Der Hypnotismus bei den Alten.
Der Hypnotismus oder die Kunst geeignete Personen in Schlaf zu versetzen und sie in diesem Zustande zu Handlungen zu bewegen, welche von dem ausgesprochenen Willen des Hypnotiseurs abhängig sind, hat in den neuesten Zeiten durch öffentliche Schaustellungen die allgemeine Aufmerksamkeit im höchsten Grade auf sich gezogen. Die Meinung, daß bei den Versuchen in kleineren und größeren Kreisen ein verabredetes Einverständnis zwischen den beteiligten Personen vorliege, ist durch die Thatsachen vollständig widerlegt worden, und seitdem die medizinische Wissenschaft, auf Grund strenger Prüfungen und wiederholter Experimente, die Thatsachen ihrerseits bestätigt hat, sind die Zweifel daran als unberechtigt angesehen worden.
Man hat sich bei dieser Gelegenheit mit Recht daran erinnert, daß schon in den vorangehenden Jahrhunderten, man braucht nur an Mesmer und den Mesmerismus zu denken, ähnliche Erscheinungen festgestellt worden sind, die freilich auf übernatürliche Ursachen zurückgeführt wurden und die Träger der geheimnisvollen Kraft geradezu in den Ruf von Geisterbeschwörern brachten. Der bekannte Abenteurer Graf Cagliostro, welcher sein Unwesen in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in den Hauptstädten Europas trieb, in Rom zum Tode verurteilt wurde, jedoch begnadigt im Jahre 1795 im Fort San Leon als Gefangener starb, kann als der Typus dieser sogenannten Wundermänner angesehen werden. Man ist noch weiter zurückgegangen und hat die Vermutung ausgesprochen, daß bereits dem Altertum dieselben Erscheinungen nicht unbekannt gewesen seien, indem man gewisse Arten von Orakeln und den Tempelschlaf mit dem Hypnotismus in unmittelbaren Zusammenhang setzte. Die in den letzten Zeiten öffentlich ausgesprochenen Ansichten darüber haben in der That vieles für sich, aber die Schlüsse sind nur allgemeine, denn sie gehen von den überlieferten Erscheinungen aus, deren nicht überlieferte, absichtlich oder unabsichtlich verschwiegene Ursache den Ursprung derselben verdunkelt, d. h. den vorausgesetzten Zustand hypnotisierter Menschen, wie er heutigestags selbst von den wissenschaftlichen Größen zugegeben wird.
Ich bleibe beim Altertume stehen, um die Beweise zu liefern, daß man wirklich einzelne Individuen in Schlaf zu versetzen vermochte, um sich derselben als Medien zu bedienen und durch sie eine Verbindung zwischen einer übernatürlichen Welt mit der sinnlichen herzustellen. Die Thatsache wird durch den Inhalt einer langen Papyrusrolle erwiesen, welche in ägyptischer Volksschrift abgefaßt und mit vielen griechischen Beischriften versehen ist. Nach dem Urteile gelehrter Forscher fällt ihre Abfassung in die Mitte des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, in welchem die sogenannte Gnosis in vollster Blüte stand und die Anhänger derselben, die Gnostiker, je nach dem Gründer und dem Systeme ihrer Schule, sich bemühten, die heidnischen Mythen und die Gottheiten und Dämonen, vorzüglich der ägyptischen und syrischen Tempelwelt, mit dem Christentum zu verquicken und auf diesem verkehrten Wege in die Tiefen der Erkenntnis von Gott und Welt einzudringen. Die hinterlassenen Schriften der Gnostiker, welche sich vor allem an die Namen der Stifter der einzelnen Schulen und berühmter Theosophen wie Marcus, Valentin, Basilides, Jamblichus knüpfen, lassen ein ganzes Geisterreich erkennen, in welchem die Dämonen wie gehorsame Diener und Vermittler zwischen dem „großen Gotte“ und dem Anhänger der Gnosis auftreten. Durch geheimnisvolle Mittel, auch die schrecklichsten Drohungen gehörten dazu, wurden sie gezwungen zu erscheinen und den Willen des Beschwörenden auszuführen.
