Der große königliche Gräberfund.
Es geht ein wohlthuender, weil urmenschlicher Zug durch das gesamte Altertum, sowohl das klassische wie das nichtklassische, ein Zug, welcher uns noch heutzutage zur höchsten Dankbarkeit verpflichtet seiner historischen Folgen wegen: ich meine die Pietät der Alten gegen ihre Verstorbenen, eine Pietät, welche bei den Völkern der Vorzeit in den Vordergrund ihrer Anschauungen tritt. Sie bauten Gräber für ihre Toten, welche nicht darauf berechnet waren, nur eine kurze Zeit nach dem Tode fortzudauern und dann zu vergehen, sondern — nach den Mitteln, wie sie ihnen zu Gebote standen — sie führten wahre Grabdenkmäler auf, welche für eine lange Dauer hergerichtet waren. Sie betteten ihre Toten in diese Grabstätten und gaben ihnen alles dasjenige mit, was ihnen im Leben auf Erden lieb und wert gewesen war. Dieser Pietät verdanken wir heutzutage die Kenntnis alles dessen, was man mit dem Namen der Privataltertümer bezeichnet, freilich auch vieles Historische darunter, und wir haben dadurch Kenntnis von Details, von denen uns die Überlieferungen z. B. der Klassiker auch keine Spur hinterlassen haben. Es bewahrheitet sich auch hier das alte Wort, daß, wenn die Menschen schweigen, die Steine reden werden.
Wenn irgend ein Volk des Altertums sich in der Pietät gegen seine Toten auszeichnete, so waren es vor allen übrigen die Ägypter. Wir können während des Zeitraumes von vierzig Jahrhunderten, von den ältesten historischen, schriftlich vorhandenen Denkmälerepochen an bis gegen den Anfang unserer Zeitrechnung hin, diese Pietät verfolgen in allen Perioden ihrer Geschichte und in allen Landschaften des eigentlichen Ägyptens; wir haben Gelegenheit, diese Pietät jederzeit nachzuweisen, überall ihre Spuren aufzudecken und zu gleicher Zeit belebt zu finden durch das verständnisvoll geschriebene Wort.
Es gab bei den alten Ägyptern ein religiöses Gesetz, welches drei Forderungen an den sittlichen Menschen stellte. In erster Linie handelte es sich darum, die Götter zu preisen und ihnen zu danken, an zweiter Stelle die Menschen zu lieben und zuletzt als dritte Bedingung die Toten zu ehren. Praktisch übertragen lauteten dieselben Gebote: Alles zu thun im Leben, was den Göttern lieb und angenehm war; in Bezug auf die Menschen: zu spenden dem Hungrigen Brot, dem Durstigen Wasser, dem Nackten Kleider und den Verirrten auf den rechten Weg zu führen; in Bezug auf die Toten: schöne Gräber herzurichten und den Verstorbenen an den Festtagen des ägyptischen Jahres die regelmäßigen Totenopfer darzubringen. Und dieses letzte Gebot wurde in Ägypten in reichster und ausgedehntester Weise befolgt. Die Gräber sind zum Teil heute noch, wenn auch nur in Ruinen, vorhanden, aber selbst diese Trümmer sind bedeutsam genug, um uns einigermaßen eine Vorstellung von der Pracht und Herrlichkeit der Stätten der Toten zu gewähren. Damit hing zusammen, daß nach ägyptischer Anschauung die Häuser der Lebendigen nichts weiter sein sollten als Antichambres der Ewigkeit. Deshalb finden wir in Ägypten unendlich wenig Sorgfalt auf das eigene Haus, destomehr aber auf die „Wohnungen der Ewigkeit“, wie sie auf den Denkmälern heißen, d. h. auf die Gräber, verwendet.
Wenn heutzutage ein Reisender (ein wissenschaftlicher sowohl wie der gewöhnliche Tourist) seine Nilfahrt durch Ägypten zurücklegt und an den Hauptstellen, an welchen sich in der Altzeit große Städte befunden haben, die Altertümer, wie sie noch vorhanden sind, einer näheren Prüfung unterzieht, so drängt sich ihm unwillkürlich die Beobachtung auf, daß er eigentlich keine wertvollen Überreste von dem findet, was man heutzutage Städte, Häuser und Wohnungen nennt; daß die vorhandenen Altertümer sich nur beschränken: in erster Linie auf die Tempelbauten, in zweiter auf die zahlreichen Grabanlagen.
Ich bin im Zweifel und würde in Verlegenheit geraten, wenn ich irgend wo die Ruinen eines ägyptischen Königspalastes nennen sollte. Es sind keine vorhanden. Es giebt zwar Bauten, die aus Ziegeln aufgeführt sind (teils im Ofen gebrannt, teils nur durch Sonnenhitze getrocknet, häufig mit königlichen Namen gestempelt), sie sind ausgedehnt, können wohl Königspalästen angehört haben, aber es fehlen alle inschriftlichen Beweise, daß in der That dieses oder jenes derartige Gebäude ein wirklicher Königspalast gewesen war. Die Paläste, wären sie aus Stein ausgeführt gewesen, könnten doch nicht von der Erde ganz und gar verschwunden sein; denn dasselbe Material, aus dem z. B. Tempel und Gräber erbaut waren, war dauerhaft, weil es Jahrtausende überwunden hat. Es müßte also eine ähnliche Erhaltung auch bei den Königspalästen stattgefunden haben, wie es eben nicht der Fall ist. Mit einem Worte: wie die Alten melden und Augenzeugen es sahen, war das Wohnhaus, auch das Pharaos, nichts anderes als eine Herberge auf Erden, während das Haus der Ewigkeit, das Grab, die alleinige Stätte war, auf welche sich alle Sorgfalt der Erhaltung ausdehnte. Die Gräber selbst wurden nicht nur dauerhaft hergestellt, so daß sie Jahrtausende bestehen konnten, wie wir es in den Inschriften als Hoffnung ausgesprochen finden, sondern es war auch das jedem zugängliche Innere derselben wie eine heilige Kapelle mit bilderreichen farbigen Darstellungen und Inschriften geschmückt. Die Körper der Toten wurden in der Tiefe des Felsens am Ende eines Schachtes in eine stille, unzugängliche Kammer gelegt, aber ihr Grab, in auffallender Weise gleichsam häuslich zugerichtet. Man gab den Verstorbenen für die ewige Ruhestätte alles mit, was ihnen auf Erden lieb und wert gewesen war, außerdem eine reiche Auswahl von Talismanen und Totenschriften, wie das religiöse Gesetz es erforderte, und so ruhten die Mumien wohlverwahrt und geschützt, zumal in einem Klima, welches die Erhaltung des Körpers und der altertümlichen, oft sehr gebrechlichen Gegenstände in seiner Umgebung ungemein begünstigte. So haben wir heute Gelegenheit, da, wo man überhaupt noch Gräber vorfindet, in einer Weise die Pietät der Ägypter gegen ihre Toten kennen zu lernen, wie sie kaum sonst in der Welt mehr zu finden ist.
Wenn man von Ägypten spricht, muß man wohl unterscheiden, daß die Geschichte des Volkes, welches einst in diesem Lande glücklich gelebt, außerordentliches gewirkt und viel geschaffen hat, nicht nach Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden zählt. Wir müssen daher überall, wo wir Tempelbauten und Grabanlagen begegnen, auf Grund der ägyptischen Altertumskunde und Geschichte die vorhandenen Denkmäler der Vorzeit nach großen Perioden voneinander sondern. So auch in unserem Falle. Ich unterscheide in Bezug auf den Gräberbau, welcher sowohl die Königs- als auch Privatgräber betrifft, zwei Epochen: die der Pyramiden bauenden Könige (von Memphis) etwa von 3000–2000 v. Chr. und die der thebanischen Fürsten, welche um das Jahr 1800 beginnt und um das Jahr 1000 abschließt, etwa in den Zeitläuften, in welchen König Salomo regierte. Diese Epochen sind nicht nur zeitlich, sondern auch durch lokale Eigentümlichkeiten voneinander abgegrenzt, im engsten Zusammenhange mit den Terrainverhältnissen, je nachdem man in der Lage war, die Gräber auf dem glatten Boden der Wüste oder als Schachte in den Gebirgen (meist auf dem Westufer des Nils) anzulegen.
