5. Capitel.

Fleischspeisen auf Java — Deng-deng — Vergiftungsfälle — Bediente — Malaria — Geographie von Bantam.

Pecuniär war mein Aufenthalt in diesem unwirthlichen, unglücklichen Bantam günstig zu nennen; denn neben meinem fixen Gehalt bekam ich 6 fl. Diäten und Meilen-Gelder für mich und für meinen Bedienten. Es bleibt aber immerhin ein magerer Trost, zu hören, das »Geld versüsse die Arbeit«. Dieses erinnert mich an die Erzählung, dass Friedrich der Grosse eines Tages in später Abendstunde einen Courier empfing und dem Intendanten befahl, dem hungrigen Courier etwas zu essen zu geben. Am andern Tage erkundigte sich der König nach dem Abendessen des Couriers. Als dieser dem König mittheilte, dass er vom Intendanten einen Thaler erhalten habe, liess er denselben kommen und steckte ihm einen silbernen Thaler in den Mund mit den Worten: »Jetzt esse Er einmal.«

Auch ich hatte wenig von dem Bewusstsein, während meines Aufenthaltes unter diesen unglücklichen Menschen einige hundert Gulden mehr als gewöhnlich zu verdienen; ich bekam zwar täglich meinen Reis mit diversen Saucen und einigen Gemüsen und getrocknetes Fleisch und Huhn; ich musste es mir aber von Serang, d. i. ungefähr 50 Kilometer, von einem Kuli bringen lassen. Keine frische Milch, keine Erdäpfel zu haben, war ich schon längst gewöhnt; aber schwer vermisste ich täglich das Brot beim Kaffee und — die Zeitung; aber schliesslich war ich zwanzig Jahre jünger als heute, und in einem Alter, in dem die Elasticität des Körpers mit der des Geistes gleichen Schritt hält, und in dem man sich leicht und bequem in veränderte Lebensbedingungen schickt. Während meines fünfmonatlichen Aufenthaltes in Bantam habe ich kein einziges Mal frisches Rindfleisch bekommen. Wurde für die Bevölkerung hin und wieder ein Büffel geschlachtet, so machte ich aus naheliegenden Gründen davon keinen Gebrauch. Die Eingeborenen essen es gerne, obzwar das Fleisch einen süsslichen Geschmack hat, der nicht Jedermann befriedigt. (»Weisse« Karbouwen, welche nicht weiss, sondern gelblich weiss sind, werden aber niemals auf die Schlachtbank gebracht.) Kalbfleisch wird überhaupt in Indien aus mir nicht bekannten Gründen nicht auf den Markt gebracht. Aber Schafe, Hirsche, Ziegen, Kidangs (Cervus muntjac), Kantschils (Moschus javanicus), ein Sorte Hasen (Lepus nigricollis), Kaninchen (Lepus cuniculus), Schweine, Wildschweine, Pferde, Hunde, Kalongs (Pteropus edulis) kommen hin und wieder auf den Tisch. Selbstverständlich waren alle diese mehr oder weniger angenehmen Fleischspeisen aus den verschiedensten Ursachen für mich in dieser unglücklichen Provinz unerreichbar. Ich war also auf Fleisch aus Conserven angewiesen. Schinken blieb natürlich hors concours; für mich allein einen Schinken kommen zu lassen, um davon einen oder zwei Tage zu essen und das andere wegwerfen zu müssen, war zu kostspielig; er kostete ja in Batavia 8–12 fl., und in Tjileles hätte er mich sicher 14 fl. gekostet. (Der Kuli, welcher höchstens ½ Pikol = 31¼ Kilo trug, bekam ja für jeden zurückgelegten Paal = 1,5 Kilometer 5 Cts.) Würste zu geniessen, hatte ich von jeher in Indien abgelehnt; die Würste in Conserven, von denen ich natürlich jetzt spreche, kommen aus Europa und liegen oft Monate lang bei einem Importeur in den grossen Städten, und deren Provenienz ist nicht immer sicher. Sehr häufig werden Saucis de Boulogne in den Hôtels auf den Tisch gebracht, obschon vor einigen Jahren ein Fabrikant dieser Würstchen schwer bestraft wurde, weil er zur Fabrikation seiner Würstchen das Fleisch kranker Thiere verwendet hatte. Uebrigens haben alle Fleischsorten in Conserven denselben unangenehmen Geschmack von ausgekochtem Fleisch, und deren täglicher Gebrauch ist geradezu unmöglich. Nebstdem fehlen in keiner Haushaltung Büchsen mit Sardinen in Oel, Sardellen, paté de foie gras, worin die Gänseleber oft nur die Grösse einer Haselnuss hat, und alle möglichen Sorten von Geflügel, als: Fasanen, Lerchen u. s. w. Wenn man sich die Augen zubindet, kann man beim Essen dieser Vögel aus Conserven keinen Unterschied finden; sie haben alle denselben Geschmack.

Ich hatte also in Tjileles während meines Aufenthaltes von fünf Monaten keine grosse Abwechselung auf meinem Tische. Glücklicherweise ist das Deng-deng eine so schmackhafte Fleisch-Conserve, dass ich sie jeder Heeresverwaltung für den Krieg empfehlen würde. Es werden nämlich dünne Scheiben von Fleisch (Rind, Hirsche u. s. w.) von Fett und Sehnen befreit und auf beiden Seiten mit Salz, Pfeffer, Tamarinde und langkwas gut eingerieben und dann den versengenden Sonnenstrahlen zum Trocknen übergeben. Es hält sich Monate lang, ohne an seinem angenehmen Geschmack das Geringste zu verlieren. Dieses Deng-deng liess ich mir bei jedem Transport von Lebensmitteln kommen und hatte dadurch eine kleine Abwechselung mit dem Huhne, welches mir zuguterletzt auch widerstand. Meistens wurde das Deng-deng von meiner Hausfrau in Cocosöl oder in Butter gebacken; aber auch einfach über dem Feuer, z. B. auf einer Roste, gebraten, behält es seinen guten Geschmack.

Als Getränke hatte ich für mich einen kleinen Vorrath von rothem Wein und für meine etwaigen Besucher eine Flasche des unentbehrlichen Genevre mit Bitterextract im Hause. Auf meinen Wanderungen trank ich stets Klappermilch (tjai duwegan S.). Dies lehrte mich Herr v. d. P. mit Hinweis auf die in Multatuli mitgetheilten Vergiftungsfälle. Ein Beamter, der zwischen dem Dilemma steht, die Autorität der eingeborenen Fürsten nicht nur zu handhaben, sondern auch durch die Autorität dieser Fürsten zu regieren, andererseits aber gerade die Bevölkerung vor den Erpressungen dieser Fürsten zu beschützen, der kann oft in die Lage kommen, den Einen oder den Andern fürchten zu müssen; darum trank Herr v. d. P. auf seinen Inspectionsreisen nichts anderes als die Klappermilch aus den Cocosnüssen, welche in seiner Gegenwart vom Baume herabgeholt und von seinem »Oppas« geöffnet wurden. Ich selbst hegte diese Furcht nicht, schon darum, weil ich überzeugt war, dass die häufigen Vergiftungsfälle in Indien zu den Sagen gehören.

In N.. sprach ich einen Pflanzer, der die Javanen nicht anders als das »Vieh von Laban« nannte. Er erzählte mir, dass er eines Tages auf dem Sawahfelde mit einem Kuli inspiciren ging, als ihn ein heftiger Regen überfiel, ohne dass er einen Pajong (Regenschirm) bei sich hatte; »und denken Sie sich, wie brutal so ein Kuli sein kann,« fügte er hinzu, »dieser Kuli nahm ein Pisangblatt und bedeckte damit seinen Kopf! Sie begreifen, dass ich ihm eine Ohrfeige gab, dass ihm Hören und Sehen verging und er nimmermehr einen Regenschirm gebrauchen wird, wenn sein Herr ohne einen solchen im Regen gehen muss!!« Wenn solche Menschen sich ihres Lebens nicht sicher fühlen und, ich möchte fast sagen, überall einen Mord wittern, ist es verständlich, aber nicht richtig. Eine ganze Mythologie besteht auf Java über die Vergiftung aus Eifersucht und aus Rachsucht; sobald ein Europäer an einer chronischen Erkrankung des Darmes, der Lungen u. s. w. leidet, wird die geschwätzige Nachbarin bald eine eingeborene Frau gefunden haben, welche früher seine Haushälterin war, oder einen Bedienten, dem er früher eine Ohrfeige gegeben habe, und welche ihm Gift, und zwar »Pflanzengifte, welche natürlich bei der Section nicht gefunden werden können«, eingegeben hätten.

Diese Sucht, Vergiftungsfälle als tägliche Erscheinungen hinzustellen, entspringt in der Regel dem schlechten Gewissen, die eingeborenen Bedienten nicht menschlich zu behandeln; der Javane oder Malaye findet es selbstverständlich, dass er bestraft wird, selbst durch einen Schlag, wenn er sich ein Vergehen hatte zu Schulden kommen lassen; es können aber besonders Damen nicht nur in Indien, sondern in der ganzen Welt oft eine solche Ungeschicklichkeit zeigen, mit den Dienstboten umzugehen, dass es oft unglaublich erscheint, dass sich überhaupt noch Dienstboten bei ihnen anmelden. Von Indien kann ich geradezu behaupten, dass immer die Frau (oder der Herr) die Schuld tragen, wenn sie keine guten Bedienten erhalten können oder jeden Augenblick neue Bediente suchen müssen. Der indische Dienstbote ist bescheiden in seinen Ansprüchen; er begnügt sich oft mit einem »Zimmer im Garten«, wo sein Kamerad in Europa nicht einmal eine Stunde sich aufhalten würde; wenn er nicht geradezu provocirt wird, vergisst er niemals den Abstand zwischen »Herr und Knecht«; er ist gelassen und still, weil er niemals Alcoholica gebraucht und die Höflichkeit (besonders bei den Javanen) eine Nationaltugend ist. Es ist Regel, dass der Bediente oder der Dienstbote sich mit 3 fl. pro Monat für die Kost begnügt, wenn auch sein Gehalt 10–15 fl. beträgt. Wenn man seinen Bedienten nicht schimpft und nicht schlägt, so erhält man immer gute Bediente, welche gewiss Jahre lang in demselben Dienste bleiben; ich habe die Frau eines Collegen gekannt, welche oft fünf bis sechs Befehle auf einmal gab, und wenn dann einer oder der andere vergessen wurde, mit den heftigsten Scheltworten den Bedienten empfing. Ein guter Bedienter lässt sich nicht schimpfen, und bei einem schlechten hilft es nicht. Ihr Mann überhäufte seinen Kutscher mit den heftigsten Vorwürfen und Schimpfworten auf der Strasse, weil ein Lederriemen an seinem Wagen gebrochen war. Diese sonst so guten und braven Menschen konnten keine 14 Tage einen Dienstboten halten, während diese bei mir vier bis fünf Jahre lang blieben. Eine andere Dame wiederum zog nicht nur den Werth eines jeden zerbrochenen Tellers von dem Gehalt des Dienstboten ab, sondern berechnete jede Viertelstunde, welche er zu spät »in’s Haus« kam, mit 2–5 Cent!! Es ist unglaublich, dass diese Dame immer und immer ihre Klagelieder anstimmte »über die indischen Dienstboten, welche schlechter seien als das Vieh in Europa; denn sie lügen und sie stehlen wie die Raben«. Die Lüge ist das Lieblingskind der Tyrannei, und der Javane war bis vor kurzer Zeit ein Spielball in den Händen seiner Fürsten; es ist also wahr, dass sie oft schon aus Höflichkeit lügen; dennoch — wollen wir sie darum nicht so strenge verurtheilen wie jene Dame, weil die Wahrheitsliebe der europäischen Dienstboten auch nicht gar so hoch steht, und weil im täglichen Verkehr dieser Fehler sich selten fühlbar macht. Die zahlreichsten Fälle sind ja jene, bei welchen der Dienstbote den Preis von irgend einem zerbrochenen Glase oder einer Schale ersetzen muss. Mit dem ernstesten Gesicht in der Welt wird ein Bedienter in einem solchen Falle die Antwort geben: Sie irren sich, Herr, ich habe es nicht gethan; und wenn man vielleicht aufgeregt rufen wird: Wer denn? dann wird er, wenn möglich, mit noch ruhigerem und bescheidenerem Tone antworten: »tuwan sadja« = der Herr selbst. Da er doch bezahlen muss, nun, so macht es ihm Vergnügen, seinen Herrn in Harnisch zu jagen und im Garten bei seinen Kameraden diese Comödie zu besprechen. Wenn er dies nicht zu fürchten hat, d. h. wenn er nicht alles und jedes bezahlen muss, was er zufällig zerbricht, dann wird auch seine Wahrheitsliebe ebenso gross sein als die eines Europäers. Was das »Stehlen« betrifft, so ist dies einfach nicht wahr; der malayische Bediente ist ehrlich und viel ehrlicher als sein europäischer College. Er wird bei sehr sparsamen Damen vielleicht ein bischen Zucker, Thee oder Kaffee naschen, vielleicht wird er bei Sorglosigkeit seines Herrn hin und wieder eine Flasche Petroleum verkaufen — aber welch’ europäischer Bedienter würde dies nicht thun, wenn keine Controle geübt werden würde. Ich habe einen Advocaten in Surabaya gekannt, der seine Einnahmen ungezählt und ohne Controle seinem Bedienten übergab, wenn er nach Hause kam, und der Bediente musste das Geld in die Kasse einsperren und die täglichen Bedürfnisse damit bestreiten. Ja, wenn ein Mann so nonchalant sein kann und vielleicht zu faul ist, um nicht einmal in persona das Geld in die Kasse einzusperren — verdiente es dieser Mann nicht, dass er endlich eines Tages bemerkte, dass ihm 1400 fl. fehlten! Nun, ich will das Capitel »Bediente« nicht schliessen, ohne die Versicherung Jedermann zu geben, dass eine bescheidene Controle hinreichend ist, um jeden Bedienten als ehrlichen Mann Jahre lang halten zu können.


Das Fieber, diese Geissel der Tropen, hatte in seinem epidemischen Auftreten die Bewohner Bantams sehr schwer heimgesucht. Die Sümpfe sind die Stätte der Malaria — dies bezweifelt Niemand — ihre aufsteigenden Miasmen verpesten die Luft und bringen Menschen und Thieren den tödtlichen Keim — auch dieses bezweifelt Niemand. Wie diese in den menschlichen Organismus gelangen, hat bis auf die jüngste Zeit Niemand bezweifelt; die Luft führt das fieberbringende Gift in den Organismus. Aber Prof. Koch hat während seines zweijährigen Aufenthaltes in Englisch-Indien ein anderes ätiologisches Moment gefunden: die Mosquitos. Pulvirenti will den Nachweis bringen, »dass die Krankheit (die Malaria) allenthalben dort entstehen kann, wo organische Materien in Fäulniss gerathen«.

Meine Erfahrungen bestätigen die Beobachtungen Pulvirenti’s in vollem Maasse, während die des Prof. Koch wahrscheinlich auf einem post hoc etiam propter hoc beruhen.

Wo Mosquitos sind, dort sind Sümpfe, und dort kommen Malariafälle vor; aber es giebt auch in den Tropen Landstriche, welche frei von Mosquitos sind und doch vom Fieber heimgesucht werden. Grassi konnte in allen jenen Gegenden, wo Malaria vorkommt, eine eigenartige grosse Mückenspecies nachweisen. Bei der Untersuchung dieser Insecten, nachdem sie das Blut von Malariakranken gesogen hatten, fand er die Gegenwart von geisseltragenden Elementen im Thierleibe.[45] Ohne geradezu des Köhlerglaubens mich schuldig zu machen, glaube ich gerne, dass Prof. Koch’s Beobachtungen richtig seien — sie sind ja im Ganzen und Grossen dieselben als die von Grassi, wie wir sahen — aber ich glaube nicht, dass es die einzige Ursache sei, und dass Luft und Wasser gleichfalls eine grosse Rolle spielen in der Aetiologie der Malaria.

