze Provinz, und selbst die Thäler des Progo- und des Elloflusses sind zu schmal, um den gebirgigen Charakter dieser Provinz in hohem Grade zu beeinflussen. (Nur von Magelang zieht nach Norden eine 10 Kilometer grosse Ebene.) Diese Provinz ist reich an Kunstdenkmälern, unter denen der schönste, grösste und mächtigste Tempel vielleicht der ganzen Welt der Buru-Budur ist. Obwohl der grösste Theil des Landes Communalbesitz ist, die Provinz bei einer Grösse von 37,05 ☐Meilen ungefähr 800,000 Einwohner, somit mehr als 20,000 Seelen auf die ☐Meile zählt, so ist sie doch eine arme Provinz. Vielleicht wird die Vollendung der Eisenbahn einen günstigen Einfluss auf die Wohlfahrt des Landes nehmen; erst vor zwei Jahren wurde die Linie Djocja-Magelang gebaut, und es fehlt noch die Linie Magelang-Ambarawa, um die ganze Provinz durch den Schienenweg mit dem Norden Javas[155] zu verbinden.

Im Jahre 1891 konnte ich mich bei meiner Transferirung von Ngawie nach Magelang, der Hauptstadt dieser Provinz, nur bis Djocja der Eisenbahn bedienen. Mein Mylord, welcher bei der Auction in Ngawie keinen Käufer fand, traf zu gleicher Zeit in Djocja ein; ich miethete im Hotel Tugu nur vier Pferde (mit Kutscher und Palfenir) um 12 fl. und konnte also in meiner bequemen Kutsche die Reise fortsetzen. Die Reisewagen, welche man s. Z. in Djocja und in Magelang zu dieser mehrstündigen Reise miethen konnte, waren alte, hässliche Wagen und hatten eine lothrechte Rückenlehne, so dass ich mich oft verwundert frug, woher sie denn diese unpraktischen Reisevehikel in so grosser Zahl auftreiben konnten.

Bei Salam verliess ich die Provinz Djocja, und sofort fühlte ich den Einfluss der holländischen Regierung. Wenn es auch ununterbrochen bergauf ging, so war die Reise doch nicht unangenehm, weil sich der Weg sofort hinter der Grenze in sehr gutem Zustande befand. In Muntilan wurden die Pferde gewechselt, und noch immer stieg der Weg sanft mit zahlreichen Wellen an, so dass wir von der Grenze, welche 331 Meter absolute Höhe hatte, hier 355 Meter und in Magelang 384 Meter Höhe, im Ganzen 53 Meter gestiegen waren. Hinter Muntilan lag eine schöne, wenn auch schmale Strasse, welche links ab zu dem schönen Tempel Mendut ([Fig. 19]) und mittelst Fähre über den Ellofluss zum Buru-Budur führte. Gegen 5½ Uhr näherte ich mich der Stadt Magelang, d. h. ich sah den Berg Tidar, welcher 504 Meter über dem Meere und 120 Meter hoch sich über Magelang erhebt. Es ist der pâku = Nagel oder der pusar = Nabel (= der Mittelpunkt von Java), durch dessen Spitze der Nagel getrieben wurde, mit dem diese Insel auf der Erde befestigt wurde. Nicht allein auf mich machte dieser Hügel den Eindruck, dass auch er die Ruinen eines grossen Tempels bedecke, sondern es wurde so oft diese Vermuthung geäussert, dass Ausgrabungen stattfanden, welche jedoch ein negatives Resultat hatten. Der »Tidar« musste eben durch seine isolirte Stellung zu solchen Vermuthungen Anlass geben; er steht nämlich ganz isolirt in der Ebene zwischen den beiden Bergriesen Merapi und Sumbing. Auf den Berg Tidar folgte der europäische Kirchhof, für dessen Verschönerung ich späterhin als Präsident der »Kirchhofs-Commission« zu sorgen hatte, hierauf der grosse Marktplatz, das chinesische Quartier mit der chinesischen Kirche, und am Ende dieser Strasse lag der Schlossplatz (Alang-âlang) mit der Moschee,[156] dem Palaste des Regenten, dem Officiersclub, der Schule für Häuptlings-Söhne, dem Postamt, einem Hotel und der Volksschule für Eingeborene.

Der »grosse Weg« führte mich auf der Ostseite des Schlossplatzes in eine schöne Allee mit europäischen Wohnungen bis zum Anfang des »Campement«, wo auf der einen Seite die Wohnung des Commandanten und zur rechten Seite das Hotel Kedú standen. Der Eigenthümer dieses Hotels war ein sehr braver Mann, ein Deutscher von Geburt, der durch seinen jahrelangen Aufenthalt unter den Holländern seine Muttersprache so verlernt hatte, dass sein Kauderwelsch dem grössten Philologen ein Räthsel blieb, weil er seinem deutschen und holländischen Wörterschatz noch englische und malayische Wörter beifügte und nach Gutdünken die Wort- und Satzbildung dieser vier Sprachen auf seine Rede anwandte. Dies ist allerdings eine alltägliche Erscheinung, dass die Deutschen, durch die Aehnlichkeit der beiden Sprachen, in den holländischen Colonien ihre Muttersprache verlernen und umgekehrt die Holländer nach einem kurzen Aufenthalt in deutschen Ländern die holländische Sprache geradezu misshandeln; aber niemand will es glauben, der es nicht selbst erfahren hat. Vor vielen Jahren sprach ich in Buitenzorg mit der Frau eines Collegen, welche in Preussen ihre Wiege gehabt hatte, und erzählte ihr einige drastische Fälle von solchem verdorbenen Deutsch unserer Landsleute; darauf antwortete sie mir mit einem Seufzer: Ach, wie kann man denn seine Mutterzaal vergessen! Die Sprache heisst im Holländischen taal, und da viele deutsche Worte mit Z in der holländischen Sprache mit T beginnen, glaubte sie deutsch zu sprechen, wenn sie aus taal einfach zaal machte. Diese Dame war erst ein Jahr in Indien. Der Gastwirth des Hotels Kedú war als gewesener Corporal und in seiner jetzigen Stellung schon Jahrzehnte in Indien und hatte also ein Idiom angenommen, das ein mixtum compositum der vier Sprachen war, welche er in seiner Eigenschaft als Wirth täglich am meisten gebrauchen musste. Er empfing mich auch mit den Worten: »Es wird Sie freuen, dass Sie hier geplatzt[157] sind, und ich soll Ihnen so viel als möglich helfen.« Ich hatte jedoch seine Hülfe nicht nöthig, weil der Regimentsarzt, welcher mich in Ngawie ablöste, vor seiner Abreise aus Magelang auf mein Ersuchen sein »Haus« für mich gemiethet hatte. Dadurch wurde es mir möglich, in kürzester Zeit das Hotel verlassen und mein eignes Heim beziehen zu können. Am folgenden Tage meldete ich mich zunächst beim Platzcommandanten, welcher unweit vom Hotel sein Bureau hatte. Eine schöne breite Strasse führte in das Campement; die linke (westliche) Seite war von zwei grossen Officierpavillons eingenommen, und rechts von ihr lag ein grosses schönes Exercierfeld mit Casernen in der Form eines offenen Oblongums

im Hintergrunde. Neben dem Bureau dieses Officiers befand sich auch das des Zahlmeisters, dem die Abrechnung mit seinem Collegen in Ngawie überreicht wurde. Mein Chef in loco, ein Stabsarzt, hatte sein Bureau im Spital, welches sich damals am Fusse des Berges Tidar befand; ich nahm also eine Equipage, um nicht den Weg von 1½ Kilometer zu Fuss zurücklegen zu müssen. Ich nahm meine Frau mit, weil ich unterwegs diverse Einkäufe besorgen wollte. Auf dem »grossen Wege« befanden sich nämlich zwei europäische Geschäfte; das eine gehörte einem pensionirten Hauptmann, der zu meiner Ueberraschung im Geschäft von einem der Anwesenden mit Herr General-Major angesprochen wurde. Erstaunt blickte ich Beide an, und lächelnd gab mir der Kaufmann die Erklärung dieser seltsamen Titulatur; er sei als pensionirter Hauptmann Mitglied des Officierclubs und bespreche natürlich jeden Abend schon seit 15 Jahren an der »Kletstafel« das Avancement seiner Zeitgenossen; von jeher wurde er scherzweise mit jenem Titel angesprochen, den seine Zeitgenossen erlangt hatten, und als einer derselben vor Kurzem General-Major geworden war, wurde auch »auf sein Avancement« getrunken und unter Toasten seine Ernennung zum General-Major gefeiert. Von dem »grossen Wege« gelangten wir auf den Schlossplatz, ohne uns mit der Besichtigung der Moschee aufzuhalten, welche wir passiren mussten, um in die Mörderallee zu gelangen. Dies war nämlich die Strasse, welche zum Spitale führte, und die diesen Namen (mordenaars-laan) erhalten haben soll, weil täglich die Militärärzte diesen Weg nahmen. Ein reizendes Panorama bot sich unsern Blicken dar, welches den Namen »Garten von Java« begründete und rechtfertigte. Links war die Strasse von einer Reihe hoch liegender europäischer Häuser in altgriechischem Stile begrenzt; rechts erhob sich im Hintergrunde der Berg Sumbing, und an seinem Fusse spiegelte sich die Sonne in dem farbenreichen Bild alter und junger Sawahfelder und zahlreicher Gemüsebeete. Die Mordenaars-laan ging über in die grosse Strasse nach Salaman. Vor dem Tidar bog jedoch der Weg in einem rechten Winkel noch zweimal, bevor man das Spital erreichte. Dieses bestand aus Bambus-Baracken und hatte nur zwei steinerne Gebäude; das eine für die Bureaux und das andere war — ein Pulvermagazin!! Seit dem 2. November 1892 ist es verlassen und niedergerissen worden, so dass es nicht der Mühe werth ist, einige Worte darüber zu verlieren. Nachdem ich mich meinem Chef und den übrigen Officieren vorgestellt hatte (meine Frau blieb im Wagen, um auf mich zu warten), fuhr ich zurück und zwar längs dem Tidar, um von dort in das chinesische Quartier zu kommen, wo sich die Möbelfabrikanten und zahlreiche Tokos befanden.

Gegen das Ende dieser Strasse mässigte der Kutscher den Schritt der Pferde, weil eine grosse Menschenmenge wie ein Bienenschwarm sich hin und her bewegte. Wir befanden uns gegenüber dem Marktplatz, und es war »hari Paing« d. h. Markttag, genannt nach dem zweiten Tage der alten javanischen Woche, welche nur fünf Tage zählte und zwar Legi, Paing, Pon, Wageh und Kliwon.[158] Wir waren im Lande des Indigo,[159] denn die vorherrschende Farbe der Frauenkleider war blau; nur die Haushälterinnen der Soldaten und die europäischen Bewohner hatten eine weisse Kabaya mit Spitzen besetzt, oder eine dunkle, blaue, rothe oder grüne aus Sammet oder Seide. Die Sonnenschirme hatten dieselben grellen Farben, und ich muss gestehen, dass das Auge dies nicht unangenehm fand. Wie ein Bienenschwarm bewegte sich die Menschenmasse auf und ab. Wir stiegen aus dem Wagen, um uns dieses Gewoge näher zu betrachten. Der Marktplatz bestand aus einfachen Hallen, welche mit Schindeln aus gebackenem Lehm bedeckt waren. Früchte, Fische,[160] Hühner, Enten, Eier, Gewürze, Küchengeräthe, Kalk, Alaun, Arsenik, Kämme aus Horn, Hacken und Messer, Zwirn und Nadeln u. s. w. lagen bunt durcheinander auf kleinen Bále-bále, das sind Bänke aus gespaltenem Bambus. Die Gerüche Arabiens waren hier schwach vertreten, desto mehr aber ein fürchterlicher Gestank, der den längeren Aufenthalt für eine europäische Nase geradezu unangenehm machte. Die Ausdünstungen der Menschen, welche ihre Haare mit ranzig gewordenem Oel gesalbt hatten, mischten sich mit dem penetranten Gestank zahlreicher getrockneter Fischsorten (îkan kaju = Stockfisch, îkan sepát = Trichopus trichopterus u. T. striatus), dem trassi, Durianfrucht, Nangkafrucht, Djambu bidji und last not least mit den Blumen des von den Dichtern gepriesenen Melattibaumes (Jasminium Samboc). Alles, was eine indische Schöne für die Pflege ihres Körpers nöthig erachtet, bringt der pâsar; aber auch alle Gewürze, welche das Krankenzimmer desinficiren sollen, werden hier verkauft, wie dupa (Myrrha), menjang (Benzoë), stanggie (Mixtum compositun aus Rásse [Zibeth]), Kaju garu (das Holz von ficus procera), Menjang merra (Rothe Benzoë), Kaju tjindana (Sandalum album), Zucker u. s. w., Kanariharz (Canarium commune) u. s. w.

Die Babu (Zofe), welche uns begleitete, war auf dem Bocke neben dem Kutscher zurückgeblieben. Um jedoch fachmännisch in die Geheimnisse der javanischen Kosmetik eingeweiht werden zu können, liess ich sie holen, und bei jedem Pulver, Salbe u. s. w. gab sie uns die Gebrauchsanweisung. Zuerst zeigte sie uns die Bestandtheile des »Kramas«, d. h. das Waschen des Kopfhaars: Der Reishalm wird verbrannt und seine Kohle 24 Stunden lang im Wasser aufgelöst und filtrirt. Diese Lauge heisst Merang und wird zum Waschen der Haare gebraucht. Das überschüssige Alcali wird mit Citronenwasser (aus Citrus Limonellus) entfernt, in welchem sich wohlriechende Blumen, als Melatti u. s. w. befanden; hierauf wird wohlriechendes Cocosnussöl tüchtig in die Haare eingerieben.

Auf dem Toilettentischchen befindet sich ein Schälchen mit der fein gestampften Rinde von Kapinango (Dysoxylum laxiflorum), mit welchem sie nach dem Bade den Körper einschmieren, ein Fläschchen Widjenöl (Sesamöl) und Kajaputiöl (Melaleuca leneadendron) oder Zimmtöl oder eine grosse Flasche mit Cocosnussöl, in welchem sich wohlriechende Blätter oder Blumen befinden. Mit diesen Oelsorten wird der letzte Act der Körperpflege vorgenommen. Jetzt zeigte sie uns alle Odeurs, welche nicht nur mit dem Oel zum Salben des Körpers gebraucht, sondern auch zwischen die Kleider und Wäsche gelegt oder verbrannt werden, um diese damit zu beräuchern; selbst unter die Kopfpolster des Bettes werden sie gelegt; ich konnte mich aber niemals für diesen Gebrauch begeistern. Sie riechen so stark, dass sie mir Kopfweh verursachten und ich mich genöthigt sah, sie wegwerfen zu lassen. Dazu gehören die akar wangi (Wurzel von Andropogon muricatus), die getrockneten, kleinen Zweige von Pogostemon, die Blätter von Pandanus odoratissimus, die Blüthen von Jasminum, von tandjong (Minusops Elengi), Kananga wangie (Uwaria odorata), akar tjampakka (Dianella montana), Garuholz (ficus procera) und Lakkaholz (Myristica iners)[161] u. s. w.

