Die Symbolik der Farben.
Bis in die Gegenwart hinein haben die Farben eine symbolische Auffassung bewahrt, deren Ursprung sich nicht erst seit gestern herschreibt. Wir verbinden mit Weiß die Vorstellung der Unschuld, im Grün erscheint uns das Symbol der Hoffnung, im Blau das der Treue, das Rot beziehen wir auf die Liebe, der Haß erscheint als Gelb, die Bescheidenheit als Silbergrau, die Trauer als Schwarz. In der Umgangssprache bis zum Volkstümlichen hin reden wir von Gelbschnäbeln, vom roten Hahn auf dem Dache, von einer roten Gesinnung, vom blauen Montag, lassen ein „so blau“ hören, sprechen von grünen Jungen, kennen das Dichterwort: grau sei alle Theorie, hüten uns jemand anzuschwärzen, verabscheuen den schwarzen Verrat, den schwärzesten Undank, sehen schwarz und was dergleichen Beispiele mehr sind. Im Morgenlande, um nur auf zwei hervorragende Redensarten im Munde der Araber und Perser hinzuweisen, heißt: das Gesicht oder den Bart jemandes weiß oder schwarz machen, je nachdem man eine damit gemeinte Person ehren, heiter stimmen, erfreuen oder sie beleidigen, kränken, trübselig stimmen will.
Alles das ist so wohl bekannt, daß ich kein Wort darüber zu verlieren brauche. Die Farbe hat eine symbolische Bedeutung gewonnen, deren Sinn dem Hörenden sofort klar wird und von niemand mißverstanden wird. Selbst in der Wahl der Farbe unserer Tracht spielt die Farbensymbolik eine besondere Rolle. Wenn wir von jenem Knaben lesen, der an dem feierlichen Begräbnis seines Großvaters keine Freude mehr zu haben äußerte, weil ihm eine schwarze Weste, statt einer gewünschten rotfarbigen vom Schneider gemacht werden sollte, so lächeln wir darüber, weil es die Sitte erheischt, eine Trauerkleidung in Schwarz anzulegen, aber dennoch übersehen es selbst gebildete Leute bisweilen, daß eine schwarze Kravatte und schwarze Handschuhe ebenso unentbehrlich zur Trauerkleidung sind, da Weiß einmal die Farbe der Freude und des Festlichen geworden ist, die sich wenig zur Trauer schickt.
Soll ich von der Symbolik der Augenfarben reden, so müßte ich mich vor allem an die Dichter wenden, welche gerade dieses Thema mit Vorliebe auszubeuten pflegen. Ich rufe meinen Lieblingspoeten und langjährigen Freund von Bodenstedt als Zeugen für alle übrigen an, daß aus den blauen Augen die Treue spricht, braune Augen schelmische Gesinnung verrät, graue Augen Schlauheit weissagen und der schwarzen Augen Gefunkel wie Gottes Wege dunkel sei. Grüne Augen habe ich niemals preisen hören; der böse Leumund findet Katzenartiges darin, gerade wie manche so ungerecht sind, aus der roten oder rötlichen Färbung des Haares Eigenschaften seines Trägers herauszulesen, die zur blauen Treue im Gegensatze stehen. Andere, ja selbst ganze Zeitalter, urteilten nicht nur billiger, sondern erklärten gerade diese Färbung als einen Vorzug der körperlichen Schönheit. Die Meinungen gehen also auch in dieser Frage bisweilen auseinander, und es wird entschuldbar sein, wenn ich den Versuch wage, der Sache auf den Grund zu gehen und mich an die ältesten Vertreter oder richtiger gesagt, an die wirklichen Urheber der Farbensymbolik zu wenden.
Ich überspringe Jahrtausende und teile am Schlusse meiner Betrachtung mit meinen Lesern das Erstaunen über die Erbschaft der Farbensymbolik, welche wir Jüngste von den ältesten Vätern des Kulturlebens übernommen haben und bis zur Stunde mit aller Treue pflegen.
