7. Capitel.
Museum und botanischer Garten in Batavia — Reise nach Ngawie — Sandhose — „Kykdag“ einer Auction — Auction — Venduaccepte — Geographie der Provinz Madiun — Vier Chefs — Stockschläge in der Armee — Lepra auf den Inseln des indischen Archipels — Prophylaxis der Lepra — Eine Sylvester-Nacht auf Java — Eine unangenehme Fahrt — Ein Neujahrstag in Solo — Eine Deputation am Hofe zu Djocja — Die Stadt Solo — Der Aufschwung der Insel Java — Das Militär-Spital in Ngawie — Ein Spital ohne Apotheker — Choleraphobie — Meine Conduiteliste — Cholera in Indien — Entstehungsursache der Cholera in Indien — Cholera — Prophylaxis der Cholera in Indien — Reisfelder.
Am andern Morgen fuhr ich mit dem Zuge 6 Uhr 55 Min. nach Weltevreden und meldete mich noch denselben Vormittag beim Platz-Commandanten, welcher mich (und meine Frau) bei der »indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft« zur Reise nach Samarang einschreiben liess, von wo aus ich per Eisenbahn meine Reise nach Ngawie fortsetzen sollte. Noch drei Tage konnte ich in Batavia bleiben, und ich benutzte diese Zeit, um meine Frau den botanischen Garten und die Museen sehen zu lassen, welche in Batavia zu wenig gewürdigte Sehenswürdigkeiten sind. Das »Batavische Museum« steht auf der Westfront des Königsplatzes und wird von dem Vereine »Tot nut van’t algemeen« = zum allgemeinen Nutzen, verwaltet; es ist ein einfaches schmuck- und prunkloses Gebäude ohne Stockwerke und hat vor seinem Haupteingange einen bronzenen Elephanten auf einem steinernen Piedestal.[82] Es besteht aus drei Abtheilungen: der ethnographischen, archäologischen und numismatischen Sammlung. Da es mich zu weit führen würde, diese Sammlungen zu beschreiben, so will ich nur bemerken, dass die Classification der beiden ersten Abtheilungen viel zu wünschen übrig lässt, während die numismatische Sammlung manche Lücken aufweist, andererseits aber viele seltene Stücke hat, welche vielleicht Unica sind; z. B. das leinwandene Geld von der Insel Buton bei Celebes aus dem 17. Jahrhundert. Der zoologisch-botanische Garten bot, bis auf einige Schlangen, Vögel und Säugethiere, kaum etwas Sehenswerthes, und auch diese sind in so geringer Anzahl vorhanden, dass man eigentlich von diesem stolzen Namen absehen sollte. Da jeden Sonntag regelmässig in den Vormittagsstunden, und auch an anderen Abenden hin und wieder Concerte in diesem Garten gegeben werden, und Schaukeln u. s. w. für die Kinder sich dort befinden, so tritt die Sammlung der Pflanzen und Thiere in den Hintergrund, wird auch so ziemlich vernachlässigt, und dieser Garten ist also ein schöner Unterhaltungsort der batavischen Jugend und beau monde.
Nebstdem kauften wir in den Geschäften (Toko M.) von Ryswyk, Noordwyk, Molenvlit, Tanah-Bang und Passar-Baru (im chinesischen Viertel) ([Fig. 12]) alle petits riens für unsere Wohnung in Ngawie, weil, wie wir hörten, in dieser Garnisonstadt sich nur ein einziger Toko befand.
Am 20. September konnte ich Weltevreden mit dem Dampfer verlassen, und am andern Tag Abends kamen wir in Samarang an. Reglementär war ich nur verpflichtet, am andern Morgen mit dem Zuge um 8 Uhr sofort meine Reise nach meinem angewiesenen Garnisonsort fortzusetzen; mein militärisches Gewissen forderte mich jedoch auf, mich persönlich dem Landes-Sanitätschef und dem Landes-Commandanten der »zweiten Militär-Abtheilung« vorzustellen, und ich beschloss also, zu diesem Zwecke in dieser Stadt einen Tag zu bleiben; ich wohnte im Hotel Pavillon und erfuhr zu spät, dass in diesem Hotel den Tag vorher ein Passagier der Cholera erlegen war. Offenbar unter dem Eindruck dieser Kunde erwachte in der zweiten Nacht meine Frau mit allen Erscheinungen dieser Krankheit, ohne dass im weiteren Verlaufe mehr als eine heftige Cholerine daraus wurde. Es gelang mir, mit einer grossen Dosis Laudanum alle Symptome in kürzester Zeit zu bekämpfen, so dass meine Frau mit Ungeduld die Morgenstunden erwartete, um so bald als möglich dieses Hotel und die Stadt verlassen zu können. Um 8 Uhr 31 Minuten reisten wir ab.
Eine drückende Hitze herrschte in den Waggons, welche gar nicht dem Klima der Tropenwelt Rechnung trugen, sondern, wie die böse Welt erzählte, in Europa zurückgestellte und von den holländischen Eisenbahnen nicht angenommene Waggons waren. Bei Kedong Djatti zweigt sich die Bahn in zwei Aeste, der eine geht nach Wilhelm I., welches damals die stärkste Festung Javas war und heute noch nicht mit dem benachbarten Magelang, der grössten Militär-Colonie Javas, durch eine Eisenbahn verbunden ist, und der zweite Ast ging nach Solo, der Hauptstadt des Kaiserthums Surokarta. Hier beginnt die Staatsbahn, welche nach Surabaya führt und eine grössere Spurweite als die Linie von Samarang-Wilhelm I. hat. Ich musste also übersteigen, nebstdem hatte ich noch Zeit, im Stations-Gebäude meine »Reistafel« zu nehmen, und kam gegen 2 Uhr nach Paron, welches die letzte »Halte« vor Ngawie ist. Dunkel sind die Wege der Eisenbahn-Politik. Fächerartig läuft der Lawuberg (3254 Meter hoch) mit seinen Abhängen gegen die kleine Hochebene aus, in welcher Ngawie liegt; eine schöne breite Heeresstrasse läuft in ihr und mit ihr in einem grossen Bogen von Solo nach Madiun, und doch verlässt die Schiene schon im ersten Viertel der Ebene (bei Sragen) das flache Land, um in grossen Krümmungen das Gebirge zu durchkreuzen und erst zwei Halten vor der Hauptstadt der Provinz Madiun (bei Purwodadi) in die Ebene zurückzukehren. Die Zuckerfabriken dieser Provinzen und die grosse Holzhandlung der benachbarten Provinz Rembang hätten einen gleichmässig vertheilten Vortheil von dieser Eisenbahn haben können, ohne dass Ngawie 10 Kilometer von der Eisenbahn entfernt bleiben musste.
Ueberrascht[83] stand ich nämlich bei der kleinen Halte Paron, als ich vor mir eine grosse Ebene sah, ein grosser Reisewagen mich, meine Frau und meinen Bedienten aufnahm und von Rindern gezogene Frachtwagen meine Koffer und Kisten nach Ngawie bringen sollten.
Ngawie besitzt nicht nur eine Strafanstalt für unverbesserliche Soldaten, sondern auch eine Pulverfabrik. Wie viel Transportkosten jährlich mit den Bedürfnissen von zwei so grossen Etablissements verbunden sind, wird wohl die indische Regierung bis auf einen Kreuzer wissen; dass sie aber dessenungeachtet Ngawie nicht in das Netz der Eisenbahnen einbezogen hat, lässt mich annehmen, dass sie die Existenzfähigkeit der einen Anstalt überhaupt in Zweifel zieht. Ngawie soll eine Besserungsanstalt für widerspenstige Soldaten sein und hatte bis zum Jahre 1888 nur acht (!!) Soldaten der Armee zurückgegeben. Entweder ist das Princip derselben ein verfehltes, oder die Anwendung des Reglements ist eine tactlose, oder es ist beides der Fall. Ich bin zweimal in Ngawie, im Ganzen ungefähr zwei Jahre, gewesen und habe während dieser Zeit drei Commandanten gehabt; ich kann daher eine Ansicht über dieses Institut haben und darf sie darum vielleicht mehr als mancher Andere auch aussprechen.
Die brennenden Sonnenstrahlen standen während der ganzen Reise über unsern Häuptern, und die ausstrahlende Wärme des Bodens liess uns in der Ferne die Luft wie die Wellen einer sanftbewegten Meeresfläche erzittern sehen. Es war ein neun Kilometer langer ebener Weg vor uns, auf dem zu beiden Seiten nur junge Bäume standen. Plötzlich erhob sich, ich möchte beinahe sagen unvermittelt, ein Sturmwind, und wir sahen bei vollkommen heiterem Himmel einige tausend Meter vor uns entfernt eine ungeheure Staubwolke von Westen nach Osten unsere Wege kreuzen und sofort darauf sich zu einer compacten Masse, zu einer Sandhose concentriren. Zwei ungeheure Sandkegel standen mit ihren Spitzen aufeinandergestellt. Die Basis des einen bog sich auf der Strasse immer mehr und mehr nach Osten, während die Basis des zweiten Kegels hundert Meter hoch über dem Boden dem Hügelland in der Provinz Rembang zueilte. Wie ich später hörte, waren nur einige Bäume dieser Windsbraut zum Opfer gefallen.
Nach 1½ Stunden gelangten wir nach Ngawie, passirten zuerst das Gefängniss und kamen dann auf den Schlossplatz (Alang-âlang), dessen Nordfront von der Wohnung des Regenten und einer europäischen Schule eingenommen wurde. In der Mitte stand ein grosser Waringinbaum als Wahrzeichen der höchsten Würde, welche der Regent in diesem Districte führte. Auf der Ostseite dieser grossen Grasfläche stand das Haus des Assistent-Residenten mit der holländischen Flagge und daneben das Postamt. Hier schloss die Stadt Ngawie stricte dictu. An der Westseite begann eine lange Strasse, welche nur von Chinesen bewohnt war, und nach der letzten Krümmung dieses Weges sah man im Hintergrunde das Fort mit seinen Adnexen: zunächst ein Pulvermagazin zur Rechten und zwei Officiers-Wohnungen zur Linken, weiterhin die Cantine und dahinter verborgen von Wällen und umgeben von einem Wassercanal das Fort selbst. Die Pulverfabrik lag ausserhalb der Stadt, im Westen des grossen Grasfeldes. Da mein Vorgänger ohne Frau war und nebst seinen Dienstpflichten auch die häuslichen Angelegenheiten zu besorgen hatte, konnten wir bei ihm nicht logiren, sondern mussten in das Pesanggrâhan ziehen, welches von einem Schreiber des Assistent-Residenten gegen eine staatliche Subvention von 50 fl. pro Monat für die durchreisenden Beamten, Officiere und Reisenden schlecht und recht gehalten wurde. Es war ein Haus aus Bretterwänden, welche spärlich mit Kalk bedeckt waren. In dem Zimmer, welches mir und meiner Frau angewiesen wurde, hing zu meiner Ueberraschung ein Thermometer, es zeigte 100° F. = 37° C. Wir eilten in das Badezimmer, um uns, so viel es möglich war, durch ein Schiffsbad (Sîram M.) zu erfrischen, und setzten uns in der »Vorgalerie« nieder, um durch eine Schale Thee und ein Glas durch Eis abgekühltes Mineralwasser unsern Durst zu löschen. Ungefähr 5½ Uhr waren wir wieder angekleidet und zogen nun aus, um den Ort kennen zu lernen. Wir nahmen zunächst unsern Weg durch das chinesische Viertel. Ist an und für sich beinahe in ganz Indien das Stadtviertel der Chinesen ob seines Schmutzes und üblen Geruches berüchtigt, so fanden wir hier noch dazu das abscheuliche Bild einiger Leprösen, welche in der Strasse bettelten und ihre faulenden Glieder nur mangelhaft mit schmutzigen Lappen bedeckt hatten. Nach der letzten Krümmung des Weges passirten wir das neu errichtete Spital für Prostitués und ungefähr 200 Schritte davon entfernt das Haus des rangältesten Militärarztes, welches von meinem Vorgänger bewohnt wurde. Es war ein steinernes Gebäude im altgriechischen Stile, hatte vor der Vorderfront einen kleinen und an der Ostseite einen grösseren Garten mit zahlreichen Fruchtbäumen. Ein geschäftiges und reges Treiben herrschte im Hause selbst und in dem umgebenden Garten. Nach landesüblicher Weise sollte ja nun von ½7–8 Uhr »Beschautag« sein, d. h. es sollte die ganze Einrichtung, welche am nächsten Tage unter den Hammer kommen sollte, von den Damen mit ihren Männern besichtigt werden, während bei der Auction selbst nur die Männer als Käufer auftreten können. Zu diesem Zwecke wurden alle Möbel polirt, ihre schadhaften Stellen mit Farbe angestrichen, alle Lampen gefüllt und angezündet, zerbrochene Stühle geleimt, gefärbt und polirt, alte Bücher werden auf dem Bücherschrank in Packeten geordnet, alte Wäsche mit schönen blauen oder rothen Bändchen zusammengebunden, das Küchengeschirr mit Sand fein abgerieben und in der Hintergalerie unter dem Tische aufgestellt, die Pferde und Kühe wurden schön gewaschen und jeder Riss in der Farbe des Wagens verkittet und neu lackirt.
Wir kamen also meinem Collegen gewissermaassen ungelegen. Er schlug uns jedoch vor, ohne sein Geleite die Räumlichkeiten zu besichtigen, welche unser zukünftiges Heim werden würden, und ruhig die Wahl unter den Möbeln zu treffen, welche den andern Tag bei der »Vendutie« (Auction) gekauft werden sollten. Wir konnten nebstdem das Angenehme mit dem Nützlichen vereinigen. Um 7 Uhr sollten die kauflustigen Bewohner Ngawies sich einfinden, und bis zu dieser Stunde konnte ich in Ruhe und Musse mit meiner Frau die Wahl der Möbel getroffen haben und danach mit allen Notabeln dieser Provinzstadt Bekanntschaft machen. Unterdessen fuhr Dr. X. mit einer gemietheten Equipage durch die Stadt, um seine letzten Abschiedsvisiten zu machen. Ueberall gönnte er sich kaum Zeit, um sich zu setzen, versicherte, dass er von seiner Transferirung nach Surabaya eingenommen sei, dass ihm die Vorbereitungen zur Auction so viel Scheerereien gemacht hätten, weil seine Frau zufällig nach Batavia zu ihren Eltern abgereist, und dass dieses die Ursache sei, dass er keinen Abschiedsempfang halten könne und darum jetzt definitiv Abschied nehme; so eilte er weiter zu Jedem, dem er »anständiger Weise« einen Besuch machen konnte; denn nur auf diese Weise konnte er hoffen, dass auch die »kleinen« Menschen zu der Auction seiner Einrichtung kommen würden und mit der Zahl der Käufer auch die Kauflust sich erhöhe. Die strenge Scheidewand zwischen Europäern einerseits und Chinesen, Arabern und Eingeborenen andererseits fällt durch das Zauberwort »Vendutie«. Schon am Abend vor der Auction kommen Alt und Jung, Mann und Frau, Araber, Chinesen, Europäer, General und Soldat in das Haus eines Jeden, ob Schreiber oder Resident, ob gemeiner Soldat oder Oberst, sie alle durchziehen das Haus, um die hell erleuchteten Räume zu durchschnüffeln, zu bekritteln und — von ihren Frauen Aufträge für dieses oder jenes Bild, für diesen oder jenen Blumentopf, oder für ein Bügeleisen zu erhalten. An diesem »Beschauabend« kommt aber auch Freund und Feind. Endlich wird es 8 Uhr; der Schauplatz wird leer, die Bedienten löschen die Lampen aus und der Hausherr ist bei einem seiner Freunde zum Abendessen eingeladen, weil in seinem ganzen Haus kein Plätzchen frei ist, auf das er einen Teller oder Glas niedersetzen könnte; auf allen Tischen und Kisten liegen die Gläser, Teller, alte Hosen, Nippsachen, verrostete Revolver, alte Bücher, geflickte Schuhe u. s. w. Endlich bricht der grosse Tag an. Um 8½ Uhr sitzt der Ausrufer mit einem grossen Becken vor dem Hause und ruft mit lauten Schlägen die Kauflustigen herbei. Im Fort sind alle Dienste beendigt, um den Officieren und Soldaten Gelegenheit zu geben, »zur Vendutie des ‚Eerstaanwezenden Officiers van Gezondheid‘ zu gehen«, d. h. wenn der Platz-Commandant mit dem Chefarzt gut befreundet war; im anderen Falle sind gerade wichtige Commissionen an Tagesordre, so dass die Officiere u. s. w. erst um 12 Uhr dahin gehen können. Ich habe 7 Jahre später es sogar erlebt, dass an dem Tage der Auction meiner Einrichtung grosser militärischer Marsch angekündigt wurde, und die Officiere und Soldaten erst um 3 Uhr nach Hause kamen. Noch vortheilhafter ist es, den Assistent-Residenten zum Freunde zu haben; denn er kann ja alle Beamten seines Bezirkes gerade an diesem Tage zur »Conferenz« nach der Hauptstadt des Bezirkes einladen und mit ihnen zur Auction gehen. Im andern Falle schickt er gerade an diesem Tage alle Beamten seiner Bureaux zu wichtigen Untersuchungen in die abgelegenen Dörfer oder giebt ihnen sofort zu behandelnde Sachen; so viel wie möglich werden jedoch die civilen und militärischen Häupter des Ortes persönlich auf der Auction erscheinen, ja vielleicht selbst um ein paar Gulden eine Kleinigkeit kaufen, um den Schein zu bewahren, dass die schöne Harmonie zwischen diesen beiden Mächten nicht gestört sei.
Endlich ist es 9½ Uhr geworden und die Schlacht beginnt mit den grossen Möbeln, Kästen, Betten u. s. w., auf welche in der Regel nur der Nachfolger und andere Neuangekommene reflectiren; die Zahl dieser europäischen Käufer ist natürlich klein, und es ist mit Recht zu fürchten, dass das Erträgniss derselben nicht gross sein wird; aber die eingeborenen Beamten, Häuptlinge, und besonders die Chinesen, sind die Hauptmacht, welche bald mit ihren Reservetruppen, den persönlichen Freunden des Besitzers, und dem Schnaps, dem Bier und dem Grog heranrücken, um ein glänzendes Resultat zu ermöglichen. Wehe dem Neuling, welcher zum ersten Male auf diese Weise seinen Bedarf an Möbeln, Gläsern, Geschirr u. s. w. decken will und muss, ohne diese Intriguen zu kennen. In der Regel kennt er den factischen Ladenpreis dieser Sachen nicht; wenn jedoch wie ein Salvenfeuer von ungeübten Recruten von allen Seiten satu rupia = ein Gulden gerufen wird, dieses Salvenfeuer Minuten lang anhält, dann lässt er sich mitreissen und ruft immer und immer »ein Gulden«; das Raketenfeuer beginnt zu erschlaffen, und es folgt jetzt klein Geschütz: sa téngah = ½ Gulden, und endlich bleibt er in diesem edlen Wettstreit Sieger und hat einen alten, wurmstichigen Kasten um einen Preis erstanden, für welchen er sicher einen schönen neuen Kasten bei einem chinesischen Möbelhändler hätte kaufen können. Die grossen Möbel, wie Kästen, Tische, Stühle und Wandgemälde finden in der Regel immer einen Käufer, weil der Comfort bis in das kleinste Dorf schon gedrungen ist, und man kann — wenigstens auf Java — bei jedem Häuptling einen Schaukelstuhl, einen polirten Tisch mit oder ohne Tischtuch, eine Petroleumlampe, oder selbst ein eisernes Bett mit Mosquitonetz, oder sogar das Porträt des deutschen Kaisers finden. Mit dem »Aufjagen« der Preise für die grossen Stücke haben die Freunde des Besitzers ihre Aufgabe noch nicht gelöst; sie haben ja untereinander einen Reservefonds von 50–100 fl. angelegt, um etwaige Verluste zu decken, d. h. sollte ein Kasten oder Tisch u. s. w. ihnen zugeschlagen worden sein, weil sich der »Baar« zu klug für sie erwies, ohne dass Einer oder der Andere dafür Bedürfniss hätte, wird er nochmals licitirt und der Unterschied des Preises wird durch den Reservefonds ausgeglichen.
Die Hauptschlacht der Freunde wird nämlich beim Tische geführt, welcher mit den petits riens, mit den Nippsachen, Büchern, Photographien, Luxusgläsern u. s. w. beladen ist. Es ist unterdessen 11½ Uhr geworden, die Zeit für das »Bitterchen« ist herangerückt, die Luft im Zimmer ist heiss und schwül geworden, und die Gläser mit Bier, Bitterchen, Brandy-Soda und Whisky-Soda rücken in Schaaren heran (natürlich auf Kosten des freigebigen Hausherrn).
Dicht gedrängt stehen Europäer, Chinesen und Eingeborene um den Tisch, und mit Mühe drängt sich der Abrufer und der Schreiber durch die Menschenmassen, um einen Platz bei demselben zu finden. Der Notar selbst steht in der Nähe, um zur rechten Zeit in strittigen Fällen sein entscheidendes Wort geben zu können. Ist die Zahl der Freunde gross, dann wird die Auction in diesem Sinne zu einem gemüthlichen, häuslichen, aber auch lebhaften Feste. Von allen Seiten werden die bereits verkauften Stühle von den Käufern oder von ihren Bedienten herbeigeschafft, und mit dem Glas Bier oder Brandy-Soda vor sich, beginnt das Bieten mit erneuter Kraft. Ein halber, ein viertel Gulden ertönt es in allen Tonarten von allen Seiten, dort steht ein Mann und winkt dem Abrufer jedesmal zu, hier wieder einer, der nur einen Finger an die Nase führt, um ihm zu zeigen, dass er noch einen viertel Gulden mehr biete, und endlich fällt der Ruf: Zum dritten Male 8 fl. für die Karaffe für Herrn X. Nun ruft der Herr Y.: mir gehört die Karaffe, denn ich habe 8 fl. dafür geboten. Das ist nicht wahr, ruft ein Dritter dazwischen, bevor der Ausrufer das »dritte Mal« aussprach, habe ich noch einen viertel Gulden geboten, sie gehört mir für 8¼ Gulden. Der Notar erscheint, erklärt den Kauf für ungültig, und noch einmal beginnt der Kampf. Durch den Wettstreit erhitzt, steigt der Preis diesmal bis auf 15 Gulden, für welchen Preis sie dem Herrn X. zufällt (der natürlich zu Hause von seiner Frau die heftigsten Vorwürfe bekommt, für einen solchen »Schmarn« 15 fl. geboten zu haben). Der Stein ist jedoch jetzt im Rollen, und Niemand hält ihn auf. Der Vorrath an »Kleinigkeiten« droht sich zu erschöpfen. Es ist 1 Uhr geworden, und wenigstens noch eine halbe Stunde wollen die Freunde »dem gemüthlichen Beisammensein« kein Ende machen; erst werden also die Flaschen Brandy geöffnet und jedes Gläschen unter den Hammer gebracht, bevor es ausgetrunken werden darf, und wenn diese geleert sind, werden die restirenden Gläser zweimal, dreimal, selbst viermal verkauft, bis endlich das Küchengeräthe an die Reihe gekommen und die »Vendutie« abgelaufen ist.