Das Bedák fehlt in keinem Haushalt; auch alle europäischen Familien gebrauchen dieses Cosmeticum, welches nichts anderes als das europäische poudre de riz ist. Auf dem Pâsar kommt es jedoch in der Form von kleinen, weissen Zeltchen in den Handel, welche dann gestampft werden müssen. Sie werden dadurch wohlriechend gemacht, dass sie zwischen wohlriechenden Blättern oder Blüthen aufgehoben werden. Hierauf zeigte sie uns die Bestandtheile für die Boreh, für das Schwarzfärben der Zähne, für das Sirihkauen, für das Malen der Augenbrauen und das Rothfärben der Nägel. Die Babu fühlte sich ausserordentlich geschmeichelt, in so zahlreichen Fragen Rathgeberin sein zu können, und zeigte uns auch einige »djamu«, welche ihr von den Verkäufern angepriesen wurden. Meinem Princip getreu, die abergläubischen Ideen der Bedienten mir gegenüber nicht einmal äussern zu lassen, schnitt ich ihre diesbezüglichen Mittheilungen mit dem Worte »sudah« ab und ging zu dem nächsten Krämer, welcher mit lauter Stimme rief: »patjar kuku«. Es war der Saft von Lawsonia alba, welcher mit Oel gemischt zum Rothfärben der Nägel gebraucht wird. Wer sich gut über die Bestandtheile der indischen Panaceen = djamu informiren will, findet im III. Theil des Buches von Dr. van der Burg eine stattliche Reihe derselben genau beschrieben; sie entsprechen ungefähr unsern Thees zur Blutreinigung und werden von den erwachsenen Eingeborenen entweder täglich oder nur hin und wieder genommen. Ich kann nicht umhin, die Zusammenstellung eines solchen »djamu« nach van der Burg hier mitzutheilen:

Natürlich wollte ich auch die Mittel kennen lernen, mit welchen sie die Zähne schwarz färben; die weissen Zähne sind für den echten Javanen so hässlich, dass er sie mit denen eines Hundes vergleicht, welcher hâram = unrein ist; die Zofe nannte mir zahlreiche Mittel, welche zu diesem Zwecke gebraucht werden, flocht aber so häufig Anmerkungen über das Sirihkauen und über das Abschleifen der Zähne ein, dass ich im Zweifel war und blieb, ob denn nicht die Hauptquelle in dem Blosslegen der Pulpa der Zähne zu suchen sei. Wenn ich auch manchmal die schwarzen Zähne sehr gern sah, so war doch im Allgemeinen der Anblick eines solchen Mundes geradezu widerlich; der verliebte Javane mag so einen Mund mit einem Granatapfel vergleichen, den Europäer jedoch widern die vom Sirih rothgefärbten Lippen und die entblössten Zähne in hohem Maasse an. Ich glaube auch, dass in erster Reihe das Sirihkauen die Zähne färbt; der Saft von Tater (Solanum verbascifolium), von Kimerak (Scepasma buxifolia), Cocosmilch, worin 8 Tage lang ein Stück Eisen gelegen war, und zahlreiche andere Pflanzen sollen diese Procedur befördern; aber die Hauptsache bleibt nach meiner Ansicht das Sirihkauen. Der Vorgang desselben ist folgender: Zwei oder drei Blätter der Schlingpflanze Chavica siriboa werden mit nassem Kalk bestrichen, darauf werden ein kleines Stückchen Pinangnuss,[162] ein kleines Stückchen Catechu[163] und ein wenig feingeschnittener Tabak gelegt und zu einem Kügelchen gefaltet in den Mund genommen und stundenlang gekaut; der Speichel wird dadurch rothbraun gefärbt. Der Javane steht diesbezüglich hoch über dem Perser; als im Jahre 1873 der Schah von Persien Gast des österreichischen Kaisers war, sprachen die Wiener Blätter von grossen braunen Flecken, welche auf den Tapeten der Zimmer gefunden wurden; es war der braune Speichel, welchen die Sirihkauer gern in kräftigem Strahl ausspritzen. Der Javane hat dafür immer seinen grossen Spucknapf (tampat luda) bei der Hand. Eines Tages brachte der Regent zu Magelang seine junge Frau zu uns. Diese Contrevisite war angekündigt, und ich und meine Frau erwarteten also um 7 Uhr das junge Ehepaar in der Veranda. Die Equipage fuhr vor. Es war ein offener Mylord mit sechs Personen; auf dem Bocke sass neben dem Kutscher ein Bedienter mit dem geschlossenen Pajong; im Wagen sassen zu Füssen des fürstlichen Paares zwei Babus; die eine hatte die goldene Sirihschale und die andere die vergoldete Spuckschale in den Händen. Sobald der Wagen stehen blieb, sprang der Bediente vom Wagen herab und stellte sich rechts zur Seite der Treppe auf, die zwei Babus setzten sich auf den Boden der Veranda und das junge Ehepaar nahm neben uns Platz. Die Dame machte jedoch weder von dem Sirih, noch von dem Spucknapf Gebrauch, während der Regent die angebotene Manillacigarre annahm.

Solche Sirihdosen und Spucknäpfe, welche aus getriebenem Kupfer bestanden, sah ich in grosser Zahl auf dem Pâsar. Die letzteren waren beinahe 50 cm hoch und hatten ungefähr die Form unserer Papierkörbe. ([Fig. 20].) Die Sirihdosen waren kupferne Kistchen mit einem Deckel, auf welchem kleine kupferne Näpfe für die verschiedenen Ingredienzien standen, und hatten nebstdem eine kleine Zange zum Zerschneiden der Pinangnuss. Zuletzt zeigte uns die Babu eine schmutziggelbe Wurzel,[164] welche gegen Gelbsucht, bei Stuhlverstopfung, Blasen- und Nierensteinen, bei Hämorrhoiden und bei Urethritis von den Eingeborenen in der Form eines Aufgusses gegeben wird; nebstdem sei sie der am häufigsten gebrauchte Färbestoff für Salben, um den Oberleib und die Arme gelb zu salben. Bei festlichen Gelegenheiten, wie z. B. am Hochzeitstage, erscheint nämlich der Mann ohne Bekleidung der Brust und Arme und die Braut trägt nur einen Sarong, welcher über der Brust mit einem Gürtel befestigt ist. Die unbedeckten Theile werden mit Curcuma gesalbt oder mit dem Safte von Pandamblättern[165] eingerieben.

Diese Vorlesung der Babu hatte schon zu lange gedauert, um sich noch länger die javanischen Cosmetica und Früchte u. s. w. erklären zu lassen, und wir fuhren weiter, bis wir ungefähr in der Mitte der Strasse auf die Geschäfte einiger chinesischer Möbelfabrikanten stiessen. Vor einem derselben sass ein dicker, feister Chinese, nur mit einer schwarzen, dünnen, weiten Hose bekleidet; die grosse Fleischmasse füllte ganz den grossen Faulenzer aus, weil er seine schuhlosen Füsse unter dem Leibe gekreuzt hatte. Seine Opiumpfeife hielt er in der Hand, und der lange, schwarze Zopf war um den Kopf geschlungen. Als der Wagen anhielt und wir ausstiegen, erhob sich zwar diese unförmliche, halb nackte Fleischmasse aus seiner allzu bequemen Lage und starrte uns mit fragenden Blicken an. Gewöhnlich pflege ich mich nicht mit den guten oder schlechten Sitten meiner Nebenmenschen zu bemühen. Ich war jedoch in Uniform und fand es unschicklich, dass er seinen Zopf nicht fallen liess, die Hausschuhe anzog und den nackten Oberleib bekleidete, obwohl auch meine Frau sein Geschäft betrat. Ich begnügte mich jedoch, meinen Blick unverändert auf den um seinen Kopf geschlungenen Zopf zu richten, er verstand diesen Wink, liess den Zopf fallen und holte sich eine Kabaya. Er stammte aus der Stadt Tsjang Tsjowfu in der Provinz Fuki-ën und war der malayischen Sprache nur sehr mangelhaft mächtig. Mit Hülfe eines Nachbars, welcher schon lange in Magelang lebte und sich schon ein kleines Vermögen erworben hatte und daher mit Bába titulirt wurde, gelang es uns, uns mit ihm zu verständigen. Der grösste Theil unserer Bedürfnisse wurde aus seinem Vorrath gedeckt. Das Uebrige bestellten wir, und er versprach uns, es in acht Tagen zu liefern. Die Möbel waren schön, solide und billiger, als ich sie bei gleicher Qualität in Europa hätte kaufen können. Es waren Kasten, Tische und Stühle aus gutem und schwerem Djattiholz (Tectonia grandis), welches auch indisches Eichenholz genannt wird.

Damit war das Programm für diesen Tag erledigt. Es war unterdessen 12 Uhr geworden, wir gingen nach Haus, ich zog Civilkleidung an und meine Frau die indische Toilette. Es ist nämlich in den Hotels vom ganzen indischen Archipel Sitte, dass die Damen zum Lunch, d. h. zur sogenannten »Rysttafel«, in der Haustoilette kommen, während den Herren dieses untersagt ist Auch diese Sitte hat ihre raison d’être. Die Damen verwenden im Allgemeinen mehr Sorgfalt auf die Toilette als die Herren, und es wird gewiss keine Dame zur Table d’hôte gehen, ohne auch in der Haustoilette der Eitelkeit und somit auch der Nettigkeit und der Reinlichkeit Rechnung zu tragen. Von den Männern kann dies leider nicht immer gesagt werden; zum Frühstück geht Jedermann zwischen 7–9 Uhr in der Haustoilette zur Tafel; da sieht man oft Männer in einer Kabaya erscheinen, welche das Licht der Oeffentlichkeit scheuen sollte. Es geschieht selten, dass Viele gleichzeitig ihr erstes Frühstück einnehmen, aber das zweite Frühstück, die Rysttafel, wird gemeinsam von allen Gästen des Hotels um 12½-1 Uhr genommen; es ist also besser, dass zur Table d’hôte die Herren »gekleidet« kommen. Vielleicht wäre es schicklicher, wenn auch die Damen in voller Toilette bei der Rysttafel erschienen. Sarong und Kabaya kleidet die Damen ([Fig. 21]) sehr gut; aber es ist eine Haustoilette, und es ist gewiss schicklicher, dass man nicht in einer Haustoilette unter Menschen geht. Die Engländer finden solches selbst shocking, und weder in Calcutta, noch in Singapore, noch in Ceylon sah ich die Ladies anders als in Strassen- oder Salontoilette beim zweiten Frühstück erscheinen. Wer weiss, ob nicht nach abermals 20 Jahren auch diese Unsitte wegfallen wird. Ich sah während meines 20jährigen Aufenthaltes die europäische Mode sich mit solcher Macht in Indien einbürgern, und nicht immer zum Vortheil, dass ich hoffen kann, dass sie auch die Haustoilette der Damen aufs Haus und aufs Zimmer beschränken wird.

Nach der »Rysttafel« nahm ich mein Mittagsschläfchen, darnach meinen Thee und mein Bad, kleidete mich in Civilkleidung und machte mit meiner Frau einen Spaziergang nach der Wohnung, welche mein Nachfolger in Ngawie für mich gemiethet hatte.

Auf der Westfront des Schlossplatzes zog eine schmale Gasse mit starker Neigung hinab zu den Ufern des Progoflusses.

Im ersten Drittel des Weges stand das Frauenspital, und ihm vis-à-vis das Haus, welches Dr. B... vor mir bewohnt hatte. Es stand, wie beinahe alle Häuser in Indien, in einem Garten, dessen vorderer, der Strasse zugekehrter Theil nur Blumen, z. B. Rosen, Reseda, Heliotrop, Cactus theils in Töpfen, theils in den Boden gepflanzt, während der hinter dem Hause gelegene Theil nur Fruchtbäume enthielt. Ich hatte einen Muscatbaum, zahlreiche Pisangbäume, einen Kaffeebaum, einige Melonen-, Papaya- und Manggabäume, eine Reihe von Ananassträuchern, eine kleine Plantage von Vanille, einige Pompelnussbäume und einige Palmen. An der Westseite des Hauses stand ein Pavillon für Gäste, und daran grenzte die Kudang,[166] die Küche und die Bedientenzimmer; daneben standen ein zweiter Pavillon für das Badezimmer und für die Aborte. Hinter diesen stand der Stall für zwei Pferde, an diesen grenzte ein Ziehbrunnen ([Fig. 22]) für mich und meine Nachbarn, und an der Ostseite des Hauses stand die Wagenkammer mit einem Zimmer, welches der Kutscher bewohnte.

Das Hauptgebäude ([Fig. 23]) bestand aus vier Zimmern und zwei Veranden, welche durch einen »Gang« zwischen je zwei Zimmern miteinander verbunden waren. Nebstdem hatte ich eine »Binnengallery«, d. h. ein grosses Zimmer, welches hinter der vorderen Veranda die ganze Breite des Hauses einnahm. Bei schlechtem Wetter, d. h. wenn der Wind den Regen in die Veranda trieb, diente sie als Empfangszimmer und wurde darnach auch eingerichtet. Der Silberkasten und das Pianino fanden nebst zahlreichen Phantasiestühlen und kleinen Tischchen in diesem Raume Platz. Zum Schlafzimmer mit dem Ankleidezimmer meiner Frau wählte ich die zwei Zimmer im östlichen Flügel des Hauses, während mein Bureau und das Gastzimmer an der Westseite des Hauses lagen. Die hintere Veranda diente als Aufenthalt für meine Frau, wenn sie mit den häuslichen Angelegenheiten beschäftigt war. Hier war auch das Speisezimmer mit einem langen Tisch, der durch eine Einlage selbst für zwölf Menschen Platz hatte. Auch das Büffet und der Speisekasten sowie ein kleiner runder Tisch für die Handarbeiten meiner Frau standen in diesem Zimmer. Es war eigentlich ein Salon, denn es hatte an allen vier Seiten Mauern und war eine »geschlossene Hinter-Veranda«. Da diese der Aufenthaltsort für die ganze Familie ist und die Temperatur in Magelang des Abends oft bis auf 16° C. sinkt, so ist es in einer offenen Veranda zu kalt, um in der Haustoilette das Nachtmahl einzunehmen und dann noch 1–2 Stunden zu lesen. Darum besassen die meisten Häuser von Magelang eine geschlossene »Achtergallery«, was beinahe niemals in den Städten mit hoher Temperatur, wie Batavia, Samarang u. s. w. der Fall ist.

Schon nach vier Tagen konnte ich meine Wohnung beziehen, d. h. in meinem eigenen Hause essen und schlafen. Das Bett hatte ich nämlich von Ngawie mitgenommen und überhaupt niemals unter den Hammer bringen lassen, um eben so bald als möglich in meine Wohnung einziehen zu können. Es bestand aus schwarzen Stäben mit kupfernen Verzierungen und konnte bequem zu zwei kleinen Collis gebunden werden. Die zwei Matratzen, zwei Kopfpolster und zwei Gulings (= Rollpolster) wurden ebenfalls zu zwei Collis in Matten eingerollt, und so konnte ich überall sofort nach der Ankunft meine eigene Schlafstätte haben, ohne fürchten zu müssen, dass in einem Orte[167] kein neues Bett zu kaufen war, oder dass erst nach langer Zeit eine Auction stattfinden würde, welche mir Gelegenheit bot, dieses unentbehrliche Möbelstück theuer zu erstehen. Glas- und Essservice konnte ich im chinesischen Viertel kaufen, Küchengeräthe verschaffte ich mir vom Pâsar, und auf diese Weise gelang es mir, schon am fünften Tage nach meiner Ankunft meinen regelmässigen Haushalt zu haben und meiner Frau häusliche Thätigkeit zu verschaffen. Nun traten auch die gesellschaftlichen Pflichten an uns; wir mussten alle Empfangsabende frequentiren und so viel als möglich Antrittsvisiten machen. Diese Empfangsabende sind eine sehr praktische Einrichtung und sollten sich nicht auf die Spitzen der Behörden und Officiere beschränken.

Die Städte sind in Indien gross, weil Jeder ein Haus bewohnt, das in der Regel von einem Garten umgeben ist. Die Besuchszeit ist 7 Uhr Abends, und um diese Zeit regnet es wenigstens in 100 Tagen des Jahres; es ist sehr unangenehm, wenn man Jemanden besuchen will, vielleicht wegen des Regens eine Equipage nimmt, und man findet Niemanden zu Hause. Solche jours fixes fanden in Magelang zahlreich statt; der Platzcommandant, 4 Bataillonscommandanten und ihre Adjutanten, der Resident, der Secretair, der Controlor, der Landesgerichts-Präsident, der Director der Schulen für Häuptlings-Söhne, einige Oberlehrer und einige Hauptleute. Auch ich entschloss mich, einen solchen zu halten, und theilte mit, dass ich »jeden Sonnabend zu Hause sei«. Die Empfangsabende dieser genannten Herren besuchte ich mit meiner Frau, ohne gleichzeitig die jüngeren Collegen zu vergessen, welche aus Bescheidenheit keinen jour fixe hielten. In Magelang war es nicht nöthig, eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten, aber wehe! wenn man dieses in einem kleinen Orte thäte und es wagen sollte, erst den Controlor und dann den Assistent-Residenten oder erst den Adjutant und dann den Platzcommandant zu besuchen; ich glaube nicht, dass dies ungestraft geschehen würde. Diese »ersten« Visiten thut man nicht unangemeldet, sondern man theilt im Laufe des Vormittags mit, »dass man wünscht, Herrn und Frau X. seine Aufwartung zu machen, wenn dies gelegen käme«. Etwas Langweiligeres als solche Empfangsabende kann man sich kaum vorstellen. Dazu kommt noch, dass das Haus, oder vielmehr die Veranda des Platzcommandanten in Magelang sehr klein war und dass deshalb bei den Empfangsabenden die meisten Herren stehen mussten. Die Damen häuften sich in der einen Ecke an und fanden bald Stoff zu einem Discurs; in der andern Ecke stand ein runder Tisch, beladen mit Cigarren und Getränken, denen die Herren tüchtig zusprachen, um sich hin und wieder in den Kreis der Damen zu wagen und bei dieser oder jener ihre Anwesenheit durch eine Verbeugung und ein paar Worte in Erinnerung zu bringen. Die Jugend fand sehr bald einen Ausweg aus dieser steifen, langweiligen und ceremoniösen Gesellschaft. Vor dem Hause spielte zwar die Militärmusik ihre Salonstücke oder Arien aus verschiedenen bekannten Opern und Operetten; aber in der hinteren Veranda stand ein Piano. Die Tochter des Hauses wechselte mit ihrer Mama einen stillen Wink und darauf hin zogen die Mädchen und alle jungen Männer durch die hellerleuchtete »Binnengallery« nach der hinteren Veranda. Dort konnte die Jugend flirten und tanzen, bis die Mamas sie zur Abreise abholten, d. h. bis der Resident aufgestanden war, sich bei dem Gastgeber und der Hausfrau empfohlen hatte und seine Frau am Arme des Colonels zu ihrer Equipage gebracht worden war.