Ich versetze mich zuerst nach der Stätte der heutigen Stadt Hamadan, auf welcher ich selbst einige Zeit verlebt habe, um klassische Überlieferungen über ihre Vorgängerin, die Hauptstadt der alten Meder Agbatana oder Ekbatana, das Achmata der Bibel, aufzuwärmen. Bis auf den unverrückbaren Berg mit seinem Sonnenaltar und seiner Keilschrift ist von der stolzen Königsburg der Mederfürsten weder ein Stein auf dem andern, noch ein Stein überhaupt übrig. Es bleibt der Phantasie überlassen, nach der Schilderung Herodots die vom Boden der Erde wie weggeblasene Burg von neuem aufzubauen und die modernen bunten Fayencemauern in den Palästen des heutigen Schahynschah von Persien zu Hilfe zu nehmen, um eine richtige Vorstellung des vollendeten Werkes zu gewinnen.
Herodot erzählt, der Mederkönig Dejokes (um 700 v. Chr.) habe auf einem Hügel in Agbatana eine Burg und im Anschluß daran seine Schatzhäuser anlegen und beide von einem siebenfachen Mauerringe umgeben lassen. Die Zinnen der einzelnen Ringmauern hätten besondere Metallüberzüge und Färbungen erhalten und zwar der Reihe nach von innen nach außen fortschreitend: „Gold, Silber, Mennigrot, Blau, Purpur, Schwarz Weiß“. Die gelehrte Welt ist schon längst auf den Gedanken verfallen, diese Farben auf die sieben Planeten der Alten zu beziehen. Das Gold würde der Sonne, das Silber dem Monde entsprechen. Die übrigen Farben bleiben für die fünf eigentlichen Planeten übrig, von denen wenigstens das Rot für den Planeten Mars und das Weiß für die Venus ein altes inschriftliches Zeugnis erhält. Auf alle Fälle waren die Farben nicht zufällig gewählt, sondern besaßen eine jede ihre symbolische Bedeutung.
Der Reichtum der altägyptischen Inschriftenwelt gestattet uns, die Farben und ihre Reihenfolge bis in das achtzehnte Jahrhundert vor Christi hinauf in unwiderleglicher Weise festzustellen. Ihre Anordnung bildete geradezu das Prinzip, nach welchem farbige Gegenstände, an der Spitze alle Mineralien, in den Texten hergezählt wurden. Ich wähle eines der vollständigsten Beispiele, das als Muster für alle ähnlichen gelten darf: 1) Silber, 2) Gold, 3) Saphir oder Lasurstein, 4) Smaragd, 5) Eisen, 6) Kupfer, 7) Blei, 8) Smirgel. Da in den bunten Darstellungen diese Metalle und Steine unter der ihnen eigentümlichen Farbe dem Beschauer vor Augen geführt werden, so läßt sich daraus der Schluß auf die folgende Farbenreihe ziehen: Weiß, Gelb, Dunkelblau, Grün, Hellblau, Rot, Grau und Schwarz. Auf einer altägyptischen Malerpalette des Berliner Museums enthalten die zur Aufnahme der Farben bestimmten Vertiefungen der Reihe nach: Weiß, Gelb, Grün, Hellblau, Rot, Schwarz, schließen also eine Bestätigung für die beliebte Anordnung der Farben von der hellsten bis zur dunkelsten hin in sich.
Von den eben besprochenen Farben waren es vier, welche sich eines besonderen Vorzuges erfreuten und im Tempeldienst geradezu als heilige betrachtet und geehrt wurden. Ihre Namen und Folge giebt die Reihe an: Weiß, Grün, Hellrot, Dunkelrot, während in einer jüngeren Epoche das Hellrot durch Hellblau verdrängt wurde. Die Teppiche, Vorhänge, Gewänder und Flaggen an den Mastbäumen vor den Turmflügeln der Tempel mußten vorschriftsmäßig diese Farben zeigen, um zum heiligen Gebrauch verwertet werden zu können.
