4. Capitel.

Reise nach Bantam — Malayischer Kutscher — Max Havelaar — Fieberepidemie in der Provinz Bantam — Krankenwärter mit einem Taggeld von 20 fl. (!) — Eine Stute als Reitpferd — Der Königstiger — Javanische Pferde — Elend während einer Fieberepidemie — Auf dem Kreuzwege — Heiden auf Java — Begegnung mit einem Königstiger — Behandlung der Fussgeschwüre durch die Eingeborenen — Drohende Hungersnoth in Bantam — Aussterben der Büffel — Dreimal in Lebensgefahr — Ein ungefährlicher Spaziergang im Regen.

Im October 1880 betrat ich zum zweiten Male den Boden Javas. Aus der Einsiedelei im jungfräulichen Borneo kam ich beinahe unvermittelt ins volle Leben einer Grossstadt, und zwar zunächst für zwei Tage nach Surabaya; dann musste ich mich mit einem Localdampfer der indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft längs der Nordküste via Samarang nach Batavia begeben, wohin ich transferirt worden war. Schon im März desselben Jahres sollte ich den »Garnisonsdienst« in Weltevreden, jener Vorstadt Batavias übernehmen, welche der Sitz der Behörden und der eigentliche Wohnort der Europäer ist. Dr. G. aber, welcher angewiesen wurde, mich in Buntok abzulösen, weigerte sich, dahin zu gehen, und nahm lieber den Abschied aus dem Militärdienste, als Jahre lang auf Borneo leben zu müssen, »hinter welchem überhaupt kein Land mehr sei«, und welches ausser dem Reiz eines jungfräulichen Bodens gar nichts biete, was des Menschen — Herz erfreue. Durch diese Verzögerung musste ich nicht nur ein halbes Jahr länger auf dieser Insel bleiben, sondern fand auch bei meiner Ankunft in Batavia den Garnisonsdienst von einem anderen Collegen besetzt, während ich dem grossen Militär-Spital vorläufig zugetheilt wurde, um in kürzester Zeit wieder die Stätten der europäischen Civilisation verlassen zu müssen und lange fünf Monate im Süden Javas im Dienste des Civil-Departements der Bevölkerung von Labak in ihrer Noth und ihrem Elend Hülfe zu bringen.

Ich werde noch Gelegenheit haben, über Weltevreden und Samarang einiges mitzutheilen, und ich eile, obzwar die chronologische Reihe der Ereignisse unterbrochen werden muss, zu jenem Theil meiner ärztlichen Praxis auf Java, welche mich mitten in das Reich der Tiger, aber auch mitten in das Leben der sundanesischen Bauern brachte, die durch Malaria, Hungersnoth, Viehpest und Missernte auszusterben drohten, wenn nicht die Regierung in energischer Weise und mit fürstlicher Freigebigkeit dem Elend ein Ende gemacht hätte.

Am 11. December 1880 wurde ich von der indischen Regierung in den Dienst der Civilbehörden der Provinz[32] Bantam gestellt.

Einige Tage später zog ich dahin, und zwar in einem kleinen zweiräderigen javanischen Wagen, welcher mit drei kleinen javanischen Pferden bespannt war. Bequem sass ich in diesem Vehikel nicht; es war ein Wagen, der vielleicht in seiner Länge und Breite kaum einen Meter mass, so dass ich mich vorsichtig im Hintergrunde des Wagens an die schmale Lehne drücken musste, um mit meinen Knieen nicht gegen den Sitzplatz des Kutschers reiben zu müssen; nebstdem war es so wenig tief, dass die Kniee ungefähr die Höhe der Brust erreichten; aber wie der Sturmwind flogen wir über den ebenen Weg, der zunächst nach Tangerang führt, wo ein Franzose noch heute jährlich tausend und tausend Strohhüte flechten und nach Frankreich ausführen lässt.

Der Weg ist der westliche Theil jener grossen Heerstrasse, welche im Anfange dieses Jahrhunderts unter der autokraten Regierung des Gouverneur-Generals Daendels über ganz Java in Robottarbeit gebaut wurde.

An der Grenze der beiden Provinzen Batavia und Bantam lagen die beiden Reisunternehmungen Tjikandi-udig und Tjikandi-ilir; die eine gehört einem Amerikaner, während der Eigenthümer von Tjikandi-ilir ein pensionirter Hauptmann und mit einer deutschen Dame verheiratet war. Nur so lange das Umwechseln der Pferde mich aufhielt, weilte ich bei diesem Landherrn, um dann meine Reise nach Serang,[33] der Hauptstadt der Provinz Bantam, fortzusetzen. Hier angekommen, stellte ich mich zunächst dem Residenten, d. h. dem Statthalter der Provinz vor, um seine Befehle über meine Thätigkeit zu vernehmen. Er war ein liebenswürdiger alter Herr, und es schmeichelte nicht wenig meiner Eitelkeit, als schon den andern Tag mir der Resident einen officiellen Gegenbesuch machte. Ich wohnte im Hôtel, und der Resident kam in seiner Equipage bei mir vorgefahren, während der Bediente mit dem Pajong stolz als der Bannerträger des höchsten Mannes der Provinz neben dem Kutscher sass. Der Kutscher war geradezu eine Caricatur eines Menschen zu nennen und glich nicht wenig den Affen, welche bei Circusvorstellungen die Heiterkeit der Zuschauer erregen. Er war blossfüssig, hatte über seine kurze Hose den Toro an, den wir am besten mit einem weiten bunten Hemd vergleichen, und auf dem Kopfe waren die langen Haare in ein buntes Kopftuch gewickelt, auf welchem ein glänzender Cylinder schief nach hinten aufsteigend die Caricatur vollendete. Die Affenähnlichkeit fiel darum auf, weil sie, der Kutscher und der Bediente, der Wichtigkeit ihrer Stellung bewusst, immer einen unverwüstlichen Ernst in ihren Zügen zeigen und niemals ein Lächeln oder eine andere Gemüthsbewegung durch ihre Züge verrathen lassen. Auch der Bediente war blossfüssig, er hatte aber eine lange Hose und einen Frack mit kurzen Schössen und ein Kopftuch an. Die Kleider waren dunkelblau mit hochgelben Streifen — er gehörte nämlich der Polizei an — weswegen diese Leute Kanarienvögel genannt werden. Der Pajong war ein gewöhnlich grosser chinesischer Sonnenschirm von goldgelber Farbe; wie wir später sehen werden, ist mit dem Range eines jeden europäischen oder eingeborenen Beamten der Gebrauch eines Pajong von bestimmter Farbe verbunden. Mit grosser Behendigkeit sprang der Bediente vom Bock des Wagens und geleitete den Residenten mit dem geöffneten Pajong bis an den Eingang der Veranda, worauf er ihn schloss und sich auf den Boden mit gekreuzten Füssen niedersetzte. Nur eine Viertelstunde blieb der Resident bei mir, um dann die anderen Visiten fortzusetzen. Am andern Morgen kam Dr. J. an, welcher als Inspector von dem »burgerlyk geneeskundige Dienst« beauftragt war, die Oberleitung des aussergewöhnlichen ärztlichen Dienstes zu übernehmen und uns drei jungen Aerzten die Standplätze u. s. w. anzuweisen. In Serang selbst befand sich nämlich auch ein Landes-Sanitätschef in der Person des Regimentsarztes X., welcher nicht nur für die dortigen 100 Mann, sondern auch für die Civilbevölkerung den ärztlichen Dienst mit Hülfe seines Oberarztes, Vieharztes und einigen Doctor-djavas versehen sollte. Da diesem Regimentsarzte die Gabe der Initiative durchaus fehlte, sah sich die Regierung genöthigt, einen anderen Arzt mit der Leitung des civilärztlichen Dienstes zu betrauen und wählte dazu den genannten erfahrenen Civilarzt, der mit Hülfe dreier junger Aerzte die schwer heimgesuchte Bevölkerung von Bantam vor dem gewissen Aussterben zu retten suchen sollte.

Mir wurde der Bezirk Lebak angewiesen. Das Wort Lebak wird wohl niemals ausgesprochen werden, ohne dabei an den grossen Dichter Douwes Dekker zu denken, welcher in Lebak den Grund zu seinem späteren Ruhme gelegt hat. Da dieser Dichter und sein Hauptwerk »Max Havelaar« in Deutschland viel zu wenig bekannt sind und beinahe gar nicht gewürdigt werden, obwohl bei dem Erscheinen dieses Tendenzromanes »ein Beben« durch ganz Holland ging, so glaube ich einige Worte über ihn verlieren zu müssen. Wie »Onkel Toms Hütte« nicht nur das ganze Elend des amerikanischen Sclavenlebens dem verblüfften Europa enthüllte, sondern auch eine gründliche Reform dieses Krebsschadens veranlasste, so zeigte Douwes Dekker in seinem »Max Havelaar« die ganze Hinfälligkeit der holländischen Colonialpolitik bis zum Jahre 1860, welche in der Weisheit des alten Principes: »divide et impera« und »Wer nicht stark ist, muss gescheit (»slim«) sein«[34] gipfelte, und brach ihre Fesseln in so radicaler Weise, dass Java heute eine blühende und glückliche Colonie geworden ist. Die Reformen, welche dieser Dichter für das schöne »Insulinde« forderte, deutete er in seiner Ansprache an die Häuptlinge seines Districtes an, und da diese Rede ein Meisterstück der holländischen Literatur ist, so will ich sie hier wörtlich übersetzt mittheilen:

»Herr Rhaden Adhipatti, Regent von Bantam Kidul und Du, Rhaden Dhemang, die Ihr die Häupter seid der Districte in diesem Bezirke, und Du, Rhaden Djaksa, der Du das Recht zu Deinem Amte hast, und auch Du, Rhaden Kliwon, der Du den Befehl führst über die Hauptstadt, und Ihr, Rhaden Mantries, und Ihr Alle, welche Ihr Häuptlinge seid im Bezirke Bantam Kidul, seid gegrüsst.

Ich sage Euch, dass mein Herz von Freude erfüllt ist, da ich Euch hier versammelt sehe, lauschend nach den Worten meines Mundes.