In dieser Hinsicht war der Resident viel günstiger situirt. Er hatte ein grosses Haus, welches früher dem »chinesischen Major«[168] gehört hatte, während das des Colonels das Bureau des Controlors gewesen sein soll.

Wenn man der Nordseite des Schlossplatzes folgte, sah man neben dem Clubgebäude das Schloss des Regenten und im Anschluss daran die Pfarrei, welche mit einigen europäischen Wohnungen parallel mit der Eisallee, in welcher mein Haus stand, gegen das Ufer des Progoflusses abfiel, ohne dieses jedoch zu erreichen. Sie endeten in jener grossen Strasse, welche unter dem Namen die »kleine Tour« bei der Eisfabrik, d. h. am Schlossplatze anfing, auf der grossen Heeresstrasse den nördlichsten Punkt der Stadt erreichte, längs des Campements zum Schlossplatze zurück den Weg durch das chinesische Viertel nahm und vor dem Berge Tidar und durch die Mörderallee bei der Eisfabrik endigte. Die grosse Tour nahm dieselbe Route, ging jedoch hinter dem Tidar durch die Landstrasse nach Selaman durch die Mörderallee zurück; für die erste hatte man ¾ und für die grosse Tour 5⁄4 Stunden mit einer Equipage nöthig, welche in mässigem Schritt fuhr.

Das Residentengebäude konnte man jedoch am bequemsten durch die Residentenallee erreichen, welche parallel mit der eben erwähnten Strasse und mit der Eisallee lief; auch sie war an ihrem südlichen Ende steil abfallend, und bei den Empfangsabenden des Residenten war die Auffahrt an dieser Stelle geradezu gefährlich; wenn auch von dem nördlichen Theile der »grossen Tour« an diesem Kreuzungspunkte bei solchen Gelegenheiten nur ausnahmsweise eine Equipage kam, so geschah es desto häufiger von dem südlichen Theile her. Sie begegneten jenen, welche aus der Residentallee kamen und durch den steilen Fall der Strasse nicht in Passschritt fahren konnten. In Galopp ging es bei dem Pavillon für Gäste vorbei und um die Ecke der Strasse vor die Hauptfront des Gebäudes mit der Aussicht auf den Garten, der damals durch die Reichhaltigkeit der Rosensorten berühmt war; am Ende desselben stand ein Gartenhäuschen, von welchem aus man eine wunderschöne Aussicht auf beide Ufer des Progoflusses hatte. Den Eingang in das Haus bewachten zwei grosse Götzenbilder. Er führte zu einer »Voorgallery«, welche gross genug war, um selbst bei aussergewöhnlich besuchten Empfangsabenden, wie z. B. bei der Hochzeitsfeier der Tochter des Residenten, alle Anwesenden bequem sitzen zu lassen. Ja noch mehr; sehr oft liess der Resident bei seinen Empfangsabenden die Militärmusik im Garten spielen, womit die Jugend nicht zufrieden war. Die »alten Herren« wurden nach der Peripherie des Saales gedrängt, wo zwei grosse »Kletstafeln« standen, die »Musik« postirte sich an dem seitlichen Eingang der Veranda, und Allen voran begann der Resident die Polonaise zu eröffnen. Die Jugend hatte den Sieg über die »alten Herren« errungen. Dem Beispiele des Residenten folgte Alles, was kein Zipperlein hatte, und trotz einer Temperatur von 25° C. bis 30° C. wird bis 8½ Uhr getanzt, bis endlich der Colonel das Zeichen zum Aufbruch gab. Der Resident A. war ein braver und behülflicher Mensch; er war ein tüchtiger Beamter. Der Colonel P. war auch ein braver und behülflicher Mensch; auch er war ein tüchtiger Officier; in den Augen der weiblichen Jugend stand dieser jedoch tief unter dem Residenten. Er war damals gewiss schon 55 Jahre und tanzte mehr und besser als alle Lieutenants und Controlors zusammen! Die weibliche Jugend bewahrt ihm gewiss heute noch ein dankbares Andenken.

Alle meine Antrittsvisiten musste ich mit einem Miethwagen machen, weil ich zwar meine Equipage, aber noch keine Pferde hatte. Billig war es, für einen solchen Abend einen Wagen zu miethen; denn man zahlte nur 1,20 fl. = 2 Mark für die Stunde, oder aber, man liess den Wagen nicht warten, sondern nur »bringen« und um 8½ Uhr holen, wofür nur 1 fl. verlangt wurde. Auf den grossen Plätzen, wie Batavia, Samarang u. s. w., sind die Preise zwar nicht höher als 1,20 fl. pro Stunde, aber die »Wagenvermiether« geben nur für 3 bis 4 Stunden einen »Wagen ab«, wofür sie sich 2,50 bis 4 fl. zahlen lassen. Wegen der Unkosten brauchte ich mich also nicht zu beeilen, Pferde anzuschaffen. Aber die gemietheten Wagen waren so alt, so schmutzig und so defect, dass man glauben sollte, dass sich die Polizei gar nicht damit beschäftige. Ich muss auch sagen, dass die öffentlichen Miethwagen in Singapore und Ceylon viel netter, schöner und besser als in ganz holländisch Indien sind.

Fig. 22. Am Ziehbrunnen.

Einen Pferdemarkt hatte Magelang nicht; eine Auction war voraussichtlich vor einigen Wochen nicht zu erwarten, d. h. eine Auction, auf welcher »ein Span« Pferde verkauft werden sollte. Ich beschloss also, Pferde im Kampong kaufen zu lassen. Bald erfuhr ich die Adresse eines chinesischen Pferdeagenten, ich liess ihn zu mir kommen und theilte ihm meine Wünsche mit. Jeden Tag brachte er mir ein Paar Pferde »zur Ansicht«, und endlich wählte ich ein Paar Kedupferde; sie waren klein, 120 Centimeter hoch, schwarz, elegant und zierlich gebaut, hatten keinen Fehler, wenigstens wie der Agent behauptete, und ich konnte sie acht Tage lang probiren; er verlangte für sie 130 fl., sie waren vier Jahre alt, und er demonstrirte mir dies an der Form der Schneidezähne. Ein Pferdekenner war ich nicht, ein Thierarzt lag nicht in Garnison, weil wir weder Cavallerie noch Artillerie hatten. Ich wandte mich also an einen Officier, welcher sich seit vielen Jahren ein Reitpferd hielt. Dieser bestätigte mir die Angaben des Pferdehändlers, dass meine Pferde nicht älter als vier Jahre sein könnten. Der freie Rand der Schneidezähne schleift sich nämlich im Laufe der Jahre ab, und da diese Zähne conisch zur Wurzel ablaufen, so wird der abgeschliffene Zahnrand eine wechselnde Form und Grösse haben und besonders deutlich die Schichten des Zahnes zeigen, welche blossgelegt werden. Das geübte Auge kann daraus mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit das Alter des Pferdes bestimmen. Dieser Process hat aber seine Grenze, welche ungefähr mit dem neunten Jahre abgeschlossen ist. Der Zahn schleift sich nicht mehr ab, und von dieser Zeit an kann das Alter des Pferdes nicht mehr geschätzt werden; das Pferd »zeichnet« nicht mehr. Ich behielt die Pferde acht Tage zur Probe und liess den Kutscher das letzte Wort sprechen, ob ich sie behalten sollte. Dass sie nicht blind oder lahm waren, konnte ich selbst beurtheilen; ob sie aber Temperamentsfehler oder andere Untugenden besässen, welche sie für den Gebrauch ungeeignet machen würden — konnte ich nicht beurtheilen. Bis jetzt waren sie nur Pickulpferde gewesen, d. h. sie hatten nur Kaffee getragen. Man sieht oft Colonnen von 20 Pferden hintereinander gehen, welche je zwei Säcke Kaffee zu beiden Seiten des Rückens tragen; ein solches Pferd muss zum Ziehen eines Wagens erst dressirt werden. Zu diesem Zwecke borgte ich mir einen Lastwagen, der gewöhnlich von einem Karbouw oder Rinde gezogen wurde. Diese erste Probe gelang ausgezeichnet, ruhig und gelassen zog jedes Pferd den Lastwagen (Grobak)[169]. Jetzt sollte es sich zeigen, ob sie auch den guten Willen hätten, zusammen und gleichzeitig ihre Dienste zu leisten. Dazu hatten sie jedoch gar keine Lust. Mit gespreizten Beinen standen sie still, trotzdem die Peitsche nicht geschont wurde. Natürlich wollte mein Kutscher die landesüblichen grausamen Mittel, wie die Flamme u. s. w., anwenden, um ihren Eigensinn zu brechen. Ich gestattete aber weder dieses noch andere heroische Mittel; er durfte nicht einmal mit dem Peitschenstiel schlagen. Am andern Morgen bekamen sie nichts zu fressen und wurden wieder vor den Grobak gespannt; ihr Starrsinn blieb derselbe. Ich liess aber das Gespann umkehren, so dass sie den Stall und das Futter sehen konnten; sie zogen den Wagen an, und als sie bei dem Stall angelangt waren, bekamen sie einen kleinen Theil des Futters und mussten wieder hinaus auf die Strasse. Dies Mittel half, und nach zwei Tagen gingen sie mit dem Grobak, wohin ich wollte. Ich hatte jedoch zu früh gejubelt. Als ich sie vor meinen Mylord lege artis spannte, der sich bequem und leicht ziehen liess, da begann ihr Starrsinn eine neue Form anzunehmen. Sie bäumten sich und drohten den Wagen umzuwerfen, und zuletzt verwirrten sie sich mit den Strängen. Die Hungercur musste wieder beginnen, und endlich wurde aus ihnen ein tüchtiges Paar Dienstpferde, welches mir fünf Jahre lang vortreffliche Dienste leistete, obwohl mein Wagen geradezu ein schwerer zu nennen war.

Die Spitalpraxis brachte die erste Zeit wenig oder vielmehr gar nichts Interessantes. Das Spital selbst bestand aus Bambus-Baracken und wurde ein Jahr später verlassen; auch darüber lässt sich nichts Interessantes mittheilen. In die Privatpraxis konnte ich nur langsam kommen, weil sechs Militär-Aerzte hier waren und das europäische Publicum zu klein war, um einem einzigen Civil-Arzte hinreichend Beschäftigung zu bieten, wieviel weniger noch, einem neu angekommenen siebenten Militär-Arzte Material zuzuführen. Die chinesische Bevölkerung jedoch war nicht nur viel grösser, sondern liebte es auch, häufig den Arzt zu wechseln. Auf diese Weise bekam ich bald genug Chinesen in Behandlung; einer der ersten chinesischen Patienten war ein gewisser Kau-Sui King, welcher von Temanggong kam, mit der Mittheilung, dass er Opiophag sei, täglich 2 fl. für Opium ausgebe und neben Impotenz an habitueller Verstopfung leide; er habe nur alle acht Tage Stuhlgang, er ersuche mich also um ein Gegengift, d. h. um eine Arznei, welche ihn von der üblen Gewohnheit des Opiumrauchens abbringen könnte. Ich habe später einen zweiten ähnlichen Fall zur Beobachtung und in Behandlung bekommen, in welchem der Patient jedoch durch den Missbrauch des Opiums in hohem Maasse heruntergekommen war;[170] er war mager, hatte eine fahle Gesichtsfarbe und litt an einem hochgradigen Emphysem; eine Blutdiarrhöe hatte ihn so erschöpft, dass er dem Tode nahe war; der Puls war fadenförmig, der Herzschlag schwach zu hören — und doch gelang es mir noch, ihn dem frühzeitigen Tode zu entreissen; ich muss sofort bemerken, dass die Gefahren des mässigen Opiumgebrauches für Leib und Seele im Allgemeinen zu hoch angeschlagen werden und nicht viel grösser als die des Alcohols sind. Ich habe vielleicht in 500 chinesischen Familien (während meines 20jährigen Aufenthaltes in Indien) gewiss 1000 Patienten behandelt, ich habe zahlreiche Morphiophagen (leider waren gerade Aerzte diese unglücklichen Opfer ihrer körperlichen Leiden) unter den Europäern gesehen und ich kann mir daher ein Urtheil in dieser Sache erlauben: Der mässige Gebrauch des Opiums schadet ebenso wenig als der des Alcohols, und der Missbrauch desselben ist ebenso perniciös als der der Spiritualien. Im Jahre 1887 behandelte ich einen Collegen, welcher bis zur täglichen Dosis von 1 g Morphium gestiegen war; der Bauch war von Stichen der Injectionsspritze so bedeckt, dass er die Spritze nicht mehr gebrauchen konnte und das Morphium in Form von Pillen nahm; erst im Jahre 1899, also zwölf Jahre später, starb er. Aber auch unter den zahlreichen chinesischen Patienten fand ich nur vereinzelte Opfer dieses Genussmittels; oben erwähnter Kau-Sui King hatte bereits ein Jahr lang täglich um 2 fl. Opium gebraucht, und nur relativ wenig hatte dieses ungeheure Quantum von Opium seine Körperkraft untergraben; ebenso wenig als ich den mässigen Gebrauch des Alcohols auf Grund meiner Beobachtungen und Erfahrungen verurtheilen kann, ebenso wenig möchte ich einen Stein auf den mässigen Gebrauch des Opiums werfen, um so weniger, als die Europäer, welche sich dem ergeben, in der Regel unglückliche Patienten sind, welchen schmerzhaftes Leiden das Leben zur Last macht. Aber wie der Missbrauch des Alcohols den Menschen zum Thiere erniedrigt, ebenso sehr untergräbt der Missbrauch des Opiums Leib und Seele des Menschen. Allerdings muss ich auch noch mehr vor dem mässigen Gebrauch des Opiums als dem des Alcohols meine warnende Stimme erheben; der mässige Gebrauch des Opiums führt beinahe sicher, oder wenigstens viel leichter zum Missbrauch, als dieses der Alcohol thut. Wer in der Lage ist, und wem es die Geldmittel erlauben, wird sicher dem Morphium oder dem Opium zum Opfer fallen, wenn er einmal angefangen hat, zur Morphiumspritze zu greifen, um Erleichterung von seinen körperlichen Leiden zu finden, und darum rufe ich jedem Arzte zu: gieb keinem Patienten die Spritze in die Hand! Principiis obsta!

Der Opiumhandel ist in Indien in den Händen des Staates; dieses Monopol hat natürlich die widerlichsten und garstigsten Schmuggelscenen zur Folge, an welchen sich nicht nur Chinesen, sondern leider zu oft auch Europäer[171] betheiligen, und gerne stimme ich in den heftigen Tadel ein, welcher gegen den Schmuggel des »Höllensaftes« erhoben wird; ich würde aber auch und gerade wegen dieser widerlichen Schmuggelscenen mit so vielen Andern auch gegen den mässigen Gebrauch des Opiums meine Stimme erheben und überhaupt empfehlen, wie es s. Z. im Westen Javas in der Preangerprovinz der Fall war, die Einfuhr von Opium im Allgemeinen zu verbieten; aber hat eine Regierung das Recht und die Pflicht, dem Volke ein Genussmittel mit Gewalt zu entziehen, das wie der Alcohol nur durch den Missbrauch schädlich wird? Ich weiss es nicht.[172]

Das Opium ist bekanntlich der getrocknete Saft einer Mohnkapsel aus der Familie der Papaveraceen; als solcher kommt er unter dem malayischen Namen Madat (= ampiun J.) in den Handel. Er wird nun in warmem Wasser aufgelöst, filtrirt, abgedampft und heisst dann tjandu. Dieses präparirte Opium wird mit Zucker und feingeschnittenem Tabak oder anderen aromatischen Blättern gemischt und geraucht oder getrunken (mit Kaffee) oder gekaut (mit Tabak). Die Pfeifen, aus welchen das Opium geraucht wird, bestehen aus einem mehr oder weniger verzierten Bambusstock, an dessen Ende sich eine kleine Oeffnung befindet, mit oder ohne Pfeifenkopf.

