Die großen Ramessiden.
Das in diesem Jahre ausgegebene Bulletin des ägyptischen Institutes zu Kairo (2. Folge Nr. 7) enthält das genaue Protokoll, welches in Gegenwart des Vicekönigs von Ägypten, seiner Minister und einer Anzahl hochgestellter Persönlichkeiten, darunter Sir Henry Drummond Wolf bei der Eröffnung der Mumien der Könige Ramses II. (des bekannten Sesostris der klassischen Schriftsteller) und Ramses III. aufgenommen und amtlich publiziert worden ist. Es trägt als Datum den 1. Juni 1886, 9 Uhr morgens.
Die erwähnten, zu Theben in Der-el-Bahari in einem Massengrabe entdeckten Mumien, welche heute zu Tage im Museum von Gizeh nebst den übrigen Mumien königlicher Herkunft aufbewahrt werden, tragen die Nummern 5229 und 5233. Eine Inschrift in schwarzer Tinte auf der äußeren Leichenumhüllung, in der Brustgegend, der Mumie Nr. 5233, setzte die Thatsache außer Zweifel, daß der einbalsamierte Körper wirklich der Person des weltberühmten Sesostris angehört habe. Das Protokoll fährt nach dieser Feststellung wörtlich fort: „Nachdem das Vorhandensein dieser Inschrift durch S. H. den Chediw und die Versammlung der hochgestellten Personen im Saale beurkundet war, wurde die erste Umhüllung beseitigt und man entdeckte nach und nach eine Zeugbinde von etwa 0,20 Meter Breite, mit welcher der Körper umwickelt war, darauf ein zweites genähtes Leichentuch, von Stelle zu Stelle durch schmale Streifen zusammengehalten, dann zwei Lagen von Binden und ein Stück feiner Leinwand, das vom Kopf bis zu den Füßen reichte. Eine Abbildung der Himmelsgöttin Nuit, ungefähr ein Meter lang, ist mit roter und schwarzer Farbe darauf gezeichnet, wie es das Ritual vorschreibt. Das Profil der Göttin ist dem reinen und zarten Profil Königs Seti I. (Vaters Ramses II.), wie es die Denkmäler von Theben und Abydus zeigen, bis zum Verwechseln ähnlich. Ein neuer Streifen befand sich unter diesem Schutzbilde, darauf eine Leinwandlage, welche viereckig zusammengelegt war und Flecken der harzigen Substanz zeigte, deren sich die Einbalsamierer bedient hatten. Als man dieselbe beiseite geschoben hatte, kam Ramses II. zum Vorschein.
„Er ist groß, wohl gebildet und von vollständigem Ebenmaß (1,72 Meter lang). Der Kopf ist länglich, doch klein im Verhältnis zum ganzen Körper. Der oberste Teil des Schädels liegt ganz bloß. Die Haare, spärlich an den Schläfen, verdichten sich nach dem Nacken zu und bilden förmliche glatte und regelrechte Flechten von etwa 0,05 Meter Länge. Weiß im Augenblick des Todes, haben sie durch den Einfluß der Spezereien eine hellgelbe Farbe angenommen. Die Stirn ist niedrig, schmal, die Augenbrauen treten im Bogen hervor, das Auge ist klein, die Nase lang, dünn, gradlaufend wie die Nase der Bourbonen, leicht eingepreßt durch den Druck bei der Umwickelung, die Schläfen sind hohl, der Backenknochen hervorspringend, das Ohr rund und vom Kopf abstehend, die Kinnlade stark und mächtig, das Kinn sehr lang. Der breit gespaltene Mund ist von dicken, fleischigen Lippen eingefaßt; er war mit einer schwarzen Masse angefüllt, von welcher ein mit dem Meißel abgelöster Teil einige sehr abgenutzte und bröcklige, aber weiße und wohl gehaltene Zähne erkennen ließ. Der dünne und während der Lebenszeit sorgfältig rasierte Bart war während der letzten Krankheit oder nach dem Tode gewachsen; die einzelnen Haare, weiß wie das Kopfhaar, aber hart und stachlig, sind zwei bis drei Millimeter lang. Die Haut ist von erdfahler gelber Färbung, mit schwarzen Flecken darauf.“