Ich weiss, dass es unter Euch viele giebt, welche durch grosses Wissen und Herzensgüte hervorragen; ich hoffe, dass ich mein Wissen durch das Eure vermehren werde; denn mein Wissen ist nicht so gross, als ich es zu besitzen wünschte. Ich schätze die Herzensgüte; aber oft fühle ich es, dass in meinem Herzen Fehler sind, welche die Bravheit überwuchern und ihr Wachsthum hemmen ... Ihr alle wisst ja, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und tödtet. Darum werde ich Jenen unter Euch folgen, welche in Tugend hervorragen, um besser zu werden als ich bin.

Ich grüsse Euch!

Als der Gouverneur-General mir befahl, zu Euch zu gehen, um Assistent-Resident dieser Bezirke zu sein, war mein Herz erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals vorher Bantam Kidul betreten habe. Ich liess mir also Schriften geben, welche über Euren Bezirk schrieben, und ich habe gesehen, dass viel Gutes in Bantam Kidul gefunden wird. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es stehen Reisfelder auf den Bergen; Ihr wünscht friedfertig zu leben, und Ihr habt kein Verlangen nach Ländern, welche von Andern bewohnt werden. Ja, ich weiss, dass viel Gutes in Bantam Kidul gefunden wird.

Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut; denn auch in anderen Theilen des Landes würde ich viel Gutes gefunden haben.

Aber ich sah, dass Eure Bevölkerung arm ist, und darüber war ich erfreut in der Tiefe meines Herzens.

Denn ich weiss, dass Allah den Armen liebt, und dass er Reichthum dem giebt, den er versuchen will. Aber zu den Armen sendet er, der sein Wort spricht, auf dass sie sich in ihrem Elend erheben.

Giebt er nicht den Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Thautropfen in den Blumenkelch, der Durst hat?

Und ist es nicht schön, gesendet zu werden, um die Müden zu suchen, welche nach der Arbeit zurückblieben und niederfallen auf dem Wege, weil ihre Kniee zu schwach waren, um nach dem Orte des Lohnes zu ziehen? Sollte ich nicht erfreut sein, die Hand reichen zu können dem, der in die Grube gefallen, und einen Stab zu geben dem, der den Berg besteigt! Sollte nicht mein Herz sich freuen, dass es auserkoren unter vielen ist, um aus Klagen ein Gebet, und Dank aus Jammer zu machen!

Ja, ich bin sehr erfreut, berufen zu sein nach Bantam Kidul!

Ich habe zu der Frau gesagt, welche meine Sorgen theilt und mein Glück vergrössert: freue dich, denn ich sehe, dass Allah Segen auf das Haupt unseres Kindes giebt. Er hat mich hierher gesendet, wo nicht alle Arbeit beendigt ist, und er hielt mich würdig hier zu sein vor der Zeit der Ernte. Denn es ist keine Freude, Padie (Reishalm) zu schneiden; aber Freude schafft es, Reis zu schneiden, den man gepflanzt hat; und die Seele des Menschen wächst nicht mit dem Lohne, sondern mit dem Lohne, den die Arbeit erworben. Und ich sagte zu ihr: Allah hat uns einen Sohn gegeben, der einstens sagen wird: »Wisset, dass ich sein Sohn bin,« und dann werden Menschen sein, die ihn mit Liebe grüssen, die Hand auf sein Haupt legen und sagen werden: »Setze dich an unseren Tisch, bewohne unser Haus, nimm von allem, was wir haben, denn wir haben deinen Vater gekannt!«

Häupter von Lebak! Viel ist zu thun in Eurem Lande! Sagt mir, ist der Bauer nicht arm? Reift Euer Reis nicht oft für Jenen, der ihn nicht gepflanzt hat? Sind nicht viele Ungerechtigkeiten in Eurem Lande? Ist nicht die Zahl Eurer Kinder klein?

Ist nicht Scham in Eurer Seele, wenn die Bewohner von Bandong, das hier im Osten Eures Landes liegt, zu Euch kommen und fragen: Wo sind die Dörfer und wo sind Eure Landesleute? Und warum hören wir die Gamelang nicht, die mit kupfernem Munde Freude verkündet, und warum hören wir nicht Eure Töchter den Reis stampfen?

Thut es nicht wehe, von hier zur Südküste zu reisen und Berge zu sehen, welche kein Wasser tragen auf ihren Flanken, oder Flächen zu sehen, wo nie ein Büffel den Pflug zog?

Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darüber tief betrübt sind, und darum seien wir Allah dankbar, dass er uns die Macht gab, um hier zu wirken und zu schaffen.

Denn wir haben hier Acker für Viele, und nur Wenige leben hier, und nicht der Regen ist’s, der hier mangelt, denn die Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde, und nicht überall sind es Felsen, welche den Wurzeln keinen Raum gönnen, denn auf vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und ruft nach dem Saatkorn, das er uns im gebogenen Halm zurückgeben will. Es ist kein Krieg, der den Reis zertritt, wenn er noch grün ist, und es ist keine Pest, welche die Schaufel ruhen lässt. Auch giebt es keine Sonnenstrahlen, welche heisser sind als es nöthig ist, das Korn reifen zu lassen, welches Euch und Eure Kinder nähren muss, und es ist keine Wassersnoth, welche Euch jammern lässt: Zeig mir das Feld, wo ich gesäet habe.

Wo Allah Wasserströme sendet, welche die Felder mitnehmen, — wo er den Grund hart wie dürren Stein macht, — wo er die Sonne glühen lässt zum Verderben ... wo er Krieg sendet, der das Feld zerstört ... wo er mit Seuchen schlägt, welche die Hände erschlaffen lassen, oder mit Dürre, welche die Aehren tödtet ... da, Häuptlinge von Lebak, beugen wir in Demuth unser Haupt und sagen: Sein Wille geschehe.

Nicht so ist es in Bantam Kidul!

Ich wurde hierher gesendet, um Euer Freund zu sein, um Euer aller Bruder zu sein. Würdet Ihr Euren jungen Bruder nicht warnen, wenn Ihr auf seinen Wegen einen Tiger sehen würdet?

Häupter von Lebak, wir haben oft gefehlt, und unser Land ist arm, weil wir so viel gesündigt.

Denn in Tjikandi, in Bolang, in Krawang und in Batavia sind Viele, die, geboren in unserem Lande, unser Land verlassen haben.

Warum suchen sie Arbeit fern von der Stätte, wo sie ihre Eltern begruben? Warum fliehen sie das Dorf, wo sie die Beschneidung erhielten? Warum lieben sie mehr die Kühle des Baumes, der dort wächst, als den Schatten unserer Haine?

Und dort im Nordwesten der See sind Viele, welche unsere Kinder sein müssten, die jedoch Lebak verlassen haben, um zu schwärmen in fremden Ländern mit Messer, Dolch und Schiessgewehr.

Ich frage Euch, Häuptlinge von Bantam Kidul, warum sind so Viele weggegangen, um nicht begraben zu werden dort, wo sie geboren wurden? Warum fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind zu seinen Füssen spielen sah?«

Hier machte der Assistent-Resident eine Pause und rief seinen kleinen Sohn Max zu sich, welcher um die Pendoppo[35] herum lief und auf diesen Augenblick wartete, unter den Häuptlingen sich bewegen zu dürfen.

Fig. 5. Ein Kampong (Dorf) bei Buitenzorg.

Wuchtige Keulenschläge waren diese Worte ihres neuen Chefs auf das Haupt aller anwesenden Beamten; besonders Rhaden Wiro Kusumo, welcher der Schwiegersohn des Regenten war, schauderte zusammen, als er in den Worten des Assistent-Residenten die Beweise sah, dass der neuernannte Bezirkshauptmann alles bis in die kleinsten Details kannte, das er seinen Untergebenen gegenüber verschuldet hatte. Glücklicherweise brachte der kleine Max in diesem Moment der Verlegenheit eine angenehme Störung. Der Djaksa (Richter) fasste den Kopf des kleinen Max und zeigte seinem Nachbar den zweifachen Haarwirbel auf dem Scheitel, der, wie er später Havelaar mittheilte, die Bestimmung haben sollte, eine Königskrone zu tragen. Max Havelaar jedoch liess sein Söhnlein hinausführen und sprach weiter:

»Häuptlinge von Lebak! Wir stehen alle im Dienste des Königs von Holland. Er aber, der gerecht ist und will, dass wir unsere Pflicht thun, ist weit von hier. Dreissig mal Tausend mal Tausend, ja, noch viel mehr Menschen müssen seinen Befehlen gehorchen; er aber kann nicht bei Jedem sein, der ihm Unterthan ist.

Der grosse Herr (Tuwan Besar) in Buitenzorg ist gerecht und will, dass jeder seine Pflicht thue. So mächtig dieser auch ist, weil er herrscht über Alle, welche in den Städten und Dörfern Amt und Würde haben, und weil er gebietet über die Macht des Heeres und der Flotte, so wenig kann er sehen, wo Unrecht geübt wird; denn das Unrecht fliehet ihn.

Aber auch der Resident zu Serang, welcher Herr der Provinz Bantam ist, wo fünfmalhunderttausend Menschen wohnen, will, dass in seinem Reiche Recht geschehe, und dass Gerechtigkeit herrsche in dem Lande, das ihm gehorcht. Doch wo Unrecht ist, da wohnt er weit entfernt, und wer Böses thut, verbirgt sich vor seinem Antlitz, weil er Strafe fürchtet.

Und der Herr Adhipatti, welcher Regent von Süd-Bantam ist, will, dass jeder lebe, der das Gute übt, und dass keine Schande komme über das Land, das seine Regentschaft ist.

Und ich, der ich gestern Gott den Allmächtigen zum Zeugen anrief, dass ich gerecht und gut sein werde, dass ich Recht ohne Furcht und ohne Hass üben werde, dass ich ein »guter Assistent-Resident« sein werde ... auch ich wünsche zu thun, was meine Pflicht ist.

Häupter von Lebak! Dies wünschen ja wir alle!

Sollten jedoch unter uns Einige sein, welche ihre Pflicht vergessen aus Gewinnsucht, welche das Recht für Geld verkaufen oder dem Armen den Büffel oder die Früchte dem Hungrigen rauben ... wer wird sie bestrafen?

