8. Capitel.

Die Schiefertafel („Leitje“) — Die Wege der Fama — Lesegesellschaft — Ein humoristischer Landesgerichtsrath — Abreise von Ngawie — Ambarawa — Nepotismus in der Armee — In drei Tagen zweimal transferirt — Vorschuss auf den Gehalt — Die Provinz Bageléen — Essbare Vogelnester — In Tjilatjap — Polizeisoldaten — Beamte — Sehenswürdigkeiten von Tjilatjap — Officiere in Civilkleidung — Eingeborene Beamte — Gehalt eines Regimentsarztes — An Malaria erkrankt — Djocja — Der Tempel Prambánan — Die „Tausend Tempel“ — Wieder nach Ngawie — Spitalbehandlung der Officiere — Reibereien in kleinen Städten — Die Provinz Surakarta — Der Kaffeebaum — Ein Roman auf dem Vulcane „Lawu“.

Am 10. Januar 1890 wurde meine Transferirung nach Willem I beschlossen. Wie gewöhnlich erfuhr ich dies zunächst aus den telegraphischen Nachrichten in der »Locomotief«, der besten, täglich erscheinenden Zeitung von Indien. Ahnungslos sass ich Nachmittags um vier Uhr beim Thee, als mich ein »Leitje« = »Schiefertafel« des Platz-Commandanten davon verständigte. Es wird nämlich in Indien zum geselligen schriftlichen Verkehr kein Papier, sondern das »Leitje« gebraucht, welches aus einer doppelten Schiefertafel besteht. Auf die eine schreibt man seine kurze Mittheilung, und auf die zweite kann der Empfänger sofort die Antwort schreiben, weil sich der Griffel im hölzernen Rahmen befindet. Dies ist eine sehr einfache und praktische Correspondenz, welche voraussetzt, dass der Ueberbringer, der Bediente oder die Babu (Zofe), es nicht lesen können, und dass kein indiscreter Nachbar sie auffängt. Leider ist oft weder das Eine noch das Andere der Fall, und werden Privatgeheimnisse bekannt, ohne dass der Verräther eines solchen Geheimnisses geahnt wird.

Ein solcher Fall trug sich auf Atjeh im Jahre 188. zu. Der Gouverneur der Provinz, General v. T..., beschloss eines Tages, am anderen Morgen eine grosse Expedition gegen die Atschinesen ausrücken zu lassen, und besprach diese Angelegenheit mit den vier anwesenden Bataillons-Commandanten. Diese Expedition musste geheim gehalten werden, weil der Feind überfallen werden sollte. Am andern Morgen wurde um drei Uhr Alarm geblasen, und die vier Bataillons-Commandanten waren nach einer Viertelstunde an der Spitze ihrer Truppen. Da trat plötzlich ein Hauptmann zu dem Oberst-Lieutenant B. und frug ihn, wie spät er hoffe in Y. zu sein. »Wieso wissen Sie es, dass wir nach Y. marschiren?« »O, dies habe ich gestern im Club gehört.« »Was? Sie haben es gestern Abend im Club gehört, und wir vier Bataillons-Commandanten haben dem General v. Th.. das Wort gegeben, die Expedition geheim zu halten! Gehen Sie sofort zum General, ihm dieses zu melden; denn wenn Sie es schon gestern im Club gehört haben, dann wissen es auch schon die Atschinesen, und unsere Arbeit ist umsonst; ‚der Vogel ist sicher geflogen‘.«[121] Der General war entrüstet, als er von diesem Vorfall Rapport erhielt, liess die Truppen in die Caserne zurückgehen und befahl dem Oberst-Lieutenant B., eine strenge und genaue Untersuchung zu halten, von wem der Verrath ausgegangen sei. Alle Officiere, welche den Abend vorher im Club gewesen waren, wurden vernommen, und endlich fand man die Quelle des Verraths — bei dem Oberst-Lieutenant B., welcher seinem Adjutanten ein »Leitje« mit dem Befehle geschickt hatte, ihn den folgenden Morgen um 3 Uhr von der Wohnung abzuholen.

Abends um 7 Uhr kamen alle Officiere und bekannte Bürger zu mir, um mir zu meiner Transferirung zu »felicitiren«. Die Veranda meines Hauses hatte zwei ovale Tische, um welche Schaukelstühle und gewöhnliche Stühle standen; diese waren chinesisches Fabrikat und aus Djattiholz (Tectonia grandis) verfertigt. An der Mauer hingen zwei Oleographien nach Defregger, und dazwischen befanden sich einige kleine Etagèren für Blumentöpfe. Diese Etagèren waren von einem Javanen aus dem schweren und harten Djattiholz geschnitten; sie verriethen ebenso viel Kunstsinn als Geschmack und hätten jedem europäischen Holzkünstler Ruhm und viel Geld eingetragen; sie stellten zwei schnäbelnde Tauben dar, welche ein Brettchen auf dem Rücken trugen. Der Künstler war damals schon ein alter Mann, so dass er leider nur noch kurze Zeit für seine Kunst leben konnte.

Kein einziger der Besucher dachte daran, mir und meiner Frau etwas anderes als den Glückwunsch auszusprechen, endlich von diesem »Neste« befreit zu werden. Es ist wahr, dass Ngawie eine hohe mittlere Temperatur hatte; aber es hatte damals »ein gesundes Klima«. Es ist wahr, dass die Zahl der Europäer sehr klein war; die Garnison hatte 1 Major, 2 Capitäns und 4 bis 5 Lieutenants; von den Bürgern konnten mit uns auch nur 8 Familien verkehren, so dass der gesellschaftliche Verkehr sich auf 15 Familien beschränken musste; solche kleinen Garnisonen haben aber den Vortheil, dass ein gemüthlicher und geselliger Verkehr leicht zu Stande kommt.

Eine grosse Stadt bietet eine grosse Auswahl im Kreise der Bekannten, es giebt in Batavia, Samarang u. s. w. zahlreiche Musikvereine, es besteht eine Theatergesellschaft von Dilettanten, oder es kommen hin und wieder Opern- und Operettengesellschaften aus Europa und führen in mittelmässiger Qualität die letzten Novitäten (?) in einem dazu bestimmten Gebäude auf, es giebt wissenschaftliche Vereine, Museen, welche dem Amateur Sehenswerthes in Hülle und Fülle bieten. In den zahlreichen Geschäften können die Damen, wenn auch oft nur um hohe Preise, der Mode ihre unvermeidlichen Opfer bringen. Die grossen Entfernungen bieten nicht nur zahlreiche Spazierwege, sondern zwingen auch, eine Equipage zu halten, um damit auch täglich ausfahren zu können und sich den thatsächlich hohen Genuss zu gönnen, sich um 6 Uhr beim Scheiden der Sonne an dem sanften Zephyrwinde zu erfrischen, der dem in der Equipage Sitzenden die Schweisstropfen trocknet.

Ngawie war dagegen eine kleine Garnison und hatte nur eine kleine Auswahl der gesellschaftsfähigen Menschen, während der Ort selbst nichts, gar nichts zur Abwechslung in dem täglichen monotonen Leben bot; die Menschen schliessen sich also mehr an und — manchmal entwickelt sich ein Freundschaftsverhältniss, das einen Ersatz für alle Vorzüge der Grossstadt bietet. Für jeden Fall jedoch wird man gezwungen, in »der Familie das Glück zu suchen«. Für die Zerstreuung wird durch die »Büchsen« gesorgt. Wo nur zehn Europäer wohnen, wird eine »Lesegesellschaft« errichtet, welche einen »Director« wählt. Durch einen monatlichen Beitrag von 4 bis 5 fl. wird von den 10 bis 15 Mitgliedern eine hinreichende Summe zusammengebracht, um auf die bedeutendsten und bekanntesten europäischen Wochenschriften in der holländischen, deutschen, französischen und englischen Sprache zu abonniren; man wird in jeder Lesegesellschaft ebenso gut die »Fliegenden Blätter« als die französische »L’Illustration« oder den englischen »Punch« finden. Die bedeutendsten Romane kommen sofort in die Hände des indischen Publicums, und nur wenn der »Director« der Lesegesellschaft die Wahl der Bücher dem Buchhändler überlässt, kommen Bücher »in die Büchsen«, welche für ein ganz anderes Publicum bestimmt sind, als für das in Indien, welches gewöhnt ist, die besten und neuesten Bücher zu lesen, auch wenn sie so theuer sind, dass der Einzelne sich bedenken würde, sie zu kaufen. Die Wahl der Bücher und Wochenschriften wird darum in der Regel den Mitgliedern überlassen; zu diesem Zwecke wird in dem Monat September an diese eine Liste aller möglichen Wochenschriften gesendet, und Jeder giebt an, von welcher er ein neues Abonnement wünscht. Der »Director« entscheidet hierauf im Verhältnisse zum Stande der Casse, was für das nächste Jahr bestellt werden müsse. Dieser hat aber noch eine zweite und eine dritte Quelle der Einnahmen. Zunächst haben viele Lesegesellschaften »Nachlesers«, d. h. Menschen, welche aus verschiedenen Ursachen sich begnügen, die Wochenschriften und Romane zu lesen, nachdem sie alle Mitglieder ausgelesen haben. Der Eine thut es, weil er als Nachleser nur 2 oder 1½ fl. monatlich zu bezahlen hat; ein Zweiter kann einfach nicht Mitglied werden, weil eine gewisse Zahl Mitglieder nicht überschritten werden darf. Um auf dem Laufenden der Ereignisse in Europa zu bleiben, wünscht natürlich jedes Mitglied bei Ankunft der Wochenschriften und Bücher sofort wenigstens von zwei oder drei derselben das Exemplar zu erhalten. Der Director sorgt also dafür, dass jede Woche Jeder der Mitglieder in seiner »Trommel« eine oder zwei Nummern der zuletzt erschienenen Zeitschriften erhält; diese »Trommeln« circuliren dann jede Woche einmal, und wenn 15 Mitglieder sind, bekommt jedes Mitglied die meisten Zeitschriften, wenn sie schon 15 Wochen alt sind; das ist natürlich selbst für Indien, wo man gewöhnt ist, erst in 4 bis 5 Wochen einen Brief aus Europa zu erhalten, eine veraltete Lectüre. Darum wird eine gewisse Anzahl der Mitglieder nicht überschritten, und jeder Candidat wird so lange »Nachleser«, bis er zum Mitgliede avanciren kann. Dann giebt es Pflanzer oder Beamte oder selbst Officiere, welche sich allein auf abgelegenen Plätzen befinden und wegen grosser Entfernung nicht jede Woche eine »Trommel« erhalten können; sobald eine Transportgelegenheit besteht, schickt ihm der Director der Lesegesellschaft alle von den Mitgliedern gelesenen Bücher und Zeitschriften, welche er seinerseits wieder zurückschicken muss.

Fig. 14. Reichsinsignien, getragen von den Serimpis zu Djocja, nach Dr. Gronemann.

Da für jede Beschädigung eines Buches oder einer Wochenschrift Strafe bezahlt werden muss, so sind dieselben, trotzdem sie während 15 Wochen durch die Hände von 15 Familien gegangen sind, dennoch in einem so guten Zustande, dass sie mit oder ohne kleine Reparaturen wieder auf Auction gebracht werden können. Der Director hält nämlich am Ende des Jahres eine Versammlung der Mitglieder ab, um Bericht über den Stand der Casse und über die Wahl der Bücher für das nächste Jahr zu erstatten, eine Wahl des Directors und Cassirers vorzunehmen, und zum Schlusse wird bei einem Glas Bier oder einem Gläschen Genevre eine Auction der ausgelesenen Bücher und Zeitschriften gehalten. Der Ertrag fliesst in die Casse der Lesegesellschaft, und die »Illustrationen« wandern in die Kinderstube, um von den Kindern ausgeschnitten zu werden, oder in die Zimmer kleiner eingeborener Häuptlinge oder europäischer Beamten, oder werden von den Käufern an die Bibliothek des nächsten Spitales oder der nächsten Militär-Cantine verschenkt.

Diese »Lesegesellschaften« sind also für Indien geradezu ein bedeutender Factor der Volkserziehung, und Alt und Jung und Reich und Arm lesen in Indien viel mehr, als es ihre Standesgenossen in Europa thun.

Für mich und meine Frau war also der erste Aufenthalt in Ngawie keinesfalls bedauernswerth gewesen, und den Glückwünschen unserer Bekannten konnten wir das Bedauern entgegensetzen, Ngawie verlassen zu müssen, wo wir »gemüthliche und gesellige« Tage verbracht und gute und brave Menschen zu Freunden erworben hatten.

Unter den Anwesenden befand sich auch der Landesgerichtsrath Mr. X..., welcher sich stets eines besonders guten Humors erfreute, und in dessen Gesellschaft die Langeweile sich niemals einstellte. Plötzlich erhob er sich von seinem Sessel und verlangte mit feierlicher und ernster Miene, das Wort an den scheidenden Kameraden richten zu können; in seiner Eigenschaft als »Präsident van den Landraad« müssten ihm alle Geheimnisse der Bewohner Ngawies bekannt sein, und dank dieser Wissenschaft sei ihm zu Ohren gekommen, dass ein grosses Fass ungarischen Weines seit vierzehn Tagen in meiner Speisekammer ruhe und nur warte, von seinem köstlichen Inhalte befreit, d. h. in Flaschen abgezogen zu werden. »Wenn unser Aesculapius,« fuhr er fort, »Ngawie verlässt, dann dürfe dieses Fass, gefüllt mit feurigem Ungar-Wein, diesen Garnisonplatz nicht verlassen, es müsse in Ngawie bleiben, wo es durch seinen vierzehntägigen Aufenthalt Bürgerrecht erhalten habe und gewissermaassen Eigenthum der Stadt geworden sei. Wenn die anwesenden Officiere und Bürger das fluchwürdige Vorhaben des Hausherrn, den Wein nach Willem I mitnehmen zu wollen, ebenso entrüstet verurtheilen und verdammen würden, wie er es thue, dann sei er überzeugt, dass eine solche Fahnenflucht nicht werde stattfinden können. Er schlage also vor, das Haus des Dr. Breitenstein nicht zu verlassen, sondern aus der Cantine die Korkmaschine holen zu lassen und sofort mit vereinten Kräften ans Werk zu gehen, d. h. mit dem Abzapfen des Fasses Wein zu beginnen.« Mit lautem Hurrah wurde dieser Vorschlag von Allen angenommen — bis auf meine Frau.

Mit stummem, flehendem Blick sah sie bald mich, bald den Friedensstörer an, der ihr auf diese Weise plötzlich zehn Gäste zum Abendessen auf den Hals schaffen wollte. Herr X... verstand diesen stummen, jedoch vielsagenden Blick und fuhr in seiner Rede fort: »Meine Herren und Damen; blicken Sie jetzt in das Antlitz unserer hochverehrten Hausfrau; ist in diesen edlen Zügen nur ein kleines Winkelchen Platz für das schädlichste aller Laster, für den Geiz? Ich weiss es durch meine Spione, welche alle Geheimnisse von Ngawie verrathen, dass in der Speisekammer dieser Dame herrliche Conserven aufgespeichert liegen, und doch erbleicht sie bei dem Gedanken, uns bewirthen zu müssen; aus Geiz, nein, dieser edlen Seele sind alle Laster fremd, also auch das des Geizes. Aber meine Herren und Damen, mein scharfes Auge durchblickt nicht nur die Mauern der Speisekammer, sondern auch die des Herzens unserer Hausfrau. Dort, in der Speisekammer, sehe ich nämlich Büchsen mit Erbsen, Spargel, geräuchertem Lachs, Sardinen, condensirter Milch, Krebsen, amerikanischen Früchten, Erbsensuppe, Kalbsbries und geräucherten Heringen; hier in der Tiefe des Herzens sehe ich die Sorge der Ohnmacht, eine so ansehnliche Schaar hungriger und durstiger Gäste in würdiger Weise nach alter indischer Gastfreundschaft bewirthen zu können. Meine Herren und Damen! erleichtern wir aber auch die Sorge und Mühe unserer Gastfrau; es ist beinahe 8 Uhr; auf Jeden von uns wartet zu Hause eine Schüssel Suppe, ein Stück Beefsteak mit Erdäpfeln u. s. w.; lassen wir Boten nach allen Richtungen der schönen und grossen Stadt Ngawie geflügelten Fusses eilen, dass uns unser Abendessen hierher gesendet werde, und dem improvisirten Picknick folge dann die schöne und süsse Arbeit des Abzapfens.« So geschah es. Um 9 Uhr begann das improvisirte Souper, und um 10 Uhr die Arbeit. Die Bedienten, welche diese Arbeit schon früher einige Male gethan hatten, wurden suspendirt, an ihre Stelle traten die Gäste. Der Eine sass am Fussschemel, um die Flaschen zu füllen, der Zweite nahm sie ihm aus der Hand, ein Dritter brachte sie nach der Korkmaschine, ein Lieutenant tauchte sie in das flüssig gemachte Dammar (= Harz) u. s. w. Natürlich hatte Jeder sein Glas und benutzte jeden freien Augenblick, mit ihm zum Krahn zu gehen und sich »frisch vom Zapfen« den Labetrunk zu holen. Im Hause selbst spielte bald meine Frau, bald eine der geladenen Damen am Piano fröhliche Studentenlieder, und um 12 Uhr waren 450 Flaschen gefüllt und gelackt in der Speisekammer. Als das Fass leer war, wurde es von vier Herren auf die Schulter genommen und unter den Klängen des Trauermarsches von Chopin rund um das Haus getragen und im Garten begraben.

Am andern Morgen bekam der Platz-Commandant die officielle Mittheilung von meiner Transferirung. Dr. X... sollte mich ablösen, und nach Uebergabe des »Dienstes in seinem ganzen Umfange« sollte ich nach Ambarawa gehen und mich unter die Befehle des »Eerstanwezenden Officiers van Gezondheid« von Willem I stellen. Da zu erwarten war, dass mein Nachfolger noch vierzehn Tage auf sich werde warten lassen, hatte ich genug Zeit, alle vorbereitenden Maassregeln für die Auction meiner Einrichtung treffen zu können. Ich konnte mit Sicherheit auf keinen günstigen Erfolg meiner Auction rechnen, und besprach also mit dem Auctionator für diesen Fall, meine Einrichtungsstücke nicht à tout prix zu verkaufen. Für jedes einzelne Stück »limitirte« ich den niedrigsten Preis und besprach zu gleicher Zeit mit dem Stationschef die Miethe eines halben Waggons für meine Möbel und Koffer und eines Wagens für meine Equipage und für meine beiden Pferde. Endlich kam mein Nachfolger Dr. X., dem ich den Dienst sofort übergab, und ich bekam dann vier Tage frei, um meine »persönlichen Angelegenheiten regeln zu können«. Herr v. d. V... bot mir für die letzten Tage meines Aufenthaltes in Ngawie in liebenswürdiger Weise Gastfreundschaft in seinem Hause an und gab den Abend vor meiner Abreise mir zu Ehren ein Abschiedsfest. Am 24. Februar war die Auction, welche mich insofern befriedigte, als die grossen Stücke, wie Pianino, Kasten, Equipage und Pferde zwar keinen Abnehmer gefunden hatten, die kleineren Gegenstände aber, als Nippessachen, Service u. s. w. doch noch um 817,40 fl. verkauft wurden. Nach der Auction liess ich das Pianino und die übrigen Möbelstücke mit den Kisten auf drei Frachtwagen, welche mit Ochsen bespannt waren, laden und sie in der Nacht um 3 Uhr von Ngawie wegfahren. Als ich am andern Tage, den 25. Januar, um 7 Uhr nach Paron kam, war alles bereits in den Waggon geladen, und ich verliess Ngawie nach einem Aufenthalte von 16 Monaten in einer angenehmen Stimmung. Die Verdriesslichkeiten, welche ich im Dienste erfahren hatte, traten in den Hintergrund vor den vielen Beweisen der Freundschaft und Sympathie, deren ich mich erfreuen konnte. Für den Transport meiner Möbel, für mich, meine Frau und zwei Bediente bezahlte ich 210 fl. 97 Ct.[122]

Die Reise ging mit der Eisenbahn zunächst nach Solo auf der Staatsbahn; hier musste ich umsteigen, weil die Privatbahn Samarang-Fürstenländer schmalspurig ist, und musste das Gepäck mit meinen Pferden zurücklassen; der Kutscher erhielt den Befehl, bei den Pferden zu bleiben und das Ueberladen derselben auf die andere Linie zu leiten. Eine halbe Stunde später setzte ich meine Reise fort bis Kedong-Djati, wo eine Zweigbahn mich nach Ambarawa mit dem Fort Willem I brachte. Hier kam ich um 6 Uhr Abends an und fand zu meiner Ueberraschung Dr. K., meinen Landsmann und Studiengenossen, welcher bereits im Jahre 1874 nach Indien gegangen war, als meinen künftigen Chef vor.

Obwohl ich mich nur zwei Tage und drei Nächte in Ambarawa aufhielt, weil, wie wir sofort sehen werden, ich schon am 28., also drei (!!) Tage später nach Tjilatjap transferirt wurde, so glaube ich doch einiges über diesen Ort und seine Festung Willem I mittheilen zu müssen.

Ambarawa und das genannte Fort liegen 476 Meter hoch auf dem Fusse des Ungarang (2048 Meter absoluter Höhe) und grenzen im Süden an den grossen Sumpf (Rawa Peníng), welcher, wie der ganze Thalkessel von Ambarawa, einem vulcanischen Einsturze sein Entstehen verdankte; das von dem umgebenden Berge strömende Wasser ergiesst sich in den Sumpf, um weiter als Fluss Tuntang, mit dem Fluss Demak vereint, der Javasee zuzuströmen. Ich hatte späterhin oft Gelegenheit, von Magelang aus per Wagen nach Ambarawa zu fahren, und immer war ich entzückt von dem schönen Panorama, welches sich um das Thal von Ambarawa nach allen Seiten ausbreitete; zahlreiche Dessas (Dörfer) umgeben den Rand des Sumpfes und die anliegenden Berghügel, die Sawahfelder in aller ihrer Farbenpracht, vom sanften Grün des jungen Reises bis zum Dunkelgelb des alten Reisstrohes. Zahlreiche Gemüsefelder und Fruchtbäume umsäumen die Peripherie des Sumpfes, welcher durch passende Ableitung des Wassers theilweise urbar gemacht war. Im Süden erheben der Telamaja (1883 Meter hoch) und der Merbabu (3116 Meter hoch) stolz ihre Häupter, und bei reiner Abendluft sieht man im Hintergrunde aus dem Merapi (2866 Meter hoch) den Rauch zum Himmel steigen.