Die Gräber, welche der memphitischen Periode angehören — ich spreche zunächst von denen der Könige — wurden am Rande der Wüste in Pyramidengestalt erbaut. Der Zahl nach gegen siebzig, erstreckten sie sich auf einer Ausdehnung von zwanzig deutschen Meilen, gegenüber von Kairo, auf der linken (der libyschen) Seite des Nils in westlicher Richtung von dem arabischen Dorfe Gizeh beginnend bis in die sogenannte Landschaft des Fajum hinein.
Diese Königsgräber sind allen Lesern wohl bekannt. Es sind die viel genannten und viel besuchten Pyramiden. Schon die Alten wußten sehr genau, wenn sie auch in betreff der einzelnen Königsnamen sich bisweilen geirrt haben, daß die Pyramiden nichts weiter als Gräber der Könige waren. Sie beschreiben uns den Bau einzelner derselben, sie nennen uns königliche Namen und sie erwähnen Einzelheiten, welche beweisen, daß sie von den damaligen Ägyptern, aus einer verhältnismäßig späteren Periode, sagenhafte Erinnerungen empfingen, die sie uns getreu überlieferten. Aus diesen Traditionen geht im allgemeinen so viel hervor, daß ungeheure Menschenmassen damit beschäftigt waren, diese kolossalen Bauten aufzuführen, daß die arbeitenden Scharen schlecht genährt waren, daß die Könige, welche die größten Pyramiden hatten aufführen lassen, verachtet und gehaßt wurden und ähnliches, wie es die Überlieferung im Volke nach späten Jahren sich eben zurechtgelegt hatte.
Fassen wir zunächst die Pyramiden nach ihrem äußeren Erscheinen auf, so zeigt sich, daß sie in Bezug auf die Höhe in einem sonderbaren Mißverhältnisse zu einander stehen und damit im Zusammenhange auch in Bezug auf die Ausdehnung ihrer Basis.
Die Untersuchungen einzelner dieser Riesenbauten haben erwiesen, daß der Kern einer jeden Pyramide sich genau in der Mitte der ganzen Anlage befindet. Ebenso genau wurde im Centrum des Kernes die einfache viereckige Grabkammer angelegt mit Hilfe gewaltiger Monolithe (Kalkstein oder Granit), mit dem Granit-Sarkophage des betreffenden Königs an der westlichen Wandseite, und gedeckt mit einem Spitzdache, dessen Steine gleichfalls aus Werkstücken von ungeheurer Länge (3–4 Meter) bestanden. Diese kolossalen Werkstücke, oft zu zweien und dreien aufeinandergelegt, hatten den Zweck, die gewaltige Schwere der Steine, welche die Pyramide von der Spitze an bildet, entlasten zu helfen. In diese Kammer führt, und immer von nordwärts her, ein langer und schmaler Gang, und zwar zunächst in schräg laufender Richtung. Dieser wurde, nachdem die Leiche des Königs in die Pyramide hineingeschafft und in den Sarkophag gelegt war, durch einen mächtigen Fallblock ein für allemal abqesperrt. Auch dieser besteht aus einem behauenen einzigen Granitstein. Ging man weiter in die Pyramide hinein, so war da, wo ein zweiter wagrecht angelegter Gang, der bis in die Grabkammer führte, begann, ein zweites Thor, welches gleichfalls durch eine Granitfallthüre geschlossen wurde, nachdem man die Leiche eingesargt hatte und nach dem Ausgang zurückgekehrt war. Dieser Gang wurde bisweilen durch eine dritte Fallthüre für ewige Zeiten abgesperrt. Indessen ist sie bei einzelnen Pyramiden nicht allenthalben nachweisbar. Hatte man die Fallsteine heruntergelassen, so wurde da, wo sich der erste Fallstein am Haupteingange befand, die Pyramide durch darübergelegte Steinplatten in einer Weise ergänzt, daß eigentlich für diejenigen, welche die Stelle des Eingangs nicht genauer kannten, es eine reine Unmöglichkeit war, die Öffnung der Pyramide zu finden.
Ich verweise bei dieser Beschreibung auf die Pyramide, welche das Grab des Königs Phiops enthält und welche im März 1881 aufgedeckt wurde. Diese Pyramide ist, wie die Abbildung zeigt, zerstört; nur der untere Teil des Steinbaues ist erhalten. Sie zeigt die Urform einer Pyramide, wie sie sich aus einzelnen Beispielen als Typus feststellen läßt.
Die erste Pyramide war verhältnismäßig klein, d. h. sie hatte etwa eine Höhe von 80 Fuß. Lebte ein königlicher Erbauer längere Zeit und war es ihm gestattet — die Gräber wurden stets beim Regierungsantritte eines jeden Königs zu bauen begonnen — so ließ er einen zweiten Mantel herumlegen, etwa in einem Abstande von 5–10 Fuß von der Kern-Pyramide, dann einen dritten und vierten Mantel. Auf diese Weise erklärt sich das Gesetz, daß wenigstens im allgemeinen die Höhe der Pyramide im Verhältnisse zur Regierungsdauer ihres Erbauers steht. Die neuerlichen Eröffnungen der Pyramiden, von denen ich noch sprechen werde, haben außerdem ein zweites Gesetz feststellen lassen, daß nämlich die lokale Folge der Pyramiden von Norden nach Süden hin der chronologischen Folge der Könige entspricht, d. h. der älteste König hatte seine Pyramide im höchsten Norden errichtet und seine Nachfolger schlossen sich in der Richtung von Norden nach Süden an, wie sie eben in den Regierungen nacheinander herrschten. Das ist ein wichtiges Faktum in historischer Beziehung; denn es zeigt uns, daß die Entwickelung, die geschichtliche Aufeinanderfolge der Pyramiden, durch ein Gesetz geregelt war. Wie hier im kleinen, so zeigt sich auch im großen durch eine analoge Betrachtung, daß überhaupt der kulturhistorische Gang der ägyptischen Geschichte die Richtung von Norden nach Süden genommen hat. Wir besitzen die ältesten Denkmäler im Norden. Je weiter wir nach Süden fortschreiten, um so jünger werden die Denkmäler; die jüngsten befinden sich in Äthiopien, die Pyramiden von Meroë, die letzten und spätesten Ausläufer des altägyptischen Kulturdaseins in den Zeiten einheimischer Fürsten.
Diese Thatsache ist deshalb bemerkenswert, weil man noch immer die Frage aufstellt: Ist denn die ägyptische Kultur von Afrika gekommen? Ist sie eine echt afrikanische? Oder sind die Ägypter eingewanderte Völker, welche von Norden her über die Völkerstraße der Landenge von Suez kamen und nach dem Nilthale ein fremdes Kulturleben übertrugen? Die historische Folge der Denkmäler scheint der Einwanderung von Asien her das Wort zu reden.