Es ist gewiß nicht zufällig, daß auch bei den Ebräern vier Kultusfarben vorgeschrieben waren: Weiß, Blau, Dunkelrot und Hochrot, welche bei den Teppichen, Vorhängen des Tempels und der Priesterkleidung ihre Verwendung fanden. Daß jeder Farbe eine symbolische Bedeutung eigen gewesen war, liegt auf der Hand, wenn es auch den Auslegern noch nicht gelungen ist, die Beweise im einzelnen endgültig zu führen. Der Unterschied zwischen den ägyptischen vier heiligen Farben und den ebräischen berührt lediglich die Farbe des Grünen, welche bei den Israeliten durch Blau ersetzt ward.
Bevor ich zur Symbolik der Farben nach den altägyptischen Überlieferungen übergehe, sei mir ein Wort über den ältesten Ausdruck der Farbe zunächst vergönnt. Die altägyptische Sprache setzt ein altes Wort dafür ein, dessen Grundbedeutung „Haut“ ist, sowohl die des Menschen, als die des Tieres. Die Verschiedenheit der Hautfärbung für das menschliche Auge führte auf den allgemeinen Farbenbegriff, ohne Rücksicht auf den farbentragenden Gegenstand selber. Daß man auch bei den Tieren auf die besondere Färbung der Haut, genauer der Haare, der Federn oder des glatten Felles, acht hatte, beweisen die heiligen Tiere (von jeder Gattung vier), deren Farbe durch eine priesterliche Kommission genau untersucht und als äußerliche Merkmale ihrer Heiligkeit angesehen wurden.
Die wenigen Andeutungen, welche sich in den Büchern der Heiligen Schrift darüber finden, lassen die symbolischen Bedeutungen der Farben dennoch mit aller Klarheit durchblicken. Die Engel, aber auch die Priester, trugen weiße Kleider, denn weiß und unbefleckt ist die Farbe der Sündlosigkeit und Reinheit, wie Rot die Farbe des Blutes und der Sünde, daher die des Drachen (Satan). Die schwarze Farbe wies auf Trauer und Elend hin, während Dunkelblau, die Farbe des Himmels, auf Pracht und Herrlichkeit und das Falbe auf den Tod bezogen wurde.
Schon den Griechen, welche Ägypten besuchten oder über ägyptische Dinge schrieben, fiel der ausgedehnte Symbolismus der Farben nach den priesterlichen Anschauungen auf. Was sie darüber gemeldet haben, stimmt auf das Vollständigste mit den neuesten Untersuchungen auf Grund der lesbar gewordenen altägyptischen Quellen überein. Den in der Oberwelt weilenden Horus oder den ägyptischen Apollon malte man weiß, den unterweltlichen Osiris schwarz. Schwarze Byssusgewänder, welche man beim Anfange des Winters und der zunehmenden Kürze der Tage auf die vergoldete Isiskuh legte, galten als Zeichen der Trauer um das dahinschwindende Licht und den Sieg der Finsternis über dasselbe. Dem Anubis opferte man einen weißen Hahn, um anzudeuten, daß die Oberwelt rein und klar sei. Menschen von feuerfarbigem, gelblichem Aussehen oder mit rotem Haarwuchs sah man als typhonisch an und mied ihren Umgang. Aus diesem Grunde opferte man rotfarbige Tiere, um dem unheilvollen Gotte ein Leid anzuthun und sich von der eigenen Sünde zu reinigen, gerade wie bei den Ebräern eine rötliche Kuh als Sühn- und Reinigungsopfer durch Feuersglut in Asche verwandelt wurde. Dem Kataraktengotte und Urheber der Nilflut verlieh man eine blaue Hautfarbe, um dadurch auf seine das Wasser anziehende Kraft hinzudeuten.
Hauptsächlich waren es die Sonnengötter und Sonnenbilder, welche durch die Farbensymbolik ausgezeichnet wurden. Typhon als Vertreter der sengenden Sonnenglut erhielt einen feuerfarbigen Anstrich, die Scheibe der Wintersonne wurde dunkelblau, die sommerliche Sonne hell gemalt und was dergleichen Überlieferungen mehr sind.