Ambarawa selbst besteht aus den vier Ortschaften Pandjang, Ambarawa, Losari und Kupang, während das Fort Willem I 1½ Kilometer im Süden dieser Hauptstadt des gleichnamigen Bezirkes liegt. Nebst den Eingeborenen befinden sich dort einige hundert Chinesen, einige Araber, Mooren und Bengalesen. Auf dem Berge Ungarang befindet sich ein Sanatorium, vielleicht in dem schönsten Theile Javas gelegen. Veth giebt seiner Bewunderung über dieses schöne Panorama mit folgenden Worten Ausdruck:

»Dieser Bergrücken (sc. Kendil), welcher nicht mehr als 1½ km Luftlinie von Ambarawa entfernt ist und sich 300–350 Meter über das Thal erhebt, bietet eine Aussicht, welche unter die schönsten gerechnet werden kann, die Java zu geniessen giebt. Das reich bevölkerte Ambarawa, das Lager und die Festung sieht man zu seinen Füssen liegen, und wenn man dahinter den Blick über das Thal schweifen lässt, sieht man dieses wie ein Schachbrett in Fächer vertheilt. Hier wird ein Feld von Karbouwen für die neue Ernte gepflügt, dort prangt ein anderes im lichten Grün der jungen Reishalme; hier ist ein drittes in das dunkle Kleid von altem Reis gehüllt, und ein viertes ist gelb gefärbt von den Aehren, welche unter der Last der Reife ihr Haupt neigen. Kleine Wälder von Fruchtbäumen, welche die zu Dörfern vereinigten Wohnungen der Eingeborenen verbergen, liegen wie Inseln zerstreut dazwischen. Blickt man weiter hinein in den Thalkessel, dann sieht man ein grosses, weites, graues Feld, neben grossen Wasserpfützen, welches weder Acker noch Haine führt. Es ist der Sumpf, welcher durch seine todte Kahlheit ebenso sehr absticht bei der weniger reich bevölkerten und bebauten Gegend, welche sich an der anderen Seite ausbreitet, als bei jener, welche sie von Ambarawa scheidet. Aber was besonders dieses Panorama so ergreifend macht, das sind die grossen Bergprofile, welche jenseits den Thalkessel begrenzen: Im Vordergrund der Kelir, Wiragama und Telamaja, und fern im Süden der breite Scheitel des stolzen Merbabu.«

Das Fort selbst wurde im Jahre 1833 von dem General van den Bosch als Mittelpunkt der Vertheidigung von Java hier angelegt, weil sich hier der grosse Weg vom Norden nach dem Süden in zwei Arme theilt und somit von den Kanonen des Forts bestrichen werden kann, und weil das Terrain eventuell unter Wasser gesetzt werden kann. Nun, die Vertheidigungsfähigkeit dieser zwei Strassen durch das Fort Willem I wird heutzutage von Niemandem mehr anerkannt, und ein europäischer Feind würde mit zwei Mörsern und zwei Gebirgskanonen, welche sich auf dem Telamaja oder Kelir befinden würden, bald das Feuer aus dem Fort zum Schweigen bringen.

Die Vertheidigung Javas gegen einen europäischen Feind ist schon seit Jahrzehnten die ununterbrochene Sorge der Regierung, und die stets wechselnden Armee-Commandanten brachten zwar auch stets neue Ansichten, aber das Endresultat ist gleich Null; denn das Anlegen von starken Centren in den drei Militär-Abtheilungen von Java im Innern des Landes, von wo aus im gegebenen Falle die Truppen nach allen Richtungen der Windrose dirigirt werden können, ist alles, was bis jetzt geschehen ist. Der heuer ernannte General-Gouverneur von Indien ist ein Militär, und zwar der General Rozeboom, welcher, wie mitgetheilt wird, in Holland durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der Festungsbauten eine Autorität ist; wenn auch während seiner Regierungszeit,[123] welche für fünf Jahre festgestellt ist und verlängert werden kann, der Wechsel des Armee-Commandanten vielleicht derselbe wie früher sein wird, so kann diese Lebensfrage in Indien ernstlich in Angriff genommen werden. Im Laufe der letzten Jahre hat das Armee-Commando sich nur mit der »Reorganisation« der Armee[124] beschäftigt und die Rolle eines Despoten sich angeeignet, wobei natürlich ein Missbrauch dieser absoluten Gewalt nicht ausgeschlossen blieb. Der neue General-Gouverneur kann also die Frage der Vertheidigung Javas selbst in die Hand nehmen und hin und wieder den Herrschergelüsten des Armee-Commandanten mit seiner Autorität entgegentreten; unter den früheren Armee-Commandanten war es bekannt, dass sie keine andere Sorge hatten und kannten, als missliebige Personen zu entfernen und ihren Freunden ein schnelles Avancement zu besorgen, unter dem passenden Vorwande: Junge Kräfte und junges Blut in die höheren Rangstufen zu bringen. Natürlich trat die Regierung in Holland dieser Verschwendung entgegen, welche oft ein bitteres Unrecht gegen die davon Betroffenen involvirte. Aber sie fanden einen Ausweg; was die Oberregierung in Holland officiell verweigerte, erreichten sie durch »hinausekeln«. Dazu sollte manchmal das ärztliche Corps Handlangerdienste leisten. Ich sass beinahe fünf Jahre in der Superarbitrirungs-Commission und hatte als ältester (nach dem Chef) das Referat auszuarbeiten. Dessen kann ich mich jedoch rühmen: ich habe mich immer objectiv gehalten, und wenn auch z. B. in den Zuschriften des Armee-Commandanten mitgetheilt wurde, »dass natürlich unter solchen Verhältnissen nicht zu erwarten sei, dass Hauptmann X. in Zukunft gesund bleiben werde« u. s. w., und wenn auch der Chef der Commission diesen Wink mit dem Zaunpfahl verstehen wollte, so liess ich mich dadurch in meinem Referat nicht beirren. Da ich auf dieses widerliche Bild nicht mehr zurückkommen werde, so will ich an dieser Stelle den Nepotismus in der indischen Armee skizziren, ohne jedoch in Details zu verfallen. Der Regimentsarzt X. ist verwandt und befreundet mit dem Armee-Commandanten und möchte gern schnell Stabsarzt werden, ohne solche aussergewöhnlichen Leistungen aufweisen zu können, welche ein aussertourliches Avancement[125] rechtfertigen könnten. Capitän Y. möchte gern sobald als möglich den Dienst als Major verlassen, um mit einer Pension von 2800 fl. in patria in der Kraft seines Lebens noch eine Civilstellung annehmen zu können. Die Vordermänner stehen ihnen im Wege, es wird also das Leid direct oder indirect dem hohen Freund und Gönner geklagt. Dieser spricht natürlich gegenüber den Chefs dieser Vordermänner das Bedauern aus, dass seine gute Absicht in Holland aus falschen Sparsamkeitsrücksichten nicht gewürdigt wurde, und dass also altersschwache[126] Männer ohne Energie den goldenen Kragen bekämen. Dieser versteht den Wink und beginnt zu »suchen«.

»Wer einen Hund schlagen will, findet immer einen Stock«, und ich sah oft die unwürdigsten Mittel anwenden, um ein solches Hinderniss aus dem Wege zu räumen. Nepotismus und Protection kommen leider überall vor; aber in einer kleinen Armee machen sie sich mehr als in einer grossen fühlbar und kommen schneller zum Bewusstsein aller Officiere; es entwickelt sich dadurch auch ein Servilismus, der geradezu lähmend auf den ganzen Dienst wirken muss. Es ist zu hoffen, dass das Princip der strengen Anciennität, welche das Gesetz vorschreibt, nicht wieder auf so schändliche Weise umgangen wird, als es unter den früheren Armee-Commandanten geschah. Doch genug von diesen Uebelständen in der indischen Armee.

Die Vertheidigung Javas gegen einen europäischen Feind resp. Amerika ist also die Hauptsorge des neuen General-Gouverneurs; so wenig es mir möglich ist, mich mit dieser Sache zu beschäftigen, so glaube ich auf einen Factor hinweisen zu müssen, der früher als Axioma galt, heute aber gewiss an Bedeutung verloren hat. Dieses Axioma lautet: Die beste Vertheidigung Javas ist — sein Klima; ein europäischer Feind, der auf Java landet, würde schon in den ersten Tagen ⅓ seiner Bemannung durch Fieber, Dysenterie oder Cholera verlieren. Dieses war wahr, hat aber heute seine Richtigkeit verloren; die Lehren der Hygiene sind Gemeingut geworden, und die Verluste einer fremden Macht würden nicht viel grösser sein als die der indischen Armee. Sie würde, um nur ein Beispiel anzuführen, für gutes Trinkwasser sorgen, und die Morbidität der Truppen würde ebenso klein bleiben wie sich die Mortalität nur um geringes steigern würde.

Das Fort Willem I wird gewiss in dem zukünftigen Vertheidigungsplane eine untergeordnete Rolle spielen, z. B. als Depot für Kriegsmaterial, wie das benachbarte Banju-Biru, welches jetzt die Hauptstation für die Feld- und Berg-Artillerie ist.

Bei meiner Ankunft wurde mir eine Wohnung ausserhalb des Forts angewiesen, und zwar im sogenannten »Campement«; d. h. die Bureaux und die Wohnungen der Officiere, welche im Fort selbst keinen Platz hatten, befanden sich vor der ersten Zugbrücke, und zwar in der Nähe des grossen Postweges, welcher bei Samarang beginnt und bei Baven sich in zwei Arme theilt. An der Ecke des »Campements« befand sich das »Windhaus«, welches mir zugewiesen wurde, und ich ersuchte »die Genie«, solche Veränderungen des Hauses vorzunehmen, dass es von dem Zuge nicht belästigt würde. Durch Abschliessen einiger Fenster sollte dies geschehen, und so verliess ich am 28. das Hotel, um meine neue Wohnung zu beziehen; meine Möbel, Kisten und Koffer waren am 27. Abends angekommen, und ich hatte drei Lastwagen gemiethet, welche sie vom Bahnhofe direct ins Haus bringen sollten. Alles war in gutem Zustande angekommen; meine zwei Sandelwood-Pferde begrüssten mich mit lautem Wiehern, und so zog ich an der Spitze der kleinen Karawane zum »Windhause«. Als ich mich diesem näherte, sah ich zu meinem Schrecken Dr. K., mit einem Telegramm in der Hand, mit meiner Frau sprechen, welche laut schluchzend und weinend mir entgegen lief: »Wieder transferirt, und zwar nach Tjilatjap, dem grössten Fieberherde von Java, wo sich nicht einmal Soldaten befinden, von wo die Garnison verlegt werden musste, weil das Fieber, die Malaria sie mordete, wo selbst die Vertheidigungskanonen der Küste verlassen werden mussten, dahin müssen wir gehen.« Dr. K. konnte nichts anderes thun als ich, und zwar mit den Schultern zucken und sagen: es muss sein. Verblüfft sahen mich die Führer der Frachtwagen an, als ich ihnen zurief: »Kombâli« (= zurück); ebenfalls die Schultern zuckend, liessen sie die Ochsen umkehren und die Lasten wieder zum Bahnhofe bringen. Glücklicherweise war der Zug schon um 6 Uhr Morgens nach Solo abgegangen; sonst hätte ich noch denselben Tag abreisen müssen, mit oder ohne Reisegepäck, denn es war eine Eildepesche, und als ich den andern Tag Abends in Tjilatjap ankam und sofort in die Wohnung des Regimentsarztes W... eilte, in der Voraussetzung, ihn schwer krank oder vielleicht schon sterbend zu finden, war er nicht zu Hause!! Als ich ihn endlich in der Infirmerie fand, kam er mir mit den Worten entgegen: »Was kommen Sie hier thun?!!«

Nach Erhalt des Telegrammes ging ich nach Haus, beruhigte meine Frau so viel ich konnte und ging, mich beim Platz-Commandanten abzumelden. Unterwegs fiel mir aber ein, dass so eine Reise nach Tjilatjap wieder Geld und zwar sehr viel Geld kosten würde. Bei seiner Transferirung muss nämlich der Officier alles selbst bezahlen und reicht später seine »Declaration« ein, welche jedoch niemals sofort beglichen, sondern der »Rekenkamer« zur Revision vorgelegt wird. Der Officier kann jedoch 80% Vorschuss auf den Betrag seiner eingereichten Rechnung erhalten. Für die Reise von Ngawie nach Ambarawa hatte ich meine »Declaration« noch nicht eingereicht, von dem Ertrage meiner Auction hatte ich noch keinen Wechsel erhalten; ich war also court d’argent für meine Reise nach Tjilatjap, welche gewiss 300 fl. kosten würde. Ich ging also zum »Bezahlmeister« der Garnison und ersuchte ihn um einen Vorschuss auf meinen Gehalt. Der Zahlmeister, der niemals um einen Witz oder um ein scherzhaftes Wort verlegen war, richtete sich bei meinem Ansuchen stolz auf, sah mich mit drohenden Blicken an und rief entrüstet aus: »Was! ein reicher Doctor, der nicht einmal Kinder hat, verlangt Vorschuss auf seinen Gehalt! Das ist reiner Wucher! Sie wollen noch mehr Geld in die Sparbank bringen; Sie wollen noch immer Zinsen auf Zinsen auf Ihr Vermögen häufen! Das ist Schande!«

»Ja, das ist Schande,« erwiderte ich in demselben Tone der Entrüstung; »aber wessen? Da werde ich aus der Mitte Javas nach dem Norden der Insel transferirt, und drei Tage später wieder vom Norden nach dem Süden; der Regierung kostet dieses 219 fl. und mich über 300 fl.! Will also die Regierung durch uns Officiere die Unkosten der Eisenbahnen decken! Nehmen Sie jetzt an, dass ich 6 bis 8 Kinder hätte, wie viel würde ich dann verlieren? Finden Sie es also ein Unrecht, dass die Regierung dafür eine kleine Entschädigung bietet? Ich bekomme nach Recht und Gesetz, weil ich verheiratet bin, von vier Monaten, im anderen Falle von drei Monaten Gehalt einen Vorschuss, den ich nach drei Monaten in Raten von ¼ meines Gehaltes abzuzahlen anfangen muss; die 1700 fl., welche ich jetzt von Ihnen erhalte, tragen im günstigsten Falle 65 fl. Interessen (zu 4% gerechnet). Ist dieser Betrag nicht so klein, dass es eine Schande ist, darüber ein Wort, zu verlieren? Setzen Sie jedoch den Fall, dass ich 6 oder 8 Kinder hätte; würde es für mich nicht geradezu ein Unglück sein, in drei Tagen zweimal transferirt zu werden? Ich würde den Verlust nicht verschmerzen können und Schulden machen müssen.«

Diese häufigen Transferirungen sind auch die Schuld, dass sehr viele Officiere erst im Range vom Major aus ihren Schulden gegenüber der Regierung herausgekommen sind, da sie ihre alte Schuld, welche in 19 Monaten und von ledigen Officieren in 15 Monaten abbezahlt sein muss, noch nicht getilgt hatten, wieder transferirt wurden und dabei zunächst die alte Schuld abtragen mussten.

In früheren Jahren gab die Regierung jedem Arzte, und wenn ich mich nicht irre, jedem Officier, der darum das Ansuchen stellte, auch für den Ankauf von zwei Reitpferden 400 fl. Vorschuss, welcher Betrag (ebenfalls rentelos) in 20 Monaten abgezahlt sein musste. Da sich nach und nach der Missbrauch eingestellt, dass von den dazu berechtigten Officieren dieser Vorschuss genommen wurde, ohne dass sie sich factisch zwei Pferde kauften, wie z. B. in Garnisonen, wo sie sie nicht gebrauchen konnten, so hat die Regierung im Jahre 1888 damit ein Ende gemacht, indem sie diesen Vorschuss nur für den Fall bewilligte, als der Kauf der Pferde factisch geschah; zu diesem Zwecke wurde in allen Garnisonen eine Controlliste der Officiers-Pferde angelegt.

Nachdem ich meinen Vorschuss erhalten hatte, ging ich zunächst nach dem Bahnhof, um zu sehen, ob mein Gepäck und besonders, ob meine Pferde wieder ohne Schaden in den Waggon gebracht worden waren. Da diese feurigen Temperamentes waren, gab ich ihnen auf die Reise keinen Reis mit, sondern befahl dem Kutscher, welcher sie begleitete, jeden Tag 2 Pikol frisches Gras zu kaufen = 125 Kilo, wofür ich ihn 20 Ct. verrechnen liess. Es war ja die Regenzeit, und in diesem Monat kann man einen Pikol Gras selbst um 6 Ct. = 6 Kreuzer = 10 Pfennige bekommen; in der trockenen Zeit steigt der Preis oft bis auf 15–20 Cts., weil es dann oft weit her, z. B. von den Ufern eines Flusses oder aus schattigen Wäldern geholt werden muss. Ganz trocken ist das Gras in Java allerdings niemals, weil der Feuchtigkeitsgehalt der Luft immer ein hoher ist, und dies ist auch die Ursache, dass grosse Lauffeuer selten in Indien vorkommen. Am andern Morgen, den 28. Januar, ging ich also um 6 Uhr früh wieder auf die Reise, um 1 Uhr kam ich in Djocja an, wo mich der Resident erwartete, dessen Frau eine Schulkameradin meiner Frau war, und lud mich ein, eine Nacht bei ihm zu logiren. Ich nahm es nicht an, weil mich das Eiltelegramm des Landes-Sanitätschefs das Aergste für den Gesundheitszustand des dortigen Arztes befürchten liess. Es war glühend heiss, das Thermometer zeigte im Schatten 35° C.; in der Restauration des Bahnhofes hatten wir ein ziemlich gutes Beefsteak mit Erdäpfeln gegessen und eine Flasche Rheinwein geleert, so dass wir gerade nicht leichten Muthes wieder die Reise fortsetzten. Bei dieser hohen Wärme ist in Indien das Fahren auf der Eisenbahn ja unerträglich. Ich hoffte eine Erleichterung zu finden, wenn ich für mich und meine Frau Karten I. Classe nehmen würde, um dadurch ein Coupé für uns Beide allein erhalten und mich des Rockes und der Schuhe entledigen zu können; aber wer kann unsern Schreck schildern, als unmittelbar vor Abgang des Zuges ein Herr sich zu uns gesellte, der, wie er mir später erzählte, dieselbe Absicht gehegt hatte. Dieser brave Mann ist seitdem gestorben. Ich kann also heute ruhig gestehen, dass wir Beide alle Flüche und Qualen der Hölle auf seinen Kopf erwünschten, natürlich nur im Flüsterton. Endlich um 6¼ Uhr Abends kamen wir in Tjilatjap an und mein Vorgänger — erfreute sich der besten Gesundheit!!


Bei meiner Transferirung von Ambarawa hatte ich die Provinzen Samarang, Surakarta, Djocjacorta, Bageléen und Banjumas durchzogen. Die ersten drei und die letzte Provinz werden uns weiterhin noch viel beschäftigen, und darum will ich an dieser Stelle nur mit wenigen Zeilen der Provinz Bageléen gedenken, weil ich einerseits sie nur per Eisenbahn durcheilt habe und sie andererseits nicht viel Sehens- und Mittheilenswerthes enthält.

Vor dem grossen Kriege von Java in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war Bageléen (und Banjumas) ein Theil des westlichen Mantja[127]-negara,[128] und seine Fürsten waren Vasallen des Sultans von Solo. Hier in Bageléen, welches jetzt nicht nur die dichtbevölkertste Landschaft von Java, sondern vielleicht von der ganzen Erde ist [es wohnen ja mehr als 20,000 Menschen auf einer Quadratmeile,[129] und es besitzt bei einer Grösse von 62,07 ☐Meilen einen Ort (Purworedjo) mit 20,000 Seelen, 202 Kampongs mit 1000–5000, 679 Dessas mit 5–1000, 1327 mit 200–500, und 442 Dörfer bis 200 Seelen], wüthete früher der Despotismus seiner Fürsten mit allen seinen Qualen und Leiden für den kleinen Mann, und man muss oft die lebhafte Phantasie bewundern, mit welcher diese kleinen Despoten Steuern zu erfinden wussten. Es wurde eine Steuer für wohlgefüllte Waden erhoben, die Einäugigen mussten Steuern für die Blinden bezahlen, bei jeder Klage wegen Diebstahls musste ein gewisser Betrag erlegt werden, für die Wachthütten auf den Reisfeldern, welche nicht gebaut wurden, für das Wiegen des Reises, welcher als Zehnt eingeliefert werden musste, war ein Zoll festgesetzt, obzwar der Reis niemals gewogen wurde, für das Zählen der Reisfelder, was niemals geschah, für das Recht, den Tanzmädchen zuschauen zu können, ob man es ausübte oder nicht, wurde eine Steuer erhoben, kurz, unter 34 (!!) verschiedenen Namen wurde der kleine Mann in seinem Erträgniss des Bodens gekürzt. Im Jahre 1830 kam es endlich unter die directe Verwaltung der holländischen Regierung; sofort wurden 24 dieser diversen Steuern abgeschafft, und die üppige Tropenflora im Verein mit der humanen europäischen Regierung schufen aus den öden, unbebauten, brachliegenden Feldern eine reich bevölkerte und reich bebaute Provinz mit einer glücklichen und zufriedenen Bevölkerung.

Der Name dieser Provinz stammt aus dem altjavanischen Pageléen = penis und von der Linggasäule, welche sich bei Purworedjo, und zwar bei dem Dorfe Bageléen befindet und noch heutzutage von der Bevölkerung angebetet wird. Ueberhaupt findet man ja in Süd-Java viele Spuren des Siva-Dienstes.