Falls einer von Euch dies wüsste, er würde es verhindern; der Regent würde ja nicht dulden, dass solches in seiner Regentschaft geschehe, und auch ich werde es verhindern; aber — wenn weder Ihr, noch der Adhipatti, noch ich davon etwas wissen ...

Häupter von Lebak! Wer wird dann in Bantam Kidul Recht sprechen?!

Höret, ich will es Euch sagen, wie dann Gerechtigkeit geübt werden wird. Kommen wird der Tag, dass unsere Frauen und Kinder an unseren Särgen weinen werden, und dass, die da vorbeigehen, sagen werden: Ein Mensch ist gestorben; und der da in die Dörfer gehen wird, bringt Nachricht von dem Tode, und sein Wirth fragt dann: Wer war der Mann, der gestorben ist? Und man wird sagen:

Er war gut und gerecht; er sprach Recht und verstiess den Kläger nicht von seiner Thür! Er hörte Jeden geduldig an, der zu ihm kam, und gab ihm zurück, was ihm entnommen war; und wer den Pflug nicht ziehen konnte durch die Erde, weil der Büffel aus dem Stall gestohlen war, dem half er den Büffel suchen; und wo die Tochter aus dem Hause der Mutter geraubt war, suchte er den Dieb und brachte die Tochter zurück; und wo man gearbeitet hatte, hielt er den Lohn nicht zurück; und er raubte die Früchte nicht dem, der sie gepflanzt hatte; er kleidete sich nicht mit dem Rocke, der Andere decken musste, und nährte sich nicht mit der Speise des Armen.

Dann wird man sagen: Allah ist gross, Allah hat ihn zu sich genommen. Sein Wille geschehe: Ein guter Mensch ist gestorben.

Und wiederum geht ein Wanderer zu Einem in’s Haus und fragt: Was ist das, dass die Gamelang schweigt und der Gesang der Mädchen? Und wiederum wird man sagen: Ein Mann ist gestorben.

Und der da wandert in den Dörfern, sitzt bei seinem Gastherrn, und um sie her die Söhne und Töchter des Hauses und er wird sprechen:

Es starb ein Mann, der versprach gerecht zu sein, und er verkaufte das Recht an Jeden, der ihm Geld gab. Er düngte seinen Acker mit dem Schweisse der Arbeiter, die er abgerufen hat von dem Acker der Arbeit. Er verweigerte dem Arbeiter seinen Lohn und nährte sich mit der Speise der Armen. Er ist reich geworden durch die Armuth der Anderen. Er hatte Gold, Silber und Edelsteine in Menge, doch der Bauer, welcher in seiner Nachbarschaft wohnte, konnte den Hunger seines Kindes nicht stillen. Er lächelte wie der Glückliche, aber man hörte das Knirschen der Zähne von dem Kläger, der sein Recht suchte. In seinem Gesicht strahlte die Zufriedenheit, aber leer war die Brust der Mutter, welche säugte.

Dann werden die Bewohner der Dörfer rufen: Allah ist gross; wir fluchen Niemandem!

Häupter von Lebak! Einmal sterben wir Alle!

Was wird in den Dörfern gesprochen werden, wo wir herrschten? Und was von den Wanderern, welche unser Begräbniss sehen werden?

Was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode die Stimme zu unserer Seele spricht und fragt: Warum ist Klagen und Weinen auf den Feldern, und warum verbergen sich die jungen Männer? Wer nahm die Ernte aus den Scheuern und wer aus den Ställen die Büffel, welche pflügen sollten? Was hast Du gethan mit dem Bruder, den ich Dir anvertraute? Warum ist der Arme traurig, und warum flucht er der Fruchtbarkeit seiner Frau?«

Hier machte Havelaar eine kleine Pause und schloss folgendermaassen:

»Ich wünschte sehr mit Euch in gutem Einverständniss zu leben, und darum bitte ich Euch, in mir Euern Freund zu sehen. Wer gefehlt hat, kann auf ein leichtes Urtheil meinerseits rechnen, denn, da auch ich so manchmal fehle, so werde ich nicht streng sein, wenigstens nicht in den gewöhnlichen Fehlern und Nachlässigkeiten im Dienste. Nur wo Nachlässigkeit zur zweiten Natur wird, dort werde ich entgegentreten. Ueber Fehler grober Art, wie Unterdrücken und Aussaugen der Menschen — spreche ich nicht. So was wird nicht vorkommen; nicht wahr, mein Herr Adhipatti?«

»O nein, mein Herr Assistent-Resident, so was wird in Lebak nicht vorkommen.«

»Nun, meine Herren Häupter von Bantam Kidul, lasst uns erfreut sein, dass unser Bezirk so vernachlässigt und so arm ist. Wir haben ein schönes Ziel. Wenn Allah uns am Leben erhält, werden wir sorgen, dass Wohlfahrt in’s Land komme. Der Boden ist fruchtbar und die Bevölkerung ist gehorsam. Wenn ein Jeder in dem Genuss der Frucht seiner Arbeit gelassen wird, besteht kein Zweifel, dass in kurzer Zeit die Bevölkerung zunehmen wird, sowohl an Seelenzahl, als an Besitz und Bildung; denn diese gehen meistens Hand in Hand. Ich bitte Euch nochmals, in mir einen Freund zu sehen, der Euch helfen wird, wo er kann, besonders wo Unrecht bekämpft werden muss. Mit diesem empfehle ich auch mich Eurer Mithülfe.

Die erhaltenen Rapporte über Landbau, Viehzucht, Polizei und Rechtspflege werde ich mit meinen Anmerkungen versehen ehestens zurückschicken.

Häupter von Lebak. Ich habe gesprochen. Ihr könnt zurückkehren, ein Jeder nach seiner Wohnung. Seid nochmals gegrüsst.«


Diese Rede, welche Douwes Dekker[36] im Januar 1856 in Rankas Betong in der Versammlung der Häuptlinge Lebaks hielt, war einerseits der Anfang seines physischen und seelischen Leidens, andererseits der Trompetenstoss, welcher Holland aus seiner Lethargie riss und den Javanen — Menschenrechte gab, gerade wie das Buch »Onkel Toms Hütte« die Kette der amerikanischen Sklaven gebrochen hat.

Aber auch im Jahre 1881 war das Elend gross in Bantam, und wieder war es die Schuld der höchsten Beamten, dass das Elend eine so grosse Ausbreitung genommen hat. Wie vor 25 Jahren der Resident von Bantam dem Streben des Assistent-Residenten Douwes Dekker, den Erpressungen und Räubereien der Häuptlinge von Lebak ein Ende zu machen, keine Stütze verleihen wollte und konnte, weil er selbst (der Resident) bis auf das Eingreifen dieses neuen Assistent-Residenten die Regierung über diese traurigen Zustände in Unwissenheit liess, so hat im Jahre 1881 der Resident X. geschwiegen, als schon hunderte und tausende von Menschen der Malaria zum Opfer gefallen, und tausende von Büffeln der Viehpest erlegen waren. Erst als Dr. A..... eine Inspectionsreise nach Lebak unternahm und einen ausführlichen Rapport darüber an die Regierung einreichte, erst dann erfuhr die Regierung das Elend, welches in Bantam herrschte, und die Gefahren, welche der Provinz Bantam drohten. Rasche und energische Hülfe that Noth. Zur Ehre der indischen Regierung muss ich jedoch mittheilen, dass »der grosse Moment ein grosses Geschlecht fand«. Ja, noch mehr; die Regierung that des Guten zu viel. Sie schickte nicht nur vier Aerzte dahin, sondern miethete eine Reihe von Krankenwärtern mit einem Gehalt von 20 fl. per Tag!!! Diese sollten die Anweisungen der Aerzte ausführen, sowohl was die Behandlung der Unglücklichen als auch die Verpflegung derselben betraf; für die vom Hungertyphus heimgesuchten Bewohner Bantams wurden auf mein Ersuchen Eier, Büchsen mit condensirter Milch, Dendeng (getrocknetes Fleisch) und lebendes Schlachtvieh mir gesendet, welches die Krankenwärter zugleich mit den hunderttausenden Chininpillen vertheilen sollten.


Mir wurde also, wie erwähnt, der Süden der Provinz angewiesen, mit Hülfe von vier Krankenwärtern von Kampong zu Kampong zu ziehen, die Zahl der Kranken aufzunehmen, die Art der Erkrankung zu diagnosticiren und bei jedem Patienten die Behandlungsweise dem Krankenwärter mitzutheilen, welche ohne Zwang, jedoch mit Ueberredung für das Einnehmen der Medicamente sorgen und dort, wo Mangel an Speise und Trank es forderte, die erhaltenen Lebensmittel vertheilen sollten.

Serang ist eine Provinzialhauptstadt von untergeordneter Bedeutung. Von den Gebäuden mögen höchstens die Häuser des Residenten und des Regenten durch ihre Grösse die Aufmerksamkeit der Touristen erregen, während Bantam-lama (das alte Bantam), die alte Sultanstadt, seit 1808 verlassen, grosse und schöne Denkmäler der alten Baukunst und der alten Grösse dieses Reiches aufzuweisen hat. Besonders die (renovirte) Sultansmoschee mit den Gräbern der Bantamschen Sultane und das Mausoleum des Pangeran Hassa-Udin verdienen die Aufmerksamkeit der Alterthumsforscher. Sie liegt an dem Meerbusen von Bantam und kann daher bequem zur See mit einem Dampfer der indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft erreicht werden. Uebrigens ist die alte Sultanstadt mit Serang durch einen guten Landweg verbunden und mit einem gewöhnlichen Reisewagen leicht in ein paar Stunden zu erreichen.

Leider musste ich so bald als möglich meiner Bestimmung folgen, so dass ich nicht in der Lage war, die Ruinen des mächtigen Reiches Bantam besichtigen zu können.