Es geht, wie gesagt, aus den übereinstimmenden Nachrichten hervor, daß die Ägypter die ersten waren, welche der Farbensymbolik ihre besondere Aufmerksamkeit zugewandt haben. Die weiße Farbe galt dem Tage und der Oberwelt, die schwarze oder dunkelblaue der Nacht und der Unterwelt, jene der Freude über das Dasein, diese der Trauer um das Abgeschiedene. Feuerrot symbolisierte die heiße dauernde Sonnenglut, die blaue Farbe das Wasser, daneben Rot und Gelb oder Falb das typhonisch Sündhafte. Soweit nach den Alten.
Ich wende mich der Denkmälersprache zu, welche zur Farbensprache der damaligen Zeit die ausgedehntesten Beiträge liefert, beinahe unerschöpfliche, erinnert man sich an die Masse des vorhandenen inschriftlichen Materials. Bei der Betrachtung der einzelnen Farben folge ich durchaus der altägyptischen Farbenskala.
1) Weiß. Das Wort dafür bezeichnete zunächst nur das Helle im Gegensatz zum Dunklen, das Lichte dem Finsteren gegenüber. Beim anbrechenden Tage wird die Erde „hell“ und die Sonne „erhellt“ die Welt durch ihre Strahlen, die wie „Gold“, d. h. in Gelb leuchten. Das „helle“ Metall ist das Silber, der „helle“ Stein der weiße Quarz. Auch die Mondgöttin heißt die „Helle“. Ein alter Weisheitslehrer, der seine Lebenserfahrungen auf Papyrus niedergeschrieben hatte, empfiehlt seinem Leser: „Hell sei dein Antlitz, so lange du dein Dasein hast,“ mit anderen Worten, zeige ein heiteres und freundliches Angesicht. Aus dem Begriff des Hellen entwickelte sich erst in zweiter Linie die Bedeutung des Weißen als Farbe. Eine Byssusart, dieselbe, mit welcher Joseph nach seiner Erhöhung auf Befehl Pharaos bekleidet wurde, heißt die „Weiße“, desgleichen wird eine Antilopenart, die Zwiebel, die Milch, der Kalkstein u. s. w. als weiß bezeichnet. Die Verbindung „hell oder weiß machen“ eine Person oder einen Gegenstand, bedeutete ebensowohl „glanzvoll machen, erleuchten, verherrlichen“, als „aufklären“ und „prächtig ausstatten“. Von einem Könige heißt es, er habe das Land Ägypten „glanzvoll gemacht“, von einem andern, er habe ein Heiligtum „prächtig hergestellt“, von einer priesterlichen Person, sie habe einen Tempel mit silbernen Gefäßen, Rindern, Gänsen und zahlreichem Geflügel „glanzvoll ausgestattet“. Ein Vorsteher von Propheten oder Dienern wird ein „Aufklärer“ der Propheten oder Diener genannt. Mit einem Worte, mit dem Hellen und Weißen verknüpfte sich die Vorstellung der Pracht und Herrlichkeit, welche frei von Flecken und Makel bis zur Farbe der Bekleidung hin das innere Hellsein auch äußerlich bezeugte. Man sieht, daß unsere weißen Kleider, Krawatten, Westen und Handschuhe sich eines uralten Ursprungs rühmen dürfen.
2) Gelb. Als Metall erscheint das Gelb in seiner leuchtendsten Form als das Gold, in seiner Auffassung als Edelstein als Topas, der sehr häufig in der Aufzählung mineralischer Substanzen die Stelle des Goldes vertritt. Die Strahlen der Sonne werden als „golden“ bezeichnet. Die ägyptische Hathor-Venus ward als „die goldene“ angerufen und ein Horus-Apollo als „goldener“ verherrlicht. Trotz dieser schmeichelhaften Vergleiche, welche dem Golde die Bedeutung des Glanzvollsten verliehen, wohnte dennoch dem gelben verlockenden Scheine des Goldenen ein typhonischer Nebensinn bei. Bei den Opfern, welche dem Sonnengotte dargebracht wurden, ermahnte man die den Gott Verehrenden, kein Gold am Leibe zu tragen. Noch bis zur Stunde entäußern sich die Orthodoxen unter den Anhängern des Islam sämtlicher goldenen Gegenstände, welche sie bei sich führen, bevor sie sich dazu anschicken, die vorgeschriebenen Gebete zu sprechen. Auf dem gelben Golde ruht das Auge des Neides und der böse Blick kann nach den Darstellungen der Morgenländer nicht dazu beitragen, dem Betenden Heil und Segen zu verleihen. In unserer eigenen Farbensymbolik verknüpft sich in gleicher Weise der Begriff des Neides mit der Vorstellung der gelben Farbe.