So sehr man sich in einer gewissen Epoche unseres Jahrhunderts — ich meine die Dreißiger- und Vierzigerjahre — für den Bau der Pyramiden, für die innere Konstruktion derselben interessierte, so war es doch für die größere Zahl der Gelehrten ein trockenes Studium, und zwar deshalb, weil keine der damals geöffneten Pyramiden auch nur eine einzige Inschrift enthielt. Die Gänge, von denen ich vorher gesprochen habe, zeigten glatte Wände, die Grabkammern waren leer, der Sarkophag ohne Inschriften. Nur auf einzelnen Bausteinen fanden sich von der Hand der Schreiber hingemalte oder hingekritzelte Namen, welche vermutlich den betreffenden König, welcher in der Pyramide bestattet war, angeben sollten. Wir haben vier oder fünf solcher Namen gefunden, und daraufhin war man imstande, diesen wenigen Pyramiden ihren Erbauern nach historische Namen beizulegen.
Erst im Anfange des Jahres 1881, während meiner Anwesenheit in Ägypten — es ist in den Monaten Februar und März gewesen — wurden durch Araber, welche sich freiwillig dieser Aufgabe unterzogen hatten, mehrere Pyramiden geöffnet, unter ihnen drei, welche sich voller Inschriften befanden. Das Faktum war so außergewöhnlich und die Geduld so sehr auf die Probe gestellt, daß ich kaum die Minute abwarten konnte, in der es mir gestattet sein sollte, in die erste dieser Pyramiden einzutreten und die Texte mit eigenen Augen zu schauen. Und in der That waren die Gänge und die Grabkammer der Pyramide, welche hier in einer Abbildung vorliegt, mit Inschriften bedeckt, und zwar in einer Fülle von Inschriften, die mich auf das äußerste überraschte. Die Araber hatten den alten Eingang durch Steine versperrt gefunden und da die Pyramide oben zerfallen war, es weislich vorgezogen, die Blöcke des Spitzdaches zu durchbrechen und wie in einen Krater hineinzusteigen. Von oben her erreichten sie die Grabkammer, welchen Weg auch ich zu nehmen genötigt war.
Ein Königsgrab aus dem Alten Reiche. Vertikaldurchschnitt.
Ein Königsgrab aus dem Alten Reiche. Horizontaldurchschnitt.
1 Eingang. — 2 u. 4 Gänge. — 3 Fallthür. — 5 Grabkammer. — 6 Kammer mit dem Sarkophag.
Aber meine Hoffnung, in den grün ausgemalten Inschriften auf Texte zu stoßen, welche geschichtliche Überlieferungen enthielten, wurde arg getäuscht. Die einzige historische Beigabe gewährte der Name des Königs in Begleitung aller seiner Titel, welcher hier und in den übrigen von mir besuchten Pyramiden genau aufgeführt war. Auch der Sarkophag enthielt auf dem Deckel und an den Seiten Inschriften, welche wiederum nur Namen und Titel in aller Länge und Breite, wenn auch in schönsten hieroglyphischen Charakteren, enthielten. Nachdem ich die frisch geöffneten Pyramiden der Reihe nach untersucht hatte, konnte ich feststellen, daß die zahllosen Texte, mit welchen die Wände bedeckt sind, die wiederholten Abschriften eines einzigen großen Buches darstellen, welches von der zukünftigen
Reise des verstorbenen Königs im Jenseits handelt. Ich muß dabei bemerken, daß nach ägyptischer Anschauungsweise das Leben des einzelnen Menschen als Abbild des Sonnenlaufes angesehen ward. Die Seele ist ein Ausfluß des göttlichen Lichtstrahles, aufgefaßt in materieller Weise als Sonne. Der Sonnenstrahl, himmlischen Ursprungs, tritt in den Leib des geborenen Erdenkindes ein und nach der Auflösung des Körpers kehrt er zurück zur ewigen Gottheit, zum Urquell des Lichtes. Des Menschen Lebenslauf ist seinem Inhalte nach ein Stück Sonnendasein: der Mensch wird geboren im Osten und geht unter im Westen wie die Sonne. Nach seinem Tode, seinem Untergange im Westen, muß der menschliche Lichtträger dem Laufe der Sonne in der Nachtregion folgen, um am Ausgangspunkte im Osten sich mit der Gottheit zu vereinen und in das ewige Licht aufzugehen. Seine Wanderung nach diesem Ziele schlägt die umgekehrte Richtung des Lebenslaufes von Osten nach Westen ein. Von Westen nach Osten wandelnd, legt er die Reise der Toten zurück. Dies ist das Thema, der Grundtext mit seinen einzelnen Unterabteilungen, welcher in diesen Inschriften behandelt wird. Es kommen natürlich eine Menge Dinge dabei zum Vorschein, welche für die spezielle Wissenschaft der altägyptischen Lehre vom Dasein nach dem Tode von besonderem Nutzen sind, aber doch für die allgemeine historische Wissenschaft nur geringen Wert haben. Es werden z. B. Gestirne genannt, welche dem Verstorbenen auf seinem Wege von Westen nach Osten zu schauen vergönnt wird, es werden die unterirdischen Regionen und die Bewohner dieser himmlischen Nachtwelt beschrieben und vieles andere nebenbei in dunkler Sprache geschildert.
Wir können aus einer Vergleichung dieser Texte uns eine lehrreiche kritische Ausgabe des altägyptischen Buches von dem Glauben über das Jenseits nach dem Tode zusammenstellen.
Ist nach dieser Seite hin der Inhalt dieses Buches von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, so wird er außerdem bedeutungsvoll dadurch, daß zum erstenmale in diesem Buche große, zusammenhängende Stücke in einer Sprache vorliegen, von der wir sonst sehr wenig wissen, d. i. von der ältesten Gestalt der Sprache der Ägypter.
Als ich zunächst die Pyramide des Königs Phiops (gegen 3300 v. Chr) betrat und nach ihr eine zweite, welche seinem Sohne Mehti-em-saf angehört, fand ich, daß in früheren Zeiten Räuber in beiden furchtbar gehaust hatten. Es ist bekannt, daß die meisten Pyramiden heute geöffnet sind, es ist ebenso bekannt, daß nicht erst in neuerer Zeit diese Wiedereröffnungen vor sich gegangen sind, sondern daß schon Perser, Griechen, Römer und Araber versucht haben, die Pyramideneingänge meist mit großer Mühe und großem Kostenaufwande zu sprengen, um sich der von ihnen darin vermuteten Schätze zu bemächtigen. Wir wissen sogar die Namen zweier Kalifen aus dem neunten und elften Jahrhundert, welche die kostspieligen Zerstörungsarbeiten nicht gescheut haben, um bis zu der Sarkophagkammer vorzudringen, woselbst sie außer geringen Schätzen wenig vorgefunden hatten.
Als ich die Grabkammer der Phiopspyramide erreicht hatte, überzeugte ich mich sofort, daß die Pyramide bereits geöffnet, der Schatz gehoben und die Leiche beraubt und in Stücke zerbrochen worden war. Alles, was sich vorfand, war eine Hand und eine Masse von Leinwand, aber die letztere von einer solchen Feinheit, daß meine Araber in den Ausruf ausbrachen: „Di harir“, d. h.: „Das ist Seide“. Sie war in der That so zart und glänzend, wie Seide nur immerhin sein kann. Proben davon sind in einzelne Museen Europas gewandert.
In der zweiterwähnten Pyramide fand ich die Mumie des Königs auf dem Boden des Sarkophages, auf Steinen liegen, ein orientalisches Zeichen der Mißachtung. Die Mumie war beraubt. Sie gehörte nach meiner Untersuchung an Ort und Stelle einem jungen Manne an von ungemein feiner Muskulatur, mittlerer Größe, lockigem Haare und war vollkommen wohl erhalten. Neben dieser Mumie lag gleichfalls ein Haufen der ehemaligen Umhüllung, aus denselben feinen Stoffen bestehend, wie ich sie in der Pyramide des Phiops entdeckt hatte. Die Mumie wurde nach dem Museum in Bulak transportiert, wo sie sich gegenwärtig noch befindet.
