I. Einleitung.

Einleitung.

Am Rhein! Welche Fülle von Vorstellungen, von Gedanken und Empfindungen wird beim Klange dieses Wortes in uns geweckt! Das Auge schaut herrliche Landschaftsbilder, die neben dem Schönsten auf Erden noch in Schönheit strahlen; das Ohr lauscht den weihevollen Rheinliedern, die von dem Tiefsten, was die deutsche Brust gefühlt, sprechen, die bald von klagendem Schmerz, bald von stolzer Siegesfreude erzählen oder in den Traum der Sage den Übermut eines fröhlichen Lebens mischen; und der Geist, der die Spuren des Raumes und der Zeit gleich schnell durchmißt, faßt all das Große und Schöne, das Ernste und Heitere, was die Vergangenheit brachte, was die Gegenwart bietet und die Zukunft zu erhoffen läßt, zusammen und weiht den Strom, der Deutschlands Stolz und seines Landes Schönheit ist, zu einem Sinnbild, das alle deutschen Lande und alle deutschen Bruderstämme mit dem Bande ewiger Einigkeit und Treue umfaßt. Das ist der Rhein, und das bedeutet sein Name, und so wird auch sein Name überall, nicht bloß im deutschen Vaterlande, sondern auch in der übrigen Welt verstanden und gedeutet. Darum lockt er die Menschen, führt fröhlich sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt und läßt traurig sie weiter ziehen. Für Tausende und Millionen aber bleibt er ein ewiger Traum, der nie sich erfüllen ließ, ein Traum, der selbst bei anderen Völkern lebt, zu denen die Wellen der geheimnisvoll plaudernden Myth’ und Sage, der laut redenden Geschichte schlugen und des schönen Rheinlands begeisternde Kunde drang. Davon ein Beispiel!

Es war am Empfangsabende des Internationalen Geologen-Kongresses zu Petersburg im Jahre 1897. In einem großen Restaurant in der Demidowstraße hatten sich die Teilnehmer aus aller Herren Ländern eingefunden. Das war für viele ein frohes Wiedersehen! Das Stimmengewirr der zahlreichen Gruppen, die sich an den Tischen und dem reichgedeckten Büfett gebildet hatten, durchdrang die gastlichen Räume. Im frohen Austausch der Reiseerinnerungen und der weiteren Reisepläne und im Auffrischen früherer Lebensbeziehungen vergingen schnell, nur zu schnell, die schönen Stunden. Meine älteren deutschen Reisefreunde wollten sich nun, gegen Mitternacht, verabschieden, und den protestierenden jungen russischen Herren, die in liebenswürdiger Weise uns an unserem Tische Gesellschaft geleistet hatten, wurde ich als jüngster zurückgelassen, als das Opfer einer angenehmen Pflicht. Wir rückten die Stühle näher zusammen und plauderten weiter. Ich pries die gastliche Aufnahme, die uns in Rußland bereitet wurde, und meine frohgestimmten Tischgenossen wollten wissen, in welchem Teile Deutschlands ich wohne. Und als ich sagte: „Ich wohne am Rhein!“ da riefen alle wie aus einem Munde: „O, so erzählen Sie uns vom Rhein!“ Und ich erzählte von meinem Heimatlande mit der Begeisterung, die der Vater Rhein mir in das Herz gelegt hat, und mit dem Feuer, das ich in den Augen der jungen Russen auflodern sah. Ich pries den stolzen Strom mit seinen grünen Wellen, die Berge, die, rebenbekränzt, die alten Burgen tragen, die rheinischen Städte, deren gewaltige Dome im Rheine sich spiegeln, die freundlichen Dörfchen, die überall, manche umschattet von Obsthainen, die Ufer des Stromes säumen, und auch die rheinischen Mädchen und Frauen, die den fremden Wanderer von der hohen Burgruine herab grüßen, wenn er muß scheiden aus solchem Paradies. Als die Begeisterung überquoll, da erklangen Rheinlieder, fern am Strande der Newá, beim lustigen Klang der Gläser, die mit kaukasischem Wein gefüllt waren.

Wir saßen noch lange. Als wir endlich schieden, da fühlten auch die jungen Russen etwas von jener Sehnsuchtsstimmung nach dem Vater Rhein, die jeden Rheinländer erfaßt, wenn er in anderen Erdenländern weilt. So oft ich noch von einer weiten Reise zurückkehrte, war es mir beim Anblicke des stolzen Stromes, wenn wieder die Türme des Kölner Doms vor mir erschienen und der Zug polternd über die Rheinbrücke fuhr, als hätte ich etwas Verlorenes wieder gewonnen. Und nach meiner Ankunft in Bonn war gewöhnlich mein erster Gang an den Rhein und auf den Alten Zoll, wo ich die Sieben Berge grüßen konnte. Am ersten freien und schönen Nachmittage aber fuhr ich auf einem der stolzen Rheindampfer stromaufwärts, als müßte ich mich überzeugen, ob all die Herrlichkeit noch da wäre.