Ich konnte zwar bequem bis in die Nähe meines neuen Standplatzes (Tjileles) und selbst bis an die Südküste mit einem Dos-à-dos gelangen, aber der Besuch der umliegenden Dörfer konnte nur zu Pferde geschehen; ich ergriff daher mit Vergnügen das Anerbieten des Thierarztes zu Serang, eines seiner unbenutzten Pferde zu kaufen. Vor meiner Reise nach Indien hatte ich ja in dem Haag 21 Reitlectionen genommen, und hoffte daher, von meiner erworbenen Reitkunst in jeder Hinsicht Gebrauch machen zu können. Bei den Unterhandlungen um den Preis desselben glaubte ich ein spöttisches Lächeln um die Lippen meines Bedienten schweben zu sehen; ich interpellirte ihn darüber auch, aber mit der grössten Ruhe antwortete er mir: »Tidah, Tuwan lupa = nein, mein Herr täuscht sich.« Auch späterhin glaubte ich dieses spöttische Lächeln im Gesicht des Eingeborenen zu sehen und schrieb es einer Unbeholfenheit meinerseits zu. Auf unangenehme Weise sollte ich jedoch die Ursache dieses Lächelns erfahren. Hoch (?) zu Ross ritt ich eines Tages von Tjileles nach Gunung Kentjana, als eine Truppe unbewachter Pferde mir nicht nur folgte, sondern auch den Rücken meines Pferdes attaquirte; meine Peitsche schaffte mir auch eine Zeit lang Ruhe, bis ich endlich vom Pferde stieg und einem vorübergehenden Bauer darüber Vorwürfe machte, dass seine Pferde ohne Aufsicht herumliefen und andere Menschen belästigten.

»Ingi Dero!« antwortete dieser = »ja, Euer Wohlgeboren, aber Niemand reitet auf einem Weibchen!« Dies ist thatsächlich in Indien der Fall, auch in der ganzen Armee werden nur Hengste zum Reiten gebraucht, während die Weibchen nur vor den Wagen gespannt werden.

Während mein Pferd mit meinem Bedienten später folgen sollte, miethete ich ein Dos-à-dos und fuhr zunächst nach Pandaglang, das am Fusse des Vulcans Karang liegt und dann immer (schon von Serang aus) in der Richtung gegen die Südküste nach Rankas Betong, der Hauptstadt des Bezirkes Lebak. Der Assistent-Resident und der Regent waren in jeder Hinsicht tüchtige Beamte und liebenswürdige Menschen. Nur wenige Stunden verweilte ich in ihrer angenehmen Gesellschaft und gab dem Dos-à-dos den Abschied. Wenn auch die Strasse bis zum Fusse des Gunung (Berges) Kentjana per Wagen befahren werden konnte, so wählte ich doch das Reitpferd zur Reise dahin, um eine bessere Aussicht zu haben.

Während Bantam im vorigen Jahrhundert hunderte von Zuckerfabriken zählte und die Gouvernements-Kaffeecultur (besonders in Pandeglang) blühte, zog ich während meiner ganzen Reise von Serang bis Tjileles und später bis Malimping, bei welchem man schon das Rauschen und die Brandung der See hört, durch schwachbebaute Landstriche. Nur selten sah ich ein Reisfeld in Blüthe stehen; beinahe überall starrte mir das todte, schmutziggelbe, brachliegende Reisfeld entgegen und zeigte mir das drohende Gespenst der Hungersnoth.

Tjileles lag links zur Seite des Weges nach Gunung Kentjana. Ein kurzer Pfad führte mich bis zur Thüre eines Geheges. Jetzt erst sah ich, dass ich am Eingange eines kleinen Kampongs stand, der von einem dichten Gehege von grossen Fruchtbäumen umgeben war, deren Zwischenräume von einem undurchdringlichen Netze von dornentragenden Schlingpflanzen als Bambu duri u. s. w. erfüllt waren. Wie ich später auf meinen Streifzügen durch Lebak sah, hatten alle Kampongs ein solches Gehege mit einer kleinen Thür, welche in der Nacht geschlossen wurde.

Dass der Königstiger feige sei, ahnte ich nicht, als ich den Kampong betrat und mir meine Wohnung angewiesen wurde. Im Hause des Dorfhäuptlings sollte ich die vordere Veranda zur Wohnstätte angewiesen erhalten; sie sollte mein Schlaf-, Studier-, Speise- und Empfangszimmer sein. Das östliche Ende war von drei Seiten mit Bambuswänden umgeben, und die vierte Seite hatte einen Vorhang, hinter welchem mein Bett stand. Der Königstiger ist feige, aber dass er so feige sei, um sich durch eine so schwache Schutzmauer von einem nächtlichen Ueberfall abhalten zu lassen, hätte ich nicht geglaubt. Keine 15 Meter weit stand mein Schlafzimmer von dem Gehege entfernt, welches mich vor einem unerwünschten Besuche eines Königstigers schützen sollte. Wenn die Regierung für jeden unschädlich gemachten Tiger 100 fl. bezahlt (einen Preis, der für einen Kampongbewohner geradezu ein fürstliches Kapital ist), welchen Schaden müssen diese Katzen anrichten, wie schwer müssen sie zu fangen oder zu tödten sein, und wie zahlreich müssen sie hier hausen, dass die Regierung hier 100 fl. bezahlt, während sie in anderen Theilen Javas, wo allerdings nicht der Königstiger, sondern nur der Matjan tutol am häufigsten gefunden wird, nur 32 fl. bezahlt.

Der Eingeborene ist Fatalist; aber auch der Europäer muss es werden, da er ja in Indien im Innern des Landes täglich das Damoklesschwert, nicht täglich, sondern immer und immer über seinem Haupte schweben fühlt. Es war nicht die angenehmste Nacht meines Lebens, welche ich an jenem ersten Tage in dieser offenen Veranda verbrachte. Jedoch kein Rhinoceros, kein wilder Büffel, kein Tiger und keine Schlange hatten meinen Schlaf gestört.


Die javanischen Pferde sind klein aber ausdauernd; sie sind häufig nicht höher als 1,10 Meter;[37] in früheren Jahrzehnten haben die Pferde aus der Preanger-Regentschaft einen hohen und stattlichen Wuchs gehabt; die Rasse degenerirte jedoch mit jedem Tage, weil sie kaum erwachsen zum Lastentragen herangezogen wurde. Die Regierung sah diese Gefahr und griff zu dem so häufig angepriesenen Mittel, zu den Wettrennen, um durch das »Spiel« oder vielmehr durch das »Wetten« die Eingeborenen zu veranlassen, mehr Sorgfalt auf die Zucht der Pferde zu verwenden. Es wurden zu Buitenzorg schon vor zwanzig Jahren Wettrennen gehalten; vor zehn Jahren wurden dieselben auch in Magelang, der Hauptstadt der Provinz Kedu (Mitten-Java), eingeführt, weil auch die »Keduer-Pferde« mit jedem Jahre schwächer und kleiner wurden; aber hier wie dort blieben die geträumten Rassenverbesserungen aus. Nebstdem kam die Regierung durch diese Wettrennen in ein arges Dilemma. Einerseits verbietet sie die Hahnengefechte und das Wetten bei denselben, weil es bekanntermaassen die Eingeborenen demoralisirt; andererseits hält sie Wettrennen der Pferde und unterstützt sie mit hohen Beträgen. In Magelang steuerte die Regierung selbst 1000 fl. jedesmal bei, um z. B. auch dem kleinen Mann es möglich zu machen, einige Tage mit seinem Pferde fern von seinem Kampong leben zu können.

Der Resident von Kedu hat das Sterile dieser Methode bald eingesehen und die Wettrennen abgeschafft; aber auch in der Preanger-Regentschaft hat man andere Mittel gesucht und gefunden, um wieder eine gute Pferderasse zu erhalten; es wurden Deckhengste eingeführt, und zwar von einem der eingeborenen Fürsten, welcher damit ein gutes Geschäft machte.

Nach Schulze’s Führer auf Java (Leipzig, Th. Grieben’s Verlag 1890) hatte im Jahre 1887 die Insel Java 2,360,600 Büffel, 1,973,750 Rinder und 701,500 Pferde. Die meisten der eingeführten Pferde stammen von den Sandelholz-Inseln Sumba, Sumbawa, Rotti, Sawu und Timor (welche im Osten der Insel Java liegen), von Makassar (Celebes) und von Australien.

Ich selbst hatte während meines Aufenthaltes auf Java zwei Pferde von Kedu, zwei von Sumba, ein Preanger und zwei Makassaren im Besitz. Die schönsten der auf Java vorkommenden Pferde sind die Battaken aus dem Innern Sumatras; sie kommen jedoch nur in geringer Zahl vor; nach ihnen kommen die Sandelwood-Pferde von Sumba, welche einen eleganten Bau besitzen, aber sehr nervös sind. Nebstdem sind sie im hohen Grade eigensinnig. Eines Tages fuhr ich in M... mit zwei Sandelwood-Pferden zu meinen Patienten, als es ihnen plötzlich einfiel, striken zu wollen. J’y suis, j’y reste mochten sie gedacht haben; sie blieben stehen, und weder die Peitsche noch Zureden brachten sie von Ort und Stelle; endlich wollte der Kutscher eine brennende Fackel holen, um sie unter den Schweif zu halten. Dies gestattete ich ebenso wenig, als ich jemals die drastischen Mittel erlaubte, welche die Eingeborenen bei der Dressur der Pferde gebrauchen; an der Kette wird ein Lederlappen mit zahlreichen kleinen Nägeln angebracht, welche dem Pferde das nach aussen Drängen abgewöhnen sollen. Die Deichsel des Wagens bekommt ein gleiches mit Nägeln ausgerüstetes Lederstückchen, um das gegen einander Drängen der Pferde unmöglich zu machen u. s. w. Ohne alle scharfen und spitzen Instrumente gelang mir jedesmal die Dressur meiner Pferde, und zwar mit dem kräftigsten Factor der Dressur: mit Geduld. Einige Jahre später bekam ich ein Paar Keduer um 110 fl.; sie waren für eine Equipage noch nicht abgerichtet und hatten vorher nur als Saumthiere im Gebirge Kaffee getragen. Zuerst liess ich sie vor einen Grobak (Lastwagen) spannen, welcher gewöhnlich von einem Büffel gezogen wird. Diesen Dienst versahen sie gerne, weil der Kutscher sie beim Zaum führte und späterhin nur mit der Stimme leitete; als sie aber, zum ersten Male vor die Equipage gespannt, eine viel leichtere Last als früher zu ziehen hatten, stürmten sie ausgelassen vorwärts und hätten beinahe Wagen und Kutscher gegen einen Baum geschleudert. Die schwache aber sichere Hand des Kutschers hielt sie jedoch fest; jetzt begann ein anderes Spiel; sie begannen sich auf die Hinterbeine aufzustellen und fielen mit den Vorderbeinen über die Stränge hinaus. Wüthend wollte der Kutscher mit dem hinteren Theil der Peitsche sie für diesen Eigensinn bestrafen; ich erlaubte es jedoch nicht; das ganze Arsenal der grausamsten javanischen Abrichtungsmittel brachte er nach und nach zum Vorschein; ich erlaubte nur, von Fall zu Fall einen Strick zwischen den beiden »Stangen« oder einen Bambusstock festzubinden, wenn sie entweder aus einander oder gegen einander drängen wollten. Endlich gelang es mir, aus ihnen gut dressirte Pferde zu machen, welche fünf Jahre bei mir schweren Dienst versahen, bis auf einen Tag niemals krank waren und bei meiner Abreise noch 175 fl. erzielten, obzwar sie schon nicht mehr »zeichneten«.