Den momentanen Einfluss des Opiumrauchens kann ich aus eigener Erfahrung nicht beurtheilen; ich konnte mich niemals entschliessen, diesen Genuss einmal zu probiren; wenn ich die Chinesen, welche ich darüber interviewte, gut verstanden habe — es geschah in malayischer Sprache —, so ist der Opiumrausch gewissermaassen dem Nirwâna der Indier zu vergleichen, welcher mit wenigen Worten charakterisirt wird: Absolute Ruhe, Glückseligkeit, beruhend auf dem Wegfall des Gefühls der Existenz, also ein potenzirtes »Klimaschiessen«.

Die Javanen rauchen (ngesis) auch Opium; ich sprach bis jetzt nur von den chinesischen Opiumrauchern, weil ich in diesem Capitel mich vorherrschend mit diesem Volke beschäftigen will, welches Jahrhunderte lang, vielleicht 1000 Jahre lang an der Spitze der Civilisation stand und wie die Juden noch heute gleich einer ehernen Säule aus den Ruinen der Völker des Alterthums hoch über mehr als die Hälfte der Menschen hervorragt; schon zur Zeit Abraham’s, Ramses’ und Lycurgus’ blühte ein chinesisches Reich; »seitdem sind die Aegypter, Griechenland und Rom untergegangen. Die Civilisation der alten Hindus, Chaldäer, Assyrier und Perser ist verschwunden von dem Platz ihrer Entstehung; nur das chinesische Volk lebt fort, und unsere hochgerühmte Bildung von einem kleinen Theil Europas ist mit seiner Civilisation verglichen, als von gestern.«[173]

»Fan Tsjhi frug, was Humanität sei; der Meister sprach: Alle Menschen lieben; er frug, was Wissenschaft sei; der Meister sprach: Alle Menschen kennen.«

Diese Worte des Confucius[174] sind Perlen der Weisheit und stammen aus einer Zeit als in Nord-Europa kaum Spuren einer menschlichen Civilisation zu finden waren und im Westen die Bewohner noch in den Urwäldern ohne Staatsorganisation als Wilde hausten.

Heute freilich zeigt das chinesische Volk nur das Bild einer alten, versteinerten und verknöcherten Masse, welche den Fortschritt des fernen Westens nicht begreifen kann und nur mit Gewalt gezwungen der europäischen Civilisation die Thore öffnen wird, ob zu seinem Wohl oder ob zu seinem Wehe, ist nicht zu entscheiden.

Dimana gula, disana semút, wo Zucker, dort Ameisen, sagt der Chinese in Java und charakterisirt damit die Macht des Goldes, und nur das goldene Kalb betet der heutige Chinese an, wenn auch sein Gottesdienst in erster Reihe ein reiner Ahnencultus ist; es ist aber unrichtig, zu behaupten, dass dieses Volk baar aller hohen Ideen und Gefühle sei, dass nur die nackte Gewalt sie beherrschen könne. Alles, was das Menschenherz erregt, ist dem Chinesen nicht fremd. Ich wurde in Atschin selbst zu einem Selbstmörder gerufen! Die Noth aber hatte ihn nicht dazu getrieben.


Das chinesische Jahr hat 12 Monate zu 29 und 30 Tagen, der Rest wird zu einem 13. Schaltmonat vereinigt; sie kennen auch eine Eintheilung des Jahres in 24 halbe Monate nach dem jeweiligen Stande der Sonne im Thierkreise; die Namen derselben entsprechen den jeweiligen meteorologischen Verhältnissen, sie heissen: Anfang des Frühlings (5. Februar), Regenwasser (19. Februar), Wiedergeburt der Insecten (5. März), Frühlings Tag- und Nachtgleiche (20. März), Reine Luft (5. April), Regen über das Korn (20. April), Anfang des Sommers (5. Mai) u. s. w.

Die Schrift ist eine Hieroglyphenschrift, oder besser gesagt, ist dies ursprünglich gewesen und bis zum heutigen Tage geblieben; darum können sich die Chinesen durch die Schrift immer verständigen, auch wenn ihre Dialekte so stark abweichen, wie z. B. das Englische und das Deutsche.[175] Allgemein ist bekannt, dass sie kein Alphabet haben und jedes Wort durch ein bestimmtes Zeichen ausgedrückt wird; es ist Sache des Studiums, eine grössere oder kleinere Zahl von Wörtern lesen und schreiben zu können. Ich besitze z. B. ein Bild, welches eine Scene aus dem Kriege mit den Franzosen bei Tonkin darstellt; rings um die etwas primitiv ausgeführte Zeichnung sind zahlreiche Sprüche, deren Bedeutung mir kein einziger meiner chinesischen Patienten in Magelang mittheilen konnte. Endlich wandte ich mich auf Anrathen eines befreundeten Chinesen an den Major-tschina, der ein grosser Gelehrter sei. Seinen Mittheilungen über die Bedeutung musste ich um so eher Glauben schenken, weil sie thatsächlich controlirt werden konnten; diese waren die Namen der Städte, des Flusses, an welchem der Kampf stattgefunden hatte, und die Jahreszahlen.

In Magelang befand sich der chinesische Tempel auf dem Schlossplatz, und zwar am Eingange der Hauptstrasse des chinesischen Quartiers — in allen Städten dürfen sie nämlich nur in bestimmten, in der Regel scharf abgegrenzten Stadttheilen wohnen. — Welcher Secte dieser Tempel angehörte, und ob die Chinesen dieser Stadt, welche grösstentheils von Amoy herstammen, Bekenner des Buddhismus, Taoismus oder des Confucionismus sind, ist mir nicht bekannt; auch muss ich mich enthalten, mich in eine Besprechung dieser drei Secten zu vertiefen, weil ich darin, ich möchte sagen, gar nicht versirt bin; aber ich kann es nicht unterlassen, eines ihrer Feste zu erwähnen, welches überall mit grossem Pomp gefeiert wird, und welches ich jedes Jahr in Magelang zu beobachten Gelegenheit hatte, weil meine Wohnung in der Nähe des Schlossplatzes und des chinesischen Quartiers lag.

Es ist das Tsáp gow mêng Fest = (dem Fest) der fünfzehnten Nacht geweiht der Verehrung des Herrn der drei Welten = siong goân, oder wie es von den Europäern auch genannt wird: Das Laternenfest.


Was die Medicin der Chinesen auf Java betrifft, kann ich nur mittheilen, dass wir in Magelang einen chinesischen Doctor und eine chinesische Apotheke hatten. Bis vor Kurzem hatte ich zwei Pillen in meinem Besitz, welche zeigten, dass sie in der Technik der Arzneibereitung so ziemlich hoch stehen. Es waren zwei Hohlkugeln aus Wachs, welche im Innern je eine grosse Pille enthielten, und in chinesischer Schrift die Krankheit mittheilten, für welche sie bestimmt waren; mit sakit angin übersetzte es mein Gewährsmann, d. h. für Erkältungen. Die Pille selbst hatte etwa die Grösse von drei unserer Chininpillen und war mit Zinnober bestreut; überhaupt spielt das Quecksilber bei den Chinesen eine grosse Rolle in ihrer auf der rohesten Empirie basirten Behandlung der Krankheiten. Die grosse Menge des chinesischen Volkes macht noch häufig von den Zauberern Gebrauch, welche bei den gebildeten und höheren Ständen geradezu verachtet sind. Der Zauberer steht gesellschaftlich in Bann und Acht, und für jeden Fall ausserhalb der vier anständigen Kasten: Gelehrte, Landbauer, Arbeiter und Handelsleute. Es würde mich zu weit führen, solche Fälle zu beschreiben, d. h. den Zauberapparat, wie, wann und durch wen er bei »Besessenen« oder bei langdauernden chronischen Erkrankungen angewendet wird; dass aber auch die medicinische Wissenschaft als solche noch stark in den Windeln liege und vielleicht nicht einmal den Ehrennamen der Wissenschaft verdiene, wird aus dem kleinen Aufsatz ersichtlich, den ich vor zwei Jahren über die gerichtliche Medicin bei den Chinesen in der »W. M. W.« veröffentlichte. Da ich aus verschiedenen Ursachen dieses Thema nicht ausführlich besprechen kann und will, so werde ich mich begnügen, diesen Aufsatz hier wörtlich zu reproduciren, weil er meiner Ansicht nach den gegenwärtigen Stand der medicinischen Wissenschaft in China selbst hinreichend andeutet und charakterisirt. In Java haben ja, wie wir sofort sehen werden, die Chinesen ihre heimathliche medicinische Wissenschaft grösstentheils verlassen, und der chinesische Doctor sowie ihre Apotheke werden nur von jenen Chinesen in Anspruch genommen, welche den herrschenden Sitten und Gebräuchen Javas sich noch nicht angepasst haben.

Die gerichtliche Medicin bei den Chinesen.

Die gerichtliche Medicin war, seitdem unter Karl V. im Jahre 1553 als Constitutio criminalis Carolinensis das erste Buch über dieses Fach erschienen war, zu jeder Zeit und überall der Spiegel der herrschenden medicinischen, juridischen, philosophischen und selbst der religiösen Anschauungen. Wenn ich also im Anschlusse an die zwei Aufsätze des Herrn Dr. Karl v. Scherzer[176] einen kleinen Auszug aus einem Buche über gerichtliche Medicin bei den Chinesen bringe und einige Beobachtungen hinzufüge, welche ich bei der Behandlung meiner chinesischen Patienten auf Java gemacht habe, so wird dadurch vielleicht ein Streiflicht geworfen auf die Anschauungen der Chinesen, welche trotz der grossen Literatur über ihre Sitten und Gebräuche den Bewohnern Europas so gut wie unbekannt sind.

Bei dem Lesen dieses Buches, welches vor mehr als 30 Jahren von dem chinesischen Dolmetsch C. F. M. de Grijs in den Mittheilungen der »Bataviaasch Genootschap van Kunsten en Wetenschappen« erschien, und von welchem ich mir einen Separatabdruck besorgen liess, ging es mir wie ein Mühlrad im Kopf herum. Denn nur wenige seiner Theorien sind dem europäisch geschulten Arzte verständlich, und ich kann ruhig sagen: Auf keiner einzigen Zeile dieses 118 Seiten starken Büchleins ist etwas zu finden, woraus der europäische Gerichtsarzt neue Belehrung schöpfen könnte.

Da die letzte Vorrede zu der »Sammlung von ausgewischtem Unrechte«, geschrieben von Li-koan-lan den 27. August 1796, also schon hundert Jahre alt ist und ich nicht in der Lage war, den Herrn de Grijs zu interpelliren, ob seine Uebersetzung die eines noch jetzt in China gebrauchten Lehrbuches sei, wandte ich mich an den Professor de Groot, welcher in Leyden an der Akademie für indische Beamte die chinesische Sprache docirt, mit der Bitte, mir seine Ansichten darüber mitzutheilen, und in liebenswürdiger Weise beantwortete er diese Frage dahin, dass »China sich niemals viel verändert hat und sich niemals verändert«, dass also dieses Büchlein »ein ausgezeichnetes Hülfsmittel sei, um die chinesischen Anschauungen socialer, juridischer und medicinischer Natur kennen zu lernen«.

In China erschien die erste gerichtliche Medicin unter dem Namen »Gesammelte Auszüge von ausgewischtem Unrecht« zur Zeit der Regierung des Kaisers Jun-yu in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts (1241–1255), also 300 Jahre früher als oben erwähnte Constitutio criminalis Carolinensis, und erlebte seit dieser Zeit mehrere verbesserte und vergrösserte Auflagen.

In der mir vorliegenden Auflage war es geradezu unmöglich, eine wissenschaftliche Grundlage der gerichtlichen Medicin zu entdecken, und ich verstehe es, wenn mir Professor de Groot schrieb, dass die chinesischen Aerzte sich allerlei Büchlein bedienen, welche auf keiner wissenschaftlichen Basis beruhen, sondern nur auf philosophischen Speculationen und auf einiger Empirie. Ich selbst habe gewiss mehr als tausend chinesische Patienten behandelt, und in vielen Fällen war mein ärztlicher Rath erst dann eingeholt worden, nachdem der chinesische Doctor ohne Erfolg die Patienten behandelt hatte. Es war mir jedoch niemals gelungen, ein deutliches und einheitliches Bild ihrer Therapie zu bekommen. Nach der Lectüre dieses Büchleins jedoch und nach dem Lesen des Briefes von Professor de Groot wurde es mir deutlich, dass dies eben unmöglich war. Ich kann also in den folgenden Zeilen nur eine Blumenlese bringen aus diesem Buche, und es dem Leser überlassen, sich darüber ein Urtheil zu bilden.

Die Obduction wird nicht von den Gerichtsärzten selbst vorgenommen, sondern von Beamten der niedersten Rangclassen, welche so wenig Vertrauen bei den Gerichtsärzten geniessen, dass fast durch die ganze »Thanathologie« wie ein rother Faden die Warnung vor dem Unfug dieser Leute läuft.

»Es geschieht, dass Schreiber oder Todtenbeschauer an die nächsten Nachbarn vorher Nachricht geben, wenn eine Obduction soll gehalten werden und sie lassen entfliehen, und nur entfernte Nachbarn oder alte Leute, Frauen und Kinder, jünger als 16 Jahre, gefangen nehmen.« Seite 10.

Auf Seite 19 wird nach einer weitschweifigen Vorrede das Suchen nach Wunden folgendermaassen beschrieben:

»Beim Untersuchen einer Leiche, bei welcher die Wunden noch nicht deutlich zu sehen sind, gebraucht man Essig und das résidu (d. i. was bei der Weinbereitung im Fasse zurückbleibt) und legt es auf die Wunden im Freien, und hält ein frisch geöltes Tuch oder einen durchsichtigen Sonnenschirm über die Leiche. Will man die Stelle besehen, wo die Wunde ist, so hält man den Sonnenschirm gegen die Sonne und schaut dann nach der Wunde, welche hierauf sichtbar wird. Bei bewölktem Himmel muss man ein Holzkohlenfeuer machen und dann auf gleiche Weise nach den Wunden schauen. Wenn auf diese Weise die Wunden noch nicht zu sehen sind, dann nimmt man weisse Zwetschken, welche man fein zerreibt und auf die verwundete Stelle legt, und lässt es darauf liegen« u. s. w.

Auf Seite 24: »Wenn während der heissen Monate an den Oeffnungen des Körpers noch keine Würmer zu sehen sind, und diese zuerst an den Schläfen, dem Atlas, auf den Rippen und auf dem Bauche zum Vorschein kommen, dann ist sicher auf dieser Stelle eine Wunde.«

Auf Seite 26: »Die Todtenbeschauer thun auf Ersuchen anderer Leute oft Rubia mangista in den Essig und reiben damit die verwundete Stelle ein. Auf diese Weise werden die Wunden unsichtbar. Es giebt Bösewichte, welche Leichen kaufen, sie verwunden und andere Leute fälschlich des Mordes beschuldigen ...., sie bestechen die Todtenbeschauer, um mit Eisenvitriol, Gallnüssen, Sapanholz die nebligen, blaurothen Wunden nachzumachen, während die Todtenbeschauer die Wunden an die Beamten dictiren.«

Wenn vor einigen Jahren der deutsche Kaiser die europäischen Mächte vor einer mongolischen Invasion warnte, dann verrieth er eine richtige Auffassung der chinesischen Zustände, der chinesischen Ausdauer und der chinesischen Zähigkeit. Ja, noch mehr, ich zweifle keinen Augenblick, dass in den künftigen Jahrhunderten die mongolische Rasse Europa überschwemmen werde. Java ist diesbezüglich eine Demonstration ad oculos; beinahe der ganze Kleinhandel und beinahe der ganze Grossgrundbesitz ist heute schon in den Händen der Chinesen. Von den Ursachen und Verhältnissen, welche diese Thatsachen ermöglichten, will ich nur die Zähigkeit der Chinesen, so weit sie auch auf unser Thema Bezug hat, näher besprechen. Diese ist gross. In ihrem Leben spotten sie geradezu allen Regeln der Hygiene, und doch vermehren sie sich wie — Kaninchen. Eine junge schöne Frau hatte z. B. einen so schweren Blutverlust erlitten, dass sie wie ein Wachsbild beinahe pulslos zu Bette lag, als meine ärztliche Hülfe eingeholt wurde. Keine wie immer geartete manuelle Hülfeleistung wurde von Seite der Familie erlaubt.