Mystische Namen und Titel spielten hierbei eine bedeutende Rolle und dieselben, ihren gemalten oder geschnittenen Bildern beigefügt, galten als Schutzmittel gegen alles Unheil. Die in den europäischen Museen aufbewahrten gnostischen Steine können noch heutigestags als beredte Zeugen jener wunderlichen Lehren dienen, welche genaue Vorschriften über die Ausführung derartiger Talismane enthalten. So sollte z. B. ein goldener Ring von ganz besonderer Wirkung sein und vor jedem Unglück bewahren, an welchem ein Jaspis gefaßt war, der das geschnittene Bild einer Schlange zeigte, die sich in den eigenen Schwanz biß, darüber die Sonne, zwei Sterne und den Mond und daneben die drei Namen Abrasax, Jao und Sabaoth. Selbst jüdische Gottesgelehrte und christliche Bischöfe standen nicht an, der Dämonenlehre ihren Beifall zu schenken, denn sie spielen in ihren Äußerungen und Schriften bei passender Gelegenheit häufig darauf an. Die Gnostiker schienen niemals in Verlegenheit zu sein, um selbst das Unmöglichste zu erreichen. Es gab förmliche Rezepte um glücklich zu sein, um Gegenliebe zu gewinnen und Haß hervorzurufen, um Träume zu haben und Träume zu senden, mit einem Worte, um jeden Wunsch in Erfüllung zu bringen. Sie legten damit den eigentlichen Grund zu dem im Mittelalter allgemein verbreiteten Glauben an eine höhere Magie und wenn in ihren Schriften auch keine Vorschriften darüber enthalten sind, wie man schlechte Metalle in Gold verwandeln könne, so sind die Rezepte in den gnostischen Schriften um so zahlreicher, welche von der Mischung der Metalle handeln und chemische Prozesse berühren.
Die Alchimie, die Mutter unserer Chemie, ging mit der Magie Hand in Hand und es setzt in Erstaunen, mit welcher Auswahl von Mitteln man das gesteckte Ziel zu erreichen glaubte. Selbst die Heilkunde wurde in das Bereich der gnostischen Schulen gezogen. Die Beweise dafür liegen in derselben Papyrusrolle vor, mit welcher ich mich gleich näher beschäftigen werde. Es fehlt z. B. nicht an Rezepten, um das Blut zu stillen, nicht an anderen, welche sich auf die Beseitigung von Ohren-, Augen- und Fußleiden beziehen, auch nicht an Beschreibungen von Pflanzen und Mineralien, welche auf das Gebiet der materia medica verweisen. Die Gnosis umfaßte eben die Erkenntnis der Dinge in ihrem letzten Grunde und ihre Verbindung mit dem Namen „des großen Gottes“, unter welchem das Dämonenreich als Vermittler mit dem Anhänger der Gnosis stehend angesehen wurde. Der Hypnotismus gehörte zu den wirksamsten Mitteln, um diese Verbindung herzustellen und auf dem Gebiete der Wünsche und des Wissens die wirksamsten Erfolge zu erzielen.
Der ägyptische Papyrus, von dem ich am Eingange gesprochen habe, ist seit dem Jahre 1829 Eigentum des Museums (eingetragen als Pap. A. Nr. 65) in der niederländischen Universitätsstadt Leiden. Er ward in Theben entdeckt und gelangte durch Ankauf in den Besitz jener Sammlung. Seine Länge beträgt 3,14 Meter, seine Höhe 25 Centimeter. Von beiden Seiten mit zierlichen Schriftzügen in enger Zeilenfolge bedruckt, hat er beim Aufrollen den Anfang eingebüßt. Es sind deutliche Spuren vorhanden, daß sich der ehemalige Besitzer desselben häufig bedienen mußte, denn er ist abgegriffen und danach zu urteilen sein Inhalt häufig gelesen worden. Der Name des Verfassers oder selbst nur der des Abschreibers oder Besitzers ist nirgends zu entdecken. Vielleicht stand er am Anfange und ist bei der Zersplitterung der ersten Seite verloren gegangen. Daß er für ägyptische Gnostiker bestimmt war, darüber läßt die Sprache und selbst auch der Inhalt, insofern er die Namen von ägyptischen Gottheiten wie Osiris, Isis, Horus, Anubis, Seth u. a. m. berührt, keinen Zweifel übrig.
Unter den mannigfaltigen Vorschriften, welche größtenteils in Gestalt von Beschwörungen und Zaubermitteln den Inhalt des langen, merkwürdigen Schriftstücks bilden, befinden sich auch solche, welche auf die Erscheinung von Dämonen hinauslaufen. Die Geister werden auf geheimnisvolle Weise gerufen und genötigt, Antwort auf gestellte Fragen zu geben. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, daß sie nicht erscheinen wollen oder eine ungenügende Antwort oder gar keine Antwort erteilen. Für diesen möglichen Fall wird außer der Grundformel eine andere Beschwörung empfohlen oder selbst eine dritte und vierte, die eine unfehlbare Wirkung erzielen sollte.