Ich kann nicht umhin, auch diesen Krankheitsfall zu erwähnen, weil er mir den Beweis brachte, dass der Eingeborene nicht nur »Gefühl« für seinen Herrn, sondern auch für das ihm anvertraute Thier hat.

Es war in Magelang, wo ich jeden Nachmittag um 6 Uhr einen Spaziergang machte. Eines Tages überfiel mich auf meinem Spaziergange ein heftiger Sturzregen, wie er auch in den Tropen nicht täglich vorkommt. Ich konnte mich flüchten, und zwar in die Wohnung eines mir bekannten Hauptmanns. Wie erwähnt, der Regen goss in fürchterlichen Strömen vom Himmel, als ich plötzlich meinen Kutscher vor der Veranda stehen sah; überrascht frug ich ihn, was er von mir wolle. »Das eine Pferd ist krank, und ich suchte Sie, also, tuwan = mein Herr, denn ich weiss ja, dass Sie jedesmal in dieser Strasse Ihren Spaziergang machen.« Der Capitän konnte nicht weniger als ich seinem Erstaunen Worte verleihen, dass ein Eingeborener in einem solchen Wetter 1½ Kilometer weit von Haus zu Haus seinen Herrn suchen geht, weil das Pferd unwohl geworden war! (Es hatte Retentio urinae.) Ein europäischer Kutscher hätte dieses nicht gethan!

Eine gerne und viel gebrauchte Rasse sind die von Makassar (von Celebes). Sie sind nicht hoch (höchstens 1,25 Meter), aber ausdauernd und kräftig. In dem letzten Jahrzehnt wurden vielfach australische Pferde unter dem Namen Sydneyer in Java eingeführt; es sind hoch und kräftig aber nicht elegant gebaute Pferde und laufen nicht schnell; sie haben bis jetzt nur als Luxuspferde bei den Reichen Eingang gefunden. Was ein europäisches Pferd leisten kann, weiss ich nicht aus eigener Erfahrung, meine »Keduer Pferde« jedoch, welche ich fünf Jahre lang in Magelang hatte, wurden täglich gebraucht: wenigstens zweimal des Tages hatten sie mich ins Spital, welches 1½ Kilometer von meinem Hause entfernt war, zu bringen, von dort zu holen und unterwegs meine Privatpatienten zu besuchen; häufig jedoch wurde ich ins chinesische Viertel gerufen, welches jenseits des Weges nach dem Spital lag; dadurch kam es, dass ich oft zehn bis zwölf Kilometer im Tag zurücklegte; so haben also meine Pferde fünf Jahre lang täglich ohne Ausnahme im Durchschnitt zehn Kilometer zurückgelegt, obwohl sie nur 1,20 Meter hoch waren und einen grossen Mylord zu ziehen hatten. Ihr Futter war täglich für beide 120 Kilo Gras und 3–4 Kilo Reis.


Im Jahre 1873 wurde ich von der ungarischen Regierung als Cholera-Arzt in den Karpathen angestellt, und ich sah damals das schaurige Bild eines Landes, welches von der stärksten Choleraepidemie heimgesucht war, welche jemals in Europa gewüthet hat. Aber grässlicher und ekelhafter war das Bild der durch Malaria und Hungertyphus und Viehpest heimgesuchten Provinz Bantam. Dort (in Ungarn) lagen einzelne Kranke, welche auf ihrem Marsche von der Cholera ergriffen wurden, auf dem Wege cyanotisch sich krümmend und windend unter den Krämpfen des Bauches. Zahlreich waren die Opfer, aber kurz war ihr Leiden, in wenigen Stunden hatte der Tod ihren Schmerzen ein Ende gemacht. Die unglücklichen Bantamer jedoch litten Wochen und Monate, die Kräfte erschöpften sich, sie magerten zum Skelet ab; durch die mangelnde Hautpflege, vielleicht auch durch die Dyskrasie des Blutes entstanden kleine Eiterbläschen (impetiginöser Hautausschlag), welche durch Kratzen und durch ihre eigenthümliche Wundbehandlung zu grossen Geschwüren sich entwickelten, die oft mehr als die Hälfte der Oberfläche des Körpers angegriffen hatten; solche von Noth und Elend, vom Hunger und Fieber erschöpften, abgemagerte, schmutzige, mit grossen Geschwüren und Eczemen bedeckte Skelete in hunderten und tausenden täglich sehen und behandeln zu müssen — war ein ekelerregender Anblick, während die unglücklichen Opfer der Cholera-Epidemie nur kurze Zeit unsere Theilnahme und Mitgefühl erregten. —


Es war ein Missgriff der indischen Regierung, den Krankenwärtern ein so hohes Taggeld (20 fl.) zu geben; dadurch wagten es gerade jene Männer nicht, um diese Stelle sich zu bewerben, welche, wie z. B. abgedankte Militär-Krankenwärter und ähnliche Schicksalsgenossen, die dazu am meisten geeigneten Personen waren. Meine ersten drei Krankenwärter waren ein pensionirter Hauptmann der Infanterie, ein pensionirter Intendant (mit dem Range eines Hauptmanns) und ein abgesetzter Notar. Von diesen drei »hohen Herren« erfasste nur der erste richtig seinen Beruf, ging in die entlegensten Kampongs, besuchte alle Patienten, gab nach seinem Urtheil Chininpillen, wenn er Zweifel hegte, rief er mich zu den Patienten, und vertheilte die erhaltenen Lebensmittel unter die dürftigsten und ärmsten der Armen. Der Zweite jedoch, der pensionirte Intendant, blieb auf seinem Standplatz, liess die Häuptlinge der benachbarten Kampongs zu sich kommen und gab diesen auf Grund ihrer Berichte die etwa nöthige Menge an Chininpillen und Lebensmitteln, sein Standplatz war in M...., und wie überrascht war ich, als ich eines Tages seinen Bezirk inspicirte und von allen Patienten, die ich untersuchte und frug, zu hören bekam, dass der tuwan (Herr) nicht in das Dorf käme; noch mehr war ich überrascht, als dieser gute Mann mir auf meine diesbezügliche Frage das stolze Wort zur Antwort gab: »Ich kann doch als pensionirter Intendant nicht in die Kampongs gehen und den Kulis Essen ins Haus bringen!!« Obwohl es ihm gelang, gegenüber dem Dr. J., meinem Chef, meine diesbezügliche Mittheilung zu entkräften durch Hinweis auf eine nicht existirende Intrigue, so verschwand er bald danach vom Schauplatze, weil die Regierung bald das Taggeld auf 5 fl. herabsetzte und dann Männer erhielt, welche für diesen Dienst die geeigneten Personen waren. Was die Intrigue betrifft, welche in der Phantasie dieses Mannes existirte, war sie nur eine faule Ausrede; für den administrativen Theil der ganzen Hülfsaction wurde nämlich ein Controlor angestellt, welcher der Bruder der geschiedenen Frau dieses Krankenwärters war. Dieser Controlor wohnte bei mir, also sei meine Anklage eine Intrigue gegen ihn gewesen. Mein Chef hatte aber bald Gelegenheit, sich zu überzeugen, dass ich nichts als Thatsachen mitgetheilt hatte, welche sein weiteres Verbleiben in dieser Dienstsphäre unmöglich machten. Der dritte meiner Krankenwärter war ein pensionirter Notar, welcher zwar genug Pflichtgefühl besass, um sich in richtiger Weise seiner Mission zu entledigen, aber seine Kräfte waren zu schwach, denn bald nach seiner Ankunft ergriff ihn die Malaria, so dass er, vom Fieber erschöpft, nach Batavia zurückkehren musste, wollte und sollte er nicht selbst das Opfer des Fiebers werden.

In einem seiner Fieberanfälle um 1 Uhr Nachmittags liess er mich holen; zwischen Tjileles und seinem Standplatze befand sich ein kleiner Wald, und ich musste darum genau berechnen, ob ich vor Sonnenuntergang zu Hause sein konnte; am helllichten Tage hatte ja kurz vorher auf dieser Strasse ein Tiger eine Frau gepackt und war mit ihr davongeeilt. Die Entfernung war ungefähr eine Stunde; der Polizist, welcher mich auf meinen Streifzügen stets begleitete, war auch der Ansicht, dass wir vor Einbruch der Dämmerung in Tjileles zurück sein konnten, und so zögerte ich keinen Augenblick, Hülfe zu bringen. Sein Kampong Tjiboga (?) lag ungefähr 500 Meter jenseits des grossen Weges. Ich beeilte mich mit meiner Ordination und stieg wieder zu Pferde. Als ich jedoch wieder auf dem grossen Wege war, sah ich, dass ich keine Cigarren hatte, liess den Polizisten warten, ritt im Galopp zurück, erhielt, ohne vom Pferde abzusteigen, die Cigarren und eilte wieder im Galopp auf den grossen Weg, um den Polizisten einzuholen. Wohin ich blickte, nirgends eine menschliche Seele, und nirgends war er zu sehen; ich zog weiter und kam endlich auch in den Wald, der den Weg kreuzte. Noch immer war kein Polizist zu sehen, auch als ich auf einen Kreuzweg stiess, ohne dass ich wusste, welcher Weg mich nach Hause führe. Rathlos stand ich da und rief Oppas,[38] Oppas, aber Niemand antwortete mir. Im Dickicht des Waldes war die Sonne nicht mehr zu sehen, und die Dämmerung trat ein (welche auf Java nicht länger als eine Viertelstunde dauert).[39] Rathlos stand ich da und blickte fragend nach allen Seiten, um einen Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden; endlich unterwarf ich mich dem Fatum, liess die Zügel des Pferdes fallen und befahl Gott meine Seele. Der Gaul kannte den Weg, er »roch den Stall« und brachte mich auf die richtige Strasse.