Eine andere Sehenswürdigkeit ist der ausgehöhlte Felsen Karang bólang, welcher sich 181 Meter hoch über die See an der Südküste erhebt und sich wie ein Dom über die Fläche des Meeres wölbt, als Heimath von Tausenden und abermal Tausenden von Schwalben, deren essbare Nester unter dem Namen sarong burung ein starker und verbreiteter Handelsartikel geworden sind. Im Jahre 1871 wurde das Erträgniss dieser Höhle auf 25 Jahre für den Betrag von 37,100 fl. pro Jahr verpachtet. Nach Friedmann sollen jährlich 500,000 Stück gewonnen werden.[130]

Die Hauptstadt Purworedjo mit dem Garnisonplatz Kedong Kebo und mit dem Gunung Wangi (8 Kilom. entfernt) = Berg des herrlichen Duftes,[131] die Grotte vom Berge Lawang und Tebasan mit den zahlreichen Ueberresten des Siva-Dienstes, die Umgebung von Kabumen mit ihren warmen Quellen, Gombong mit seiner Cadettenschule und der Grotte Ragadana mit schönen Stalaktiten sowie zahlreiche Alterthümer kann ich nur andeuten, aber nicht beschreiben, weil ich niemals Gelegenheit hatte, aus Autopsie sie kennen zu lernen.

Die Provinz Banjumas, in welcher Tjilatjap liegt, habe ich nach vielen Richtungen hin durchzogen, und zwar entweder in dienstlichen Angelegenheiten oder zu meinem Vergnügen. Am häufigsten kam ich nach Babakan, wo sich längs des Meeresstrandes die Schiessstätte der Artillerie der zwei militärischen Abtheilungen Javas befindet. Nach der Hauptstadt Banjumas kam ich im Ganzen nur viermal. Das erste Mal hatte den Zweck, mich dem Residenten (Statthalter) der Provinz vorzustellen, weil dieser in civilen Angelegenheiten gewissermaassen mein Chef war.


Nachdem ich zu meiner Ueberraschung meinen Vorgänger nicht nur beim besten Befinden getroffen, sondern auch von ihm vernommen hatte, dass er schon seit einigen Wochen einer relativ günstigen Gesundheit sich erfreue, ging ich nach Hause ins Hotel, um ein erfrischendes Bad zu nehmen und hierauf trockene Leibwäsche anzuziehen. Das Hotel wurde von Frau X... geleitet, während ihr Mann gleichzeitig Schiffshändler und Kaufmann war; er hatte im Hotel einen Laden, in dem man einfach Alles zu kaufen bekam; es war ein »Tôko«, wie sie überall in Indien gefunden werden. Abgesehen von einigen Modistengeschäften in den grossen Städten, wie Batavia u. s. w., kennt der Detailhandel in Indien keine Specialitäten. In einem Tôko findet man Papier, Bücher, Gewehre, Conserven, Leinwand, Schuhe, Hüte, Lampen, Gläser, Porzellanwaaren, Petroleum, Käse, Butter, Thee, Kaffee u. s. w.

Natürlich hatte sich wie ein Lauffeuer die Nachricht verbreitet, dass ein neuer Arzt angekommen sei, und Jeder beeilte sich, diesen zu Gesicht zu bekommen. Jeder hatte also diesen Abend in diesem Tôko etwas zu kaufen; der Eine eine Kiste Cigarren, der Andere eine Schachtel Maschinenzwirn und der Dritte bestellte eine Kiste Apollinaris-Wasser u. s. w.

Die Wirthin, eine schöne und stattliche Nonna,[132] sass unterdessen bei uns in der Veranda und theilte uns von Jedem, der in den Kaufladen trat, alles Wissenswerthe mit; unglaublich schienen mir die Mittheilungen über den Herrn D...: »37 Jahre befindet er sich schon in Tjilatjap und ist nur gesund, wenn er hier ist; jedes Jahr geht er auf die Reise, und kaum hat er Tjilatjap hinter sich, so beginnt er sich unwohl zu fühlen und bekommt das Fieber. Dasselbe ist der Fall mit dem Herrn K..., der schon 17 Jahre hier wohnt und, wie Sie soeben sahen, sich eines sehr gesunden Aussehens erfreut; er hat eine schöne Tochter, welche hier geboren ist, und ebenso wie die zwei Töchter des Herrn D... nur hin und wieder ein paar Tage lang Fieber haben; sie nehmen 20 Chininpillen und bleiben dann wieder für viele Monate von den Fieberanfällen verschont.« Dies waren sehr ermuthigende Worte, besonders für meine Frau, welche sich früher in den Gedanken eingelebt hatte, niemals dieses »verwünschte Fiebernest« bewohnen zu müssen, weil im Jahre 1887 die Garnison aus Gesundheitsrücksichten eingezogen worden war. Die Regierung schickt jedoch seit dieser Zeit immer einen Militärarzt dahin, weil sich kein Civilarzt bis jetzt dort angesiedelt hat. Die Zahl der Europäer in Tjilatjap und seiner Umgebung und die der Chinesen ist nämlich zu klein, um einen Civilarzt zu veranlassen, für ein Erträgniss, das kaum die Bedürfnisse des täglichen Lebens decken würde, Leben und Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Die Garnison war zwar aufgehoben, aber die zahlreichen militären Gebäude bestanden noch; auch die Küsten-Batterien, welche den Eingang in den Canal beherrschten, waren noch nicht entfernt und bedurften einiger Soldaten zur Bewachung; diese wenigen Soldaten standen unter dem Befehl eines Oberlieutenants »der Genie«. Uebrigens vertraten 80 Mann Pradjurits die bewaffnete Macht; das sind nach europäischen Begriffen Polizeisoldaten, welche den Verwaltungsbeamten zur Seite stehen und in erster Reihe den Bewachungsdienst in den Gefängnissen und den Transport der Sträflinge zu besorgen haben. Ihre militärische Ausbildung erhalten sie von einem europäischen Officierstellvertreter, und im Uebrigen unterstehen sie in allem und jedem dem Assistent-Residenten. Nur findet über ihre militärische Ausbildung eine jährliche Inspection von Seiten des jeweiligen Adjutanten des Landes-Commandirenden statt. Dies ist natürlich eine im Princip ganz verfehlte Organisation, wenn der Assistent-Resident es nicht gelernt hat, ein Commando über 80 Mann zu führen. Ich will zwar zugeben, dass, wenn in ernstlichen Fällen der Beamte die Hülfe des Militärs anruft, wie es z. B. bei einer Meuterei afrikanischer Matrosen im Hafen geschah, dieses höchstens ein Beweis für geringes Vertrauen zu dem Muthe dieser Polizeisoldaten sei; aber es ist geschehen, dass der Instructeur von Dorf zu Dorf gehen und jeden einzelnen Mann aufsuchen und überreden musste, sich rechtzeitig auf dem Platz der Inspection einzufinden, und dass demungeachtet der Inspecteur zur angesagten Stunde nicht die ganze Mannschaft anwesend fand, sondern Alle einzeln wie verirrte Schafe erschienen.

Wenn diese Polizeisoldaten in Casernen wohnten und ihren Instructeuren auch in jeder Hinsicht, also auch in disciplinaren Vergehen untergeordnet wären, d. h. mit anderen und wenigen Worten, wenn sie Gensdarmen wären, wie sie in zahlreichen europäischen Staaten bestehen, dann würden sie nicht nur bessere Dienste leisten, sondern auch einem dringenden Bedürfnisse entsprechen. Der antimilitärische Geist der Holländer macht sich auch in dieser Hinsicht in unangenehmer und fühlbarer Weise geltend. Der Assistent-Resident X..., der damals in Tjilatjap residirte, war gewiss ein Ehrenmann, er war als Beamter gewiss, so weit ich urtheilen kann, seinen Aufgaben vollkommen gewachsen und lebte nur für seinen Dienst; und doch waren die Pradjurits damals eine Caricatur von dem, was sie sein sollten; sie machten von der Zwitterstellung ihres Instructeurs Missbrauch, und dieser selbst — war froh, jeder Verantwortlichkeit enthoben zu sein. Wenn jedoch der Instructeur auch das Recht des Strafens hätte, und wenn sie in Casernen wohnten, welche ebenfalls ein militärisches Reglement hätten, und wenn alle Befehle des Beamten durch die Hände des Instructeurs gingen, dann hätte auch Indien ein Corps von Gensdarmen, welches nach vielen Seiten hin erspriessliche Dienste leisten könnte; denn die Polizisten der grossen Städte und des flachen Landes sind nichts anderes als persönliche Bediente des Beamten und erfreuen sich gar keines Ansehens und gar keiner Autorität. — Die Uniform der Pradjurits ist die des Militärs aus den siebziger Jahren; dunkelblaue Kleider aus Serge mit einem Kopftuche unter dem Käppi; dieses ist nach der Weise der Javanen um den Kopf geschlungen. Die Bewaffnung ist dieselbe wie die der Armee; sie haben Hinterlader und Bajonette.


Fig. 15. Eine Compagnie der »Legionen« des Sultans von Djocja.

Am andern Morgen stellte ich mich dem Assistent-Residenten vor und liess den Platz-Commandanten wissen, dass ich angekommen sei, um den Dienst von Herrn Dr. W. zu übernehmen. Beide Herren waren nämlich niedriger im Range als ich, und nach den gesetzlichen Bestimmungen ist es hinreichend, dass in einem solchen Falle der höhere Officier schriftlich davon Nachricht giebt. Weil der Dienst eines Oberarztes reglementär ganz derselbe wie der eines Regimentsarztes ist, so geschieht es sehr häufig, dass in kleinen Garnisonen der Platz-Commandant niedriger im Range oder Anciennität ist, als der zugetheilte Militärarzt. Aus einer falsch angebrachten Gemüthlichkeit lassen die Militärärzte in der Regel diesen Rangunterschied aus den Augen und halten sich z. B. mehr an die herrschende bürgerliche Gewohnheit, dass der zuletzt Angekommene bei den anwesenden Officieren sich zuerst vorstelle u. s. w. Dies ist die Hauptursache, dass die Officiere der »bewaffneten Corps« sich so oft über das antimilitärische Benehmen der Militärärzte lustig und davon manchmal Missbrauch machen. Es entstehen dadurch unangenehme Streitigkeiten, worunter auch der Gang des Dienstes leiden muss.

Der Platz-Commandant konnte nicht zu mir kommen, weil er am Fieber litt und an diesem Tage sich zur Abreise von Tjilatjap rüstete. Ich ging also zu ihm hin und besprach noch einige Fragen über die Abreise meines Vorgängers und über sein Haus, welches mir zur Miethe angeboten wurde. Dieses lag nämlich in jenem Theile der Stadt, in welchem sich die Casernen und Wohnungen der Officiere befanden, und welches wegen des dort herrschenden Malaria-Fiebers von der Garnison verlassen werden musste. Das Flüsschen (Kali) Osso trennte diese beiden üblicherweise so scharf auseinander gehaltenen Theile Tjilatjaps und zog hinter dem Hause des Lt. G. vorbei. Im Westen dieses Flüsschens lag, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf, das bürgerliche Tjilatjap. Einen überraschend schönen Anblick bietet die Stadt, wenn man des Morgens früh aus dem Hotel tritt und sich der Wohnung des Assistent-Residenten nähert; vor uns zieht in gerader Linie eine vielleicht mehr als 1½ Kilometer lange Strasse, begrenzt von hohen, mächtigen Kanariebäumen (canarie communis). Zur rechten Hand schliesst das Haus des Clubs mit der Nussa (= Insel) Kambangan im Hintergrunde diese schöne Allee ab; im Osten derselben liegt das Bureau und das Wohnhaus des Assistent-Residenten mit wunderschönen Blumenbeeten im Garten, und zur Seite desselben eröffnet sich die Aussicht über die schmale Wasserstrasse mit den wildromantischen Ufern der genannten Inseln im Süden. Das Rauschen der Brandung an der jenseitigen Küste erschüttert die Luft um so imposanter, als die schäumenden und strömenden Wogen nicht gesehen werden. Zur Linken zieht diese schöne Allee in beinahe geometrisch gerader Linie nach Norden und zeigt uns im Hintergrunde den Palast des Regenten mit seinem grossen Alang âlang (Schlossplatz). Auf der linken Seite führt eine kleine Strasse zum Bahnhof und eine zweite zum neuen Hafen, welcher in der Mündung des Flusses Donan liegt. Es ist ein Meisterstück des modernen Hafenbaues.

Die Schiffe liegen mit ihrem Bord an dem Rande der Quais, und die Waaren, welche in einem Waggon der Eisenbahn ankommen, können von diesem direct durch einen Dampfkrahn in das Schiff geladen werden. Ich sage: können; denn es geschieht leider nicht. Dieser Hafen wurde ursprünglich angelegt, um die Producte des Landes, wie Kaffee, Zucker, Thee, Indigo u. s. w. aus Mittel-Java bequem und billig nach der See transportiren zu können; es wurde aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Zahlreiche Zuckerfabriken, Kaffeepflanzer u. s. w. arbeiten nicht mit eigenem Geld und haben grosse Vorschüsse von den diversen Banken, welche sich in Samarang (Nordküste) befinden. Diese Stadt hat jedoch keinen modernen Hafen; die Schiffe liegen vielleicht eine Stunde weit von der Küste entfernt. Der Transport der Waaren und der Personen von der Küste auf die Rhede geschieht durch Dampfbarcassen, welche direct oder indirect im Besitze dieser Banken sind. Diese geben also keine Vorschüsse, wenn nicht der Schuldner sich verpflichtet, seine Producte auf der Nordküste (in Samarang) einschiffen zu lassen. Dadurch wird natürlich das Erträgniss der Transportgesellschaften in seiner alten Höhe erhalten und — der schöne Hafen Tjilatjap wird wenig benutzt. Dazu kommt noch ein zweiter Uebelstand. Im Jahre 1890 sollte der letzte Theil der Eisenbahn gebaut werden, welcher die Nordküste zwischen Batavia via Tjilatjap und Surabaya mit der Südküste verbinden sollte; die Ministerien des Krieges, des Innern und der öffentlichen Bauten stritten sich über den Punkt; bei welchem der letzte Theil, welcher von Bandong kam, sich anschliessen sollte; die Wahl fiel auf Maos, zwei Stationen nördlich von Tjilatjap. Die beiden Züge von Batavia und Surabaya treffen hier in Maos Abends um 6½ Uhr ein und fahren in der Nacht nicht weiter. Die Regierung hat also in Maos ein grosses Hotel gebaut und dessen Verwaltung u. s. w. einem Pächter übergeben; die Passagiere verbringen den Abend so gut es geht mit Spazierengehen rund um das Hotel und setzen am andern Tage die Reise fort. Zu einem Ausflug nach Tjilatjap ist keine Gelegenheit gegeben, und dieser schöne Hafen mit seiner reizenden Lage, mit den wundervollen Höhlen auf Nussa-Kambangan bleibt verschollen und unbeachtet von der grossen Menge der Reisenden, welche eine Reise von Batavia nach Surabaya lieber in einem Waggon zurücklegen, als sich vielleicht drei oder vier Tage lang auf einem Schiffe den Unbilden der Seekrankheit auszusetzen.

Wenn sich in Tjilatjap ein unternehmender Mann fände, die Sehenswürdigkeiten und Schätze der Umgebung dieser Stadt dem grossen Strome der Reisenden zu eröffnen, welche täglich um 6½ Uhr in Maos ankommen, würde es nicht geschehen, dass täglich Hunderte von Reisenden an Naturschönheiten vorbeiziehen, welche in Europa jährlich Tausende und Tausende von Touristen dahin locken würden, und die Stadt würde sich zu einem Emporium der Südküste Javas erheben. Die Tropfsteinhöhle der Insel Nussa-Kambangan und das Pfahldorf der Kindersee wird das Ziel des einen Tages, und die wildromantische Scenerie von Karang Bolang der Endpunkt eines zweiten Ausfluges sein. (Leider ist das Reisen in Indien theuer; eine Fahrt nach der Hauptstadt Banjumas kam auf 20 fl. zu stehen, wozu noch die Unkosten des Hotellebens gerechnet werden müssen.) Die ganze Provinz ist übrigens reich an Sehenswürdigkeiten. Das Dienggebirge (2045 Meter hoch) mit seinen ausgebrannten Vulcanen, mit seinen Solfataren (von Segarawedi), mit seiner Mofette (das Todtenthal Pakaraman[133]) entzücken das Herz eines jeden Touristen, und wenn wir ihre Beschreibung in dem Meisterwerke des Prof. Veth lesen, können wir nur bedauern, dass dies Wunderspiel der Natur jenseits der grossen Heereswege liegt, welche mit Eisenbahnen die grossen Städte Javas untereinander verbinden.

Das militärische Tjilatjap lag im Osten des Flüsschens Osso und war mit einer steinernen Brücke mit dem »Seestrand« verbunden, welcher von hier aus längs des Officierclubs nach der Mündung des Flusses Donan sich mehr als 1½ Kilometer weit erstreckte. Kam man über die Brücke, so hatte man zu seiner Rechten das grosse Lagerhaus, in welchem der Gouvernementskaffee aufgespeichert und von Zeit zu Zeit an den Agenten der »Handelsmaatschappij« abgeliefert wurde, weiterhin die Casernen und vis-à-vis das Militärspital und die Wohnungen der Officiere.

Das Militärspital war seit dem Verlassen der Garnison zu einem Marodensaal degradirt worden und bestand hauptsächlich (gegenüber dem Eingange) aus einer Apotheke, einem Bureau für den »Eerstaanwezenden Officier van Gezondheid« und einem Zimmer für kranke Soldaten oder Pradjurits. Bald zeigte sich jedoch die Unzulänglichkeit eines Marodensaales. Es wurde nämlich, wie schon erwähnt, der letzte Theil des Eisenbahnweges gebaut, welcher in einem grossen Bogen die zwei Städte der Nordküste, Batavia und Surabaya, mit dem Süden der Insel verbinden sollte. Zahlreich waren die Fälle, dass Arbeiter verunglückten und mir zur Behandlung gebracht wurden. Dies geschah auch von Seiten der Schiffe, welche das Material für den Bau der Eisenbahn u. s. w. in den Hafen brachten. In einen Marodensaal dürfen keine bürgerlichen Kranken aufgenommen werden. Die ersten Fälle brachten mich also in Verlegenheit, aus welcher mir jedoch der Assistent-Resident half; es waren arme Kulis; ich nahm sie in dem »Ziekenzaal« auf, und auf Befehl dieses Magistrates kamen sie in den Bestand des Spitals für Prostitués, welches einen halben Kilometer davon entfernt war. Sträflinge brachten ihnen die Kost, welche ihnen auf Rechnung dieses Spitals verabfolgt wurde, während die Krankenwäsche, Medicamente u. s. w. aus dem Bestands des Marodensaales geliefert wurden. Die Medicin konnte ich de jure verabfolgen. Ich musste eo ipso jeden Monat eine Rechnung für (an die arme Bevölkerung) abgelieferte Medicamente einreichen, welche dann mit dem Departement des Innern verrechnet wurde; im Uebrigen besprach ich diese Sache mit dem Platz-Commandanten, welcher im Interesse der Menschlichkeit keinen Einwand machte, um so weniger, als ich versprach, die Erhöhung des »Ziekenzaales« zu einem Spitale zu veranlassen, in welches, de jure, civile Patienten aufgenommen werden können.

Grössere Schwierigkeiten bereitete mir jedoch die Aufnahme zahlungsfähiger Bürger; diese mussten für ihre Verpflegung selbst sorgen, und mir erübrigte nur die ärztliche Hülfe. Als mir jedoch eines Tages vom Agenten der Schifffahrtsgesellschaft Nederland ein Kuli geschickt wurde, dem im Schiffsraum das Schienbein zertrümmert worden war, konnte und wollte ich die Verköstigung dieses Patienten nicht auf mich nehmen und vertraute sie dem »Mandur« des Spitals für Prostitués an, welcher den Betrag hierfür bei mir jede Woche eincassirte. Sobald als möglich leitete ich also die nöthigen Schritte ein, um aus dem Marodensaal ein Spital 6. Classe machen zu dürfen, und am 30. September kam der Bescheid von der Regierung zurück, welcher dieses erlaubte und gleichzeitig die Vermehrung des Dienstpersonals in Aussicht stellte. Denselben Abend aber kam auch der Landes-Commandirende an, um Inspection zu halten. Ich und der Platz-Commandant erwarteten ihn in Galatenue an der Station. Einige Stunden später kam der Tagesbefehl, »der General wünschte, dass wir in unserer »Tenue« blieben, als ob Seine Hochwohlgeboren nicht anwesend wäre«, und der Platz-Commandant fügte bei: also gewöhnliche Tenue. Als Chef des Marodenzimmers wäre ich für die Reinlichkeit nur dieses einen Saales verantwortlich gewesen; als Chef des Spitals jedoch musste ich für die Reinlichkeit des ganzen, alten, halbverfallenen Gebäude-Complexes sorgen. Ich hatte aber noch nicht das nöthige Dienstpersonal. Um jedoch wenigstens den gröbsten Schmutz des alten, verlassenen, öden Spitalraumes wegschaffen zu lassen, verschaffte ich mir vier Kulis und liess sie um 6 Uhr früh unter Aufsicht eines Krankenwärters die Wege fegen u. s. w. Zur grösseren Sicherheit jedoch ging ich um 6 Uhr dahin und sorgte, dass unter meiner persönlichen Aufsicht so viel als möglich gereinigt werde. Im Eifer meiner Arbeit vergass ich die Zeit, und als es 8 Uhr schlug — stand der General mit dem Adjutanten und dem Platz-Commandanten vor der Thür, und ich war noch in Bürgerkleidung (!). Dafür bekam ich in die Conduiteliste: Militärisches Benehmen tadelnswerth und zeigt Mangel an Diensteifer, weil das Spital bei der Inspection des Landes-Commandirenden Spuren von mangelhafter Aufsicht trug und er in Civilkleidung war, obwohl die Inspection angesagt war!!

Auch wurde ich dafür »unwürdig und ungeeignet« erklärt, einen höheren Rang zu bekleiden. Ja, wenn man einen Hund schlagen will, findet man immer einen Stock.