Der Tod schien mir nach dieser heftigen Hämorrhagie post abortum unvermeidlich, und doch erholte sie sich nur durch eine medicamentöse Behandlung so vollkommen, dass sie nach Jahresfrist einem 5 Kilo schweren Knaben das Leben gab. (Ich muss bemerken, dass auf Java beinahe niemals echte chinesische Frauen gesehen werden, sondern solche, die einem ehelichen oder unehelichen Verhältnisse mit einer javanischen Frau entstammen.) Wenn ich absehe von einigen sehr reichen Chinesen, welche bereits in zweiter Generation auf Java leben und sich den Luxus eines europäischen Haushaltes erlauben, so sah ich bei allen anderen fürchterliche Unreinlichkeit und Schmutz. Das Schlafzimmer z. B. war bei 90 pCt. der von mir besuchten chinesischen Familien nicht länger als das Bett und vielleicht nur um einen halben Meter breiter; die Bettwäsche und das Moskitonetz hatten durch Alter und Schmutz eine unkennbare Farbe; auf dem Boden dieses Zimmerchens, welches weder eine hölzerne, noch eine steinerne Bedeckung hatte, wurden die Sputa und der Inhalt des Magens deponirt, ohne an eine sofortige Entfernung zu denken. Und doch standen noch in diesem kleinen Raume ein kleiner Altar und die Geldtruhe, worin sich oft Tausende Gulden befanden. Der Chinese ist übermässig im Essen und in der Liebe, und doch wimmelt es im chinesischen Viertel von zahllosen Kindern. Magenkatarrhe, Leberkrankheiten, Fettsucht, Erschöpfung durch den Missbrauch des Opiumrauchens kamen mir ebenso oft zur Behandlung wie die Tropenfieber, und doch sieht man zahlreiche chinesische Greise. Ihre Zähigkeit muss man also bewundern.

In dem vorliegenden Büchlein über gerichtliche Medicin umfasst die Lehre der Vergiftungen 14 Blattseiten, von welchen ich natürlich nur einige Zeilen mittheilen kann.

Auf Seite 81 z. B.: »Es kommen nicht wenige Todesfälle vor, welche dadurch bedingt sind, dass irrthümlicher Weise solche Speisen gegessen werden, deren Charakter miteinander in Streit ist; so mag man z. B. frischen Wein nicht gebrauchen mit Honig oder den Flussfisch »Tung« mit Russ, welcher aus dem Kamin gefallen ist, da dies alles bald den Tod zur Folge haben und den Zweifel erregen würde, ob nicht eine Vergiftung vorliege, was ein grosser Irrthum sein würde.«

Auf Seite 82: »Bei einer Todtenbeschauung von einem Vergifteten nehme man eine silberne Exploitivnadel, welche in einem Aufguss von Mimosa saponaria[177] gewaschen wurde, steckt sie in den Mund der Leiche und stopft den Mund mit Papier zu. Wenn man nach einiger Zeit die Nadel wieder herauszieht, so ist sie blauschwarz und bleibt es auch wenn man sie mit demselben Abguss wiederum wäscht. Wenn jedoch keine Vergiftung geschehen ist, bleibt die Nadel silberweiss.«

Etwas praktischer ist folgendes Experiment.

Seite 83: »Man nehme etwas gekochten Reis, stopfe ihn in den Mund und in die Kehle der Leiche, bedecke den Mund 24 Stunden lang mit Papier, nehme dann den Reis aus dem Munde und gebe ihn einem Huhn zu essen. Stirbt das Huhn, dann lag eine Vergiftung vor.«

Von dem stärksten Gift, welches ebenfalls durch die Nadelprobe erkannt wird und der »Seide essende Wurm« in den Provinzen Canton und Kwang-si Joh-sse-ku genannt wird (weil es wie eine Heuschrecke aussieht), wird auf den Seiten 84 und 85 ausführlich gesprochen.

»Um dieses Gift zu bereiten, wurden hundert kriechende Thiere und Insecten gefangen und in einen Topf gegeben. Nach einem Jahre schaut man nach, und es ist nur ein Thier übrig geblieben, welches die andern aufgegessen hat. Dieses Thier enthält erwähntes Gift und kann sich wie Teufel und Geister unsichtbar machen. Wenn es sich einrollt, sieht es aus wie ein Ring. Es verzehrt alte Seidenstoffe, gerade wie der Seidenwurm Maulbeerblätter. In Sze-tsuen, Ho-kwang, Canton und Tokio giebt es böse Leute, welche diese Würmer in Speise und Trank mengen, um die Menschen zu vergiften. Wer dies Gift gebraucht, stirbt sofort, was den Würmern Freude schafft, den Besitzer der Würmer täglich reicher und reicher macht. Es ist sehr schwer, von diesem Wurm abzukommen, da weder Feuer noch Wasser, weder Schwert noch Messer über ihn etwas vermögen. Wenn jedoch der Besitzer das doppelte Quantum von Gold, Silber und Seide nimmt, den Wurm hineinlegt und das Ganze an der Heeresstrasse weglegt, dann wird ein Vorbeigehender es aufnehmen und der Wurm wird ihm folgen. Wenn der Besitzer dies nicht thut kriecht der Wurm ihm in den Bauch, frisst Magen und Därme auf und geht dann weg.«

Zum Schluss will ich nur noch jenen Theil des Capitels bringen, in welchem die Blutprobe die Verwandtschaft streitender Parteien beweisen soll.

Seite 36: »Es ist noch eine Methode, um Blut zu untersuchen; zwei Personen geben sich einen Stich und lassen Beide einen Tropfen Blut in das Wasser fallen. Sind die Personen factisch Vater und Kind, Mutter und Kind, oder Mann und Frau, dann fliesst das Blut zusammen; besteht jedoch keine Verwandtschaft, dann geschieht dies nicht. Will ein Sohn oder eine Tochter das Skelet des Vaters oder der Mutter agnosciren, dann befehlen die Beamten, dass der Sohn oder die Tochter mit einer Nadel sich stechen und einen Tropfen Blut auf das Skelet fallen lassen. Wenn dieses das Blut von einem der Eltern ist, dringt das Blut in die Knochen, im anderen Falle nicht. Wenn jedoch die Knochen mit Salzwasser gewaschen sind, dann wird das Blut nicht eindringen, wenn auch eine Verwandtschaft zwischen den Beiden bestanden hat. Das ist ein Kunstgriff, dessen sich schlechte Leute bedienen, und man passe also gut auf.«

Ich zweifle, ob es einem Anderen gelingen wird, aus dieser Blumenlese oder aus dem ganzen Büchlein über die chinesische gerichtliche Medicin, herausgegeben von dem Herrn Li-koan-lan im Jahre 1796, eine einheitliche wissenschaftliche Basis heraus zu finden. Mir gelang es nicht!


Jedem Arzte, welcher bei den Chinesen Javas eine grosse Praxis erlangen will, möchte ich den Rath geben, sich mit der causalen Behandlung chronischer Krankheiten nicht viel einzulassen. Der Chinese beurtheilt den Arzt nach dem momentanen Erfolg, und diesem entspricht am meisten die symptomatische Behandlung; ja noch mehr; wenn er auch in Java geboren und bis auf den Zopf beinahe ganz in den Sitten und Gebräuchen der Europäer aufgegangen ist, in einer holländischen Schule die holländische und französische, und vielleicht auch die englische Sprache erlernt hat, und seine Schwester unter Leitung einer europäischen Gouvernante selbst das Klavierspiel sich aneignet, wird er in acuten Krankheiten zwar einen europäischen Arzt zu Rathe ziehen und einige Tage dessen Behandlung sich unterwerfen. Bei chronischen Krankheiten oder bei acuten Krankheiten (wie dem Typhus z. B.), welche wochenlang dauern, wird er aber gewiss eine Dukun kommen lassen, und entweder dem europäischen Arzte den Abschied geben oder hinter dessen Rücken die javanische oder halbeuropäische Heilkünstlerin zu Rathe ziehen, weil die Behandlungsweise dieser Frauen seinen Anschauungen näher steht, als die des europäischen Arztes. Will man nicht, wie es einem meiner Collegen passirte, die unangenehme Erfahrung machen, dass man am vierten oder fünften Tage mit den Worten: Apa mau tuwan? = Was wünscht der Herr? empfangen wird, dann stelle man so bald als möglich die Vertrauensfrage; so bald es nöthig wurde, dass ich nach dem vierten Tage kommen sollte, frug ich den Patienten oder einen seiner Verwandten: »Wünschen Sie, dass ich morgen wieder zu dem Patienten komme?« und in den meisten Fällen bekam ich zur Antwort: »Wenn es dem Patienten nicht besser geht, werde ich den Herrn Doctor davon verständigen.« Natürlich giebt es Fälle, in welchen eine solche Vertrauensfrage ganz überflüssig ist. Ich behandelte z. B. das Kind eines angesehenen chinesischen Kaufmanns, Lie Tiauw Poo war sein Name, welches einen eitrigen Erguss in der linken Brusthöhle hatte; den 10. September 1895 wurde ich zu dem kleinen, zweijährigen Patienten gerufen, und zwei Tage später hatte ich durch eine Probepunction die Bestätigung meiner Diagnose erhalten; ich theilte dem Vater mit, dass Eiter niemals aufgesogen werde, dass eine Operation unvermeidlich sei, und dass es vielleicht 2–3 Wochen dauern könne, bis der kleine Patient geheilt sein würde. In diesem Falle stellte ich während der ganzen Behandlungsdauer niemals die Vertrauensfrage; der Vater sah ja ein, dass anfangs täglich und später in grösserem Zeitraume ein Verbandwechsel eintreten müsse; dennoch wundert es mich heute noch, dass er es bis zum 3. October, also durch 24 Tage mit mir ausgehalten hat; an diesem Tage war die Wunde bis auf die Haut geschlossen. Vorsichts halber theilte ich mit, dass jetzt meine Hülfe nicht mehr nöthig sei, weil bei dem Gebrauch der Jodoformsalbe auch die Hautwunde sich schliessen werde, und erhielt zur Antwort: Baik tuwan = gut, mein Herr!

Die gesellschaftliche Stellung der Chinesen ist stricte dictu eine Zwischenstellung zwischen der herrschenden Rasse, den Europäern, und den Unterthanen, den Malayen, Javanen u. s. w.; wenn es auch viele Europäer giebt, welche die Präponderanz der weissen Rasse über die gelbe so viel als möglich auch im alltäglichen Leben geltend machen wollen, so sind andererseits viele — welche mich an einen Hausirer erinnern, dem ich im Jahre 1884 in Singapore begegnete. Einige Europäer standen im Hôtel de l’Europe beisammen und besprachen die einzelnen Religionen in Indien; da nahm Einer von ihnen einen Dollar aus der Tasche und rief mit Aplomb aus: Dieses ist meine Religion! Ein durch Opiumschmuggel reich gewordener Chinese gab zu Ehren der Hochzeit seiner Tochter ein grosses Fest; er lud alle Europäer dazu ein, ob er sie persönlich kannte oder nur vom Hörensagen von ihrem Aufenthalt in Magelang etwas wusste; es waren nur Wenige, welche von dieser Einladung keinen Gebrauch machten. Bei diesem Feste wurden die feinsten Weine, Champagner ad libitum geschenkt; die besten und theuersten Cigarren standen à Discretion auf den Tischen, und so mancher der Anwesenden soll sich die Taschen mit Cigarren gefüllt und heimlich ganze Flaschen den in der Nähe stehenden Bedienten zugesteckt haben!! Solche dunklen Ehrenmänner sind die lautesten Schreier, wenn es gilt, einem anständigen Chinesen auch anständig entgegenzukommen, und diese problematischen Naturen sind es, welche von den Chinesen nur in dem verächtlichsten und beschimpfendsten Tone als ekelhaften schweinischen Wucherern u. s. w. sprechen. Solche Europäer haben auch dem Chinesen das oben erwähnte malayische Sprichwort »dimana gula, disana aemut« in den Mund gelegt, als er coram publico von diesem Missbrauch der Gastfreundschaft Erwähnung that.

Eine Ehe zwischen einem Chinesen und einer europäischen Dame ist meines Wissens nach auf Java noch nicht vorgekommen; umgekehrt halten sich viele europäische Männer oft chinesische Haushälterinnen und heiraten manchmal die Mutter ihrer Kinder; ob die Regierung jemals die Erlaubniss geben würde, dass ein Officier eine Chinesin heirate, ist sehr zu bezweifeln.

Zu Aemtern und Würden werden sie nicht zugelassen; militärische Dienste leisten sie keine, obwohl die Armee nur aus Freiwilligen besteht; sie sind eben ein fremdes Element in dem Staate und werden es bleiben, so lange — die herrschende Rasse es für gut findet.[178]

Ihre sociale Stellung ist eine ausgebreitete. Wenn man auch beinahe niemals chinesische Bediente in einem Hotel oder in einem Privathause findet,[179] weil sie viel höheren Lohn als die Eingeborenen verlangen, so findet man sie in allen Zweigen der Industrie und des Handels. Sie sind Hausirer, Schneider, Schuhmacher; sie verfertigen Wagen und Möbel; sie sind Kulis und Buchdrucker; in den grossen Banken sieht man nur chinesische Kassirer; sie sind Pächter von Plantagen und Bauunternehmer, und gewiss ¾ des Detailhandels ist in ihren Händen. Leihhausbesitzer und Wucherer ist Jeder von ihnen in grösserem oder kleinerem Maasse. Kaum hat der chinesische Emigrant auf Java festen Fuss gefasst, leistet er Kulidienste oder erhält von seinem Landsmann einen kleinen Vorrath an Zwirn, Knöpfen, Band und Nadeln und hausirt damit im Innern des Landes. Kaum hat er 5 fl. erspart, so spielt er schon den Wucherer gegenüber den sorglosen Eingeborenen. Der Erfolg ist immer derselbe, der Javane verarmt und der Chinese wird reich. Auch von einem europäischen Wucherer kenne ich die Genesis seines Reichthums, und sie giebt uns ein deutliches Bild über das Gebahren dieser Ehrenmenschen (?). Die Frau desselben sass an jedem Markttage (hari paing) im Garten ihres Hauses, vor welchem der Strom der Marktbesucher vorbeizog. Die eine Frau brachte sechs Hühner auf den Markt, die andere einen Sack Reis, eine dritte einen Korb Früchte u. s. w. Jede von ihnen hoffte von dem Erträgniss ihrer Waare einiges für sich selbst zu kaufen; ungewiss, ob und wie spät sie in den Besitz desselben kommen werde, folgte sie gern dem Sirenengesang der Babu dieser Dame, welche sich bereit zeigte, ihr ½ fl. zu borgen, wofür sie denselben Tag 60 Ct. zurückzahlen musste. Hatte sie diesen Betrag nicht in baar, war diese Dame immer so liebenswürdig (?), auch in Waaren sich bezahlen zu lassen, deren Preis natürlich tief unter dem des Marktes stand. Im Laufe der Jahre hatte diese Dame damit 75,000 fl. verdient!!! Es ist nicht zu viel gesagt, dass jeder Chinese bei Gelegenheit ein Wucherer ist, und es ist Sache der Regierung, diesem Unwesen zu steuern. Auch als Kaufleute sind sie sehr unsolide; es ist aber die Sache des Grosshandels, diesem Factor Rechnung zu tragen; die Creditverhältnisse sind im Allgemeinen in Java sehr ungesund, und nur ein gemeinsames, energisches Zusammengehen der europäischen Grosshändler kann diesen Auswüchsen des »leichten Credits« in Indien ein Ende machen.

Individuell ist der Chinese auf Java, wenn wir von der Moral absehen, allen Anforderungen der Civilisation zugänglich; er ist fleissig und sparsam und nüchtern, er ist ein Freund des Prunkes und des Aufwandes — wenn er die Mittel dazu besitzt; wenn er als Kuli ¼ fl. pro Tag verdient, wird er sicher 5 Cent davon zur Seite legen, und wenn er 5 fl. pro Tag erwirbt, wird er niemals das ganze Erträgniss seiner Arbeit verzehren; ist er jedoch reich, wird er gewiss niemals geizen, im Gegentheil, er liebt den Prunk und wird z. B. bei der Hochzeit seiner Tochter 1000 fl. allein für das Feuerwerk bezahlen.

Fig. 23. Mein »Haus«.