Einmal sollte ich doch einem Tiger begegnen, ohne dass ich ihn jedoch auch gesehen hätte.

Am 24. Januar schrieb mir der Controlor v. d. P., welcher in Malimping in der Nähe der Südküste Javas wohnte, dass sein Söhnchen durch eine Wunde am Fusse heftiges Fieber bekommen habe, und ersuchte mich, sofort zu ihm zu kommen. Es war 10 Uhr Vormittags, als ich den Brief erhielt. Ich bestieg mein Pferd und zog zunächst nach Gunung Kentjana (276 Meter[40] hoch gelegen), welches 10 Paal = 15,06 Kilometer von meiner Wohnung entfernt war. Hier gab mir der Wedono[41] auf Rechnung des Herrn v. d. P. ein Mittagsmahl (de rysttafel), und unterdessen machten seine Bedienten aus ein paar Bambusstöcken und einem indischen Lehnstuhl eine Tragbahre. Gegen 3 Uhr erschien eine Truppe Kulis mit einem Mandur (= Aufseher), und abwechselnd trugen mich vier Kulis auf ihren Schultern.

Noch kaum eine halbe Stunde hinter Gunung Kentjana zeigte mir der Mandur den Berg Bongkok (925 Meter[40] hoch), an dessen Fusse die Baduwies einige Kampongs bewohnten.

Wenn wir von ungefähr 3000 eingeborenen Christen[42] absehen, ist das Gross der Eingeborenen auf Java dem mohamedanischen Glauben zugethan.

Im Jahre 1382 hatten sich die Araber Malik Ibrahim, Sideh Mohammad und Saidi Rakidin in der Nähe des Goldflusses (Kali = Fluss, Mas = Gold) bei Tandes (dem heutigen Grissé) in der Nähe Surabayas als Kaufleute niedergelassen und als Missionare für die mohamedanische Religion eifrig Propaganda, und zwar mit grossem Erfolg, gemacht. Die ersten Fortschritte erzielten sie an der Küste bis Damak, von hier aus begann die gewaltthätige Unterwerfung der Eingeborenen, besonders, nachdem im Jahre 1483 das grosse mächtige Reich von Modjopahit von ihnen erobert worden war und der grösste Theil seiner Bewohner den mohamedanischen Glauben angenommen hatte. Seit dieser Zeit hat nach und nach der Islamismus sich über ganz Java bis auf zwei Colonien ausgebreitet, welche noch heute abgeschieden von den übrigen Kampongs, die eine im Westen und die andere im Osten Javas, sich befinden.

Da ich niemals im Tengergebirge, welches sich auf der Grenze der beiden Provinzen Pasaruan und Probolingo befindet, geweilt habe, ich also keinen Anlass haben werde, mich mit dieser Gegend zu beschäftigen, so will ich hier auch einiges über die »Heiden« im östlichen Java mittheilen. Wie gesagt, sie leben im Tengergebirge (2724 Meter hoch), und alle ihre Wohnungen haben die Thüren gegenüber dem Vulcane Bromo (2290 Meter). Sie sind die Nachkommen der Flüchtlinge des Reiches von Madjopahit, welche unter Anführung von Kiai Dadop putti sich dahin zurückgezogen hatten, um ihrem Glauben treu bleiben zu können und nicht der Beschneidung sich unterwerfen zu müssen. Ihre Zahl beläuft sich heute auf 3–4000 friedsame Bürger, welche zurückgezogen von der übrigen Bevölkerung von den Erträgnissen des Bodens leben, gute Unterthanen sind und jährlich im Sandmeer dem »Gunung Bromo« ihre Opfer bringen.

Der Mandur wollte mir eben auch etwas Näheres über das Leben dieser Heiden von Lebak mittheilen, als die Träger der Tragbahre sich plötzlich auf den Boden setzten; ich fiel zwar nicht vom Sessel, aber ein gehöriger Stoss schüttelte mir die Eingeweide gut durch, und überrascht frug ich den Mandur, was dieses bedeute. Gleichzeitig zeigten alle Kulis mit der Hand nach der rechten Seite des Weges und riefen: Dia (= Er), Dia, Dia. Es war ein Tiger, der unsern Weg gekreuzt hatte. Leider hatte ich es nicht gesehen, so dass ich auch diesmal, wie überhaupt niemals einen Königstiger im Freien gesehen habe. Ich habe zwar späterhin zwei kleine Tiger von einem Assistent-Residenten zum Geschenk erhalten; es waren jedoch keine Königstiger, sondern zwei mâtjan tutul = Panther. Bald hatten sich die Kulis von ihrem Schrecken erholt, hoben mich wieder in die Höhe und weiter ging es in ruhigen gemessenen Schritten über Berg und Thal. Die Sonne ging unter, die Finsterniss trat ein, und die Kulis zündeten ihre Fackeln an. Diese ôbors sind bei einer Wanderung im Gebirge Bantams unentbehrlich, weil sie dem Tiger Furcht einjagen; natürlich erreicht eine einzelne Fackel niemals ihr Ziel, aber in grossen Mengen imponiren sie doch dem Tiger, der geradezu feige genannt werden muss. Es war eine theatralisch-romantische Expedition, die ich damals unternahm. Dazu kam noch, dass ein eigenthümliches Hinderniss unseren Zug erschwerte.

Zur Bekämpfung der Viehpest, welche gleichzeitig das unglückliche Bantam heimgesucht hatte, hatte die Regierung einen Cordon um die pestfreien und inficirten Gegenden gezogen, so dass die Büffel von der einen Region in die andere nicht gelangen konnten. Dieser Cordon bestand aus einem Gehege von Bambus, welches von Truppen bewacht wurde.

Gerade auf dem Wege nach Malimping stiessen diese zwei Gehege zusammen und waren nur durch die Strasse von einander getrennt; wenn also auch durch Fackeln der Weg beleuchtet war, so geschah es doch oft genug bei den zahlreichen Krümmungen des Weges, dass die Träger vorsichtig zwischen den beiden Gehegen laviren mussten, um mich nicht zu Fall zu bringen.

Wenn wir nämlich von der grossen breiten Strasse absehen, welche, wie schon erwähnt, im Anfange dieses Jahrhunderts durch schwere Robottdienste angelegt wurde, sind alle übrigen Landwege Javas nur eine Vergrösserung und Verbreiterung der früher bestandenen Pfade. Die Eingeborenen gehen immer hinter einander und haben also kein Bedürfniss für breite Strassen; zum Transport der Lasten werden besonders im Gebirge Saumpferde gebraucht. So hat also in früheren Zeiten nur der Pfad oder eine schmale Strasse, welche für einen Grobak (Lastwagen der Eingeborenen auf zwei Rädern, der von einem oder zwei Büffeln gezogen wird) hinreichend Raum bietet, die Verbindung der einzelnen Kampongs besorgt.

Endlich um acht Uhr Abends kam ich in Malimping an und fand bei dem Söhnchen des Herrn v. d. P.. ein Erysipel auf dem rechten Unterschenkel in Folge eines vernachlässigten Fussgeschwüres. Ob da nicht wieder die Babu (das Dienstmädchen) die Behandlungsweise der Eingeborenen der Frau des Controlors aufgedrungen hat, weiss ich nicht; wahrscheinlich war dies der Fall, denn diese Dame war in Indien geboren und darum geneigt, der Behandlungsweise der Dukun einen hohen Werth beizulegen. Die Bewohner Bantams behandeln die Geschwüre auf gewiss einfache Weise. Eine (meistens alte, schmutzige) Kupfermünze wird glatt geschlagen, mit feinen Löchern siebartig versehen und mit einer Schnur auf dem Geschwüre befestigt. Nicht allein europäische Laien, sondern auch Aerzte habe ich ein Loblied auf diese Therapie der Geschwüre singen hören!! Die Kupfermünze oxydire und cauterisire durch das entstandene Kupferoxyd die Granulationen der Geschwüre!! Unserem kleinen Patienten war es dadurch übel ergangen; durch die Oeffnungen in der kupfernen Platte ist zwar der Eiter abgeflossen, aber nicht immer geschah dies; pathogene Bacterien fanden durch diese kleinen Löcher ihren Weg und Zutritt zum Geschwüre, und ein Erysipel = Rothlauf entstand, welches nicht allein das Bein, sondern auch das Leben des kleinen Mannes bedrohte. Es gelang mir, beides unserm Patienten zu erhalten.

Fig. 6. Zwei sundanesische Prinzessinnen mit zwei Bedajas (adelige Tänzerinnen[43]).

Nachdem ich die nöthigen ärztlichen Vorschriften gegeben hatte, gingen wir zum Nachtmahle. In der »Achtergalerie« sassen wir und hatten vor uns den Garten, über welchen ein sanfter Südwind von der nahen Küste strich und uns den Duft der Kaffeeblüthe und der Orangen, gemengt mit dem Stallgeruche der Reitpferde, in die Veranda brachte. Das Zirpen des Heimchen (djangkrig M.), der Grille (andjing tanah M.), der Singcicaden mengte sich mit dem Qua-Qua der Frösche, und hin und wieder dröhnte die Brandung der nahen See und das Brüllen der wilden Büffel dazwischen; vereinzelt hörten wir die Klagelaute des Wau Wau (Hylobates leuciscus) oder das Bellen der halbwilden Hunde und das Schnattern unruhiger Gänse. Der sternenreiche Himmel strahlte in seiner Pracht und wetteiferte mit den tausenden und tausenden Leuchtkäfern, welche über dem nahen Sawahfeld in hochgehenden Wellen auf und ab schwebten.