Der Beschwörende, welcher die vorgeschriebenen Worte herzusagen hat, unter welchen bekannte und unbekannte Namen aus allen möglichen Sprachen als eigentlicher Mittelpunkt der Zauberei dienen, führt sich selbst unter der Bezeichnung irgend einer Gottheit auf, um den zitierten Dämon zu veranlassen, den ihm erteilten Befehl auszuführen. „Ich bin Horus,“ so sagt er z. B. an einer Stelle, „der Bruder (sic) der Göttin Isis, geboren von Isis, der herrliche Knabe, welchen Isis liebt und welcher nach seinem Vater Osiris-Onnofer begehrt“. Dem Dämon wird somit die Täuschung zugemutet, als sei der Beschwörende der ägyptische Gott Horus in eigener Person, um seiner Dienstfertigkeit einen besonderen Nachdruck zu geben und seine etwaige Widerspenstigkeit durch das Gewicht der Autorität zu brechen. Den Zweck der Beschwörung bildet in einer ganzen Reihe von Beispielen, wie gesagt, die Absicht, den citierten Geist zu zwingen, auf gewisse Fragen Rede zu stehen.
Als notwendigster Apparat zu der Zauberei gehörte eine Zauberschale und eine neue Lampe aus Metall oder Thon, in welcher sich Öl und ein neuer Docht befinden mußte, ferner zwei neue Kisten, welche, nach ihrer Verwendung zu urteilen, als Stühle dienten, und schließlich ein reiner, unschuldiger Knabe. Das Kind vertrat die Stelle des Mediums, und aus seinem Munde vernahm der Beschwörer, ob der gerufene Dämon oder die Dämonen zur Stelle waren, zugleich auch ihre Geneigtheit, die betreffenden Fragen zu beantworten.
Aus den Beispielen, von denen ich mehrere unten in deutscher Übertragung vorgelegt habe, wird der Leser eine Vorstellung über die weiteren notwendigen Vorbereitungen gewinnen. Der Hauptakt der Handlung bestand zunächst darin, das Kind zu hypnotisieren oder, wie der ägyptische Text sich öfters wörtlich ausdrückt, „zu veranlassen, daß es seine Augen schließe“. War dies erreicht worden, so rief es der Beschwörer wieder wach oder, wie es im ägyptischen Stile heißt, „er veranlaßte, daß es seine Augen öffne“. Das Kind mußte sagen, was es (im Schlafe) gesehen und gehört habe, und damit war der Zweck der vollzogenen Beschwörung oder Hypnotisierung erreicht.
Das „reine unschuldige Kind“ spielt in allen Beispielen die Rolle des Mediums; weshalb? läßt sich leicht behaupten, da ein griechischer Schriftsteller (Plutarch), welcher über ägyptische Glaubenslehren ein ganzes Werk niedergeschrieben hat, ausdrücklich versichert, daß die Ägypter den kleinen Kindern (Paidaria) eine wahrsagende Kraft beilegten und als Vorzeichen besonders die Ausrufungen nähmen, die sie beim Spielen in den Tempeln zufällig hören ließen.
Die von mir beschriebene Handlung fand gewöhnlich in einem sauber ausgewaschenen und abseits gelegenen Zimmer des Hauses statt, welches von der angezündeten Lampe erhellt wurde. Nur der Beschwörer und das Kind waren die einzigen gegenwärtigen Personen. Aber auch an die Sonne und den Mond konnten von der höchsten Stelle im Hause, also vom Dache aus, die Beschwörungen gerichtet werden, wobei wiederum das Kind die Rolle des Mediums übernehmen mußte.
Mit diesen notwendigen Erklärungen vertraut, wird der Leser sich in der Lage befinden, ohne Schwierigkeit die nachfolgenden Beispiele zu verstehen, welche ich dem Papyrus des Leidener Museums entlehnt und in wortgetreuer deutscher Übersetzung wiedergegeben habe.