Das ist der historische Gewinn, den die Eröffnung der beschriebenen Pyramiden in diesem letzten Jahre gegeben hat. Die Arbeiten werden gegenwärtig fortgesetzt und man hofft, vielleicht auf eine bisher nicht aufgebrochene Pyramide zu stoßen, deren Inhalt noch vollständig vorhanden sein wird. Vor allem richtet sich die Aufmerksamkeit auf die berühmte Pyramide von Meidum, die in der That noch nicht geöffnet zu sein scheint, aber so große Schwierigkeiten den Arbeitern entgegenstellt, daß man vielleicht ein Jahr brauchen wird, um auch nur einigermaßen darin vorzudringen.
Die Masse der Steine, welche zum Bau der Pyramiden gehörten und den Kern der Grabkammer umhüllen, ist so gewaltig, daß man sich keine Vorstellung machen kann, wie viel Steine zu einem derartigen Bau gehören. Ich will nur, um annähernd diese Steinmassen der Vorstellung begreiflich zu machen, eine Vergleichung anführen. Wenn man sich die größte Pyramide, die des Cheops, welche heute eine Höhe von 137 Meter hat, aus hohlem Blech geformt denkt, so würde man sie bequem über die Kuppel des St. Peter in Rom setzen können. Und wenn man ferner die Steine, welche den Inhalt dieser Pyramide bilden, zusammenfügen würde zu einer Mauer von 3 Fuß Höhe, so reichen die Steine dieser einen Pyramide aus, um eine Mauer um ganz Frankreich zu ziehen — und das ist doch gewiß eine Ausdehnung, welche erklecklich ist!
Privatgrab aus dem Alten Reiche.
a Kapelle. — b Schacht. — c Grabkammer. — d Sarkophag.
Wenn die alten Pyramidenkönige in dieser Weise ihre Gräber bauten, daß die eigentliche Grabkammer inmitten auf dem felsigen Boden der Wüste stand und daß zum Schutze derselben eine derartige Steinmasse aufgetürmt war, so lag dem Baue der Gräber von Privatleuten derselben Epoche ein anderes System zu Grunde. Der Privatmann, wenn auch vornehmen Ranges, konnte oder durfte sich keine Pyramide bauen. Andererseits sollten die Gräber vor Eröffnung bewahrt bleiben. — Es wurde mit Rücksicht darauf eine Anlage geschaffen, die ich in der Abbildung dargestellt habe, nach einem der erhaltenen Gräber in Ägypten. Es ist dies der Typus, welcher bei allen diesen Bauten wiederkehrt.
Es wurde zunächst ein tiefer Schacht in den Boden der Wüste eingegraben — die Wüste ist ja Felsboden — dann unten in diesem sogenannten Brunnen, der vertikal läuft, eine horizontale Kammer ausgemeißelt und dort der Sarkophag aufgestellt. Nachdem die Leiche eingesargt war, wurde die Kammer durch eine Steinwand, meist eine Ziegelsteinmauer abgeschlossen, so daß niemand mehr hineingehen konnte ohne Gewalt anzuwenden. Der ganze Brunnen wurde mit Geröll, Sand oder Schutt ausgefüllt und darüber eine Kapelle errichtet, die je nach der Stellung des Verstorbenen oder je nach den Wünschen der Familie mehr oder weniger geräumig war. Sie konnte aus einem Zimmer bestehen, aus einem Saale mit Säulen, aus zwei, drei, vier Gemächern, immerhin aber war sie so eingerichtet, daß die Nachkommen des Verstorbenen, seine Familie, hineingehen und über dem Grabe desselben, das tief in dem Felsen versteckt lag, die Gebete aussprechen und seinem Gedächtnisse die Totenopfer spenden konnten.
Das ist etwa, was über die älteste Pyramidenform und über die ältesten ägyptischen Gräber zu sagen ist. Ich komme nun zur zweiten Epoche, zur Epoche der thebanischen Könige.
Die ägyptischen Könige, welche die ersten zwölf Dynastieen bilden und deren Residenz in Memphis war, hatten abgewirtschaftet. Wir wissen nicht, wie es gekommen ist, aber das eine steht fest, daß nach Abschluß dieser ältesten Königshäuser des Menschengeschlechtes überhaupt plötzlich in Theben ein neues Reich erstand, die thebanischen Dynastieen umfassend, welche als die 17., 18., 19., 20., 21. Dynastie bezeichnet zu werden pflegen, daß man in der Residenzstadt Theben ein großes Reichsheiligtum gründete, den berühmten Tempel von Karnak — er ist noch heute in seinen großartigen Ruinen vorhanden — und daß die Könige nach herkömmlicher Weise beim Antritt der Regierung zunächst ihre Gräber zu bauen nicht unterließen (noch heute sind diese Königsgräber vorhanden).
Pyramiden konnte man nicht mehr errichten. Die Westseite Thebens ist eingeschlossen von hohen Gebirgen, es war daher kein Raum vorhanden, um Pyramiden im Maßstabe der alten Grabdenkmäler der memphitischen Könige aufführen zu können. Denn es rücken die Felsen im Westen so nahe an den Fluß heran, daß die Pyramiden die ganze Westseite der Stadt ausgefüllt haben würden. Aber selbst in diesem Falle würde die Höhe der nahen Bergwände den Eindruck der Pyramidenbauten abgeschwächt haben. Man wählte deshalb die Berge selbst als Gräberstellen und bohrte lange Schachte in einem Seitenthale des thebanischen Westgebirges, welches ausschließlich dazu bestimmt war, die Gräber der thebanischen Könige zu enthalten. Diese Schachte gehen tief in den Berg hinein, anfangs abwärts und dann in gerader Richtung in die Tiefe des Felsens. Ich liefere die ausführlichere Beschreibung eines dieser Gräber, das noch heute von den Reisenden besucht wird, weil durch eine wunderbare Fügung des Schicksals sein alter Plan uns erhalten geblieben ist, welchen der ägyptische Architekt, der mit der Ausführung dieses Grabbaues beauftragt war, auf einen Papyrus hingemalt hatte. Der Plan mit seinen Beischriften und Maßangaben ist fast vollständig erhalten. Die berühmte Papyrusrolle befindet sich im Museum zu Turin. Nach diesem Aufriß antiken Datums, der nur mit geringfügigen Ausnahmen mit dem vorliegenden Risse nach heutigen Aufnahmen übereinstimmt, folgen zunächst vier Korridore in gleicher Richtungsachse. Der erste, welcher den eigentlichen Eingang in das Grab bildet, ist von geringer Länge. Von ihm aus geht der Weg abschüssig bis zum vierten hin, für den bequemeren Transport des Sarkophages hergerichtet; dann folgt ein fünftes Zimmer, sonderbarerweise das „Wartezimmer“ benannt (in welchen man etwas warten soll, bevor man das folgende betritt); hierauf Zimmer sechs, in welchem der Sarkophag in der Mitte steht oder das Zimmer des „goldenen Saals“.
Ein Königsgrab aus dem Neuen Reiche. Vertikaldurchschnitt.
Ein Königsgrab aus dem Neuen Reiche. Horizontaldurchschnitt.
1–4 Korridore. — 5 Der Wartesaal. — 6 Der goldene Saal. — 7 Korridor. — 8 Die Schatzkammer.
Im Hintergrunde desselben erscheint eine neue Fortsetzung der saalartigen Räume als Nr. 7 oder das „Zimmer der Statuetten oder Statuen“ und zuletzt ein Zimmer (Nr. 8), die „Schatzkammer“. Die Namen dieser am Schlusse der Reihe aufgeführten Anlagen beweisen, daß man es hier mit bestimmten Gegenständen zu thun hat, die in den einzelnen Gemächern niedergelegt waren. Im Zimmer 6, dem „goldenen Saale“, befand sich meist alles, was dem Könige im Leben angehört hatte: sein Mobiliar, seine Waffen, seine Stöcke, seine Keulen, seine Peitschen, seine für Speise und Trank bestimmten Geräte u. s. w. Was er im Leben zum eigenen Gebrauch besessen oder getragen hatte, bis zu den Perücken hin, wurde nach seinem Tode in diese Grabkammer gelegt. In diesem selben Zimmer standen die Gegenstände um den Sarkophag herum, während die Leiche, in eingeschachtelten Holz- und Kartonsärgen liegend, mit Kränzen und Blumenzweigen bedeckt ward.