Auch im Gebirge entstehen ja oft verheerende Fieber-Epidemien, ohne dass Mosquitos oder andere Insecten die Vermittler derselben sind. Um nur ein Beispiel von hundert anderen zu bringen: in den Achtziger Jahren wurde in Magelang ein neues Campament gebaut, d. h. Casernen mit Officierswohnungen, und zahlreiche Fieberfälle kamen unter den Arbeitern vor. Ueberall und ohne Ausnahme tritt in Java eine Fieberepidemie auf, sobald der Boden aufgelockert wird, und dieses stimmt auch mit der Behauptung von Pulvirenti, dass die Malaria dort entstehen kann, wo organische Materien in Fäulniss gerathen — Magelang hat keine Mosquitos.

Auf Borneo, wo ich an der Grenze des Diluviums sass, hatten wir keine Mosquitos, zu gewissen Zeiten aber heftige Fieberfälle, ja noch mehr. Die indische Regierung sorgt für eine zweckmässige Irrigation des Landes, um dem Reisbau in allen Theilen des Landes eine ergiebige Ernte zu ermöglichen, und wo der Boden zu diesem Zwecke aufgewühlt wird, entsteht eine Fieberepidemie, ohne dass damit eine Einwanderung von Mosquitos stattfände. Ueberall giebt es auf Java Plätze und Gegenden, welche eine Zeitlang ob ihrer »Gesundheit« berühmt sind, um nach einigen Jahren wieder von Fieberepidemien heimgesucht zu werden. Wenn auch in vielen Fällen dafür eine Ursache gefunden wird, z. B. das Anlegen von neuen Reisfeldern oder ausgedehnten Bauten, so fehlen uns dafür oft genug nachweisbare Ursachen — Mosquitos waren im Gebirge nicht eingewandert. — Es könnten vielleicht (nach Grassi) andere Insecten die Vermittler sein; aber welche? Die Hunde haben in Indien Flöhe, aber nicht die Menschen; Wanzen kommen nur in Spitälern und Gefängnissen vor. Auch Fliegen findet man; sie stechen aber nicht, und es muss erst der Nachweis gebracht werden, dass eine intacte Haut den Zutritt der Mikroorganismen gestattet, abgesehen davon, dass a priori diese Annahme beinahe unmöglich ist.

Professor Koch weilt momentan (December 1899) in Batavia, um die Entstehungsursachen der Malaria zu studiren. Das Uebertragen des Giftes (der Plasmodien) dieser Krankheit durch Mosquitos scheint, nach den spärlichen Berichten zu urtheilen, welche mir darüber bis jetzt zugänglich waren, die Hauptfrage zu sein, welche diesen Bacteriologen bei seinen Untersuchungen beschäftigt. Ich will gerne jurare in verba magistri und das Resultat seiner Arbeiten selbst kritiklos annehmen, weil er der Meister auf diesem Gebiete ist. Aber trotzdem muss ich wiederholen, was ich im ersten Bande, Seite 20 behauptet habe, dass auch das Wasser ein Vermittler der Malaria ist, und dass die indische Regierung eine grosse Unterlassungssünde begehen würde, wenn sie in der Sorge, das Land von den verheerenden Verwüstungen der Malaria zu befreien, sich auf die Vernichtung des schädlichen Einflusses der Mosquitos[46] beschränken würde.


Die Provinz Bantam ist schwach bevölkert. Nach der letzten Volkszählung von 1893 hatte sie nicht mehr als 638,567 Einwohner bei einer Grösse von 140,664 ☐Meilen, d. h. 4520 auf die geogr. ☐Meile. Darunter befanden sich 275 Europäer, 1657 Chinesen, 36 Araber, 32 Orientalen und 636,567 Eingeborene (worunter die zahlreichen eingewanderten Javaner, Sumatraner, Malayen und Bewohner von West-Borneo, der Insel Banda u. s. w. inbegriffen sind).

Zahlreiche Gebirgszüge durchziehen das Land, und nur die Nordküste ist flach; nur die Vulcane Karang (1600 Meter hoch) und Pulusari (1200 Meter), der Trachytkegel Pajung (133 Meter) und die Berge Endut (120 Meter) und Tukung (700 Meter) sind aus der grossen Zahl der Berge dieser Provinz erwähnenswerth.[47]

Grosse Ströme oder Flüsse besitzt Bantam ganz und gar nicht; nur wenige Meilen weit in’s Innere des Landes sind der Tjikandi und der Pontangfluss befahrbar; die kleinen Flüsse Pandan, Tjimanok, Tji-Panimbang und Tji-Barenoh sind kaum nennenswerthe Verkehrswege des übrigens sehr unbedeutenden Handels mit den Naturproducten des Landes.[48]

Fig. 7. Ein Wâjang Kulit (Schattenbilder) mit der Gamelang (Capelle) und Regisseur hinter dem Schirme.

Eine grosse Zahl Inseln liegt in der Nähe der nördlichen, westlichen und südlichen Küste dieser Provinz (die Ostgrenze formt die Provinz Preanger); die wichtigsten darunter sind in der Sundastrasse die Insel Krakatau und im indischen Ocean die Prinzen-Inseln (= Pulu Panaïtan). Im Jahre 1883 (27. [?] August) erfolgte eine so heftige und mächtige Eruption des seit Jahrhunderten ruhenden Vulcanes auf der Insel Krakatau, dass die ganze Westküste Bantams mit der Hafenstadt Anjer und die Südküste von Sumatra fürchterlich heimgesucht wurden; beinahe 20,000 Menschen fielen ihr zum Opfer. Als ich zum letzten Male (im Jahre 1897) die Sundastrasse passirte, zeigte die Insel Krakatau nur das unschuldige und liebliche Bild eines kleinen, dicht bewachsenen Hügels von vielleicht 80 Meter Höhe, und nichts verrieth mehr die ungeheure Verwüstung und Verheerung, welche vor 14 Jahren dieser kleine Berg oder diese kleine Insel über das unglückliche Land Bantam gebracht hatte. Auch die Insel Panaïtan, auf welcher schönes Bauholz gefunden wurde, verlor im Jahre 1883 alle ihre Bewohner theils durch die glühende Lavamasse, theils durch den Hunger. Eine solche ungeheure Bimssteinmasse hatte die ganze Sundastrasse bedeckt, dass nur unter den grössten Anstrengungen der indischen Regierung die Schifffahrt-Verbindung mit der Provinz Lampong (Süden von Sumatra) am 29. August wieder eröffnet werden konnte. Die Insel Panaïtan jedoch verlor alle Einwohner, weil die Feuermassen alle Lebensvorräthe — pflanzlicher und thierischer Herkunft — verbrannt hatten, und erst nach vielen Wochen ein Verkehr mit dem festen Lande ermöglicht wurde. Heute ist diese Insel wieder gut bevölkert, weil sich dahin alle Bewohner des südlichen Bantams flüchten, welche durch die Tiger in ihrem Leben sich bedroht sehen.[49]

Keine Provinz Javas hat im Laufe dieses Jahrhunderts von allen möglichen Unbilden so viel als diese Provinz gelitten. Fieber-Epidemien, Viehpest, Hungersnoth, Ausbruch der Vulcane, Ueberschwemmungen, und nicht am wenigsten Krieg haben in den letzten Jahrzehnten zu wiederholten Malen diese unglückliche Provinz heimgesucht. Wie wir im letzten Capitel sehen werden, war der Sultan von Bantam ein mächtiger Despot. Der Letzte, Namens Mohammed Tsafiu ’d-din, regierte vom Jahre 1815–1832 und wurde wegen Theilnahme an Seeraub von der indischen Regierung abgesetzt und nach Surabaya verbannt. Natürlich erhoben sich darauf zahlreiche Prätendenten, und nur zu häufig musste Gewalt diese Aufstände unterdrücken. Die bedeutendsten darunter waren die von den Jahren 1834, 1836, 1839, 1850 und 1888. Seit dieser Zeit ist der willkürliche Despotismus der einheimischen Fürsten gebrochen, und nur einzelne fanatische — meistens arabische — Priester nähren die schwache Gluth der Unzufriedenheit unter entthronten kleinen Despoten. Die holländische Regierung steht hier vor einer schönen Aufgabe: Eine durch zahlreiche Unglücksfälle in Verfall gerathene Provinz zur alten Wohlfahrt zu erheben. Wenn früher Bantam durch seine Ausfuhr von Pfeffer, Reis, Indigo, Kaffee u. s. w. blühte, so kann es ja durch eine weise Regierung seine frühere Blüthe wieder erreichen. Zucker, Catechu, Thee, Chinabaum, Muskatbäume u. s. w., kurz, alle Producte der Tropenwelt finden in Bantam einen üppigen Boden, und in der Tiefe der Gebirge sind noch viele Schätze verborgen, welche von unternehmenden Männern gehoben werden können.

6. Capitel.[50]

Nach Buitenzorg — Der Berg Salak — Das Schloss des Gouverneur-General — Ein weltberühmter botanischer Garten — Batu-tulis = beschriebener Stein — Ein gefährlicher Kutscher — Die Preanger-Provinz — Warme Quellen — Sanatorien — Indische Gewürze — Ein reicher Beamter — Das Tanzen (Tandak) der Javanen — Wâjang orang = Theater — Wâjang tjina = chinesisches Theater — Wâjang Kulit = Schattenbilder — Spiele der Javanen — Eine Theeplantage — Bambus-Wunden — Eine langweilige aber einträgliche Garnison — Einfluss der „reinen Bergluft“ — Europäische Gemüse auf Java — Ein javanischer Fürst verheiratet mit einer europäischen Dame — Malayische Gedichte (Panton) — Mischrassen — Ein ausgestorbener Krater.

Am 19. August 1888 verliess ich Atjeh (Nordküste von Sumatra), kam am 23. in Padang an und erfuhr dort, dass ich in »Ngawie« eingetheilt sei, dass ich also von dem »heissen Atjeh« in die »Hölle Javas« versetzt wurde. Wir beide jedoch, ich und meine Frau, hatten das Bedürfniss, uns »eine kalte Nase zu holen«,[51] d. h. durch die kühle und frische Luft im Gebirge unsern durch die Wärme erschlafften Organismus ein wenig aufzufrischen, und ich beschloss also, bevor ich nach meinem neuen Standplatze abging, einen 14tägigen Urlaub anzusuchen. Da ich zwei volle Jahre den beschwerlichen Dienst in Atjeh ununterbrochen versehen hatte, und zwar, trotzdem die Beri-Beri mich heimgesucht hatte, ohne auch nur einen einzigen Tag mich krank gemeldet zu haben, wurde mir dieser Urlaub bewilligt, und ich unternahm eine Reise in die viel gepriesene und viel gerühmte Provinz Preanger. Zunächst ging die Reise per Eisenbahn nach Buitenzorg (= ohne Sorge = bogor M.). Da ich im Jahre 1881 in dieser Residenzstadt des Gouverneur-General in Garnison lag, so war mir die Stadt gut bekannt, und ich konnte meiner Frau sofort alle Sehenswürdigkeiten beschreiben und zeigen. Zunächst muss ich jedem Touristen anrathen, mit der Regenzeit zu rechnen. So viel wie in Buitenzorg, regnet es in ganz Indien nicht. Zwischen 4 und 5 Uhr Nachmittags beginnt während des ganzen Jahres beinahe täglich ein intensiver Tropenregen, und die beiden Monsune unterscheiden sich nur dadurch, dass es zur Regenzeit oft auch Vormittags regnet, während im Ostmonsun den ganzen Vormittag und oft bis zur ersten Abendstunde schönes Wetter ist. Der August ist der trockenste Monat mit 273 Mm., während im Januar 534 Mm. Regen fällt. Unter 44 Plätzen im indischen Archipel, in welchen die täglich gefallene Regenmenge gemessen wird, hat diese Stadt den ersten Rang, und zwar 5208 Mm.,[52] während die niedrigste (in Probolingo) nur 1213 Mm. per Jahr aufzuweisen hat. Wenn also das Regenwasser in Buitenzorg während eines Jahres nicht ablaufen könnte, würde es eine Wassersäule von mehr als 5 Metern bilden und somit eine wahre Sündfluth darstellen. Dies ist in Buitenzorg nicht zu befürchten; es ist hinreichender Abfall der Wege vorhanden, und ausserdem ist der Boden so weich, dass schon wenige Minuten nach dem stärksten Regengusse ein Spaziergang möglich ist.

Wenn ich auch während meines Aufenthaltes in dieser Garnisonsstadt (im Jahre 1881) von den drei Hotels: Chemin de fer, Bellevue und Buitenzorg immer das erstere benutzt hatte, weil es ein grosses, schönes Hotel war, dessen Küche mit Recht gerühmt wurde, ging ich diesmal doch in’s Hotel Bellevue, welches mitten in der Stadt liegt und seinen Besuchern von der hinteren Veranda aus ein prachtvolles Panorama des Berges Salak bietet.

Von der Station führt eine breite Strasse links nach dem Palaste des Gouverneur-General mit dem botanischen Garten, und bei diesem vorbei rechts nach dem chinesischen Quartier und links nach dem »Campament«. Neben dem Palaste befindet sich ein kleiner Platz mit dem Postgebäude und im Hintergrunde das genannte Hotel. Es war 6 Uhr Abends, als wir ankamen, der Regen hatte aufgehört, und nachdem wir ein erfrischendes Bad genommen und Kleider und Wäsche gewechselt hatten, machten wir zunächst einen Spaziergang. Beim Postgebäude vorbei kamen wir auf die grosse Strasse, welche in das chinesische Quartier und nach Garut führt, von wo ein kleiner Weg rechts ab nach Batu-tulis geht (5 Kilometer). Im scharfen Bogen krümmt sich der Weg in die Hauptstrasse des chinesischen Kleinhandels. ([Fig. 3].) An der rechten Ecke steht das »Spukhaus«, welches ich im Jahre 1881 bewohnt hatte. Es war ein grosses Haus, welches früher ein Clubgebäude gewesen war und viele Jahre lang unbenutzt stand, weil — jeder frühere Bewohner darin gestorben war. Ihm gegenüber war der südliche Eingang zum weltberühmten botanischen Garten und zum Palast des Gouverneur-General.

Der kundige und brave Hortulanus S. Binnendyk war seitdem gestorben; jedoch Professor Treub, ein Pflanzenphysiologe von europäischer Berühmtheit, schaltete und waltete noch immer mit demselben Eifer und Tüchtigkeit, mit welcher er die Botaniker der ganzen Welt auf dieses Kleinod des Gartenbaues aufmerksam gemacht hat. Es ist jetzt mit einem physiologischen Laboratorium verbunden, wohin jährlich europäische Pflanzenphysiologen aus allen Theilen der Welt ziehen, um ihren Forschungen und Studien unter Leitung und Mithülfe des Prof. Treub obzuliegen. Im Jahre 1819 von dem damaligen Director des Departements »für Landbau, Kunst und Wissenschaft«, dem Prof. Reinwardt, errichtet, um ganz praktische Zwecke zu verfolgen, und zwar den Nutzen der grossen und üppigen Flora der inländischen Colonien zu erforschen, trat dieses Ziel bald in den Hintergrund, und die Botaniker Hasskarl, Teysmann und Treub schufen einen botanischen Garten, welcher seines Gleichen in der ganzen Welt nicht findet. Er wurde nicht nur der Sammelplatz aller tropischen Gewächse, welche systematisch gepflanzt sind und dennoch den strengsten Anforderungen der Aesthetik Rechnung tragen, sondern auch aller subtropischen Gewächse und zahlreicher Bäume des kalten Klimas. Es wurden nämlich vor 30 Jahren fünf Berge als Adnexe dieses Gartens erwählt, welche mit europäischen Gewächsen bepflanzt wurden, um ein ganzes Bild der Weltflora bieten zu können. Diese Berggärten heissen: Tji[53] Panas (1050 Meter hoch), Tji[53] Bodas (1290 Meter), Tji[53] Berem (1460 Meter), Kandang Badak (2370 Meter) und der Berg Pangerango (3020 Meter).