Fig. 10. Eine sundanesische Frau in ihrer Haustoilette.
Die Glücksgüter sind auf der Erde ungleichmässig vertheilt, und auch das Erträgniss der Auctionen variirt sehr — je nachdem man in der Gunst des Publicums steht. Nur ausnahmsweise erfreut sich ein Lieutenant oder ein Schullehrer einer solchen Popularität oder eines solchen grossen Kreises von Freunden, dass die Auction nahezu die Kosten der Anschaffung deckt, oder dass er selbst beim Verkauf seiner Einrichtung noch einen kleinen Betrag gewinnt. Die höchsten Beamten und Officiere einer Provinz (Residentschaft), welche durch ihre Stellung einen grossen Einfluss auf die Lieferanten der Armee und die verschiedenen Aemter haben, sind die vom Glücke begünstigtsten. Der Durchschnittspreis der »Vendutie« der Residenten kann gewiss auf 15–20,000 fl. gerechnet werden, wenn wir die Einrichtung seines Hauses auf ungefähr 10,000 fl. anschlagen; ja noch mehr; ich bezweifle es, ob jemals ein Resident an dem Einkaufspreis seiner Einrichtung auch nur einen einzigen Gulden verloren, selbst wenn er zehn Jahre lang von seinen Möbeln u. s. w. Gebrauch gemacht hat. Der Chinese kann sich selbst den ehrlichsten Contract ohne Bestechung nicht vorstellen. Kommt nun ein neuer Resident ins Amt, der durch die Unbescholtenheit seines Charakters bekannt ist, will der Chinese ihm zeigen, was er zu erwarten habe, wenn er ihm bei der Uebernahme einer Lieferung keine Schwierigkeiten in den Weg legt; er beginnt bei der Auction des abtretenden Residenten sofort, sagen wir 100 fl. für den ersten Blumentopf mit lauter Stimme zu bieten, oder 2000 fl. für dessen Reitpferd, jedoch nicht um es nach Hause bringen, sondern in dem Stall »irrthümlicherweise« stehen zu lassen. In der Regel versteht der neue Resident diese Art der Bestechung und schickt sofort das »vergessene« Pferd dem Käufer zu; der Chinese jedoch hat seine Captatio benevolentiae gezeigt und ist zufrieden. Aber auch der europäische Pflanzer will sich um die Gunst des neuen Residenten bewerben, behält sich jedoch vor, erst am Ende seiner Herrschaft seine Dankbarkeit für das entgegenkommende oder vielleicht behülfliche Benehmen des Residenten mit klingender Münze zu bezeigen. Hat der Resident während seiner Amtsthätigkeit die von so arger Fiscalität zeugenden Gesetze mit Tact und Billigkeit ausgeführt, so zeigen sich auch die Zucker- oder Indigopflanzer beim Scheiden des Residenten erkenntlich und trinken während der »Vendutie« auf das Wohl des abreisenden Residenten Champagner, welchen sie selbst mitgebracht haben und glasweise unter den Hammer bringen; 10–100 fl. werden für das erste Glas Champagner geboten, und zuletzt werden auch die Gläser mit 1–100 fl. bezahlt, aus welchen auf die Gesundheit des scheidenden Residenten getrunken wurde. Nur ein Missbrauch dieser Einrichtung ist mir bekannt. Die zahlreichen eingeborenen Beamten werden moralisch gezwungen, bei jeder Auction eines Controleurs, Assistent-Residenten und Residenten zu erscheinen und zu kaufen; da der Gehalt derselben niemals ausreicht, ihre Bedürfnisse zu decken, weil Jeder von ihnen ein grosses Gefolge hat, das von dessen Erträgnissen lebt, so verfallen sie in Schulden und suchen sich auf andere Weise dafür zu entschädigen, und zwar auf Kosten des kleinen Mannes, wie wir noch sehen werden. Im Uebrigen entspricht dieses Auctionsamt einem tiefgefühlten Bedürfnisse:
Wenn auch in den letzten Jahren die Eisenbahn den Norden der Insel Java mit dem Süden, und den Osten mit dem Westen verbindet, so ist das Netz doch noch nicht hinreichend entwickelt.[84] Die Transportkosten durch Kulis oder Lastwagen sind sehr gross; es ist daher der abreisende Beamte, Officier, Lehrer u. s. w. gezwungen, seine Einrichtung zu verkaufen. Er findet in dem Vendu-Departement, welches dem Finanzministerium untergeordnet ist, eine ausgiebige Hülfe. Mit Hülfe eines Commissionärs oder eines Freundes meldet er bei dem damit betrauten Beamten seine Auction an, und das Erträgniss wird ihm in der Form eines Acceptes, welches nach vier Monaten fällig ist, ausbezahlt; wenn ich mich nicht irre, muss der Verkäufer 2% des Erträgnisses für die Auction bezahlen. Der Eingang des Erträgnisses ist ihm so sicher (der Staat übernimmt ja die Bezahlung), dass er in der Regel die Auction nicht einmal abwartet, sondern abreist und das Venduaccept sich nachschicken lässt. Dieses wird von allen Privatbanken gerne discontirt. Andererseits hat Jedermann, ob er eine Frau und zahlreiche Kinder hat oder ledig ist, bei der Ankunft aus Europa oder einem anderen Orte nicht immer disponibles Geld, um sich einrichten zu können; wenn er auch vielleicht bei jedem Möbelmacher (NB. wenn einer vorhanden ist, was im Innern der Insel nicht immer der Fall ist) auf Credit die ganze Einrichtung seines Hauses bekommen könnte, so convenirt ihm oft dieses nicht; er kauft also das momentan Nothwendige »auf der nächsten Vendutie«, kann den Betrag 3–4 Monate später bezahlen und bezahlt dafür 6% des Betrages und 1‰ für den Armenfonds.
Stilgerecht ist eine solche Wohnung allerdings nicht eingerichtet; jene Glücklichen, welche Stil in ihrer Wohnung und in ihrem Hause entwickeln wollen, scheuen nicht die grossen Kosten einer neuen Einrichtung; wer aber billig und schnell unter Dach kommen will, der kauft »auf Vendutie« alte Möbel und Verzierungen und verkauft sie wieder bei der nächsten Transferirung.
Selbstverständlich machen auch der Handel und die Schifffahrtsgesellschaften häufig von dem Auctionsamt Gebrauch.
In den ersten Monaten meines Aufenthaltes in Ngawie hatte ich einen Assistenzarzt, dem ich den Dienst in der Apotheke, in der Caserne und im Frauenspitale anvertraute. Den Officieren liess ich die Wahl, ob sie im Erkrankungsfalle ihrer Angehörigen mich oder den Assistenzarzt um Hülfe ersuchen wollten, und dennoch war ich von früh bis abends und oft bis spät in die Nacht mit Arbeiten überladen; ich führte nämlich mit allen meinen Vorgesetzten Krieg, und das Geschütz waren — Briefe.
Wenn ich den Dienst im Spitale beendigt hatte, zog ich mich in mein Bureau zurück, um anfangs durch das Studium des Archivs die Auffassung der herrschenden Verhältnisse von Seiten meiner Vorgänger und früheren Chefs kennen zu lernen und späterhin, um auf schriftlichem Wege die von mir nöthig erachteten Vorschläge auseinander zu setzen.
Als Rangältester war ich der »Eerstaanwezende Officier van Gezondheid« und als solcher der verantwortliche Chef für die Abtheilung Ngawie und theilweise auch für die Provinz Madiun.
Diese Provinz ist nicht gross, sie hat 106,822 Quadrat-Meilen mit 1,070,074 Einwohnern,[85] worunter 1276 Europäer und 3904 Chinesen. Auf die ☐Meile kommen also 10,109 Einwohner oder auf den ☐km ungefähr 235 Seelen. (Der dicht bevölkerte Staat Belgien hat 200 Einwohner auf den ☐km.) Madiun hat also eine ziemlich starke Bevölkerung. (Die Provinz Bageléen hat sogar 20,000 Einwohner pro ☐Meile oder 365 auf den ☐km.)
Von den wenigen Flüssen dieser Provinz ist hier nur der Bengawan erwähnenswerth, der bei Ngawie an der Grenze der Provinz Rembang mit dem Madiunfluss sich vereinigt und unter dem Namen Solofluss bei Surabaya sich in den Javasee ergiesst. Zahlreiche Berge und grosse Gebirgsstöcke durchziehen diese Provinz. Die höchsten Berge sind der Berg Lawu (3254 Meter), der Berg Willis (2551 Meter) und der Berg Manjutan (1554 Meter). Zahlreiche warme Quellen entspringen dem vulcanischen Boden Javas. Schon ungefähr 400 Beschreibungen sind bekannt von den in Indien vorkommenden warmen Quellen; so hat auch die Provinz Madiun in der Nähe des Berges Willis Brunnen von Kohlensäure, neben dem Bergsee Nebel (715 Meter hoch) alcalische Säuerlinge, und hinter Ngawie selbst fand ich die warme Quelle Sendáng,[86] welche in früherer Zeit zum Baden gebraucht wurde. Sie ist nämlich von einer ungefähr drei Meter hohen steinernen Mauer umgeben, so dass ich auf einer Leiter hinuntersteigen musste, um sie benutzen zu können. Die in der Nähe sich befindenden Eingeborenen konnten mir keine Auskunft über das Alter dieser Mauer angeben und wussten nur mitzutheilen, dass tempo dulu, dulu, d. h. in längstvergangenen Zeiten ein Badeplatz hier bestanden habe.
Auch Erdöl wird im Bette des Soloflusses gefunden.
Meine Vorgesetzten waren folgende:
- Der Platz-Commandant, der in allen militärischen Fragen, selbst wenn sie das rein Technische des Militärarztes streifen, berechtigt und verpflichtet ist, dem ihm zugetheilten Militärarzt die Directive zu geben. Die Grenzen, wie weit ein solcher Laie gehen soll und darf, lassen sich natürlich durch kein Gesetz scharf bezeichnen, und ich habe es erfahren, wie unerträglich, lästig und selbst sehr unangenehm ein Haudegen werden kann, wenn er als Platz-Commandant überhaupt keine Grenzen seiner Machtvollkommenheit kennen will.
- Der Landes-Sanitätschef, der in Samarang seinen Sitz hatte, war de facto und de jure mein Chef. Er hatte nicht allein den technischen Theil meiner Arbeit zu beurtheilen (trotz der örtlichen Entfernung), sondern er musste auch die Mittheilungen des Platz-Commandos über mein Benehmen als Mann und Officier zur Zusammenstellung der Qualificationsliste benutzen. Wenn er auch als Chef dem Reglement zufolge das Interesse seiner Untergeordneten beherzigen musste, hat er es doch nie gethan, weil er als mein persönlicher Feind geradezu jede Objectivität mir gegenüber verlor, und selbst jede Gelegenheit suchte, sein Müthchen an mir zu kühlen, wozu ihm das militärische Disciplinargesetz reichlich Handhabe bot.
- Der Resident (Statthalter) der Provinz Madiun. Jeder Militärarzt geniesst je nach seinem Range für »civile« Dienste eine monatliche Zulage von 50–100 fl. und verpflichtet sich stillschweigend dadurch, die Armenpraxis zu üben (dazu gehören auch die europäischen Beamten, welche weniger als 150 fl. monatlichen Gehalt haben), die gerichtlichen Fälle zu begutachten, die Gefangenen zu behandeln und die Prostitués zu untersuchen u. s. w., kurz gesagt, den Dienst eines Polizei-, Armen- und Bezirksarztes zu thun; NB. wenn ein Civilarzt nicht anwesend oder aus irgend einer Ursache nicht dazu geeignet ist. Durch diese Dienstleistungen tritt der Militärarzt in ein dienstliches Verhältniss auch zum Residenten, ohne jedoch in der Regel mehr, als durch die Arbeit nöthig ist, belästigt zu werden. Ich hatte in Ngawie oft, selbst sehr oft für diese Zulage von 50 fl. monatlich, Arbeiten zu leisten, welche in gar keinem Verhältnisse zu dieser Bezahlung standen (an anderen Orten aber, wie z. B. in Batavia oder Samarang, erhält man diese Zulage, ohne auch nur etwas dafür leisten zu müssen), und der Assistent-Resident hat als Vertreter des Residenten in der Regel für das Verhältniss des Militärarztes zu diesem ein richtiges Verständniss. Die Ausnahmen bleiben nicht aus, wo die zwei Mächte des Staates sich nicht vertragen, und überall entstehen Streitigkeiten, und immer wird die Harmonie des Ortes gestört, wenn der Platz-Commandant im Range nicht viel niedriger ist, als der Vertreter der Regierung. Diese Rangstreitigkeiten ziehen sich wie ein rother Faden durch die Chronica scandalosa der Garnisonsplätze, und der Militärarzt muss durch seine Stellung nur zu oft das vermittelnde und verbindende Element in diesem Kriege werden.
- Der Inspector des »bürgerlich ärztlichen Dienstes«, welcher im Range eines Oberstabsarztes der Adviseur des Sanitätschefs in allen hygienischen Fragen der Colonien ist und die Impfung durch das grosse Corps der eingeborenen Vaccinateure leitet. Als »Eerstanwezend Officier van Gezondheid« zu Ngawie war ich verpflichtet, die Vaccinateure der Abtheilung Ngawie zu controliren, ihre Rapporte entgegenzunehmen und auf dienstlichem Wege diese meinem vierten Chef einzusenden.
Am 24. März 1889 wurde mein Assistenzarzt von Ngawie abberufen, und ich musste nun auch den »Garnisonsdienst« und die Arbeiten in der Apotheke auf mich nehmen. Als »Garnisonsdoctor« musste ich auch auf dem Executionsplatze anwesend sein, wenn ein Insasse Stockschläge bekam. Widrige Scenen habe ich damals gesehen, aber das maassvolle, ruhige und humane Auftreten der zwei ersten Platz-Commandanten gab mir keinen Anlass, mit dem herrschenden Princip der Stockschläge mich zu beschäftigen. Der Geist des Gesetzes, Soldaten, welche durch kein Disciplinar-Verfahren zur Zucht und Ordnung herangezogen werden konnten, vielleicht durch die Schläge zu brauchbaren Mitgliedern der Armee zu machen, wurde in tactvoller Weise gehandhabt. Erst als der Major X. eintraf, welcher 1½ Jahre später dahin versetzt wurde, war meine und die Ruhe aller übrigen Officiere dahin.
Ist es schon an und für sich ein Anachronismus, Soldaten, welche keine Verbrecher sind, durch Stockschläge zur Reinlichkeit oder zur Zucht und Ordnung zwingen zu wollen, und ist diese ganze Anstalt geradezu ein Schandfleck der indischen Armee, so erniedrigte dieser Commandant durch seinen Uebereifer die Officiere zu einer rohen, herzlosen Soldateska, seine Unterofficiere zu Henkersknechten und die Soldaten zu Sclaven. Die Scenen, welchen ich damals beigewohnt habe, widern mich noch heute an. Wenn dieser Major durch die geübte Feder seines Vaters in Nr. 208 des »Javabode« vom Jahre 1891 eine Lanze für die »Stockschläge« in der Armee einlegen liess, um das Armee-Commando in der durch mich angeregten Polemik für sich zu gewinnen, so ist ihm dies gelungen; er avancirte und mir wurde die Carrière abgeschnitten; ich aber habe nicht den Fluch von hunderten Soldaten, und gewiss nicht viel weniger Officieren auf mich geladen. Im Norden der Stadt Ngawie, ungefähr ½ km entfernt von der Mündung des Madiunflusses in den Solofluss, liegt das Fort »General van den Bosch«. Zugbrücken, Wälle und Gräben, steinerne Casernen und Kasematten sind dieselben, wie sie alle Forts aus jener Zeit haben, in welchen die Kanonen kaum 1–2 km Schussweite hatten. Auf der Südseite führte ein grosser Gang in den ersten Hof, in welchem sich die Wohnung und das Bureau des Platz-Commandanten und einiger Officiere befanden. Der Platz-Adjutant hatte sein Bureau in einem Zimmer, welches in diesem Gange auf der rechten Seite lag; in diesem Zimmer hielt der Platz-Commandant täglich den Rapport, bei welcher Gelegenheit ihm auch alle Soldaten vorgeführt wurden, welche im Laufe der letzten 24 Stunden sich etwas hatten zu Schulden kommen lassen. Nach den für diese Anstalt bestehenden gesetzlichen Bestimmungen, welche auch in das neue Reglement von 1891 aufgenommen sind, existiren für diese, mit Recht will ich sie so nennen, Unglücklichen nur zwei Strafen: Cachot und zehn oder zwanzig Stockschläge. Natürlich bleibt es dem Tacte und dem Ermessen des Commandanten überlassen, wann und ob überhaupt eine dieser beiden Strafen angewendet werden soll. Als der genannte Major X. das Bedürfniss empfand, sein System von seinem Vater (natürlich anonym) in einer Zeitung vertheidigen zu lassen, waren in einem einzigen Monat 70%, sage siebzig Procent![87] des I. Standes mit zwanzig Stockschlägen bestraft worden. Wie weit dieser Major unseligen Andenkens die Abschreckungstheorie des Strafens getrieben hat, werden folgende zwei Beispiele am besten illustriren:
Eines Tages stand ich mit dem einzigen Officier, welchem das Thun und Lassen unseres Commandanten sympathisch war, in der Nähe des Platzbureau, als der Rapport einrücken musste. In strammer Haltung und im Paradeschritt eines preussischen Grenadiers zog der Zug ein Mann hoch an uns vorbei, und zwar mit einer Schwenkung nach rechts. Einer der Sträflinge drehte jedoch bei dieser Gelegenheit reglementswidrig auch seinen Kopf nach rechts. »Dafür giebt’s wiederum zwanzig Schläge!« rief frohlockend dieser einzige Bewunderer unseres allzu strengen Commandanten, obwohl er als Fachmann wissen musste, dass in der Regel nur links geschwenkt wird, wobei der Kopf rechts gedreht werden muss.
Noch charakteristischer ist folgender Fall, welcher gleichzeitig der Anlass zu einer grossen Polemik zwischen Major X. und mir und die erste Ursache meines Sturzes wurde.
Ein Zug von Sträflingen war zum Rapport angetreten. Plötzlich bemerkte der Commandant, dass einer derselben nicht gerade vor sich hinblickte; er rief dem Schuldigen das Commando »Lîhat trus« (= Geradeaus schaun) zu, und als dieser, eingeschüchtert durch den strengen Blick des Majors, im folgenden Augenblick wieder den Kopf ein wenig zur Seite drehte, legte ihm der Commandant sofort die Strafe von 20 Stockschlägen auf. Ueblicher Weise wurde der Delinquent zu mir gebracht, um untersuchen zu lassen, ob kein Hinderniss für die Ausführung der Strafe vorliege.
Als Maassstab zur Beurtheilung dieser Frage hatte ich (und auch mein Vorgänger), abgesehen von acuten Krankheiten oder schlechtem Allgemeinbefinden u. s. w., den Zustand der Hinterbacken angenommen.
Dieser Delinquent hatte kurz vorher dieselbe Strafe erhalten, und die Wunden waren noch nicht geheilt. Ich avisirte also: »Zeitlich ungeeignet.« Wenige Minuten danach stand der Commandant vor mir und machte mir die heftigsten Vorwürfe, da er unter diesen Verhältnissen unmöglich Zucht und Ordnung unter den Insassen erhalten könne, dass ich Schuld daran sei, wenn eine indisciplinirte Bande im Fort hausen werde. Diesen Sturm der Entrüstung, gespickt mit Hyperbeln und Uebertreibungen, liess ich, wie üblich bei solchen Gelegenheiten, ruhig über mich ergehen, weil er ja nur die Vorrede zu der Mittheilung des Thatsächlichen sein sollte. Endlich konnte ich zu Worte kommen. Ich theilte dem Commandanten mit, dass ich gar keine Ahnung hätte, um was es sich handle, und darum auch mich gar keiner Schuld bewusst fühlte.
»Nur wenn die Strafe dem Verbrechen auf dem Fusse folgt, nur dann, Herr Regiments-Arzt, kann sie helfen.«
Da ich in diesem Augenblicke noch nicht wusste, was der Delinquent begangen hatte, und natürlich an ein factisches Verbrechen denken musste, so erinnerte ich den Herrn Major X. daran, dass dies niemals und nirgends in Friedenszeiten geschehe, und dass stets der Bestrafung die Untersuchung, die Verhandlung und die Vertheidigung vorangehen. Natürlich war ich sehr überrascht, als ich das Vergehen dieses unglücklichen Soldaten erfuhr; die militärische Disciplin hielt mich zurück, seine Auffassung dieses Vergehens in gebührender Weise zu classificiren, ich gab mir jedoch Mühe, den Vorfall in einem günstigeren Lichte darzustellen. Der Herr Major X. war ein grosser, schöner Mann und hatte ein imposantes Auftreten. Selbst die Officiere bekamen das Gruseln, wenn sie in Dienstsachen zu dem Platz-Commandanten gerufen wurden, um wieviel mehr musste es mit so einem armen eingeborenen Delinquenten der Fall sein, welcher vor ihm stand und beinahe mit Sicherheit wusste, dass ihm eine schwere Züchtigung bevorstehe; er wurde also nervös und unruhig und auf diese Weise das Opfer seiner erregten Nerven.