Im Zimmer 7, welches zwei Seitenkammern zeigt, befanden sich wahrscheinlich Statuetten und zwar jene bekannten Osiris-Statuetten, welche das Porträt des Königs trugen, aber den Gott Osiris darstellten. Wiederum ist er in dieser Auffassung mit der Gottheit identifiziert, nur mit dem Unterschiede, daß er in der Gottheit aufgegangen erscheint. Denn die Sonne als Gottheit heißt bei Nacht Osiris, bei Tage Râ. Das Zimmer Nr. 8 enthielt dem Anscheine nach kostbare Gegenstände, welche zum Schatze des Königs gehören mußten, ohne daß wir genauer wissen, welcher bestimmten Art sie waren.
Solche Gräber stehen heutzutage fünfundzwanzig offen; natürlich ist von dem ehemaligen beweglichen Inhalte derselben keine Spur mehr vorhanden. Alles ist vor langen Zeiten hinausgetragen worden, und zwar nicht erst durch die Römer und Araber, welche absichtlich oder zufällig die Gräber geöffnet hatten, sondern von den alten Ägyptern selbst. So groß die Pietät derselben gegen die Toten war, so konnte diese doch nicht verhindern — kommt es ja doch auch in unseren aufgeklärten Zeiten vor — daß sich Spitzbuben dahinter her machten, um die Königsgräber zu öffnen und die wohlgeborgenen Schätze zu stehlen. Diese traurige Thatsache, auch wo, wann und durch wen solches geschah, ist durch alte Prozeßakten auf Papyrus bezeugt, die noch heutzutage vorhanden sind. Sogar in Wien befindet sich ein dahin gehöriges Stück in der kaiserlichen Ambrasersammlung. Wir erfahren daraus, daß Diebe um das Jahr 1100 v. Chr. unter der Regierung eines Königs Ramses IX. einzelne der Gräber erbrochen hatten und Sachen aus der Grabkammer herausgenommen, ja selbst die königlichen Leichen nicht unangetastet gelassen, mit einem Worte Sacrilegia begangen hatten, wie sie durch die ägyptischen Gesetze auf das schärfste verboten und bestraft wurden. Darüber entspann sich ein großer Prozeß, die Diebe wurden verhört, es wurden Gerichtssitzungen gehalten und das Urteil gefällt. Das ist das älteste Beispiel von der Beraubung der Gräber in den ägyptischen Zeiten selber und von dem ausgedehnten Prozeß, der gegen die Diebe angestrengt wurde.
Es steht fest, als Strabo, der berühmte griechische Schriftsteller, Ägypten besuchte und nach Theben kam, standen in Theben vierzig Gräber der Könige offen da, in die man nach Belieben eintreten konnte.
Daß dies in der That der Fall war, wird heutzutage dadurch bewiesen, daß wir in den Königsgräbern über hundert griechische und lateinische Inschriften finden, welche von Reisenden der klassischen Zeit herrühren und anführen: an dem und dem Tage habe ich, der Sohn des und des, die Gräber besucht und habe an meine Frau und meine Kinder gedacht, oder irgend ein anderer Zusatz. Wir lernen daraus den Eindruck kennen, den der Anblick dieser merkwürdigen königlichen Grabstätten auf die Fremden ausübte, so daß sie beim Anblick dieser Pracht nicht umhin konnten, ihrer Familie und ihrer Freunde zu gedenken.
Heutzutage sind von vierzig Gräbern, die Strabo gesehen hat, nur fünfundzwanzig zugänglich. Es müssen also noch andere Gräber verborgen sein, welche seitdem verschüttet worden sind, um nicht hineinzudringen.
Da, im Juli 1881, ereignete sich folgendes: Man hatte vorausgesehen — man konnte ja nicht anders — daß der Inhalt jener Gräber, die heute offen stehen, schon in uralten Zeiten von Räubern gestohlen war, daß man sich aller jener Gegenstände bemächtigt hatte, die sich darin fanden, so daß wir jetzt natürlich keine Spur mehr von dem ehemaligen Inhalt dieser Gräber vorfinden würden. Könige, wie Ramses II., der berühmte Sesostris der Griechen, und seine Vorgänger und Nachfolger, waren längst in Staub zerfallen. Wer sollte ahnen, daß sie heutzutage noch in ihren letzten Resten vorhanden sein würden?
Schon vor sechs oder sieben Jahren hatten wissenschaftliche Reisende und meine Wenigkeit selber oftmals bei einem Besuche von Theben Gelegenheit, auf Altertümer zu stoßen, welche der verschiedensten Art angehörten und Inschriften trugen, die darauf hinwiesen, daß es sich hier um Könige handle, die in den Gräbern von Biban-el-moluk — so heißt dieses Totenthal im Munde der Araber — beigesetzt worden waren. Es kamen Namen der seltensten Pharaonen vor, am häufigsten auf den Osiris-Statuetten, welche sich auf die verschiedensten Könige der thebanischen Dynastieen bezogen, besonders auf die 21. der sogenannten Priesterkönige, von welchen massenhaft von mehreren Arabern nach rechts und links veräußert wurden. Ich selbst hatte Gelegenheit, bei einer Reise nach Oberägypten den Sargkasten und die Mumie eines Königs zu sehen, der dieser thebanischen Priesterdynastie angehören mußte. — Ich habe sogar flüchtig eine Kopie aufgenommen, konnte aber damals nichts thun, um herauszufinden, wer den Sarg verkauft habe und woher er stamme, da er sich im Besitze eines hohen Reisenden befand.
Es war im Juli 1881, als nach diesen Vorgängen infolge obrigkeitlicher Einmischung durch Drohungen und Versprechungen einem jener Araber das lang bewahrte Geheimnis abgedrungen ward. Er gab eine genaue Beschreibung des Fundortes der Gegenstände jenes königlichen Nachlasses und erklärte sich bereit, der ägyptischen Behörde den Zugang zu der kostbaren Fundgrube zu öffnen.
Aufgebahrte Mumie des Osiris.
Am 6. Juli 1881 wurde Herr E. Brugsch, mein jüngerer Bruder, und sein arabischer Sekretär Ahmed Effendi Kamal, gleich nach ihrer Ankunft in Theben, wohin sie sich auf Befehl des Chediws von Kairo aus begeben hatten, von dem eben erwähnten Verräter des Versteckes, welcher den glorreichen Namen Mohammed Ahmed Abd-er-rassul trägt, nach dem geheimnisvollen Orte geführt. „Der altägyptische Ingenieur, bemerkt Herr Maspero, der gegenwärtige Direktor des Museums von Bulak, welcher einst den Versteck in dem Felsengrunde hat ausmeißeln lassen, war bei seinem Unternehmen in der geschicktesten Weise verfahren; niemals wurde ein Versteck besser vor Entdeckung geschützt. Die Hügelkette, welche an dieser Stelle die Königsgräber von Bab-el-moluk von der thebanischen Ebene scheidet, bildet zwischen dem Assassif- und dem Thale der Gräber der Königinnen eine Reihe natürlicher Kessel, von denen der bekannteste derjenige ist, in welchem sich der Denkmalbau von Deir-el-bahari befindet. In der Felsmauer, welche Deir-el-bahari von dem nächsten Kessel trennt, genau hinter dem Schutthügel von Schech-Abd-el-Gurnah, etwa 60 Meter über der bebauten Ebene, hatte man einen senkrechten Brunnen von 11,5 Meter Tiefe gebohrt, bei einer Breite von 2 Meter. In der Tiefe des Brunnens, an der westlichen Wand, legte man die Öffnung zu einem Gange an, welcher 1,4 Meter breit und 80 Centimeter hoch ist. Nach einer Ausdehnung von 7,4 Meter wendet er sich plötzlich in die nördliche Richtung und läuft eine Strecke von ungefähr 60 Meter weiter, nicht immer mit Beobachtung der gleichen Maßverhältnisse. An gewissen Stellen erreicht er eine Breite von 2 Meter, an andern nur die von 1,3 Meter. Nach der Mitte zu bereiten fünf oder sechs schlecht ausgemeißelte Stufen auf eine deutlich wahrnehmbare Veränderung der Bodenhöhe vor. Nach der rechten Seite liefert eine Art unvollendet gebliebener Nische den Beweis, daß man einmal daran gedacht hatte, die Richtung des Ganges zu verändern. Der letztere führt schließlich zu einem länglichen viereckigen, unregelmäßigen Gemache von ungefähr 80 Meter Länge.