Wie gewöhnlich des Morgens fanden wir am andern Tage den Salak wolkenfrei. Unsere Zimmer mündeten in die hintere Veranda, und die kühle Morgenluft entlockte uns, die wir dieser Temperatur zwei Jahre lang entwöhnt waren, ein leichtes Frösteln; nachdem wir uns durch Unterkleider gegen diese kühle, feuchte Luft geschützt hatten, gaben wir uns bei einer Schale heissem Kaffee ganz dem Genusse dieses wunderschönen Panoramas hin. An seinem Fuss sieht man das tief gefurchte Thal von dem Tji Dani = Danifluss, mit einer hölzernen Brücke. Das braune Wasser ist von allen Seiten von grünen Laubwänden eingeschlossen; vor uns eine kleine Landzunge, wo Hütten der Eingeborenen im Gebüsch verborgen sind; zu unserer Rechten ein Hügel mit einer Gruppe von Palmen gekrönt, und links eine Reihe von mächtigen Cocospalmen. Der Hintergrund wird eingenommen von der ungeheuren Masse des dreiköpfigen, bis in die Tiefe seines Inneren zerklüfteten Salak, dessen Abhänge, seit seine Gluth erloschen ist, in schöner Abwechslung mit Wald und Gartenanlagen geschmückt sind. Neben der höchsten Spitze, dem Elephantenberg,[54] zeigt sich im Westen der eigentliche Salak und der Berg Tji Apus im Osten; thatsächlich gehören diese drei höchsten Punkte zu einem Bergrücken, welcher nichts anderes als der alte Kraterrand eines Vulcanes ist. Der Krater läuft gegen Norden hin in einer tiefen Schlucht aus, welche durch das Flüsschen Tji Apus dem angesammelten Wasser einen Ausweg schafft. Brausend und schäumend bahnt sich sein Wasser über Felsenblöcke einen Weg nach der Ebene und vereinigt sich bei Tjampea mit dem Danifluss. Reisfelder und Kaffeegärten bedecken bis zu einer Höhe von 1000 Metern den tief gelegenen Abhang, während die üppigste Vegetation von Palmen und anderen stolzen Bäumen von hier aus bis zur höchsten Spitze sich erhebt. Links vom Salak sieht man in einiger Entfernung den schlanken Kegel des Pangerango sich in die Lüfte erheben. Er ist die höchste Spitze[55] des Gebirges Gedéh, welcher Name jedoch im engeren Sinne jener weniger hohen, kahlen Felsenwand gegeben wird, die eine leichte Rauchwolke zum Himmel sendet, und im Hintergrunde das liebliche Panorama schliesst.[56]

Um ½8 Uhr nahmen wir unser Schiffsbad, um 8 Uhr unser copiöses Frühstück und um 9 Uhr gingen wir, um zunächst den botanischen Garten und das Aeussere des Palastes[57] zu besichtigen. Ich wählte zum Eintritte das südliche Thor, und eine schöne, breite Strasse mit einer Allee von Kastanienbäumen, an denen zahlreiche Orchideen in allen Farben und Grössen prangten, führte uns zur Südseite des Palastes. Prof. Treub war nicht anwesend, und so musste ich darauf verzichten, das Trockenhaus, das Glashaus und andere Schuppen, welche sich bei diesem Eingange befinden, besichtigen zu können. Auch die Wohnungen des Directors und Hortulanus befinden sich hier an der Südwestseite des Gartens. Diese Allee ist ungefähr einen Kilometer lang und hat an ihrem nördlichen Ende einen schönen Teich mit Victoria regia und Lotusblumen, und in seiner Mitte eine kleine Insel, welche dicht mit Pandaneae, Palmen u. s. w. bepflanzt ist. Die Front des Schlosses ([Fig. 4]) ist ein schönes Rondeau mit zahlreichen Säulen; hier befinden sich auch die Zimmer der Adjutanten und der Intendanten. Im Jahre 1881 hatte ich zwei Mal Gelegenheit, das Innere des Schlosses zu sehen. Das erste Mal war es ein gewöhnlicher Empfangsabend, bei welchem der General-Gouverneur, umgeben von seinen Adjutanten, Cercle hielt. Der Empfangssaal ist gross und schön; in den kleinen Sälen hängen die Porträts aller Gouverneur-Generäle, welche bis jetzt in Indien im Namen des holländischen Königs regiert hatten. Das zweite Mal gab folgender Anlass dem Gouverneur-General s. Jacob Gelegenheit, mich in Privataudienz zu empfangen. Im Jahre 1880 herrschte im Süden der Provinz Bantam eine schwere Malaria-Epidemie, und ich wurde, wie früher erzählt wurde, mit noch drei anderen Aerzten dahin gesendet, dieser armen Bevölkerung Hülfe zu leisten. Nachdem unsere Mission vollbracht war, sollte eine regelmässige Hülfe durch Zusendung von entsprechenden Medicamenten u. s. w. stattfinden.

Die Regierung fand sich hierbei im Widerspruch mit dem Sanitätschef, und zwar was die Frage betrifft, ob die Eingeborenen überhaupt andere Arzneien als das Chinin, welches damals noch sehr theuer[58] war, einnehmen würden. Vom Intendanten wurde »Seine Excellenz« auf mich aufmerksam gemacht, welcher in dieser Streitfrage aus Erfahrung gewiss einiges mittheilen könnte. Eines Tages erhielt ich also die Mittheilung, dass Seine Excellenz mich nach der Visite im Spitale zu sprechen wünsche, und dass ich zu diesem Zwecke ohne Veränderung meiner täglichen Toilette im Palast mich einfinden sollte. Um 11 Uhr kam ich in das Schloss und fand die drei Adjutanten bei der l’hombretafel. Der Marinelieutenant C. meldete mich an, und sofort befand ich mich im Arbeitszimmer Seiner Excellenz. Es war ein hohes, jedoch nicht besonders grosses Zimmer, einfach möblirt, und der grosse Bücherschrank beherrschte den Totaleindruck. Der Empfang war ein sehr liebenswürdiger, und wenn mich meine Erinnerung darin nicht trügt, bekam ich selbst beim Kommen und Weggehen einen Händedruck. Meine Erfahrung über oben erwähnte Streitfrage ist seit dieser Zeit dieselbe geblieben. Der Kampongbewohner wird bei jeder Erkrankung mit seinen einheimischen Kräutern beginnen, bei langdauernder erfolgloser Behandlung wird er das Chinin, Santonin oder das Ricinusöl der Europäer sich zu verschaffen bemühen, aber andere europäische Arzneien wird er nur unter dem Hochdruck eines europäischen Arztes oder vielleicht eines Doctor-djawas[59] nehmen.

Die anderen inneren Räumlichkeiten des Palastes habe ich niemals besichtigen können. Wenn ein Gouverneur-General seinen Posten verlässt, werden seine Möbel unter den Hammer gebracht, und bei dieser Gelegenheit strömen die kauflustigen Menschen durch das ganze Haus. Während meines Aufenthaltes in Buitenzorg hatte dieser Wechsel des Unter-Königs nicht stattgefunden; zu einem Diner wurde ich niemals eingeladen, ich kenne also von diesem Hause nur den Empfangssaal und das Arbeitszimmer. In diesem Palaste befinden sich auch die höchsten Aemter der Regierung, obzwar der eigentliche Sitz der Regierung Weltevreden ist. Der streng centralistischen Regierungsform Indiens entsprechend, ruhen alle Entscheidungen in letzter Instanz in der Hand des Gouverneur-General, und er besitzt darum ein grosses und zahlreiches Bureaupersonal, welches unter dem Namen »Allgemeines Secretariat« thatsächlich die Spindel ist, um die sich alles dreht. Es besteht aus einem General-Secretär mit zwei Gouvernements-Secretären, zwei Referendaren, einem Archivar, einem Expediteur, sechs »Hauptcommis« und 22 »Commis« und anderen Beamten für specielle Dienste, z. B. für die Statistik und für die Redaction des »Staatsblattes«.[60]

An der Ostfront des Palastes liegt ein Blumengarten mit einem schönen Vogelhause, welcher für den Privatgebrauch des Gouverneur-General und seiner Familie abgeschlossen ist. In einem Teiche steht ein kleiner Tempel mit den Gebeinen der im Jahre 1813 verstorbenen Frau des Lieutenant-Gouverneurs von Java, Th. Stamford Raffles, und auf der Westseite des Teiches und des angrenzenden Weges ist der Begräbnissplatz der jetzigen Bewohner des Palastes. Auch befindet sich in diesem Garten das Denkmal des Hortulanus Teysman, welcher zur Zeit meines Aufenthaltes in Buitenzorg (1881) noch lebte, kurz darauf starb und einen bedeutenden Antheil an der jetzigen Bedeutung dieses botanischen Gartens hatte. Die systematische Anordnung nach Familien und Unterfamilien der Tropenflora war in erster Reihe im Auge behalten; schon dadurch allein ist es ein reizendes Bild. Hier ist eine Gruppe von Palmen aus allen Ländern des Tropengürtels; was für einen prachtvollen Anblick giebt uns die Allee von Fächerpalmen! Dort ist eine zierliche Gruppe von allen bekannten Sorten des Bambusrohres; über dem Teiche mit der Lotusblume und der Victoria regia neigen mächtige Waringinbäume (Ficus religiosa) ihre Wipfel, und wie ein Wald in den Lüften schweben ihre Luftwurzeln über die Fläche des Wassers. Hier sind Alleen, deren Bäume ein grünes lebendes Dach mit ihrem Laube bilden, das kein Sonnenstrahl durchdringen kann, und dort sind mächtige Waldriesen, zwischen denen sich Lianen nach allen Seiten kreuzen und uns das Bild eines Urwaldes vorzaubern. Leider bin ich kein Botaniker und muss es mir versagen, von den 300 Pflanzenfamilien mit ihren 2500 Geschlechtern und mit ihren 10,000 Arten auch nur die wichtigsten Vertreter anzuführen, und muss mich auf die wenigen Andeutungen beschränken, um jedem Botanicus zuzurufen: Gehe hin und sieh selbst!

Der grosse Weg, welcher auch befahren werden darf, führte uns auf der Westseite des Palastes vorbei zum nördlichen Hauptthor und durch dieses in die grosse, schöne Strasse, welche an dem neuen Campament, Militärspitale, dem Officiers-Club und dem Hause des Assistent-Residenten vorbei nach Tjilawar führt; am Ende der Stadt steht ein Obelisk, und an diesem vorbei führt östlich ein Weg nach Tanah Sáreal, wo jährlich bedeutende Wettrennen abgehalten werden.

Der Erfolg der Wettrennen war, abgesehen von Festlichkeiten und dem damit verbundenen Zuströmen der Fremden, wie überall auch in Buitenzorg kein nennenswerther. Die Preangerpferde, welche früher eine grosse Rasse, d. h. über 1,5 Meter hoch waren, wegen ihres schlanken und kräftigen Baues sehr gerne zu Luxuspferden gebraucht wurden, haben durch die Wettrennen nicht gewonnen. Der Regierung wurde erst durch einen der Häuptlinge der richtige Weg gezeigt, diesen Pferden ihre frühere Bedeutung wieder zu geben. Es wurden in letzter Zeit drei Deckhengste angekauft, welche auf Kosten der Regierung von Bezirk zu Bezirk gesendet werden, während der früher erwähnte Häuptling die Verbesserung der Rasse sich theuer bezahlen liess.

Den Rennplatz verliessen wir bald, weil er eben wie jeder andere nichts Sehenswürdiges bot; andererseits weckte er so manche Rückerinnerung aus dem Jahre 1881, welche in jeder Hinsicht sehr angenehm war. In Buitenzorg habe ich das glücklichste Jahr meines Lebens gehabt. Ich »diente« angenehm; ich hatte eine starke Privatpraxis (unter den Chinesen); ich wohnte in einem grossen und schönen Hause und hatte einen kleinen, aber sehr angenehmen Kreis von Bekannten. Das Klima der Stadt ist sehr gesund und angenehm. Wenn auch bei einer Höhe von 267 Metern die Durchschnitts-Temperatur niedriger als in Batavia war, so hatten wir in Buitenzorg oft genug des Mittags 30° C.; aber der in den Nachmittagsstunden fallende Regen erfrischte und reinigte die Temperatur, so dass man um 6 Uhr mit frischen Kräften seinen Spaziergang machen konnte, und die Nächte waren immer so viel abgekühlt, dass ein erquickender Schlaf neue Kräfte brachte. Wenn, wie es auf den Strandplätzen so häufig geschieht, auf die warmen Tage keine kühlen Nächte folgen, so ist der Aufenthalt hinter dem Mosquitonetze mehr eine Qual als eine Erholung. Man transpirirt so stark, dass die Bettwäsche nass wird, man ist gezwungen, die Leibwäsche zu wechseln, und wenn man endlich in später Nachtstunde oder in früher Morgenstunde in den Schlaf fällt, so ist er nicht erquickend; müde und matt steht man auf und erfrischt sich durch ein Schiffsbad die Glieder, um gegen 8 Uhr wieder die starke Transpiration sich erneuern zu sehen. In Buitenzorg waren die kühlen Nächte Regel. Leider bot dieser Ort aber sehr wenig geistige Genüsse. Selbst den Club konnte ich wenig besuchen, weil die angestrengte Praxis mir dazu keine Zeit liess.

Von dem Obelisk kehrten wir auf demselben Wege zurück und verliessen den Garten bei dem Thore an der Westseite, wo sich auch eine Wache befand. Diese Wachen werden in Robotdienst von den Eingeborenen abgehalten und bestehen aus zwei Mann, welche in einer steinernen Hütte sitzen; sie halten eine Gabel in der Hand, um im gegebenen Falle den Verbrecher beim Halse damit fangen zu können, und an der Hütte hängt ein grosser ausgehöhlter Baumstamm, auf den mit einem Knüttel geschlagen wird, entweder um die Stunde des Tages anzuzeigen oder Hülfe herbeizurufen. Jeden Passanten muss sie bei Nacht mit Werda! anrufen. Dieser Wache gegenüber läuft die Stationsstrasse mit dem Clubgebäude zur Rechten und einigen europäischen Wohnhäusern und dem grossen Hotel Chemin de fer zur Linken. Von diesem aus geht eine Strasse neben dem Gefängniss und der europäischen Schule nach Empang, dem Badeplatz Sukaradja und dem Landgute von Tjiomas, dessen Eigenthümer eine lange Zeit allen Warnungen der Regierung zum Trotze seinen Tyrannengelüsten gegenüber der Bevölkerung nicht entsagen wollte. Von der Eisenbahnstation geht ein Weg nach Norden zu dem Stadttheile Tjikomoh, in welchem die neue Landesirrenanstalt steht, welche allen modernen Ansprüchen an ein solches Gebäude entspricht.