Das Reglement »über das Tragen von Civilkleidern von Officieren« gestattet den Officieren der Genie, den Militärärzten, den Zahlmeistern, sowie auch den Officieren des Stabes und allen Arten, welche nicht unmittelbar mit den Truppen in Beziehung stehen, bei ihren täglichen Arbeiten von der Civilkleidung Gebrauch zu machen. Diese Erlaubniss erstreckt sich jedoch nicht auf Inspection, es sei, dass das Gegentheil speciell erlaubt wurde. Ob ich in dem gegebenen Falle im Eifer des Dienstes die gesetzlichen Bestimmungen vergessen und dagegen gesündigt hatte, will ich unerörtert lassen. Aber vielfach wurde die Zweckmässigkeit dieser gesetzlichen Bestimmung in Frage gestellt, ja noch mehr, man trachtete diese Begünstigung (?) der Aerzte in den letzten Jahren direct oder indirect zu beschränken. Man glaubte nämlich, dass dem Militärarzt durch die Uniform ein gewisses Prestige gegeben werde, welches unerlässlich für seine oft schwierige Stellung sei. Dies ist nur theoretisch wahr und richtig. Factisch hängt dieses ganz und allein von der Individualität des Militärarztes ab, und zwar schon darum, weil höchstens in den ersten Wochen der Dienstzeit die Uniform einem Recruten imponirt; weiterhin gewiss nicht mehr; ich kenne einen Fall, dass einem Regimentsarzte das Wort Charlatan von einem Patienten zugerufen wurde, trotzdem er in Uniform war. Ein anderer Einwand ist juridischer Natur. Die Disciplin muss leiden, wenn dem Soldaten bei Uebertretung der Subordination die Ausrede gelassen wird, er hätte nicht gewusst, dass der Betreffende ein Officier sei, weil er nicht in Uniform war. Wenn es eine Ausrede ist, kann ja das Kriegsgericht in seinem Urtheil diesem Rechnung tragen. Auch der Truppenofficier geht in seinen dienstfreien Stunden in Civilkleidung. Es ist nur zu oft geschehen, dass Soldaten Officiere in Civilkleidung beleidigten. Da es leicht nachzuweisen war, dass der Uebelthäter diesen Officier als Officier gekannt hat, so wurde diese Ausrede nicht weiter berücksichtigt.

In der Regel wird dasselbe bei dem Militärarzte der Fall sein. Der Delinquent ist in den meisten Fällen in Behandlung dieses Militärarztes gewesen und kennt ihn. Die mala fides ist also bewiesen, und das Kriegsgericht ist in seinem Urtheile nicht eingeschränkt. In den Tropen ist es warm, und man transpirirt sehr stark; der Uniformrock ist also geradezu hinderlich. Ich sah oft junge Militärärzte, welche aus leicht begreiflicher Ursache gern die Uniform tragen, im Eifer ihres Dienstes den Uniformrock ausziehen, wenn er sie in einem gegebenen Augenblicke hinderte, und man sah dann ein vom Schweisse durchtränktes Hemd, welcher Anblick gewiss ebenso unästhetisch als unangenehm war. Die Bewegung in der Civilkleidung, und besonders im Jaquet, ist freier und auch bequemer, weil der Arzt in einem solchen genug Taschen hat, um die unentbehrlichen Instrumente, als: Stethoskop, Hammer und Pravazische Spritze und auch seine Cigarrentasche, Sacktuch und event. das Receptbuch, stets bei der Hand zu haben. Es war also bis vor wenigen Jahren Usus, dass die Militarärzte in weisser Hose und schwarzem Jacket ihren Dienst verrichteten. Mit den Fortschritten der Bacteriologie begann vor ungefähr drei Jahren ein Sturm gegen den Gebrauch des schwarzen Rockes, als den Träger aller pathogenen Bacterien und als den Vermittler aller ansteckenden Krankheiten. Ob dies, in dieser Allgemeinheit ausgesprochen, richtig sei oder nicht, will ich dahin gestellt sein lassen; aber Thatsache ist, dass in allen Operationszimmern und in allen Abtheilungen für ansteckende Krankheiten Kittel zur Verfügung des Arztes stehen, so dass eine solche Gefahr nicht zu bestehen braucht. Im Jahre 1894 wurde eine neue Uniform in der Armee eingeführt, und den Officieren für die »kleinen Dienste« weisser Uniformrock, Hose und Helmhut gegeben; den Militärärzten wurde durch sanften Druck anheim gestellt, von der gesetzlichen Begünstigung, den Spitaldienst in Civilkleidern versehen zu können, keinen Gebrauch zu machen, weil mit der Einführung der weissen Uniform jede Ursache dazu genommen sei, ja noch mehr, die weissen Kleider seien für den Militärarzt geradezu die angezeigte und einzige praktische Kleidung, weil sie gewaschen werden könne. Dies ist gewiss unrichtig und falsch; denn zahlreich sind die Gefahren, welche den weissen Röcken eines Arztes drohen. Beim Ausspritzen der Ohren, beim Touchiren der Kehle, beim Reinigen eines Auges u. s. w. kommen Flecken von Lapis, Jodtinctur u. s. w. in den Rock. Der Krankenkittel oder die grosse Schürze sollen ihn vor diesen Schädigungen seines Rockes schützen, und dennoch — hatte ich z. B. keine einzige weisse Hose, welche nicht schon nach wenigen Wochen von Jodtinctur, Tinte u. s. w. gezeichnet war. Dieselbe Gefahr droht dem Rock. Reinlichkeit und tadellose Kleider sind aber unvermeidlich mit der Idee Uniform verbunden, und wenn ich auch manchen Officier kannte, der nach drei Tagen ebenso nette und sauber weisse Hosen hatte, als ich nach drei Stunden, so sah ich selten einen Arzt ohne Flecken auf seiner weissen Hose. Nebstdem geschieht es häufig, dass die Menschen unter den weissen Kleidern kein Flanellleibchen und keine Unterhosen tragen. Geradezu widerlich ist der Anblick eines solchen Rockes, welcher durch den Schweiss gezeichnet ist, und geradezu gefährlich kann eine solche Kleidung werden, wenn ein kalter Wind die durchnässten Kleider auf dem Körper zum raschen Verdunsten bringt.


Das gesellschaftliche Leben in Tjilatjap beschränkte sich auf den Verkehr mit einigen Beamten, dem Platz-Commandanten und einigen Handelsleuten. Zu den ersteren gehörten der Assistent-Resident und der Chef-Ingenieur der Eisenbahn.

Der Assistent-Resident C... war ein Halbeuropäer. Da er seinen Beruf mit voller Gewissenhaftigkeit erfüllte und oft Anlass nahm, mit mir darüber zu sprechen, bekam ich einen Einblick in den Wirkungskreis der Verwaltungsbeamten. Ich finde die Stellung eines solchen geradezu ideal; er ist ein Patriarch stricte dictu. Patriarchalisch ist ja überhaupt die indische Regierung, und der Resident der Provinz Banjumas ist gewissermaassen der Oberpatriarch über die 1,213,792[134] Einwohner, welche diese Provinz zählt; wenn ich mir jedoch eine Vergleichung mit der militärischen Organisation erlauben darf, so ist der Resident der Bataillons-Commandant und der Assistent-Resident der Commandant der Compagnie. Dieser letztere ist also mehr im Contact mit dem kleinen Mann; er lernt die Leiden und Freuden seiner Unterthanen aus erster Quelle kennen, und das Wohl und Wehe der ganzen Bevölkerung findet in ihm einen Beschützer, wenn er seine Stellung richtig erfasst. Nominell steht der kleine Mann unter der Herrschaft des eingeborenen Fürsten, welcher Beamter der holländischen Regierung ist. Dieses weiss er und fühlt es täglich. Es ist ihm aber auch bekannt, dass jener »der jüngere Bruder ist«, dem der europäische Beamte als älterer und erfahrener Bruder in allen Verwaltungs-Angelegenheiten rathend zur Seite stehen muss. Der Tact, mit welchem der Assistent-Resident dieses Princip in Anwendung bringt, ermöglicht ihm, ein Wohlthäter seines Bezirkes zu sein, denn in jedem der eingeborenen Fürsten sitzt noch immer der alte Tyrann, der den »kleinen Mann« als recht- und schutzloses Wesen betrachtet. Trotzdem sieht dieser in dem Regenten den angestammten rechtmässigen Herrscher, dessen Antlitz er nicht einmal würdig ist zu sehen, und nur sehr selten wird er es wagen, sich über ihn zu beklagen. Dieses Gefühl der Anhänglichkeit an den angestammten Herrn wird natürlich genährt von den Fürsten, trotzdem sie Beamte mit sehr hohem Gehalt sind, und von der Geistlichkeit. Diese sehen sich als Verkünder des reinen Gottesglaubens im Gegensatz zu den Kafirs, und sind also per se die Bundesgenossen der Häuptlinge. Von der Autorität der eingeborenen Fürsten gegenüber dem Gros der Bevölkerung zieht Holland den grössten Nutzen; es ist dadurch im Stande, mit einer Armee von ungefähr 15,000 europäischen Soldaten nicht nur die 25,000,000 Seelen Javas, sondern auch den ganzen indischen Archipel zu beherrschen. Dies ist der punctum saliens der indischen Regierungsweisheit, die Autorität der Fürsten nicht zu untergraben, und andererseits den kleinen Mann gegen die Willkür und Despotismus seiner Häuptlinge zu beschützen; dazu gehört Tact und zwar sehr viel Tact von Seiten des Assistent-Residenten. Dass im Ganzen und Grossen die Mehrzahl dieser Beamten diese Routine besitzt, und dass das Regierungsprincip ein richtiges sei, dafür spricht der Erfolg. Indien ist in diesem Jahrhundert ein blühender Staat geworden, und die Sicherheit der Person ist — grösser als in Europa.

Fig. 16. Eine Hängebrücke aus Bambus bei Bandjar im Serajo-Thal (Bezirk Bandjarnegara).

Wie viel jedoch ohne Wissen und Willen der Regierung gegen das Regierungsprincip der europäischen Beamten gesündigt wird, lässt sich schwer beurtheilen; viel ist es nicht, weil vom »Beamten zur Verfügung« bis zum Residenten Jeder seine Spione hat; aber es kommt manchmal vor, dass die Politik des Strausses die Richtschnur eines Beamten ist, weil er sich dadurch viel Arbeit und »Susah«[135] erspart. Wenn z. B. der Resident in einen Bezirk zum Besuche kommt und einige Tage bei dem Regenten wohnt, der ungefähr 12,000 Gulden jährlichen Gehalt hat, so wird dieser Häuptling die Hühner für seinen Gast von dem kleinen Mann ohne Bezahlung verlangen, weil doch auch dieser »hoch erfreut über die Ehre des hohen Besuches sein müsse«, und wenn der Gemüsegarten des »Wedono«[136] vom Unkraut gereinigt werden muss, so müssen die Bewohner der umliegenden Dörfer dieses thun, weil sonst der Assistent über die Unreinlichkeit des Dorfes unzufrieden wäre. Wenn der Regent eine Scheuer für seinen reifen Reis bauen will, die vielleicht 10 fl. kosten würde, könne er unmöglich das Anerbieten (?) der Dorfbewohner zurückweisen, welche ihm damit eine Aufmerksamkeit oder Ueberraschung bereiten wollen, und wenn hundert Kulis seinen Acker bepflügen wollen, weil sie gerade an diesem Tage keine andere Arbeit hätten, warum sollte er es nicht annehmen statt sie müssig herumgehen und vielleicht Diebstahl oder Mord verüben zu lassen!? (Solche Herrschergelüste haben in früheren Jahren auch die europäischen Beamten gehabt; die Journalistik deckte jedoch diese Uebelstände schonungslos auf, und sie verschwanden nach und nach.) Wo solche Erpressungen stattfinden, kennt sie in den meisten Fällen der Controlor oder der Assistent-Resident; aber sie wollen sie oft nicht sehen, weil sie nicht immer — der Stütze der Regierung resp. des Residenten sicher sind. Wenn nämlich die Regierung nicht freie Verfügung über eine genügende Truppenmacht hat und fürchten muss, ein energisches Auftreten nicht mit einer oder zwei Compagnien Soldaten unterstützen zu können, dann will sie von kleinen Missbräuchen der Amtsgewalt von Seiten eines einheimischen Fürsten nichts wissen, und wenn der Assistent-Resident einen solchen Wink nicht verstehen will, so wird er einfach transferirt, und der schuldige Regent bekommt einen fürchterlichen Verweis. Die Transferirung des Beamten jedoch ist für den Nachfolger des Assistent-Residenten ein deutlicher Befehl, durch die Finger zu sehen, und für den Regenten der deutlichste Beweis, in seinem Thun und Lassen von den ewigen Rathschlägen seines »älteren Bruders« sich nicht beirren zu lassen. Zu groben despotischen Ausschreitungen der Fürsten kommt es gegenwärtig auf Java nicht mehr, und bei kleinen Tyrannengelüsten schliesst die indische Regierung so lange die Augen, bis sie die Macht hat, energisch gegen sie auftreten zu können. Leider ist sie diesbezüglich vom Abgeordnetenhaus in Holland abhängig, und bevor der Schuster und Schneider in dieser »Kammer« das nöthige Geld zur Errichtung einiger neuen Bataillone Soldaten bewilligt, muss die Noth sehr hoch gestiegen sein. Wenn auch nämlich der General-Gouverneur (mit einem jährlichen Gehalt von 120,000 fl. und neuer Einrichtung des Palastes in Buitenzorg) als Vertreter des Königs von Holland gegenüber den eingeborenen Fürsten das Recht über Krieg und Frieden hat und zugleich Oberbefehlshaber der Armee und der Marine ist, so untersteht er doch der Oberaufsicht des Ministers der Colonien, und dieser ist wiederum der Majorität des Abgeordnetenhauses für dessen ganzes Thun und Lassen in den Colonien verantwortlich; dieses Verhältniss veranlasste also die in Indien landläufige Phrase: Ueber das Schicksal von Millionen Javanen entscheidet der Greisler (Kruidenier) in Holland.


Der erwähnte Oberingenieur, welcher den Bau der Eisenbahn zwischen Tjilatjap und Bandong leitete, ist seit dieser Zeit gestorben; er war ein tüchtiger Ingenieur, ein Ehrenmann und hat mich zu grossem Danke verpflichtet. Er hat mir nämlich in liebenswürdiger Weise staatliche Anerkennung, und zwar in klingender Münze verschafft. Die Einkünfte eines Regimentsarztes sind in Indien nicht schlecht; aber ich hatte durch die Erkrankung meiner Frau ausserordentliche Ausgaben, und somit waren ausserordentliche Einnahmen mehr als erwünscht. Der Normal-Monatsgehalt eines Regimentsarztes ist nämlich 400 fl.; nach 8jähriger ununterbrochener Dienstzeit bekommt er die erste Zulage von 25 fl. monatlich, nach 12jähriger Dienstzeit weitere 50 fl. und nach 4 Jahren wieder 25 fl. Erhöhung; nebstdem bezieht er als Zulagen monatlich: 30 fl. für Pferdefourage, 50 fl. für civile Dienste und freie Wohnung oder 60 bis 100 fl. Quartiergeld, je nachdem er sich in einer grösseren oder kleineren Garnison befindet. Für einen ledigen Regimentsarzt, der standesgemäss leben will, ist dieser Gehalt mehr als hinreichend; denn er kann gewiss jeden Monat wenigstens 100 bis 200 fl. ersparen. Ein verheirateter Regimentsarzt kann, wenn er auch zwei bis drei Kinder hat, ohne Sorgen davon leben, und selbst bei einer grösseren Zahl von Kindern braucht er keine Schulden zu machen, wenn er einen bescheidenen Haushalt führt, d. h. keine Equipage hält, wenig Conserven gebraucht, keine feinen Weine trinkt und eventuell die Kleider seiner Frau aus Europa kommen lässt. Wohnt er in einem Orte, wo kein zweiter Arzt ist, dann wird allerdings in den meisten Fällen eine Equipage nöthig sein. Die Unkosten einer solchen sind jedoch nicht hoch, vielleicht 20 bis 30 fl. pro Monat, und werden natürlich durch die Privatpraxis reichlich aufgewogen.

Auch ich hatte eine kleine Privatpraxis in Tjilatjap, obwohl mein Vorgänger sich dieser Gunst des Schicksals nicht erfreuen konnte. Ich schreibe dies der Thatsache zu, dass ich die Bestimmungen der Armenpraxis nicht engherzig auffasste. Wie schon früher erwähnt, haben die Armen und die europäischen Beamten mit einem Gehalte unter 150 fl. pro Monat Recht auf freie ärztliche Behandlung und Medicamente. Nach einer Rücksprache mit dem Assistent-Residenten war es mir ganz überlassen, diese gesetzlichen Bestimmungen so weit als möglich auszudehnen, und thatsächlich fand diesbezüglich niemals eine Controle statt. Am Ende eines jeden Monats reichte ich die Rechnung für Medicamente ein, welche für das Frauenhospital und »die arme Bevölkerung« abgeliefert wurde, und diese ging zur »Regulirung« den dienstlichen Weg vom Kriegs-Departement zu dem des Innern. Für die Praxis aurea galten ähnliche Bestimmungen. Ich musste am Ende eines jeden Monats eine Liste der Arzneien und etwaiger Instrumente anfertigen, welche ich an Privatpersonen verabfolgt hatte, und der Betrag dafür, nach dem officiellen Preis-Courant berechnet, wurde um 20% erhöht von dem Zahlmeister der Garnison bei dem nächsten Monatsgehalt eingesetzt. Im Grossen und Ganzen ist dies ein Vorgang, der einerseits an die Rechtlichkeit des Arztes appellirt, andererseits die Nonchalance desselben unberücksichtigt lässt. Häufig geschieht es, dass der Arzt am Ende des Monats pour acquit de conscience aus dem Gedächtnisse zwei Listen anfertigt, wie es ihm eben einfällt; zu einer regelmässigen Buchführung hat er weder die Zeit noch die Musse, und vielleicht auch nicht die Geschicklichkeit; je kleiner die Liste ist, die er anlegt, desto besser; denn die Verrechnung von 10 Gramm Soda z. B., von dem das Kilo 17 Cts. kostet, oder von 0·15 Gramm Morphium ist eine langweilige Arbeit. Nebstdem werden diese Rechnungen in Batavia controlirt, und wenn nur ½ Ct. unrichtig ist, kommt die Rechnung zurück, und bei Wiederholung derselben schwebt das Damoklesschwert der »oberflächlichen und nachlässigen Administration« über dem Haupte des Schuldigen. Ich kann nur auf diese ungesunden Verhältnisse hinweisen, ohne etwas Besseres dafür mittheilen zu können; vielleicht ist Jemand anders diesbezüglich glücklicher.

Aber auch auf die Behandlung der Patienten wandte ich das Reglement der Armenpraxis im weitesten Sinne an.

Alle Arbeiter, Tagschreiber und Aufseher der Eisenbahnwerke behandelte ich gratis, obschon sie keine Armen und keine Beamten waren. Sie waren keine »Armen«, weil sie durch einen Erwerb die Bedürfnisse des Lebens deckten, und sie waren keine Beamten, weil sie nur per Tag angenommen und auch jeden Tag entlassen werden konnten. Dies war das Hauptmotiv für mich, diese ephemeren Existenzen gratis zu behandeln. Der Oberingenieur C. scheint jedoch anders darüber gedacht zu haben, denn im Juli bekam ich unerwartet den Erlass der Regierung, dass mir für die Behandlung des Personals, welches beim Bau der Eisenbahnlinie Tjilatjap-Bandong beschäftigt war, eine monatliche Zulage von 100 fl. gegeben werde, und einen Monat später kam ein zweiter Erlass, dass diese Zulage begonnen habe von dem Tage meiner Ankunft in Tjilatjap!! Diese Freigebigkeit ist geradezu auffallend gewesen, weil die indische Regierung gegenüber ihren Beamten und Officieren schon seit ungefähr zehn Jahren die Sparsamkeit in recht unangenehmer Weise anwendet, so z. B. giebt sie dem neueintretenden Apotheker keine Zulage für Pferdefourage, die Zahl der Beamten wird verkleinert u. s. w.


Niemand wandelt ungestraft unter den Palmen, und Jedermann bekommt in Tjilatjap sein Fieber. In früheren Zeiten war dieser Ort selbst ein bevorzugter Verbannungsplatz der Fürsten von Solo und Djocja. Missliebige Fürsten wurden von diesen beiden Potentaten am liebsten nach Tjilatjap in Verbannung gesendet, weil sie ohne Dolch und ohne Gift am schnellsten und am sichersten für ewige Zeiten von dort verschwanden. Heute ist es damit nicht so arg bestellt. Der Regent z. B. war ein kräftiger, junger Mann, der während meines einjährigen Aufenthaltes mich nur einmal consultirte und nur dreimal Antipyrin gegen seine Fieberanfälle holen liess.

Ich selbst glaubte von jeher immun gegen Malaria zu sein, nachdem ich 1877 eine schwere Krankheit durchgemacht hatte, welche mir zwei Tage lang das Bewusstsein geraubt hatte. Nach dieser Zeit habe ich beinahe jedes Jahr nur einmal einen Fieberanfall von 38 bis 40° mit Schüttelfrost gehabt, der ohne Medicamente verschwand und nicht wieder zurückkam. Was jedesmal dieser isolirte Fieberanfall bedeutete, weiss ich heute ebenso wenig als damals. Ich hielt mich also gegen das Gift der Malaria gefeit und lebte unbesorgt in Tjilatjap.

Ich hatte schon die Durchschnittsdauer aller früheren Collegen überschritten und war schon sieben Monate in Tjilatjap, ohne einen Fieberanfall bekommen zu haben; ich war gewöhnt, wie ich soeben erwähnt habe, jedes Jahr einmal, und gewöhnlich unter dem Schiffsbade, einen Schüttelfrost zu bekommen mit einer Achsel-Temperatur von ungefähr 39° C.; auch diese ephemeren Erscheinungen hatten sich noch nicht eingestellt; ich fühlte mich jedoch nicht wohl; ich verlor den Appetit, vertrug aber das Essen ganz gut; ich wurde leicht müde, ich musste wiederholt und selbst in Gesellschaft gähnen, oft überfiel mich ein Frösteln, ohne dass die Körpertemperatur 37° C. überstieg; die Cigarre schmeckte mir wie immer, aber gegen 11 Uhr bekam ich Brechreiz, welcher ausserordentlich schmerzhaft war. Der Magen war nämlich leer, seine peristaltischen Bewegungen konnten also keinen Inhalt zu Tage bringen; ich hatte dabei das Gefühl, als ob ein Dutzend Rasirmesser durch die Magenwände schnitten. Mir fehlte für diese Erscheinungen das richtige Verständniss; wenn ich auch an eine chronische Malariavergiftung dachte, so schloss ich sie dennoch aus, weil ich sie für unmöglich hielt, ohne dass eine acute Attaque vorausgegangen wäre. Ich schrieb also alles dem »Klima« zu. Aber nur zu bald sollte ich erfahren, dass es eben auch eine primäre »chronische Malaria« gebe, und dass ich ein Opfer derselben sei.