Anfangs fühlte sich Major X. geschmeichelt, zu hören, dass er in so hohem Maasse den Soldaten und Officieren imponire, aber bald sah er in mir wieder den Untergeordneten, der niemals eine andere oder sogar bessere Auffassung oder Ansicht als er haben durfte, und verlangte selbst von mir, dass ich überhaupt niemals einen Delinquenten ungeeignet für die Strafe erklären und nur zum Scheine das Stethoskop auf die Brust desselben setzen sollte!! Nun war es meine Sache, Entrüstung zu zeigen.
»Herr Major, Sie verlangen etwas von mir, das gewiss mich in Ihren Augen herabsetzen würde. Unsere Sträflinge sind ja keine Mörder oder Räuber, es sind ja meistens nur Schlemihls, welchen es trotz ein- bis zweijähriger Recrutenzeit nicht gelungen ist, brauchbare Soldaten zu werden, es sind eingeborene Soldaten, welche noch nicht gelernt haben, das Gewehr sauber zu putzen oder die metallenen Knöpfe glänzend zu erhalten. Das Aergste, was einer dieser Unglücklichen angestellt hat, war, dass er sich trotz aller Ermahnungen und Strafen den verführerischen Blicken seiner braunen Geliebten bis in die späte Nachtstunde ausserhalb der Caserne ohne Erlaubniss seines Compagnie-Commandanten hingab, oder dass er im Würfelspiel nicht nur sein Baargeld, sondern auch seine zweite Hose verlor. Aber selbst, wenn es Räuber und Mörder wären, wäre es meine Pflicht, ihnen meine ärztliche Hülfe zu leisten, oder in casu zu verhindern, dass ihnen die Stockschläge unheilbares Leiden oder sogar den Tod bringen; selbst das Gesetz verpflichtet mich, bei der Strafvollziehung gegenwärtig zu sein und die Fortsetzung der Schläge zu verbieten, wenn ich sie gefährlich für den Delinquenten erachte. Ich habe selbst bis jetzt nur meine Pflicht als Arzt und als Officier gethan, wenn ich einen Delinquenten nicht bestrafen liess, so lange die Wunde der früheren Züchtigung nicht geheilt war.
»Ich will Ihnen aber behülflich sein, ganz unbeschränkt nach Ihrem Ermessen handeln zu können. Schicken Sie mir nicht die Delinquenten zur Untersuchung. Sie wissen, dass ich keinen Assistenzarzt habe und mit Amtspflichten überhäuft bin, ich habe auch keinen Apotheker und muss also den Dienst für drei Officiere verrichten; ich verspreche Ihnen, niemals und nirgends mich zu bekümmern, ob ein Delinquent täglich oder einmal im Jahre geprügelt wird. Wenn Sie aber, Herr Major, diese mir zur Untersuchung schicken, dann thue ich es gewissenhaft, und ich kann daher Ihren Vorschlag nicht acceptiren, nur »pura pura« (= zum Schein) zu untersuchen und Jedermann geeignet für die Prügelstrafe zu erklären.«
Die Mittheilung meiner Erlebnisse ist nicht Selbstzweck, sondern hat das Ziel, ein Bild von Land und Leuten der Inseln des indischen Archipels zu geben, und darum will ich mich mit dieser Affaire im Weiteren nur kurz fassen. Major X. berichtete darüber an den Landes-Commandanten in Samarang und liess durch einen Artikel in dem »Javabode« vom 8. September 1891 seinen Vater für die Prügelstrafe in der Armee eine Lanze brechen; ich selbst beschränkte mich auf die Vertheidigung meines Standpunktes gegenüber dem Landes-Sanitätschef, leider ohne Erfolg. Dieser Mann (de mortuis nil nisi bene) hatte niemals das Interesse seiner Untergeordneten vertreten, und war auch in dieser Affaire nur das Echo des Major X.
Ueber die Prügelstrafe in der indischen Armee selbst, für welche der pensionirte Oberst-Lieutenant X. in so warmen Worten eintrat, dass er die Absicht deutlich verrieth, meine »falsche Humanität gegen den Auswurf der Armee« der Heeresleitung ad oculos zu demonstriren, und seinem Sohne im Kampfe gegen mich Hülfstruppen zu senden, muss ich auf Grund meiner Erfahrungen unbedingt den Stab brechen.
Die indische Armee besteht aus zwei ausgesprochenen Elementen: Europäern und Nicht-Europäern (von welchen die ambonesischen Soldaten auch Christen sind und darum auch alcoholische Getränke gebrauchen, sie sind aber dennoch sehr nüchtern und müssen nur sehr selten wegen Missbrauchs des Alcohol gestraft werden). Im Allgemeinen stellt die Prügelstrafe dieselben Fragen an uns als die Todesstrafe, und zwar die der Abschreckungstheorie, der Besserung und der Repression. Die Abschreckungstheorie ist ungerecht und erreicht, wie die Erfahrung lehrt, ihr Ziel nicht; zur Zeit, als die härtesten und grausamsten Strafen für Mord und Diebstahl u. s. w. angewendet wurden, waren auch die gemeinsten Verbrechen an der Tagesordnung. Das Unrecht ist auch zweifellos, wenn Jemand für sein Vergehen härter bestraft werden soll, als er es verdient, nur um zu verhindern, dass ein Anderer dasselbe Verbrechen begehe.
Die Besserungstheorie zerfällt natürlich gegenüber der Todesstrafe in ein Nichts. Aber auch die Prügelstrafe hat selten Jemanden gebessert; bis zum Jahre 1891 waren nur acht Mann, sage acht Mann!! gebessert der Armee von Ngawie zurückgegeben worden.
Die Repressionstheorie hat gar kein Recht zu bestehen, wenigstens der Prügelstrafe gegenüber. Wie schon erwähnt, besteht die indische Armee aus Europäern[88] und Eingeborenen; die grösste Zahl der europäischen unbotmässigen Soldaten war ein Opfer des Alcohols oder eines rachsüchtigen gemeinen Feldwebels, welcher, unbeschadet der Folgen, immer und immer über seinen Nebenbuhler Klagen bei seinem Compagnie-Commandanten führte. Was ein solcher Mann im Stande sei, habe ich selbst, wenn auch mit minder tragischem Ausgange, erfahren. Im Jahre 1887 wurde ich nach einem kleinen Fort an der Grenze des feindlichen Landes in Sumatra versetzt. Jedes Schriftstück, welches ich von dort aus an den Landes-Sanitätschef einreichte, wurde mir als fehlerhaft oder schlecht geschrieben zurückgeschickt. Eines Tages kam ich nach der Hauptstadt, und ein College theilte mir mit, dass der Sanitätschef sein Befremden ausgedrückt habe, von mir, dem ältesten Arzte, und nur von mir allein mangelhafte und schauderhaft geschriebene Rapporte zu erhalten. Es stellte sich heraus, dass der Schreiber des Chefs von jedem Arzte, der nach einem Fort gesendet wurde, 5 fl. erhielt, und darum die erhaltenen Rapporte, auch wenn sie irgend einen Fehler hatten, dem Chef nicht vorlegte. Ich jedoch hatte mir die Gunst dieses Feldwebels aus leicht begreiflichen Ursachen nicht erkauft, und darum wurde jeder weggelassene Bleistrich, jede krumme Linie von diesem Manne roth angestrichen dem Chef unter die Augen gebracht. Wäre ich kein Officier, sondern ein Soldat gewesen, so wäre ich im Laufe von 1–2 Jahren sicher »reif für Ngawie« geworden.
Ich verstehe es, dass man die strengsten Maassregeln gegenüber dem Missbrauch des Alcohols nimmt, d. h. präventive Maassregeln schafft; aber den Säufer durch Stockschläge von seiner Trunksucht zu befreien — ist dumm und schlecht. Dumm ist es, weil es niemals gelingt, und schlecht ist es, weil Hunderte von Officieren mit einem Rausch nach Hause kommen können, ohne Prügel dafür zu erhalten, und weil Hunderte, vielleicht Tausende von Soldaten gut angeheitert täglich in die Caserne gelangen und ungestraft bleiben, weil es ihnen gelang, den Feldwebel der Wache zum Freund sich zu erhalten.
Bei den eingeborenen Soldaten ist die »Malpropertät« die häufigste, und das Verkaufen von Equipementsstücken die vereinzelte Ursache, dass sie als unbotmässig und als unverbesserliche Sujets nach Ngawie geschickt werden. Wenn Sonnabends um 9 Uhr der Compagnie-Commandant über die Kleidung und Waffen der Mannschaft Inspection hält, ist er ganz und gar von dem guten Willen des Feldwebels abhängig, um viel oder wenig Unziemlichkeiten zu finden. Dieser hat die Pflicht, vor Ankunft des Hauptmanns dafür zu sorgen, dass alles nach den Regeln der Vorschriften ausgepackt sei; sieht der humane Feldwebel nun bei einem Soldaten, dass sich irgend wo ein kleiner Fleck befindet, so lässt er sofort vom Eigenthümer den kleinen Fleck abputzen oder er schweigt, wenn es schon zu spät ist und überlässt es dem Zufalle, dass der inspicirende Hauptmann es sehe oder übersehe. Hat jedoch der betreffende Recrut aus gewissen naheliegenden Ursachen sich die Gunst eines inhumanen Feldwebels verscherzt, wird letzterer sogar den inspicirenden Hauptmann darauf aufmerksam machen. Ohne die diesbezüglichen Witze der Fliegenden Blätter hier zu wiederholen, ist es naheliegend, dass ein solcher Unglücklicher in kürzester Zeit »reif für Ngawie« wird.
Wenn der Feldwebel nicht nur für das reglementäre Anordnen der Kleider u. s. w. bei der Inspection verantwortlich gemacht würde, sondern auch für die tadellose Reinheit derselben, so würde die Zahl der »unbotmässigen« eingeborenen Soldaten auf ein Viertel sinken, ja noch mehr: Ngawie wäre in seiner Existenz bedroht. Die Zahl derjenigen Soldaten, welche einzelne Kleidungsstücke verkaufen, um Geld für die Liebe und das Würfelspiel zu bekommen, ist gegenüber der Zahl der »Unreinen« klein, und darum schliesse ich gern diesen Abschnitt mit dem Rufe: »Weg mit der Prügelstrafe aus der indischen Armee!«[89]
Hinter dem Fort führte ein krummer Weg zum Officiers-Clubgebäude, welches auf der Landzunge zwischen dem Solo- und dem Madiunflusse lag. Das jenseitige Ufer gehörte bereits zur Provinz Rembang und war zugleich der Exercierplatz für Feldübungen der Bewachungstruppe und jener Sträflinge, welche drei Monate lang frei von Strafen geblieben waren. Auf dem Wege nach Rembang und noch in der nächsten Nähe des Ufers lagen drei kleine Hütten. Eines Tages machte ich meinen Spaziergang mit Hülfe der dort befindlichen Fähre ins Gebiet der benachbarten Provinz und gelangte zu diesen Hütten; sie bestanden nur aus Bambusmatten und hatten kein einziges Möbelstück. Vor jeder Hütte sass ein — Leprakranker. Ich liess mich mit ihnen in ein Gespräch ein, und zwar nur über ihre momentane Lebensweise; denn über die Dauer ihrer Erkrankung, über die Entstehungsweise, über Heredität und über den Verlauf der Krankheit ist von diesen Menschen überhaupt nichts Bestimmtes zu erfahren. Wie lange die Lepra im indischen Archipel sei, lässt sich nicht einmal annähernd sagen. Nach Hirsch lässt sich in Indien die Lepra bis auf das 7. Jahrhundert vor Christo verfolgen; nach dem 54. Buche der Geschichte der Liang-Dynastie (502–556) und dem 324. Buche der Ming-Dynastie, und übereinstimmend mit der javanischen Sagenwelt (Babads) hat Prabu Djaja Baja im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung eine grosse Colonie von Hindus nach Java gebracht, welche die dort befindlichen Urbewohner verdrängt haben. Da von diesen selbst ganz und gar keine Ueberlieferungen bestehen, und eine Vergleichung mit den auf anderen Inseln im Urzustands jetzt noch lebenden Eingeborenen nur ein hypothetisches Ergebniss haben kann, so ist und bleibt die Frage der Lepra bei den Urbewohnern Javas unerledigt. Da sich ein grosser Menschenstrom von Hindostan vom Jahre 78 p. Ch. an über alle Inseln des indischen Archipels, und somit auch über Java einige Jahrhunderte hindurch ergoss, die Lepra schon seit vielen Jahrhunderten in Hindostan bekannt war und die Hygiene dieser Zeit gewiss der Ausbreitung der Lepra mehr förderlich als hinderlich war, so kann mit gewisser Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass mit dem Strome der Auswanderer auch die Lepra nach Java gekommen ist.[90] Ich besass einen Raksassa (Tempelwächter), jetzt im Besitze des ethnographischen Museums zu Berlin, welcher bei dem Untergang der Hindu-Dynastie auf Bali (im Jahre 1894) in der Residenz des Fürsten gefunden wurde. Er hatte über den ganzen Körper vertheilt zahlreiche scharf begrenzte Flecken, welche meiner Ansicht nach sehr gut für die der maculösen Lepra angesehen werden können. Da die Raksassas im Allgemeinen der Heroenzeit der Hindus angehören, so könnte, wenn die Deutung der Flecken richtig ist, damit gewiss ein sehr altes Document für die Zeit der Lepra gegeben sein; vielleicht eben so alt, als Engel Bey von Aegypten spricht; nach Engel Bey soll nämlich schon 4260 vor Christus in einem Papyrus von Lepra gesprochen werden.
Wenn in Europa gegenwärtig kein einziger Staat besteht, in dem sich nicht einzelne Fälle oder kleinere oder grössere Herde von Lepra befinden, so ist dieses doch bei den Inseln des indischen Archipels der Fall, und zwar in jenen Theilen, in welchen die Urbewohner sich so ziemlich rein in der Rasse bis zum heutigen Tage erhalten haben, wie z. B. die Alfuren oder die Dajaker im Innern Borneos. In Muarah Teweh, welches im Herzen Borneos liegt, habe ich während meines dreijährigen Aufenthaltes keinen einzigen Fall von Lepra gesehen. In den statistischen Ausweisen der Armee kommen sehr wenig Leprafälle vor; ich besitze die vom Jahre 1847, in welchen kein einziger Fall angegeben wird, und vom Jahre 1893 bis 1897 waren je 2, 2, 5, 2 und 2 Soldaten an Lepra erkrankt. Nach Dr. van der Burg wurden vom Jahre 1882 bis 1885 12 europäische und 8 eingeborene Soldaten wegen Lepra in die Militärspitäler aufgenommen. Dr. Broes van Dort aus Rotterdam hat mit Hülfe der officiellen Bescheide für die Lepra-Conferenz im Jahre 1897 eine hübsche Arbeit über die Verbreitung der Lepra auf den Inseln des indischen Archipels geschrieben. Nach dieser hat der Westen von Java im Jahre 1896 (?) nur 42 Leprafälle, in Mittel-Java sehr wenig Fälle, wenn wir absehen von dem Sanatorium zu Pelantungan, wo sich ungefähr 30 bis 32 Lepröse gewöhnlich befinden; vom Osten Javas wird jedoch von 1817 Leprösen und von der Insel Madura von 886 dieser Patienten gesprochen. Auf der Insel Bali ist die Zahl der Leprakranken unbekannt, sie werden zur Isolirung gezwungen, und ihre Leichen werden verbrannt. Von der Insel Lombok ist diesbezüglich nichts bekannt. Was die Westküste der Insel Sumatra betrifft, so ist die Zahl dieser Kranken dort nicht gross; am stärksten kommen sie im Innern des Landes unter den Batakern vor, welche einen bis zwei Fälle auf tausend Seelen aufweisen. Im südlichen Theile dieser Insel mit ungefähr 128,000 Einwohnern sollen nur 22 Leprakranke vorgekommen sein, und zwar unter den Chinesen; man isolirt sie, giebt ihnen aber keine Nahrung, so dass sie bald sterben. Die Ostküste Sumatras hat, nach Dr. Broes van Dort, bei einer Bevölkerung von 300,000 Seelen 1000 Leprafälle. In Deli, der reichsten Provinz Sumatras, befanden sich in diesem Jahre 184 Lepra-Patienten, worunter 170 Chinesen. Auch in der Provinz Riouw sind es beinahe ausschliesslich chinesische Kulis, welche an Lepra leiden. Von den Inseln Borneo und Banka ist die Zahl der Leprakranken nicht bekannt. Auf der Insel Biliton mit 40,000 Einwohnern soll diese Krankheit im Jahre 1886 von einem Buginesen eingeschleppt worden sein. Von der Insel Celebes theilt Dr. Broes van Dort 87 Fälle mit (von 26,863 Einwohnern), glaubt aber, dass diese Zahl zu niedrig gegriffen sei, weil die Eingeborenen die nervöse Form der Lepra nicht kennen, und darum nur die tuberösen und ulcerösen Formen mittheilen. In den Molukken ist die Zahl der Leprösen auch nicht gross; in Banda musste im Jahre 1872 die Leproserie wegen Mangels an Kranken geschlossen werden. In Bandaneira jedoch ist in den letzten fünf Jahren die Anzahl der Kranken von 2 auf 20, und in Saparua von 49 auf 63 gestiegen. Auf der Insel Amboina mit 30,000 Einwohnern hat der Hauptplatz 308 Leprakranke. darunter 11 Europäer. Auf der Insel Morano fanden sich im Jahre 1864 8 verheiratete Leprosen mit 21 Kindern, ohne dass eines davon an dieser Krankheit litt. Auf der Insel Ternate befinden sich ungefähr 450 Fälle, welche nach der Ansicht von Valentyn von Batavia eingeschleppt worden sein sollen.
Wenn auch diese Ziffern nach vielen Richtungen hin bezweifelt werden können, so steht doch das Eine fest, dass in der Gegenwart auf den Inseln des indischen Archipels die Lepra nicht verheerend auftritt, aber immerhin noch zahlreicher vorkommt als in Europa.
Die Mittheilungen der Leprakranken beschränkten sich auf die Unterstützung, welche ihnen von der mohamedanischen Kirchenkasse zu Ngawie geboten wurde, und auf die Eintheilung ihres täglichen Lebens. Im Ganzen waren sechs Patienten; sie erhielten monatlich 8 fl. aus der Armenkasse der Messigit; zwei von ihnen waren an die Scholle gebunden, weil sie sich durch den Verlust von einigen Zehen nicht bewegen konnten; die andern vier fuhren täglich mit der Fähre nach Ngawie, wo sie sich meistens im chinesischen Viertel aufhielten und bettelten. Ihr Erscheinen erregte nur bei den europäischen Passanten Widerwillen; sorglos verkehrten die eingeborenen und chinesischen Bewohner dieses Viertels mit ihnen, obwohl ihre schwürigen Extremitäten nur mangelhaft mit alten und schmutzigen Lappen bedeckt waren; offenbar glauben eben die Eingeborenen von Ngawie nicht an eine Uebertragung der Lepra à distance. Ich für meine Person habe s. Z., als die Aerzte um ihre diesbezügliche Ansicht von der Regierung gefragt wurden, mich nur bedingungsweise für die Contagiosität der Lepra ausgesprochen, und zwar in »nicht höherem Grade als die Syphilis«. Das bis jetzt, trotz der Untersuchungen von G. Armauer Hansen, Neisser u. s. w., noch nicht genau bekannte Gift der Lepra müsse eine Porte-d’entrée bei einem dazu disponirten Individuum finden, um sich entwickeln zu können. Wer zur Aufnahme dieses Giftes die »Disposition« habe, ist unbekannt. Das Gift selbst ist nur theilweise oder gar nicht durch den Bacillus von Hansen constatirt. Reinculturen dieser Bacterien sind bis jetzt ebenso wenig gelungen als Impfungen (ich will die Gründe unbesprochen lassen, warum Kaposi nach seinen Mittheilungen auf der Lepra-Conferenz im Jahre 1897 bei zwei Fällen von Lepra keine Bacillen gefunden hat; es ist aber keinesfalls erlaubt, wie es damals geschah, zu erklären, dass dies eben keine Leprafälle gewesen sein sollten, und Kaposi einen lapsus diagnosidis begangen hätte). Ohne Reinculturen ist aber eine Impfung des Lepragiftes überhaupt niemals bewiesen; aber noch mehr Zweifel muss sich in Betreff der Contagiosität der Lepra aufdrängen, wenn man liest, dass Dr. Danielsen, Prof. Profeta und Dr. Bargilli ohne Erfolg mit allen möglichen Stoffen der Leprakranken Impfungen auf sich und andere Menschen vornahmen. Da aber alle Bacteriologen und Dermatologen, wenn auch nicht immer, so doch in der grossen Zahl der Fälle den Bacillus von Hansen bei Leprakranken finden, so ist es selbstverständlich, dass dieser Bacillus vorläufig als Krankheitserreger der Lepra angesehen wird; dass aber tief greifende prophylaktische Maassregeln auf Grund dieser Bacterien getroffen werden, ist ebenso selbstverständlich — verfrüht.
Fig. 11. Sundanesische Früchtehändlerin.
Auch die Frage der Heredität ist bis heute noch nicht erledigt und wird auch nicht so bald erledigt werden können, weil die Incubationszeit der Lepra sich über Monate, wenn nicht über Jahre erstreckt, und immer der Einwurf gerechtfertigt sein wird, dass bei einer so langen Incubationszeit vielfach Gelegenheit zur extrauterinären Acquisition der Lepra gegeben war, und darum hat der Ausspruch Virchow’s, die Lepra sei nicht hereditär, weil niemals ein lepröses Kind geboren wurde, nur bedingungsweise raison d’être. Leider hat der Altmeister der deutschen Medicin bei der erwähnten Lepra-Conferenz in seiner andererseits gewiss erschöpfenden und interessanten Rede zur Frage der Ansteckungsfähigkeit der Lepra nicht Stellung genommen. Er sagte im Anfang: »Wenn man z. B. im Augenblick vorzugsweise geneigt ist, die Lepra zu den Infections-Krankheiten zu rechnen, so ist damit noch nicht ausgemacht, dass man sie auch unter die ansteckenden Krankheiten stellen müsse,« und fügt später hinzu: »Für strenge Anforderungen (sc. für ein Contagium) fehlen also noch immer wichtige Bindeglieder,« und »dennoch hat der Gedanke, dass der Aussatz eine contagiöse Krankheit sei, so schnell viele Gebiete erobert, dass sowohl die theoretische als die praktische Lehre auf ihm aufgebaut worden ist.« — Leider steht nicht einmal fest, durch welches Intermedium die Lepra-Bacillen in den menschlichen Organismus gelangen. Der holländisch-indische Arzt Dr. Geill glaubte in den Fusswunden die porte-d’entrée für die Lepra gefunden zu haben, während Georg Sticker durch die Nase diese Bacterien in den menschlichen Körper eindringen liess. Mit Rücksicht auf die Verhältnisse Javas und jener der übrigen Inseln würde also von der indischen Regierung folgender Standpunkt einzunehmen sein:
- Die Lepra ist nicht mehr und nicht weniger übertragbar als die Syphilis.