Ueber Empang nahmen wir den Weg ins Hotel zurück, stolz darauf, »in der Oost« einen so grossen Spaziergang zurückgelegt zu haben. Meine Frau nahm ein Schiffsbad (siram) und ging in indischer Toilette[61] zur Reistafel; nach derselben gingen wir zu Bett, nahmen unsern Thee, um 4 Uhr wieder ein Bad, und um ½5 Uhr fuhren wir mit einem Wagen nach Batu-tulis = beschriebener Stein. In dem chinesischen Viertel führt neben dem chinesischen Tempel rechts ein schmaler Weg, der nur von einem Wagen bequem befahren werden kann und vier Kilometer lang ist, zu einem wunderschönen Panorama. In früheren Zeiten stand ein Gesundheits-Etablissement für militärische Reconvalescenten an diesem Orte. Ich selbst war im Jahre 1881 diesem zugetheilt; ich wohnte in Buitenzorg und fuhr täglich mit meinem Dos-à-dos oder mit meiner Victoria dahin. Das Dos-à-dos war mit einem wilden und feurigen Sandelwoodpferd bespannt, welches nur mit Mühe zu einem ruhigen Trabschritt angehalten werden konnte. Eines Tages fuhr ich nach Buitenzorg zurück, und vor mir fuhr der Spitalschef in ruhigem und gelassenem Schritt seiner makassarischen Pferde; meinem Pferde war es zu langweilig, so langsam und ruhig traben zu sollen, und es ging zum Galopp über. Ich rief dem Kutscher meines Chefs zu, so viel als möglich den Wagen zur Seite zu lenken, weil ich mein Pferd vom Galopp nicht abbringen könne; mein Eisenschimmel folgte seinem Willen, und so flogen wir neben dem Coupé des Chefs vorbei, die Gläser klirrten, die Schutzreifen beider Wagen brachen, und ein kräftiger Fluch begleitete den Kutscher, der sich in seiner majestätischen (?) Ruhe nicht stören liess und nicht um einen Finger breit von seiner vorgeschriebenen Route abwich. Bald gelang es mir, den Uebereifer meines Pferdes zu zügeln, und ich fuhr zunächst in die Wohnung des Chefs, um seine Ankunft abzuwarten. Seine Frau war eine hochgebildete feine Dame, welche der deutschen Sprache sehr gut mächtig war, und als ich ihr den Zweck meiner Morgenvisite mittheilte und hinzufügte, dass ich nicht wisse, ob ich bei meinem Chef mich über seinen Kutscher beklagen solle, dass er so eigensinnig war, nicht ausweichen zu wollen, oder ob ich mich entschuldigen müsse, weil ich ihren Kutscher beschimpft und die Fenster des Coupés zerbrochen hatte, nahm sie das Air eines strengen Richters an, der zunächst eine genaue Untersuchung der Affaire halten müsse, und befahl mir im strengen Tone zu warten, bis das corpus delicti, der Wagen, der zweite Angeklagte und der Kläger, ihr Mann, erschienen seien. Es dauerte kaum eine Viertelstunde, und der Wagen meines Chefs fuhr vor. Wir gingen zur Treppe, und auf die Frage der Hausfrau, warum die Fenster des Coupés zerbrochen seien, antwortete der Kutscher in seiner unerschütterlichen Ruhe: »Der Herr Doctor wollte vorfahren, aber ich kann doch nicht gestatten, oder sogar dazu behülflich sein, dass Jemand an seinem Vorgesetzten vorbeifahre!« Als wir alle Drei gegenüber diesen Argumenten in ein schallendes Gelächter ausbrachen, sah uns der Kutscher verwundert an, weil wir diese primitivste Höflichkeit nicht verstehen wollten, und als ich ihn hierauf frug, was er gethan hätte, wenn er dabei vom Bocke gefallen, oder mein leichter Wagen von dem Coupé seines Herrn zerschmettert und ich und mein Bedienter den Kopf zerbrochen hätten, fügte er mit der grössten Ruhe hinzu: »Tuwan Allah Kassih = Gott bescheert es.«

Das Militär-Reconvalescentenhaus zu Batu-tulis, in welchem ich ein Jahr lang thätig gewesen war, bestand aus zwei Reihen Baracken aus Bambus, welche bei meinem letzten Besuche bereits abgetragen waren. Ihm gegenüber stand der »gläserne Palast«, welcher ein einstöckiges Gebäude aus Steinen war, und dessen erster Stock eine gläserne Veranda hatte. Diese war einem der behandelnden Aerzte zur Wohnung angewiesen, während im Parterre der »Administrator« wohnte. Das Spital war abgetragen, und der »gläserne Palast« wurde nur von einem Wächter bewohnt. Noch einmal, und zwar zum letzten Male, entzückte ich mich an dem herrlichen Panorama, welches der südwestliche Theil der Veranda mir bot. Schäumend und brausend wälzt sich das Wasser des Daniflusses zwischen zahlreichen erratischen Blöcken und kleinen Steinen; Kinder spielen und springen lebensfroh in diesem seichten Wasser, über welches sich eine zierliche Brücke, nur aus Bambus verfertigt, zu dem Fusse des Salak zieht. Zahlreiche kleine Häuser und Fruchtgärten bedecken den Abhang des Berges, und ein riesiger Waringinbaum breitet seine doppelt gefärbte Krone über lachende Fluren. Das Schnauben der Locomotive, welche tief unter uns nach Buitenzorg dampfte, störte uns in der Betrachtung dieses schönen Panoramas, welches lieblicher und milder ist als jenes, welches der Salakberg den Bewohnern des Hotels Bellevue in Buitenzorg bietet.

Den ersten »beschriebenen Stein« fanden wir zwischen zwei Bambushütten; es war ein Stein, auf welchem die Abdrücke zweier Füsse sich befanden, und zwar die des Radja Mantri, welcher auf diesem Steine so lange gestanden hatte, um nachzudenken, welche Bedeutung die vor ihm liegenden beschriebenen Steine hätten, bis seine Füsse in dem Stein sich abgedrückt hatten. Die übrigen Steine werden von den Alterthumsforschern als sprechende Ruinen des alten Reiches Padjadjaran vielfach beurtheilt und gedeutet, und von den Eingeborenen einem mohamedanischen Heiligen, dem Kean Ansantang, zugeschrieben; leider war die Zeit zu kurz, um mich mit diesen Steinen näher zu beschäftigen. Die Sonne näherte sich als eine grosse feurige Scheibe dem Horizonte, immer schneller und schneller sank sie hinter die waldreichen Gipfel des nahen Hügellandes, und als der letzte Sonnenstrahl über unsere Köpfe hinweg auf den Abhängen des Salak sich zu einem feurigen Fächer verbreitete, mahnte er uns zur Rückreise nach Buitenzorg ([Fig. 5]); denn die Dämmerung dauerte auch hier[62] nur ungefähr eine Viertelstunde, und der Weg war mit zahlreichen Steinen bedeckt.

Wir kehrten also nach Buitenzorg zurück, um am folgenden Morgen die Reise in die »Preangerprovinz« fortzusetzen. Die Nordgrenze dieser Provinz zieht über die Gipfel zahlreicher Bergriesen (Halimun 1921 Meter hoch, Salak 2215 Meter, Gedéh 3022 Meter, Sanggabuwana 1298 Meter, Tankubauprahu 2075 Meter, Bukittimpul 2208 Meter und andere hohe Berge), welche an der Ostgrenze in einen spitzen Bogen übergehen und eine zweite Gebirgskette formen, welche beinahe parallel zu der ersten läuft und bei Bandong eine grosse und einige kleine Hochebenen einschliesst. Diese Provinz erinnert in vieler Hinsicht an die Alpenländer Europas. Sie ist zwar die grösste Provinz Javas (371,001 ☐Meilen), aber auch am wenigsten bevölkert (2,000,033 Einwohner[63] mit 5391[64] auf die ☐Meile). Sie hat ein herrliches, geradezu südeuropäisches Klima, hat unzählbare warme Quellen, eine unerschöpfliche Quelle von Naturproducten (zahlreich sind die Plantagen für Thee, China, Tabak, Kaffee, Cacao, Vanille, Muscatnuss u. s. w.); aber von der Gewinnung von Mineralien ist nirgends die Rede; sollte denn nirgends z. B. Gold gefunden werden, da doch so manche Ruine einen grossen Goldreichthum in den ältesten Zeiten vermuthen lässt. Eine engherzige und kurzsichtige Gesetzgebung im Bergbauwesen hat bisher die indische Regierung im Allgemeinen gezeigt; seit Mai des Jahres 1897 ist sie diesbezüglich liberaler geworden. In Semarang, oder vielmehr in der Provinz Semarang, wurden reiche Quellen von Petroleum in Betrieb gesetzt, und das Leuchtöl der »Dordrechtischen Gesellschaft« hat in China und Japan einen grossen Theil des russischen und amerikanischen Petroleums verdrängt. Auch in Celebes wurden Goldminen dem Handel eröffnet; vielleicht bemächtigt sich der Handel auch des Bodens der Provinz Preanger und lässt durch fleissige Untersuchungen des Bodens der Berge neue Quellen der Wohlfahrt eröffnen. Kohlen befinden sich im Westen Javas; Gold wurde in der Provinz Krawang gefunden; Zinn auf einigen kleinen Inseln in der Nähe der Rhede von Samarang; Jodium enthalten unzählbare Quellen; Schwefel kommt in ungeheurer Masse vor, Marmor im Süden der Provinz Madiun. Petrefacten, Basalt, Porphyr, Granit, Kaolin, Kalk, Kohle, Eisen, Spath u. s. w. kommen auf Java vor, ohne dass, wenn wir vom Petroleum und von einigen heissen Mineralquellen absehen, auch nur eine einzige Gesellschaft sich gefunden hätte, um diese verborgenen Schätze Javas resp. der Provinz Preanger zu heben.

Einen ungeheuren Reichthum an warmen, heissen, kalten, an indifferenten, an Salz-, Stahl-, Schwefel- und Jodiumquellen hat Java, und die meisten von ihnen sind unbenutzt und unbekannt. Die Provinz Preanger allein hat 1 Bittersalzbrunnen (bei Kandang Wesi), 1 Mofette auf dem nördlichen Abhang des Telaga Bodas, 1 Moorwelle auf dem Salak, 1 warmen Brunnen am Gedéh, 3 warme Brunnen am Mandalawangi, 2 in Sukabumi, 2 bei Dadap, 1 auf dem Berge Breng Breng, 1 bei dem Flüsschen Tji Madja, 1 Bittersalzbrunnen bei Batur, 1 warme Quelle am Berge Patua, 1 heisse und 1 warme bei Pengalengan, 1 auf dem Tangkuban Prahu, 2 bei Lembang, 1 am Berge Guntur, 1 auf dem Papandajang, 1 im District Wanakarta, 1 bei Tassikmalaya, 1 im District Karang, 1 bei Tjiwalini, 1 bei Tjibalang; also diese eine Provinz allein hat 26 warme Quellen, wovon 2 Karlsbad eine bedeutende Concurrenz machen könnten, wenn —.

Das Ziel meiner Reise war Sindanglaya, ein mit Recht viel gepriesener Luftcurort Javas. Zunächst kamen wir (um 10 Uhr Vormittags) nach Sukabumi, welches ebenfalls ein Reconvalescenten-Spital für Soldaten besitzt; es liegt 602 Meter hoch, hat ein mildes, leicht warmes Klima und ist besonders geeignet für Reconvalescenten nach Erkrankungen der Lungen und nach allen Krankheiten, welche von Diarrhöe begleitet sind. Nebstdem befanden sich zwei Pavillons für »Patienten erster Klasse«, in welche natürlich auch Bürger aufgenommen wurden. Es ist nämlich Eigenthum eines Arztes gewesen, der für seine militärischen Patienten einen gewissen Betrag berechnete, im Uebrigen war es in jeder Hinsicht ein Privat-Sanatorium. Ich selbst bezog es für eine Nacht, und ich und meine Frau hatten eine angenehme Gesellschaft und eine gute Küche für diesen einen Tag.

Fig. 8. Eine malayische öffentliche Tänzerin mit der kleinen Capelle eines Tôpéng Babakan.[66]

Was mich jedoch unangenehm berührte, war der wissenschaftliche Indifferentismus, der damals in dieser Anstalt herrschte; ein so grosses Material wurde wissenschaftlich nicht verwerthet, und was nicht direct mit der Behandlung der Patienten in Verbindung war, wurde ignorirt. Wie viele noch offene Fragen mit Bezug auf das Leben in den Tropen könnten in einem solchen Sanatorium ihre Lösung finden? Ich will nur auf die besonders praktische und wichtige Frage der Magensäure hinweisen. Fast in keiner Familie fehlt das Fläschchen Salzsäure (und Ricinusöl) und wird bei allen möglichen Formen der gestörten Magenfunction gebraucht. Ich kann mir zwar ganz gut vorstellen, dass diese ungeheuren Massen Speise, welche bei der Reistafel[65] dem Magen zugeführt werden, keine genügende Menge Salzsäure für die regelmässige Verdauung vorfinden, und dass darum eine Nachhülfe mit künstlicher Salzsäure sehr oft nöthig ist. Auch ist es auffallend, dass den Aerzten so wenig Magengeschwüre zur Behandlung kommen, und dass so selten Hyperacidität des Magens, d. h. zu grosser Säuregehalt des Magens von ihnen diagnosticirt werde; aber dies sind nur aprioristische Grundlagen für die Annahme, dass in den Tropen, im Gegensatz zu den Ländern mit einem gemässigten Klima, die Hypacidität des Magens, d. h. eine zu geringe Entwicklung der Magensäure, eine häufige, ja selbst regelmässig vorkommende Krankheit sein sollte. Pfeffer, Senf, Lombok (spanischer Pfeffer = Paprika), Peté (Parkia Africana), Assem (Tamarinda Indica), Vanille, Tjenké (Caryophyllum aromaticum), Pála (Myristica fragrans), Ketúmbar (Coriandrum sativum), Kápol (Ammonium cardamomum), Kélor (Morynga pterygosperma), Kúnir (Curcuma), Kajumanis (Cinnamomum aromaticum), Sintok (C. Sintok), Kerry, welches aus Santen (Fleisch der Cocosnuss), Curcuma, Wurzeln von Ingwer, Langkwas (Alpinia galanga), Zwiebeln, Paprika, Djinten (Anisodrilus carnosus), Kentjur (Kaempheria galanga), Ketúmbar Seré (Graminea), Lada (Pfeffer) und anderen Pflanzen besteht, sind eine stattliche Reihe von Gewürzen, welche die Rysttafel sehr schmackhaft machen und den Magen zu erhöhter Arbeit reizen. Ob nun darum allein der Magen keine hinreichende Menge von Magensäure producirt, also eine relative Hypacidität besitze, oder ob im Allgemeinen die Function des Magens in den Tropen eine träge sei und gerade darum zur erhöhten Thätigkeit durch diese Gewürze angeregt werden müsse, ist eine der vielen physiologischen Fragen, welche in den Tropen selbst entschieden werden müssen, und für deren Lösung gerade solche Sanatorien, welche über grosses Menschenmaterial verfügen, die geeignetsten Orte wären.

Auch Sindanglaya, wohin ich mich am andern Tag um 10 Uhr per Eisenbahn begab, wurde damals wissenschaftlich nicht ausgenutzt; der leitende Arzt war ein Psychiater, welcher, wenn ich mich nicht irre, jetzt Professor dieses Faches in Holland ist; aber für die vielen hundert offenen Fragen der Biologie in den Tropen ist in den Sanatorien Javas bis jetzt gar nichts gethan worden. Das bacteriologische Laboratorium in Weltevreden ist die einzige Stätte, welche sich über die Grenzen des täglichen praktischen Bedürfnisses hinaus mit wissenschaftlichen medicinischen Fragen beschäftigt.