Eines Tages erhielt ich von dem Assistent-Residenten die officielle Einladung, mit ihm das Gefängniss zu inspiciren, um etwaige hygienische Mängel zu constatiren, und zwar sollte dies um 8 Uhr früh stattfinden. Ich hatte meine erste Wohnung im Osten des Flüsschens Osso verlassen, weil sie sich in einem öden, verlassenen Viertel befand, und ein Haus an der grossen, schönen Strasse bezogen, welches die Wohnung des Regenten mit dem Hause des Officiersclubs verband. Der Assistent-Resident kam, um mich mit seiner Equipage abzuholen, und nach Ablauf der Inspection ersuchte ich ihn, en passant bei und mit mir das Frühstück einzunehmen. Bei dieser Gelegenheit stellte sich ganz unvermittelt und so unerwartet Erbrechen ein, dass die Eruption längs der rechten Seite meines Gastes ihren Weg nahm und ihn beschmutzte. Hierauf hatte ich 40° C. Körpertemperatur und zum ersten Male das ausgesprochene Bild eines acuten Malariafiebers.

Jetzt freilich hatte ich den Beweis, dass es eine primäre chronische Malaria gäbe.

Meine Frau hat jedoch viel später als ich das Entrée de campagne bezahlt; während ich Ende des Jahres 1877, also nach einem Aufenthalte von 13 Monaten, in den Tropen die erste nicht unbedeutende Erkrankung mitgemacht hatte, blieb meine Frau vier Jahre lang vollkommen gesund; ja noch mehr; während sie vor ihrer Abreise von Holland 55 Kilo wog, kam sie nach halbjähriger Anwesenheit auf das stattliche Gewicht von 73 Kilo und behielt seitdem immer circa 70 Kilo; bis auf eine kleine Attaque von Masern blieb sie auch vollkommen gesund. Ich schrieb diese rasche und grosse Gewichtszunahme dem bequemen Leben in Indien zu. In Holland bewohnt jede Familie ein ganzes Haus mit zwei, oft drei Stockwerken. Indien hat bis auf nur wenige Ausnahmen nur Wohnhäuser ohne Stockwerke. Da nebstdem in Holland, besonders in grossen Städten, der Baugrund theuer ist, so werden die Häuser hoch, und zwar auf kleiner Basis gebaut. Die Wohnräume vertheilen sich also auf zwei oder drei Stockwerke, und die Hausfrau muss gewiss zehn bis zwanzig Mal des Tages die Treppen auf- und absteigen. Dabei sind diese Stiegen oft unglaublich steil. Das Treppensteigen erfordert aber noch mehr Anstrengung der Muskulatur und des Herzens als das Bergsteigen, es ist also eine bedeutende Arbeit, welche auf Kosten des Gesammtorganismus geleistet werden muss. Diese Consumption des Körperfettes kennen die Frauen in Indien nicht, und darum ist es verständlich, wie Prof. Geer nachwies, dass die mittlere Lebensdauer der holländischen Damen in Indien grösser als in Holland ist. Ich möchte aber bezweifeln, ob diese Sparung der Kräfte vor allem die Ursache ist, dass die Frauen seltener an Fieber erkranken als die Männer. Diese Thatsache ist zwar nicht allgemein anerkannt; aber wenn ich mein Kranken-Journal zu Rathe ziehe, muss meine Erfahrung dieselbe Thatsache constatiren; nebstdem ist a priori das Gegentheil nur schwer zu verstehen und zu erklären. In allen Ständen der Gesellschaft setzt sich ja der Mann den Schädlichkeiten des Tropenklimas mehr und viel häufiger aus als die Frau, und ob wir nun nach Prof. Koch die Mosquitos beschuldigen, die Träger des Malariagiftes zu sein, oder ob wir das Trinkwasser, und besonders die eingeathmete Luft die Malariaplasmodien in unseren Körper einführen lassen, immer ist der Mann durch seine Beschäftigung und durch seine Lebensweise mehr als die Frau den Gefahren der Infection exponirt.

Auch meine Frau blieb, wie oben angedeutet wurde, vom Fieber nicht verschont. Sie hatte aber keinen Frostanfall im Anfange der Krankheit, wie es beim schulgerechten Fall geschieht, sondern wurde kurzathmig, bekam Hustenreiz und wurde müde; sie fühlte sich wie geschlagen, wurde blass im Gesicht, bekam Kopfschmerzen, der Puls erreichte die Zahl 120, die Respiration stieg auf 30 bis 40, die Temperatur auf 39°, und manchmal stellte sich Diarrhöe ein. [Auch Dr. van der Burg[137] theilt mit, dass in Holländisch-Indien der Fieberanfall sehr oft ohne Kältestadium verlaufe.] Wenn der Puls kräftig war, gab ich in diesem Stadium 1 Gramm Antipyrin, und war er minder voll, liess ich das Antipyrin mit einem Gläschen Cognac oder Portwein nehmen. Nach wenigen Stunden war die Temperatur auf 37·8 oder 38° gesunken, und es trat ein gewisses Wohlbefinden ein, welches die Patientin veranlasste, das Bett zu verlassen. Dies dauerte einige Tage hindurch, und manchmal trat mit dem Sinken der Temperatur eine starke Transpiration ein. Erst als nach dem Fieberanfalle die Körpertemperatur auf 36·6° gefallen war, wusste ich aus Erfahrung bei vielen hundert anderen Patienten, dass der Anfall des Malariafiebers sein Ende erreicht hatte. Vier Monate dauerte das fieberfreie Intervall meiner Frau. Anfangs December kam der Resident mit seiner Frau von Banjumas, um persönlich mit den europäischen Familien Tjilatjaps Bekanntschaft zu machen. Es folgten natürlich Feste auf Feste zu Ehren der hohen Gäste; besonders interessant war der Ausflug nach den Tropfsteinhöhlen der Insel Kambangan und nach den Pfahlbauten in der Kindersee. Am 6. December war ein Ball im Casino, an dem auch meine Frau theilnahm. Aber schon nach dem ersten Tanze bekam sie einen so heftigen Frostanfall, dass wir den Ballsaal verlassen mussten. Im Uebrigen war der Zustand meiner Frau derselbe als vor vier Monaten, und zwar die am häufigsten vorkommende Form von Malaria. Nur wurde diesmal die Dauer bedeutend abgekürzt; die Frau des Residenten O. hatte beim Abschied aus dem Ballsaale ihre Gastfreundschaft angeboten, für den Fall, als meine Frau Tjilatjap sollte verlassen müssen. Diese Dame kannte uns erst wenige Tage, und dennoch folgte sie der Regung ihres guten Herzens, welche ihre Rasse charakterisirt, meiner Frau für unbestimmt lange Zeit Gastfreundschaft anzubieten, »weil ihr Haus im Gebirge lag und gewiss eine sehr geeignete Stätte war, einen Malariapatienten von dem Fieber zu befreien«.

Fig. 17. Der Tempel bei Prambánan.

Frau Resident O. war nämlich eine Halbeuropäerin, welche, wie allgemein behauptet wird, die Tugenden und Fehler der beiden Rassen, der Europäer und der Malayen, in sich vereinigen. Gewisse Europäer, welche in der Beschränktheit ihrer Erfahrungen sich gerne auf die Präponderanz ihrer Rasse stützen, um mit Geringschätzung von den indischen Nonnas und Sinjus zu sprechen, könnten und müssten noch vieles[138] von jenen Halbeuropäern lernen, welche ich z. B. in Tjilatjap kennen gelernt habe, um ihnen an Herzensgüte gleich zu kommen.

Nachdem das Fieber meiner Frau zwei Tage angehalten hatte, entschloss ich mich, von der angebotenen Gastfreundschaft der Frau O. Gebrauch zu machen und brachte die Patientin nach Banjumas. Zu diesem Zwecke ersuchte ich den Stationschef zu Maos, einen Wagen nach Banjumas für mich zu miethen, welchen der Hotelier L. zu diesem Zwecke in dieser Station bereit hielt; es war ein alter Landauer, welcher mit vier javanischen Pferden bespannt war. Das Geschirr war alt und schmutzig, aber mit Windesschnelle flogen die kleinen Pferde über den Weg, ob es bergab oder bergauf ging. Mit bewunderungswürdiger Sicherheit leitete der Kutscher die Pferde. Als wir uns bei Glambong dem Serajothal ([Fig. 16]) näherten, lag zu unserer Linken ein hundert Meter tiefer Abgrund, der Weg krümmte sich beinahe zu einem Winkel von 90°, mit unerschütterlicher Ruhe trieb der javanische Kutscher die Pferde über den Bergrücken, während wir uns krampfhaft an die Wände des Wagens fest hielten, weil wir fürchteten, aus dem Wagen in die Tiefe des Abhanges geschleudert zu werden. Endlich erreichten wir die Hauptstadt der Provinz, welche sich über eine ungeheure Fläche ausbreitet. Oft sind tausend Meter zwischen zwei Häusern, so dass Jeder eine Equipage halten muss, um nur mit seinem Nachbar verkehren zu können. Die einzige Sehenswürdigkeit ist das Haus des Residenten, obwohl es sich in seiner Bauart gar nicht von allen übrigen Häusern unterschied; es war im alt-griechischen Stile gebaut mit vorderer und hinterer Säulenhalle. Zu seiner Rechten befand sich der Pavillon für die Gäste, welcher auch meiner Frau angewiesen wurde. Es waren fünf Gastzimmer, von denen eins meine Frau bezog. Die Babu schlief vor dem Bette auf dem Boden, und vor dem Pavillon stand die ganze Nacht die Polizeiwache.

Bewunderungswürdig war der feine Tact, mit welchem Frau O. ihre Rechte und Pflichten als Gastgeberin gegenüber ihren Gästen erfüllte; unter dem Vorwande, im Allgemeinen meine diätetische Behandlung der Malariakranken hören zu wollen, suchte sie alle Gewohnheiten und Lieblingsspeisen meiner Frau zu erfahren, und, was noch mehr Tact verrieth, sie beschäftigte sich mit meiner Frau nach meiner Abreise gerade so viel, dass diese sich weder langweilte, noch durch das »zu viel« belästigt fühlte.

Die Flucht aus dem Malariaherde und der Aufenthalt in Banjumas ermöglichten eine schnelle Heilung meiner Frau. Schon nach zehn Tagen konnte sie ihre Gastgeberin verlassen und hatte bis zu dem heutigen Tage keine Attaque von dem Malariafieber mehr, weil sie, wie ich behaupte, seit dieser Zeit immer gekochtes Wasser getrunken hat oder weil sie, wie Prof. Koch behauptete, immun geworden war, trotzdem sie noch Jahre lang in Städten wohnte, in welchen die Mosquitos geradezu Orgien feierten. Auf mich setzten sich diese Thierchen nur so selten, dass ich glaubte, gegen Mosquitostiche immun zu sein; überall, wo ich es thun konnte, schlief ich mit offenem Mosquitonetze und — bekam einen zweiten Anfall von acuter Malaria, so dass ich endlich um ärztliche Hülfe resp. um Ablösung von Tjilatjap ersuchen musste. Am 19. Januar 1891 kam Dr. X. mich untersuchen, und am 20. Januar sass ich um 6 Uhr Morgens in der Eisenbahn, um in Djocja von dem Fieber befreit zu werden. Ich hatte kaum die zweite Station Kroja erreicht, als ich die Wohlthat der Flucht aus einem Fieberherde kennen lernte und fühlte. Ein herrliches Wohlbefinden bemächtigte sich meiner, obzwar die Gegend zwischen Maos und Kroja noch nicht sumpffrei ist, und das Fieber verliess mich wie mit einem Zauberschlage.

Dr. X., welcher nach Tjilatjap kam, hat mir, ohne es zu wissen und auch nur zu ahnen, einige bittere Stunden der Angst und Furcht bereitet. Im Jahre 1888 verliess ich nämlich Sumatra mit dem geheimen Auftrage, auf meiner Reise in A. zu landen, wo Dr. X. in Garnison lag. Obschon es feste Regel war, dass aus dieser Garnison die Officiere nach drei Monaten abgelöst wurden, weil sie noch ärger als Tjilatjap von der Malaria heimgesucht war, so hatte Dr. X. schon nach vierzehntägigem Aufenthalt um Transferirung ersucht mit der Mittheilung, dass er von der Malaria bereits seit acht Tagen inficirt sei. Ich sollte also Dr. X. untersuchen und je nach dem Befunde ihn evacuiren und einen anderen jungen Oberarzt, welcher mir mitgegeben wurde, den Dienst übernehmen oder im anderen Falle den zweiten Oberarzt mit dem nächsten Schiffe nach der Hauptstadt zurückkehren lassen. Dr. X. klagte mir sein Leid, dass er jeden Tag das Fieber bekomme und zwar in den Morgenstunden. Ich nahm die Temperatur auf und fand 37·2°; ich untersuchte seine Milz und Leber, sie waren nicht vergrössert; ich sah mich also zur Erklärung gezwungen, dass keine dringende Ursache vorhanden sei, ihn sofort zu evacuiren, und befahl also dem mitgekommenen Oberarzt B., mit dem nächsten Schiffe nach K. zurückzukehren. 2½ Jahre später kam nun derselbe Dr. X. nach Tjilatjap mit demselben Auftrag, d. h. mir ärztliche Hülfe zu leisten, mich, wenn es nöthig sein sollte, zu evacuiren und den Dienst in diesem verrufenen Orte zu übernehmen, oder aber mich weiter in Tjilatjap verbleiben zu lassen. Zu seiner Ehre sei es jedoch gesagt, dass er sofort meine Evacuation beschloss und den Dienst übernahm; am folgenden Morgen verliess ich diesen stärksten Malariaherd von ganz Java nach einem Aufenthalt von einem Jahre.

In Djocja[139] wiederholten sich weder bei mir noch bei meiner Frau die Fieberanfälle; es besitzt ein herrliches Klima und wird mit Recht von den Aerzten als Luftcurort für Malariapatienten gepriesen; es liegt 113 Meter hoch und ist lange nicht so feucht als z. B. das in der Nähe gelegene Magelang; dadurch transpirirt man besser, die Transpiration verdampft schneller und besser; man ermüdet nicht so leicht; weil nebstdem die Luft-Temperatur niedriger ist, so geht auch die Secretion der Nieren leichter von Statten; gerne und sogar mit Vorliebe machte ich vor der »Rysttafel« um die Mittagsstunde einen Spaziergang, was z. B. in Batavia oder Samarang geradezu undenkbar ist. Ich wohnte nämlich im Hotel Tugu, welches sich in der Nähe des Bahnhofes befindet; von hier aus ging links eine grosse und breite Strasse, nur von Chinesen bewohnt, zu dem Platze, auf welchem sich einerseits das Fort, andererseits das Residenzgebäude und im Hintergrunde der Kraton befanden. Nur zu häufig wird man bei seinem Spaziergange durch die Stadt an die herrschende Regierungsform erinnert. In kleineren Provinzialhauptstädten, wie z. B. Madiun oder Banjumas, sieht man hin und wieder hinter dem Residenten den »Kanarienvogel« mit dem goldenen Pajong (Sonnenschirm) oder hinter dem Regenten einen Pajong tragen, welcher halb weiss und halb grün mit vergoldeten Streifen und Spitze ist; in Djocja jedoch wird der Pajong, der für jeden der hundert Würdenträger seine bestimmten Farben hat, sogar über die Schale Früchte gehalten, welche z. B. der Kronprinz dem Commandanten der Leibgarde zum Geschenke schickt; natürlich ist auch die Grösse des Gefolges bei jeder Gelegenheit nach den strengen Gesetzen der Etiquette berechnet; in diesem Falle begleiteten fünf Mann den Bedienten, welcher die Früchte trug.

Das Sultanat Djocja besitzt nämlich wie das Kaiserthum von Surakarta eine dreifache Regierung, und da sie einander so ziemlich ähnlich sind, wird die Beschreibung einer der beiden hinreichen, um ein Bild beider Staaten geben zu können. Beide haben nur den Schein der Selbständigkeit, auch wenn sie den Eingeborenen gegenüber kein Mittel unbenutzt lassen, ihre ganze Macht und Herrlichkeit zur Schau zu tragen; so z. B. geschah es bei einem öffentlichen Empfange, bei welchem der Kaiser von Solo und der Resident auf gleichen Thronsesseln sassen, dass unter die Füsse des Thronsessels des Kaisers kleine Stückchen Holz geschoben wurden, wodurch dieser höher als der europäische Beamte sass. Beide Reiche haben zusammen nicht mehr als 169 ☐Meilen und doch noch vier Fürsten, d. h. zwei Kaiser mit je einem unabhängigen Prinzen, und führen alle vier einen fürstlichen Hofhalt. Wie wenig sie regierende Fürsten stricte dictu sind, möge Folgendes illustriren: Die Reichsverweser der beiden Staaten werden vom Gouverneur-General ernannt und beziehen von dem holländischen Staat ihren Gehalt. Die Thronfolge wird nur mit Wissen und Zustimmung der holländischen Regierung festgestellt. Die Regierung über die Europäer und »fremden Orientalen«, als Araber, Chinesen u. s. w. geschieht durch den Residenten. Dieser hat die Aufsicht über die Polizei, Rechtspflege, Steuern der ganzen Provinz. Die Wälder und Vogelnester sowie das Opiummonopol gehören dem holländischen Staate. Das Land darf nur unter jenen Bedingungen an Europäer verpachtet werden, welche das Departement des Innern für ganz Indien festgestellt hat. Das Strafrecht ist das für ganz Indien giltige. Die unabhängigen Prinzen sind nebstdem Officiere der indischen Armee à la suite. Der Prinz Mangku Negara Sohir[140] von Solo ist ein Colonel und erhielt früher einen Gehalt von 36,720 Gulden jährlich und 53,000 Gulden Subvention für den Unterhalt seiner Truppen, während Prinz Paku-Alam von Djocja als Lieutenantcolonel im Ganzen nur 51,000 fl. erhielt. — Die Leibgarden beider Kaiser stehen unter einem europäischen Officier und gehören ebenfalls zur indischen Armee. Der Susuhunan von Solo erhält als Entschädigung für den Abstand der oben angedeuteten Hoheitsrechte und Staatseinkünfte eine Apanage von 805,318 fl., und der Sultan von Djocja 471,600 fl. Das sind freilich hohe Summen, welche die holländische Regierung für die Souveränität über diesen kleinen Theil von Java bezahlt. Den holländischen Chauvinisten sind diese zwei Scheinpotentaten mit ihren zwei Gegenfürsten ein Dorn im Auge, weil sie die letzten Antipoden ihrer unbeschränkten Herrschaft über Java sind. Es sei ein Anachronismus, am Ende des 19. Jahrhunderts solche Despoten mit rein mittelalterlicher Regierungsform der europäischen Civilisation entgegentreten zu sehen. Das sind natürlich Phrasen. Ein ungarischer Stuhlrichter erlaubt sich, wenn nicht mehr, so doch gewiss ebenso viel Willkür gegen die Bürger seines Stuhlrichteramts als der Kaiser von Djocja. Es ist ja eine Scheinregierung, und den Forderungen der modernen Rechtspflege, der Sicherheit von Personen und Eigenthum wird durch die europäischen Beamten Rechnung getragen. Es ist eine Geldfrage und nichts anderes. Holland aber hat sich zur Bezahlung dieser Summe verpflichtet, und so lange diese Potentaten ihren Verpflichtungen nachkommen, kann und darf es der Erfüllung seiner Pflichten sich nicht entziehen. Ja noch mehr, der ganze Hofhalt dieser beiden Fürsten, die öffentlichen Staatsfeste (gárebegs), das prunkvolle Auftreten in der Oeffentlichkeit ist einerseits ein unschuldiges Vergnügen dieser kleinen Potentaten, und andererseits erhöht dies die Machtstellung der holländischen Regierung nicht nur den Eingeborenen, sondern auch Holland und vielleicht ganz Europa gegenüber.

Was die politische Seite dieser Frage betrifft, so sind ja die Gegenfürsten in beiden Reichen eine ausgezeichnete Erfindung der holländischen Principien: Divide et impera. Die ganze Vergangenheit, die ganze Geschichte des grossen Reiches Matarams sind ja Bürgschaft genug, dass die letzten Glieder dieses mächtigen Fürstenhauses niemals vereint gegen Holland auftreten werden; ja noch mehr, wenn die Eifersucht der zahlreichen Fürsten untereinander nicht immer und immer ein gemeinsames Auftreten gegen Holland unmöglich gemacht hätte, würde niemals eine europäische Macht dort festen Fuss gefasst haben. Die Deutschen in Afrika, die Franzosen in Tonking, die Engländer in Indien u. s. w. hätten überhaupt keine Colonien gründen können, wenn die Eingeborenen mit vereinten Kräften den Eroberern entgegengetreten wären. Nicht die Macht der europäischen Civilisation und nicht die Ueberlegenheit der europäischen Waffen haben Europas Colonien im fernen Osten gegründet, es war die Uneinigkeit der Eingeborenen und ihrer Fürsten, welche eine Ansiedlung der Eroberer ermöglicht hat.

Wenn also jemals einer der beiden Kaiser die Abhängigkeit von Holland lästig finden sollte, lauert schon sein Gegenfürst auf die Nachfolge in der Herrschaft, welche ihm durch die Hülfe Hollands sicher zu Theil werden würde. Sollte einer dieser sogenannten unabhängigen[141] Fürsten jedoch mit seinem Confrater gemeinsame Sache gegen Holland machen wollen, so würde er unbedingt den Kürzeren ziehen, denn er ist der Stossballen zwischen dem Souverän und seinem Vasallen, und er ist sich dessen bewusst.