- So wie gegen die Syphilis prophylaktische Maassregeln von dem Staate und von der Gemeinde getroffen werden, müssten dieselben auch gegen die Leprakranken geschehen.
- Da die Leprösen im Terminalstadium ernährungsunfähig und besonders hülfsbedürftig sind, muss die staatliche Hülfe zur Linderung der Noth einschreiten.
- Da es durch die Erfahrung und durch die Geschichte erwiesen ist, dass die Zahl der Leprösen in einer für das Wohl des Staates bedrohlichen Weise zunehmen kann, müssen prophylaktische Maassregeln getroffen werden.
Dementsprechend müssten:
- Alle »Doctoren djawas« und alle »Vaccinateure«, sowie alle eingeborenen Beamten eine in der Landessprache verfasste Belehrung über die Gefahren der Lepra (Kedál M.) erhalten und so viel als möglich unter der Bevölkerung verbreiten.
- Die eingeborenen Beamten müssten unter thatsächlicher Controle der europäischen Beamten eine genaue Statistik der Leprakranken anlegen.
- In allen Orten, wo sich Leprakranke aufhalten, muss für die armen Menschen Gelegenheit zur Isolirung gegeben werden, und zwar in einer Hütte aus Bambus, in welcher sich für jeden Patienten auch eine Pritsche befindet. Für jeden Kranken, der sich dahin begiebt, müssen täglich ½ Kilo Reis, 10 Gramm Salz und 50 Gramm deng-deng (getrocknetes Fleisch) verabfolgt werden. An den Kosten der Errichtung solcher Leproserien und der Verpflegung der Kranken haben sich die Armenkassen aller Religions-Genossenschaften zu betheiligen und bei etwaigem Manco der Staat die nöthigen Subsidien zu leisten.
- Wo ein europäischer Arzt oder ein Doctor djawa sich in der Nähe aufhält, müsste er verpflichtet sein, eine geregelte Behandlung dieser Unglücklichen auf sich zu nehmen; in anderen Fällen müsste, je nach den herrschenden Verkehrsmitteln, ein Arzt aus der nächstgelegenen Stadt ein- oder zweimal im Monat diese Leproserien aufsuchen und die nöthigen Verhaltungsmaassregeln u. s. w. für die folgenden zwei oder vier Wochen vorschreiben.
- Für die Desinfection nicht nur dieser Leproserien, sondern auch die Wohnungen aller jener, welche in der Familie bleiben und das traurige Ende ausserhalb dieser Anstalten abwarten wollen, müssten dieselben Maassregeln getroffen werden, wie für Cholera, Blattern u. s. w.
- Die Aufnahme in eine Leproserie sei facultativ, d. h. freiwillig für jeden bemittelten Eingeborenen, und obligatorisch für jeden bedürftigen.
- Der »Inspecteur van de burgerlyke civielgeneeskundige Dienst« werde mit der Ausführung und Controle aller Maassregeln betraut.
Das Leben in der Grossstadt hat unter anderem auch diesen Vortheil, dass man sich den kleinen Kreis wählen kann, mit und in dem man einen regen Verkehr pflegen will; aber auch in einer kleinen Stadt kann man angenehm leben, wenn man nicht zu grosse Ansprüche an das Leben stellt. Weil man das rauschende und lebhafte Treiben einer grossen Stadt entbehrt, der Geist weder durch die Kunst noch durch die Wissenschaft Anregung und Befriedigung findet, so ist man gezwungen, im Verkehr mit seinen Schicksalsgenossen ein Surrogat für diese geistigen Genüsse zu suchen, und nur zu oft gelingt es, einen gemüthlichen und freundschaftlichen Bekanntenkreis zu erwerben, der selbst Freundschaftsbande ermöglicht. In solchen Verhältnissen verkehrten wir in Ngawie. Klein war die Zahl der europäischen Bewohner; ein Assistent-Resident, ein Controlor, ein Landesgerichtsrath, ein Notar, drei Lehrer und eine Lehrerin, ein Förster und acht Officiere waren die europäischen Bewohner, mit welchen wir verkehren konnten. Der Regent und sein Stellvertreter (Patti) waren die einzigen Eingeborenen, welche hin und wieder uns besuchten, und nur selten gab der Regent in seinem Palaste (?) (Kabupatten) ein Fest, obwohl er doch den nicht unansehnlichen Gehalt von 12,000 fl.[91] jährlich bezog. Trotzdem hatten wir einen hübschen Club und kamen beinahe jeden Abend vor dem Nachtmahle dort zusammen, um bei einem Glase Bier, Portwein, Mineralwasser oder Genevre ein Stündchen zu verplaudern. Jeden Samstag Abend war nach dem Nachtmahl (von 9 Uhr ab) Spielabend, an welchem sich manchmal auch die Damen betheiligten. Ein Leierkasten sorgte für die Musik, und in aussergewöhnlichen Fällen wurde auch von Jung und Alt bei den etwas falsch gestimmten Klängen dieses veralteten Instruments getanzt. Dies geschah auch am 31. December 1888, der ersten Neujahrsnacht, welche meine Frau auf Java zugebracht hatte. Die Pferde, welche ich unterdessen gekauft hatte, waren etwas eigensinnig und zugleich wild und feurig. Ich wagte es nicht, mit ihnen nach dem Clubgebäude zu fahren, welches ungefähr zwei Kilometer von meinem Hause entfernt lag, und wir gingen zu Fuss. Es war eine schöne Nacht, und als wir um 9¼ Uhr Abends dort anlangten, waren bereits alle Notabeln des Ortes versammelt. Das gewöhnliche Programm solcher »geselliger Abende« wurde abgespielt; auf Kosten des Clubs wurde Liqueur und Kaffee präsentirt. Die Herren setzten sich zur L’hombre-Tafel, während die Damen am liebsten Whist spielten, und zwar Whist »met de Klets« = mit Plauschen (!), weil natürlich bei diesem Spiel Ruhe die erste Pflicht ist. Obwohl auch einige »Zuckerlords« der Umgebung, welche gewöhnt sind, um hohen Preis zu spielen, anwesend waren, blieb dennoch der Preis ein bescheidener. Im L’hombre war das »Capital« = 5 fl., und auch die Damen spielten das Hundert um denselben Preis. Im Durchschnitt verliert oder gewinnt man bei diesem Tarif 2–3 fl. pro Abend, was gewiss nicht die Kasse eines Beamten oder Officiers stark in Anspruch nimmt. Um 12 Uhr erhob sich Jedermann mit dem Glas Rheinwein, Brandy-Soda oder Bordeauxwein und stimmte in das Hurrah ein, welches der Assistent-Resident nach einem kleinen Toaste auf ein glückliches Neujahr ausgebracht hatte. Das neue Jahr musste mit Tanz beginnen; die Damen beendigten den letzten »Robber« und gingen in den Tanzsaal. Ce qu’une femme veut, dieu le veut; die Herren mussten ebenfalls nolens volens die Karte zur Seite legen, um wenigstens eine anständige Polonaise zu Stande zu bringen. Streng nach Rang und Anciennität geordnet marschirten die Paare durch den Saal; der Militär-Commandant führte die Frau des Assistent-Residenten, während dieser die »Commandeuse« am Arm hatte. Der Regent bot meiner Frau, als der ältesten Hauptmannsfrau, das Geleite, und in langsamen, gemessenen Schritten durchzog der kleine Zug zweimal den Saal; eine neue Rolle wurde in den Leierkasten eingelegt, und ein Walzer eröffnete den Reigen der Tänze; in diesem Augenblick verschwanden nicht nur der Regent von dem Schauplatz, sondern auch alle Herren, welche entweder mehr Freude am Kartenspiel als an dem der Terpsichore hatten, oder im Allgemeinen »de Oost« als viel zu warm für dieses Vergnügen hielten. Die wenigen Herren, welche tapfer genug waren, um in dem Tanzsaal zu bleiben, wurden reichlich für ihren Muth belohnt; sie konnten nicht nur nach Herzenslust mit den Fräulein und mit den jungen verheirateten Damen tanzen, sondern mussten, wollten sie nicht demonstrativ werden, auch die alten Damen zum Tanze einladen, welche ihren Enkeln versprochen hatten, vom Balle einige »Kwé-Kwé« mitzubringen. Aber auch die übrigen Herren, welche sich zur Spieltafel geflüchtet hatten, ereilte dasselbe Schicksal. Als nämlich die Klänge des ersten Lanciers erschollen, war Leiden in Noth; vier mal vier Männer waren zu vier Figuren nöthig, und nur elf befanden sich im Saal. Die zwei Mächte der Stadt, die »Commandeuse« und die Frau des Assistent-Residenten, erschienen in der Veranda der Spieler und forderten kategorisch Abhülfe dieser peinlichen Situation. Ganz bescheiden erlaubte ich mir die Bemerkung, dass für Ngawie doch drei, ja selbst zwei Figuren hinreichend wären, und dass ich es mit meinem Gewissen nicht vereinigen könne, einem solchen Laster, als der Hochmuth sei, vier Figuren herbeizuschaffen, Vorschub zu leisten; nichts half mir, ich musste »Lanciers tanzen«.
Endlich war ich auch dieser gesellschaftlichen Pflicht entledigt und hatte eine halbe Stunde wieder ruhig mit der »Spadille, Manille, Basta, Ponto« mich beschäftigen können, als der Ruf: »Eine Quadrille« durch den Saal schallte. Angstvoll blickte ich nach der Thüre des Tanzsaals und sah zu meinem Schrecken wiederum diese beiden ehrwürdigen Damen erscheinen, und hinter ihnen stand meine Frau mit einem höhnisch-spöttischen Lächeln um ihre Lippen. Ich hatte noch niemals mit meiner Frau getanzt, und an diesem Abend mit einer fremden Dame an einem Lanciers mich betheiligt, also — eine Verschwörung. Meine Ahnung betrog mich nicht. Linea recta segelten diese beiden ehrwürdigen Matronen auf mich zu und theilten mir mit, dass meine Frau zu der nächsten Quadrille keinen Cavalier hätte, und dass ich also höflichst, aber auch mit dem nöthigen Nachdruck eingeladen werde, für eine halbe Stunde mich dem Spielteufel zu entziehen und meine eigene Frau »nicht sitzen zu lassen«. Der erste und einzige Lanciers, welchen ich diesen Abend getanzt hatte, sass mir noch in den Gliedern. Ich wusste, wie toll und wild die letzten Touren der Quadrille in Indien von den angesehensten und ältesten Männern getanzt werden. Ich beschloss also, den Angriff dieser zwei Fregatten mit groben Geschützen zurückzuschlagen und erklärte einfach, dass ich solchen liebenswürdigen Einladungen kein Gehör geben dürfe, weil ich mir bewusst sei, dass meine Frau das Haupt einer Verschwörung sei, nämlich mich unter den Pantoffel zu bekommen. Ich blieb bei meinem Entschluss, diesen Abend und überhaupt nimmermehr zu tanzen, und blieb bei der Thüre stehen, um mich wenigstens passiv an diesem Hexentanz zu betheiligen. Die ersten drei Touren waren gelassen und ruhig, als aber die »chaine« gebildet wurde, kam etwas Aufregung unter die Tänzer, und bei der letzten Tour war ein Springen und Laufen und Jagen und ein »Hossen«, wie auf einer Kirmess in Holland. Endlich fielen Alle, Jung und Alt, Mann und Frau, erschöpft in die Stühle. Auf diese Quadrille folgten wieder Rundtänze, und endlich um 3 Uhr Morgens verliess ich mit meiner Frau das Clubgebäude, während die meisten Anderen den Sonnenaufgang bei Tanz und Spiel erwarteten. Ich hatte nämlich von dem Leibarzte des Kaisers von Solo eine Einladung erhalten, am 1. Januar dahin zu kommen, um dem interessanten Empfangsabend des Residenten beiwohnen zu können. Der Kaiser sei nämlich verpflichtet, zweimal des Jahres im Galaaufzuge ausserhalb des Kratons zu erscheinen: am 1. Januar und bei dem Gárebegfeste. Er würde dafür sorgen, dass auch ich eine Einladung zu diesem Feste bekäme, an welchem sich alle Europäer der Stadt und der Provinz und alle Häuptlinge der Eingeborenen und der Chinesen jedesmal betheiligen.
Der Zug, welcher um 6¼ Uhr des Morgens von Madiun abging, kam um 7¼ Uhr nach Paron, wir mussten also um 6 Uhr von zu Haus abreisen. Wir benutzten diese wenigen Stunden zunächst, um uns der durch den Schweiss durchnässten Kleider zu entledigen, und ruhten bis 5 Uhr im Bette aus. Zur festgesetzten Zeit erschien der Mylord mit meinen zwei feurigen Sandelwoodpferden, welche offenbar überrascht waren, in so früher Morgenstunde den warmen Stall verlassen zu müssen. Wie der Wind flogen sie durch die Strassen der Stadt und durch die lange, schattenlose Allee, welche nach Paron führt. Schon äusserte ich meine Unzufriedenheit, so früh das Haus verlassen zu haben, als bei Paal[92] 4 die Pferde plötzlich stehen blieben, weil, wie ich später hörte, ein todter Tiger seitwärts im Gebüsche lag,[93] und: »J’y suis, j’y reste« mögen sie gedacht haben, denn weder Drohung noch die Peitsche, weder gute Worte noch Ziehen an den Zügeln, nichts vermochte sie von ihrem Entschluss abzubringen, bei Paal 4 zu bleiben. Endlich stiegen wir Beide und die Babu aus dem Wagen, um so lange den Rest des Weges zu Fuss zurückzulegen, bis es dem Kutscher gelingen sollte, den Streik meiner Pferde zu beendigen. Wir kamen bis zum Paal 5, ohne von unserem Mylord etwas zu hören oder zu sehen; noch 1½ Kilometer (= 1 Paal) weit lag die Station, als aus weiter Ferne die Dampfpfeife erscholl. Der Zug hatte Genéng, die letzte Station vor Paron, verlassen. Im raschen Schritt eilten ich und meine Frau vorwärts, ohne zu bemerken, dass die Babu, welche unser Handgepäck trug, mit echt indischer Indolenz zurückgeblieben war. Aber auch meiner Frau wurde es zuletzt unmöglich, im Sturmschritt die letzten 100 Schritte zurückzulegen. Ich wusste, dass bei der Station Dos-à-dos zur Verfügung waren, im Galopp durcheilte ich die letzte Krümmung des Weges und kam mit dem Train gleichzeitig im Stationsgebäude an. Sofort liess ich meine Frau durch einen Dos-à-dos holen und ersuchte den Stationschef, den Train zwei Minuten auf meine Frau warten zu lassen und mir die Babu und mein Gepäck mit dem Zuge von 11 Uhr nachsenden zu wollen. Nach drei Stunden kamen wir in Solo an und erhielten nach der Rysttafel die Nachtwäsche von unserer liebenswürdigen Hausfrau geborgt, um unser Mittagsschläfchen halten zu können, welches nach den gemachten Strapazen für uns geradezu ein Bedürfniss war. Leider konnte die Siesta nicht lange dauern, weil bereits um 5 Uhr die europäischen Gäste vom Residenten erwartet wurden.
Nachdem wir aufgestanden und die Koffer mit den Kleidern und der Wäsche thatsächlich mit dem Mittagstrain angelangt waren, nahmen wir unsern Thee, gingen uns ankleiden und begaben uns mit der Hausfrau ins anliegende Haus des Residenten. Auf dem Wege dahin erzählte sie uns, dass die Eingeborenen schon um 6 Uhr früh ihre Glückwünsche dem Residenten dargebracht hatten und dafür kleine Geschenke in Geld oder Kleidern erhielten, und dass bis 10 Uhr alle, und zwar in Begleitung von Musik, ihre Aufwartung gemacht hatten, welche durch ihre Stellung sich dazu verpflichtet hielten: die Musikanten von der Leibwache des Susuhunan, die Polizeiagenten, die Musikanten des Prinzen Mangku Negara, die Führer der Elephanten u. s. w. Als Nachbarn des Residenten hatten sie das Vorrecht, den ganzen Morgen die Musik zu hören, welche am besten mit den Worten des deutschen Dichters charakterisirt werde: »So ein Lied, das Stein erweichen, Menschen rasend machen kann«. Gegen 10 Uhr verminderte sich dieses Lärmen der Musik, und es erschienen alle europäischen Beamten, Officiere, der Prinz Mangku Negara, der Reichsverweser und die angesehensten Häuptlinge, um persönlich dem Residenten ihre Glückwünsche zum Jahreswechsel auszusprechen.
Unterdessen hatten wir die »Vorgalerie« dieses Beamten erreicht und erfreuten uns an einem bunten Bilde, welches sich vor dem Hause unsern Augen darbot. Eine grosse Allee von Tamarindenbäumen zog sich in grosser und starker Krümmung gegen den Kraton; zwischen je zwei Bäumen befand sich ein Flaggenstock, und in regelmässiger Entfernung sassen die Tumenggungs[94] oder Bupatis,[94] welche nicht dem Kraton selbst zugetheilt waren. Jeder von ihnen hatte sein zahlreiches Gefolge mit Lanzen und kleinen Fahnen bei sich, und die Farbe der Röckchen verrieth den Häuptling, dem es angehörte. Jeder Bupati hatte neben sich seine Gamelang; auch in der Pendoppo, welche vor dem Hause des Residenten stand, befand sich eine solche und eine europäische Musikbande. Die »Vorgalerie« schloss sich an eine grosse Halle, in deren Hintergrunde zwei Thronsessel auf einem Podium standen, und zwar in gleicher Höhe, und senkrecht darauf zwei Reihen schöne europäische Stühle. Gegen 5½ Uhr erschienen zwei Häuptlinge mit einem glänzenden Hut auf dem Kopfe (vide [Fig. 13]), welcher die Form eines umgekehrten Blumentopfes hatte, und theilten dem Residenten mit, dass der Susuhunan, Paku Buwana, Senapati ing-ngalaga, Ngabdu’r-rahman, Sajidîn, Panata-gama = Seine Heiligkeit, der Nagel der Welt, der höchste Commandant des Krieges, der Diener der Barmherzigkeit, der Herr der Religion und der Leiter des Gottesdienstes angezogen und bereit sei, ihn zu empfangen. Langsam und in demselben gemessenen Schritt, wie sie gekommen waren, kehrten sie nach dem Kraton zurück. Nach einer Weile bestiegen der Resident und der Assistent-Resident eine offene Equipage, um den Susuhunan zu holen.[95] Das Zeichen ihrer Würde, der goldene Sonnenschirm für den Residenten und der halb goldene, halb weisse für den Assistent-Residenten, wurde ihnen über den Kopf gehalten, und so gelangten sie in den Kraton, wo der Resident dem Susuhunan und der Assistent-Resident dem Kronprinzen den Arm giebt und zu dem Wagen des Fürsten geleiten. Es ist eine schöne, gläserne Equipage, von 8 Pferden gezogen, welche Sammt-Decken, Federbüsche tragen und von einem Pikeur geführt werden; die Equipage des Kronprinzen wird nur von 6 Pferden gezogen. Der Zug wird eröffnet von 20 Hofbedienten zu Pferde; hinter ihnen folgt eine Truppe mit Wasser, Holzkohle und Reis, welche ebenfalls mit einem goldenen Sonnenschirme beschützt werden, die europäische Leibwache des Kaisers, dann die javanische Leibwache, Hofdamen mit blossen Schultern mit den Reichsinsignien ([Fig. 14]): Ein Vogel (Peksi groeda), ein Hahn (Sawung galing), Arda wolika (ein Vogel mit einem Kopf, der halb an einen Menschen, halb an eine Schlange erinnert), zwei Elephanten (gadjah), ein Kidang (Reh) und eine Gans, welche alle aus massivem Gold verfertigt waren. Hinter diesen folgen zwei Herolde, die Equipage des Kaisers, des Kronprinzen und die übrigen Häuptlinge zu Pferde und einige Hundert zu Fuss. Sobald die Equipage des Kaisers den Kraton verlässt, dröhnen vom Fort die Salutschüsse der Kanonen, die Gamelangs ertönen in gemessenen, ruhigen Tönen, und die Häuptlinge mit ihrem Gefolge, an welchen der Zug langsam, ruhig, und ich möchte sagen lautlos vorbeizieht, neigen ihren Kopf zur Erde und erheben ihre Hände zur Stirne (Sembah); dasselbe thun die Häuptlinge (welche auf dem Boden mit gekreuzten Füssen sitzen), wenn der Kaiser die Avenue des Residentenhauses erreicht hat und den Wagen verlässt. Majestätisch, oder besser gesagt ruhig und langsam schreitet der Kaiser am Arm des Residenten und der Kronprinz am Arm des Assistent-Residenten durch den Saal zum Throne, der Teppich wird hinter ihnen sofort aufgerollt, um nicht durch plebejische Füsse entweiht zu werden, und vor dem Thronsessel lassen sich die beiden Grössen von den eingeladenen Europäern begrüssen. Die Gamelang wird in die Nähe des Thrones gebracht, der Kaiser und der Resident setzen sich gleichzeitig nieder, links von ihnen der Kronprinz und einige angesehene Pangerans, während rechts die europäischen Gäste sich niedersetzen und einen genügend grossen Raum offen halten für die Serimpis (Bayaderen). Die angesehensten Häuptlinge (Pangerans), welche in dem Zuge sich befanden, haben unterdessen in Galatenue ([Fig. 13]) ihre Equipage verlassen oder sind vom Pferde gestiegen und erscheinen nun am Eingange des Saales, um dem Kaiser und dem Residenten ihre Huldigung zu bringen. Dieses geschieht kriechend, d. h. in hockender Stellung schob Jeder abwechselnd das rechte und linke Bein vor, wobei er sich mit den ausgestreckten Händen auf den Boden stützte und in ruhigen und gemessenen Bewegungen mit dem einen Beine den Sarong zurückschleuderte, gerade wie eine Dame der Schleppe ihres Kleides jeden Augenblick ihren Platz anweist. In gemessener Entfernung bleibt er stehen oder vielmehr sitzen, neigt sein Haupt bis zum Boden, erhebt den Körper wiederum und führt die gefalteten Hände zur Stirne (Sembah). Der Kaiser selbst aber sitzt unbeweglich wie eine Statue, und ein wohl berechnetes Zwinkern mit den Augenlidern verkündet jedem Häuptlinge, in welchem Grade seine Huldigung in den Augen seines Herrn Gnade gefunden habe. Ein für den Neuling gewiss hochinteressantes Ballet, das wahrscheinlich beim zweiten Male, aber sicher beim dritten Male die Zuschauer ermüden, ja selbst langweilen muss!