Alles zusammen genommen giebt das Gesicht der Mumie eine deutliche Vorstellung von dem Gesicht des lebenden Königs: ein wenig intelligenter Ausdruck mit einem leichten Anflug von Bestialität, aber Stolz, Eigensinn und ein Aussehen souveräner Majestät, welches noch unter der Einbalsamierungsschicht hervorbricht. Der übrige Teil des Körpers ist nicht weniger gut erhalten als der Kopf, doch hat die Verminderung der Fleischmasse das äußere Aussehen desselben weit beträchtlicher verändert. Der Hals hat nur noch den Durchmesser der Wirbelsäule. Die Brust ist breit, die Schultern sind hoch, die Arme über die Brust gekreuzt, die Hände fein und mit der Hennepflanze rot gefärbt, die Nägel sehr schön, bis zum Fleische hin beschnitten und so sorgfältig gehalten wie die einer eleganten Dame. Schenkel und Beine sind eingetrocknet, die Füße lang, dünn, etwas platt und wie die Hände mit Henne gefärbt. Die Knochen sind schwach und gebrechlich, die Muskeln infolge des zunehmenden Greisenalters geschwunden; man weiß in der That, daß Ramses II. viele Jahre lang mit seinem Vater Sati I., 67 Jahre allein regierte und somit beinahe als Hundertjähriger sterben mußte.
Die Aufwickelung und Untersuchung der Mumie des Königs hatte kaum eine Viertelstunde Zeit in Anspruch genommen. Nach einer Pause von wenigen Augenblicken wurde gegen 10 Uhr die Mumie Nr. 5229 aus ihrem Glasbehälter herbeigeholt. Sie war in sauberer Weise mit einem orangefarbigen Zeugstoff umhüllt, der durch Binden aus gewöhnlicher Leinwand zusammengehalten war. Sie trug keine sichtbare Inschrift, man erblickte nur um den Kopf herum eine mit mystischen Figuren bedeckte Binde. Nach Beseitigung des orangefarbigen Stoffes gewahrte man auf dem Leichentuche aus weißer Leinwand, welches unmittelbar darunter lag, eine vierzeilige Inschrift: „Im Jahre 13, am 28. des zweiten Sommermonats, an diesem Tage kamen der erste Prophet des Götterkönigs Ammon Namens Pinotem, Sohn des ersten Ammonspropheten Pionch, der Tempelschreiber Zosersuchonsu und der Schreiber der Totenstadt Butehamon, um den verstorbenen König Usirmari-Mianum (Ramses III.) in seinem ehemaligen Zustand wieder herzustellen und ihn in Ewigkeit hin dauernd zu erhalten.“ Was man anfänglich für eine Königin (Nofritari) gehalten hatte, war somit die Leiche Ramses III. Nach Aufklärung dieses Punktes wurde Ramses III. auf seine Füße gestellt und in seiner Wickeltracht photographisch abkonterfeit. So kurze Zeit die Aufnahme erforderte, so lang erschien sie den gespannten Zuschauern. Die Aufwickelung eines der großen Eroberer der ägyptischen Geschichte begann inmitten allgemeiner Ungeduld. Alle hatten ihre Plätze verlassen und drängten sich unterschiedslos an die Operateure heran.
Drei Bindelagen verschwanden schnell, dann bereitete eine mit Pech durchtränkte Lage von zusammengenähtem Cannevas ein Hindernis, das mit Hilfe des Meißels beseitigt wurde. Mitten durch die entstandenen Öffnungen waren neue Zeuglagen sichtbar. Die Mumie schien sich endlich unter den Händen aufzuschälen. Einige Leinwandstücke trugen Darstellungen und Inschriften mit schwarzer Tinte: der Gott Amon sitzt auf seinem Throne und eine Zeile Hieroglyphentext darunter belehrt uns, daß eine fromme Person der Zeit oder eine Prinzessin aus königlichem Blute sie habe herstellen und anbringen lassen. Die Inschrift lautet: „Von der Sängerin des Götterkönigs Amon, des Sonnengottes Faïlâ-atuimut, der Tochter des ersten Amonspropheten Piônch, auf daß der Gott ihr Leben, Gesundheit und Stärke schenken möge.“ Zwei Brustschilder lagen in den Falten des Zeugstoffes versteckt. Das erste, aus vergoldetem Holze, zeigte nur die gewöhnliche Darstellung der Göttin Isis und Nephthys, welche die Sonne anbeteten. Das andere war aus reinem Golde und gehörte Ramses III. an. Eine letzte Schicht aus verpichtem Cannevas, ein letztes Leichentuch aus rotem Zeugstoff und die lebhafteste Enttäuschung malte sich in den Zügen aller Umstehenden: das Gesicht war in eine feste Masse von Teer getaucht, welche das Erkennen des Gesichts unmöglich machte. Um 11 Uhr 20 Minuten verließ der Chediw den Saal.