Die Stadt Djocja mit 58,267 Einwohnern (worunter 1826 Europäer und 3478 Chinesen sind) hat aber noch aus anderen Ursachen ein eigenthümliches Gepräge. Die Beamten und Officiere spielen dort keine dominirende Rolle, sie sind ja häufigen Transferirungen unterworfen. Tonangebend sind in Djocja die »Landherren«, weil sie, wenn auch nicht in der Stadt selbst ihre Fabriken und Wohnungen haben, doch ihre freie Zeit im Club oder bei Freunden in der Stadt zubringen. Wenn auch die »fetten Jahre« schon vorüber sind, in denen der Zucker mit 16 fl. per Pikol bezahlt wurde, und sie sich begnügen müssen, wenn sie 8 fl. dafür bekommen, so ist z. B. das Spiel um hohe Preise im Club an der Tagesordnung. Ein Pikol Kaffee für »das Capitaal« beim l’hombre war selbst eine lange Zeit ein gewöhnlicher Preis. Nebstdem pflanzen die Europäer Indigo. Diese drei Producte werden nach Europa exportirt. Für den einheimischen Markt werden Reis, Tabak, Mais, Pfeffer und Kapok gepflanzt.[142] An der Südküste befinden sich die Höhlen für die essbaren Nester der Schwalbe (hirundo esculenta) und 8 Kilometer von Pleret entfernt liegt der alte Kirchhof von Imagiri, bewachsen mit Nelken-[143] und Mesuenbäumen, zu dem 360 Stufen emporführen. Ein kleiner Teich, zwei Vorhöfe mit Mauern und mit den Gräbern zahlreicher Fürsten (Pángérans) und zweier Frauen des Sultans Agung, mit grossen Martavanen (Töpfen) mit heiligem Reinigungswasser für die Füsse umgeben das letzte Grab, welches mit Zimmt- und Nelkenbäumen beschattet ist. Hier soll Sultan Agung selbst den ewigen Schlaf ruhen.

Am Seestrand liegt eine schöne Grotte, welche in der ganzen Geschichte des Mataramschen Reiches eine grosse Rolle gespielt hat und noch heute spielt; denn noch vor einigen Jahren flüchtete der Kronprinz von Djocja nach der Grotte der Ratu Lara Kidul — dies ist nämlich ihr Name —, um sich hier mit Fasten und Beten zum Kampfe gegen die Kafirs vorzubereiten. Die Regierung schickte einfach eine Schwadron Cavallerie dahin und störte ihn so sanft als möglich in seinen ascetischen Betrachtungen. Da ich sie selbst nicht gesehen habe, will ich die von Veth gegebenen Beschreibungen folgen lassen, obwohl er niemals auf Java gewesen ist und sie also auch nicht aus Autopsie kennt.

»Die Grotte ist schief, unregelmässig gezackt, 15′ lang, 7′ breit und nirgends mehr als 10′ hoch. Aber von ihrem Gewölbe hängen zahlreiche blau-weisse, aus concentrischen Schichten geformte Stalaktiten in der Form von Eiskegeln, Orgelpfeifen oder kleinen Pyramiden herab. Die Wände der Grotte haben die Form von Säulen, welche durch tiefe Furchen von einander getrennt sind; von ihren Spitzen und Zähnen am Gewölbe tröpfelt immerwährend das Wasser, so dass ein natürliches Tropf- und Regenbad entsteht, welchem sie den Namen Karang trètès = Tropfhöhle verdankt. Das kalkhaltende Wasser sammelt sich in kleinen Bächen und fliesst sanft murmelnd nach aussen. An dem Eingang der Grotte wachsen Farnkräuter und Moose, welche von unten incrustirt sind, so dass sie oben noch wachsen und grün sind, während sie auf der Basis zu einer Steinmasse verkalkt sind.«


Das Dolce far niente der Italiener hat sein Pendant in dem »Klima schiessen« in Indien, in dem »Stündchen der Dämmerung« der Holländer und in dem procul negotiis der Römer. Entrückt allen Sorgen des täglichen Lebens giebt man sich der vollkommenen Ausspannung des Geistes hin, ohne zu denken, ohne zu träumen und nur zu fühlen, und zwar dem Genuss der Kühle der frühen Morgenstunde oder dem sanften Zephyrwehen einer kühlen Abendluft. Dies ist das »Klima schiessen« der Indier. — Besonders in Djocja war es ein herrliches Gefühl, nach dem Abendessen, welches im Hotel um 9 Uhr beendigt war, in der »Vorgalerie« in einem Schaukelstuhle zu sitzen und — nichts zu denken, nicht zu träumen und sich ganz dem Genuss der Tropennacht hinzugeben. Die Temperatur war in der Regel ungefähr 20° C., der Himmel unbedeckt; die Oriongruppe, das südliche Kreuz und die Venus strahlten in schillerndem Lichte, und nur selten wurde die Ruhe durch einen vorbeifahrenden Wagen gestört. Des Morgens ist ein »Klima schiessen« weniger angenehm. Zum richtigen »Klima schiessen« gehört ja die indische Haustoilette, Nachthose, Kabaya (Leibchen) und Pantoffeln, welche den Körper nirgends beengen; dazu ist es aber in Djocja zu kühl; man muss sich Bewegung machen, um die kühle Morgenluft von 17° C. angenehm zu finden, oder man muss sich »kleiden«. In Djocja sind allerdings die Etiquettenregeln hinsichtlich der Toilette nicht strenge; die Stadt ist ja durch und durch »indisch«, d. h. die Mehrzahl der Europäer ist entweder in Indien geboren oder ist von gemischter Rasse. Wenn sich auch die Männer so ziemlich der europäischen Mode anschliessen, so entziehen sich doch die »indischen Damen« so viel als möglich dem Scepter der Mode Europas und bleiben so viel als möglich, d. h. oft Tage, Wochen, wenn nicht Monate lang in der indischen Toilette: Sarong, Kabaya, Kutang[144] und Pantoffeln. Sie huldigen dabei ebenso viel der Eitelkeit als auch der Bequemlichkeit. Man sieht also in Djocja nach 6 Uhr früh die meisten Europäer, nachdem sie ihre Schale warmen Kaffee zu sich genommen haben, in indischer Toilette in den Strassen spazieren gehen und zwischen 7 oder 7½ Uhr nach Hause zum Frühstück eilen; um 8 Uhr beginnt das Business.

Fig. 18. Eine Scene aus einem Wájang orang am Hofe zu Djocja (nach Dr. Gronemann).
(Sultan Agung nähert sich in der Gestalt einer Nymphe der reizenden Endel, welche ihre bedrohte Tugend mit Pfeil und Bogen vertheidigt.)

Für mich waren in Djocja auch die Stunden des Vormittags dem Nichtsthun geweiht; wenn man jedoch Jahre lang an intensive Arbeit gewöhnt war, dann ist der Müssiggang ein bis zwei Tage lang sehr angenehm, den dritten und vierten Tag redet man sich ein, dass das Nichtsthun angenehm sei, aber am Ende der ersten Woche tritt das Schreckgespenst der Langenweile in dem Hintergrunde des täglichen Lebens auf. Den ganzen Tag zu lesen ist ja auch ermüdend, wenn man gesund »am Herzen und der Seele ist«. Bekannte oder Freunde kann man ja auch nicht aufsuchen, weil sie in ihrem Berufe thätig sind; in dem Club erscheinen erst um 11½ bis 12 Uhr die Mitglieder; ich besuchte ihn aber nicht gern, weil ich nicht gewöhnt war, etwas zu trinken, ich langweilte mich also in der ersten Hälfte des Tages. Die zweite Hälfte ging jedoch viel rascher vorbei; um 1 Uhr ging ich zur »Rysttafel« und nach dieser zu Bett; um 4 Uhr stand ich auf, nahm meinen Thee und ein Glas Eiswasser, las die unterdessen angelangten Briefe und medicinischen Zeitungen, ging um 5 Uhr ins Schiffsbad und warf mich danach in europäische Kleidung. Der Zustand meiner vergrösserten Leber und Milz erlaubte zwar nicht grosse Spaziergänge; eine Stunde lang hielt ich es in der Regel aus, und um 7 Uhr konnte ich meine Bekannten aufsuchen, nachdem ich vorher um die Erlaubniss gebeten hatte, »mit meiner Frau meine Aufwartung machen zu können«. Um 8 Uhr ging ich nach Hause, nahm das Abendessen, und punkt 11 Uhr begab ich mich zu Bette.

Schon nach der ersten Woche liessen die Schmerzen in der Leber bedeutend nach, so dass ich mich zu grösseren Ausflügen entschliessen konnte. Die Provinz Djocja ist ja sehr reich an alten Tempeln, besonders in der Nähe der Grenze der Provinz Surakarta, und die bedeutendsten sind die von Prambánan ([Fig. 17]). Eines Tages entschloss ich mich also, mit meiner Frau und einer Ingenieursfamilie dahin zu gehen: um 7 Uhr 10 Min. und 12 Uhr 21 Min. geht die Eisenbahn von Djocja nach Samarang, und um 9 Uhr 43 Min. nach Solo. Beide Züge konnte ich benutzen, weil sie beide in der Station Prambánan anhalten; für die Rückfahrt konnte ich die Züge benutzen, welche von Samarang (via Solo) um 11 Uhr 46 Min. und 3 Uhr 34 Min. oder von Solo allein um 6 Uhr 5 Min. ankommen.

Auf Wunsch unserer Reisegenossen fuhren wir mit dem Zuge um 12 Uhr 21 Min. Leider trugen die Waggons den Anforderungen des Tropenklimas in keiner Weise Rechnung; ja noch mehr; vielfach wird sogar behauptet, dass sie aus zurückgestellten und untauglichen Waggons Hollands bestanden. Die zweite Classe hatte zwar hölzerne Bänke mit Sitzflächen aus Rohr; sie sollten aber auch Fauteuils haben, weil man in Indien noch leichter als in Europa durch eine vielstündige Fahrt ermüdet; für Ventilation ist beinahe gar nicht gesorgt, und noch weniger für Gänge an den Längsseiten. (Für Speisesalonwagen ist bis jetzt noch kein Bedürfniss.)

Glücklicherweise dauerte die Fahrt nicht länger als ungefähr eine Stunde. Die »Halte« Prambánan liegt an der Grenze Surakartas. Dort mussten wir noch beinahe eine Viertelstunde zu Fuss zurückgehen, bis wir nach einer kurzen Krümmung des Weges plötzlich den schönsten Tempel von ganz Java vor uns sahen. Der Buru Budur ist grösser, ist colossaler, ist vielleicht zehn bis zwanzig Mal so gross als dieser; schöner in den Detailarbeiten ist gewiss der von Prambánan. Ich kann leider nur eine Beschreibung des Aeusseren aus Autopsie geben, weil mir damals das Treppensteigen zu viel Schmerzen verursachte und es mir unmöglich war, das Innere zu besichtigen. In der Mitte des Tempels war nämlich eine grosse Oeffnung nach Osten, und dahin führte eine steinerne Treppe ohne Geländer; die einzelnen Treppen waren vielleicht 40 cm hoch, und sofort nach meinem ersten Versuch, hinauf zu kommen, musste ich wegen intensiver Schmerzen in der Leber zurückkehren. Doch ich sah genug, um die Baukunst der alten Hindu bewundern zu können und das Bedauern meiner Frau gegenüber zu äussern, dass ganz Europa von diesen wunderschönen Resten alter Sculpturen beinahe gar keine Ahnung hat.[145] Selbst die holländischen Officiere und Beamten durchziehen gleichgiltig den ganzen Archipel, ohne sich hier, wäre es auch nur für einen Tag, aufzuhalten, und nur wenn sie der Dienst zwingt, in Djocja, Solo oder Magelang einige Monate oder Jahre zu bleiben, dann nehmen sie sich die Mühe, diese Stätte des alten Hindudienstes aufzusuchen! Ich habe (im Jahre 1884) bei Kairo eine Pyramide und eine Sphinx gesehen, und unbefriedigt zog ich weiter, weil das Massive und das Grosse dieser zwei Denkmäler alter Baukunst eben auf mich keinen Eindruck machten. In Prambánan jedoch stand ich entzückt vor einer Schatzkammer der Bildhauerkunst. Der Tempel selbst war vielleicht 20 bis 25 Meter hoch, und seine Länge und Breite schätzte ich auf ungefähr 20 Meter. Die Basis hatte übrigens die Form eines russischen Kreuzes mit der Längsfront nach Osten; im Süden schloss sich ein zweiter noch mehr verfallener Tempel (tjandi J.) an. An dem ersteren konnte man noch die ursprüngliche Form vermuthen; sie war die eines Kegels; der zweite jedoch war eine Ruine, welche wahrscheinlich mehr durch den Vandalismus der Mohamedaner als durch den Zahn der Zeit gelitten hat und heute eine formlose Menge zahlreicher und unzählbarer gemeisselter Steine ist. Ueberall zerstreut und offenbar durch die Sorgfalt der jetzigen Regierung gegen die Tempel angelehnt liegen wunderschöne Reliefs und Hautreliefs; es sind die bekannten Figuren der indischen Bildhauer; aber feiner ausgearbeitet, und jedes einzelne Stück verräth den Meister. Einige Stücke, welche sich rechts von dem Eingange an die Grundmauer frei lehnten, würde ein Thorwaldsen nicht besser geliefert haben, und diese Schatzkammer der indischen Bildhauerkunst ist hier unbewacht und unbeschützt dem Sturm des Wetters und der Zeit ausgesetzt!! Das Innere desselben habe ich ebensowenig gesehen als die »Tausend Tempel«, welche ungefähr 1 Kilometer hinter Prambánan liegen; ich lasse also, — natürlich nur auszugsweise — Veth’s Beschreibung hier folgen:[146]

»Wenn man sich von Djocja nach Solo begiebt, kommt man zunächst an den Tjandi (Tempel) Kalason oder Tj. Kali Bening,[147] welcher einer der schönsten und besten bearbeiteten Tempel von ganz Java und ein wenig rechts vom grossen Wege abseits gelegen ist. Er wurde gebaut in der Form eines griechischen Kreuzes mit hervorspringenden Ecken und hatte vier Räume. Das Ganze ruhte auf einem Fussstück, welches in schönster Abwechselung von glatten Leisten und Bändern mit Blumen und Vasen umzogen war. Darauf erhoben sich die Wände mit wunderschön verzierten Thüren, welche von Fächern mit flachen Nischen flankirt waren. In jeder derselben stand ein beinahe lebensgrosses Bild mit dem Gürtel der Brahmanen um die Lenden, und zwar als Hautrelief. Die Eingänge lagen nach den vier Himmelsrichtungen und hatten über dem oberen Rande eine nackte Frau, welche mit den Füssen eingeschlagen auf dem Boden sass. Man kam auf Treppen dahin, welche jetzt durch Wegnahme der Steine beinahe ganz verschwunden sind. Ein wunderschönes Pilaster und Kronarbeit umfasste die Eingänge, und diese waren wiederum nur ein Theil eines zweiten Pilasters, welches sich bis an die Kronleiste der ganzen Gebäude erhob. Glatte Leisten zogen hier auf zwei colossalen Elephantenköpfen mit hoch erhobenem Rüssel herab, welche sich auf jeder Seite des Einganges befanden. Sie trugen eine Krone, welche aus kleinen Tempeln mit Pilastern und pyramidenförmigen Dächern bestand, und diese waren wieder bis zur Spitze mit Figuren bedeckt, welche in der verschiedensten Weise die Demuth und Ergebenheit anzeigten. Zwischen der Krone und den Leisten über dem Eingange war das gewöhnliche Monster, von den Javanen Banaspati genannt, breit, ohne Unterkiefer, mit frei hängenden Haaren und fürchterlich hervorstehenden Augen. Darüber zog sich um das ganze Gebäude eine massive Kronleiste, welche von einer ganzen Reihe Figuren getragen wurde, welche wiederum die Hände über dem Kopf, die Kniee und den Nacken gebogen hielten.« Ueber den letzten Theil des Daches kann man nichts Bestimmtes mittheilen, weil es abgefallen und mit Wucherpflanzen ausgefüllt war; wie auch [Fig. 17] zeigt, hatte es Pyramidenform, welche die meisten dieser Tempel charakterisirt.

»Drei Nischen sind noch deutlich zu sehen, und man hat darin Buddhabilder entdeckt, welche auf dem Lotusthrone sassen. Der Eingang gegen Osten war am schönsten verziert, und hier war auch der grösste Saal. Vor diesem Zimmer war eine Halle, 3 Meter breit und 5 Meter lang, mit drei Nischen für Figuren und mit einem verschwenderischen Reichthum an Laub und anderen architektonischen Verzierungen. Von hier aus kam man in den Hauptsalon von quadratischer Form, ungefähr 12–13 Schritte breit und lang, und gewiss 20 Meter hoch; eine der Wände ist von einem Piedestal eingenommen, worauf wahrscheinlich der Gott sass, dem der Tempel geweiht war. Von diesem ist jetzt keine Spur mehr zu finden. Die drei anderen viel kleineren Zimmer waren in gleicher Weise eingerichtet, hatten aber keine Vestibule. Auch aus diesen sind die Gottesbilder verschwunden. Die Länge und Breite von dem Gebäude betrug 20 Meter, und die Höhe wird wohl zur Zeit, als das Dach complet war, 23 Meter betragen haben.«

Von den zahlreichen Ruinen, welche in den »Fürstenländern« gefunden wurden, habe ich, wie erwähnt, nur den Tempel von Prambánan gesehen. Leider war es mir nicht gegönnt, auch die »tausend« Tempel zu sehen, und ich muss mich daher begnügen, ihrer mit einigen Worten aus dem Werke Veth’s Erwähnung zu thun. Bei Kalasan findet man grosse Ruinen von dem »Palast von Prambánan«; 1½ Kilometer weiter ist die Tjandi »Loro Djongrang«; ebenso weit ist die Tjandi Séwu und die Tjandi Lumbung. Die »tausend Tempel« = Tjandi Séwu ist eine Gruppe von 254 Tempeln, welche wahrscheinlich sowohl dem Dienst Siwah als des Buddha geweiht waren. Es fällt mir die Wahl schwer, aus den Beschreibungen das Interessanteste mitzutheilen, und ich verlasse dies Thema momentan um so lieber, als ich später Gelegenheit hatte, den Riesentempel Buru Budur und den von Mendut in der Provinz Kedu zu sehen, welche beide ich sowohl vom ästhetischen als vom historischen Standpunkte aus werde beschreiben müssen.

Die alten Hindu müssen ein Volk von Bildhauern gewesen sein. Wenn ich die ungeheure Zahl der Bilder berechnen wollte, welche diese tausend Tempel besitzen, ich käme zu Ziffern, welche kein Land in Europa aufweisen kann; ich muss es auch wiederholen, ich sah in den Ruinen, welche bei dem grossen Tempel zu Prambánan zerstreut längs der Mauer lagen, einzelne Reliefs, welche an Reinheit der Formen beinahe mit denen einer Broncefigur wetteiferten. Eins verstehe ich nicht, die ganze civilisirte Welt schwärmt von den Pyramiden Aegyptens, und niemand spricht von dieser reichen Schatzkammer von Sculptur und Architektur, welche Java in seiner Mitte birgt.


Das Fieber hatte sich seit meinem Aufenthalte in Djocja nicht wieder eingestellt, der Magen begann wieder regelmässig zu functioniren, der Appetit kam zurück, die schnelle und leichte Ermüdung wich, und nur ein zeitweiliger Schmerz in der Leber und hin und wieder in der rechten Schulter erinnerten mich an die überstandene Malaria-Infection. Regimentsarzt X. besuchte mich einige Male in der Woche, und eines Tages entdeckte er — eine Geschwulst im Pylorus![148] Die häufigsten Geschwülste an dieser Stelle sind der Krebs. So niederschmetternd diese Diagnose für mich auch war, so wenig dachte ich an ihre Richtigkeit, ohne es aber wissenschaftlich begründen zu können.

Vielleicht hielt mich das Bewusstsein aufrecht, dass sich bei einem Carcinom des Magens unmöglich das allgemeine Befinden so bessern könnte, wie es bei mir der Fall war. Ich hatte leider diesbezüglich schon einige Erfahrung, solche schweren Diagnosen der Collegen mit gewisser Vorsicht aufzunehmen. Im Jahre 1883 litt ich an einem Blasenkatarrh und liess mich im Militärspital zu Batavia aufnehmen.

Nach vierwöchentlicher Behandlung bekam ich »wegen Morbus Brightii«[149] Urlaub nach Europa. Ich hatte im Jahre 1884 kein Nierenleiden und ich habe es glücklicherweise heute noch nicht. Ich hatte im Jahre 1891 keinen Pyloruskrebs und ich habe ihn heute, nach acht Jahren, glücklicherweise auch noch nicht.

Am häufigsten werden die Officiere, welche an Malaria gelitten hatten, auf ärztliches Zeugniss des Garnisondoctors in ein »kühles oder Berg-Klima« transferirt; für Aerzte gab es in der zweiten »Militär-Abtheilung« hinreichende Garnisonen, welche diesen Bedingungen entsprachen: Salatiga, wo die Cavallerie ihren Stab hatte, Magelang, wo 2 bis 4 Bataillone lagen, Willem I und Djocjakarta, welches für alle Militärärzte geradezu ein Eldorado war. Ein herrliches Klima, Gelegenheit zu einer Privatpraxis von 800–1000 fl. pro Monat, leichter und angenehmer Dienst, eigenthümlich interessanter Verkehr mit den Fürsten der Provinz und mit den Landherren, die günstige Lage an einer Eisenbahn, waren Vorzüge, welche selten vereint in einer Stadt in Indien gefunden werden. Ich war jedoch kein Fieberpatient, ich hatte einen Pyloruskrebs (??); über meine weitere Zukunft musste also die Superarbitrirungs-Commission in Samarang entscheiden. Am 7. Februar ging ich also nach Samarang und liess mich, freiwillig gezwungen, in das Militär-Spital aufnehmen. Es besteht nämlich keine Verpflichtung für einen Officier, sich im Spitale behandeln zu lassen; mit verschiedenen Phrasen zwingt man jedoch jene Officiere dazu, welche man maassregeln will. Bei mir war Folgendes der Fall: In Ngawie war der Schwager des Sanitätschefs in Garnison, welcher »wegen Gesundheitsrücksichten« nach Europa gehen wollte; er erschien mit mir gleichzeitig »vor der Commission«. Er bekam sein diesbezügliches Gesundheitszeugniss und wollte sofort seine Reise antreten, worauf er gerechnet hatte. Ich selbst war zur Disposition, also sollte und musste ich wiederum nach Ngawie; dafür musste jedoch eine Ursache gefunden werden, weil ich Reconvalescent nach Malaria war und als solcher ein »kaltes resp. Berg-Klima hätte erhalten sollen«. Diese Ursache konnte nur gefunden werden, wenn ich im Spitale selbst beobachtet werden konnte. Es wurde mir also nahe gelegt, wie zweckmässig für mich eine Behandlung und Beobachtung im Spitale wäre, weil die Differentialdiagnose zwischen Lebertumor und Magenkrebs auf sichere Basis gestellt werden müsse.