Vieles von dem bis jetzt Erwähnten passt allerdings nicht in das landläufige Bild eines Chinesen; auf Java ist eben dieses Volk alles, nur keine reine Rasse, weil es keine chinesischen Frauen stricte dictu giebt. Sie stammen nämlich aus der Provinz Amoy, wo das Auswandern der Frauen verboten ist. Auf anderen Inseln, z. B. auf Sumatra, sah ich einige echt chinesische Frauen, d. h. von China eingewanderte Frauen, welche noch die verkrüppelten Füsse hatten. In Java jedoch sind es nur chinesisch-javanische Frauen, und als solche pflanzen sie sich als eigene Rasse fort. Ihre Kinder heissen »chinesische Kinder«; der Knabe bekommt seinen Zopf und das (reiche) Mädchen wird der Oeffentlichkeit entzogen; da sie in der Regel wieder untereinander heiraten, bleiben wohl einzelne Rasseneigenthümlichkeiten bestehen; aber rein ist die Rasse nicht; es sei denn, dass man auch wissenschaftlich von einer chinesisch-javanischen Rasse spricht. Ihre Hautfarbe ist lange nicht so dunkel, als die der Javanen; die Männer haben den Zopf und das bartlose Gesicht; nur bei einigen sind die enggeschlitzten Augen noch zu erkennen; die Frauen sind zierliche Puppen; sie haben den eleganten Körperbau der javanischen Rasse; durch die helle Hautfarbe ist oft das zarte Roth der Wangen sehr deutlich; sie sind schön gebaut, und viele von ihnen würden die Zierde eines jeden Salons sein.

Vielfach wird behauptet, dass die Chinesen sich nicht in der Fremde begraben liessen. Dieses hat wahrscheinlich für die echten Chinesen seine Richtigkeit; der Halbchinese wird auch in Java begraben. Ich erinnere mich nur eines vereinzelten Falles, dass von Magelang während meines 5jährigen Aufenthaltes eine Leiche nach China transportirt wurde, die übrigen wurden auf dem chinesischen Kirchhofe begraben, welcher auf dem Wege nach Djocja lag. Wie überall, waren die Grabkeller in einen Hügel eingegraben und hatten ein weisses[180] Rondeau; je nach dem Vermögen und Stand der Familie ist dieses bald gross, bald klein. Der Sarg ist einfach und schmucklos; er besteht aus einem ausgehöhlten Baumstamme, und der Deckel ist demselben Baumstamme entnommen. Zum Transport wird der darauf gut passende Deckel einfach mit Pech verklebt, und doch belästigt die Verwesung der Leiche die Umgebung nicht.


Am 1. November 1892 wurde das alte Spital verlassen und das neue, welches sich im Norden des Campements befand, bezogen. Die Uebersiedelung eines solchen Spitales mit ungefähr 500 Soldaten-Patienten ist mit gewissen Schwierigkeiten verbunden; es musste oder vielmehr sollte alles an einem Tage geschehen, weil sonst die Küche, die Apotheke u. s. w. auf zwei Plätzen ihre Arbeiten gleichzeitig verrichten mussten; vorher musste also festgestellt werden, wie viel Patienten, zu Fuss gehen konnten — die beiden Spitäler lagen ja beinahe 3 Kilometer von einander entfernt — wie viel in einer Sänfte und wie viel in einem Wagen transportirt werden sollten; es waren ja selbst einige Schwerkranke, welche man im Bette beliess und welche in demselben auf den Schultern von 4 Kulis getragen werden sollten. Da der Spitalschef alles selbst besorgte, so war der Transport insoweit nicht geregelt, als einige Aerzte im neuen Spital werklos auf die Ankunft der Kranken warteten, während sich der Spitalschef übermüdete.

Fig. 24. Grundriss des Militärspitals zu Magelang. (Erklärung v. [S. 308]).

Erklärung zum „Grundriss des Militärspitals zu Magelang“.

I.

Hauptgebäude.

 1. Zimmer für die Verwundeten.

 2.  „ „ „  Operationen.

 3.  „ „ „  Instrumente.

 4. Bibliothek.

 5. Sitzungssaal.

 6. Bureau für den Chef.

 7. Antichambre.

 8. Bureau des Schreibers.

 9. Wohnzimmer.

für den Doctor
du jour.

10. Schlafzimmer.

11. „ für den Apotheker du jour.

12. Tisanerie.

13. Magazin der Apotheke.

14. Laboratorium.

15. Arbeitszimmer des Apothekers.

16. Bureau des Apothekers.

17. Apotheke.

18. Oberkrankenwärter.

19. Feuerspritze.

20. Portier.

21. Hauptthor.

22. Bureau des Verwalters.

23.  „  „  Schreibers.

24. Magazine.

25. „

26. „

für die Uniformen und
Effecten d. Patienten.

27. „

28. Schmutzwäsche.

29. Bureau des Magazinmeisters.

30. Magazin für Strohsäcke.

31. „  für Holz- u. Eisengegenstände.

32. Zimmer für die Wäsche

im 1. Stock.

33. Magazin für Spitalgegenstände

34.  „ „ unbrauchbare Gegenstände

35.  „ „ Matratzen und Polster

IIa.

Aborte und Badezimmer für das Hospitalpersonal.

IIb.

 „   für neue Patienten.

III.

Halle für Schwefelwasserstoff.

IVa.

Abort b. Badezimmer f. d. Doctor du jour.

V.

Wagenremise.

VI.

Tolletbaracke für 42 Patienten.

VII.

Küche.

VIII.

2 Pavillons für 120 Patienten.

VIIIa.

Pavillon für Augenkranke mit Operationszimmer, Dunkelzimmer und 40 Betten.

IX.

Badezimmer und Aborte für Patienten der 3. u. 4. Classe.

X.

Officierspavillon.

XI.

Badezimmer und Aborte für Officiere.

XII.

Zimmer für Officiersbediente.

XIII.

Pavillon für Damen.

XIV.

Officiersküche.

XV.

Pavillon für 20 Unterofficiere.

XVI.

idem.

XVII.

Badezimmer und Aborte für Unterofficiere.

XVIII.

Pavillon für Soldatenfrauen.

XIX.

Badezimmer und Aborte
für Soldatenfrauen

XX.

XXI.

Pavillon für Prostitués.

XXII.

Badezimmer u. Aborte für diese.

XXIII.

Strafabtheilung und 2 Zellen für Irrsinnige.

XXIV.

Badezimmer u. Aborte für diese.

XXV.

Leichenhaus m. Pferdestall. Wagenremise und Laboratorium.

XXVI.

Gebäude u. Ofen f. Desinfection.

XXVII.

Pavillon für Infectionskrankheiten.

Casernen für die Krankenwärter.

XXVIII.

Wohnung d. Aspirantofficiers.

XXIX.

Abort, Badezimmer u. Küche desselben.

XXX.

Oberkrankenwärter (Feldwebel).

XXXI.

Badezimmer u. Aborte für diese.

XXXII.

Caserne für 57 europäische (oppassers), 75 eingeborene Krankenwärter (handlangers), 13 Corporale u. ein Sergeant-Major.

XXXIII.

Nebengebäude.

a. Frauenhalle.

b. Badezimmer f. d. verheirateten Frauen.

c.„ für Frauen.

d.„ „ Europäer.

e.„ „ Eingeborene.

f. Aborte für Eingeborene.

g. „  „  Europäer.

h.
i.

Aborte für Frauen.

k. Küche.

XXXIV.

Arrestlocale und Logis der 54 Sträflinge, welche dem Spital für die groben Arbeiten zugetheilt sind.

XXXV.

Aborte der Sträflinge.

XXXVI.

Wasserreservoir.

XXXVII.

Ofen f. die Warmwasserleitung.

Das neue Spital ([Fig. 24]) hat eine ungeheure Ausdehnung, weil das Pavillonsystem in übertriebener Weise angewendet wurde. Die Luftlinie von Norden nach Süden beträgt 450 Meter und von Osten nach Westen 200 Meter. Wenn der »Doctor der Wacht«[181] reglementair in der Nacht zweimal die Runde macht, d. h. durch alle Krankensäle und längs aller Betten geht, hat er jedes Mal ¾ Stunden dazu nöthig, und thatsächlich beträgt dann der zurückgelegte Weg jedesmal 3 Kilometer. Wie leicht geschieht es, dass bei einem Krankenstand von 5–600 Mann der »Doctor der Wacht«, ich will sagen nur einmal bei einem Patienten Hülfe leisten muss; also wenigstens 7–8 Kilometer muss er jede Nacht zurücklegen, wenn er seinen Pflichten nachkommen will. Er muss nebstdem den darauf folgenden Vormittag nicht nur seinen gewöhnlichen Saaldienst verrichten, sondern es erwarten ihn noch andere Obliegenheiten. Er muss dreimal nach der Küche gehen, um das Essen zu kosten, das erkrankte Hospitalpersonal muss er entweder in der Caserne oder bei sich im Wartezimmer behandeln und, last not least er muss den Befund beschreiben von etwaigen Verwundeten oder Todten, welche in den letzten 24 Stunden ins Spital gebracht und von ihm behandelt oder operirt wurden. Die Runde des »Doctors der Wacht« ist überflüssig; denn andere dazu mehr befugte und geeignete Personen können ja dasselbe leisten, d. h. durch die Runde sich überzeugen, dass die Patienten in ihren Betten liegen und dass die Krankenwärter nicht nur auf ihrem Posten sind, sondern auch factisch wachen. Das sind nämlich die Krankenoberwärter mit dem Range eines Feldwebels, welche im Allgemeinen einen leichten Dienst haben; ein oder zwei Pavillons mit ungefähr 50 Patienten ist das Terrain ihrer Arbeit. Sie müssen dafür sorgen, dass die »Handlangers« (eingeborene Krankenwärter) und »Oppassers« (europäische Krankenwärter) den »Saal« rein halten, die Kranken jeden dritten Tag mit neuer Leibwäsche versorgen; sie verfertigen die Diätlisten nach den Mittheilungen des Arztes, sind beim Empfang der Speisen in der Küche und bei der Vertheilung an die Patienten, und halten den kleinen Vorrath von Wäsche in Evidenz, welche sich in einem Kasten im Krankensaal befindet. Wenn sie auch die verantwortlichen Personen für alles sind, was der Arzt für die Patienten vorschreibt, und für alles, was in Abwesenheit des Arztes »auf dem Saale« geschieht, so ist diese Arbeit doch eine sehr beschränkte, und es könnte ihnen ausschliesslich die »Runde« überlassen werden und dem »Doctor der Wacht« höchstens die Controle dieser Unterofficiere anvertraut werden.

Aber noch andere Inconvenienzen sind mit solchen ausgedehnten Räumlichkeiten verbunden. Der Krankenwärter ist auch »lieber faul als müde«, wie ein holländisches Sprichwort sagt, und überlegt es sich, einen Kilometer weit den »Dokter van de Wacht« zu holen. Ich selbst habe es erfahren, als ich eines Tages »die Wacht« hatte, dass einer meiner Patienten in der Nacht einen Blutsturz bekam, ohne dass mich der Krankenwärter davon verständigte. Andererseits ist es wiederholt vorgekommen, dass Aerzte dem Krankenwärter einen Vorwurf machten, ihn umsonst im Schlafe gestört zu haben, weil sie dem Patienten doch nicht helfen konnten.

Das Pavillonsystem ist gewiss für jedes Spital das richtige System. In Magelang ist es jedoch auf die Spitze getrieben worden — zum Nachtheil der Patienten. Dieses Spital wird als eine Sehenswürdigkeit von Magelang, ja selbst von ganz Indien gepriesen. Als im Jahre 1896 der König von Siam nach Java kam und den Tempel Buru Budur aufsuchte, wo er fünf Tage verblieb, kam er auch nach Magelang, um das berühmte Spital zu besichtigen. Es gefiel ihm in so hohem Maasse, dass er versprach, auch die Königin dieses Gebäude besichtigen zu lassen. Am 2. Juli 1896 um 4 Uhr sollte Ihre Majestät nach Magelang kommen, beim Residenten absteigen und in Gesellschaft des Platz-Commandanten und Residenten das Spital besichtigen. Wir Militärärzte bekamen natürlich den Auftrag, in Galatenue zu dieser ungewöhnlichen Stunde im Spitale »präsent« zu sein. Um 3½ Uhr stand ich mit dem Adjutanten und einigen Aerzten am Eingange des Spitals, als ein schmutziger, alter Reisewagen vorfuhr und stehen blieb. Der Platz-Commandant und der Resident waren nicht zu sehen. Zu unserer Ueberraschung stiegen aus dem Wagen die Königin mit zwei Hofdamen und dem Leibarzte Dr. Ruyther, einem Belgier von Geburt. Der Spitalchef sass noch in seinem Bureau, ich eilte also rasch zum Wagen und bot der Königin, und der Zahlmeister der ersten Hofdame den Arm. Die Königin nahm den Arm an, und ich führte sie ins Gebäude, wobei wir zunächst die Apotheke passirten. Da erscholl in deutscher Sprache mit lauter Stentorstimme der Ruf aus der Apotheke: »Man giebt einer Königin nicht den Arm.« Unterdessen kam der Spitalchef herbeigeeilt und bemühte sich vergebens, die goldenen Schnüre an der Uniform zu befestigen. Die Königin, welche ein wenig der englischen Sprache mächtig war, ging aber so langsamen und gemessenen Schrittes,[182] dass der brave Stabsarzt V. endlich die Schnüre befestigen konnte; er bot nun der Königin den Arm und ich der Hofdame. Beide, die Königin und die Hofdame, waren in europäischer Kleidung, welche aus einer einfachen billigen Sommertoilette bestand; aber der Schmuck in den Ohren war kostbar. Eine Stunde dauerte dieser Gang durch das Spital (unterdessen hatte ich Gelegenheit, mit meiner Equipage die Spitzen der Behörden wissen zu lassen, dass die Königin sich nicht ans Programm gehalten hatte und direct nach dem Spitale gefahren war), und in dieser ganzen Stunde konnte ich mit dieser Dame kein einziges Wort sprechen, weil sie nur der siamesischen Sprache mächtig war. Es war eine peinliche Situation, welche einen recht komischen Beigeschmack hatte.

Gegen Ende des Rundgangs platzte endlich die Bombe. Ich und die Hofdame ergingen uns in einem schallenden Gelächter, worauf sich das vor uns gehende Paar fragend umdrehte. Was die Hofdame der Königin antwortete, weiss ich nicht, weil es in siamesischer Sprache geschah; ungehalten war sie nicht, denn sie sah mich lächelnd an, und beim Einsteigen in den Wagen bekam ich von den beiden Damen einen Händedruck.

Schön ist die Lage des Spitals, und schön sind seine Gartenanlagen; am südlichsten Ende des Terrains liegt der Officierspavillon; es war ein 40 Meter langes Gebäude mit 10 Zimmern, einer gemeinsamen Vorder-Galerie und gemeinsamem »Tagverbleib«, d. h. einem Corridor, in welchem die nicht bettlägerigen Patienten zusammenkamen und durch Dominospiel u. s. w. mit ihren Leidensgenossen verkehren konnten. Ein seltsam schönes Panorama bot die Galerie; von der Heeresstrasse nach Bandongan trennte sie nur ein Gitter aus Stacheldraht. Nur zu oft sahen die jungen Lieutenants junge Damen hier ihren Spaziergang nach den Ufern des tiefer gelegenen Elloflusses machen, und ich weiss nicht, ob nicht der kleine Schalk Amor die Schritte der jungen Schönen gerade dorthin leitete, wenn, was nur selten geschah, einige Lieutenants sich dort befanden. Im Hintergrunde erhoben sich die stolzen Häupter des Merbabu und des stets rauchenden Merapis, und als im Januar des Jahres 1894 dieser Vulcan seine Feuermassen über den südöstlichen Abhang wälzen liess, hatten gerade die Bewohner dieses Officierpavillons die schönste und beste Aussicht auf dieses schaurige und romantische Bild.