„Der erste Gegenstand, welcher Herrn E. Brugsch frappierte, als er bis zur Tiefe des Brunnens hinabgestiegen war, bestand in einem weiß und gelb ausgemalten Sargkasten, mit dem Eigennamen Nibsonu darauf. Er lag in dem Gange, ungefähr 60 Centimeter von der Eingangsöffnung entfernt. Ein wenig weiter davon traf er auf einen Sarg, dessen äußere Gestalt an den Stil der 17. Dynastie (um 1800 v. Chr.) erinnerte, dann auf den Sarg der Königin Tiua-hathor Honttaui und darnach auf den Sarg des Königs Seti I. Über den Särgen und auf dem Boden zerstreut lagen Kästen mit Totenstatuetten, Kanopen, Spendenkrüge aus Bronze, und ganz im Hintergrunde, in dem Winkel, welchen der Gang bei seiner Biegung nach Norden bildet, das Leichenzelt der Königin Isimcheb, zusammengefaltet und zerknittert, als ob es ein wertloser Gegenstand gewesen wäre, den ein Priester bei seiner Hast bald hinauszukommen, nachlässig in eine Ecke geworfen hätte.
„In dem großen Gange herrschte der ganzen Länge nach dieselbe ordnungslose Aufhäufung von Gegenständen. Man mußte kriechend vorwärts zu kommen suchen, ohne zu wissen, wohin man die Hände legte und die Füße setzte. Die Särge und die Mumien, bei dem matten Scheine eines Kerzenlichtes nur flüchtig und halbwegs erkannt, trugen geschichtliche Namen: Amenophis I., Thutmos II., in der Nische neben der Treppe: Ahmos I. und sein Sohn Siamon, Soknunra, die Königinnen Ahhotpu, Ahmos-Nofritari und andere. In dem Zimmer in der Tiefe hatte das Durcheinander seinen höchsten Grad erreicht, aber man erkannte beim ersten Blicke allenthalben den vorherrschenden Stil der 20. Dynastie. Der Bericht Mohammed Ahmed Abd-er-rassuls, der anfänglich übertrieben schien, war nur ein schwacher Ausdruck der Wirklichkeit. Wo ich zwei oder drei glanzlosen Kleinkönigen zu begegnen glaubte, hatten die Araber ein vollständiges Grabgewölbe von Pharaonen aufgegraben. Und von welchen Pharaonen! die vielleicht allerberühmtesten der Geschichte Ägyptens: Thutmos III. und Seti I., Ahmos der Befreier und Ramses II. der Eroberer. Herr E. Brugsch glaubte das Spielwerk eines Traumes zu sein, unversehens in eine ähnliche Gesellschaft hineinzufallen, und wie er, so frage ich mich immer noch selber, ob ich wirklich nicht träume, wenn ich sehe und berühre, was der Körper von so viel hohen Personen war, von denen man nur die Namen zu kennen glaubte.
„Zwei Stunden genügten für die erste Durchsuchung, darauf begann die Arbeit der Bergung. Dreihundert Araber wurden durch Vermittlung des Mudirs (Gouverneurs der Provinz) zusammengetrommelt und machten sich ans Werk. Der Dampfer des Museums, der in größter Eile verlangt wurde, war noch nicht angekommen; aber man hatte einen der Piloten, Rëis Mohammed, bei der Hand, auf welchen man zählen konnte. Er stieg in die Tiefe des Brunnens hinab und machte sich daran, den darin befindlichen Inhalt hervorzuholen. Herr Emil Brugsch und Ahmed Effendi Kamal übernahmen die Gegenstände, je nachdem sie aus der Erde hervortraten, trugen sie bis zum Fuße des Hügels und legten sie reihenweise nebeneinander hin, ohne in ihrer Überwachung einen Augenblick nachzulassen. Achtundvierzig Stunden energischer Arbeit waren erforderlich, um alles hervorzuholen. Aber die Aufgabe war nur zur Hälfte gelöst. Der Leichenzug der alten Pharaonen in ihren Särgen mußte seinen Weg mitten durch die thebanische Ebene nehmen, um jenseits des Nils bis zu dem Dorfe Luxor zu gelangen. Mehrere von den Särgen, welche zwölf bis sechzehn Männer kaum zu tragen vermochten, brauchten sieben bis acht Stunden von dem Gebirge aus bis zum Flusse. Dabei wird man sich leicht vorstellen können, was dieser Weg bei dem Staube und der Julihitze bedeuten mußte.
„Endlich gegen Abend des 11. Juli waren alle Mumien und Särge in Luxor bei einander, sorgfältig eingewickelt in Matten und Leinenzeug. Drei Tage später kam der Dampfer des Museums an. Nachdem die notwendige Zeit für die Verladung nach Bulak verstrichen war, kehrte er sofort mit seiner Fracht von Königen nach Bulak zurück. Und sonderbar! von Luxor an bis zur Stadt Kuft hin, auf beiden Uferseiten des Nils, folgten die Fellahfrauen mit aufgelöstem Haare und unter Klagegeschrei dem Dampfer und die Männer feuerten Flintenschüsse ab, wie es bei Leichenbegängnissen ihre Gewohnheit ist. Mohammed Ahmed Abd-el-russul hat sich 500 Pfund Sterling verdient und ich habe ihn zum Aufseher der Nachgrabungen in Theben ernennen zu müssen geglaubt. Wenn er dem Museum mit gleicher Geschicklichkeit dient, wie er lange Zeit hindurch demselben schlechte Dienste geleistet hat, so können wir noch auf einige schöne Entdeckungen hoffen. — Mit so thätigen und ergebenen Leuten als die sind, welche ich gegenwärtig habe, ist es mir wohl erlaubt, glaube ich, auf Erfolg im voraus zu rechnen. Die Energie des Herrn Emil Brugsch, den Schwierigkeiten und mehr als das, den wirklichen Gefahren der Lage gegenüber, ist keinen Augenblick ermattet. Weder er, noch Ahmed Effendi Kamal, haben sich bis jetzt von ihren Anstrengungen völlig erholt. Es ist mir angenehm, ihnen öffentlich für den ausgezeichneten Dienst zu danken, den sie dem Museum und der Wissenschaft erwiesen haben.“
Die nach dieser lebendigen Schilderung folgende allgemeine Beschreibung der gefundenen Altertümer giebt eine historische Übersicht der Funde, die in zwei große Klassen unterschieden werden. Zur ersten gehören ungefähr zwanzig Särge, zum größten Teil bereits im Altertume ausgebessert oder zerbrochen — sie lassen den Stil der 18. und 19. Dynastie erkennen — zur letzteren die Särge, welche ein gleichförmiges Äußeres zeigen und der 20. Dynastie entstammen. Ich lasse die Aufzählung der einzelnen nachstehend folgen.