Die weitere Eisenbahnfahrt bot wiederum schöne Panoramen und stellenweise Meisterstücke der modernen Eisenbahn-Baukunst. Den Berg Kantjana (1240 Meter hoch) umzogen wir in einem grossen Bogen, bis wir in Tjandjur die Hochebene gleichen Namens (459 Meter hoch) erreicht hatten. Hier verliessen wir die Eisenbahn, um mit einem Dos-à-dos nach Sindanglaya zu fahren.

Tjandjur war bis zum Jahre 1864 die Hauptstadt der Provinz Preanger, und seit dieser Zeit ist der Regent dieses Bezirks in jeder Hinsicht ein Rivale von seinem Collegen in Bandong. Wenn ich auch auf dieser Reise Bandong, die Hauptstadt der Provinz Bantam, nicht besuchte, sondern von Tjandjur direct nach Sindanglaya fuhr, so glaube ich doch aus verschiedenen Ursachen hier einige Worte über diese schöne Stadt Javas verlieren zu müssen. Im Jahre 1882 wurde ich nämlich jener Commission zugetheilt, welche in Batu-Djadjar, der Artillerie-Schiessstätte auf der Hochebene von Bandong, von Krupp erhaltene Kanonen untersuchen und einschiessen sollte.

Hier blieb ich von Mitte December 1882 bis Ende März 1883 und hatte oft Gelegenheit, die nahe gelegene Hauptstadt der Provinz aufzusuchen. Von Batu-Djadjar gingen zwei Strassen auf die grosse Landstrasse; die westliche endete bei der Halte Padalarang, bei welcher gewöhnlich die von Batavia kommenden Reisenden ausstiegen; die zweite führte zur Halte Tjimahi, wo seit dem Jahre 1896 ein grosses militärisches, stabiles Lager[67] sich befindet. In 1½ Stunden konnten wir Bandong bequem erreichen. Die Stadt liegt zum grössten Theile zu beiden Seiten der grossen Poststrasse und macht einen freundlichen Eindruck. Der Regent hat einen schönen Palast, dessen Empfangssaal geradezu verschwenderisch ausgestattet ist. Wenn er auch viel von seiner früheren Grösse und Reichthum verloren hat, so ist er dennoch der reichste Beamte von Java; er bezieht einen Gehalt von 20,000 fl. pro Jahr, und für jeden Pikol[68] Kaffee, der aus seinem Bezirk abgeliefert wird, einen halben Gulden Prämie, welche jedoch 40,000 fl. nicht überschreiten darf. 60,000 fl. ist ein schönes Einkommen für einen eingeborenen Fürsten. Von dem Vater des gegenwärtigen Regenten ist es bekannt, dass er nicht nur einen grossen Aufwand führte, sondern auch gegen seine europäischen Gäste in freigebiger und luxuriöser Weise die Gastfreundschaft übte. Er bezog allerdings neben seinem Gehalt von 20,000 fl. noch eine Personalzulage von 24,000 fl. und erhielt für jeden exportirten Pikol Kaffee eine Prämie von 1 fl. (bis zu einem Betrage von 80,000 fl.). (Dieser hohe Gehalt ist nämlich eine Entschädigung für den Verlust an diversen Steuern, welche der Fürst von Bandong bis zu seiner Anerkennung der holländischen Souveränität in dieser Provinz erhoben hatte.) Der alte Regent war ein grosser Freund von einem wohlgefüllten Stall mit arabischen, persischen und birmanesischen Pferden; er hielt Pferdewettrennen und Treibjagden in grossem Maassstabe. Bei seinen häuslichen Festen liess er die fürstlichen Tänzerinnen (Bedajas) auftreten ([Fig. 6]), Turniere halten und grosse Marionetten in europäischer Kleidung den europäischen Tanz persifliren. Auch hatte er eine kleine Zahl von Hadjis, welche bei festlichen Gelegenheiten das Gedebus zeigten, indem sie unter Anrufen des Propheten und des Scheikh Abdul Kadir Djilani und mit wilden Tänzen eiserne Spitzen in die Brust stachen. Man muss bei den eingeborenen Escamoteuren nicht so leicht mit dem Worte Schwindel bei der Hand sein. Ich sah damals im Club einen Klingalesen, welcher einen Knäuel Zwirn verschluckte, in der Magengegend mit einem Messer die Haut ritzte und aus der Wunde vielleicht hundert Meter Zwirn herauszog!

Den gegenwärtigen Regenten von Bandong sprach ich das erste Mal in Batu Djadjar; er war von dem Präsidenten der Commission eingeladen worden, das Telephon zu besichtigen und zu gebrauchen, welches ihm damals (im Jahre 1882) noch unbekannt und zu dem Zwecke der Controle der erzielten Treffer auf der Schiessstätte in Gebrauch war. Er kam nur mit einem kleinen Gefolge; sein Stellvertreter, der Patti, wurde auf die entfernte Station bei der ersten Scheibe geschickt, und dann wurden sie mit einander verbunden. Als der Regent durch das Telephon die Stimme seines Patti erkannte, sprang er im strengsten Sinne des Wortes vor Ueberraschung wie ein Narr herum und rief héran sakâli (Wunder über Wunder), apa pintar orang blanda (wie weise sind die Holländer!). Da wir, abgesehen von einem grossen Pavillon (mit doppelten Bambuswänden) für die Officierswohnungen und einem als Caserne, noch einen gemeinsamen Speisesaal hatten, der aus den Contributionen der einzelnen Commissionen, welche jährlich hier eintrafen, mit vollkommenem Service für zwölf Personen eingerichtet war, wollten wir den Regenten vor seinem Abschied zur »Rysttafel« einladen; er nahm es nicht an, lud uns aber für den folgenden Sonntag zu seinem Herrenabend ein.

Zwei Officiere — ich selbst war damals noch ledig — hatten zwar ihre Frauen bei sich; sie bekamen aber den erwünschten Urlaub, und so gingen wir drei Tage später nach Bandong, zwei zu Pferde und die übrigen zwei in einem Kâhar sewa, d. h. einem kleinen zweirädrigen Wagen, welcher die Unbequemlichkeit im Sitzen und im Einsteigen bis zum Maximum zeigt. Im Hotel Homan nahmen wir unser Nachtmahl, und um 9 Uhr fanden wir uns bei dem Regenten ein. Es war ein schöner, reich mit Gold verzierter Empfangssaal, oder vielmehr Empfangshalle (Pendoppo M.). Kaum hatten wir den Hausherrn begrüsst, und zwar unter sanften, einschmeichelnden Tönen der Gamelang, kam ein Bedienter mit einer grossen Platte, auf welcher echt chinesische Schalen mit Kaffee-Extract standen, und Jeder nahm sich von dem Zucker und von der Milch nach Belieben. Plötzlich erhob die Gamelang einen gewaltigen Spectakel, der Regent eilte von uns zu dem Eintritt seines Pendoppo, um den Residenten zu begrüssen, dessen Ankunft eben durch diesen Tusch angekündigt wurde. Der Bediente des Residenten war mit dem goldenen Pajong erschienen und setzte sich auf der Treppe nieder mit hoch aufgerichtetem, jedoch geschlossenem Pajong, und wir alle näherten uns dem Vertreter der Regierung und wurden ebenso freundlich als leutselig von ihm begrüsst. Auf ein Zeichen des Residenten erschien auch sofort die erste Tänzerin, welche eine gewöhnliche Ronggeng war, d. h. eine öffentliche Tänzerin, welche zu diesem Zwecke von dem Hausherrn gemiethet wurde. Die Gamelang erhob nun ihre sanfte, liebliche Weise, und die Ronggeng begann ihren Tanz (?). Sie war nur mit einem Sarong bekleidet, welcher mit einem silbernen Gürtel in der Taille geschlossen war, während der obere Theil die volle Büste nur theilweise deckte; sie hatte keine Schuhe und keine Strümpfe und zeigte einen schönen, wohlgeformten, braunen Fuss; auch die Arme, Schultern und Hals waren unbedeckt; jedoch hübsche Armbänder zierten den Vorderarm, in den Ohren waren dicke, mit Diamanten besetzte Stäbe, und in dem üppigen, pechschwarzen, glänzenden und zu einem Knoten (Kondé) gebundenen Haar steckten zahlreiche grosse, mit Edelsteinen besetzte Haarnadeln. Die Stirne war theilweise mit Boreh gelb und die Augenwimpern schwarz gefärbt. Sie begann mit kreischender Stimme ein Lied, verschämt lächelnd brachte sie den Salindang[69] vor den Mund, und, ohne viel von der Stelle zu weichen, drehte sie sich langsam im Kreise und streckte bald den einen, bald den andern Arm ein wenig in die Höhe, wobei die Hand und alle Finger überstreckt waren, d. h. das Handgelenk einen Winkel von weniger als 90° und die Finger von mehr als 180° bildeten. Was sie sang, verstand ich nicht und ebensowenig die übrigen Europäer. Aber auch die anwesenden eingeborenen Häuptlinge erriethen wahrscheinlich den Inhalt der Lieder mehr als sie ihn verstanden; wenn ich mich nämlich nicht irre, sang sie nicht in sundanesischer Sprache, sondern wie die Ronggengs im eigentlichen Java, in altjavanischer (Kawi) Sprache. Bald betheiligten sich auch Männer an diesem Tanze. Den Reigen eröffnete der Regent in höchsteigener Person, indem er ebenfalls einen Salindang nahm, einen Ryksdalder (= 2,50 fl.) in die dazu bestimmte Kasse warf und nun den Bewegungen der Bidaja folgte; es lag seinen drehenden Bewegungen etwas Caricatur zu Grunde, ohne dass ich mir sagen konnte, was persiflirt werden sollte. Hierauf wurde die Schärpe auch einigen europäischen Herren angeboten, welche in gleicher Weise 1 oder 2,50 fl. in die Kasse warfen und sich Mühe gaben, nach den Regeln der Kunst zu »tandaken«. Wenn auch die Tänzerin nur wenige und sehr kleine Schritte machte, also gewissermaassen trippelte, und nur im Affect in grossen und beschleunigten Schritten im Kreise herumlief, so blieb doch der »Tandak« der Herren (welche dann Beksos genannt werden) immer eine scherzhafte Caricatur der Tänzerin; besonders die steife Haltung der Arme und Hände wollte den Männern nicht gelingen; auch gelang es ihnen niemals, das verschämte und verlegene Lächeln der Tänzerin zu imitiren, wenn ein besonders starker Tabak im Liede — welcher in der Regel die Heroenzeit Javas besingt und stark erotischen Beigeschmack hat — die Tänzerin veranlasste, eine keusche, verlegene Jungfrau darzustellen. Diese Scene wurde schon darum mit lautem ironischen Lachen der Eingeborenen begleitet, weil die Ronggengs als zweites Geschäft die Prostitution üben.

Jeder angesehene Fürst hält sich jedoch seine Privat-Tänzerin, welche, wie z. B. an den Höfen von Solo und Djocja, von hoher Abkunft und bei ihren Tänzen reich mit Gold und Edelsteinen geschmückt sind. Da nur die schönsten Mädchen dazu erwählt werden, ist damit die Wahrscheinlichkeit verbunden, entweder ein Beiweib des Sultans oder die Frau eines Prinzen oder eines anderen angesehenen Fürsten zu werden.

Während des »Tandaken« wurde den europäischen Gästen Rheinwein, rother Wein, ein Brandy- oder Whisky-Grog offerirt, und so mancher der anwesenden eingeborenen Häuptlinge verschmähte es nicht, anstatt des ihm angebotenen Thees mit Backwaaren von dem Apollinaris-Wasser mit »ein wenig Cognac«, nur »um den Geschmack zu verbessern«, ebenso häufig als seine europäischen Collegen Gebrauch zu machen. So ein Herrenabend bei einem eingeborenen Fürsten — die keusche Diana würde bei einer Beschreibung desselben ihr Antlitz verhüllen — giebt den anwesenden Ronggengs eine führende Rolle, und nachdem der Resident gegen 12 Uhr sich empfohlen hatte, ging auch ich in’s Hotel. Meine philiströse Anwandlung bedauerte ich am andern Tage lebhaft, weil mir mitgetheilt wurde, dass der Regent von Bandong auch ein Wâjang orang hatte spielen lassen.

Ich habe jedoch späterhin, und zwar in Magelang, ein malayisches Theater (Wâjang orang) wiederholt besucht, und ich muss gestehen: seine Kunst steht hoch. Auf dem Schlossplatz stand ein grosses Zelt, in dessen Hintergrunde die erhöhte Bühne auf kleinen Pfeilern ruhte. Die Coulissen waren offenbar europäischen Ursprungs und blieben für alle Stücke dieselben. Der Hintergrund war eine Thüre mit einem Vorhang, und ein zweiter trennte die Bühne vom Zuschauerraum. In den Coulissen sass ein Mann und spielte die Rebab (Violine). Auch eine Versenkung fehlte nicht. Die Schauspieler waren halbeuropäischen Ursprungs, sprachen jedoch während des Spielens nur die malayische Sprache und stellten Scenen aus der Heroenzeit Javas dar. Ich war dieser Sprache so weit mächtig, dass ich dem Gang der Handlung folgen konnte, wenn mir auch manches Lied nicht in allen seinen Theilen verständlich war. Wahre dramatische Scenen spielten sich ab, als z. B. der Awamuko (Teufel) dem Batoro Guru (dem Lehrer des Heroen) zu Füssen fiel, ihm die Schuhe küsste und in wehmüthigem Liede um Vergebung bat, während aus den Coulissen sanfte, schmeichelnde und liebliche Töne der Rebab sein Flehen begleiteten, oder als z. B. der Fischer den Göttern seine Noth klagte, dass ihn Arimuko (ein Fürst der Unterwelt) mit seinem Hasse verfolge und ihn sein Netz immer leer aus den Tiefen des Meeres heraufziehen lasse. Stets waren es Scenen und Lieder, welche von hoher dramatischer Wirkung waren und die Zuschauer mit Wehmuth und Lust erfüllten. Zum letzten Male will er sein Glück probiren und wirft das Netz hinaus in die Fluthen (hinter die Coulissen), ungeduldig schreitet er auf und ab und zweifelt und hofft, dass Amankau (= Arimuko) ihn nicht weiter mit seinem Hasse verfolge; endlich wagt er es, das Netz zu heben; es ist schwer, hoffnungsvoll zieht er immer stärker und stärker, er stützt seinen Fuss gegen einen Felsen, beugt sich zurück, das Gesicht wird roth, die Muskeln der Arme schwellen an, und endlich bringt er das Netz auf das Land; statt der viel erhofften Fische ist jedoch eine schwere Kiste darin. Das Mienenspiel bei dieser Enttäuschung war ein Meisterstück der Pantomime. Plötzlich erhebt sich der Deckel der Kiste und Amankau (Arimuko) springt heraus; er hat eine Teufelsmaske und tritt dem armen Fischer mit drohenden Worten entgegen.

Ich muss aber auch bekennen, dass ihre Auffassung von »würdevollem« Auftreten uns Europäern fremd erscheint, und dass ihre Engel oder Huris einen geradezu komischen Eindruck machten; sie erschienen in weissen Kleidern von europäischer Mode und hatten eine hellfarbige Schärpe um die Taille. Da sie nebstdem keine Mieder hatten, und die weissen europäischen Kleider offenbar nicht nach Maass bestellt waren, so waren diese Engel alles, nur nicht eine engelhafte Erscheinung, wenigstens nach europäischer Vorstellung.

Auch ein Wâjang tjina habe ich gesehen und natürlich sehr häufig den Wâjang Kulit besucht.