Dasselbe gilt von dem nun folgenden Tanze der Serimpis. Vier[96] junge Mädchen erscheinen mit ebenso viel Hofdamen, welche unablässig mit dem Ordnen der Toilette ihrer Schutzbefohlenen beschäftigt waren. Diese Mädchen sind die Töchter von hohen Fürsten und werden später die Nebenfrauen des Kaisers; sie haben einen Sarong, der, wie ich hörte, ein nur für sie bestimmtes Dessin hat. Das Gesicht, der entblösste Hals und Arme sind mit einer gelben Salbe (Boreh) bestrichen, und die Grenze der Kopfhaare wird durch schwarze Farbe nach unten verrückt, ebenso wie der Kronprinz die Augenbrauen durch einen dicken, schwarzen Strich gegen die Mitte der Stirne vergrössert erscheinen liess. Das Haar der Tänzerinnen hatte zahlreiche mit Diamanten und anderen Edelsteinen geschmückte Haarnadeln, und an dem Halse hingen drei goldene Halbmonde. Um die Taille befand sich ein Schleier, welchen sie bei den Tänzen zur Unterstützung der Anmuth in ihren Bewegungen zierlich zu gebrauchen wussten.
Was den Tanz dieser hübschen Mädchen betrifft, so mag er nach europäischer Auffassung kaum so genannt werden; sie verliessen nie ihren Platz, sondern drehten sich abwechselnd unter den sanften, wehmüthigen Klängen der Gamelang an Ort und Stelle; beim Auftreten und beim Verlassen des Tanzsaales machten sie ihre Sembahs.
Das ruhige und würdevolle Drehen wurde von steifen Bewegungen der Hände und Füsse begleitet; dabei wurden diese hyperextendirt, so dass z. B. die Finger und der Ellenbogen in ihren Gelenken oft einem Bogen von 190° entsprachen.
Wenn auch der Anfang mir gewiss ein gewisses ethnographisches Interesse abgewinnen musste, so wurde doch die Monotonie des Tanzes schon darum ermüdend und langweilig, weil er beinahe zwei Stunden (!!) dauerte, und auch die Gamelang nur wenig Abwechslung in ihren sentimentalen, rührenden Weisen brachte. Uebrigens fehlte mir und auch den übrigen Europäern jedes Verständniss für diesen Tanz. Die Tandakmädchen (öffentliche Tänzerinnen) ([Fig. 8]), welche man täglich auf der Strasse solche Tänze aufführen sieht, sind weniger langweilig; erstens singen sie dabei Heldenlieder (leider mit kreischender Stimme), und zweitens verlassen sie doch theilweise den Platz, auf dem sie stehen. Die Bewegungen dieser Tandakmädchen sollen eine cynische oder erotische Basis haben, und manchmal glaubte ich es auch in ihren Bewegungen zu entdecken. Dem Tanze der Serimpis jedoch fehlt nach meiner Ansicht diese Basis; hier sind diese seltsamen Bewegungen des Körpers und Verdrehungen der Hände und Füsse Selbstzweck.
Endlich nahm dieser Tanz sein Ende, die europäische Militärmusik stimmte eine Polonaise an, der Resident gab dem Kaiser, der Assistent-Resident dem Kronprinzen den Arm, ihnen schlossen sich der Platz-Commandant mit der Frau des Residenten und die übrigen Honoratioren an und machten zweimal die Runde durch den Tanzsaal. Ueblicher Weise war der Schluss der Polonaise für die europäische Gesellschaft ein Rundtanz, während der Kaiser ins Nebenzimmer zur Whisttafel ging, an welcher die angesehensten und reichsten Landherren theilnahmen. Der Kaiser muss nämlich gewinnen, die böse Welt erzählt auch, dass die Farmer untereinander ein Syndicat schliessen und einen Fonds gestiftet haben, um auf Kosten aller Landherren den Verlust der Spieler zu decken.[97] Ein Souper, welches die indische Regierung bezahlt, ist der Schluss des Neujahrsfestes. Für 12 Uhr war es bestimmt, aber seine Kaiserliche Hoheit hatte anders beschlossen. Der Resident kam schon um 11½ Uhr in den Spielsalon, um quasi den Kaiser an die Zeit des Soupers zu erinnern; der Kaiser liess sich jedoch nicht stören. Endlich schlug es 12 Uhr und der Resident gab ihm einen deutlichen Wink, indem er sich an den Eingang des Spielsalons stellte, von wo er ihn per Arm an die Tafel führen sollte. Länger als zehn Minuten, vielleicht eine Viertelstunde liess er den Residenten wie einen Bedienten vor der Thüre stehen, bis er endlich sich herabliess, dem Spiel ein Ende zu machen und den gewonnenen Preis seiner Whistkunst (?) einzustreichen. Unterdessen hatte sich der Kronprinz im Tanzsaale aufgehalten und, wenn auch nicht dem Tanze, so doch in echt europäischer Weise den Freuden des Festes gehuldigt; namentlich im Flirten mit den europäischen Damen leistete er geradezu Erstaunliches, obwohl er durch die Zeichnung von grossen Augenbrauen mehr oder weniger zur Caricatur eines Menschen geworden war. Die anderen »Reichsgrössen« verfielen nicht so stark diesem Uebelstand, weil sie bis auf das Kopftuch die Uniform ihres Ranges trugen, in dem sie der Armee à la suite zugetheilt waren; der Kronprinz jedoch trug nur einen kurzen Sarong über die Lenden, und im Uebrigen beinahe ganz europäische Kleider.
Unterdessen hatte ich oder vielmehr meine Frau dem Ceremonienmeister viel Scherereien verursacht. Die vorige Nacht hatte meine Frau nur drei Stunden geschlafen, der forcirte Marsch zu Fuss zum Bahnhof hatte sie stark mitgenommen, und da sie aus Mangel an anderen Kleidern und Wäsche bis 2 Uhr in denselben Kleidern bleiben musste, so brachte ihr das Mittagschläfchen keine hinreichende Erholung. Die Schwäche überwältigte sie, und ich ging also zu einem der beiden Ceremonienmeister und theilte ihm mit, dass wir zu unserem Bedauern wegen Unwohlseins meiner Frau nicht an der Hoftafel theilnehmen könnten. Zu meiner grössten Ueberraschung gab er nur die kurze Antwort: »Unmöglich« und eilte weg, um seine weiteren Anordnungen zu treffen. Als aber das Unwohlsein meiner Frau zunahm, entfernte ich mich unbemerkt, brachte sie nach Hause, und da ich die Ursache des Unwohlseins in der grossen Ermüdung sah, ging ich beruhigt in den Tanzsaal zurück, theilte es dem zweiten Ceremonienmeister mit und bat ihn um Aufklärung des Wortes »Unmöglich« von Seiten seines Amtscollegen.
»Ich kann jetzt endlich frei Athem schöpfen,« gab er mir zur Antwort, »und Ihnen das non possumus meines Collegen erklären. Sie sehen hier zwei grosse Tische, welche in der Form eines
angeordnet sind; an dem horizontalen Tische sitzt der Kaiser, hat zu seiner Rechten den Platz-Commandanten, zu seiner Linken den Residenten und an diesen schliessen sich nach Rang und Würden die übrigen europäischen Gäste an. An dem senkrechten Tische sitzen nur eingeborene Fürsten, deren Anzahl so ziemlich feststehend ist; da nebstdem ihr Rang nach Jahrhunderte alten Vorschriften (hadat) geregelt ist, so ergiebt sich, wenn ich es so nennen kann, das Arrangement der Sitzplätze von selbst, um so mehr, da diese Fürsten ihre Frauen nicht mitbringen. Die Zahl der europäischen Gäste ist aber nicht nur variabel im Quantum, sondern auch in der Qualität; bei jeder Hoftafel muss daher aufs Neue die Sitzordnung der Gäste geregelt werden. Zufällig sind Sie mit Ihrer Frau die jüngsten und niedrigsten im Range, welche noch an diesem Tische Platz nehmen können; die übrigen europäischen Gäste erhielten einen zweiten Tisch, an welchem sie sich nach Belieben niederlassen können, weil der Rangunterschied derselben nicht mehr gross ist. Was würde geschehen sein, wenn mein College Ihre Absagung angenommen hätte? Der Platz hätte durch einen Andern eingenommen werden müssen, aber durch wen? Sie wissen, dass wir mit dem Platz-Adjutanten die Rangverhältnisse zwischen den Officieren und Civilbeamten u. s. w. regeln; wir haben uns also geeinigt, auf Sie im Range die Civil-Ingenieure folgen zu lassen. Wir haben deren zwei, welcher von Beiden hätte an der Hoftafel sitzen sollen? Jedes Jahr bekommen wir Reclamationen über das Arrangement der Sitzplätze für die Europäer, und heuer sind wir dem glücklich entronnen, nur dadurch, dass wir Ihre Absage nicht annahmen. Der Sitz blieb leer — und hâbis perkâra.« (M. die Sache ist erledigt.)
Welche Speisen die eingeborenen Fürsten erhielten, habe ich leider nicht gesehen, und ebenso habe ich vergessen, ob auch der Kaiser sich an den officiellen Toasten betheiligte; nur erinnere ich mich noch, dass das erste Glas auf die Gesundheit des Königs von Holland getrunken wurde, und dass das letzte mit den Worten: Salâmat tânah Djawa! (Heil dem Lande Java!) den üblichen Schluss der Hoftafel brachte. Der Kaiser und alle Gäste erhoben sich, der Resident gab ihm den Arm, dasselbe that der Assistent-Resident mit dem Kronprinzen, und unter den stürmischen Klängen der Gamelang verliess der »Susuhunan« das Residenzgebäude. Auch ich ging nach Hause, und zwar mit dem Bewusstsein, in Europa ein schöneres Banket und einen schöneren Festzug, aber kein interessanteres Tableau als an dem vergangenen Tage jemals gesehen zu haben.
Im grellen Gegensatze zu der lauten und stürmischen Aufregung, welche die Festzüge in Europa charakterisiren, stand die Ruhe und Gelassenheit in allen Bewegungen der Theilnehmer, und wenn nicht die Gamelangs und die verschiedenen Musikchöre Abwechslung in die Monotonie gebracht hätten, wäre Langeweile der Grundton des ganzen Schauspieles gewesen. Ich habe zwei Jahre später Gelegenheit gehabt, eine solche klang- und sanglose Auffahrt bei Hof in Djocjokerto mitzumachen, wo sich der zweite selbständige Fürst von Java befindet. Er führt denselben Titel wie der Kaiser von Solo: Sultan, Hamangku Buwana, Senapati ing-ngalaga, Ngabdu’r-rahman, Sajidîn Panatagama, Kalifahillah VII.,[98] nur dass anstatt Susuhunan = Heiligkeit Sultan, und für Paku = Nagel Hamangku = Herrscher der Welt genommen wird; auch in anderer Hinsicht ist der Unterschied zwischen dem Hofceremoniell zu Solo und dem zu Djocja sehr klein.
Am 23. November 1890 war der König von Holland gestorben, und sofort verständigten der Telegraph und die Post den ganzen indischen Archipel von dieser Trauermär. Nebstdem sollte noch ein eigenhändiges Schreiben, direct an den Sultan von Djocja (und natürlich auch an den Susuhunan = Kaiser von Solo) von Holland aus gerichtet, den officiellen Bericht bringen, dass König Wilhelm III. gestorben sei und seine Frau, »Konigin Regentes« Emma, im Namen der unmündigen Königin Wilhelmina die Regierung über Holland und seine Colonien »im Osten von dem Cap der guten Hoffnung« auf sich genommen habe. Dieser Brief kam nach Djocja zur Zeit (Anfangs Januar 1891), als ich mich dort zu meiner Erholung von dem in Tjilatjap acquirirten Malariafieber aufhielt, und eines Tages zu dem Residenten zum Nachtmahle eingeladen wurde. Gleichzeitig befand sich hier der berühmte holländische Gelehrte Snouck Hurgronje als zweiter Gast, welcher bei dem Residenten wohnte. Dieser Mann ist, wenn nicht in Europa, so doch in Holland der beste Kenner der mohamedanischen Rechte und der Gesetze, ist der arabischen Sprache vollkommen mächtig, und ihm war es auch gelungen, verkleidet als arabischer Pilger nach Mekka zu kommen und an Ort und Stelle die Gebräuche des Islam in Mekka zu studiren; er war mit seinen reichen Erfahrungen der holländischen Regierung ein verlässlicher Rathgeber in allen Angelegenheiten des Islam. Unter anderem besprachen die beiden Männer das Ceremoniell, welches bei der officiellen Mittheilung von dem Tode des Königs gehandhabt werden sollte. Als ich hörte, dass es nur aus einer kleinen Deputation bestehen sollte, ersuchte ich den Residenten, ein Mitglied derselben sein zu dürfen. Er verwies mich an den Platz-Commandanten, der natürlich nichts dagegen einzuwenden hatte, und so kam ich zu der seltenen Gelegenheit, in den Kraton bis in die Gemächer der Sultanin gelangen zu können.
Unter Kraton versteht man keinen Palast nach europäischer Nomenclatur, sondern einen Complex von Gebäuden, welche mit einer Mauer umgeben sind und von jener zahlreichen Menschenmasse bewohnt werden, die direct oder indirect zum Gefolge des Herrschers gehört. Der Kraton zu Djocja wird von ungefähr 15,000 Menschen bewohnt, ist von einer Mauer umgeben, welche 1200 Meter lang und 700 Meter breit und 3½ Meter hoch ist.
An dem festgesetzten Tage gegen 11 Uhr erschienen zwei Gala-Equipagen, in der ersten nahm nur ein Schreiber des Residenten Platz, welcher ein Polster in den Händen hielt, darauf lag in einem Couvert aus gelber Seide der officielle Brief der »Konigin-Regentes« mit der Nachricht von dem Tode S. M. des Königs von Holland; im zweiten Wagen sass der Resident mit dem Platz-Commandanten, und in den folgenden Wagen sassen der officielle Dolmetsch der javanischen Sprache, ein Controlor, der Platz-Adjutant und meine Wenigkeit.
Längs dem Fort Rustenburg,[99] in welchem sich ein halbes Bataillon Infanterie, eine halbe Compagnie Artillerie, das Militärspital, die Magazine und der grösste Theil der Officierswohnungen befinden, und dem europäischen Clubgebäude kamen wir zunächst auf den Schlossplatz mit seinen zwei riesigen Waringinbäumen, wohin sich in früherer Zeit jene Unglücklichen (in weisse Kleider gehüllt) flüchteten, welche dem Sultan ein Bittgesuch überreichen wollten. Auch soll hier stets ein Tigerkäfig gestanden haben, in welchem jener Tiger gefangen gehalten wurde, welcher bei der Thronbesteigung eines Sultans mit einem Büffel (Karbouw) in Gegenwart des Hofes, der Beamten und des Volkes den Kampf aufnehmen musste. Da der Tiger in der Regel durch vieltägiges Hungern geschwächt war, und die Hörner des Büffels spitz geschliffen wurden, erlag immer der Tiger, und der Büffel ging immer als Sieger aus dem Kampfe hervor. An der Westseite des Schlossplatzes lag eine Moschee (missîgit) von einem Wassergraben (ohne Brücke) umgeben, so dass Jeder gezwungen war, entsprechend den Vorschriften des Islams, seine Füsse zu waschen, bevor er das Heiligthum betrat.
Vor der Bansal witana, d. i. dem Zugang zu dem eigentlichen Kraton, welches ein Gang zwischen den zwei grossen Gebäuden für den Gerichtshof war, stieg Alles aus, der Kronprinz erschien und gab dem Residenten den Arm, neben ihm ging der Platz-Commandant, und der goldene Schirm (Pajong) des Residenten liess den Kopf des Obersten unbeschützt. Der offene Raum zwischen diesem Thor und dem nächsten, Bradjanala[100] genannt, war mit Soldaten, »den Legionen« des Kaisers, ausgefüllt. Sofort werden wir uns mit diesen eingehender beschäftigen müssen, weil sie geradezu eine typische und originelle Erscheinung auf dem Hofe der beiden Kaiser zu Solo und Djocja bilden. Vor diesem Thore hielt ein europäischer Soldat Wache und gab jede Stunde durch einen Glockenschlag die Stunde des Tages an. Hier befanden sich auch zwei Pendoppo = offene Hallen, in welchen Gesandte, der Reichsverweser oder andere angesehene Personen warten müssen, um nach erhaltener Zustimmung zur Audienz vorgelassen zu werden. Wir gelangten durch das dritte Thor, »Sri Menganti«, welches uns zu den Wohnhäusern des Sultans selbst brachte, und vor dem Bangsal Kentjana = dem goldenen Pendoppo kam der Kaiser der Deputation entgegen.
Auch in der Nähe dieses Saales standen Soldaten; man muss sich vollkommen dem Eindrucke des Hofceremoniells hingeben, wenn man nicht beim Anblick dieser Helden ein lautes Lachen erschallen lassen will. Die Legionen des Sultans sind 3–4000 Mann stark und in zahlreiche Compagnien eingetheilt mit ihren eigenen Officieren, eigenen Uniformen, Fahnen; jede hat zwei Tambours und zwei Pfeifer. Die eine Compagnie, welche am meisten meine Aufmerksamkeit fesselte, hatte einen Officier mit einem gelben Frack, grünen Hosen, grossen, schwarzen Kanonenstiefeln, einem dreieckigen Hut mit einem grossen Blumenstrauss, einem grossen, breiten Säbel in der Hand und einer grossen, grünen Brille auf der Nase. Die Soldaten, welche um ihn standen, hatten ungefähr dieselbe Uniform, waren jedoch mit einer Lanze bewaffnet und hatten keine Brille, welche übrigens bei allen übrigen Officieren offenbar als Zeichen ihrer Würde auf der Nase sass. Die anderen Compagnien zeigten bedeutende und pittoreske Unterschiede; sie waren mit Krissen (Dolchen) oder Schwertern und Schild, mit Lanzen oder Gewehr bewaffnet; sie hatten einen Sarong oder kurze oder lange Hosen an; dreieckige Hüte oder spitz zulaufende Mützen oder Helme aus den diversen Jahrhunderten; der Frack war gelb, roth, blau oder schwarz; sie trugen weisse Strümpfe mit Lackschuhen oder waren blossfüssig; kurz und gut, die Uniformen der letzten 300 Jahre hatten ihre Vertreter in den Legionen der beiden Kaiser von Java ([Fig. 15]).
Als Pendoppo hatte dieser Saal keine Wände, und doch sind die Säulen, welche das Dach tragen, und dieses selbst, sofern es den Plafond dieser Halle bildet, als alt-javanische Holzschnitzereien von grossem historischen und architektonischen Werth. Zur Seite steigt das Dach schief nach oben, und seine Balken haben ihre natürliche Farbe, welche durch das hohe Alter dunkel und düster wurde. Diese Balken jedoch sowie die der Caissons des mittleren Theiles, welcher mattblau und roth ist, sind mit zahlreichen Arabesken, Blumen und Thieren in Goldfarbe bedeckt; da aber das Gold dieser Verzierungen auch nicht mehr neu und also nur mattglänzend war, so machte dieser Saal einen düsteren Eindruck. Die Einrichtung bestand nur aus zwei Thronsesseln und acht gepolsterten Stühlen, und der Boden bestand aus Marmor.
Nachdem der Resident dem Kaiser den Brief überreicht hatte, liess dieser den Reichsverweser den Brief öffnen und vorlesen; danach gingen wir uns setzen und Rheinwein trinken, welcher in schönen Gläsern herumgereicht wurde.
Fig. 12. Das Wohnhaus eines reichen Chinesen in Batavia.
Aber einen noch selteneren Empfang sollte ich bei dieser Gelegenheit mitmachen. Die Deputation wurde auch von der Sultanin empfangen.
Hinter der erwähnten Pendoppo befindet sich eine lange, offene Halle, an welche sich rechts die Gedong kuning, das gelbe Haus, die Wohnung des Sultans und die Dalem oder Prabajasa, die Wohnung der Sultanin anschlossen. Links von der Halle befanden sich die Ställe für die Pferde und Hunde, obwohl die letzteren nach den mohamedanischen Anschauungen haram = unrein sind.
In dem eigentlichen Palaste der ersten Sultanin empfing uns also des Sultans Favoritin; seine anderen Frauen und Gundiks = Beiweiber hatten hinter der Prabajasa ihre Wohnungen, welche den Harem oder Kaputrén bilden und von keinem männlichen Wesen betreten werden dürfen. Aber auch in die eigentliche Wohnung des Sultans, in das gelbe Haus, mag niemals ein Mann ohne directe Einladung kommen, und natürlich noch weniger in den Palast der Sultanin. Alle Bedienung geschieht in beiden Palästen nur durch Frauen. Die Veranda, in welcher der Empfang der Deputation stattfand, war schlecht beleuchtet. Als wir eintraten, erhob sich von einem sehr langen Divan, der die ganze Länge der Mauer einnahm, die Sultanin, und der Resident stellte uns vor. Hierauf setzten sich die vier Grössen auf den Divan, und wir Uebrigen, dii minorum gentium, konnten stehen bleiben.