Das Nachtmahl gab mir Zeit und Gelegenheit, mich bei dem Controleur über das Leben und Treiben der Baduwies zu erkundigen, weil mir die Mittheilungen des Mandur nicht zuverlässig waren. Dieser hatte von ihnen als Orang Kâpir gesprochen, was offenbar eine Verdrehung des arabischen Kafir war. Ob es nun ein Schimpfwort bedeuten sollte, oder ob damit diese Menschen für Heiden erklärt wurden, war mir nicht deutlich. »Ja, das sind Heiden,« erwiderte Herr v. d. P., »eigentlich kümmern sie mich gar nicht, obwohl sie in meinem Bezirk wohnen, denn sie erkennen nur in dem Regenten von Pandeglang ihren Herrn, aber glücklicherweise sind es friedliebende Menschen, welche sich niemals etwas zu Schulden kommen lassen, so dass meine Amtsthätigkeit in diesen Kampongs eine sehr beschränkte ist.«

»Ist es wahr, dass die Portugiesen die Ansiedlung dieser Baduwies im District Lebak veranlassten?« »Ja und nein. Im Jahre 1521 kamen zwei javanische Fürsten Aling-Aling und Kakaling nach Malakka und baten die Portugiesen um Hülfe gegen die Mohamedaner von Bantam; diese wurde ihnen gewährt, wofür die Portugiesen eine Factorij errichteten, aber Tatelehan vertrieb diese beiden Fürsten und die Portugiesen. Die Hindus verliessen den Norden der Provinz, zogen nach Gunung Kentjana, wo sie sich noch heute befinden.«

»Ist es wahr, dass nur 60 in einem Kampong wohnen dürfen, und wenn die Zahl überschritten wird, muss der 61. sich anderswo ansiedeln?«

»Auch das ist nur theilweise richtig; in Tji[44]beo, Tji[44]kanekes und Tji[44]samodor leben 60 Personen, wahrscheinlich eine Sorte Heilige, ganz abgeschieden von der Aussenwelt. Sobald ein Fremder ihre Wohnung betreten hat, suchen sie ein neues Heim. Darum darf auch Niemand ohne meine Bewilligung dahin gehen. Sie heissen Djelma dalem, im Gegensatze zu den Djelma luwar, welche Handelsleute sind und sich in jeder Hinsicht mit den Eingeborenen verbinden. (Das Wort dalem heisst inwendig (M.), und das Wort luwar äussere.)

In jedem Kampong führen drei Männer einen besonderen Titel, und zwar Giran pohon, welcher wahrscheinlich der Häuptling und höchste Priester ist, und zugleich mit dem Pangasuh kokolot für Jeden unsichtbar bleibt, während der Giran serat der Minister des Aeusseren ist und als solcher die Gemeinde nach aussen vertritt.«

»Wie viel Djelmas existiren in Ihrem Bezirke, und kommen auch einige auf den benachbarten Inseln Pulu Tjindjil und P. Kelupa vor?« »Das erstere kann ich weniger bestimmt als das zweite beantworten. Sie wohnen nur in den drei genannten Kampongs und kein Einziger auf diesen beiden Inseln. Da ich nur von den Mittheilungen des Giran serat die Stärke ihrer Mitglieder kenne — ungefähr 2000 alles in allem —, so kann ich nur annähernd diese Ziffer angeben, obwohl ich keine Ursache habe, diese Angabe zu bezweifeln.«


Am andern Morgen borgte mir Herr v. d. P. ein Reitpferd, und begleitet von einem Oppas kehrte ich auf demselben Wege zurück, auf dem ich gekommen war, und erreichte noch denselben Abend meine Wohnung in Tjileles. Beinahe den ganzen Tag war ich auf dem Pferde gesessen, die Tropensonne hatte mich nicht geschont, und so begnügte ich mich, einen kleinen Imbiss zu nehmen und dann sofort schlafen zu gehen.

Es mochte ungefähr zehn Uhr gewesen sein, als der Häuptling mich aus dem Schlafe weckte mit dem Rufe: tuwan Regent ada = Der Herr Regent ist angekommen.

Der Anlass dazu war folgender: Zu meinen Obliegenheiten gehörte auch der Rapport den ich alle zehn Tage über meine Leistungen und Beobachtungen einreichen musste. In einem derselben erwähnte ich auch, dass ich auf allen meinen Wanderungen nur unbebautes Land sah, dass ich nur selten einem Büffel begegnete, und dass Hungersnoth die unvermeidliche Folge sein müsse; der grösste Theil der Bevölkerung sei ja von der Fieber-Epidemie ergriffen, könne also das Feld nicht bebauen. Die Büffel seien entweder der Viehpest erlegen oder dem tödlichen Blei der »Committirten«, welche auf Avis des Thierarztes X. alle Büffel todtschiessen mussten, welche sich im Bannkreise von einem Paal = 1½ Kilometer von einem erkrankten Büffel befanden!! Ich musste also mein Videant consules, ne quid detrimenti capiat res publica der Regierung zurufen.

Ich stand rasch auf, kleidete mich an und empfing den Regenten, der mich interpellirte, wieso ich das graue Gespenst der Hungersnoth entrollen konnte und durfte, da ich doch nicht wusste, wie gross der Vorrath an Reis sei, welcher von der vorjährigen Ernte aufgespeichert läge.

Der Eingeborene ist immer ruhig und höflich, noch mehr aber ein Regent, welcher in seiner Würde zu kurz kommen würde, wenn er nicht in gemessenen höflichen Worten seine Ansichten ausspräche. Dies that auch der Regent von Lebak, als er mich über die Gefahren einer Hungersnoth interpellirte. Nachdem er mir mitgetheilt hatte, dass der Zweck seiner Reise sei, von Kampong zu Kampong zu gehen, um persönlich die Menge des Vorrathes an Reis zu constatiren, lud er mich zu einer Partie Whist ein.

Es wurde ungefähr zwei Uhr Nachts, bis ich mich wieder den Armen Morpheus anvertrauen konnte; ich schlief am andern Morgen um neun Uhr noch den Schlaf des Gerechten, als wiederum eine Visite angekündigt wurde. Es war einer der Männer, welche bei der Viehpest-Commission angestellt waren, um, wie oben schon erwähnt wurde, nicht nur jeden kranken Büffel zu erschiessen, sondern auch jedes gesunde Thier, welches in der Nähe bis auf einen Paal = 1,5 Kilometer von einem kranken Büffel gelebt hatte. Ich muss gestehen, dass dieses Gutachten des Thierarztes X. eine radicale Cur zur Bekämpfung dieser Epidemie vorschrieb; aber es wurde mit dem Bade auch das Kind ausgegossen, und der ganze Viehstand dieser unglücklichen Provinz war in seiner Existenz bedroht.

Einstimmig erhob auch die indische Presse einen lauten Protest gegen diese unpraktische und gefährliche Procedur.

Zu meiner Ueberraschung war mein neuer Besuch ein alter Bekannter, ein Pole, den ich früher in Batavia gesprochen hatte. Der Herr D..., welcher gegenwärtig ein gut situirter Reispflanzer bei Batavia ist, theilte mir so manches über das Gebahren dieser »Committirten« mit, das geradezu haarsträubend war. Auf seinen Inspectionsreisen hat der Thierarzt in der ganzen Provinz jeden »Committirten« belobt, der den Beweis bringen konnte, gesunde Büffel erschossen zu haben. Ob es gerade ein Paal war, in dem sich ein kranker Büffel befunden hatte, oder ob es zwei oder drei Kilometer waren, kümmerte so manchen dieser Herren nicht. Sobald sie einen Büffel krank sahen, tödteten sie nicht nur diesen, sondern zogen in ihrem Rayon durch alle Kampongs und schossen alle Büffel nieder; natürlich musste die Regierung jeden erschossenen Büffel bezahlen. In wenigen Tagen war der erhaltene Preis aus den Händen des armen Bauern verschwunden, und jetzt stand er ohne Büffel da, geschwächt durch das Fieber konnte er in persona das Feld nicht bebauen — und der Herr Regent bezweifelte, dass Hungersnoth dem unglücklichen Lebak bevorstehe! Wie sein Gegenbericht abgefasst war, weiss ich nicht, aber bald nachher wurde ich nach Tjicandi versetzt.

Während der Regent in jede Scheuer kroch, um den Vorrath an Reis zu constatiren, ging ich wie gewöhnlich zu den armen Kranken, gab ihnen Chininpillen, Chinawein, Carbolwasser, und wo Mangel an Lebensmitteln bestand, gab ich Milch, welche aus der condensirten schweizerischen Milch mit gekochtem Wasser bereitet wurde, oder Enteneier und Dengdeng an Reconvalescenten. An demselben Tage liess ich einen Büffel schlachten und liess das Fleisch an die Unglücklichen vertheilen. Das Bild einer sundanesischen Frau ([Fig. 2]) schwebt mir noch heute vor Augen, welche zwar die Malaria überstanden hatte, aber wegen Mangels an Nahrung dem Hungertode nahe war. Ich flösste ihr zunächst ein wenig Chinawein ein und liess bei meinem Gastgeber eine Hühnersuppe kochen; ich hatte die Genugthuung, sie am Leben zu erhalten. Während bei meiner ersten Visite diese arme Frau einen fadenförmigen Puls und eine kaum wahrnehmbare Stimme hatte, mit schwachen Bewegungen des Armes Fliegen wegfing, welche gar nicht bestanden, und schon das unregelmässige Athmen hatte, welches nach Cheyne-Stokes den Namen führt u. s. w., kam sie noch vor meiner Abreise aus Lebak zu mir, setzte sich zu meinen Füssen nieder, wollte mir die Schuhe küssen und sprach einen langen Segenswunsch aus, der von »Tuwan Allah« ein langes Leben und alles Gute erflehen sollte.