Ein chinesisches Theater (Wâjang tjina) sah ich im Jahre 1881 während meines Aufenthaltes in Buitenzorg. Die Bühne unterschied sich wesentlich von der eines javanischen Wâjang orang. Sie hatte keinen Vorhang und keine Coulissen; jeder der Schauspieler kam aus einer und derselben Thüre im Hintergrunde auf die Bühne, neben welcher ein Chinese mit einem grossen Gong sass. Ein paar Kisten standen zur Seite, welche, wie mir ein Chinese erklärte, die Mauer und das Dach eines Nachbarhauses improvisiren sollten. Den Mangel jeder Decoration ersetzten die besonders reichen und kostbaren Costüme der Schauspieler; sie waren von Seide und strotzten von Gold. Auch die weiblichen Rollen wurden damals von Männern gegeben. Die Handlung war arm und dehnte sich endlos. Auf die Europäer machte Verschiedenes einen befremdenden Eindruck, nicht allein, weil wir die Sprache nicht verstanden, sondern auch weil die Pantomime der Chinesen uns ganz unverständlich war. Offenbar lag sehr viel in den Bewegungen des Körpers, wie es die lärmende und rauschende Musik der Gong andeutete; freilich wussten wir nicht, was es bedeutete. Jeder gesprochene Satz bekam am Ende das Lärmen der Gong; ja selbst jede Bewegung erhielt ein solches stürmisches Finale.

Am häufigsten sieht man jedoch die Wâjang Kulit, d. h. ein Marionettentheater mit Figuren aus Leder (Kulit), deren Schatten auf eine weisse Fläche geworfen werden. Ein Rahmen aus reich geschnitztem und verziertem Holze, Gewang genannt, ist mit weisser Leinwand überzogen; auf der einen Seite sind eine grosse Lampe, der Regisseur und zwei Stämme von Pisang; in diesen stecken die ledernen Figuren, welche von der Hand des Regisseurs längs des weissen Schirms bewegt werden. Zur Seite desselben sitzt die Musik, bestehend aus der Rebáb (Violine), Bambusglockenspiel (Angklong), Flöte (Suling), Holzclavier, welches mit einem Klöppel gespielt wird, Metallclavier, ähnlich dem Spielzeug unserer Kinder, mehreren Becken (Gongs), Pauken, Tambourins u. s. w. ([Fig. 7].) Der Regisseur (Dalang) brachte — es war ebenfalls in Buitenzorg im Jahre 1881, dass ich con amore die erste Wâjang Kulit beobachten konnte und mir die nöthigen Erklärungen zu Theil wurden — erst einen Berg zur Ansicht. Hierauf nahm er aus einer Kiste die pittoresken Figuren, welche auf einem Stäbchen befestigt waren; sie sind aus dem Leder der indischen Büffel geschnitten und reich mit Farben und Gold verziert; sie haben immer die bekannte Form der indischen Puppen und sehr dünne, magere Arme. Er steckte die reichlicher verzierten, die Götter und Fürsten, in den einen Bambusstamm und die Plebs in den zweiten. Unterdessen spielte die Gamelang ihre Ouverture. Mit einem Schlag auf die Kiste eröffnete der Regisseur die Vorstellung, die Musik schweigt, der Berg wird weggenommen, und halb singend, halb erzählend bringt er zunächst die Einleitung. Er beschreibt das Land, in welchem das Drama spielt, und erzählt das ganze Vorleben; im richtigen Augenblick, d. h. wo das eigentliche Drama beginnt, nimmt er mit beiden Händen die Helden des Stückes von den Bambusstämmen, und ohne bedeutende, aber doch deutliche Stimmenveränderung führt er den Dialog der Marionetten.

Der Wâjang gohlèk, welcher aus Holz verfertigte, massive und mit Kleidern behängte Figuren haben soll, ist mir aus Autopsie unbekannt; ebenso wenig hatte ich Gelegenheit, einen Topeng zu sehen, welches eine Pantomime von maskirten Männern und Frauen sein soll. Einen Topeng Babakan sah ich jedoch in Majelang von Haus zu Haus ziehen, um auf Verlangen eine Vorstellung zu geben. Ein Mann, welcher auf dem Rücken eines gemalten Pferdes aus Papier sass, eine Ronggeng und eine kleine Capelle, bestehend aus einer Gamelang, einer Gong (Becken) und einer Flöte, war das ganze Personal. ([Fig. 8].) Die Ronggeng sang einige Pantons mit kreischender Stimme, auf welche der Ritter des papiernen Pferdes manchmal Wechselgesänge folgen liess.

Noch will ich erwähnen, dass ich weder ein Tigergefecht noch ein Turnier zu sehen Gelegenheit hatte. Das Hahnengefecht aber, bei dem den kämpfenden Hähnen scharfe Messerchen an den Sporen befestigt werden, habe ich wiederholt gesehen, obzwar die holländische Regierung sie verbietet und sich alle Mühe giebt, dieses leidenschaftliche Spiel auszurotten. Auch Grillen (djankriks) und Wachteln (burung puju) werden zu Wettkämpfen gebraucht. Auch das »Drachenfliegen« ist ein beliebtes Spiel erwachsener Javanen.


Lieutenant P.. war mein Reisegenosse nach Bandong. Da zwei Tage lang das Schiessen ausgesetzt wurde, gab uns der Präsident der Commission, welcher den nächsten Tag nach Batu Djadjar zurückkehrte, noch einen Tag Urlaub, den wir dazu benutzten, den Onkel des Lieutenants P.. zu besuchen, welcher nordöstlich von Bandong die grosse Theeplantage Djati Nangos (?) administrirte. Die Besitzerin war damals (1882) ein junges Mädchen, eine Waise, welche in Europa ihre Erziehung genoss. Der Administrator, der pensionirte Resident X., wohnte in einem hübschen Landhause in der Nähe von Sumedang. Einen besonders interessanten Empfang hatten wir, als wir durch das Gehege dieser Plantage fuhren. Rehe sprangen über den Weg und blieben in einer Entfernung von wenigen Metern stehen, um uns mit ihren grossen schönen Augen zu fragen, wer wir seien und was wir hier zu thun hätten. Im Hintergrunde sahen wir selbst einige hundert zu einem Rudel vereinigt. Der Herr X. empfing uns in liebenswürdiger Weise, und da es gerade vier Uhr war, d. h. die Zeit zum Theetrinken, setzte er uns sofort eine Schale seines Eigenbaues vor. Wie war er jedoch entrüstet, als ich gewohnheitsgemäss ihn um ein wenig Milch für meinen Thee ersuchte; ja er nannte mich sogar einen Barbar, der tief, ja sehr tief unter einem Chinesen stehe. Nur ein Barbar sei im Stande, das herrliche Aroma des Theeblattes durch Zucker, Rum oder Milch zu zerstören! Interessant waren seine Mittheilungen über die Einfuhr der ersten Theestauden und der raschen Entwicklung, welche diese Pflanze im Laufe von wenigen Jahrzehnten auf Java genommen habe. Denn erst vor sechzig Jahren ging ein Amsterdamer Namens Jacobson nach China, um dort die Bearbeitung des Thees kennen zu lernen, nachdem schon der Gründer des botanischen Gartens zu Buitenzorg, Prof. Reinhardt, mit gutem Erfolg den Thee auf dieser Insel gepflanzt hatte. In einem dickleibigen Buche beschrieb Jacobson die Theecultur, entsprechend dem damaligen Stande der Wissenschaften, und seine praktischen Winke wurden Allgemeingut der javanischen Theepflanzer, welche jährlich eine ungeheure Menge produciren und exportiren.[70] Leider geschieht dies häufig unter chinesischer Marke, d. h. mit chinesischen Aufschriften und in chinesischer Verpackungsweise. Der Thee ist aber so gut, dass er unter keiner falschen Flagge zu Markte zu fahren braucht.

Der Anblick eines Theefeldes ist in keiner Hinsicht rühmenswerth; es sind niedrige Sträucher, welche in kleinen Abständen (± 1·2 Meter Entfernung), und zwar in gerader Linie gebaut sind. Zweimal des Jahres werden die Blätter gepflückt; die zarten Blätter geben die feinste Theesorte, und wenn der Baum zu alt ist, so werden die Blätter zu hart, um in den Handel kommen zu können. Die guten Sorten Thee werden nur von jungen Bäumen, und die feinsten Sorten von den jüngsten Blättern dieser Sträucher bereitet. Die Farbe der in den Handel kommenden Thees ist nur von der weiteren Bereitungsweise abhängig. Ursprünglich hat der Theebaum nur grüne Blätter. Werden sie nur an der Sonne getrocknet, so behalten sie ihre ursprüngliche Farbe; werden sie aber sofort nach dem Pflücken in Säcken oder Leinwandcylindern über einem Kohlenfeuer getrocknet, so werden sie schwarz. Während sie in der Dörrpfanne sich befinden, werden sie von Frauen besser zusammengerollt, als es durch den einfachen Trocknungsprocess geschieht, und je mehr Blätter mit den Fingern gerollt sind, desto höher ist der Preis.

Mit diesen spärlichen Mittheilungen musste ich mich begnügen, weil ich und mein Reisegenosse bereits den nächsten Tag diese Plantagen wieder verlassen mussten. In Batu Djadjar sollte das Schiessen wieder beginnen, und dies darf nach den gesetzlichen Bestimmungen niemals ohne gleichzeitige Anwesenheit eines Arztes stattfinden. Ich sah also weder das Pflücken der Blätter, noch das Rösten derselben — nicht einmal die Dörrschuppen, das Sortiren des Thees, seine Verpackung u. s. w.


Mein Aufenthalt auf der Heide von Batu Djadjar war der unangenehmste, weil langweilig, in meiner ganzen indischen Carrière. Es waren im Ganzen 40 Mann, welche sich damals an den Arbeiten der Commission betheiligten und in den günstigsten hygienischen Verhältnissen befanden. Vor ihrer Abreise wurden sie ärztlich untersucht und kamen in ein herrliches Klima. Wir hatten in der Morgenstunde zwischen 6 und 7 Uhr oft nicht mehr als 17° C., und sofort nach Sonnen-Untergang sank die Temperatur so tief, dass ich europäische Kleider anziehen musste, wenn ich mit den übrigen Officieren im Gartenhäuschen die Zeit des Nachtmahles abwarten wollte. Wenn man um 2 Uhr Nachmittags 31–32° C. im Schatten hat und die Wärme des Abends auf 22–20° C. sinkt, so empfindet man diesen Unterschied der Temperatur geradezu als Kälte. Auch bei meiner Reise nach Europa im Jahre 1897 hatte ich im rothen Meere durch die Kälte (?!) Beschwerden, obzwar das Thermometer 16° C. zeigte.

Die Soldaten hätten sich also einer ausgezeichneten Gesundheit erfreut, wenn sie nicht den Unbilden — der Liebe zum Opfer gefallen wären.[71]

Aber auch diese Krankheiten beschäftigten mich kaum eine Stunde täglich. Das Schiessen selbst forderte kein einziges Opfer. Keine Kanone war gesprungen und keine Kartätsche hatte Unheil angestiftet. Rothe Fahnen verkündeten den Bewohnern der benachbarten Kampongs die Stunde des Anfanges und des Endes des Schiessens; sie blieben also um diese Zeit ausser Schussweite und ausserhalb des verbotenen Terrains. Ich blieb jedoch nicht gänzlich von chirurgischen Arbeiten verschont. Ein Kanonier schnitt sich eines Tages mit einem Bambus in den Goldfinger der linken Hand. Mit Recht werden von den indischen Aerzten »Bambuswunden« sehr gefürchtet. Sie veranlassen sehr häufig gefährliche Folgekrankheiten, weil ein Stück Bambus nicht so scharf ist, um eine gequetschte Wunde zu vermeiden und weil — nicht, wie man gewöhnlich annimmt, die Ränder mit kleinen Haaren bedeckt sind — sondern weil sich auf ihrer rauhen Oberfläche stets eine Unzahl schädlicher Bacterien befinden. Dieser Kanonier hatte sich an der Schiessstätte, wie gesagt, mit einem scharfen Stück eines Bambusrohres geschnitten; sofort wurde ich telephonisch davon benachrichtigt, und sofort konnte ich die Schnittwunde, welche ziemlich glatte Ränder hatte, antiseptisch behandeln und nähen. Nach 36 Stunden zeigten die Wundränder eine verdächtige Röthe und Spannung. Beim Oeffnen der Wundnähte flossen einige Tropfen Eiter aus; seine Temperatur stieg auf 39°, und bis zum folgenden Morgen war die Eiterung bis zum Handgelenk fortgeschritten (progrediente Phlegmone); als nach abermals 12 Stunden sich am Vorderarme rothe Streifen zeigten, der heftige Schmerz und die hohe Temperatur unverändert blieben, zögerte ich keinen Augenblick mehr, radical einzuschreiten. Ich entfernte die Quelle der Eiterung, und das Leben, der Arm und die Hand waren gerettet.

Hatte ich als Arzt sehr wenig Beschäftigung, so gab das gesellschaftliche und das tägliche Leben noch weniger Zerstreuung. Wir waren im Ganzen vier Officiere, zwei derselben waren verheiratet und hatten ihre Frauen und Kinder bei sich. Wenn des Vormittags die Männer auf der Schiessstätte sich befanden, sass die Frau des Rittmeisters X. in dem rechten Flügel des Officier-Pavillons mit ihrem Söhnchen von vier Jahren in ihrem Zimmer, im linken Flügel beschäftigte sich Frau Y. mit ihrem acht Monate alten Kindchen, und in der Mitte desselben sass ich bei meinen Büchern und las und las, bis ich dessen müde, meinen kleinen Siamang (Hylobates syndactylus[72]) von meinem Bedienten abnahm (an dessen Unterschenkel er stets hing) und vor meinem Zimmer herumlaufen liess. Dieser kleine schelmische Affe hielt sich an keine Stunde des Empfanges oder der Visite, sondern lief dann sofort in das Zimmer des Rittmeisters X. und war dem kleinen Wilhelm ein stets willkommener Spielkamerad. Diese zwei neckten sich, balgten sich im Hofraum oft Stunden lang herum, und der ärgste Hypochonder hätte sich an dem Spiel dieser zwei guten Freunde ergötzen müssen. Ich aber sass wieder in meinem Zimmer und las wieder und las wieder. Gegen die Mittagsstunde kamen die Männer nach Hause. Die verheirateten Officiere widmeten sich ihren Vaterpflichten, und ich sass noch immer beim Lesen; denn der dritte Officier, welcher neben meinem Zimmer seine Schlafstätte aufgeschlagen hatte, ging nach Ablauf seines Dienstes ein Bad nehmen, speisen und sein Mittagsschläfchen halten. Gegen 4½ Uhr brach endlich der Zauberbann die Langeweile. Lieutenant P. kam in seiner indischen Haustoilette bei mir seinen Thee trinken, und nachdem wir um 5½ Uhr unser Bad genommen und uns angekleidet hatten, gingen wir spazieren. Wir Beide nahmen den Weg nach rechts, Rittmeister X. mit seiner Frau und seinem Sohne nach links, und Lieutenant Y. erging sich mit seiner Frau, welche ihr erstes Töchterchen auf einer kleinen Matratze trug, auf einem dritten Wege in der erfrischenden kühlen Abendluft. Um 7 Uhr, also zur officiellen Visitenzeit, trafen wir uns in dem Gartenhäuschen, welches vor der Hauptfront des Officier-Pavillons stand, und besprachen den Inhalt der Zeitungen, welche unterdessen angekommen waren. Um 8 Uhr ging Jeder nach seinem Zimmer, um das Nachtmahl zu nehmen, und blieb bis zum nächsten Morgen für Jedermann unsichtbar. Innerhalb der vier Monate, welche wir auf dieser Hochebene zubrachten, kam nur zweimal eine Veränderung in dieses einförmige und langweilige Leben. Einmal kam, wie schon erwähnt wurde, der Regent von Bandong, um das Telephon zu sehen, von dem er Unglaubliches gehört hatte, und das zweite Mal besuchte uns der Commandant der indischen Armee. General Bouwmeester gehörte dem Corps der Artillerie an und interessirte sich für die neuen »Bergkanonen«, welche bei Krupp in Essen gegossen waren. Das erhaltene erste Exemplar zeigte einen sehr grossen Fehler; der Schwerpunkt der Kanone fiel nicht mit dem der Affuite in eine Linie; die Folge davon war, dass beim Abfeuern die ganze Kanone, wenn sie geremmt wurde, nicht nur sich aufstellte, sondern sogar einen Purzelbaum schlug. Der General kam mit dem Chef der Artillerie und mit dem Commandanten der Berg-Artillerie zu uns, um sich persönlich davon zu überzeugen und die Vorschläge des Rittmeisters X. zur Verbesserung dieses Fehlers zu besprechen.[73] Wir hatten also einige Tage grosse Gesellschaft und gemeinsame Tafel (ohne die beiden Damen). Bei dieser Gelegenheit brachte, wie ich späterhin vom Lieutenant P. erfuhr, der Vorsitzende der Commission eine Geldfrage zur Debatte, welche den drei Officieren der Artillerie, aber nicht meiner Person zu Gute kommen sollte.