Den Kraton zu Solo will ich nicht beschreiben, weil ich nur wiederholen müsste, was ich in obigen Zeilen von dem Palaste in Djocja mitgetheilt habe, und weil ich dabei die Mittheilungen und Beschreibungen Anderer benutzen müsste. Nach dem Feste beim Residenten fuhr ich den nächsten Tag um 10 Uhr mit der Eisenbahn wieder nach Ngawie zurück, ohne von der Stadt mehr als den Thiergarten, das Fort Vastenburg, das Residenzgebäude und den schönen Palast des Prinzen Mangku-Negoro gesehen zu haben. Die Stadt hatte mehr als 100,000 Einwohner[101] und machte auf mich keinen günstigen Eindruck. Vielleicht waren es die zahlreichen Spuren der jährlichen Ueberschwemmungen, welche der Stadt geradezu ein schmutziges und unappetitliches Aussehen geben. Sie liegt nämlich an der Mündung des kleinen Flusses Pepé[102] in den Bengawan (= Solo), welcher der grösste Fluss Javas ist und in seinem oberen Laufe aus zahlreichen kleinen Bergströmen besteht. Die Stadt hat aber eine grosse und schöne Zukunft, weil seit ungefähr sieben Jahren die Eisenbahn, welche Batavia mit Surabaya verbindet, den Fremdenverkehr sehr erleichtert und den Strom der Touristen nach diesen zwei höchst interessanten Kaiserreichen (Djocokarta und Surokarta = Solo) lenkt. Die Provinz ist reich an Ruinen aus der Hinduzeit und hat zahlreiche Naturschönheiten (zahlreiche warme Quellen, Mofetten und auf dem Berge Lawu eine kleine Bergkluft mit zwei Teichen, aus welchen giftige Gase [Kohlenstoff!] aufsteigen, Schwalbennesterhöhlen u. s. w.). Vielleicht am interessantesten ist und bleibt die Anwesenheit eines orientalischen Fürsten mit seinem ganzen Hofstaate, welcher am Gängelbande des Residenten geht und bemüssigt wird, seinen despotischen Gelüsten nur noch im Festhalten äusserer Formen zu genügen. Hatte nämlich die indische Regierung grosse Schwierigkeiten, die depossedirten Fürsten anderer Provinzen Javas, welche sie als »Regenten« in das Corps der Beamten aufnahm, von ihren despotischen Gewohnheiten zu befreien, so stand sie gegenüber den beiden Fürsten von Solo und Djocja, welche äusserlich ihre Selbständigkeit behielten, geradezu vor einem Augiasstalle. Ich bewundere die Geschicklichkeit und Ausdauer der holländischen Regierung, welcher es gelang, zwei diametral entgegengesetzte Regierungsprincipien in ihr Programm aufzunehmen und dieses erfolgreich durchzuführen. Diese sind: Die einheimischen Fürsten der unterworfenen Stämme an die Spitze der Verwaltung als Beamte zu stellen, um die dynastischen Gefühle der grossen Menge des Volkes zu schonen, und andererseits den kleinen Mann vor den despotischen Gelüsten dieser Beamten zu beschützen.
Der beste Beweis nicht nur für die Richtigkeit dieser Principien, sondern auch für den bedeutenden Erfolg derselben ist der ungeheure Aufschwung, den Java im 19. Jahrhundert genommen hat, und der sich in dem Wachsen der Bevölkerung und in der menschenwürdigen Existenz des javanischen Bauers am deutlichsten zeigt. Java hatte im Anfange dieses Jahrhunderts ungefähr 3,000,000 Seelen, und heute beinahe 23 Millionen. Selbst bis in die abgelegensten Kampongs ist die kleine Petroleumlampe gedrungen, und beinahe jeder Dorfhäuptling hat seinen runden Tisch mit einem bunten Tischtuch, einen Schaukelstuhl und seine Hängelampe.
Die Provinz Surakarta (= Solo) hat bei einer Grösse von 112,905 ☐Meilen 1,176,833[103] Einwohner, also ungefähr 10,000 auf die Quadrat-Meile, obwohl der Süden der Provinz von Kalkbergen durchzogen wird und nur spärlich bewohnt ist.
Um ½12 Uhr kam ich wieder in Paron an, und der nächste Tag (3. Januar 1889) sah mich wieder dem täglichen Leben in dieser kleinen Stadt und dem anstrengenden Dienste im Fort zurückgegeben.
In dem Fort selbst befand sich das Spital von der 6.[104] Rangklasse. Links von dem nördlichen Eingange des Forts befand sich das einstöckige Gebäude, welches im Parterre das Bureau des Verwaltungsbeamten, die Apotheke mit dem Sprechzimmer des »Eerstanwezenden Officiers van Gezondheid«, und im ersten Stock die Säle für die Kranken enthielt. Diese waren durch eine Brücke mit einem zweiten Gebäude verbunden. Das Dach des Spitales war flach und konnte eventuell zum Spaziergange von Reconvalescenten verwendet werden. Der Eingang zum Spitale selbst war eine Treppe mit einer eisernen Thüre, welche zu einem Corridor führte. Die Säle, welche für die Sträflinge bestimmt waren, hatten eigene Thüren aus schweren eisernen Stäben, und die Fenster, welche auf den Hofraum sahen, eiserne Gitter. Die Säle für die Soldaten des Bewachungs-Detachements hatten Thüren und Fenster ohne Gitter. Die Einrichtung des Spitales bestand aus eisernen Betten mit Strohsäcken für die Patienten der 3. und 4. Klasse, und mit Matratzen mit Kapok[105] gefüllt für die Unterofficiere und Officiere und für jene Patienten der 3. und 4. Klasse, für welche eine harte Unterlage gefährlich werden konnte, wie z. B. bei Erkrankungen des Rückenmarks, bei Typhus u. s. w., bei welchen leicht Brand durch Druck entstehen kann.
Der Stand der Krankenwärter war entsprechend der 6. Rangklasse: 1 Sergeant (Ziekenvader), 2 Corporäle (Bediende), 4 europäische Wärter (Oppassers), 4 eingeborene Soldaten (Handlanger), 1 Bürger und 10 Sträflinge.
Von diesen Krankenwärtern mussten einer für die Apotheke, ein Koch und ein Unter-Koch bestimmt und ein »Handlanger« als Kutscher für den Leichenwagen angewiesen werden. Nebstdem wurden ein Sträfling der Apotheke und vier der Küche zugetheilt. Der Krankenwärter, welcher in der Apotheke die Dienste eines Gehilfen leistete, war schon seit Jahren in Ngawie und hatte sich eine bedeutende Fertigkeit im Verfertigen der Recepte u. s. w. angeeignet; das Reglement verbietet, einen solchen Mann derartige Dienste verrichten zu lassen, und gestattet nur, demselben die niedrigsten Dienste eines Apothekergehilfen anzuvertrauen, z. B. Papier schneiden, die Pillenmasse zu kneten, Pulver zu stampfen u. s. w. Es war möglich, diesem Gesetze zu entsprechen, so lange ich einen Assistenzarzt hatte; dieser musste die Recepte des Spitals und der Bürger verfertigen, und so brauchte ich wirklich den Gehilfen nur die kleinen, von dem Gesetze erlaubten Handarbeiten leisten zu lassen.
Als aber dieser mir abgenommen wurde, stand ich vor einem schwierigen Fall; ich hatte ein Spital mit 40–50 Patienten; ich musste die Armen-, Civil- und Gerichtspraxis ausüben und gewiss auch die erste Hülfe bei den besser situirten Europäern, Chinesen und Eingeborenen leisten, wenn sie den weiteren Verlauf auch dem nächsten Civil-Arzte (in Madiun) hätten anvertrauen wollen; ich musste das Gefängniss täglich besuchen, und, so lange ich keinen Doctor djawa zur Assistenz hatte (auch dieser fehlte mir einige Monate), auch die Behandlung der Prostitués auf mich nehmen, und doch bekam ich einen officiellen Verweis, als es in Samarang bekannt wurde, dass ich die Recepte von diesem nicht diplomirten Apotheker anfertigen liess!!
Dieses ist in Indien ein sehr beliebtes und gern angewandtes Mittel gewisser Officiere, um den Untergebenen aus leicht motivirbaren Gründen die nöthige Assistenz abzunehmen, und dann auf diese Weise glücklich im Suchen nach Fehlern u. s. w. sein zu können. So oft ich nämlich nach Samarang schrieb, man möge mir einen Assistenzarzt senden, bekam ich entweder keine Antwort oder ich wurde auf den Mangel an Aerzten verwiesen, und dass ich mich so gut als möglich ohne Assistenz durchschlagen müsse.
Ich hatte einen Oberarzt, welcher also Anfangs October 1888 per Telegramm nach Samarang transferirt wurde, wo durch das epidemische Auftreten der Cholera eine Vermehrung der Militärärzte nöthig wurde.
Es war 3 Uhr Nachmittag, als ich in meinem Mittagschläfchen von diesem Oberarzte gestört wurde; mit einem Telegramm in der Hand klagte er mir sein Leid, sofort nach Samarang gehen zu müssen, wo die Cholera in fürchterlicher Weise herrsche und so zahlreiche Schlachtopfer fordere. Bald sah ich, dass die Furcht vor der Cholera ihn mehr beherrsche, als es sich für einen Arzt geziemt, und mehr, als es für einen Arzt in den Tropen zweckmässig ist, wo (besonders in Java) die Cholera endemisch ist und oft zu starker Epidemie exacerbirt.
Ich trachtete ihm also die Schwierigkeiten vor Augen zu halten, wenn er sich nicht seiner Cholerafurcht widersetze, und machte ihn aufmerksam, dass »der Arzt vor ansteckenden Krankheiten ebenso wenig als der Soldat vor der feindlichen Kugel« sich zurückziehen dürfe. Endlich bekannte er, dass die Furcht vor der Cholera ihn veranlasse, mich zu bitten, telegraphisch seine Transferirung zurückziehen zu lassen, weil die Choleraphobie, die Furcht vor der Cholera, eben schon eine Infection durch Choleragift sei. Da jedoch in Ngawie selbst die Cholera nicht herrschte, so war seine Furcht vor der Cholera gewiss nur psychischen Ursprungs, und ich machte ihn darauf aufmerksam, dass ich zufälligerweise aus eigener Erfahrung über das Wesen der Choleraphobie, welche gewissermaassen eine nervöse Form dieser Krankheit im leichtesten Grade darstellt, einen richtigen Einblick habe.
Ich selbst hatte nämlich im Jahre 1873 daran gelitten. In Wien herrschte in diesem Jahre die Cholera, ohne viel Opfer zu fordern. Nur 60 oder 90 Todesfälle waren vorgekommen, trotzdem die Weltausstellung Hunderttausende von Menschen dahin gelockt hatte. Es war an einem warmen Augusttage, als ich in der Donau ein Bad nehmen wollte und auf der Treppe von einem beängstigenden Gefühle ergriffen wurde; ich stieg nicht in’s Wasser, sondern kleidete mich an. Dabei hatte ich keinen anderen Gedanken, als den, an der Cholera erkrankt zu sein; ich bekam Zwicken und Kneipen in dem Bauch und eilte sofort nach der Stadt, um in einer Apotheke zehn Tropfen Laudanum zu nehmen. Die Angst in der Magengrube (Präcordialangst) nahm zu, ich bekam Diarrhöe, und in fürchterlicher Aufregung rannte ich in meine Wohnung, ohne durch die angewendeten Hausmittel beruhigt zu werden. Die Nacht brach herein, und ich sehnte mich nach dem Schlafe; aber in dem Augenblicke, als ich einschlafen sollte, wurden die Schmerzen im Bauche so arg, dass ich aus dem Bette sprang mit dem Gedanken: »Jetzt erfasst mich wirklich die Cholera.« Endlich gegen 4 Uhr schlief ich ein. Dieser Zustand dauerte vier Wochen lang und nichts half dagegen, bis ich endlich einen Entschluss der Verzweiflung fasste: aut — aut, und ich meldete mich für Ungarn an — als Choleraarzt. Während dieser vier Wochen durfte ich das Wort Cholera weder hören noch lesen, oder ich bekam die ganze Reihe der nervösen Aufregungen mit oder ohne Diarrhöe; ganze vier Wochen lang kam ich nicht vor 4–5 Uhr in den Schlaf, weil mich jedesmal beim Einschlafen das Schreckensgespenst der Cholera aus dem Schlafe riss.
Weiterhin erzählte ich ihm, dass ich diesen Anfällen von Cholerafurcht auch in Ungarn, wo damals eine fürchterliche Epidemie geherrscht hatte, begegnet sei. Bei meiner Ankunft in Eperies wurden mir einige Dörfer in den Karpathen zum Platze meiner Thätigkeit angewiesen, und einer der Beamten begleitete mich, um mich dort zu installiren. Zu meinem Standplatz wollte er die Wohnung eines Försters wählen, der mitten im Gebirge wohnte und gewiss gern mir Gastfreundschaft bieten würde. Als wir dahin kamen und dieser junge Mann alle diesbezüglichen Winke meines Reisebegleiters nicht verstehen wollte, frug ihn dieser zuletzt direct, ob er mich nicht in sein Haus aufnehmen wollte. »O ja, sehr gern,« erwiderte er, »wenn mir der Herr Doctor verspricht, niemals das Wort Cholera in meinem Hause auszusprechen.« Der Mann also, der in den Karpathen allein wohnte, weder Teufel noch Bären noch Wölfe fürchtete, wurde schon durch das Wort »Cholera« in Angst versetzt. Natürlich erklärte ich hierauf meinen festen Entschluss, irgendwo anders eine Wohnung zu suchen.
Das sind zwei ausgesprochene Fälle von Choleraphobie, weil beide in einer von der Cholera inficirten Gegend auftraten, während mein Assistenzarzt keine anderen Symptome als die der Furcht zeigte. Ich wies im weiteren Verlaufe auch auf die geringe Gefahr der Ansteckung von Seiten eines Arztes hin, weil er so wenig in directen Contact mit den Entleerungen der Patienten komme. Als in Ungarn im Jahre 1873 in einigen Dörfern die Cholerakranken von ihren gesunden Angehörigen verlassen wurden, und dadurch ohne Pflege und ohne Behandlung blieben, legte sich ein Arzt, dessen Name mir leider entfallen ist, ins Bett zu einem sterbenden Cholerakranken; dieser Arzt blieb am Leben. Wenn auch drei Krankenwärter in Batavia starben, welche Cholerakranke verpflegt hatten, so sei darum der Arzt doch nicht mehr bedroht, als alle anderen Menschen, welche in demselben Orte wohnen, weil er nur selten oder niemals von den Entleerungen der Kranken beschmutzt werde, und wenn dies zufällig geschehe, er sich auch sofort reinigen und desinficiren könne. Ja noch mehr: wie viel Aerzte hätten in persona bei Cholerakranken die Tanninklystiere gegeben, ohne darum ihre Hülfeleistung mit dem Leben zu bezahlen. Wie oft hätte ich selbst, trotz meiner Cholerafurcht, den fürchterlich nervösen Erscheinungen, welche mit Diarrhöe gepaart gingen, den Cholerapatienten Morphium subcutan eingespritzt (das allerdings nicht resorbirt wurde), ich predigte tauben Ohren. Zuletzt erklärte mein Assistenzarzt — er sei krank, er leide an einem Darmkatarrh! —
»So,« erwiderte ich hierauf, »Sie sind krank; in der brennenden Sonnenhitze von vielleicht 37° kommen Sie zu mir, und Sie sind so krank, dass Sie Ihrer Transferirung nicht folgen können?! Nebstdem sind Sie gestern Abend bis in die späte Nachtstunde im Club gewesen, und Sie haben heute Vormittag nicht nur Ihren Dienst im Fort gethan, sondern sind auch in die Stadt zu Ihren Privatpatienten gefahren ... Doch wenn Sie sagen, dass Sie krank seien, muss ich es Ihnen glauben. Gehen Sie nach Hause, ich komme um 5 Uhr zu Ihnen, um Sie zu untersuchen, und ich bitte Sie, wenn möglich, mich auch Ihren Stuhl sehen zu lassen.«
Als ich um die angegebene Stunde kam, erklärte er mir, seiner Transferirung Folge zu geben.
Vier Tage später kam er zurück, und ein Brief des Landes-Sanitätschefs machte mir die heftigsten Vorwürfe über meine inhumane Handlungsweise, einen Mann den Gefahren der Cholerainfection auszusetzen, der an einem Katarrh des Dünn-, Dick- und Mastdarms leide. Ich vertheidigte mich, nach meiner Ansicht, mit vollkommenem Erfolg; wie überrascht war ich jedoch, am Ende des Jahres in meiner Conduiteliste zu lesen: Nicht hinreichend selbständig, hat sich oberflächlich gezeigt in der Erfüllung seiner Pflicht als Chefarzt gegenüber seinem Assistenzarzt. Sein militärisches Benehmen ist tadelnswerth; verrichtet seine Dienstpflichten mit Eifer, doch nicht immer in passender Weise; er verdient also keine Beförderung!!
Ich reichte meine Vertheidigung an den Armee-Commandanten ein, indem ich die einfache Thatsache mittheilte mit der Bemerkung, dass der Soldat ins Feuer und der Arzt zu ansteckenden Krankheiten gehen müsse, und dass ich so überzeugt sei, nach Recht und Gewissen gehandelt zu haben, dass ich bei Wiederholung dieses Falles wieder in gleicher Weise zu Werke gehen würde.
Während bis Ende März alle Conduite-Listen bei dem Armee-Commandanten eingelangt sein müssen, nachdem der Platz-Commandant, der Landes-Sanitätschef, der Landes-Commandant und der Sanitätschef ihre etwaigen Zusätze und Anmerkungen hinzugefügt hatten, befremdete es mich, im April noch keine Antwort auf diese Vertheidigung erhalten zu haben. Bis Ende März müssen nämlich die Conduite-Listen mit den etwaigen Vertheidigungsschriften aus dem ganzen Archipel eingegangen sein. Von Java selbst gelangen diese »Papiere« schon in den ersten Wochen des Monats Januar nach Batavia und werden sofort erledigt, d. h. entweder im Kriegs-Departement deponirt oder es werden in strittigen Fällen zur weiteren Behandlung die Erhebungen gepflegt.
Aber Anfangs Juli hatte ich noch keine Antwort; endlich hiess es, dass der Landes-Commandirende, General von K., kommen sollte, über die Garnison von Ngawie Inspection zu halten.
In üblicher Weise wurde den Officieren und Mannschaften der Tag und die Stunde angegeben, an welchen sie ihre etwaigen Ansuchen dem Landes-Commandirenden vorbringen konnten. Es war für mich eine schwere Arbeit, zu sorgen, dass sich das Spital und die Apotheke mit ihren Magazinen in reglementärer Ordnung befanden, und dass alle Rapporte bei der Hand waren, welche dem General beim Erscheinen im Spitale vorgelegt werden sollten. An den Inspectionen der Casernen und Officierswohnungen musste ich theilnehmen, um etwaige von mir angegebene hygienische Uebelstände zu demonstriren oder von anderer Seite eingebrachte hygienische Fragen zu begutachten, und ich hatte keinen Assistenten, um den Dienst in der Apotheke, im Gefängnisse, im Frauenspitale und in der Civilbevölkerung von ihm verrichten lassen zu können. Im Drange der Geschäfte vergass ich also, auch mich anzugeben und den General um Mittheilung über den Stand meiner Vertheidigungsschrift zu bitten. Jedoch an dem Revolverschiessen der Officiere betheiligte ich mich; ich sollte als letzter an die Reihe kommen und unterhielt mich unterdessen mit dem Adjutanten des Generals, einem alten Bekannten aus der Zeit meines Aufenthaltes in Sumatra, und frug ihn, ob ihm nichts bekannt sei, welche Erledigung bis jetzt, d. h. nach 6 Monaten Zeit, meine »Affaire« genommen hätte. Er glaubte, mir eine ausweichende Antwort geben zu müssen, welche mich annehmen liess, dass mein Recurs ungünstig erledigt worden sei; dies erregte mich so mächtig, dass ich, aufgerufen, an den Schiessstand zu treten, den Revolver bei dem Laufe in die Hand nahm; ein schallendes Gelächter weckte mich aus meiner Verlegenheit, doch ich schoss so gut, dass die Ehre des ärztlichen Standes als Schütze gerettet wurde. Drei Tage später erhielt ich von dem Landes-Sanitätschef die Mittheilung, dass der Armee-Commandant
».... mit Rücksicht auf die günstige Conduitebeurtheilung, welche »de Officier van Gezondheid«, Breitenstein, bis jetzt hatte, die in Colonne I mitgetheilte unrichtige Behandlung von Sachen[106] als einen vereinzelten Irrthum in gutem Glauben angesehen habe« und dass »Seine Excellenz auf Grund dieses wünscht, die im Jahre 1887 gefällte Beurtheilung vorläufig aufrecht gehalten zu sehen ...«
Diese Mittheilung des Sanitätschefs war datirt vom 3. Juni 1889, wurde einen Monat später auf Urgenz des Landes-Commandirenden mir eingesendet und trug auch die Spuren der Fälschung; Juni war verändert in Juli!!
Es geschieht selten, dass eine Conduitebeurtheilung von dem Armee-Commandanten gänzlich zu Gunsten der Reclamanten abgeändert wird, und wenn es geschieht, ist es ein Pyrrhussieg; denn seine Vorgesetzten sehen darin mit Recht eine Niederlage, welche sie in ihrer Existenz, d. h. in ihrer eigenen Beförderung bedroht und — nehmen Rache.
Dieser Bescheid des Sanitätschefs zeigt das militärische Leben in einem eigenthümlichen Lichte, und es drängt sich die Frage auf, ob diesem ein richtiger Standpunkt zu Grunde liege.
Das Vergehen, welches so stark war, dass ich »nicht würdig« und »nicht geeignet« war, befördert zu werden, wurde vom Armee-Commandanten als bestehend angenommen, und nur im Gnadenacte wurde mir die Strafe für dies Vergehen (??) erlassen, weil ich »in gutem Glauben geirrt hätte«, d. h. mit anderen Worten, dass der Landes-Sanitätschef nicht unrichtig mich beurtheilt hätte. Das Princip, welches dieser Aeusserung zu Grunde liegt, ist die Wahrung der Autorität des Chefs gegenüber seinen Untergeordneten. Wenn wir von Uebertreibungen absehen, ist dieses Princip im militärischen Leben ein richtiges und gesundes, es wird auch mit Recht bei allen Disciplinaruntersuchungen angewendet; in strittigen Fällen wird dem Höheren mehr geglaubt als dem Untergebenen; wird damit ein Missbrauch getrieben, so hat jeder Soldat das Recht, auch wegen einer auf dem Disciplinarwege aufgelegten Strafe zu reclamiren und die Entscheidung eines Kriegsgerichts anzurufen, welches jedoch als Jury das objective Beweisverfahren übt. Es ist auch dafür gesorgt, dass dieser Schritt nicht leichtsinnig unternommen werde. Entscheidet das Kriegsgericht (Krygsraad) zu Ungunsten des Reclamanten, so wird nicht nur die primäre Strafe ins Strafregister aufgenommen (die Strafe selbst muss ja nach dem Reglement abgebüsst sein, bevor er an das Kriegsgericht appelliren kann, nebstdem muss der Reclamant die ganze Zeit hindurch Casernenarrest halten), sondern er wird jedenfalls noch einmal gestraft, weil er durch seine leichtsinnige Reclamation bewiesen hat, nicht die seinem Chef schuldige Ehrfurcht zu besitzen. Officiere müssen nebstdem alle Kosten tragen, welche etwaigenfalls damit verbunden waren.