Abb. 2. Das Kölner Dombild. Altargemälde von Meister Stephan. (Zu [Seite 5] u. [171].)

Diese einleitenden Worte mögen dem freundlichen Leser sagen, mit welch freudigen Gefühlen ich der Aufforderung, für die Sammlung geographischer Monographien die Bearbeitung des Rheins und des Rheinischen Schiefergebirges zu übernehmen, nachgekommen bin. War ich doch durch den Stoff ausgezeichnet vor allen anderen! Durfte ich doch den Strom schildern und preisen, um den zwischen den Völkern so oft und so heiß gestritten worden ist, der durch die Weihe der Geschichte für jeden Deutschen zum heiligen Strom geworden ist, so daß der Klang seines Namens heute das Losungswort, das Triumphgeschrei deutscher Einigkeit, Freiheit und Stärke bedeutet.

Abb. 3. Frankfurt im 17. Jahrhundert (nach Merian). (Zu [Seite 20].)

Wie ich an jenem Abende in Petersburg in einer frohen Stunde den jungen Russen — es waren Studenten der Bergakademie und Anthropologen — von der Herrlichkeit des Rheines erzählen durfte, so möchte ich auch dem freundlichen Leser von Land und Leuten am Rhein wenn auch kein vollständiges, so doch ein in seiner Eigenart ausgeprägtes Bild zu geben versuchen. Es ist das Bild einer ruhmreichen Vergangenheit und einer nicht weniger glanzvollen Gegenwart, ein Bild, dessen einzelne Züge durch Sage und Dichtung so verklärt sind, daß uns Wonne umgibt fast überall, wohin wir schauen. Wir sehen in den Städten die herrlichen Dome ragen, und andachtsvoll betreten wir die Stätten, wo hochvollendete Kunstschöpfungen zu Thronen des Himmlischen und Göttlichen wurden. Wir durchwandern die einzelnen Blütezeiten der rheinischen Kunst, im Geiste und in der Wirklichkeit. Aus den Gräbern steigt das glänzende Bild der römischen Kultur mit seinen Lagern, Kastellen, Brücken, Straßen, Wasserleitungen, Tempeln und reichgeschmückten Landhäusern; wir schauen das Bild der Frankenzeit mit seinen Königshöfen oder Pfalzen und den ältesten christlichen Gotteshäusern; reicher, in staunenerregender Fülle entfaltet sich uns der Kulturschmuck des eigentlichen Mittelalters, der Zeit, die die herrlichen Dome schuf, die von dem gemütvollen romanischen Baustile nach interessanten Übergängen fortwanderte zur stolzen, himmelanstrebenden Gotik, die auch die prächtigen Burgen auf die Rebenhöhen setzte und die reichgeschmückten Rathäuser in den Städten baute, die ferner durch Künstlerhand wertvolle Skulpturen und geschätzte Malereien ([Abb. 2]) entstehen ließ; endlich, nach einer Zeit traurigen Verfalls, sehen wir, in einer glücklichen Gegenwart, eine neue Blütezeit der Kultur anbrechen, eine Zeit, die mit Verständnis das Alte durchforscht und wie ein Schatz hütet und wahrt, die zugleich neue Züge dem Gesamtbilde zufügt und es besonders mit den menschenbeglückenden Wunderwerken der neuzeitlichen Technik ausstattet. Einem kräftig pulsierenden Leben sind diese Neuschöpfungen menschlichen Könnens vornehmlich gewidmet, einem Leben, in dem ein rühriges Streben mit rheinischem Frohsinn so glücklich sich paart, wie es wohl auch in den früheren Kulturzeiten, die das rheinische Land schaute, gewesen ist und in dem sonnigen Lande der Reben auch nicht anders sein kann. Dorthin mögen die freundlichen Leser froh mit mir wandern, möge auch der rheinische Dichter Karl Simrock zurück uns winken mit den launigen Worten:

„An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein,

Mein Sohn, ich rate dir gut!“

Abb. 4. Frankfurt, von Sachsenhausen gesehen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 20].)

Von der alten Kaiserstadt Frankfurt am Main und vom alten goldenen Mainz soll die Wanderung uns führen durch die Rebengefilde des Rheingaues, durch das herrliche Rheintal selbst und durch die nicht minder schönen Nebentäler der Nahe, der Saar, der Mosel, der Lahn, der Ahr, der Sieg und der Wupper, sowie durch die schönsten Gegenden des Rheinischen Schiefergebirges, durch das jene Täler tiefe Furchen gezogen haben, bis hin nach Düsseldorf, der jung strahlenden Kunststadt am Rhein, und nach Aachen, der alten Kaiserstadt.

Abb. 5. Der Kaisersaal im Römer zu Frankfurt.
Nach einer Photographie von Ludwig Klement in Frankfurt. (Zu [Seite 20].)