Am andern Morgen kam Dr. J., um gemeinsam mit mir die Gegend zu durchreisen und sich persönlich von dem Gange des Dienstes zu überzeugen. Wie vorher bestimmt wurde, sollten der Regent, der Assistent-Resident und in jedem Unterbezirk der betreffende Wedono sich daran betheiligen. Wir alle waren zu Pferde, jeder von uns hatte einen Bedienten ebenfalls zu Pferde mit sich, nebstdem schloss sich uns (freiwillig) Herr D... an, so dass eine ganze Cavalcade sich in Bewegung setzte. Zunächst ging es nach Gunung Kentjana, wo wir eine Stunde ausruhten. Die Pferde mussten zum weiteren Ritt gewechselt werden, dafür hatte der Wedono gesorgt; es wurden andere Pferde gebracht und je nach dem Range des Reiters das betreffende Pferd mit dem dazu gehörigen Sattel gegeben. Ich war der Niedrigste im Range (Herr D... behielt sein Pferd, welches kräftig genug war, um nochmals 10–15 Paal zu laufen), ich bekam also das schlechteste Pferd und den schlechtesten Sattel. Hinter Gunung Kentjana fiel der Weg steil ab, bis wir zu dem Flusse Tji-Liman (?) kamen, über den eine Brücke ohne Geländer führte; sie bestand nur aus mehreren aufeinanderliegenden Bambus-Matten. Der ganze Zug flog über die Brücke, mein Pferd jedoch blieb plötzlich stehen und »steigerte«, d. h. begann, sich auf die Hinterbeine zu stellen. Es gelang mir jedoch, im Sattel zu bleiben und mit einem kräftigen Hieb der Peitsche das Pferd wieder auf die Vorderbeine zu bringen; in demselben Augenblick glitt es aber mit den Hinterfüssen aus und kam mit denselben über den Rand der Brücke. Instinctmässig warf ich mich sofort auf den Hals des Pferdes, welches die drohende Gefahr merkte und mit starkem Rucke die Hinterfüsse wieder auf die Brücke brachte. Der Fluss hatte niedrigen Wasserstand, war vielleicht zehn Meter tief, und ich wäre jämmerlich zu Grunde gegangen, wenn es dem Pferde nicht gelungen wäre, auf die Brücke seine Hinterfüsse zurückzubringen.

Noch zweimal brachte mich diese Expedition in Lebensgefahr. Ueber Berg und Thal führte uns der Weg nach Tjilangap. Während ich mit einem oder dem andern Herrn im Gespräche war, nahm wiederholt mein Pferd einen Anlauf und flog wie toll unter dem schallenden Gelächter meiner Reisegenossen der Truppe voraus. Es war ein mir unbekanntes Pferd, und diese Anfälle von Wuth zum Galopp machten mich zuletzt ängstlich; aber das Lachen der übrigen Herren beruhigte mich einigermaassen. Wiederum setzte sich ganz unerwartet mein Gaul in gestreckten Galopp, und zwar in einem Augenblick, wo nur ein schmaler Pfad auf den Berg führte; zu meiner Rechten war eine steile Wand, und zu meiner Linken ein vielleicht 100 Meter tiefer Abgrund. Ein Schwindel erfasste mich schon, es drehten sich mir schon die Bäume vor den Augen, und angstvoll drückte ich die Weichen des Pferdes, als hinter mir plötzlich Herr D. erschien und mit dem Kopfe seines Pferdes den Hintertheil meines Pferdes gegen die steile Wand drückte. »Ja, ich bin ein guter Reiter,« rief er mir zu, und verwundert blickte ich ihn an, was dieser Ausruf zu bedeuten hätte. Jetzt gestand er mir, dass er jedesmal mit seiner Peitsche mein Pferd zwischen den Hinterbeinen gekitzelt hätte, und dass dieses die Ursache des Galoppirens meines alten Gaules gewesen sei! »Sehen Sie sich diesen Abgrund an,« antwortete ich und — drehte ihm den Rücken.

In Tjilangap blieben wir nicht lange und kehrten denselben Tag zurück. Auf dem Berge Gunung Kentjana verliess uns der Assistent-Resident und der Regent, und ich und Dr. J. wollten weiter ziehen. Mein eigenes Pferd war unterdessen von einem Kuli nach Tjileles zurückgebracht worden, und ich bekam einen Gaul, der, wie mir der Eigenthümer mittheilte, die Gewohnheit hatte, beim Anziehen der Zügel zu galoppiren; nebstdem trug das Geschirr eine Stange, welche mit stumpfen Stacheln versehen war. (Diese Stange wird von den Eingeborenen gebraucht, um wilden und unbändigen Pferden das Galoppiren abzugewöhnen.) Wir mussten bergab reiten, der Berg war aber nicht so steil, dass wir absteigen mussten. Drohende Gewitterwolken zogen sich über unsere Häuptern zusammen, und im Gespräche, ob wir vor dem Unwetter noch Tjileles erreichen konnten, vergass ich die weisen Lehren, welche mir der Eigenthümer des Pferdes gegeben hatte, und unwillkürlich, wir ritten ja bergab, zog ich die Zügel an; die Stacheln der Stange stiessen in die Mundwinkel meines Pferdes, und wie ein Spielball flog ich aus dem Sattel. Dr. J. überzeugte sich nur für einen Augenblick, dass ich mir nichts gebrochen hatte, und verliess mich, um, wenn möglich, vor Eintritt des Sturmes eine trockene Stätte zu erreichen. Ich aber hatte am linken Knie eine so schmerzhafte Contusion erlitten, dass ich nicht mehr das Pferd besteigen konnte. Ich erhob mich vom Boden, fasste den Gaul beim Zügel und hinkte weiter. Ein Blitzstrahl durchzuckte den Horizont und kündigte einen heftigen Sturm an; nirgends eine Hütte, nirgends eine lebende Seele, nichts als Urwald zu beiden Seiten des Weges, und vor und hinter mir die schmale Strasse. So hinkte ich weiter, während der Regen in schweren Strömen sich über mich ergoss, der Blitz alle fünf Minuten das graue Panorama erhellte und der Donner im dreifachen Echo von einem Berge zum andern rollte. Ich zog hinkend weiter, weil ich 14 Kilometer zurücklegen musste, um nicht bei Einbruch der Finsterniss in Gottes freier Natur übernachten zu müssen. Ich fand zwar ein Wächter-Häuschen (Garduhäuschen), welches eine Baleh-Baleh, d. h. eine aus Rottang geflochtene Bank hatte, mit einem ausgehöhlten Baumstamm, auf welchen mit einer Keule geschlagen wird, um das Dorfsignal zu geben; aber kein Wächter war darin; die Bank war zwar überdeckt mit einem Dache von Atap, es waren aber so grosse Oeffnungen darin, dass ich darunter auch nicht vor dem strömenden Regen geschützt war; ich hinkte also weiter. Endlich erreichte ich Tjileles und meine Wohnung; sofort befreite ich mich von den Kleidern und von der Wäsche, welche so nass waren, als ob sie aus dem Troge einer Wäscherin gekommen wären.

Während ich wie der selige Don Quijote mit dem Zügel meine Rosinante am Arme unter dem strömenden Regen meines Weges hinkte, hatte ich alle Gefahren vor den Augen, welche ein solcher Marsch im Regen im Gefolge haben sollte und könnte.

Vor 18 Jahren spielten die Bacterien noch keine so grosse Rolle in der Aetiologie aller Krankheiten, und zahlreich waren die Leiden und Schmerzen, welche der »Erkältung« zugeschrieben wurden. Ein solcher Marsch in einem heftigen Regenwetter, welcher einige Stunden dauerte, musste nach den damaligen Ansichten ein Fieber, einen Rheumatismus, ja selbst »heftige Affectionen vom Centralnervensystem« (Dr. van der Burg) zur Folge haben. Nichts von allem diesen geschah mit mir. Es ist eine bekannte Erscheinung, bei heftigem Regenwetter eingeborene Knaben und Mädchen, selbst halb europäische und rein europäische Kinder von 4–5 Jahren, in Adams Toilette in den Pfützen herumlaufen und spielen zu sehen; selbst eine Deukalionsfluth schrickt keinen Eingeborenen ab, sei es Mann oder sei es Frau, in’s Bad zu gehen, auch wenn er z. B. viele Meter weit zum Fluss hinabsteigen muss, ja noch mehr. In der Regel gebraucht der Eingeborene kein Handtuch, trocknet sich nicht nach dem Bade ab, sondern lässt einfach den Sarong, in dem er das Bad genommen hat, fallen, zieht einen trockenen an und überlässt es den Sonnenstrahlen, das Trocknen des Körpers sofort zu veranlassen. Es ist andererseits kein Zweifel, dass der Europäer eine andere Constitution als der Eingeborene hat. Aber es ist im Auge zu behalten, dass in den Tropen die Temperaturunterschiede zwischen der Körpertemperatur und der des Regens nicht so gross als in Europa sind, dass die des Regens selbst viel höher ist und derselbe viel schneller als in den gemässigten Zonen verdunstet. Wenn auch durch das Bad und durch den Regen, welcher sich unter den Kleidern ansammelt, die Poren sich schliessen, weil durch die Verdampfung des Wassers Kälte erzeugt wird und diese die peripheren Blutgefässe sich retrahiren lässt, so dauert dieser Process nur kurze Zeit. Sobald die Verdampfung abgelaufen ist, erweitern sich wieder die peripheren Blutgefässe, und eine wohlthuende Wärme durchströmt die Haut. Wenn auch die »Erkältungstheorien« bis jetzt noch zu wenig erforscht und begründet sind, so wenig selbst, dass man sie noch nicht in den Rumpelkasten der veralteten Theorien verweisen kann, so bleibt es immerhin unerklärt, wie z. B. die Bacillen der Lungenentzündung unter oben angeführten Verhältnissen in den menschlichen Organismus eindringen sollten; eine solche Sündfluth kann unmöglich diese Mikroorganismen in die Luft schweben lassen. Man müsste nur annehmen, dass diese Krankheitserreger schon vorher in den Organismus eingedrungen waren und durch die Contraction der peripheren Blutgefässe mit der unterdrückten Transpiration den Körper nicht verlassen könnten.

Ich will mich jedoch in solche Theorien nicht weiter einlassen und mich auf die Mittheilung der Thatsache beschränken, dass in den Tropen ein Spaziergang im Regen, und selbst in dem stärksten Regen, bei gesunden Menschen ein nicht unangenehmes Empfinden erzeugt; ich will jedoch betonen, dass ich nur von gesunden Menschen spreche und nicht von Patienten, welche durch Fieber oder durch Darmerkrankung u. s. w. erschöpft und darum weniger widerstandsfähig sind.