Särge der ersten Gruppe:
1. Sarg des Königs Soknunra Tinaken der 17. Dynastie. Die Mumie des Königs (1,85 Meter lang) ist in einen groben Stoff eingewickelt, ohne eine sichtbare Aufschrift.
2. Sarg der Dame Raai, Amme der Königin Nofritari. Die Mumie ist aus demselben verschwunden und ersetzt durch den Körper der „Königin-Mutter Ansri“, eine Zeitgenossin des vorhergenannten Königs. Länge desselben 1,8 Meter.
3. Sarg des Königs Ahmos I. samt der Mumie (1,67 Meter lang).
4. Riesiger Sarg (3,17 Meter lang) der Königin Nofritari, Gemahlin des Königs Ahmos I., samt dem zugehörigen Einsatz. Mumie der Königin 1,68 Meter lang.
5. Sarg des Königs Amenhotpu I. (Amenophis) samt der Mumie. Letztere 1,65 Meter lang.
6. Sarg mit der Mumie des Prinzen Siamun, ältesten Sohnes des Königs Ahmos I. Länge der Mumie 0,9 Meter.
7. Sarg der Prinzessin Sitamun.
8. Sarg des „Majordomus der Königin“ Sonu, später für die Königin Miritamun bestimmt.
9. Sarg mit der Mumie der Prinzessin Sitka (1,58 Meter lang), zugleich als „Mutter eines Königs und als Schwester und Hauptgemahlin des Königs“ bezeichnet.
10. Sarg mit der Mumie der Königin Honttimhu, Tochter des Pharao Amenophis I.
11. Sarg einer Prinzessin Namens Mashonttimhu, vielleicht der Tochter der Vorhergehenden.
12. Sarg der Königin Ahhotpu. Länge der Mumie 1,56 Meter.
13. Sarg des Königs Thutmos I. mit der Mumie Königs Pinotem. Der Körper des Erstgenannten nicht mehr vorhanden.
14. Sarg und Mumie (1,77 Meter lang) Königs Thutmos II.
15. Kleiner Holzkasten, mit Elfenbein ausgelegt, auf den Namen der Königin Haitschepsu lautend.
16. Sarg und die in drei Stücke zerbrochene Mumie des großen Eroberers Thutmos III.
17. Sarg, ehemals die Mumie des Königs Ramses I. enthaltend. Letztere noch nicht wiedererkannt.
18. Sarg und Mumie (1,75 Meter lang) Königs Seti I., Vaters des großen Sesostris.
19. Sarg und Mumie (1,8 Meter lang) Pharaos Ramses II. — Sesostris der Griechen — Adoptivvaters des jüdischen Gesetzgebers Moses.
Außer diesen königlichen Särgen und Mumien sind mehrere andere von hohen Beamten gefunden worden, sowie eine Menge verschiedenartigster Gegenstände, welche derselben Periode angehören.
Die zweite Gruppe der königlichen Särge und Mumien gehören der 20. Dynastie an (1100–1000 v. Chr.), in welcher die „Oberpropheten des Amon“, der Lokalgottheit Thebens, sich auf den Thron gesetzt hatten. Es sind dies die sogenannten Priesterkönige, Zeitgenossen Davids und Salomos. Die aufgefundenen Särge und Mumien der verschiedensten Glieder dieser Priesterfamilie sind der Reihe nach folgende:
1. Sarg und Mumie der Königin Notemit (1,65 Meter lang).
2. Sarg Königs Pinotem, die Mumie darin 1,54 Meter lang.
3. Sarg des Oberpropheten und Generals Pinotem. Die Mumie 1,72 Meter lang.
4. Sarg und Mumie der Königin Tiua-hathor Honttaui (1,55 Meter lang).
5. Sarg und Mumie des Oberpropheten und Generals Masahirti (1,7 Meter lang).
6. Sarg und Mumie der Königin Makera (1,5 Meter lang) und ihrer bei der Geburt gestorbenen Tochter Mutemhat (0,42 Meter lang).
7. Sarg und Mumie der Königin Isimcheb (1,62 Meter lang).
8. Sarg und Mumie einer Sängerin des Amon (1,62 Meter lang), Namens Tanhirit.
9. Sarg des Richters und Schreibers Nibsoni.
10. Sarg der Prinzessin Nsi-chonsu (Mumie 1,66 Meter lang).
11. Drei Särge (eingeschachtelt) mit der Mumie (1,77 Meter lang) des Prinzen Zotptahefanch.
Schließlich drei Särge, deren einstige Besitzer sich nicht nachweisen lassen.
Während die Särge der ersten Gruppe fast gar keine Gegenstände des Totenkultus in ihrer Umgebung erkennen lassen, zeichnen sich die eben aufgezählten durch den Reichtum ihrer besonderen Ausstattung aus. Kisten voller Totenstatuetten, Spendenkrüge, Becher aus buntem Glase, Körbe voller Perücken, andere mit einbalsamiertem Fleische von Opfertieren, Früchte, Kanopen, Totenleinwand und vieles andere mehr ward neben und auf den einzelnen Särgen aufgefunden. Selbst eine einbalsamierte Gazelle, das Lieblingstier einer der Prinzessinnen, fand sich in einem Sargkasten in dem unterirdischen Verstecke vor.
Die sehr natürliche Frage, wie es komme, daß die Särge und Mumien der oben genannten Könige der ersten Gruppe, deren heute offen stehende Gräber von allen Reisenden in dem Königsgräberthale von Bab-el-meluk besucht und bewundert werden, in diesem unterirdischen Versteck neben den späteren Priesterkönigen der 20. Dynastie ihren letzten Ruheplatz gefunden haben, wird von Herrn Maspero scharfsinnig in einer Weise beantwortet, der man seine Zustimmung nicht versagen dürfte. Es ist bewiesen durch vorhandene schriftliche Zeugnisse, daß in den Zeiten der 20. Dynastie, zwischen 1200 und 1100 v. Chr., mit dem beginnenden Verfall der ägyptischen Großmacht die zunehmende Verarmung der einst so reichen Bevölkerung Thebens ganze Banden von Diebsgenossen erzeugte, welche es sich zur Aufgabe stellten, die Gräber der alten Könige zu öffnen, die Mumien derselben ihrer Schmucksachen zu berauben und die darin enthaltenen Gegenstände von Wert zu stehlen. Unter den letzten Ramessiden nahm diese Raublust bereits bedenkliche Dimensionen an. Die Diebe hatten sich in mehrere Gräber den Eingang zu verschaffen gewußt, daraus geplündert, was zu plündern war und selbst die Heiligkeiten der königlichen Leichen nicht geschont, indem sie dieselben in Stücke gebrochen oder mit sich fortgeschleppt hatten. Unter den Priesterkönigen stand das Diebsgewerbe in den Königsgräbern im höchsten Flor. Zeitweise wurden deshalb von den erwähnten Königen Kommissionen ernannt, welchen die Aufgabe zufiel, die Gräber zu untersuchen und die zerfallenen oder beschädigten Teile der Särge restaurieren zu lassen. Einzelne Inschriften auf den gefundenen Särgen der Könige der älteren Epoche bezeugen diese Thatsache ausdrücklich. Schließlich blieb nichts anderes übrig, als die Särge und Leichen der Pharaonen, welche sich in dem weit abgelegenen, schwer zu bewachenden Totenthale von Bab-el-moluk in ihrem ehemaligen Hypogeen befanden, nach der thebanischen Ebene zu überführen und sie in dem sehr wohlversteckten, wenn auch bescheidenen Familiengrabe der Priesterkönige in Deir-el-bahari ein für allemal vor Beraubung und Beschädigung zu schützen. Hier fanden die großen Pharaone mitten unter den einzelnen Mitgliedern der Familie der Priesterkönige drei Jahrtausende lang ihre Ruhestätte, bis auch sie wieder von den modernen Thebanern aufgespürt wurden, um zuletzt in gemeinsamer königlicher Gesellschaft die Wanderung auf dem Dampfer nach dem Museum in Bulak anzutreten.