3) Dunkelblau, die Farbe des Saphirs und des Lasursteins oder des Lapis-Lazuli, war bei den alten Ägyptern nicht nur geschätzt, sondern allgemein beliebt. In der Pflanzenwelt erscheint sie als Indigo, welcher bis in die Gegenwart hinein zum Färben der gewöhnlichen Hausgewänder in Blusenform benutzt wird. Die alten Ägypter gaben dieser Pflanze den Beinamen Dar-neken, d. h. „vor Schaden bewahrend“. Wie ich nebenher bemerken will, gehörte die Umgegend der Stadt Pelusium in Unterägypten zu denjenigen Landstrichen, in welchen der Anbau von Indigo und die Herstellung der damit blau gefärbten Gewänder einen Hauptgegenstand der Industrie bildete. Als im Mittelalter die Kreuzfahrer die ägyptische Küste berührten, erstanden sie bei ihrer Landung im Hafen von Pelusium, in der Nähe des heutigen Port-Saïd, jene blauen Gewänder, welche sie über ihre Rüstung warfen. Man nannte sie Pelusia nach dem Namen des Ortes und der Name hat sich bis auf die heutigen Tage in dem wohlbekannten französischen Worte Bluse fortgepflanzt. Die altägyptischen Texte gaben der Göttin des Himmels oder dem Himmel selbst den Beinamen der „Dunkelblauen“, womit alle sonstigen Deuteleien über die symbolische Bedeutung dieser Farbe ein für allemal beseitigt sind. Das Tragen dunkelblauer Steine, an ihrer Spitze der Saphir, und das Anlegen dunkelblauer Gewänder galt als ein probates Mittel, sich den himmlischen Schutz zu sichern.
4) Grün, die beliebteste Farbe in Ägypten, bildet den Gegenstand vieler inschriftlichen Hinweise auf seine symbolische Bedeutung. Grünfarbige Mineralien, vom Smaragd und Malachit an bis zum Kupfergrün hin, und vor allem die grüne Pflanzenwelt galten als Sinnbild der Erfüllung in Aussicht stehender Hoffnungen, die von der Saat auf dem Felde ihren Ausgang nahmen. Die grüne Saat verheißt die Ernte, eine frohe Hoffnung auf den Eintritt des Segens. Grün ward deshalb das Symbol der Freude und der Lust, und bei den Ägyptern von alters her „grünte“ selbst das Herz beim Anblick des „gleich wie Smaragd leuchtenden Ackerbodens“. Ausdrücke wie: „Der Himmel ist blau und die Erde grünt“ dienen in den Texten der Steinschriften des Tempels von Dendera nicht selten zur Umschreibung der freudigsten, weil hoffnungsreichsten Stimmung von Göttern und Menschen. Die grüngesichtige Hathor-Venus der ägyptischen Denkmälerwelt hatte deshalb ihre eigene Bedeutung, gerade wie das ihr geheiligte Land des grünen Gesteines des Malachit, womit im höchsten Altertume bereits der an Kupferminen und an Grünsteinbrüchen reiche Gebirgsteil in der Nähe des Berges Sinai bezeichnet wurde. Der Name Malachit, von den Griechen Molochit getauft, findet sich in der Keilschrift in der Gestalt Melucha wieder, worunter man dieselbe Gebirgsgegend verstand. Wie man sich nach diesen Auseinandersetzungen überzeugen wird, ist unsere „grüne“ Hoffnung nichts weniger als modernen Ursprungs. Die Ringsteine und sonstigen Schmuckgegenstände aus Smaragd oder grünfarbigen Steinen, welche die Ägypter, besonders die Frauenwelt, an ihren Fingern, oder auf der Brust, oder an den Armen so häufig zu tragen pflegten, finden nach diesen Andeutungen ihre genügende Erklärung.