In Batu Djadjar werden nämlich jährlich die Schiessübungen der Artillerie gehalten, und die Officiere, welche daran theilnehmen, bekommen reglementär 1,50 bis 2 fl. Tagegeld; für unseren Fall könne dieses Gesetz nicht in Anwendung gebracht werden, weil wir als »Commission« mit einem speciellen Auftrage dahin gesendet worden seien; als solche hätten wir Anspruch auf ein Tagegeld von 6 fl. Diese Angelegenheit hatte Rittmeister X. dem Armee-Commandanten zur Unterstützung vorgelegt, und zwar nur im Interesse der drei Artillerie-Officiere. Der General Bouwmeester stimmte der ausgesprochenen Ansicht bei und versprach, die betreffende »Reclamation« zu unterstützen, obwohl er fürchtete, dass bei dem herrschenden System, so viel als möglich der Sparsamkeit zu huldigen, die Aussichten auf einen günstigen Erfolg nicht sehr gross seien. Als ich von dieser Affaire erfuhr, ärgerte ich mich darüber, dass der Vorsitzende in seinem Memorandum meiner mit keinem Worte gedacht hatte, und machte ihm auch darüber in passender Weise Vorwürfe. Rittmeister X. meinte jedoch, dass er den »Doctor« ausser Betracht gelassen habe, weil dessen Arbeit in beiden Fällen dieselbe sei. Ende März war unsere Arbeit abgelaufen, und ich musste mich wegen eines Gelenkleidens wieder in das Spital zu Weltevreden aufnehmen lassen. Einen Schreiber des Hospitalchefs ersuchte ich, die »Declaratie« meiner Reise und meines Aufenthaltes in Batu Djadjar anzufertigen, und theilte ihm die diesbezügliche Debatte mit dem Rittmeister X. mit. Er warf einen Blick in meine Marschordre, welche dieser Rechnung beigelegt werden musste, und rief: »Herr Doctor, Sie bekommen 6 fl. pro Tag, also 720 fl. für die vier Monate, welche Sie in Batu Djadjar zugebracht haben; das Wort Commission steht ja darin.« So geschah es auch. Der Zufall wollte es, dass ich an demselben Tage, an dem ich die Anweisung von 720 fl. an die Steuerkasse zu Batavia erhielt, dem Rittmeister X. begegnete. Seine Reclamation hatte keinen Erfolg gehabt, und als er meine Anweisung in der Höhe von 720 fl. erblickte, rief er wüthend aus: »Die Militärärzte sind ja die Schoosshunde der Regierung«, und liess mich stehen.

Ende März 1883 verliess ich Batu Djadjar, und ich habe seit dieser Zeit die Provinz Preanger nur als flüchtiger Tourist besucht, sei es, dass ich mit der Eisenbahn von oder nach Batavia fuhr, sei es — um auf den Ausgangspunkt dieses Capitels zurückzukommen — dass ich eine Erholungsreise in die Gebirge dieser Provinz machte. Auf dieser Reise (im September des Jahres 1888) kam ich per Eisenbahn nur bis Tjandjur.[74] Bei dieser Station macht die grosse Heeresstrasse, welche bei Batu Tulis sich in zwei Arme theilt, in einem grossen Bogen das Ende eines grossen Kreises, und auf ihrem östlichen Halbkreise setzten wir unsere Reise mit einem Dos-à-dos fort. Der Weg führte über den Berg Patjet (1122 Meter hoch), während wir den Berg Beser (1390 Meter hoch) mit seinen dicht bewaldeten Abhängen in allen Nüancen des Grüns zu unserer Rechten liegen sahen; an den Hügel-Gärten Tjipodas und Tjipanas (mit ihren warmen Quellen) zogen wir vorbei, und gegen fünf Uhr Abends erreichten wir das Ziel unserer Reise, den Luftcurort Sindang-Lajà (1082 Meter hoch). Zwölf Tage blieben wir hier und erfrischten unsere durch die Wärme des Nordens Sumatras erschlafften Glieder. Des Morgens hatten wir 10° C., und erst um elf Uhr wagte ich es, in dem grossen Bassin, welches durch eine grosse Pantjoran reines Bergwasser erhielt, ein Bad zu nehmen; in einem dicken Strahl stürzte das Wasser von zwei Meter Höhe herab und war so kalt, dass ich keinen Augenblick diese Douche auf mich fallen lassen konnte. Dieses Bad nahm ich mehr, um dem allgemeinen Gebrauch und der Gewohnheit zu folgen, als einem Bedürfnisse zu entsprechen. Bei einer Temperatur von 10° C. schwitzt man ja nicht, wenn man keine anstrengenden Arbeiten verrichtet. Dieses hat wieder einen sehr günstigen Einfluss auf die Abscheidung der Nieren, und da der schwächende Einfluss der hohen Temperatur auf alle Muskeln sich erstreckt und im Gebirge also fehlt, so ist auch die Blase kräftiger, der Puls wird stärker und voller, die Athmung geschieht in tieferen Zügen, die Beweglichkeit aller Gelenke ist leichter, der Durst wird weniger lästig, der Appetit erhöht, mit einem Worte: Lebenslust tritt an die Stelle der häufig künstlich gepflegten energielosen, manchmal selbst apathischen Lebensweise in den Tropen. Auch wir genossen in vollen Zügen die frische, kühle, reine Bergluft und machten des Vormittags von 9–12 Uhr Spaziergänge, ohne zu ermüden und ohne von der Tropensonne belästigt zu werden. Dass trotz dieser scheinbar bedeutenden Vorzüge diese Luftcurorte nicht regelmässig von allen Europäern und den reichen Eingeborenen benutzt werden, so wie z. B. die Bewohner der grossen Städte Europas jedes Jahr ihren Sommeraufenthalt im Gebirge nehmen, hat vielfache Ursachen. Die wichtigste derselben ist folgende: für die Dauer ist der Aufenthalt im Gebirge in der Regel nicht angenehm und — langweilig. Wenn der Reiz der Neuheit vorüber ist, machen sich eben die Schattenseiten des Gebirgslebens nur zu sehr fühlbar. In erster Reihe machen die grosse Feuchtigkeit der Luft (oft 900‰) und die zahlreichen Regenfälle den Aufenthalt im Gebirge sehr unangenehm; die Schuhe sind jeden Morgen beschimmelt, die Bettwäsche ist feucht und kühl, und wenn man sich zur Ruhe begiebt, bekommt man davon oft ein leichtes Frösteln. Die Häuser müssen aus Holz gebaut sein, sonst ist das unterste Viertel der Mauern mit braunen Flecken und grünem Schimmel bedeckt, und erst gegen neun Uhr wird der Aufenthalt in einem solchen Gebäude erträglich, d. h. wenn (in der trockenen Zeit) die Sonne, nicht behindert durch eine grössere oder kleinere Wolkenschicht, durch ihre belebenden und erwärmenden Strahlen die kühle und feuchte, oft nach Schimmel riechende Luft aus den steinernen Häusern verdrängt hat. Menschen mit Affectionen der Lungen und des Darmes befinden sich im Gebirge nicht wohl und eilen daher, wenn sie wegen Malaria Erholung ihres geschwächten Organismus im Gebirge gesucht hatten, sobald als möglich in minder hoch gelegene Orte, welche, wie z. B. Djocja, minder kalt sind und durch ihr »gleichmässig warmes Klima« den geschwächten Lungen und Därmen zuträglicher und auch angenehmer sind.

In Sindanglaya bestand, wie in Sukabumi, das Sanatorium aus zwei räumlich von einander geschiedenen Theilen; der Pavillon für die Patienten 1. Classe bestand aus einem grossen hölzernen Gebäude und einigen kleineren für ganze Familien. Ein zweiter grosser Pavillon diente zur Schlafstätte für Soldaten (3. Classe), und ein kleinerer war für Unterofficiere (2. Classe) eingerichtet, welche je ein kleines Zimmerchen erhielten. In allen Gebäuden wurde Table d’hôte gehalten, wie überhaupt in allen Hotels Indiens beinahe niemals[75] à la carte gegessen wird. Die vorgesetzten Speisen waren gut bereitet und unterschieden sich nur wenig von den üblichen Menus in Europa; schon damals wurden nämlich im Gebirge zahlreiche europäische Grünzeuge mit Erfolg gepflanzt, und seit Vollendung der Eisenbahn im Jahre 1892 werden auch alle Städte der Küste reichlich mit Erdbeeren, Kraut, Salat, Rüben, rothen Rüben, Endivien, Schwarzwurzeln, Pfirsichen, Petersilie, Sellerie[76] und Erdäpfeln versehen. Die Preise derselben sind nicht besonders hoch. Im Jahre 1881 befand ich mich in Mittel-Java (in Ngawie) in Garnison; diese kleine Stadt war 9 km von der nächsten Eisenbahnstation entfernt. In der Nähe, und zwar auf dem Berge Tosari in der Provinz Pasaruan lebte ein deutscher Gärtner, welcher sich mit dem Anbau der europäischen Grünzeuge beschäftigte. Nach dem üblichen Gebrauch abonnirte ich mich bei ihm auf eine regelmässige Zusendung von europäischem Gemüse. Ich erhielt jede Woche einen grossen Korb, welcher jedoch für zwei Personen zu viel enthielt; ich theilte den Inhalt also mit einem Lieutenant, und Jeder von uns bezahlte pro Monat 4 fl. 80 Ct. = 8 Mark. In einer anderen Garnison kam regelmässig jede Woche einmal ein Hausirer mit Erdbeeren zu uns und verlangte für ein Körbchen mit 75 Stück 25 Cents = 42 Pf. Ihr Geschmack war derselbe als der in Europa; sie hatten die Grösse von der europäischen Walderdbeere. Auch alle übrigen angeführten Grünzeuge unterschieden sich gar nicht von jenen, welche in Europa gepflanzt werden; nur die Pfirsichen sind weniger saftreich und die Weintrauben sind ungeniessbar. In Grissé (bei Surabaya) habe ich sie zum ersten und zum letzten Male in Indien im Jahre 1877 wachsen gesehen. Hin und wieder bekommt man Weintrauben zu kaufen; sie stammen von Australien, haben eine dicke Schale und ihr Geschmack ist nicht angenehm. Auch Aepfel werden von diesem Welttheil auf Java importirt, ohne jedoch einem europäischen Apfel an Saft und Schmackhaftigkeit nahe zu kommen. Seit einigen Jahren besitzen die neuen Schiffe Kühlräume, wie z. B. der vor zwei Monaten in Rotterdam erbaute Dampfer. Vielleicht wird es diesem möglich sein, Aepfel und Birnen nach Indien zu bringen, obschon für den Importartikel »europäische Früchte« in Indien gar kein Bedürfniss besteht. Diese könnten höchstens den Beweis bringen, was manchmal noch bezweifelt wird, dass die indischen Früchte in jeder Hinsicht hoch über den in Europa gepflanzten stehen.

Fig. 9. Eine malayische Njai (= Haushälterin) in einfacher Haustoilette.

Unser Nachbar im Hotel war Mr. A., ein Advocaat, dessen Mutter und Vater keine Vollbluteuropäer waren; die Mutter Beider war eine javanische Frau gewesen; er gehörte also zu der Rasse Sinju, sowie jede Frau, welche, sei es auch im zweiten oder dritten Geschlecht, das Blut eines Eingeborenen in sich hat, Nonna genannt wird, während seit kurzer Zeit der Name Creole für die Europäer gebraucht wird, welche in Indien von europäischen Eltern geboren werden. Ich muss betonen, dass beinahe immer nur von einem europäischen Vater und von einer eingeborenen Mutter die Sinjus und Nonna abstammen, und dass der umgekehrte Fall, dass nämlich ein Eingeborener eine europäische Frau geheiratet hätte, zu selten vorkommt, um ihre Kinder in eine bestimmte Classe oder unter einen gemeinsamen Namen zu classificiren. Wahrscheinlich würden sie officiell zu den Eingeborenen gerechnet werden. Der einzige mir bekannte Fall einer solchen Ehe blieb kinderlos. Er war der Sohn eines angesehenen Fürsten von Djocja und ging als Knabe mit einem Pastor nach Europa. Hier genoss er in der Familie dieses protestantischen Predigers eine sorgfältige Erziehung und wurde Ingenieur. Schon frühzeitig erwachte in ihm die Neigung zu der Tochter seines Pflegevaters, welche mehr als schwesterliche Gefühle für ihn hegte. Ich will den Inhalt des Romanes, in welchem Ismangong und seine Frau die Heldenrollen spielen, ganz ausser Betracht lassen und mich nur an das Thatsächliche halten, welches ich von meinem Freunde Ismangong erfahren habe. Er fühlte für die Tochter des Pastors van Steeden eine innige und aufrichtige Liebe und — war Mohamedaner; diese war in gleicher Liebe ihm zugethan und war — Protestantin. Weder Ismangong noch seine Braut wollten ihrem Glauben untreu werden; ihm drohte der Fluch seiner kaiserlichen Familie, ihr machten die diversen Tanten und Nichten die Hölle heiss und zeigten die Schreckensbilder der Polygamie in fürchterlichen Farben. Die Liebe siegte aber über alle Bedenken, und als glückliches Ehepaar zogen sie nach Java. In Batavia bewarb er sich als Ingenieur vom Fach um eine Anstellung in Staatsdiensten. Beamter zu werden, ist ja für die Söhne aller Häuptlinge das Endziel aller Wünsche, und gerne dienen sie viele Jahre lang als Magang = Volontär in den diversen Bureaux, um endlich Schreiber mit einem monatlichen Gehalt von 30 fl. und zum Tragen eines Pajongs berechtigt zu werden. Mein Freund Ismangong konnte, als Verwandter der kaiserlichen Familie von Djocja, unmöglich Privat-Ingenieur werden, und als Abtrünniger angewiesen auf den Erwerb durch sein technisches Wissen bat er um eine Stellung beim Ministerium der öffentlichen Bauten. Dieses Gesuch kam der indischen Regierung jedoch sehr ungelegen. Ein Javane sollte mit europäischen Collegen gleichberechtigt die Stufenleiter der hohen Beamten besteigen, um nach zwei oder drei Jahrzehnten an die Spitze des technischen Departements gestellt werden zu müssen!! Damit wären ja zu viel Inconvenienzen verbunden gewesen! Sie ernannte ihn also zum Adjunct-Inspecteur für die Unterrichts-Anstalten der Eingeborenen. (Volksschulen, Lehrer-Seminar und Bürgerschulen für die Söhne von Häuptlingen.) In dieser Eigenschaft lernte ich ihn im Jahre 1892 in Magelang kennen. Seine Frau war ein Jahr nach ihrer Ankunft in Java an Lungentuberculose gestorben, und die böse Welt behauptete, sie sei vergiftet worden. Ismangong war ein gebildeter Mann und trug ganz das Gepräge eines javanischen Fürsten; gelassen und gemessen im Gespräche und in seinen Bewegungen imponirte er durch sein allgemeines Wissen, durch seine Bescheidenheit und durch sein liebenswürdiges und höfliches Benehmen. Seine Zwitterstellung als Mohamedaner und »europäischer Beamter« gab nach seinem Tode unerwartete Schwierigkeiten. Sollte er als Mohamedaner nach islamitischem Ritus begraben werden, oder sollte sein Grab auf dem Friedhofe der Europäer sich befinden?