Einer mehr als wunderbaren Fügung des Schicksals verdanken wir die Erhaltung und Auffindung der irdischen Überreste einer ganzen Reihe königlicher Personen, von denen mehrere durch ihren Ruhm die Welt erfüllt hatten und deren Gedächtnis bis zu den Zeiten des klassischen Altertums, wenn auch in sagenhaftem Gewande, treu bewahrt war. Ist auch der geschichtliche Gewinn, welcher mit diesem kostbaren Funde in Verbindung steht, kein so bedeutender, wie man ursprünglich zu erwarten berechtigt war, so müssen dennoch die aufgefundenen königlichen Leiber als geschichtliche Reliquien ersten Ranges gelten, denen sich der Sohn der Neuzeit nur mit höchster Achtung nahen sollte. Gegenüber den Mumien eines Thutmes III. und eines Ramses-Sesostris hört das Staunen auf und das Gefühl unbeschreiblichster Ehrfurcht tritt an seine Stelle. Alle Zeitunterschiede scheinen im Anblick jener leibhaftigen Gestalten wie ausgelöscht und man möchte den Historiker Lügen strafen, welcher erzählt, daß mehr als dreitausend Jahre uns von den Zeiten jener Könige trennen, deren Körper wir mit unseren Händen berühren.
Die Ägypter, wie ich zum Schlusse es noch ausführen möchte, waren durchaus keine Trappisten, wie man nach Schilderungen einzelner Schriftsteller des Altertums zu glauben berechtigt ist. Weil sie aber ein weises und kluges Volk waren, räumten sie der heiteren Seite des Daseins und den unschuldigen Freuden des Lebens einen weiten Platz neben dem Glauben an die feste Stütze ihrer Gottesverehrung und an die Fortdauer der menschlichen Seele nach dem Tode ein. Die fast übermütige Heiterkeit des Gemütes der alten Ägypter spricht sich deutlich in den Darstellungen und Inschriften aus, welche die Wände der Grabkapellen zu bedecken pflegten und welchen sämtlich der Gedanke zu Grunde lag, daß die Gottheit die Freuden des Daseins geschaffen habe, um sie während des Daseins zu genießen. Als der griechische Reisende Herodot um die Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. Ägypten besuchte und im Verkehr mit den damaligen Bewohnern des Landes vielfach Gelegenheit hatte, ihre Sitten und Gewohnheiten kennen zu lernen, entging ihm nicht die eigentümliche Art und Weise, in welcher sie selbst bei den Gastmahlen zum Genuß der Lebensfreude sich auffordern ließen. „Bei den Gastgeboten ihrer Reichen,“ so erzählt der Grieche, „trägt ein Mann, wenn sie abgegessen haben, in einem Sarge ein hölzernes Totenbild herum; das ist sehr natürlich bemalt und gearbeitet und ist gewöhnlich eine Elle groß oder auch zwei Ellen und zeigt es einem jeglichen der Gäste und spricht: Betrachte diesen und dann trink und sei fröhlich, denn wenn du tot bist, so wirst du sein gleichwie dieser. Also thun sie bei ihren Gastgelagen.“
Als der griechische Genius die leuchtende Fackel der Aufklärung schwang und eine neue Welt und ein neues geistiges Leben den uralten Glauben der ägyptischen Altvorderen zurückdrängte in die steinernen Denkmäler der Vorzeit, da fand die Lehre von der Zukunft des Menschen ihren herbsten und trübsten Ausdruck in der oftmals ausgesprochenen Überzeugung von dem Ende des Daseins nach dem Tode ohne die fröhliche Hoffnung auf ein Fortleben in der Welt des Jenseits. Die Ägypter waren irre geworden an ihrem Glauben, denn das griechische philosophische Wissen hatte den Zweifel in ihre Herzen eintreten lassen. Die Inschriften dieser Zeit gestatten uns bisweilen Einblicke in die veränderte Anschauung von dem Leben nach dem Tode, die uns durch Form und Inhalt noch heutigen Tages auf das höchste überraschen müssen. Ich erinnere vor allem an den Schwanengesang einer vornehmen, schönen und geistvollen Ägypterin Namens Taimhotep, die im Alter von dreißig Jahren im Jahre 42 v. Chr. zu Memphis als die Gattin des Oberpriesters Paschirenptah gestorben war. Ihr eigener Bruder Imhotep, ein gelehrter Priester von derselben Stadt Memphis, widmete ihr ein besonderes Denkmal, welches gegenwärtig in Paris aufbewahrt wird. Die auf demselben befindliche Inschrift legt gegen den Schluß der verstorbenen Dame die folgenden an ihren hinterbliebenen Mann gerichteten Worte in den Mund: „O, mein Bruder und mein Gatte und mein Freund, du Oberpriester von Memphis! Höre nimmer auf zu trinken und zu schmausen, dich zu berauschen in süßer Minne und fröhliche Feste zu feiern. Handle nach dem Wunsche deines Herzens und laß nicht eintreten die Bekümmernis in deine Seele, so viel der Jahre du noch auf Erden weilen wirst. Denn der Westen (die Stätte der Toten) ist eine Welt voll Schlaf und Finsternis, ein schwerer Sitz für die Toten. Sie schlummern darin in ihrer leibhaftigen Körpergestalt und wachen nicht auf, um ihre Geschwister zu schauen. Sie erkennen nicht ihren Vater noch ihre Mutter und leer ist ihr Herz von der Sehnsucht nach ihren Weibern und nach ihren Kindern. Das lebendige Wasser auf Erden ist für jeden bestimmt, welcher darauf lebt. Nur ich durste nach dem Wasser, welches zu dem kommt, der auf der Erde weilt. Ich durste und das Wasser ist mir nahe, aber ich vermag nicht mehr zu erkennen, wo ich bin, seitdem ich betreten habe diese Grabeswelt.
„Reiche mir Wasser, der du eintrittst, sprich zu mir: niemals bleibe dir fern das Wasser! wende mein Angesicht nach der Nordseite am Ufer des Stromes und laß sich abkühlen mein Herz in seinem Leide. Hier weilt ein Gott, dessen Name All-Tod-kommt lautet, denn er ruft alle zu sich und sie kommen zu ihm und geben ihre Seele dahin angsterfüllt vor seinem Schrecken. Nicht schaut er sie an, ob sie göttliche oder menschliche Wesen sind. Groß und Klein ist in seiner Hand und niemand vermag sich seiner zu erwehren.“
Die Inschrift mit ihrer Grabesmelancholie ist echt ägyptisch, denn ein gelehrter Priester von Memphis war ihr Verfasser, aber der alte Geist und der Glaube der ägyptischen Vorzeit spricht nicht mehr aus ihr. Tiefe Verzweiflung eines zerrissenen Herzens ist der Grundton des ganzen Textes, der sich an das Irdische anklammert, um die Qualen des Todes zu vergessen. Der Glaube der Väter war durch die griechische freie Forschung auf das ärgste erschüttert worden. Ägypten hatte damit den Todesstoß empfangen, der seinem geistigen Dasein ein jähes Ende bereitete. Nur die steinernen Inschriften und die erhaltenen Leiber der Vorfahren sind heutzutage die einzigen Zeugen, daß einstmals jener alte Glaube von der Kraft der vollsten Überzeugung gehalten und getragen ward. Und darin liegt die geistige Bedeutung der ägyptischen Funde.