5) Rot. Als typische Vertreter der roten Farbe galten bei den Ägyptern das Kupfer, der Rubin und sonstiges rotfarbiges Gestein, die Feuerflamme (hochrot), das geronnene Blut (dunkelrot) und die im Zorn geröteten Augen und Gesichtszüge. Feine Beobachter der toten und lebendigen Gegenstände der Natur, hatten die alten Bewohner des Nilthales der roten Farbe schon frühzeitig eine symbolische Bedeutung beigelegt, deren Inbegriff sich in den kurzen Worten darstellen läßt: der durch Blut zu sühnende Zorn des Göttlichen, die Blutsühne und damit die Versöhnung durch Verzeihung der Sünde. Die brennend rote Liebe unserer Gegenwart war der ägyptischen Altzeit vollständig unbekannt, weil das sichtbare Symbol derselben, die rotfarbige Rose, verhältnismäßig spät in Ägypten eingeführt worden war. Nach den mythologischen Inschriften der Denkmäler wurde ein Teil der sündigen Menschheit durch den Sonnenkönig Re durch Feuer vernichtet, das sein in eine Rachegöttin verwandeltes Auge auf die Kinder der Erde warf. Nachdem sein Zorn sich in Barmherzigkeit umgewandelt hatte, betäubte der Lichtgott Re durch den „blutroten“ Saft von Alraunen die wütende Göttin und der übriggebliebene Teil der Menschheit wurde am Leben erhalten. Die Menschheit selber übernahm fortan die Bestrafung der Sünder durch ihre Verfolgung und Vernichtung mit Hilfe von Wurfgeschossen und Keulen, und das vergossene Blut der Übelthäter sühnte Verbrechen und Sünde.
In späterer Zeit trat das Tier an die Stelle des Menschen, doch war die Wahl der Tiere von ihrer Hautfarbe, der roten oder rötlichen, abhängig. Das Blut des Tieres und sein durch Feuer zu Asche verbrannter Leib, auf welche die Sünde des Menschen fiel, diente als Reinigungsmittel für den Opfernden und sühnte die begangene Sünde bis zum Totschlag hin. In einem bis zum heutigen Tage hin auf einer steinernen Tempelwand erhaltenen Text in hieroglyphischen Schriftzügen lesen wir mit aller Deutlichkeit des Verständnisses das Folgende: „Ein kräftiges, unverschnittenes Rind, dessen Nase der Arbeitsring noch nicht durchbrochen hat, gelte als das große Sühneopfer des Gotteshauses in der angemessenen Zeit des Jahres. Man reinige es im Wasserbecken des Gotteshauses in aller Frühe, man beseitige darin seinen Schmutz am Kopfe und man putze seine Klauen mit Palmbaumbast ganz und gar; man betrete das wohlgewaschene Schlachthaus und strecke das Rind auf das Holzbrett hin. Der Schlächter trete heran, trenne seinen Kopf, sein Herz, seine Vorderschenkel und seine Hinterkeulen ab, trage sie hinaus und reinige sein Messer mit Wasser. Was übrig geblieben ist, werde fortgenommen und durch den Verbrenner in Asche verwandelt, die in einen großen Krug gethan werde. Man setze ihn im Schatzhause in der bestimmten Zeit des Jahres nieder.“ Im Anschlusse daran werden die Vorschriften zu einer Salbe geliefert, welche mit den Blättern der im Morgenlande noch jetzt allgemein bekannten Hennehpflanze rot gefärbt wurde und mit der Asche des Rindes vermischt den Zwecken der heiligen Sühne diente.
Man vergleiche damit die im 19. Kapitel des 4. Buches Moses enthaltene Vorschrift „von der rötlichen Kuh und dem Sprengwasser“, um sich die volle Überzeugung zu verschaffen, daß auch im altebräischen Kulte ein ganz ähnlicher Gebrauch zur „Entsündigung“ gesetzmäßig festgestellt war.