Ich liess meine Frau bei einer bekannten Officiersfamilie Gastfreundschaft geniessen, ging ins Spital, und schon nach drei Tagen war die Diarrhöe constatirt, welche es dringend nöthig machte, dass ich wieder nach Ngawie versetzt wurde. Die Commission constatirte, dass ich keinen Magenkrebs, sondern eine Lebervergrösserung hätte, und diese dürfe, wenn sie mit Diarrhöe gepaart ginge, nur in einem »warmen Klima« behandelt werden. Ich theilte dem behandelnden Arzte mit, dass ich seit dem Jahre 1886 stets in den heissesten Garnisonen gelebt hatte, welche ganz Indien kenne, 2 Jahre in Atschin, 1½ Jahr in Ngawie und 1 Jahr in Tjilatjap, dass ich geradezu Bedürfniss hätte, meinem durch das Malariafieber erschöpften Organismus in einem Bergklima Erholung zu gönnen, dass der kurze Aufenthalt in Djocja dies bewiesen hätte, aber Roma locuta est. Ich wurde wieder nach Ngawie versetzt.

Für Officiere, welche keine Frau haben, oder für die Behandlung gewisser Krankheiten, welche z. B. eine Operation nöthig machen, ist die Spitalsbehandlung in Indien aus vielfachen Ursachen der häuslichen Pflege vorzuziehen; denn die Verpflegungsgebühren für einen Officier sind nicht hoch; er bezahlt als Lieutenant 2,50 fl., als Hauptmann 3 fl. und als Stabsofficier 5 fl. pro Tag und erhält eine in jeder Hinsicht reichliche Tafel mit Getränken (Wein, Mineralwasser u. s. w.) und ein grosses Zimmer. Natürlich ist es conditio sine qua non, dass der Spitalschef auch für Abwechselung in dem Menu sorgt. Wenn in Berlin eine Kochschule als Postulat für Aerzte erklärt wird, wie viel nöthiger sind gastronomische Studien für einen Militärarzt in Indien. In meiner ganzen zwanzigjährigen Laufbahn sah ich nur einen einzigen Chefarzt um die Küche des Spitals in gleicher Weise wie um alle anderen Zweige seines Dienstkreises besorgt.

Für verheiratete Officiere wird in Indien die Aufnahme in ein Spital nur bei grösseren Operationen eine Nothwendigkeit, und darum verpflichten die gesetzlichen Bestimmungen keinen Officier, ins Spital gehen zu müssen. Muss die Superarbitrirungs-Commission eine Entscheidung über einen Urlaub nach Europa, über Pensionirung u. s. w. treffen, so ist der bisherige Modus agendi nicht immer zweckmässig. Der betreffende Candidat wird von dem »Garnisondoctor« behandelt und beobachtet; dieser erstattet einen ausführlichen schriftlichen Bericht über seine Beobachtungen, macht seine Vorschläge, verfasst eine zweckentsprechende Krankengeschichte, und auf Grund dieser Berichte entscheidet der Präsident der Commission, ob und wann sich der Candidat der Commission vorstellen soll. Sie untersuchen den Patienten auf Grund der erhaltenen Mittheilungen und sind in der Regel in der Lage, ein Urtheil über die Vorschläge des Garnisondoctors aussprechen zu können. In einzelnen Fällen ist aber eine längere Observation des Candidaten nöthig und wünschenswerth. Ich erinnere mich folgenden Falles aus der Zeit, als ich Mitglied der Superarbitrirungscommission in S. war. Oberstlieutenant X. war in Ungnade beim Armeecommandanten verfallen, ohne dass dieser gesetzliche Gründe hatte, den missliebigen Officier dem Gouverneur-General[150] zur Pensionirung vorzuschlagen. Da er seit längerer Zeit ein Magenleiden hatte, welches ihn oft an seinem Dienste verhinderte, erging also an den Landescommandanten der Befehl, ihn durch eine ärztliche Commission untersuchen zu lassen. Mir war bekannt, dass sein Leiden in einem Magengeschwür bestanden hatte; zur Zeit seiner »Affaire« befand er sich vollkommen wohl, d. h. objectiv liess sich nichts nachweisen. Zwei objective Symptome hätten uns vielleicht in den Stand gesetzt, eine Wahrscheinlichkeitsdiagnose zu stellen und zwar der Gehalt an Magensäure und der Appetit; die erste Frage erregte zweierlei bedeutende Bedenken; der Arzt darf ja nicht zum Zwecke einer Diagnose einen sonst gesunden Menschen mehrere Male, sei es durch Medicamente, sei es durch die Magensonde, zum Erbrechen zwingen. Nebstdem ist die chemische Untersuchung allein nicht im Stande, mit Sicherheit eine Magenerkrankung auszuschliessen oder zu constatiren. Bequemer war natürlich die zweite Frage, die des Appetites dieses Patienten (?). Mit Zustimmung des Präsidenten nahm ich es auf mich, ihn bei seinen Mahlzeiten zu beobachten, und theilte ihm zu diesem Zwecke mit, dass wir nur ein Mittel hätten, ihn für gesund zu erklären, und zwar wenn wir in der Lage wären, in unserm Attest unsere Ansichten motiviren zu können. Natürlich fügte ich hinzu, dass wir seinen Mittheilungen vollkommen Glauben schenkten, dass aber das Armee-Commando von uns ein objectives und motivirtes Urtheil über den Zustand seines Magens erwarte. Oberstlieutenant X. verstand mich sofort und lud mich ein, Zeuge seines guten Appetites zu sein. Er ass seine ganze »Reistafel« und brachte den andern Tag den Beweis, dass diese auch ganz verdaut war. Es giebt also zahlreiche Fälle, welche die Commission veranlassen, den Candidaten eine längere Zeit hindurch zu beobachten, bevor sie ihr endgiltiges Urtheil aussprechen kann, und darum sollte die gesetzliche Verpflichtung bestehen, dass alle Officiere, über welche die Superarbitrirungs-Commission ein Urtheil aussprechen muss, sich — und wäre es nur für einen Tag — ins Spital aufnehmen lassen müssen. Mir sind ja Fälle bekannt, dass Officiere, welche die Controle der Commission fürchten mussten, dem Sirenengesang der Phrasen, es wäre in ihrem eigenen Interesse, wenn sie sich zur Observation ins Spital begeben würden, u. s. w. nicht Folge leisteten, ja selbst brutal ihre Weigerung mit den Worten motivirten, sie hätten keinen Beruf, die Arbeit der ärztlichen Commission zu erleichtern, und — vollen Erfolg ihrer Pläne hatten. Mir wurde also wiederum die Garnison Ngawie angewiesen.

Fig. 19. Tempel bei Mendút (Provinz Kedú).

Die »Hölle Javas« eignete sich aber gar nicht dazu, mich von meiner Vergrösserung der Leber zu befreien; die Schmerzen blieben, und zwei Monate später (18. April) ersuchte ich wieder, durch eine Commission nach einem »kalten Klima« transferirt zu werden; es wurde mir ebenso wenig als drei Monate später die Gelegenheit geboten, durch einen längeren Aufenthalt in einem Bergklima von meinem Leberleiden befreit zu werden, und eine hochgradige Hypochondrie bemächtigte sich meiner, welche am 18. September den Höhepunkt erreichte. An diesem Tage wurde mir ein Knabe gebracht, welcher von einem tollen Hunde gebissen war und sich beim Fallen auf die Erde an der Stirn verletzt hatte; ich liess den zufällig anwesenden Doctor-djawa die Wunde reinigen, und da die Wunde auf der Stirn glatte Ränder hatte, beabsichtigte ich, sie zu nähen. Beim Einfädeln stach ich mich in die Finger. Die gebissene Wunde hatte ich nicht einmal berührt; dennoch — erwachte ich in der darauf folgenden Nacht mit dem Angstgefühl der Lyssa!! Ich hatte Schlundkrämpfe, Speichelfluss und eine fürchterliche Aufregung, verbunden mit dem Gefühle, Lyssa zu haben!

Wenn ich mir auch das Lächerliche und Unwissenschaftliche des Gedankens, inficirt zu sein, vor Augen hielt, weil ich gar nicht in Contact mit der gebissenen Wunde gewesen war, und weil die Lyssa doch wenigstens 5–6 Wochen Zeit zur Entwicklung nöthig hat (Incubations-Zeit), so blieb doch diese fürchterliche Aufregung Tage lang bestehen, und erst nach Jahresfrist kam etwas Ruhe in mein Nervenleben. Ich war ein Neurastheniker geworden, und diese unbillige Behandlung, wegen eines Leberleidens in ein »warmes Klima« versetzt zu werden, weil zufälliger Weise eine solche Stelle offen war, war natürlich Oel ins Feuer gegossen. Gleichzeitig hatte ich Schwierigkeiten mit dem Platz-Commandanten, welche ich früher erzählt habe, und welche mir so viele Schreibereien verursachten, dass ich bei meinen anderen vielseitigen Arbeiten oft vor 2 bis 3 Uhr nicht schlafen gehen konnte; meine Nerven hielten diesen Choc nicht aus. Auch ein Mann mit gesunden Nerven wäre ihm erlegen, und so wurde der Ausbruch einer acuten Hypochondrie der Vorläufer eines Jahre langen Nervenleidens. Major X. ging mit Urlaub nach Batavia und scheint dort über meinen Zustand persönlich Bericht erstattet zu haben, denn kurz darauf wurde ich nach Magelang transferirt, welches in der Provinz Kedu auf einer Höhe von 384 Metern liegt.


Ich hielt also wieder Auction von der Einrichtung meines Hauses, welche mir 1200 fl. einbrachte, und zog diesmal nur mit einigen Kisten beladen nach Magelang. Es hatte sich nämlich bis auf meine Equipage für alle Möbelstücke und auch für meine zwei Pferde ein Käufer gefunden. Der Assistent-Resident und der Platz-Commandant hatten uns für die letzten Tage unseres Aufenthaltes Gastfreundschaft angeboten. Ich konnte es nicht annehmen, weil der Oberlehrer der europäischen Schule, Herr X., sobald meine Transferirung bekannt geworden war, sofort zu uns gekommen war und als selbstverständlich die Hoffnung und den Wunsch aussprach, dass wir auch diesmal vor unserer Abreise seine Gäste seien. Er und seine Frau waren ehrenwerthe Menschen, welche von dem früheren Assistent-Residenten boycottirt waren.

Zur Illustration des Lebens in den kleinen Städten Indiens glaube ich den weiteren Verlauf dieses Boycotts mittheilen zu sollen.

Als ich zum zweiten Male nach Ngawie kam, folgte ich meiner Gewohnheit, mich allen kleinlichen und engherzigen Streitigkeiten fern zu halten, und da diese Familie während meines ersten Aufenthaltes nicht nur meine Patienten waren, sondern geradezu liebenswürdige Gastfreundschaft an uns geübt hatten, war es nur selbstverständlich, dass ich und meine Frau den alten Verkehr mit ihnen wieder aufnahmen, obschon »das ganze Fort«, d. h. alle Officiere dem Boycott durch die Frau des Assistent-Residenten sich angeschlossen hatten. Diese für diese braven Menschen unangenehmen Verhältnisse änderten sich sofort, als wir sie in den Kreis unserer Bekannten einzogen und so unzweideutige Beweise unserer Sympathie gaben. Man muss so etwas gesehen oder mitgemacht haben, um zu verstehen, dass ich an dieser Stelle davon spreche. Für den gesellschaftlichen Verkehr bot dieser kleine Platz nichts, absolut nichts als den Officiersclub, in welchem auch die Bürger Mitglieder waren. In dem Club geschah auch nichts anderes als Kartenspielen und Tanzen bei den Klängen eines alten, verdorbenen Leierkastens. Wenn nun, was immer an einem Sonnabend geschah, ein »geselliger Abend« im Club stattfand, bemühte sich Niemand der Anwesenden mit dieser Familie; sie sassen allein. Aber die rächende Nemesis brachte ihr bald die grösste Satisfaction. Die Frau des Assistent-Residenten, welche den Bannfluch über diese braven Menschen ausgesprochen hatte, war eine energische Dame und ertrug keinen Widerspruch. Kurz nach unserer Ankunft mussten auch ich und meine Frau den freundschaftlichen Verkehr mit ihr und ihrem Manne leider einstellen. Eines Tages erhielt ich nämlich das Ansuchen, ihrer Tochter ärztliche Hülfe zu bringen. Ich kam dahin, und bei der Treppe empfing mich diese Dame mit der fertigen Diagnose und mit der nöthigen Behandlungsweise. Sie theilte mir nämlich mit, dass ihre Tochter Dysenterie hätte und darum eines Abgusses von Simaruba bedürfe. Ihre autokratische Sprechweise war mir schon bekannt, und darum fragte ich sie mit officiellem Lächeln auf den Lippen, ob sie sich nicht vielleicht in der Diagnose irre und ein unschuldiges Hämorrhoidal-Leiden vorläge, und ob keine andere Arznei vorgeschrieben werden dürfe, weil gerade bei der Dysenterie Simaruba erst in einem späteren Zeitpunkte gegeben werden dürfe. (Patientin, ein hübsches Mädchen von zehn Jahren, stand daneben und hatte gar keine Spur von Dysenterie.) Aber für einen Gedankenaustausch war sie nicht zugänglich. In gereiztem Tone antwortete sie: »Wenn Sie mir die Simaruba nicht geben wollen, lasse ich sie mir von Madiun kommen.« Die Sache wäre damit erledigt gewesen. Aber ihr Mann glaubte jetzt, mich seine Macht als Assistent-Resident fühlen zu lassen. Kurz vorher hatte ich ihn ersucht, frischen Vaccinestoff für die Bevölkerung kommen zu lassen. Zwei Tage nach meinem Besuche bei seiner Frau erhielt ich einen officiellen Brief mit der Nachricht, dass der Vaccinestoff angekommen sei und ich den nächsten Mittwoch in der »Kabupaten«, d. h. in der Veranda des Regenten einimpfen solle. Ich schrieb zurück, dass ich in meiner Stellung nach Staatsblad Nr. 68 vom Jahre 1827 keine Befehle von ihm annehmen könne noch dürfe, und dass ich nächsten Montag im Fort die Frauen und Kinder der Soldaten impfen werde. Er wiederum verbot mir, den Vaccinestoff für »meine Militär-Familien« zu gebrauchen, worauf ich telegraphisch den Residenten von Madiun um Erlaubniss ersuchte, den Vaccinestoff für die »Soldatenkinder« gebrauchen zu dürfen. Dieser Federkrieg zwischen uns Beiden entfremdete uns natürlich so sehr, dass jeder freundschaftliche Verkehr abgebrochen wurde.

Den Sonnabend derselben Woche war wieder gemüthlicher Abend im Club. Damals spielte sich eine jener Scenen ab, welche so charakteristisch und so typisch für das Leben in kleinen Orten sind, dass ich sie trotz ihrer Unbedeutendheit mittheilen zu sollen glaube. Das Clubgebäude bestand, wie wir oben sahen, aus einer grossen »Binnengalerie«, welche nach europäischer Anschauung Tanzsalon genannt werden kann, und der vorderen und hinteren Veranda. Das unentbehrliche Möbelstück für jeden Club ist in Indien die »Kletstafel«,[151] das ist ein grosser runder Tisch, mit einer Stütze für die Füsse. Wenn die Herren um 11½ Vormittags und um 7 Uhr Abends in den Club gehen und kein Billard spielen, vereinigen sie sich alle an der »Kletstafel« und besprechen etwaige Ereignisse des Tages oder die letzten europäischen Nachrichten, oder bearbeiten die grossen und kleinen Fehler der Abwesenden zu einer chronica scandalosa. Die hintere Veranda des Clubgebäudes zu Ngawie hatte zwei solche Tische. Nach und nach füllte sich die »achtergallery«, und zuletzt erschien der Assistent-Resident mit seiner Frau. Liebenswürdig grüssten sie nach allen Seiten und setzten sich an den Tisch — an welchem wir nicht sassen. Jetzt kam die erste Enttäuschung. In der Regel eilen sofort alle jungen Mitglieder nach ihnen, verbeugen sich und wechseln einen Handdruck. Die verheirateten Mitglieder theilen sich immer und überall diesbezüglich in drei wohl charakterisirte Gruppen. Die eine Gruppe hält an dem Grundsatze fest, dass es im Club keinen Rangunterschied gäbe, und wer zuletzt käme, habe die Pflicht, zu den Anwesenden zu gehen und sie zu begrüssen. Die zweite Gruppe sind wahre Opportunisten; für diese ist die Machtstellung des Würdenträgers auch im Club anerkannt. Man könne nicht wissen, wie man die »grossen Herren« nöthig hätte, und sie selbst sind und bleiben »die mindere« und eilen dahin, um sie zu begrüssen. Die dritte Gruppe ist wieder sehr gewissenhaft in der Beurtheilung des Rangunterschiedes; sie kennt allein einen Rangunterschied der Männer und nicht der Frauen, sie selbst gehen also sofort zum Assistent-Resident und seiner Frau, um sie zu begrüssen, und erwarten dann, dass auch der Assistent-Resident sofort zu ihrer Frau gehen werde, um »das Compliment abzustechen«. Diesen Abend blieb jedoch alles auf seinem Platz — bis auf den Platzcommandant, welcher ledig war und seinen neutralen Standpunkt nicht verleugnen wollte. Diese Kraftprobe der Frau O. war also nicht gelungen, und eine zweite sollte die Machtstellung dieser Dame rehabilitiren. Nach dem pousse-café vereinigen sich die einzelnen Gruppen zu dem eigentlichen Zwecke der Zusammenkunft. Einige der älteren Herren und Damen gehen an die Spieltische zu einer Partie Whist, L’hombre oder quadrilliren; die Jugend sucht und findet sich zum Flirten oder zum Tanzen — Andere gehen ins benachbarte Zimmer zum Billard und Einige setzen sich zur »Kletstafel« und geniessen bei einem Glase Grog, sei es ein Brandy-Soda oder sei es ein Whisky-Soda — die herrliche Nachtluft. Das Tanzen ist aber in Indien kein bevorzugter Genuss der Jugend; Grossväter und Grossmütter sieht man in Indien mit ebenso viel Eifer der Kreuzpolka und dem Walzer huldigen, als sie es vor 30 und 40 Jahren gethan haben. Frau O. gab also bald das Zeichen zum Anfang des Tanzes; aber o weh! der Leierkasten war verdorben und gab nur ohrenzerreissende, schnarrende Töne; sofort schickte auf Ersuchen der Frau O. der Platzcommandant einen Bedienten in das Fort und liess einen Korporal kommen, welcher durch seine Virtuosität auf der Harmonika bekannt war. Mit lautem Hurrah wurde seine Ankunft von der Frau des Assistenten begrüsst, ohne dass jemand anders in diesen Freudenruf einstimmte. Das war ein bedenkliches Symptom!? Aber noch Aergeres geschah. Die Harmonika hatte schon die Hälfte der Polonaise gespielt, und noch immer blieb alles auf seinen Sesseln. Der Major B. hatte pflichtgemäss die Frau O. ersucht, mit ihr die Polonaise eröffnen zu dürfen — sie Beide standen aber allein; die zweite Kraftprobe dieser Dame war verunglückt! Sie trachtete in liebenswürdiger herablassender Weise durch persönliche Intervention wenigstens die ledigen Herren zum Tanzen zu bewegen; jeder derselben aber dankte unter irgend einem Vorwande, und sie begnügte sich also mit einem Tanze mit dem Platzcommandanten. Die Familie X. war also gerächt.

Solche kindische und kleinliche Reibereien giebt es in allen kleinen Orten in Europa und in Asien und in Amerika, überall, wo Menschen auf einem engen Raum beisammen wohnen, so dass sich alle ihre Fehler bemerkbar und auch fühlbar machen; es ist ja z. B. bekannt, dass dieselben Reibereien auf den grossen Dampfern sich einstellen, auf welchen die Passagiere wochenlang beisammen leben, und dass dieses noch häufiger auf jenen Seglern geschah, welche zu ihrer Reise nach Batavia oft mehr als 100 Tage nöthig hatten. Für den Nichtbetheiligten sind sie eine reichliche Quelle von Zerstreuung; die davon Betroffenen verbittern sich aber dadurch das Leben und verfeinden sich oft für die ganze weitere Zukunft. Dieselbe Dame O. scheint in Madiun, wo ihr Mann früher stationirt gewesen war, sich auch Feinde gemacht zu haben. An dem Tage ihrer Ankunft in Ngawie bekam ich nämlich eine Correspondenzkarte, welche mich zwar entrüstete ob der Gemeinheit, welche der Grundton des kleinen Briefchens war, andererseits aber wirklich ein Unicum anonymer Lästersucht darstellte. In der offenen Correspondenzkarte wurde mir nämlich mitgetheilt, dass mir zwei Stück Käse dieser Tage als Geschenk geschickt würden, dass der Absender bedaure, keine bessern liefern zu können; der eine und zwar der grössere sei nicht übel von Gestalt, aber wurmstichig im Innern; der zweite sei in jeder Hinsicht hässlich, ekelhaft und ungeniessbar. Arglos und ohne den tiefen Sinn dieser Worte zu ahnen, wollte ich den nächsten Tag beim Assistent-Residenten O. diese zwei Käse holen lassen; vielleicht war ein Brief beigepackt, der mir eine Aufklärung von einer Bestellung geben sollte, deren ich mich nicht erinnerte. Zufällig kam der Präsident des Landesgerichts[152] denselben Abend zu mir, und ich frug ihn, ob er den Schreiber der Correspondenzkarte kenne, welcher mir zwei »Präsent-Käse« schickt, ohne dass ich sie bestellt hatte. Glücklicher Weise durchblickte der Rechtsgelehrte sofort die Mystification, und niemals hat der seither verstorbene Assistent-Resident O. etwas von dieser Correspondenzkarte erfahren, und der Schreiber dieses anonymen Schmutzbriefes hatte von seiner gemeinen Intrigue nicht den geringsten Erfolg.