Die Operationen wurden am Nachmittag desselben Tages wieder aufgenommen und am Morgen des 3. Juni fortgesetzt. Eine neue Untersuchung der Binden ließ Inschriften auf zweien unter denselben erkennen. Die eine datiert vom Jahre 9, die zweite vom Jahre 10 des Oberpriesters Amons und Königs Pinotmu I. Das Pech, von einem Bildhauer am Museum durch vorsichtige Meißelhiebe losgelöst, verschwand allmählich. Die Züge sind weniger gut erkennbar als die Ramses II.; man kann indes bis zu einem gewissen Punkte das Porträt des Eroberers wieder zusammenstellen. Kopf und Gesicht sind fast vollständig abrasiert und zeigen keine Spur von Haar oder Bart. Die Stirn, ohne weder sehr breit noch sehr hoch zu sein, hat bessere Verhältnisse als die Ramses II.; der Bogen der Augenbrauen ist weniger stark, die Backenknochen springen weniger hervor, die Nase ist weniger gekrümmt, Kinn und Kinnbacken weniger schwer. Die Augen waren vielleicht größer, aber man kann nichts darüber fest behaupten. Die Augenlider waren ausgerissen gewesen, die Höhlung ausgeleert und nachher mit Lappen ausgefüllt. Das Ohr steht weniger vom Schädel ab als bei Ramses II., es ist durchbohrt zum Tragen von Ohrgehängen. Der Mund ist über Gebühr groß, die dünnen Lippen lassen weiße und gute Zahnreihen erkennen; der erste Backzahn auf der rechten Seite scheint halb zerbrochen oder schneller abgenutzt als die andern gewesen zu sein. Der starke und muskulöse Körper gehört einem Manne von 60 oder 65 Jahren an. Die runzelige Haut bildet hinten am Nacken, unter dem Kinn, an den Hüften und an den Gelenken außerordentlich große Falten, welche übereinander gelagert sind; der König war im Augenblicke des Todes fettleibig.
Kurz, Ramses III. gleicht einer Nachahmung Ramses II. in verkleinertem und weicherem Maßstabe; die Physiognomie ist feiner, überhaupt intelligenter, aber der Wuchs ist weniger hoch, die Schultern weniger breit, die Stärke war geringer. Was er selbst der Person Ramses II. gegenüber, das ist seine Regierung der Regierung Ramses II. gegenüber: Feldzüge, nicht mehr auswärts, in Syrien oder Äthiopien, sondern an den Mündungen des Niles und an den Grenzen Ägyptens, Bauten, aber in schlechtem Stil und eilig ausgeführt, ein frommes Gepränge, aber mit weniger Mitteln, eine unbändige Eitelkeit und ein solches Verlangen es in allem seinem berühmten Vorgänger nachzuthun, daß er selbst seinen Söhnen und beinahe in derselben Reihenfolge die Namen der Söhne Ramses II. gab.
Die Mumien beider Könige befinden sich gegenwärtig in ihren Särgen in einem Glaskasten des Museums von Gizeh in der Nähe von Kairo. Das Gesicht liegt frei und die berühmten Könige und Eroberer, deren Kriege und Siege im vierzehnten und dreizehnten Jahrhundert vor dem Beginn unserer Zeitrechnung die Wände ihrer noch erhaltenen Tempel in Theben schmückten, müssen es sich gefallen lassen, von neugierigen Reisenden als merkwürdige Antika betrachtet zu werden.