Ich habe kaum weiteres meinen Auslassungen hinzuzufügen, um den Symbolismus der roten Farbe nach den Anschauungen der alten Ägypter in das rechte Licht zu stellen. Sie galt als Zeichen der Sühne durch das Blut. Die rote Farbe der Decken und Gewänder in den ägyptischen Tempeln gewinnt hierdurch ihren hohen symbolischen Sinn.
6) Schwarz. Die symbolische Bedeutung dieser Farbe wird am besten durch ihr fast ausschließliches Vorkommen in der Gräberwelt Ägyptens festgestellt. Der an den Decken einzelner Königsgräber, von den Pyramiden an, gemalte Nachthimmel ist schwarz mit fünfzackigen gelben Sternen daran, die Götter und die übrigen Bewohner der Unterwelt erscheinen in schwarzer Färbung. Die Tageshelle, die Farbe des Lebens, ist verschwunden und durch die tiefste Finsternis ersetzt. Schwarz erscheint allenthalben als die Farbe des Todes und der düsteren Trauer, gerade wie noch in unserer eigenen Gegenwart. Ich habe darüber kein anderes Wort zu verlieren, denn die Sache ist allgemein bekannt, und ich kann mich mit dem in aller Kürze gegebenen Hinweis auf die Sprache des Schwarzen im ältesten Ägypten bescheiden.
Wie sehr die Vorstellung der Farbe auf das altägyptische Gemüt einwirkte und zu welchen tiefsinnigen Vergleichen und Stimmungsbildern sie Veranlassung gab, kann nur derjenige ermessen, welcher in die Sprache und das Schrifttum der ältesten Bewohner des Nilthales vollkommen eingeweiht ist. Der Symbolismus der Farbe bricht überall durch, und es wäre eine der dankenswertesten Aufgaben, das tausendfältig zerstreute Material zu sammeln, um bis in das Einzelnste hinein die Fäden der Gedankenrichtung zu verfolgen. Unter allen Umständen müssen die Grundfarben und ihre uralte Skala: Weiß, Gelb, Blau, Grün, Rot, Schwarz als Ausgangspunkt angesehen werden, da die Betrachtung und die Aufzählung aller Erzeugnisse der Natur nicht nach ihrem Werte, sondern nach ihrer Färbung in der angeführten Reihenfolge vor sich ging. Handelte es sich um Metalle, so führte man sie in der Ordnung des hellen oder weißen Silbers, des gelben Goldes, des blauen Eisens, des Kupfergrün, des roten Kupfers, des grauschwarzen Bleies auf. War von Steinen die Rede, so folgte man der Anordnung: Diamant, Topas, Saphir, Smaragd, Rubin, Turmalin oder sonst ein dunkelfarbiger Edel- oder Halbedelstein. Bei Pflanzennamen, bei bunten Zeugstoffen u. s. w. schlug man denselben Weg ein, und die Anschauung vertiefte sich jedesmal in einen Symbolismus, der bis auf die Farbe der Bekleidung und der Schmuckgegenstände am menschlichen Leibe seine abergläubische Wirkung ausübte und aus der Farbe Glück und Unheil herauslas. Legte man den Toten schwarzfarbige Käfersteine auf den Leib, so hatte das seinen guten Grund. Für die Lebenden wäre ein schwarzer Schmuck als Unglück weissagend angesehen worden. Wenn auf dem Leichensteine einer verstorbenen vornehmen Ägypterin der Dame unter anderen die Worte in den Mund gelegt werden: „Ich hielt mich fern vom Quarz und zog den Grünstein (Smaragd oder welch immer grünfarbiger Stein) vor“, so hatten sie dadurch einem Gedanken Ausdruck gegeben, den ich etwa durch „was mir Unglück bringen konnte, vermied ich, was mir Hoffnungen erweckte, trug ich an mir“ deute. Auch aus diesem Beispiel tritt es klar hervor, daß sich die Farbensprache bis zur Stunde noch lange nicht überlebt hat. Kannte man auch schon im Altertum das, was wir in unserer Gegenwart als Modefarbe bezeichnen, so war die Wahl der Grundfarbe dennoch keine beliebige, sondern stand mit dem Symbolismus der Farbe in innigstem Zusammenhang.