Ende October 1891 verliess ich also Ngawie und zwar wiederum via Solo.

Zu wiederholten Malen habe ich Solo passirt und zwei mal für einige Stunden mich dort aufgehalten, so dass ich aus eigener Anschauung nur wenig über die Stadt selbst, aber mehr über die gleichnamige Provinz Surakarta berichten kann. Sie ist die reichste Provinz der ganzen Insel Java und hat zahlreiche Plantagen und andere Unternehmungen; nicht weniger als 23 Plantagen für Indigo, 13 für Indigo und Tabak, 4 für Indigo, Tabak und Kaffee, 7 für Tabak; 17 für Zucker, 4 für Zucker und Indigo, 20 für Indigo und Kaffee, 87 für Kaffee, 1 für Kaffee und Tabak, 1 für Kaffee und Chinin und 1 für Zucker und Kaffee, also 178 grosse Unternehmungen hat diese »Residentie«, obwohl sie nur 112,905 ☐Meilen gross ist, drei grosse Berge hat und zahlreiche kleine Gebirgsketten das Land durchziehen. Im Süden der Hauptstadt ist eine grosse Ebene, welche in einem grossen Bogen längs dem Solofluss bis weit in das Gebiet der Provinz Madiun sich hinzieht. Drei grosse Berge begrenzen die Provinz als drei mächtige hohe Grenzpfähle im Osten und Westen. Ueber die Spitze des Lawuberges, welcher 3254 Meter hoch ist, zieht ihre östliche Grenze zwischen Solo und Madiun, und die beiden Bergriesen Merapi (2866 Meter hoch) und der Merbabu (3116 Meter hoch) trennen sie von den Provinzen Kadu und Djocjokarta. Der grösste Fluss ist der Solofluss oder, wie er in dieser Provinz genannt wird, der Bengawan-Fluss, der auf dem Berge Merapi entspringt und auch der grösste Fluss der ganzen Insel (Java) ist; er ergiesst sich bei Surabaya in die Javasee und wird als billiger Transportweg von den Unternehmungen in den Provinzen Surakarta, Madiun, Rembang und Surabaya häufig benutzt. Auf dem Berge Lawu, auf dessen Gipfel oder vielmehr in der Nähe desselben ich als Arzt in einem modernen Romane den rettenden Engel gespielt habe, sind neben zahlreichen Ruinen aus der Zeit der Hindus noch zahlreiche Mofetten und andere warme Mineralbrunnen bekannt; an seiner Westseite findet man z. B. bei dem Dorfe Djurang Djerok zwei kleine Teiche, aus denen stets giftige Gase aufsteigen, und bei den Dörfern Pablingan und Gamping grosse schwefelhaltige Quellen. Die Hauptstadt Surakarta, häufiger Solo genannt, macht keinen freundlichen Eindruck. Sie hat zwar einige Sehenswürdigkeiten und trägt wie ihre Schwesterstadt Djocjokarta noch ausgesprochener das Gepräge einer rein javanischen Fürstenstadt. Sie leidet aber, wie ich schon früher erwähnt habe, so oft und so stark durch die Ueberströmungen der Solo- und Pepéflüsse, an deren Vereinigungspunkt sie liegt, dass es noch lange dauern wird, bis sie den Anforderungen einer reinen, schönen Stadt gerecht werden kann.

Fig. 20. Ein malayisches Mädchen mit Sirihdose und Spucknapf aus Messing.

Entsprechend der politischen Eintheilung des Landes hat die Hauptstadt eine vierfache Vertretung. Der Kaiser wohnt in seinem Palast, Kraton genannt; dieser ist gerade so wie der zu Djocja, eine kleine Stadt mit Mauern und Gräben umgeben und hat seinen »Dalem«, d. i. die Wohnung des Fürsten, den Sitinggil, die grosse Halle, wo sich der Fürst dem Volke zeigt, den Alang âlang = Schlossplatz und hunderte kleine Gebäude für das Gefolge. Das zweite stattliche Gebäude ist das Fort Vastenburg, dessen Kanonen den Kraton bedrohen. Das dritte ist der Palast des Gegenfürsten Mangku Negoro in europäischem Stile, welcher einen sehr schönen und grossen Empfangssalon mit elektrischer Beleuchtung hat. Das vierte ist das Gebäude des Residenten, welches bei Weitem nicht so schön eingerichtet ist als das seines Collegen in Djocja. Dann folgen zahlreiche Häuser für die Landherren der Provinz, eine protestantische Kirche, der Club, Theatergebäude, drei Hotels, wovon das eine gegenüber dem Fort liegt und »Jungfernheim« genannt wird, weil die meisten ledigen Lehrerinnen dort wohnen, der Thiergarten mit einigen exotischen Thieren u. s. w. Natürlich fehlen in Solo weder der Hofhalt in allen seinen Abstufungen, wie echte Prinzen mit ihrem Gefolge unter Aufsicht des Kronprinzen und unechte Prinzen unter Controle eines zweiten Sohnes des Sunans, noch die gut abgegrenzte Eintheilung des Adels, der Geistlichkeit und des »kleinen Mannes«. Auch wird in Solo so viel als möglich für feierliche Aufzüge, Galavorstellungen und Empfangsabende, und zwar mit demselben Ceremoniell als in Djocja gesorgt. Ebenso wenig fehlte der Wâjang orang ([Fig. 18]).

Von den übrigen Städten dieser Provinz sind noch zu nennen: Kartasura, welches früher die Hauptstadt des Sultanats war,[153] Klaten, in welchem bis vor einigen Jahren in dem Fort Engelenburg das Strafdetachement für europäische Taugenichtse bestand, Bojolali, wo ein altes, verlassenes Fort steht, die Schlucht bei Sukabumi, Patuk Pakis an der Küste mit seinen Schwalbennesterhöhlen u. s. w.

Auf dem Vulcane Lawu, welcher seit seinem letzten Ausbruch am 1. Mai 1752 seine jetzige Form und Gestalt bewahrt hat, bin ich zweimal gewesen, und jedesmal entzückte mich dieses Bild einer wildromantischen Natur, wo mächtige erratische Blöcke, Trachitfelsen, Lianen, Cäsarinen, Grotten, heisse Quellen, Mofetten, Abgründe und kahle, steile Wände in die Wolken gehüllt zu meinen Füssen lagen. Es war die Nordostseite, welche ich zu besteigen gezwungen wurde. In Djamus hatte Herr R.... eine Kaffeeplantage; um dahin von Ngawie zu gelangen, musste ich viermal die Reise-Vehikel verändern. Von Ngawie brachte mich meine Equipage nach Paron, wo ich die Eisenbahn bis Walikukung benutzte; hier erwartete mich ein Dos-à-dos, mit welchem ich bis Gidoro gelangte, ungefähr 1000′ hoch, wo Herr K.... eine reizende Plantage von Kaffee, und wenn ich nicht irre, auch von Muscatbäumen hatte. So ein gepflegter Kaffeegarten gewährt einen lieblichen, anmuthigen Anblick; der Baum wird zwar nicht höher als 6–7 Meter (der Liberia-Kaffeebaum, den ich in meinem Garten in Magelang hatte, erreicht nicht einmal die Höhe von 4 Metern), auch hat er keine stattliche, breite Krone, aber jede Baumreihe hat einen grossen Schattenspender; man wählt dazu am häufigsten den Dadapbaum (Erythrina indica), eine Papilionacee, welche grosse, scharlachrothe Blüthen hat, deren Blätter und Rinde von den Eingeborenen gegen Asthma und Fieber und deren Holz als Decoctum gegen Hämaturie gebraucht wird. Die Blüthe des Kaffeebaumes ist schneeweiss, hat ein herrliches Jasmin-Aroma und fällt schon nach 8 Tagen auf den Boden, der dadurch eine herrlich duftende, schneeweisse Decke bekommt. Nach einigen Monaten erscheinen die Früchte in grüner Farbe, welche sehr bald kirschroth werden und die Grösse einer halben Haselnuss haben. Zu dieser Zeit hat der Kaffeebaum einen gefährlichen Feind in dem Paradoxurus Musanga. Die reifen Früchte sind seine Lieblingsspeise, den Kern jedoch verdaut er nicht; er begnügt sich mit dem Fleische der Frucht, und die überflüssigen Kaffeekörner — sind die theuerste und beste Kaffeesorte, NB. nachdem sie den Darm des Musangs verlassen haben. Mir wurde ein solches Excrement eines Musangs gezeigt; es bestand aus drei Kaffeekörnern, welche mit einer schwarzen Masse untereinander verklebt waren. Diese Kaffeekörner stehen in so hohem Ansehen, dass sie als besondere Gunstbezeigung den Europäern zum Geschenke angeboten werden. Wenn die Früchte kirschroth geworden sind, werden sie gepflückt und auf Platten aus Rohr dem Fermentiren überlassen. Hierauf werden sie getrocknet und gestampft. Ihre Heimath ist Arabien, von wo sie schon im Jahre 1698 importirt wurden; doch erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts (seit 1723) nahm die Kaffeecultur einen bedeutenden Aufschwung, seitdem die Regierung mit sanftem Druck die Eingeborenen zum Bau desselben zwang.[154] Das Erträgniss des Kaffeebaumes ist sehr variabel. Ich erhielt von meinem Baume stets mehr als 1 Kilo Bohnen, und wie ich es damals auf dem Lawu mittheilen hörte, ist nur alle drei bis vier Jahre eine reiche Ernte zu erwarten.

Bei Herrn K.... konnte ich nicht länger bleiben, als die Zeit der »Rysttafel« dauerte. Nach dieser konnte ich noch bis Ngrambe von dem Dos-à-dos Gebrauch machen. Der Weg war gut und so breit, dass selbst ein zweiter Wagen passiren konnte, ohne besondere Vorsicht gebrauchen zu müssen. Hier wohnten einige Europäer, und darunter auch die Frau X. Ihr Mann ersuchte mich, sie zu untersuchen, weil sie schon seit vielen Jahren durch eine Schwäche in den Füssen kaum das Bett, aber niemals das Zimmer oder das Haus verlassen hätte.

Bei meiner Visite fand ich eine alte Dame, welche frischen Geistes ihr Leiden mit bewunderungswürdigem Gleichmuth ertrug; sie litt an Osteomalacie, d. i. einer Knochenerweichung, welche sie nach der letzten Entbindung erhalten hatte. Es war das erste Mal und leider auch das letzte Mal, dass ich sie damals sah. Einige Wochen später wurde sie ermordet, und die leichtfüssige Fama beschuldigte sie des Selbstmordes! Mir wurden davon während eines Festes beim Regenten in Ngawie die einzelnen Details mitgetheilt; man fand sie im Bette mit durchschnittenem Hals unter einer Bettdecke und nebstdem mit einem blutigen Messer im Aermel der Kabaya?? Ich theilte dieses dem Assistent-Residenten X. mit und erwartete, dass ich sofort mit einer gerichtlichen Commission zur Untersuchung dahin gesendet würde; der Herr scheint aber so bestimmte Nachricht von ihrem Selbstmord erhalten zu haben, dass er zu einem Einschreiten keinen Anlass fand. Mir freilich konnte es nicht einleuchten, dass eine Frau, welche seit vielen Jahren mit Knochenerweichung an das Bett gefesselt war, den Muth und die physische Kraft haben sollte, sich selbst den Hals durchzuschneiden!? Auch in der Affaire, welche mich nach Djamus führte, hatte Herr X. eine ganz unrichtige Auffassung der Verhältnisse; es war vielmehr seine Frau, welche auch den geschäftlichen Ideengang ihres Mannes beeinflusste; er weilt nicht mehr unter den Lebenden, und so kann ich etwas ausführlicher in der Mittheilung dieser Affaire sein, ohne fürchten zu müssen, jemandem direct oder indirect zu schaden.

In Gendingan konnte ich schon einige sichere Nachrichten über die junge Dame erhalten, deren Untersuchung von den Eltern von mir verlangt wurde, weil ein Angestellter sie beschuldigte, diese eine Tochter — sie hatten deren 7 — zu verwahrlosen und unter dem Vorwande, dass sie irrsinnig sei, ihrer Freiheit zu berauben! Dieser Privatbeamte schickte mir später die Abschrift der ganzen Correspondenz zwischen ihm und dem Vater dieses unglücklichen Mädchens; ich besitze sie noch heute, und fast möchte ich glauben, wenn ich sie wiederum lese, dass dieser bona fide gehandelt hat. In allen Briefen betont er die Nothwendigkeit, die Patientin der Einsiedelei auf dem Berge zu entreissen und sie der Gesellschaft zurückzugeben. Aber falsch sind die Motive, die er den unglücklichen Eltern in der Behandlung ihrer Tochter unterschiebt. Die Plantage gehörte in nomine der Frau, und ihr Mann sollte seine eigene Tochter zu dem geistigen Tode verurtheilt haben, um als gesetzlicher Vormund ihr Erbe zu werden. Diese Briefe wurden dem Assistent-Residenten X. gesendet mit der officiellen Anklage, dass der Herr X. seine majorenne Tochter der Freiheit beraube und sie durch schlechte Behandlung dem Wahnsinn in die Arme führen wolle!! Das Traurigste in dieser Affaire ist, dass dieser Beamte oder vielmehr seine Frau diesem Märchen Glauben schenkte, und als ich in dieser Sache als Gerichtsarzt vernommen wurde, mir die zweifellose Richtigkeit mit dem nöthigen Nachdruck vorgeleiert wurde. Ein Vater, der sieben Töchter hat, sechs von ihnen eine gute Erziehung in Europa angedeihen lässt und für jede derselben mehr als 1000 fl. jährlich bezahlt, ein solcher Vater sollte mit dem Wissen und Willen seiner Frau eine solche Missethat begehen!? Dieser Einwand blieb ohne Erfolg, und der Assistent-Resident liess als »Hilfsofficier der Justiz« dem Rechte seinen Lauf. Der Herr X. wurde von der gegen ihn erhobenen Anklage verständigt und beschloss nun, durch mich den Wahnsinn seiner Tochter constatiren zu lassen und bat mich, zu ihm zu kommen. Ich frug vorher jedoch bei ihm an, ob ich meine Frau mitnehmen könnte, welche gern einmal eine Plantage im Hochgebirge besuchen und besichtigen möchte. Im August des Jahres 1889 begaben wir uns also auf die Reise, die ich oben bereits angedeutet habe. In Ngrambe mussten wir das Dos-à-dos verlassen, weil hinauf ins Gebirge kein Fahrweg bestand. Für mich stand ein kleines Pferd und für meine Frau eine Sänfte zur Verfügung.

Es war ein Fusspfad, den das herabströmende Regenwasser in den Berg gegraben hatte; erratische Blöcke, Geröll und Sand wechselten mit Grasflächen, und sicheren Schrittes trug mich das kleine javanische Pferd über alle Hindernisse. Die Begleitung meiner Frau bestand aus 6 Kulis, von denen abwechselnd je vier die Sänfte bald auf den Schultern, bald mit den Händen trugen, je nachdem der Weg eben oder wellenförmig war. Bei jeder Pause erfreute uns das herrliche Panorama hinter unserem Rücken. Bald erhob sich das grosse Thal des Soloflusses in deutlichen Linien auf dem Horizont, hinter welchem das Wellisgebirge seinen breiten Bergrücken uns zeigte, später sahen wir den Smeru und den Kelut am östlichen Horizont auftauchen. Auf dem Berge Lawu selbst sahen wir nur niedriges Gesträuch, eine sanft aufsteigende Hochfläche, begrenzt von kleinen Hügeln, welche bald Tjemarabäume, bald Acacien, Gnaphalien und Vaccinia trugen.

Nach ungefähr zwei Stunden erreichten wir die Plantage Djamus in einer Höhe von 1500 Metern. Tief unter uns lagen dichte, schwarze Wolken, aus denen eine zweite Spitze des Lawu hoch hervorragte und nur mit Mühe die Schlucht zwischen beiden erkennen liess. Die dritte Spitze des Berges habe ich nicht zu Gesicht bekommen.

Der Kaffee war gepflückt, fermentirt, getrocknet und gestampft, und Frau X. sass mit eingeborenen Frauen, die Körner zu assortiren. Unsere Ankunft entriss natürlich die Familie ihrer täglichen Beschäftigung, und bald sassen wir in der Veranda, eine Schale warmen Thees zu trinken; es war kühl; vielleicht nicht mehr als 12° C., und wir Beide kamen aus »der Hölle Javas«. Die Familie kam unsern Wünschen entgegen, und wir zogen uns ins Haus zurück, wo auch die Fenster geschlossen werden mussten, um uns von dem unangenehmen Gefühl des Fröstelns zu befreien. Bald waren wir im Gespräche über die unglückliche Tochter, und es war das alte Lied: Den Anfang und die Ursache des Wahnsinns zu constatiren, welchen der Laie gern unvermittelt durch plötzliche Eruption, sei es durch Schreck u. s. w. entstehen lässt; das ganze traurige Familienleben entrollte sich vor mir, das ein irrsinniges Mitglied bedingt, weil der Wahnsinn in seinen ersten Symptomen verkannt wurde. Die Grenze zwischen psychischer Gesundheit und psychischem Kranksein kann ja von niemandem gezogen werden. Endlich wurde mir mitgetheilt, dass die Patientin sich in ihrem Zimmer im danebenstehenden Pavillon befinde. Ich ging dahin und sah beim Fenster ein Wesen stehen, welches das traurige Bild des Wahnsinns in allen seinen Zügen zeigt. Verwahrlost in ihrer Kleidung, mit wirren Haaren, starrte sie mich mit fragenden Blicken an, und als ich ihr einen Gruss zurief, antwortete sie mir kurz, dass sie einen verheirateten Liebhaber nicht haben wolle, warf die Pantoffeln nach mir und sprang aus dem Fenster der andern Seite und verschwand im Gebüsche. Gegen das Abendessen gelang es mir, sie in der Nähe zu sehen und zu sprechen. Sie kam in die Küche, ihr Nachtmahl zu holen. Ich ging mit dem Vater dahin, und mit dem charakteristischen Lächeln des Wahnsinns liess sie mich näher kommen, ohne sich im Essen stören zu lassen. Der Schmutz hinter den Ohren und die schmutzige Kabaya, sowie die schmutzigen Nägel, begründeten meinen Vorschlag, die Unglückliche in eine Anstalt aufnehmen zu lassen, in welcher die geschulten Wärterinnen die Geschicklichkeit, Tact und Muth haben, solche Patienten zur Reinlichkeit anzuhalten.

Natürlich kamen auch die Motive zur Sprache, welche den Privat-Beamten X. veranlassten, den Anwalt dieser Unglücklichen zu spielen. In seinen Briefen ist das Mitleiden mit seiner »Nichte«, welche keinen Bruder habe, um ihr Recht zu vertheidigen, der einzige Grundton, und in allen Tonarten äusserte sich dieses Mitleiden. Herr X. aber fand ein egoistisches Motiv, welches mir nicht recht einleuchten wollte. Seine Tochter musste wiederholt aus der Wohnung des Privat-Beamten X. geholt werden, welche sich am Fusse des Berges befand; vielleicht hoffte dieser durch eine Ehe mit dieser Unglücklichen sich dann in den Besitz eines Theiles dieser grossen Plantage zu setzen. Es waren im Ganzen 7 Töchter, und im günstigsten Falle wäre ⅛ Antheil nach dem Tode der Mutter dem Manne dieser Irrsinnigen zugefallen; um einen solchen Preis eine irrsinnige Frau zu erhalten — wäre eine schlechte Speculation.

Diese Pflanzer waren so an die niedrige Temperatur ihres Ortes gewöhnt, dass sie keine Oefen im Hause hatten. Die Biologie liegt in allen Fragen darnieder, welche die »Gewohnheit« betreffen. Als ich im Jahre 1897 Ende April durch das rothe Meer fuhr, war es so kalt, dass nicht allein ich — dann könnte es individuellen Empfindungen zugeschrieben werden, sondern alle Passagiere ihre Ueberzieher, Mäntel oder Plaids u. s. w. in Gebrauch nehmen mussten, und das Thermometer zeigte 17° C.! Es ist richtig, dass wir aus warmen Ländern kamen und dass wir so niedrige Temperatur nicht gewöhnt waren. — Welcher chemische Vorgang erklärt das »Gewohntsein«? Was geschieht z. B. im Rachen oder im Gehirn oder im Magen des jungen Mannes, welcher nach der ersten Cigarre den heftigsten Gastricismus bekommt und nach ½ Jahren anstandslos die schwerste Cigarre raucht? U. A. w. g.

Wir sassen also den ganzen Abend bei geschlossenen Fenstern und Thüren, und für die Nacht holte die liebenswürdige Hausfrau alle wollenen Decken herbei, um uns in ihrem Heim nicht eine ganze Nacht »frieren« zu lassen. In einem schönen Gedichte hat diese Dame den Berg Lawu besungen. Mit Bedauern verliessen wir unsern Gastgeber am folgenden Tage, weil mich meine Berufspflichten nach Ngawie riefen. Aber länger als eine Woche über den Wolken nur die bewaldeten Gipfel eines Berges zu sehen — NB. ohne Berufspflichten oder andere Arbeit zu haben — d. h. dort zu logiren, das wäre doch zu viel verlangt.

Hierauf beantwortete ich alle Fragen des »Officiers der Justiz« über das Wesen der Krankheit dieser unglücklichen jungen Dame und über die Symptome, welche mich bewogen hatten, in diesem Falle den Wahnsinn zu constatiren. Sie wurde entmündigt, ihr Vater zum Curator ernannt und der Assistent-Resident X. wurde nach Kudus transferirt.


Die westlichen Grenzpfähle der Provinz Surakarta, die Berge Merapi und Merbabu mit ihrem Ausläufer Telomojo (1883 Meter hoch) habe ich fünf Jahre lang beobachten können, und ich will ihrer im folgenden Capitel erwähnen. Die »Fürstenthümer Javas« sind reiche Länder und hochinteressant wegen ihrer Vergangenheit und zahlreichen Denkmäler aus der Zeit der Hindu-Herrschaft.

Fig. 21. In Sarong und Kabaya.