Das Princip ist, ich wiederhole es, ein richtiges, aber die Ausführung desselben lässt vieles zu wünschen übrig. Ich habe in dieser »Affaire« correct gehandelt, ich habe mit Ueberlegung gehandelt; ein praktischer Blick leitete meinen Entschluss, den Assistenzarzt ärztlich untersuchen zu wollen, da er sich »krank« meldete. Er fürchtete diese Untersuchung; wenn mir von Samarang geschrieben wurde, er habe ein Leiden des Dünn-, Dick- und Mastdarmes gehabt, so konnte ich nichts anderes darauf antworten, als: Bis zur Stunde der Abreise lebte er als ein gesunder Mensch, der sich nicht einmal in der Freude des Lebens beschränkte. Bei seiner Zurückkunft nach vier! Tagen lebte er wieder wie jeder andere gesunde Mensch; Furcht war also die Ursache seines Leidens. Darf es also geschehen, dass die Rachsucht seines Chefs jenen unglücklichen Glücklichen verfolgt, der in seinem Recurse an die höchste militärische Autorität rehabilitirt wird? Sollte in solchen Fällen nicht sofort die Pensionirung des Chefs erfolgen, welcher sich von seinen persönlichen Gefühlen der Antipathie hinreissen lässt, um aus unbegründeten, bei den Haaren herbeigezogenen Ursachen einem jungen Manne die Carrière abzuschneiden und die ganze Zukunft zu zerstören!
Die Cholera beschränkte sich im Jahre 1888 auf Samarang und Umgebung und kam nicht nach Ngawie. Ich hatte zwar vier Fälle, sie kamen jedoch in vielwöchentlichen Pausen vor und nur bei Säufern. Alle vier Patienten waren Gehülfen des Koches und bekamen für die Ablieferung der Abfälle der Küche an den chinesischen Schweinehändler von ihm täglich eine Flasche Sagueer[107] oder Arac. Solche vereinzelten Fälle sind in Indien häufig, weil die Cholera dort eben endemisch ist und es wahrscheinlich auch immer gewesen ist, wenn auch Semelink behauptet, dass vor dem Jahre 1817 die Cholera in Indien unbekannt gewesen sei. Die Beweise, welche dieser indische Oberstabsarzt in seinem Buche dafür bringt, gründen sich grösstentheils auf philologische Untersuchungen, auf welches Gebiet ich ihm nicht folgen kann. Mittheilungen bacteriologischer Art sind natürlich in diesem sonst fleissig bearbeiteten Buche nicht enthalten, und in der Zahl der Todesfälle einen Unterschied zu machen zwischen asiatischer Cholera und Cholera nostras hat doch gar keine wissenschaftliche Basis. Wenn also Oberstabsarzt Semmelink auf philologische Gründe basirt behauptet, dass vor dem Jahre 1817 auch in Indien die epidemische Cholera asiatica nicht vorgekommen sei, und dass die Beschreibungen solcher Fälle an Malaria oder Vergiftungen mit Datura oder Arsenik u. s. w. erinnern, so kann dieser Behauptung nicht widersprochen werden; aber jeder unbefangene Leser wird z. B. im folgenden Satze, welcher auf einem Steine eines alten Tempels sich befand und einem Schüler Buddha’s zugeschrieben wurde, in erster Reihe an Cholera und nicht an Malaria denken. Dieser Satz lautet:[108] »Die blassen Lippen, das abgemagerte Gesicht, die hohlen Augen, der eingezogene Bauch, die zusammengezogenen und gekrümmten Extremitäten, wie wenn sie dem Feuer ausgesetzt gewesen wären, charakterisiren die Cholera, welche durch die boshaften Beschwörungen der Priester niedersteigt, um die braven Menschen zu verderben. Der dicke Athem bleibt an dem Gesichte des Kriegers hängen, seine Finger sind in verschiedener Weise zusammengezogen und verdreht, er stirbt in Krämpfen, als Schlachtopfer der Cholera von Siwa.«
Vielleicht wird ein Bacteriologe sich finden, der z. B. in den Gräbern verstorbener Hindus Cholerabacillen finden wird; denn ohne diesen Befund wird die Behauptung Semelink’s, dass die Cholera vor dem Jahre 1817 auch in Indien nicht vorgekommen sei, auf wissenschaftlicher Basis nicht widerlegt werden können; wenn aber im Jahre 1768 auf der Küste von Coromandel 60,000 Menschen einer Krankheit erlegen sind, welche die der Cholera eigenen Symptome hatte, ist es schwer, darin eine Malaria-Epidemie zu sehen, weil es gewiss noch niemals vorgekommen, dass die plötzlichen Todesfälle, veranlasst durch die Malaria und bekannt unter dem Namen Febris perniciosa, in so grosser Zahl vorkommen, als es in dem Charakter der Cholera-Epidemien gelegen ist.
Es drängt sich uns eine andere Frage auf, welche der Bacteriologe momentan vielleicht als steril zurückweisen wird; aber in Zukunft wird man auch unsere Ansicht reiflich in Erwägung ziehen müssen.
Vor dem Jahre 1885 war Atjeh (im Norden Sumatras) die Heimstätte zahlreicher und heimtückischer Malariaformen; in diesem Jahre brach eine fürchterliche Epidemie von Beri-beri aus, welche z. B. das Hülfs-Bataillon der Maduresen in drei Monaten Zeit decimirte!
Ich habe zu wiederholten Malen Malariaformen gesehen, die schwer von Lungenentzündung oder Typhus zu unterscheiden waren, ja noch mehr, ich habe, ich möchte fast sagen, eine ganze lange Entwicklungsreihe von typischer Malaria bis zu ausgesprochenem Bauchtyphus gesehen.
In beiden Fällen musste ich diese Krankheiten »Bruder und Schwester« nennen, d. h. verwandte Krankheitsformen auf miasmatischer Basis.
Sollten also auch nicht Cholera und Malaria miasmatische Krankheiten sein, welche wie Bruder und Schwester mit einander verwandt sind? Wenn ich das Bild der wenigen Fälle von Febris perniciosa cholerica vor Augen halte, welche ich zu beobachten Gelegenheit hatte, und es vergleiche mit jenen der Cholerakrankheit, dann werde ich vielleicht mit dem deutschen Bilde, sie gleichen wie ein Ei dem andern, deutlicher meine Ansicht ausdrücken als mit dem holländischen »Bruder und Schwester«; aber mit beiden Bildern will ich die Verwandtschaft dieser beiden Krankheiten aussprechen und die Polymorphie der Bacterien als Krankheitserreger nur andeuten. Für die Systematik sind die Worte: Plasmodien und Cholerabacillus gewiss von hohem Werthe; in der Praxis wird uns das Wort Miasmen in der Lehre der Malaria bessern Dienst leisten und in der Aetiologie der Cholera den Weg zu einer richtigen Prophylaxis zeigen.
Im Jahre 1817 hat also die Cholera ihre erste grosse Weltreise angetreten; sie dauerte sieben Jahre lang und hatte zu ihrer Ausbreitung auf den Inseln des indischen Archipels drei Jahre nöthig. Interessantes hierüber theilt der »Militär-Krankenrapport über Java und Madura« 1847 mit, und darum wird vielleicht ein Auszug von den Mittheilungen des Sanitätschefs Dr. W. Bosch aus dieser Zeit nicht unerwünschte Beiträge zur Geschichte der Verbreitung der Cholera geben:
»Schon im vorigen Jahrhundert trat die Cholera bald sporadisch, bald epidemisch auf; immer aber verschwand sie bald, ohne viele Opfer zu heischen. Doch im Jahre 1817 trat sie als heftige Epidemie in Hindostan auf und raubte Hunderttausenden das Leben. Zuerst brach sie in der Umgebung von Calcutta aus und erreichte bald die Stadt, wo jede Woche 200 Menschen oder 1⁄900 der Bevölkerung daran starben, ohne dass man die Ursache oder den ersten Keim der Entwicklung entdecken konnte. Von dort pflanzte sie sich nach China fort und wüthete in den Hauptstädten Peking und Canton; weiterhin zog sie im Jahre 1818 nach Madras und nach der Südküste von Coromandel und erreichte am Ende dieses Jahres Ceylon. Weiter besuchte sie die Westküste von Vorderindien, den Golf von Persien, Cochinchina, Manila, Pulu (Insel) Pinang, Singapore, Malacca und im Jahre 1820 Mauritius und den Golf von Siam.«
»Obwohl der Gouverneur von Pulu Pinang und der Prof. Reinwardt diese Krankheit auf das bestimmteste für nicht ansteckend erklärt hatten, glaubte doch unsere Regierung die Ansteckungsfähigkeit für zweifelhaft halten zu müssen, und es wurde vorsichtshalber verordnet, dass von den Schiffen, welche aus oben genannten Gegenden kamen, Niemand ans Land gehen sollte, bevor eine ärztliche Commission untersucht hatte, ob sich keine verdächtigen Kranken oder Reconvalescenten an Bord befanden. Auch sollten die Residenten in Uebereinstimmung mit den Aerzten jene Maassregeln festsetzen, welche die localen Verhältnisse erfordern sollten. Zugleich wurde der Bericht des Gouverneurs von Malacca in den batavischen Zeitungen publicirt.«
»In einem Briefe vom 19. Januar 1820 berichtete der Resident von Batavia an die Regierung, dass die Brik Fanny, welche von Mauritius angekommen war, die Nachricht gebracht hatte, dass dort die Cholera ausgebrochen war und in drei Wochen 3000 Menschen dahingerafft hatte, dass dieses Schiff Quarantaine halten musste, welche Maassregel gebilligt wurde, ebenso als die Isolirung der Schiffe, welche die Strasse von Sunda passirten. Bald zeigte es sich, dass alle Vorsichtsmaassregeln vergebens genommen waren. In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1821[109] brach die Cholera in Mittel-Java, und zwar in Samarang aus, ohne dass eine strenge Untersuchung constatiren konnte, von wo sie gekommen war und aus welcher Ursache sie sich entwickelt hatte ...«
»Die Schiffe, welche auf der Rhede von Samarang lagen, wurden genau untersucht; aber es meldete der Militärarzt Bakker,[110] dass auf keinem der Schiffe eine Spur der Krankheit zu finden war, so dass ihr Entstehen auch hier ein Räthsel blieb. Aber sicher ist es, dass sie nicht über See eingebracht wurde, und dass zu Land kein Verkehr mit irgend einem der inficirten Orte bestand.[111] Unterdessen kamen auch einige Cholerafälle in Demak vor, welches im Osten von Samarang liegt ...«
Von 786 Javanen findet man in dem Staatsarchiv einen sehr genauen Rapport, welcher von einem eingeborenen Häuptling verfasst war. Aus diesem ist ersichtlich, dass gestorben waren
| am | 22. | April | 3 | Menschen | |
| „ | 23. | „ | 6 | „ | |
| „ | 24. | „ | 15 | „ | |
| „ | 25. | „ | 53 | „ | |
| „ | 26. | „ | 42 | „ | |
| „ | 27. | „ | 85 | „ | |
| „ | 28. | „ | 99 | „ | |
| „ | 29. | „ | 87 | „ | |
| „ | 30. | „ | 126 | „ | (NB. Abends Regen) |
| „ | 1. | Mai | 77 | „ | |
| „ | 2. | „ | 99 | „ | |
| „ | 3. | „ | 94 | „ |
Es starben binnen | 1 | Stunde | 51 | Menschen |
2 | Stunden | 46 | „ | |
3 | „ | 39 | „ | |
4 | „ | 60 | „ | |
5 | „ | 40 | „ | |
6 | „ | 38 | „ | |
7 | „ | 49 | „ | |
8 | „ | 35 | „ | |
9 | „ | 32 | „ | |
10 | „ | 40 | „ | |
11 | „ | 33 | „ | |
12 | „ | 73 | „ | |
18 | „ | 31 | „ | |
24 | „ | 65 | „ | |
48–80 | „ | 7 | „ | |
Die weiteren Mittheilungen des Sanitätschefs Dr. Bosch will ich unerwähnt lassen, weil sie nur der Spiegel der damaligen Rathlosigkeit sind, was die Aetiologie dieser Krankheit betrifft.
Wenn ich auch den statistischen Angaben aus dieser Zeit absolut keinen Werth beilege, und auch die Mittheilungen über die angeblich unternommenen »genauen« Untersuchungen geradezu bezweifle, so glaube ich doch, natürlich ohne weiteren Commentar, die mir zugänglichen Ziffern über die Cholera auf den Inseln des indischen Archipels mittheilen zu sollen.
Von 1821 bis 1832 starben in der Armee an Cholera 559, 118, 200, 158, 147, 256, 183, 281, 330, 261, 115, 30 (das erste Halbjahr) = 2638, und 8487 waren erkrankt.
Dr. W. Bosch theilt weiter mit, dass vom Jahre 1832 an die Rapporte über die Cholera schweigen, so dass »man annehmen muss, dass die eigentliche Cholera nicht mehr vorgekommen ist«, und dennoch — sind unter der Statistik der in der Armee behandelten Krankheiten von der ersten Hälfte des Jahres 1847 24 Patienten mit 5 Todesfällen angegeben. Da dieser Summirrapport über »das erste halbe Jahr 1847« erst in 1850 erschien, so lässt sich dieser Widerspruch nicht anders erklären, als dass die sporadischen Fälle ausser Betracht blieben.
Wenn wir die weiteren Jahre, deren Berichte mir zugänglich sind, betrachten, so sehen wir, dass die Cholera in Indien endemisch ist.
Vom Jahre 1852 bis 1885[112] starben an Cholera in Java (und Madura) 3122 europäische, 189 afrikanische und 1138 eingeborene Soldaten.[113]
Vom Jahre 1891 bis 1895 kamen 185, 91, 41, 1, 1, zusammen 319 Todesfälle an Cholera vor, während im Jahre 1896 137 und im Jahre 1897 229 Bürger dieser Seuche erlagen.
Die Ziffern des Jahres 1891 bis 1895 sollten beweisen können, dass die Cholera auf den Inseln des indischen Archipels nicht endemisch sei, sondern wie in Europa hin und wieder verschwindet und dann wieder entsteht und in der Form einer Epidemie Hunderte und Tausende hinwegrafft. Das Gegentheil ist richtig. Gerade die Thatsache, dass in den Jahren 1894 und 1895 nur vereinzelte Fälle in der Armee vorkamen und sich nicht ausbreiteten, gerade dies ist das Charakteristische einer endemischen Krankheit.
Warum jedoch solche vereinzelte Fälle manchmal und glücklicherweise nicht immer zu grossen Epidemien die Anläufe werden, dafür fehlt uns jedes Verständniss. Dies ist ja nicht allein mit der Cholera der Fall; es kommen ja in Europa isolirte Fälle von Pocken, Diphtheritis, Lungenentzündung, Dysenterie, Typhus und Scharlach vor, und in Indien geschieht dasselbe mit der Malaria, während im anderen Jahre diese Infections-Krankheiten epidemisch auftreten und sich rasch über grosse Strecken verbreiten. Will man sich mit der Erklärung begnügen, dass in dem einen Falle sich weiter keine dazu disponirten Menschen fanden, in dem zweiten Falle sich jedoch zahlreich solche Individuen einstellten — auch recht: »Wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein«; ich jedoch — bezweifle noch immer die Richtigkeit der herrschenden Infectionstheorie, obwohl der Commabacillus in den Defäcationen der meisten Cholerakranken gefunden wird.
Fig. 13. Ein javanischer Häuptling mit seiner Frau in Galakleidung.[114]
Im Jahre 1882 obducirte ich mit einem Collegen (Dr. van Th...) in Batavia einen Soldaten, welcher ins Spital gebracht worden war. Wie üblich, machte der damit betraute Soldat die Section, und nur einige kleine Handgriffe, wie z. B. das Oeffnen der Herzhöhlen, nahmen wir vor. Wir machten die Diagnose: Cholera, und Dr. van Th... bekam — einen Choleraanfall,[115] während ich nur eine Exacerbation meines alten Nervenleidens erlitt. Ich bekam heftigen Stuhlgang und Beklemmung in der Herzgrube (Präcordialangst), ich wurde aufgeregt und gejagt, und wiederum raubte mir die Furcht vor der Cholera beinahe die ganze Nacht den Schlaf. Diese Erkrankung des Dr. van Th..., sowie die vier oben erwähnten Fälle der Krankenwärter, welche der Cholera erlagen, nachdem vier Tage hintereinander je ein Patient von der Rhede von Batavia ins Spital geschickt wurde, sind wohl genug Beweise, dass Cholera von Person auf Person übertragen werden könne, dass sie also eine Infectionskrankheit stricte dictu sei.
Auf welchem Wege geschieht die Infection durch den Commabacillus? Grossi, Cattam und Tizzoni haben auf Fliegen diese Bacterien gefunden; auch auf den Mosquitos Indiens sollen sie gefunden worden sein. Für jeden Fall ist diese Quelle der Infection eine ganz geringe, weil auf den Küsten zur Zeit der Cholera-Epidemie Tausende und Tausende 10–20 Mal, und zwar jeden Abend gestochen werden, ohne die Cholera zu bekommen, und andererseits diese Krankheit in Gebirgsgegenden eine verheerende Verbreitung genommen hat, ohne dass Mosquitos oder Fliegen vorgekommen wären.
Virchow fand in dem Magen von Choleraleichen noch in Verdauung begriffene Speisereste, wenn die Krankheit nur 1–2 Stunden gedauert hatte; der saure Magensaft der Thiere vernichtet die Commabacillen, und darum gelingt es nur ausnahmsweise, Thiere durch Fütterung von Reinculturen dieser Bacterien an Cholera erkranken zu lassen, und man muss zu diesem Zwecke erst die Säure des Magens abstumpfen. Es müssen also mit den Speisen selbst in den von Virchow angegebenen Fällen die Bacillen eingeführt worden sein, und thatsächlich ist zu allen Zeiten die Nahrung als Vehikel des Choleragiftes angesehen worden; so z. B. sah Tytler den Gebrauch von verdorbenem Reis als die Ursache des Entstehens der Cholera an; noch heute werden unreife Früchte, und von einigen Aerzten sogar auch solche, welche ganz reif sind, als die Keimträger der Cholera angesehen. Als im October 1896 in Atjeh sieben Fälle von Cholera vorkamen, wurde auf Vorschlag des Landes-Sanitätschefs der Verkauf von allen Früchten auf dem Markte verboten. Auf allen Speisen können zufällig Commabacillen vorkommen. Warum werden dann nicht alle Speisen verboten?
Natürlich musste man auch an das Trinkwasser als Vehikel des Choleragiftes denken, und das Nutzwasser des Bades und der Küche u. s. w. können in grösserer oder kleinerer Anzahl die Cholerabacterien enthalten.
Wenn wir absehen von den wenigen Städten in Indien, in welchen artesisches Wasser gebraucht wird, ist ja die Quelle des Trinkwassers und des Nutzwassers selten eine reine. Nach von Pettenkofer und Anderen sind der alluviale Boden und die tertiäre Formation aussergewöhnlich günstig zur Entwicklung des Commabacillus; die ganze Nordküste Javas ist ja angespültes Land; das Grundwasser derselben ist überfüllt von faulenden Stoffen, und der Lehmboden ist ein schlechter Filter. Darum ist Surabaya mit Recht eine ungesunde Stadt zu nennen.
Wenn wir absehen von den Pantjorans im Gebirge, welche reines Quellwasser führen, so ist das Wasser, welches der »kleine Mann« gebraucht, beinahe eine Reincultur von allen möglichen Bacterien und somit auch des Commabacillus. Er gebraucht das Wasser der Sümpfe und der Strassenriolen zum Mischen mit der Milch, zum Trinken, zum Kochen seines Reises, zum Baden, zum Mundspülen, zum Waschen seines Geschirrs und zum Besprengen des Gemüses und der Früchte, welche er auf den Markt bringt, um ihnen ein frisches Aussehen zu geben.
Aber auch die Entleerungen der Menschen und Thiere befördern die Verbreitung einer Cholera-Epidemie. In der Regel befinden sich die Aborte im Garten neben dem Badezimmer, und die Abfuhr beider mündet in eine Senkgrube, welche die verdünnten Fäces dem Boden mittheilt und das Grundwasser verpestet.
Dass die Cholera endemisch in Indien sei, lässt sich kaum bestreiten, ohne dass wir die undeutliche Definition dieses Kunstausdruckes, welche im Jahre 1876 von der indischen Regierung den Beamten zur Richtschnur gegeben wurde, zur Basis dieser Behauptung nehmen.