„Nachdem du eine neue Lampe gebracht hast, in welche man keine rotfarbige Erde hineingethan hatte, so ziehe einen sauberen (d. h. frischen) Docht ein und fülle sie mit dem besten und reinsten Öle. Stelle sie in ein abseits gelegenes Zimmer, das mit Seifenwasser gereinigt worden ist. Stelle sie auf einen neuen Kasten, bringe ein Kind herbei und lasse es seinen Platz auf einem andern neuen Kasten einnehmen, der Lampe gegenüber. Laß den Schlaf über sein Auge kommen und sprich über es das, was oben geschrieben steht (nämlich eine längere Beschwörungsformel mit einer Menge wunderlicher Namen) zu sieben Malen. Hast du es wieder erweckt, dann sage zu ihm: „Sahst du das Licht?“ Antwortet es: „Ich sah kein Licht vom Lampenschein,“ so rufe sofort den Namen Heue aus, zu sieben Malen, und befrage es nach allem, was du willst.“
„Hast du eine saubere und geputzte Lampe herbeigebracht, in welche man weder rote Farbenerde noch Gummiwasser hineingethan hatte, so fülle sie mit dem besten Öle oder auch mit ätherischem Öle. Umwickle sie mit vier unangebrannten Zeugstreifen und hänge sie an eine nach dem Morgen gelegene Wand auf an einen Pflock aus dem Holze des Lorbeerbaumes. Dann stelle den Knaben vor sie hin, der sei aber rein und unschuldig. Bringe ihn mit deiner Hand in Schlaf und zünde die Lampe an. Rufe über ihn die Beschwörungsformel aus bis zu sieben Malen. Erwecke ihn wieder und frage ihn also: ‚Was hast du gesehen?‘ Antwortet er: ‚Ja! ich schaute die Götter in dem Umkreis der Lampe‘, so werden sie ihm Rede stehen in Bezug auf alles, um was sie befragt werden.“
„Nachdem du einen reinen Knaben herbeigeholt hast, lege ihm einen beschriebenen Talisman (?) an, stelle ihn der Sonne gegenüber und laß ihn seinen Platz auf einem neuen Kasten einnehmen in der Stunde, in welcher die Sonne aufgeht. Sobald ihre volle Scheibe emporgestiegen ist, so laß einen Leinwandsack auf seinen Rücken legen. Bringe ihn in Schlaf und stelle dich mit deinen Füßen auf seinen Rücken. Indem du den Spruch über ihn thust, streiche über seinen Kopf hin und her, und zwar mit deinem Sonnenfinger (Zeigefinger?) an deiner rechten Hand u. s. w.“
„Beschreibung der Zauberlampe für den Knaben.“
„Tete-Ik-Tatak u. s. w. Möchte mir Antwort auf alles, was ich fragen werde, zu teil werden, sofort! Denn ich bin Horus, das Kind in Mendes, denn ich bin Isis, die Wissende. Was ich mit meinem Munde sage, das geschieht. Sieben Mal (dies) zu sprechen.“
„Nachdem du ein neues Gefäß herbeigebracht hast, thue einen frischen Docht in dasselbe, der aus einem Tempel herrührt. Stelle das Gefäß auf einen neuen Kasten, der aus der Vorratskammer herrührt. — Stelle ihn auf und weise dem Gefäße seinen Platz auf seiner Oberfläche an. Thue vom besten Öle in dasselbe, oder auch Rosenöl. Stelle einen zweiten neuen Kasten als Sitz für dich auf und laß den Knaben zwischen deinen beiden Füßen stehen. Dann sage den oben niedergeschriebenen Spruch über den Knaben her, wobei dein Auge auf den Spiegel seines Auges gerichtet sei. Dann thue Myrrhe auf einem Weidenbaumblatt auf den oberen Teil der Lampe. Sobald du es in einem Zimmer ausführst, so sei es finster, seine Thüröffnung nach dem Osten oder dem Süden gerichtet und keine Stelle lasse den Erdboden erkennen u. s. w.“ Der Text endet mit den Worten: „Dann frage ihn: ‚Was hast du gesehen?‘ und er wird dir über alles Mitteilung geben, worüber du ihm Fragen stellen wirst.“
Es ist nicht zu übersehen, daß auch der Beschwörer selber sich hypnotisieren (lassen?) und damit die Rolle des Knaben übernehmen konnte. Das geht mit größter Klarheit z. B. aus folgender Stelle hervor:
„Begieb dich in ein sauberes Zimmer, bringe ein metallenes Gefäß herbei, wasche es mit Seifenwasser aus und thue zwei Log (ein besonderes Maß) Öl hinein und stelle es auf den Erdboden hin. Darauf zünde eine metallene Lampe an und setze sie auf den Erdboden hin, neben das metallene Gefäß. Nachdem du dich mit einem linnenen Gewande bekleidet hast, bleibe bei dem Zaubergerät und sage den Spruch hinein in das Zaubergerät, mit geschlossenem Auge, bis zu sieben Malen. Hast du deine Augen wieder geöffnet, so befrage es über alles, was du wünschst. Wünschst du, daß die Götter des Zaubergeräts zu dir reden sollen, mit ihrem Munde, so sprich: Joa-Iph-Eoe-Kintathur-Naphar-Aphoe, bis sie dir auf alle vorgelegten Fragen Antwort geben werden.“
Um eine Vorstellung von den Drohungen zu geben, welche gelegentlich den Dämonen gegenüber ausgestoßen wurden, wähle ich zum Schluß das folgende Beispiel in seinem ganzen Zusammenhange.