Der Stacheldraht ist ein einfaches und billiges Mittel, um ein grosses Terrain abzuschliessen; aber von der praktischen Seite betrachtet, ist er nicht mehr werth, als der Eingang bei dem Hause eines Eingeborenen. Das Häuschen desselben hat einen nur einige Meter breiten Garten, welcher durch ein Gehege aus Bambus von der Strasse getrennt ist. Der Eingang in das Gärtchen ist nicht frei, sondern durch eine Scheidewand von 30–40 Centimeter Höhe behindert. Jeder Mensch und jedes Thier überschreitet dieses Hinderniss leicht und bequem. Ich hielt dies für ein Symbol des Privateigenthums. Auf gleiche Weise kann das Netz des Geheges, welches das ganze Spital umzog, nicht viel mehr, als z. B. ein Pfahl mit der Aufschrift: »Spital« leisten. Das Gehege ist 2 Meter hoch und hat Zwischenräume von 30–40 Centimetern; die Stacheln des Drahtes verhindern zwar das Durchschlüpfen des einzelnen Patienten, welcher gern eine Nacht befreit von der Zucht und Disciplin des Spitals zubringen möchte. Wenn man jedoch ein Brett darauf legt, oder wenn ein zweiter Mann die Drähte auseinander zerrt, kann man sehr leicht nach Belieben das Spital verlassen und unbemerkt zurückkommen. Thatsächlich ist die Flucht aus diesem Spitale eine häufige Erscheinung gewesen. Warum keine Schildwachen gestellt wurden, um dieses unmöglich zu machen, mit der nöthigen Beleuchtung des Terrains, weiss ich nicht. Ein »guter Soldat« ist nicht gern im Spitale; er will seinen Dienst thun, aber auch die Freiheit der Bewegung ist ihm kostbar; wenn er eine Krankheit hat, bei welcher »Leib und Seele gesund« sind, d. h. abgesehen von den örtlichen Beschwerden sich nicht krank fühlt, dann meidet der »gute Soldat« den Aufenthalt im Spitale und entzieht sich so lange als möglich dem forschenden Auge des Arztes. Ich hatte selbst einen Füsilier mit einer Blutgeschwulst (aneurysma) im Becken in Behandlung. Der ganze linke Schenkel war durch die verhinderte Blutcirculation verdickt; er hatte aber keine Schmerzen und fühlte sich gesund; zweimal flüchtete er aus dem Spitale, weil ihn, wie ich glaubte, die zarten Bande der Liebe und die starken Fesseln des Genevers hinauszogen.

Noch andere Gefahren birgt ein solches offenes Gebäude. Der Schmuggel[183] und Tauschhandel[184] mit der Aussenwelt war zum Nachtheile der Patienten und — des Spitalfonds in floribus. Der Officier wie der Unterofficier sind als Patienten ebenso grosse Kinder als der gewöhnliche Soldat. Wie oft findet der Arzt Ursache, den Genever oder die Cigarre zu verbieten? (Cigarren kann er im Spital kaufen. »Nach Ablauf der Visite« erscheint die Frau eines »Ziekenvaders«, welche von dem Spitalschef die Erlaubniss erhielt, sich eine kleine Bude zu halten. Tinte, Federn, Bleistifte, Streichhölzer, Cigarren, Briefpapier und Couverts, europäischen und javanischen Zucker und Tabak mag sie gegen feststehende Preise verkaufen.)

Fig. 25. Buddha-Statue im Innern des Tempels bei Mendút.

In den späten Abendstunden erhält mit grosser Leichtigkeit der Officier und Unterofficier alle gewünschten Getränke von seiner Haushälterin oder von seinen Kameraden, und er braucht sich nur etwas Mühe zu geben, um die hineingeschmuggelten Waaren vor den Augen der inspicirenden Aerzte zu verbergen. Das Personal, d. h. die Krankenwärter wagen es nicht, den Verräther zu spielen. Im Jahre 1881 lag ich im Spitale zu Weltevreden als Patient; ein Lieutenant war mein Nachbar, dem der behandelnde Arzt erlaubt hatte, den Koffer in seinem Zimmer zu behalten. Dieser war jedoch mit Conserven gefüllt, obzwar der Patient an chronischer Dysenterie litt!! Die lästigsten Patrone sind diesbezüglich die Unterofficiere. Der gemeine Soldat hat vor dem »Ziekenvader« Furcht und Respect; bei den Officieren giebt es nur wenige, welche sich nicht vor dem Krankenwärter geniren würden, Speisen und Getränke hineinzuschmuggeln. Die Unterofficiere jedoch glauben, es ihrer Stellung schuldig zu sein, sich so viel als möglich der Disciplin, welche im Spitale ebenso nöthig ist, als in der Caserne, zu entziehen. Ich war einige Jahre in Magelang mit der Behandlung der »zweiten Abtheilung« betraut, und ich war gezwungen, die ganze Strenge meiner Stellung gegenüber den Unterofficieren zur Geltung zu bringen. Einmal kam ich dadurch in eine fürchterlich unangenehme Lage gegenüber dem Hospitalschef, dem Oberstabsarzt X., welchen ich ohne mein Wissen und Willen dem Spott der Unterofficiere blossgestellt habe.

Der Pavillon der zweiten Abtheilung, d. h. der Unterofficiere, bestand aus zwei Theilen, und jeder derselben hatte zwei Säle, welche durch den »Tagverbleib« von einander getrennt waren. Eines Morgens war ich in dem einen Saale mit der Untersuchung der Brust eines Feldwebels beschäftigt, als ich im nächsten Saale sprechen hörte; ich wollte mich in der Auscultation nicht stören lassen und rief: »Ruhe im andern Zimmer.« Als demungeachtet das Sprechen nicht aufhören wollte, ging ich raschen Schrittes in den benachbarten Saal und rief: »Wer wagt es zu sprechen, wenn ich »auf dem Saale« bin?« Es war der Spitalschef. Ich entschuldigte mich bei ihm, dass ich von seiner Anwesenheit nichts gewusst hätte; aber das unterdrückte Lächeln der Patienten und des Personals verrieth das Komische der Situation, dass ein Oberstabsarzt von einem Regimentsarzte in dem heftigsten Tone der Ruhestörung beschuldigt wurde. Meine Entschuldigung hielt er offenbar für eine Ausrede, weil ich gerade zwei Tage vorher seinem lästigen Benehmen wissend und wollend entgegengetreten war. Er hatte nämlich eine ganz falsche Auffassung von der Verantwortlichkeit eines Spitalschefs. Das Gesetz bestimmt entsprechend den herrschenden Verhältnissen den Chef als die Person, welche das Spital nach Aussen hin vertritt und auch die Verantwortung für alles auf sich nehmen muss, was in dem Spitale geschieht, und im gegebenen Falle zum Einschreiten der militärischen und civilen Behörden Anlass geben kann; die Behandlung der einzelnen Aerzte kann und muss natürlich, wenn sie sich in gewissen Grenzen bewegt, ihnen überlassen werden. Oberstabsarzt B. glaubte aber auch die »Leitung« der jüngern Ober-Aerzte nicht nur auf deren Diagnosestellung, Behandlungsweise und Vorschreiben der Diät ausdehnen, sondern auch den älteren Regimentsärzten gegenüber dasselbe thun zu müssen. Manche Ober- und Regimentsärzte waren so verständig (?), sich diesem zu unterwerfen, und waren nichts mehr und nichts weniger als seine Receptenschreiber. Andere aber wollten ihm gegenüber ihre Selbständigkeit bewahren und kamen dadurch in manche Conflicte, wobei sie den Kürzeren ziehen mussten. Ich selbst war um ein Jahr älter als mein Chef und glaubte ihn manchmal auf diesen unrichtigen Standpunkt aufmerksam machen zu müssen, mit dem Hinweis, dass er sich selbst den Dienst erschwere, um 5–600 Patienten zu behandeln. Seine Eitelkeit behielt die Oberhand, und so geschah es, dass er während der Zeit der Visite »auf alle Säle« ging, die Diagnose, die Behandlung und Diät aller Kranken controlirte und seine Ansichten dem behandelnden Arzte mittheilte. Eines Tages kam er auch »auf meinen Saal«, der 30 Meter lang war und für 21 Patienten Betten enthielt. Ich war am äussersten Ende des »Saales«, als er bei der Thür erschien; in militärischem Schritt ging ich ihm entgegen, er winkte mir jedoch mit der Hand ab und fügte hinzu: »Lassen Sie sich nicht stören.« Anstatt aber den Saal zu verlassen, ging er zu den Patienten und begann seine Controle! Ich konnte unmöglich etwas anderes sagen oder thun, als meine Arbeit einzustellen und zu warten, bis der Oberstabsarzt am Ende des Saales sein Gespräch beendigt hatte. Wiederum rief er mir zu: »Lassen Sie sich nicht stören.« Es war ein Saal mit internen Kranken; beim besten Willen konnte ich nicht auscultiren, wenn nicht die grösste Ruhe im Zimmer herrschte; ich hielt also wieder mit meiner Arbeit ein und stellte mich wie ein preussischer Grenadier in »Position«. Endlich verliess er den Saal, ohne zu grüssen. (Zwei Tage später geschah oben erwähnter Vorfall in dem Unterofficierspavillon, und seit dieser Zeit blieb ich während der Visite von seiner Anwesenheit verschont.) Dieser Saal war die Hälfte der sogenannten Tolletbaracken, deren es zwei gab, und zwar zu beiden Seiten der Küche, welche in dem offenen Raum gegenüber dem Eingange lag. Diese Baracken (No. VI, [Fig. 24]) sind sehenswerthe Pavillons für ein Spital in den Tropen; sie stehen auf kleinen, steinernen Pfeilern von ungefähr 40 cm Höhe und bestehen aus zwei Sälen, welche durch »das Tagverbleib« von einander getrennt sind. Dieses hat zu beiden Seiten je ein kleines Zimmer für die Krankenwärter und einen Bergeplatz für gewisse Geräthe; im Hintergrunde befindet sich der Waschplatz mit zahlreichen Waschbecken und der Wasserleitung. Der Vortheil dieser Baracken besteht in ihrer bedeutenden Höhe und dass die Wände aus einer doppelten Reihe von Brettern mit einem Zwischenraume bestehen; unten und oben sind Oeffnungen, durch welche die Luft hinaufziehen und durch die Dachventilation nach Aussen strömen kann. Drei Fehler zeigten diese Säle. Weil sie auf Pfählen standen, dröhnte es fürchterlich, wenn man mit militärischem Schritt durch den Saal schritt. Mein Vorschlag, diesem dadurch abzuhelfen, dass man Laufteppiche legen sollte, wurde mit der Motivirung zurückgewiesen, dass in Indien solche Laufteppiche die Brutnester zahlreicher Insecten werden würden. Die Hohlräume in der Wand könnten die Brutstätte von Mäusen und Ratten werden, und drittens lag die eine Fensterfront nach dem Westen frei, so dass die Sonnenstrahlen in den Saal dringen konnten und thatsächlich die Kranken stark belästigten. Aus »ästhetischen Motiven« wurde mein Vorschlag, über den Fenstern kleine Marquisen anzubringen, abgelehnt. Leider hatte das Spital nur zwei dieser übrigens sehr praktischen Pavillons.

Nebstdem befanden sich noch zu beiden Seiten der Küche je drei, und parallel mit der Hauptfront des Gebäudes und hinter der Küche ein neunter Pavillon. Vier von diesen Pavillons hatten mehr oder weniger Holztheile, während die drei letzten nur aus Bambus bestanden und nicht einmal einen steinernen oder hölzernen Flur hatten; diese hiessen temporäre Gebäude, die übrigen Pavillons, welche nur theilweise aus Bambus bestanden, trugen den stolzen Namen semipermanente, und die Tolletbaracken waren permanente Gebäude. So lange die Baracken aus Bambus neu sind, sehen sie ganz hübsch aus, leisten aber in den Tropen nicht immer gute Dienste. Durch die Lücken der Matten findet ein steter Luftwechsel statt, und bei hoher Temperatur der Aussenluft herrscht im Innern eines solchen Gebäudes eine unerträgliche Hitze. Werden sie alt, haben sie eine schmutzige, graue Farbe, Spinnen, Wespen und andere Insecten nisten in ihnen, Staub und Holzmehl bedecken die Oberfläche, und jeder geringe Sturm oder Wind schüttelt dieselben auf die Bewohner. Im Jahre 1877 wohnte ich in einem solchen Fort, welches bereits 15 Jahre stand. Jedesmal, wenn das Gebäude durch einen etwas heftigen Wind erschüttert wurde, während ich mein Abendmahl verzehrte, musste ich den Pajong über den Suppenteller halten lassen, um nicht ein unerwünschtes Gewürz in meine Speise zu erhalten. Solche Gebäude sollten also aus Reinlichkeitsursachen alle drei bis vier Jahre ganz erneuert werden, was schon ihr Name temporär erwarten lässt; aber leider hat kein Spitalschef den Muth, einen diesbezüglichen Vorschlag einzureichen, wie mir s. Z. ein Hauptmann »der Genie« mittheilte. Kurz vor meiner Abreise kam ein Fall von Tetanus vor, und dennoch wurden die Wände nicht sofort erneuert.

Auch die Abtheilung für Infectionskrankheiten (No. XXVII, [Fig. 24]), welche im äussersten Norden des Terrains lag, hatte solche temporäre Gebäude, und zwar mit einem Cementflur. Es war ganz entsprechend den Anforderungen der modernen Wissenschaft für ansteckende Krankheiten eingerichtet, d. h. es war ganz isolirt, hatte einen Desinfectionsofen, der im Grossen und Ganzen gut functionirte, obwohl er irrthümlicher Weise in Magelang nicht an seinem Platze war, aber die Gebäude wurden nicht erneuert, wenn vereinzelte Fälle von Cholera, Blattern u. s. w. vorkamen. Wenn auch die Kosten einer solchen Renovirung geradezu unbedeutend[185] zu nennen sind, so wurde mein diesbezüglicher Vorschlag vom Spitalschef jedesmal zurückgewiesen mit der Motivirung, dass er unmöglich wegen eines vereinzelten Cholerafalles einen solchen Vorschlag an die Regierung einreichen dürfe.

Die Hauptfront des Gebäudes, mit der Apotheke, Magazinen, Bureaux für den Chef und den wachthabenden Doctor und Apotheker und Operationszimmer,[186] bestand aus Ziegeln. Dieses Spital ist also eine Versuchsstation der indischen Baukunst und kein architektonisches Ganzes oder Einheit und gewiss kein monumentales Gebäude; es ist ein durcheinander geworfenes Mosaikbild aller Baumaterialien, welche in den Tropen zum Bau von Gebäuden verwendet werden können. »Die Genie« braucht auf dieses Gebäude nicht stolz zu sein.

Die Wasserleitung war gut; in einer Entfernung von ungefähr 1000 Metern befand sich im Thale des Elloflusses eine Quelle mit Gebirgswasser; ein Pumpwerk trieb das Wasser in das Spital, wo es in einem Wasserthurme als Reservoir aufgefangen und danach mit Röhren in das ganze Spital geleitet wurde.

Die Canalisirung war ebenfalls praktisch angelegt; ein grosses Ableitungsrohr mündete in bedeutender Entfernung in das rechte Ufer des Elloflusses. Die Aborte hatten das Tonnensystem, an ihrer hinteren Seite befand sich eine kleine Thür, und Sträflinge wechselten täglich die grossen Tonnen aus dickem Eisen.

Die Beleuchtung war anfangs so schlecht als möglich. Die Beleuchtung in den Sälen brauchte nicht stark zu sein, weil die Patienten um 9 Uhr zu Bette gehen mussten, aber die langen Corridore hatten wegen des wellenförmigen Terrains hin und wieder Treppen; der erste Spitalschef liess diese schwarz und weiss anstreichen und darüber die »glimmenden Nägel« aufhängen. Die Petroleumlampen waren zu klein, um die »Runde« hinreichend zu erleuchten, und verdienten mit vollem Rechte den Namen »glimmende Nägel«. Um diesem Uebelstands abzuhelfen, wurden endlich die Treppen entfernt, und die langen Corridore bildeten dann eine sanft auf- und absteigende überdeckte Strasse. Im »Tagverbleib« der einzelnen Pavillons und in den Zimmern der kranken Officiere und der wachthabenden Aerzte und Apotheker befanden sich grosse Stehlampen oder Hängelampen, welche hinreichend Licht gewährten.

An die »Wissenschaft« wurde beim Bau des Spitales sehr wenig gedacht; ein Häuschen für »Schwefelwasserstoffentwickelung« befand sich in der Nähe der Apotheke, wurde aber als Rumpelkammer benutzt; in der Nähe der Abtheilung für Infectionskrankheiten befand sich das Leichenhaus mit einem Cabinet[187] für mikroskopische Untersuchungen; neben dem »Conferenzzimmer« befand sich ein Cabinet mit der stolzen Aufschrift: Bibliothek, welches von mir zur Untersuchung des Urins eingerichtet wurde; in einem Spitale für 4–600 Patienten konnten keine chemischen Untersuchungen des Mageninhaltes, keine Blutuntersuchungen, keine bacteriologischen Arbeiten gemacht werden; es sei denn, man ersuchte einen der Apotheker darum, welcher in der Regel mit der Receptur so viel zu thun hatte, dass eine specielle Ausbildung in diesen Fächern nicht erwartet werden konnte.

Wenn ich noch mittheile, dass die »Badekammern« auch hölzerne Wannen für warme und heisse Bäder[188] neben den üblichen Douchen hatten, dann habe ich nichts vergessen aus dem mit grosser Raumverschwendung errichteten Militärspitale zu Magelang, welches als eine Sehenswürdigkeit Javas gepriesen wird.