Nach dem Tode seiner ersten Frau hatte er eine Prinzessin von Djocja geheiratet, welche mit dem Regenten von Magelang verwandt war. Dieser veranlasste den Residenten, ein mohamedanisches Begräbniss anzuordnen. Als jedoch das Testament eröffnet wurde, in welchem der Bruder seiner ersten Frau zum Testamentsvollstrecker ernannt wurde, ordnete dieser ein europäisches Begräbniss auf dem Kirchhofe der Europäer an, und der Resident musste seinen gegentheiligen Erlass zurückziehen. Ismangong war ein Ehrenmann, der mit Tact und würdevollem Auftreten die Schwierigkeiten seiner Zwitterstellung überwand. Requiescat in pace.

Leider hatten wir in Sindanglaya auch eine Nachbarin, welche quasi als Pendant zu dieser gesetzlichen Ehe einer europäischen Frau mit einem Eingeborenen den Beweis brachte, dass Gott Amor keine Standes- und keine Rassenunterschiede kenne.

Den Abend vor unserer Abreise sass ich um 12 Uhr Nachts in der Veranda des Hotels. Alle übrigen Gäste hatten sich in ihre Zimmer zurückgezogen, die Lampen waren gelöscht, und in majestätische Ruhe war alles gehüllt. Da klang plötzlich eine scharfe und nicht angenehme Stimme aus dem Hintergrunde eines kleinen Pavillons in der bekannten sentimentalen Arie der indischen Pantons:

Djerok whangie, Blimbing Djapara,

Djangan nangis muka njang kentara.

(Duftende Citrone, Blimbing von Japara,

Weine nicht — Deine Züge würden entstellt.)

Es war eine unglücklich Liebende, welche ihr Leid den Lüften klagte, denn die zweite Zeile hätte im anderen Falle von dem Manne gesungen werden müssen. Obwohl der Mond beinahe mit Tageshelle den Garten beleuchtete, sah ich keine sterbliche Seele in dem Gartenhäuschen, aus welchem die Stimme deutlich zu meinen Ohren drang:

Burung Kakatuwah

Terbáng di djandélla

(Der Vogel Kakadu

Fliegt gegen das Fenster)

sprach sie hierauf mit ängstlicher Stimme, und die Silbe délla liess sie in einem gedehnten Seufzer ausklingen, und noch immer folgte keine Antwort; mit wehmüthiger Stimme endigte sie endlich den Panton:

Nonna suda tuwa,

Gigi tingal duwa.

(Die Jungfrau, sie ist alt,

Es blieben ihr der Zähne (nur) zwei.)

Zu gleicher Zeit näherte sich zu meiner Rechten ein Mann in Spitalkleidern; es war ein eingeborener Soldat und nur mit einem blauen Sarong bekleidet.

Tanam melatti di tanah miering,

Di sînie bau — di sâna bau

(Pflanze die Melatti auf den Abhang (des Berges),

Dahin dringt der Duft, dorthin dringt der Duft)

sang dieser Soldat so laut, dass sofort mit fröhlicher Stimme aus dem Strauche die Antwort erfolgte:

Ini tuwan, topi jang miering,

Di sîni mau — di sâna mau.

(Jener Herr, sein Hut sitzt schief,

Dahin will er — dorthin will er.)

Unser Leander antwortete mit fester Stimme:

Deri mâna dâtangja tschinta

(Woher kommt die Liebe)

und eine ausgelassene frohe Stimme antwortete:

Deri mâtá turun di hâti.

(Aus dem Aug steigt sie zum Herzen [wörtlich: Leber].[77])

Jetzt sah ich in dem Gartenhäuschen von der Bank die Gestalt der Frau Hauptmann X. sich erheben und ihrem Geliebten entgegeneilen, und während sie ihren schönen blanken Arm um den braunen, nackten Hals des Marssohnes schlang, flüsterte sie in neckischem Tone:

Deri mana datang — ja linta

(Woher kommt der Blutegel)

und siegesbewusst antwortete er mit der Gegenfrage:

Deri mana datang — ja tschinta

und während sie lispelte:

Deri sawah turun di Kali

(Von dem Reisfelde steigt er zum Flusse hinab)

brummte er zwei Mal:

Deri mâta turun die hati.

Diese pflichtvergessene Frau hatte ihren Mann verlassen, als seine Ordonnanz, ein eingeborener Soldat, zur Erholung seiner durch Fieber geschwächten Gesundheit nach Sindanglaya gesendet wurde. Ein anonymer Brief verständigte einige Tage später den Hauptmann von dem Asyl seiner Frau und von der Gesellschaft, in welcher sie die nächtlichen Stunden verbrachte. Da sie bei ihrer Flucht nicht nur den Rest seines Gehaltes mitgenommen, sondern auch die Compagnie-Kasse beraubt hatte, welche er ersetzen musste, erstattete er die Anzeige gegen Beide. Unser brauner Leander konnte seine Unschuld an dem Diebstahl seiner Geliebten beweisen; er blieb straflos und behielt — seine Geliebte; sie zog zu ihm in die Caserne!!

Wie ich schon andeutete, sind dieses sehr vereinzelte Fälle und bestätigen die Regel, dass die europäische Frau für den Javanen zu hoch steht, um seine Frau oder seine Geliebte zu werden. Umgekehrt sieht man häufig europäische Beamte mit eingeborenen Frauen eine Ehe schliessen, nachdem die malayische, chinesische oder javanische Frau als Njai (= Haushälterin) ([Fig. 9]) ihrem Herrn ein oder mehrere Kinder geschenkt hat. Der Officier darf, so lange er im Dienste ist, »die Mutter seiner Kinder« nicht heiraten; aber es giebt zahlreiche pensionirte Officiere, welche mit dem Dienstrocke auch diese Art von Standesehre ablegen und ihren Kindern durch eine Heirat mit ihrer Mutter officiell und gesetzlich den eigenen Namen geben. Diese Sinjus und Nonnas tragen den Stempel ihrer Abstammung stets in ihrem Angesicht; die Gesellschaft tolerirt sie aber, sobald sie eine hinreichende Bildung erworben haben; wenn sie jedoch, was vor 20 Jahren noch häufig geschah, kaum lesen oder schreiben konnten und nur mangelhaft der holländischen Sprache mächtig waren, dann allerdings müssen sehr günstige Verhältnisse herrschen, um ihnen den Salon der Europäer zu öffnen. In den letzten Jahren ist jedoch ihr Bildungsniveau bedeutend gestiegen, und sie bekleiden oft die höchsten Stellen im Staate; nur bleiben sie manchmal mit Recht eine reichliche Quelle von unterdrücktem mitleidigen Lächeln und tolerantem Ertragen einiger Eigenthümlichkeiten; so z. B. verwechseln sie gern das g mit dem h. Eine solche halbeuropäische Hauptmannsfrau rief mir eines Tages zu: »Sehen Sie, Herr Doctor, hier kommt mein Hans«; nirgends sah ich einen grossen oder kleinen Hans; aber eine dicke fette Gans kam angewackelt.

Noch komischer war folgender lapsus linguae. In grosser Gesellschaft wurde von der grossen Summe Geldes gesprochen, welche der langjährige Guerillakrieg in Atjeh gekostet hatte, und plötzlich rief eine Nonna mit lauter Stimme: »Mein Gott, wo sind die Helden Atjehs geblieben?« Sie wollte Geld(en) sagen, und ein schallendes Gelächter brachte diese Dame so in Verlegenheit, dass sie entrüstet den Saal verliess. Ein Officier hatte das Unglück, im Tanzsaale auf die Schleppe einer Nonna zu treten und bat um Pardon. Diese Dame drehte sich aber entrüstet gegen diesen Schlemihl und sprach das seither geflügelte Wort: »Was, Gott verdamm, erst Sie reissen mein Rock in Stücke und dann Sie rufen Gott verdamm, Sie Kurang adjar (M. = Lümmel).« Diese Typen der indischen Gesellschaft sterben aus; wenigstens in den besseren Ständen werden nur ausnahmsweise Frauen gefunden, welche der holländischen Sprache nicht vollkommen mächtig sind.

Auf der Insel Java[78] hat nämlich das Unterrichtswesen einen solchen Aufschwung in den letzten dreissig Jahren genommen, dass nur selten Jemand für die Dauer seine Kinder den Besuch einer Schule entbehren lassen muss, und wenn man solchen ungebildeten Frauen oder Männern in den niederen Ständen begegnet, sind diese meistens von abgelegenen Inseln abstammend, wo sich nicht überall öffentliche Schulen befinden, und die Eltern waren pecuniär nicht in der Lage, durch eine Gouvernante u. s. w. ihren Kindern einen Ersatz für den Mangel einer Schule bieten zu können.

Die Stellung der half-cast ist im Staate vollkommen gleichberechtigt mit der der Vollblut-Europäer, und gesellschaftlich ist sie nur von der Individualität des Einzelnen abhängig.

Ein Herr de L. in Batavia war dreimal verheiratet und hatte nebstdem zwei »Vorkinder« von einer früheren Haushälterin. Seine Frauen waren eine Europäerin, eine Nonna und eine Chinesin, d. h. eine Frau, welche die Tochter eines Chinesen und einer malayischen Frau war. Von jeder dieser Frauen hatte er Kinder, und diese vertrugen sich nicht nur untereinander sehr gut, sondern hatten auch die zwei »Vorkinder« in ihren Freundschaftskreis aufgenommen. Die Kinder gaben ein gutes und deutliches Mosaikbild der Ethnographie Javas. Herr de L. war — ein Jude.[79]

Ich kann diese kleinen Skizzen über die Mischrassen auf Java nicht beendigen, ohne auch deren geistige Eigenschaften mit einigen Worten beschrieben zu haben.[80] Gewöhnlich wird behauptet, dass die Sinjus und Nonnas nur die Fehler, aber nicht die guten Eigenschaften beider Rassen in sich vereinigen. Dies ist ganz unrichtig. Wenn ich nur von zwei meiner Bekannten, welche mir momentan vor Augen schweben, den Charakter unter das Secirmesser der Kritik bringe, so zeigt sich diese Behauptung in ihrer ganzen Nacktheit. Der Eine ist ein Sinju und war im Jahre 1891 Assistent-Resident zu T. — Er war ein intelligenter Mann, ein eifriger Beamter und jeder Zoll ein Ehrenmann. Die Zweite war eine Nonna und die Frau eines Stabsarztes in S. Sie war eine liebenswürdige, gebildete Dame und eine liebevolle solide Gattin, und immer führte ich sie als Beweis an, dass die Nonnas gerade wie ihre europäischen Schwestern der Bildung des Geistes und Herzens zugänglich sind und in gleicher Weise Sinn für das Gute und Schöne haben.


Der Aufenthalt in Sindanglaya bot keine andere Zerstreuung, als den Spaziergang und während des Regens die Lectüre und den Verkehr mit den übrigen Gästen des Hotels. Wenn ich den Mr. A. oben ([Seite 129]) als unsern Nachbar speciell anführte und seine Abstammung von halbeuropäischen Eltern zum Ausgangspunkt einiger Bemerkungen über die Sinjus und Nonnas machte, so hat dies zwei Ursachen. Sein Vater war ein hoher Beamter, und ich hatte im Jahre 1882 so viel Gastfreundschaft von ihm und seiner Frau genossen, dass ich noch heute dafür eine dankbare Erinnerung bewahre. Ich verkehrte also viel mit diesem Nachbar. Nebstdem hatte er so viel dichterischen Schwung in seiner Sprache und bestieg so oft den Pegasus, dass meine Frau, welche damals erst zwei Jahre in Indien war und noch wenige halbeuropäische Männer von grösserer Bildung kennen gelernt hatte, ihre Verwunderung über seine poetische Begabung mir gegenüber äusserte. Es lag in seinen Gedichten, welche wir von ihm erhielten, eine Poesie und eine Gluth der Leidenschaft, welche wir in den Tropen, denen bekanntermaassen die Musen nicht besonders freundschaftlich gesinnt sind, nicht erwartet hätten. Seit einigen Jahren ruht er seinen ewigen Schlaf unter den Palmen, welche er so schön, wie kein Anderer, besungen und gepriesen hat.

Der vierzehntägige Urlaub war beendigt, und die Pflicht rief mich nach Batavia zurück. Ich wählte die kürzere Route, obwohl sie nur mit dem Dos-à-dos, und noch dazu über den 1482 Meter hohen Puntjak zurückgelegt werden konnte; wir mussten selbst von zwei Büffeln unsern kleinen Wagen auf die Spitze des Berges ziehen lassen; aber ein herrliches Panorama entzückte unsere Augen. Hier ruhte unser Blick auf den stolzen Gipfeln des Salak, Pangerango und Gedéh, zu unserer Rechten hatten wir den Berg Lemo (1862 Meter hoch), dort fiel er auf Abhänge, welche mit Sawahfeldern bedeckt waren und in ihrem sanften Grün einen schönen Contrast zu dem dunkelgrünen Walde formten. In der Nähe der Grenze beider Provinzen lag ein Bergsee, Telaga Warna = Farbensee, welcher mit so warmen Worten von dem Kutscher gepriesen wurde, dass wir ausstiegen und den einen Kilometer langen Pfad durchschritten, um dieses Naturwunder besichtigen zu können. Zwei sundanesische Frauen ([Fig. 10] u. [11]) waren unsere Führerinnen. Wir wurden reichlich für diesen kleinen Marsch zu Fuss belohnt. Es war ein ausgebrannter Vulcan, in dem das Regenwasser zu einem See sich angesammelt hatte,[81] der in seiner majestätischen Ruhe eine verborgene und verschollene Welt in sich schloss. Die Trachitwände dieses Kessels sind mit Farrenbäumen, Waringinbäumen und wilden Bananen bedeckt, und der Schatten dieser dunkelgrünen Bäume spiegelt sich in der Fluth und spielt mit dem braunen und grauen Licht des Bodens in einem bunten Farbenkreis, welchen die kleinen Fischchen durch ihren unruhigen Marsch in dem süssen, krystallhellen Wasser immer weiter und weiter ziehen. Nicht das Zwitschern eines bunt gefärbten Vogels, nicht das Zirpen einer Grille, nichts störte die Ruhe dieses alten, ausgestorbenen Vulcans, und beklommen und ängstlich blickte meine Frau hinauf zu dem Rande des Kraters, um nur irgend einen Sonnenstrahl zu erhaschen oder irgend ein lebendes Wesen zu erblicken. Wir Beide waren in dieses Sonderbare, Düstere, Lautlose tief versunken, als plötzlich die Stimme des Kutschers uns dem Zauber dieses grossen Grabes in der herrlichen Tropenvegetation entriss mit der Mahnung, unsere Reise fortzusetzen.

Von nun an ging es immer bergab, bis wir Gadok (487 Meter) erreichten, wo wir den Kreis der Heeresstrasse schlossen; 1 km lag dieser Luftcurort von der Heeresstrasse entfernt, welche, Batu-tulis zur linken Hand passirend, uns wieder nach Buitenzorg brachte.