Sie lautet folgendermaassen: ... »zu erklären, dass eine Krankheit dann epidemisch genannt werden müsse, wenn sie den Stand aller Krankheiten, wie er in gewöhnlichen Verhältnissen sich zeigt, überschreitet, dass aber eine Krankheit dann endemisch zu nennen sei, wenn sie sich zwar beschränkt auf den Ort, wo sie entsteht, aber gleichzeitig eine grosse Zahl Menschen angreift.«
Ich habe in Indien nur eine einzige Choleraleiche seciren sehen; ich kann daher darüber nichts mittheilen, ob unter dem Einflusse des Tropenklimas die Befunde der Choleraleichen andere als in Europa seien. Was die Symptome dieser Krankheit betrifft, so will ich sie unbesprochen lassen, weil sie dieselben wie in den gemässigten Zonen sind. Ob mehr Europäer oder mehr Eingeborene der Cholera zum Opfer fallen, ist deutlich aus den Militär-Krankenrapporten ersichtlich. Ich habe vor mir die Rapporte von den Jahren 1878 bis 1885 und 1891 bis 1895, also über 13 Jahre, und während jeder Epidemie erlagen bedeutend mehr Europäer als Eingeborene dieser Seuche; auch die Zahl der sporadischen Fälle spricht zu Gunsten der Eingeborenen.[116]
| Europäer. | Eingeborene. | |
| 1878 | 38 | 19 |
| 1879 | 5 | 4 |
| 1880 | 7 | 2 |
| 1881 | 410 | 150 |
| 1882 | 262 | 72 |
| 1883 | 326 | 128 |
| 1884 | 80 | 15 |
| 1885 | 69 | 35 |
| 1891 | 190 | 89 |
| 1892 | 91 | 34 |
| 1893 | 40 | 23 |
| 1894 | — | 2 |
| 1895 | — | 1 |
Die Behandlung der Cholera richtet sich in Indien nach den jeweilig herrschenden Ansichten in Europa. So hat z. B. Dr. J. Gronemann, gewesener Leibarzt des Kaisers von Djocja, mit sehr viel Eifer auf Grund der herrschenden Lehre der Bacteriologie die Creoline empfohlen. Sein grosser Sanguinismus über den Werth dieses Heilmittels hat nicht nur die indische Presse, sondern auch die von Holland ergriffen, und als im Jahre 1897 die Cholera wieder in Surabaya epidemisch auftrat, wurde eine Commission dahin geschickt, welche unter persönlicher Leitung dieses alten Mannes die Creoline einer wissenschaftlichen Untersuchung und Probe bei Cholerakranken unterziehen sollte. Als endlich nach vielen Schreibereien diese Commission zusammengestellt und mit Dr. Gronemann in Surabaya angekommen war, wurden die Cholerafälle mit jedem Tage weniger, so dass sie wegen Mangels an Material unverrichteter Sache nach Hause gehen mussten. Dr. Gronemann ist kein Charlatan — ich kenne ihn persönlich — sondern ein therapeutischer Optimist; in »de Locomotief« vom 5. November 1896 empfahl er den Gebrauch (gereinigter) Früchte zur Cholerazeit, und schliesst mit folgenden Worten:
»Nun noch folgende nicht unwichtige Mittheilung: Ein sehr bekannter und renommirter Doctor-djawa wurde nach einem abseits gelegenen Ort gesendet, wo in wenigen Tagen 40 Eingeborene an Cholera (oder an einer der Cholera ähnlichen Krankheit) krank geworden und (Alle) gestorben waren. Er fand dort 10 neue — nach den Symptomen zu urtheilen — an echter Cholera erkrankte Javanen. Eine bacteriologische Untersuchung, welche allein ausmachen konnte, ob die Krankheit wirklich die asiatische Cholera oder die Cholera nostras war, konnte nicht gehalten werden. Aber beide Krankheitsformen, welche miteinander nahe verwandt sind und unter derselben Erscheinung zum Tode führen, werden durch Commabacillen verursacht, welche in den Darmcanal eindringen, dort fortwuchern, untereinander sich nur wenig unterscheiden, und auf gleiche Weise schnell und sicher durch Creoline getödtet werden.«
»Der »Doctor-djawa« gab Allen Creoline nach meiner Methode, welche seit mehr denn sieben Jahren von ihm angewandt wird. Von diesen 10 Patienten starben noch 4, und 6 von ihnen blieben am Leben.«
»Hierauf liess er alle Kampongbewohner dieselbe Medicin als Prophylacticum gebrauchen, indem er ihnen weismachte, dass es Wasser von Rum sei, welches die Teufel austreiben konnte, welche diese Krankheit verursachten und ... kein einziger wurde wieder von der Krankheit ergriffen.« »Practica est multiplex.«
Ob seitdem diese Therapie der Cholera in die grosse Menge der indischen Bevölkerung gedrungen sei, ist mir nicht bekannt; aber bis nun wurde beim Ausbruch einer Cholera-Epidemie von der Regierung bis in die kleinsten und abgelegensten Dörfer der »Choleratrank von Bleeker« in hunderten und tausenden von Flaschen geschickt, weil die Eingeborenen diese »Obat sakit parut« sehr gern nahmen.
Rp.
Olei cajeputi p. II.
Olei menthae piperit. p. III.
Oxyd. aethyl. c. alcoh. p. XXX.
Vini opii aromatici p. XV.
M. D. S. Cholera-Essenz;
davon 2 Esslöffel auf 1 Weinflasche (= 750 Gramm) filtrirtes Wasser und davon jede ¼ oder ½ Stunde 1 Esslöffel zu nehmen.
Die Prophylaxis der Cholera fällt mit der gegen die Malaria zusammen, weil beide nicht nur theoretisch in die Klasse der miasmatischen Krankheiten gehören, sondern auch factisch gleichzeitig vorkommen. Da auch die dritte Geissel der Tropen, die Beri-Beri, eine rein miasmatische Krankheit ist, so müssen alle prophylaktischen Maassregeln des Staates gegen das Entstehen und Ausbreiten der einen Krankheit auch den übrigen miasmatischen Krankheiten (worunter wir auch in den Tropen den Typhus und die Dysenterie rechnen) zu Statten kommen. Um also nicht in Wiederholungen zu verfallen, wird in dem weiteren Capitel, welches die übrigen Krankheiten besprechen wird, die staatliche Prophylaxis derselben nur angedeutet werden.
Dieselbe erstreckt sich natürlich auf alle bekannten Quellen der Miasmen und muss — Erreichbares anstreben, denn, wer das Höchste anstrebt, wird das Hohe erreichen.
Dazu gehören: Sümpfe, Reisfelder, Irrigation, Wasser, Abfuhr von Fäcalien und Abattoirs.
Sümpfe kommen nicht allein auf der Küste, sondern auch im Gebirge vor, wo sie vulcanischen Ursprungs sind; darum sind auch nicht alle Berg-Garnisonen frei von Malaria-Epidemien. Ein sprechendes Beispiel hierfür ist z. B. die Stadt Ambarawa mit dem Fort Willem I. Ausgedehnte Sümpfe (rawah) kommen auf Java in grosser Anzahl vor; der berüchtigtste ist im Süden Javas bei Tjilatjap, wo ich im Jahre 1890 in Garnison lag und von der Malaria stark heimgesucht wurde. Dazu kommen die zahlreichen nassen Reisfelder (sawah), welche wie ein Mosaikbild die ganze Oberfläche Javas mit Farbennuancen vom Hellgelb bis zum Dunkelgrün bedecken.
Das Austrocknen der Sümpfe und die Beseitigung der nassen Reisfelder wäre sicher eine radicale Maassregel; aber — beide sind unausführbar. Im Jahre 1747 musste in Nordbrabant bei Steinbergen ein solches Unternehmen unterbrochen und das Land wieder unter Wasser gesetzt werden, weil die damit entstandene Exacerbation der Malaria-Epidemie Tausende hinweggerafft hatte. Wie viel Opfer haben der Bau des Hafens Tandjong Priok bei Batavia und von Tjilatjap gekostet, weil die Arbeit in Sümpfen stattfinden musste. Die Sümpfe auf Java sind zu gross, um vorläufig nur daran denken zu lassen, sie gleichzeitig und in kurzer Zeit trocken legen zu lassen. So viel Geld und so viel Menschenleben würde dieses kosten, dass »de remedie erger dan de kwaal« = das Heilmittel ärger als die Calamität wäre. Wir haben ja noch andere Mittel, um den schädlichen Einfluss der Sümpfe zu beseitigen oder wenigstens zu verkleinern. Wir können sie sehr leicht zu Seen verändern, welche immer mit einer hohen Wasserschicht bedeckt sind. An Wasser ist wahrhaftig auf den Inseln des indischen Archipels kein Mangel; so z. B. hatte Tjilatjap im October 1889 einen Regenfall von 1111 mm, und der geringste Wasserfall war im Januar, in welchem Monat 9 Regentage mit 152 mm sich einstellten; im ganzen Jahre waren mehr als 4 Meter Regen gefallen.[117] Das Eindämmen dieser zahlreichen Sümpfe und Umwandeln derselben zu Seen erfordern keine grossen Summen Geldes und gewiss nur wenig Menschenleben, so dass diese radicale Cur ins Reich des Möglichen und Erreichbaren versetzt werden kann.
Ein palliatives Mittel ist die theilweise Drainage der Sümpfe in der Nähe von Dörfern und Städten durch Graben von Riolen um jedes Haus, welche, zweckmässig untereinander verbunden, nicht nur das Regenwasser, sondern auch das Grundwasser in grössere Canäle leiten und einem Flusse zuführen würden. Soyka sagt nämlich: Es lassen sich die Beziehungen der Malaria zum Boden in folgenden Factoren zusammenfassen: 1. in der physikalischen und geographischen Beschaffenheit des Bodens, 2. in der Durchfeuchtung desselben, und 3. in dem Gehalte an organischen Stoffen. Den ersten Factor »die physikalische und geographische Beschaffenheit des Bodens« müssen wir natürlich bei so grossen Strecken, wie sie auf Java vorkommen, ausser Betracht lassen; wir können vielleicht den Garten eines Hauses oder seinen Untergrund oder vielleicht den Boden eines ganzen Dorfes in seiner Beschaffenheit verändern, z. B. mit Sand oder einem Gemenge von Kalk und Sand oder mit dem sogenannten Concrete pavement gegen das Eindringen von Luft, Wärme und Feuchtigkeit schützen; aber unmöglich kann von einer Regierung verlangt werden, dieses auf Strecken von Millionen von Hectaren anzuwenden.
Auch die Durchfeuchtung solcher ausgestreckter grosser Ländereien radical zu beseitigen, ist zu theuer; sie kann vermindert werden durch gute Canalisirung der Städte oder durch Anbau von Pflanzen, welche dem Boden viel Wasser entziehen, wie Eucalyptus, Sonnenblumen, Acacia tomentosa u. s. w.
Wenn aber durch Erdbeben oder durch vulcanische Ausbrüche solche tief liegende Erdschichten aufgewühlt und auf der Oberfläche aufgeworfen werden, welche mit irgend einer Wasserquelle in Verbindung standen oder noch stehen, dann sind in der Regel diese neu entstandenen Sümpfe oder Pfützen von so relativ unbedeutender Ausdehnung, dass der Staat einschreiten kann, um das Entstehen einer neuen Quelle für miasmatische Krankheiten zu verhüten, sei es durch die Anlage eines Dammes, welcher den neuen Sumpf zu einem Teiche oder See umwandelt, oder durch Drainage oder andere Wasserwege, welche den Sumpf entwässern. Die nassen Reisfelder (sawah), welche ebenfalls eine reiche Quelle von miasmatischen Krankheiten sind, werden von der Bevölkerung lieber als die trockenen angelegt, weil das Erträgniss derselben reichlicher als die der Ladang (trockenen Reisfelder) ist, und verdienen darum an dieser Stelle einige Worte der Besprechung.
Der Reis ist die Volksnahrung des ganzen Archipels und somit auch Javas, und da nebstdem der Reisbau einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf die Gesundheit Javas (sowie der übrigen Inseln) nimmt, so glaube ich hier einiges über die Cultur, Eintheilung u. s. w. desselben anführen zu müssen, wenn es auch etwas seitwärts von der Frage der Prophylaxis der Cholera liegt.
Ungefähr 80 Sorten des Reises soll es geben; darunter sind die bekanntesten Kelán (Oryza glutinosa), Oryza sativa (Páddi),[118] Páddi rawa (Oryza montana), Páddi tipar (Oryza praecox).
Nach der Farbe des gestampften Reises spricht man von weissem, rothem und schwarzem Reis. Beinahe ausschliesslich wird der weisse Reis von den besser situirten Eingeborenen und Europäern gegessen; der rothe ist viel billiger und wird am häufigsten in den Gefängnissen verabfolgt, obzwar der weisse und nicht der rothe Reis nach den letzten Untersuchungen das Entstehen der Beri-beri veranlassen soll (??); der bras itam (der schwarze Reis) wird nur im Nothfalle vom Menschen gegessen, weil er einen unangenehmen adstringirenden Geschmack hat.
Im ersten Theile Seite 70 habe ich bereits von dem hohen Nährwerthe des Reises gesprochen und auch seine Bedeutung als Volksnahrung der Eingeborenen hervorgehoben. Ich kann also sofort auf die Verhältnisse hinweisen, wodurch die nassen Reisfelder zu einer reichlichen Quelle der Malaria und anderer miasmatischer Krankheiten werden.
Es ist ein kleines Feld, welches von dem benachbarten durch einen schmalen Wall (galengan) getrennt ist. Die Felder liegen entweder in der Ebene oder auf den Abhängen der Berge, auf welchen sie dann wie breite Stufen den Berg bedecken. In beiden Fällen ist in sinnreicher und kunstvoller Weise gesorgt, dass die Bewässerung der einzelnen Reisfelder zu jeder Zeit und nach Belieben stattfinden könne. Zu diesem Zweck wird einfach ein Loch in den Galengan gebohrt, und wenn der Zufluss nicht mehr erwünscht ist, wird es wieder verstopft.[119] Das Feld hat eine verschieden hohe Schicht Humus, welche durch ihren Reichthum an organischen Stoffen durch die herrschende hohe Temperatur und die Feuchtigkeit geradezu eine Reincultur für zahlreiche Mikroorganismen und besonders für Miasmen ist.
Die Aussaat geschieht nur in einem kleinen Theil des Feldes, welches zu diesem Zwecke unter Wasser gesetzt wird. Hat der Reis eine Höhe von 40 bis 50 Centimeter erreicht, wird der übrige Theil unter Wasser gesetzt, und wenn die Erdschicht genug weich geworden ist, werden die jungen Sprösslinge in gemessener Entfernung in den Grund gesetzt, und das Feld bleibt mit einer niederen Wasserschicht bedeckt. Sobald der Reis reif ist, wird das Wasser abgelassen und der Schnitt findet auf dem ausgetrockneten Felde statt. Dies geschieht dreimal in zwei Jahren, und dann bleibt das Feld brach liegen, oder wird, was häufiger geschieht, ein »zweites Gewächs« gepflanzt, wie z. B. Leguminosen, indische Knollenfrüchte oder Djagong (Mais). Zum Zwecke des neuen Reisbaues wird das Feld wieder unter Wasser gesetzt und mit dem Büffel gepflügt.
In Italien und Frankreich, in den englischen wie in den französischen Colonien wurde vielfach diese Frage ventilirt, d. h. ob der Bau der nassen Reisfelder Gefahren für die Volksgesundheit bringe, oder ob diese Gefahren nur auf theoretischer Basis entstanden seien und auf derselben Grundlage von Geschlecht zu Geschlecht irrthümlicherweise sich überliefern.
Mit mehr oder weniger Recht kann für Java der Einwand gemacht werden, dass auf dieser Insel trotz der Anwesenheit der Sawahfelder die Bevölkerung in diesem Jahrhundert so bedeutend zugenommen habe, dass überhaupt keine Volkskrankheit von Bedeutung auf Java herrschen könne.
Die Mortalität allein kann aber hierin nicht das entscheidende Wort sprechen. Die Morbidität und das Allgemeinbefinden sind ja auch Factoren, die in dieser Frage mitzusprechen haben.
In Tjilatjap, der ärgsten Fieberhöhle von Java, wohnte eine europäische Familie im Jahre 1891 seit 27 Jahren, eine zweite Familie seit 12 Jahren u. s. w., ohne durch die dort herrschende Malaria zu leiden, auch wenn diese zu der heftigsten Epidemie exacerbirte, der Tausende und abermal Tausende erlagen; diese zwei Familien haben ebenso wie Tausend andere der Eingeborenen eine gewisse Immunität erworben, die ja, folgert Prof. Koch, regelmässig mit dem Ueberstehen einer Infection verbunden sein soll.
Wenn man also behaupten will, dass der Sawahbau nicht schädlich sei, weil die Bevölkerung trotz desselben mit jedem Jahre wachse, so müsste man auch behaupten, dass die Sümpfe ungefährlich seien, und dass die Malaria eine unschädliche Krankheit sei, weil trotz derselben die Bevölkerung an Zahl zunehme; ja noch mehr; die grossen Sümpfe bei Tjilatjap werden von dem Kindermeer begrenzt, welches, wie ich mich persönlich überzeugt habe, seinen Namen mit Recht verdient: Eine Unzahl von Kindern umschwärmte uns, als ich und eine Gesellschaft den Kampong aufsuchte, welcher sich auf zwei Meter hohen Pfählen über der Sumpffläche des Dorfes erhob.
Entscheidend für die Schädlichkeiten der Sawahfelder ist allein die Frage: Kommen in der Nähe derselben zahlreiche Fieberfälle vor, welche aufhören, wenn die Sawahfelder aufgelassen werden? Dies ist thatsächlich der Fall, und seit dem Jahre 1875[120] wurde die Richtigkeit dieser Thatsache und Schlussforderung in zahlreichen Fällen nachgewiesen. Die Sawahfelder sind also eine reichliche Quelle für die Malaria; sie müssen also entweder abgeschafft oder unschädlich gemacht werden.
Nach dem ganz richtigen Principe der Holländer, die Eingeborenen so viel als möglich in ihren Sitten und Gebräuchen zu lassen, könnte das Abschaffen der Sawahfelder nur eine Frage der Zeit sein, d. h. man könnte durch Belehrungen und durch andere Mittel der Ueberredung die Javanen von der Schädlichkeit der Sawahfelder überzeugen, und es würde bei dem Conservatismus der Javanen der Regierung zunächst gelingen müssen, den Vortheilen des Baues trockener Reisfelder Anerkennung zu verschaffen und erst die folgende Generation ihn in die Praxis einführen zu lassen.
Wenn jedoch, was mir nicht bekannt ist, das Erträgniss der Sawahfelder um so viel das der Ladangs überragen sollte, dass dadurch das Interesse des Volkes leiden sollte, dann kann man sich mit palliativen Mitteln behelfen. Die Regierung kann ja verbieten, dass in einem Umkreise von 250 Metern, welcher die öffentlichen Gebäude und eventuell die Wohnstätte der Europäer und selbst die Kampongs umziehen würde, kein nasses Reisfeld angelegt wird; es ist zwar richtig, dass ein Streifen Land von 250 Meter Breite und vielleicht von 1 bis 2 Kilometer Länge ein respectables Vermögen repräsentirt; aber mit diesem Vorschlag ist ja noch nicht gesagt, dass dieser Streifen darum auch unbebaut bleiben müsse; im Gegentheile, er müsste mit Garten-Anlagen versehen, mit Fruchtbäumen als: Djerug, Mangistan, Advocaat, Duku, Langsat, Kanaris, Tamarinda, Durian, Nangka u. s. w. bepflanzt werden, um das Ueberstreichen der Miasmen zu verhüten.
Die Wasserbesorgung bleibt für Indien immer eine schwierige Frage, weil selbst artesische Brunnen nicht immer tadelfreies Wasser liefern; sie wird weiter unten ausführlicher besprochen werden.
Die Abfuhr der Fäcalien ist in Java sowie auf allen Inseln des indischen Archipels noch sehr primitiv. Als das Ideal derselben gilt strömendes Wasser, über welchem sich der Abort befindet. Ein grosser wasserreicher Strom erfüllt vielleicht (??) diesbezüglich alle Anforderungen der modernen Hygiene. Solche kommen jedoch wenig auf Java vor und können übrigens nur einer kleinen Anzahl von Wohnungen hierin gute Dienste leisten; in der Regel durchziehen Riolen die Stadt, welche zu wenig Wasser haben, um in ausgiebiger Weise die deponirten Fäces in den benachbarten Strom zu bringen. Sehr häufig besitzen die Häuser Senkgruben, welche alle Jahr einmal geleert werden. Natürlich durchdringt der flüssige Inhalt den Boden und erreicht oft genug den Brunnen. In den grossen Anstalten, Spitälern, Casernen und Gefängnissen ist das Tonnensystem in Gebrauch; täglich werden von Sträflingen die vollen Tonnen in den nahen Fluss (stromabwärts) entleert und gereinigt. Die Eingeborenen gebrauchen für ihre Bedürfnisse am liebsten den Fluss, auch wenn er selbst 2–300 Meter vom Hause entfernt ist; im andern Falle haben sie im Garten eine Senkgrube, welche mit Brettern gedeckt ist.
In den Deckel ist eine Oeffnung geschnitten, so dass der Eingeborene seine Kunst im Hocken (Djongkok M.) auch bei dieser Gelegenheit üben kann. Selbst wenn er als Bedienter bei seinem Herrn oder in einem Hotel einen Sitzplatz findet, wird er nur darauf hockend oder stehend davon Gebrauch machen. Aus hygienischen und Reinlichkeits-Gründen wäre dieses Jedermann zu empfehlen, obwohl damit andere Unannehmlichkeiten verbunden wären. Es ist aber nicht Jedermanns Sache, hockend einige Minuten auf einem Brette stehen zu können oder zu wollen.
Die Abfuhr der Fäcalien spielt in der Ausbreitung gewisser epidemischer Krankheiten, wie z. B. der Cholera, des Typhus, der Dysenterie u. s. w. eine grosse Rolle. Ich würde jedoch die Grenzen dieses Buches zu weit überschreiten, wenn ich die Mittel besprechen wollte, welche Java von dem schädlichen Einfluss dieser mangelhaften Canalisirung der Städte befreien können.
Von den auf [Seite 197] angeführten Factoren, welche in der Aetiologie der Cholera eine Rolle spielen, werden die Abattoirs in Java am meisten stiefmütterlich behandelt. Das Thier wird in einer Schoppe aus Bambus geschlachtet, das Blut wird von dem chinesischen und europäischen Schlächter in grossen Töpfen aufgefangen und in der Küche verwendet, während der Eingeborene es in die Riolen abfliessen lässt. Die andern Abfälle werden in die nächste Senkgrube geworfen. Die Haut der Rinder und die Hörner werden zu Industriezwecken verwendet, und Niemand kümmert sich darum, ob die übrigen Abfälle durch das Faulen in der freien Luft, in oder ausserhalb der Senkgruben die Luft verpesten oder in der trockenen Zeit austrocknen, oder ob sie von den »Gladakkers« = herrenlosen Hunden des nächsten Kampongs verzehrt werden.
Die individuelle Prophylaxis der Cholera richtet sich in Java nach den jeweiligen in Europa herrschenden Ansichten; bald wird Salzsäure, bald Brandy in das Trinkwasser gegeben, bald wird nur gekochtes, bald gar kein Trinkwasser getrunken, bald werden gar keine Früchte und bald nur saure Früchte gegessen — auch gegen diese endemische Krankheit Javas erwartet man von Europa nicht nur die Mittel der Behandlung, sondern auch die der Prophylaxis.