Die Harmonie zwischen den beiden Mächten des Staates war in Magelang anfangs sehr gut. Der Militär- und zugleich Platz-Commandant war ein Ehrenmann, der durch die Ruhe seines Charakters und durch die Humanität seines Denkens und Fühlens keinen Feind hatte; der Resident A. war, ich möchte sagen, aus demselben Stück Eisen geschmiedet; beide Männer füllten mit grosser Gewissenhaftigkeit, aber auch mit allem Tact und Ehrlichkeit ihre Stellung aus und vermieden durch rechtzeitiges Entgegenkommen jeden Conflict; niemals gab es Reibereien. Aber unter den Civilbeamten ist noch eine Kategorie, welche durch die undeutliche Competenzgrenze ihrer Stellung häufig zu Reibereien Anlass giebt, und leider führt dieser Federkrieg oft genug auch zur Entfremdung der beiden Würdenträger.

Die jüngste Reorganisation des Rechtswesens hat nämlich den Gerichtsbeamten beinahe eine ganz unabhängige und, ich möchte fast sagen, isolirte Stellung im indischen Staatswesen eingeräumt. Die Erfahrung muss erst den Beweis bringen, ob dieses Princip für die Colonien ein richtiges sei; die administrativen Beamten konnten sich bis jetzt nur schwer in die neuen Verhältnisse hineinfinden, obwohl ihnen ein grosser Theil ihrer Arbeit und der Verantwortung ihrer vielseitigen Leistungen abgenommen wurde. Die Gerichtsbeamten gewannen dadurch so viel Freiheit in ihren Entschlüssen, dass sie vollständig unabhängig und selbständig ihren Berufspflichten nachkommen konnten. In beschränkten Köpfen musste diese Freiheit der Stellung eine Begriffsverwirrung mit der Freiheit der Person veranlassen, und so geschah es, dass der Landesgerichtsrath X. zu Magelang neben seinen Berufspflichten die der Controle über den Residenten auf sich nahm und zwar in der ausgesprochenen Ansicht, dass die Gerichtsbeamten in jedem Staate die einzigen und höchsten Stützen und Leiter seien. In recht komischer und drastischer Weise bekundete der Herr X. diese Anschauung gegenüber einem Major der Infanterie, welcher wegen seines universellen Wissens eine sehr geachtete Stellung überall, zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft einnahm.

Diese beiden Männer besprachen das Thema, dass Niemand mit seinem Stande zufrieden sei und dass Jedermann seine Kinder eine höhere Stellung, als er selbst bekleide, anstreben lasse. Dabei entwickelte Herr X. eine gesellschaftliche Leiter und gab die vorletzte Stufe derselben dem Officier und die höchste und letzte Stufe dem Juristen.

Leider ist die Organisation des Rechtswesens Schuld an den zahlreichen Reibereien der betreffenden Beamten. Während die Regierungsform durch und durch centralistisch ist, der Absolutismus im weitesten und ausgebreitetsten Sinne das Scepter über die Europäer führt und den Eingeborenen nur sehr geringe Communalangelegenheiten in eigener Verwaltung überlässt, so dass der Verwaltungsbeamte beinahe im strengsten Sinne des Wortes der Patriarch seines Verwaltungsbezirkes ist, gab sie den Gerichtsbeamten eine zu weit gehende autonome Organisation, so dass dies Regierungsprincip in seinen Grundpfeilern erschüttert wurde. Die Zulassung der Europäer und »fremden Orientalen« in N.-Indien, die Verbannung von Personen aus N.-Indien, die Aufsicht über die Magistratsverordnung und über die Gefängnisse, die Gesuche um Errichtung von Actiengesellschaften oder Vereinen, die Naturalisation, die Aufsicht über die Presse, über Volksversammlungen, die Waisen- und Nachlasskammer gehören in das Departement der Verwaltungsbeamten,[189] die sich bei ihren Studien in Delft auch eine hinreichende Fülle des juridischen Wissens diesbezüglich aneignen. Das Polizeiwesen blieb in Händen der Verwaltungsbeamten, und auch die Zuweisung nach den Strafrichtern, welche so viel als möglich die diesbezügliche Competenz an sich reissen wollen und dadurch eine unerschöpfliche Quelle von Streitigkeiten geschaffen haben.

Der Europäer erscheint nämlich nur vor einem Gerichtshof aus Europäern, deren drei auf Java bestehen, und zwar in Batavia, Samarang und Surabaya, während zahlreiche Landesgerichte mit einem europäischen Juristen als Präsidenten, einem europäischen Secretär und einigen Häuptlingen mit dem Panghulu (mohamedanischen Priester) als Beisitzer über die Eingeborenen die Jurisdiction üben. Es würde mich zu weit führen, das Rechtswesen auf Java ausführlich zu beschreiben, und ich will daher zu dem Ausgangspunkte dieses Capitels zurückkehren.

Es herrschte in Magelang ein gemüthlicher Ton unter der Herrschaft dieser zwei Würdenträger; als der Colonel P. wegen körperlicher Gebrechen, denen er leider bald danach erlag, in Pension gehen musste, kam ein Misston in das gesellschaftliche Leben der Residenzstadt, und bald standen sich zwei feindliche Parteien gegenüber, welcher zwar die Grenzen der Höflichkeit nicht überschritten, aber einen gemüthlichen Verkehr derselben unmöglich machte. Lieutenant X. war ein Günstling des Residenten, welcher ein Schulkamerad seines Vaters gewesen war; seine Frau, eine liebenswürdige, schöne und gebildete Dame, verkehrte daher gern im Hause des Residenten, und als ihr Mann in Conflict mit seinen Vorgesetzten kam, fanden sie beide im Hause dieses hohen Beamten Trost und Stütze in ihren Leiden.

Lieutenant X. war mit seinem Kameraden Y. so befreundet, dass sie gelobten, sich tolerant auf die gegenseitigen Fehler aufmerksam zu machen und einander in Leid und Freud beizustehen. Doch bald darauf bestand keiner von beiden die Feuerprobe ihrer Freundschaft; beide standen bei demselben Bataillon und in derselben Compagnie. Beide waren Oberlieutenants; Lieutenant Y. war aber im Range um acht Monate höher und um 6 Jahre älter als Lieutenant X. In Vertretung des kranken Compagnie-Commandanten führte eines Tages Lieutenant Y. seine Compagnie auf das Exercierfeld bei dem Berge Tidar. In einer Ruhepause blieb X. reglementswidrig nicht bei der Truppe stehen, sondern begab sich zu seinem Freunde Y. Dieser glaubte dieses rügen zu müssen und schickte seinen Freund X. auf seinen Platz. Lieutenant X. beantwortete diese strenge Auffassung der Dienstvorschriften mit einer brüsken Antwort, worauf sein Freund Y. die Sache an den Bataillons-Commandanten rapportirte. Lieutenant X. bekam vier Tage Arrest und forderte Lieutenant Y. zum Duell. Dieser weigerte sich, das Duell anzunehmen, und theilte dieses wieder höheren Ortes mit; in dem weiteren Verhalten in dieser Affaire zeigte sich Lieutenant X. so unbotmässig, dass er sich die Sympathie seiner Freunde selbst unter den Officieren verscherzte. Der Colonel beschuldigte jedoch den Residenten, ihn zu seinem indisciplinaren Vorgehen aufgereizt zu haben, wofür er, ich zweifle keinen Augenblick, keinen einzigen objectiven Beweis haben konnte. Dies war die Veranlassung zu einem gespannten Verhältnisse zwischen diesen beiden Würdenträgern, welche aber ihrerseits bei öffentlichen Gelegenheiten den äusseren Schein des freundschaftlichen Verkehrs bewahrten. Dazu gab es sehr oft Gelegenheit. Die Soldaten hatten nämlich zwei Theatergesellschaften, welche in der Cantine oft Vorstellungen gaben, und ich selbst hatte unter den Officieren und Bürgern die »Thalia« errichtet. Im Jahre 1893 war nämlich in Magelang ein Wettrennen, welches mit einer Ausstellung der Industrieproducte der Provinz Kedu verbunden war. Nebstdem hatten einige Herren und Damen zu dieser Gelegenheit ein Lustspiel einstudirt und für den zweiten Abend einen Tingel-Tangel eröffnet. Das Lustspiel und das Café chantant wurde in der Vorgalerie des Residenten gegeben, welcher zu diesem Zwecke die Coulissen aus der Cantine entlehnt hatte. Diese hatten solchen Anklang gefunden, dass nach Ablauf der Wettrennen einige Bürger und Officiere zur Gründung eines Dilettantentheaters zusammentraten. Zum ersten Director wurde meine Wenigkeit gewählt; jedes Mitglied sollte 1 fl. monatlich bezahlen, und dafür sollten vier Vorstellungen im Jahre gegeben werden. Mitglieder fanden sich in hinreichender Zahl; ausübende Mitglieder gab es auch hinreichend; aber alles Andere fehlte. In erster Reihe machte mir die Platzfrage sehr viel Sorge; endlich wurde ich auf die Turnhalle der Schule für die Häuptlingssöhne aufmerksam gemacht; obwohl hier jeden zweiten Sonntag von dem »Domine« Gottesdienst gehalten wurde, der zu diesem Zwecke von Djocja nach Magelang kam, wurde mir vom Residenten dieser Saal gerne zu diesem Zwecke abgetreten. Die zweite Frage galt der Beschaffung der Coulissen. Der Verein hatte im Anfang keine hinreichenden Geldmittel, um Coulissen malen zu lassen. Ich miethete also für die erste Vorstellung, welche die Feuerprobe der Existenzfähigkeit dieses Vereins geben sollte, die Coulissen des Theaters aus der Cantine; als ich dessen sicher war, berief ich die erste Versammlung der mitwirkenden Mitglieder, und nach langer Debatte über die Wahl des Stückes wurde für die erste Aufführung das echt holländische Drama »Janus Tulp«, und für die zweite die holländische Uebersetzung des deutschen Lustspieles »Der Störefried« angenommen. Das Lesen und Einstudiren der Rollen brachte der Jugend Magelangs gemüthliche und unterhaltende Abende, zu denen sich natürlich ganz heimlich auch der kleine Schalk Amor hin und wieder einstellte, bis endlich die Opfer seiner Intrigue am Traualtar einander ewige Treue schworen. Zahlreich waren die Detailarbeiten und sehr lästig für mich, weil ich in die Geheimnisse des Coulissenlebens gar nicht eingeweiht war. Endlich kam der grosse Tag der ersten Aufführung. Um 9 Uhr Abends sollte sie stattfinden; ein schwerer Tropenregen schaffte ganz unerwartet Hindernisse. Der Turnsaal stand mitten im Hofraum zwischen den Pavillons für die Zöglinge der Anstalt; zwei Zimmer wurden bereitwilligst von dem Director für diesen Abend der »Thalia« zur Verfügung gestellt. Hier sollten die Herren und Damen sich schminken lassen und den Toilettenwechsel besorgen. Mit einem Regenschirm konnten sie sich gegen den strömenden Regen schützen. Wie sollten sie aber durch die entstandenen Pfützen trockenen Fusses auf die Bühne gelangen? Zwei Stunden vor dem Anfang nahm ich also meine Equipage und überfiel den Residenten in seinen häuslichen Arbeiten. Er sollte und musste als Mäcen den mit Lebensgefahr (??) bedrohten Schauspielerinnen helfen! Der brave Mann schaffte Hülfe. Eine Bretterwand stand unbenutzt vor einem vollendeten Gebäude; eine »Truppe« Sträflinge (25 Mann) erhielt den Befehl, sofort diese Wand abzubrechen und nach dem Turnsaal zu bringen. Der Regen hatte um 9 Uhr aufgehört, die entstandenen Pfützen wurden mit den Brettern bedeckt, und ohne Lebensgefahr (?) konnten die Schauspielerinnen und Schauspieler trockenen Fusses auf die Bühne gelangen. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen, und stolz rühme ich mich noch heute dieser That. Janus Tulp[190] ist ein echtes Volksstück mit einem kräftigen Dialog und gesunder Tendenz. Ein Barbier wird durch ein Loos Besitzer eines grossen Vermögens und Protz in optima forma. Seine Frau und seine Tochter jedoch bewahren ihre einfachen Sitten und kommen dadurch in Conflict mit den hochfliegenden Plänen ihres Vaters. Die Tochter ist die Heldin des Stückes und wurde von der Frau des oben erwähnten Lieutenants Y. mit solcher Wärme und Natürlichkeit gespielt, dass kein Auge trocken blieb. Frau Y. hätte auf jeder Bühne Europas eine Zierde sein können. Um 11½ Uhr war das Drama beendigt; zum Nachhausegehen hatte aber Niemand Lust. Die Schauspieler beeilten sich, die Schminke abzuwaschen, und schon nach einer Viertelstunde formten alle ausübenden Mitglieder unter dem Präsidium des Residenten einen Aufzug. Die Militär-Musik, welche in den Zwischenacten gespielt hatte, stellte sich an die Spitze, und unter den fröhlichen Klängen eines Tara-ra-bum-Marsches zogen wir Alle in das Clubgebäude. Die Lampen wurden angezündet, die Musik nahm im Tanzsaale Platz, und bis zur frühen Morgenstunde wurde nun der Terpsichore gehuldigt.

Fig. 26. Ein Feld aus dem grossen Fries in den Mauern des Buru Budur.

Wenn ich nun des Croquetclubs erwähne, welcher manchmal einige Wochen oder Monate lang bestand, dann habe ich alles mitgetheilt, was den Bewohnern Magelangs an Vergnügungen geboten wurde. Wollte man also in die Monotonie des täglichen Lebens Abwechselung bringen, dann musste man es in der Lectüre, in gesellschaftlichen Zusammenkünften oder im Genuss der schönen Natur und der zahlreichen Ruinen suchen, an welchen die Provinz Kedu aussergewöhnlich reich ist.

Die tägliche Lectüre war die »Locomotief«, welche in Samarang herausgegeben wurde, oder der »Javabode«, welcher in Batavia täglich erscheint; erstere kostete 40 und die Batavische Zeitung 20 fl. pro Jahr. Natürlich erscheinen auf Java auch noch andere Zeitungen, z. B. in Surabaya, in Djocja ein in malayischer Sprache geschriebenes Tageblatt u. s. w., welche eine ausgezeichnete Controle der Regierung sind, ja noch mehr; wenn auch in militärischen und Beamten-Kreisen Jedermann ein trauriges Stigma hat, welcher »in den Zeitungen schreibt«, so findet dennoch die Fama regelmässig ihren Weg in die Redactionsstube, und manche Unregelmässigkeit, Nachlässigkeit oder Uebergriff der Bureaux wird rechtzeitig der Kritik der öffentlichen Meinung überliefert. Auch ohne diese stete und ununterbrochene Controle der Würdenträger hat die indische Presse geradezu einen bedeutenden Einfluss und pädagogischen Werth, der nicht hinreichend gewürdigt wird. Mit mehr oder weniger Unrecht wird das persönliche Verdienst der Redacteure hierbei geschmälert, nämlich durch die Behauptung, dass der Scheere der Löwenantheil an diesem Verdienste gebühre; dies ist wahrscheinlich richtig; aber die Mildthätigkeit hat auch oft andere Quellen als das Verlangen, den Armen zu helfen; wer wird eine mildthätige Stiftung zurückweisen, weil die Eitelkeit an ihrer Wiege sass? Ob nun der Redacteur aus der Tiefe seines Geisteslebens schöpft oder mit der Scheere bei seinen europäischen Collegen eine Anleihe macht, kümmert den Leser gar nicht; Thatsache ist, dass die indischen Zeitungen sehr instructiv und oft unterhaltend sind. Das Verdienst ist um so grösser, weil Indien keine Gemeindevertretung[191] hat, wodurch viele locale Blätter in Europa Stoff zu täglichen, meterlangen Mittheilungen erlangen.

Nebstdem war ich Mitglied zweier Lesegesellschaften; die eine hatte ihren Sitz in Magelang und bot ihren Mitgliedern eine reiche Auswahl in europäischen periodischen Zeitschriften; oft erhielt ich jeden Sonnabend 20 Nummern, wie z. B. Fliegende Blätter, Ueber Land und Meer, De aarde en haar volken, London News, Journal pour rire, Wiener Caricaturen u. s. w. Die zweite wurde von einem Civil-Arzt in Samarang verwaltet und besorgte die Fachlectüre; deutsche, holländische und französische medicinische Wochenschriften wurden jede Woche nach Magelang gesendet.