„Du bist Boel (3 Mal zu sagen) ï-ï-ï-a-a-a Tat-Tat-Tat, der, welcher allein das Licht spendet, der Urheber des Feuers, in dessen Munde das Feuer ist, welches des Rauches entbehrt. Du lebendiger, unsterblicher Gott, du großer Gott, der du im Feuer ruhst, der im Pfuhle des Feuers weilt, welches das Meer des Himmels bildet, in dessen Hand die Jugend und die Kraft des Gottes ist, steige heraus aus dem Pfuhle jenes Feuers, erscheine du diesem Kinde, sofort! Laß es mir Antwort geben auf alles, was ich im Begriff stehe ihn zu fragen, sofort! Sonst werde ich dich verachten am Himmel im Angesicht der Sonne, werde ich dich verachten im Angesicht des Mondes, werde ich dich verachten auf der Erde, werde ich dich verachten im Angesicht dessen, welcher auf dem Stabe weilt und den Rauch erzeugt und in dessen Hand die Jugend und die Kraft des Gottes ist, d. h. Peperi-Pater-Emphe, der zweimal große Gott, in dessen Hand der schöne Stab ist, du, welcher einen Gott entstehen läßt, ohne daß ihn ein Gott entstehen ließ.
„Schenke die Stärke der Augen diesem Kinde, welches meine Zauberschüssel heute trägt, damit es dich sehe, damit seine Ohren dich hören. Indem du sprichst, frage es nach allen Angelegenheiten und nach allen Dingen, um welche ich es befragen wollte, sofort!
„Großer Gott, Sisaoth-Achrempto, komme hier herein aus dem Pfuhl jenes Feuers, du, der du auf dem Berge von Kabaon ruhst. Takrtat, der welcher nicht stirbt, sondern in Ewigkeit hinlebt, tritt herein! Nahe dich, großer Boel-Arbeth bai nuthi, du großer Gott, nahe dich Boel-Tat, nahe dich Boel!
„Indem du dies siebenmal über das Kind sagst, erwecke es wieder und frage es, ob das Licht da war. Wenn das Licht nicht zum Vorschein gekommen war, so laß das Kind mit seinem eigenen Munde also zur Lampe reden: „Wachse, o du Licht, erhebe dich, du Licht, leuchte, du Licht, erscheine du Licht des Gottes, damit ich salben kann den Gott, in dessen Hand das Schicksal des heutigen Tages liegt und der mich befragen wird.
„Sobald er sich diesem Kinde in der betreffenden Stunde offenbart hat und sobald du dies über das Kind gesprochen hast, laß es auf die Lampe schauen. Erlaube nicht, daß es nach einem (andern) Gegenstande des Hauses, außer der Lampe allein, schaue. Sollte es nicht danach schauen, sondern sich umdrehen, so thue alles, was folgt. Wenn du bestehst auf deine Befragung, so kehre es (das Kind) nach dir um, bringe es in Schlaf und sage über es den andern unten folgenden Spruch her, nämlich, während die Götter ankommen und das Kind sich umwendet, indem es sie schaut: Archechemphe-Zeu-Hele-Satrapermet.“
Die Lichterscheinungen, welche das Kind sieht, bilden eine ständige Beigabe in den merkwürdigen Texten. Sie sind ein Anzeichen, daß die Dämonen erschienen sind, um ihre Hilfe anzubieten. Ich habe nicht nötig, auf manche Einzelheiten noch besonders hinzuweisen, welche an die modernen Manipulationen beim Hypnotisieren lebhaft erinnern, wie das Streichen mit der Hand, das Fixieren des Auges und anderes, das den Beweis für die wirkliche Kenntnis des Hypnotisierens im Altertum mindestens im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wesentlich verstärkt. Alles ist schon einmal dagewesen und es giebt nichts neues im Lichte der Sonne sagt ja schon Ben-Akiba.