II. Zur geologischen Einführung.

Geologische Einführung.

Zwar bedarf es nicht unbedingt der Führung eines Naturforschers, um die Schönheit, mit der die Oberfläche der Erde geschmückt ist, zu empfinden und zu genießen. Anderseits bin ich auch nicht der umgekehrten Ansicht, daß beim Genießen des Schönen der Verstand fernzuhalten sei als ein Störenfried, der manche Empfindungen, naive des Volkes, die aber von der Poesie geliebt werden, verscheuchen könnte. Herz und Verstand vertragen sich in den meisten Menschen recht gut miteinander, und für Empfindungen, die beim Fragen nach verborgenen Ursachen flüchten, melden im Herzen sich andere, die sicheren Ursprung haben und unser Gefühlsleben noch wärmer anhauchen. Auch die Geologie oder Erdgeschichte, die manches Überlieferte, so auch den Drachen, der einst am Drachenfels hauste, zur Fabel macht und manches Teufelswerk in der Natur einer phantasieärmeren Wirklichkeit zurückgibt, entschädigt uns reichlich, indem sie uns in dem Antlitz der Erde lebensvolle Züge zeigt, die wir vorher nicht kannten, nicht sahen und nicht suchten. Es wird uns, als wenn ein Marmorbild zu leben begänne. Der starre Fels, er haucht Leben, indem er uns sagt, wie er geworden, seine Schichten, so innig sie verbunden sind, entfliehen in verschiedene, weit voneinander entfernte Zeiten, das verbrannte Gestein des Kraters beginnt zu glühen, und Kiese und Sande, Lehm und Ton, die so wohl gebettet sind, beginnen zu wandern und werden ein Spiel der Fluten. Durch die unermeßlichen Räume der Zeiten eilt der Geist, die Phantasie beginnt großartige Bilder der Vergangenheit zu gestalten, zu denen der Verstand die Grundlinien eines Planes fand, und unser Herz wird erfüllt von jenem Empfinden, das dem Werden alles Großen sich beugt.

Die Variskischen Alpen.

Wenn wir so auch das Antlitz unseres schönen Rheinlandes, wie es aussah in früheren Erd-Epochen, im Geiste zu gestalten suchen, geleitet von namhaften geologischen Forschern, so schauen wir ein riesenhaftes Gebirge, ein Hochgebirge, das an die heutigen Alpen erinnert. Von dem Ostende der mittelfranzösischen Gebirgsscholle zog es sich in einem gewaltigen Bogen über Vogesen und Schwarzwald, durch Süd-, West- und Mitteldeutschland, um den Nordrand Böhmens herum bis zu den Karpathen hin. Nicht bloß diese Hauptrichtung hatte es mit den ebenfalls bogenförmig verlaufenden Alpen gemein. Es war wie diese auch ein einseitig aufgebautes Kettengebirge, das auf der konvexen Südseite, wo die höchsten Gipfel lagen, eine kristallinische Hauptzone, auf der konkaven Nordseite eine breite Zone mächtig entwickelter Sedimentgesteine besaß. Von dieser letzteren Zone des früheren mitteleuropäischen Hochgebirges, das Sueß nach dem Lande der alten Varisker, dem heutigen Vogtlande, Variskische Alpen genannt hat, ist das Rheinische Schiefergebirge, durch welches später der Rhein und seine Nebenflüsse ihre tiefen Furchen gezogen haben, der Rest eines kleinen Gliedes, ein recht armseliger Rest; denn nur das Fundament, der Sockel der einstigen Hochgebirgsfalten, blieb unserer Zeit erhalten, genug noch, um daraus die Schönheit des heutigen Rheinlandes zu gestalten.

Abb. 6. Der Römer und der Gerechtigkeitsbrunnen zu Frankfurt. (Zu [Seite 21].)

Der alte Hochgebirgssockel, als den wir also das Rheinische Schiefergebirge betrachten müssen, baut sich, wie schon der Name andeutet, aus schiefrigem Gestein auf. Die schiefrige Struktur des Gesteins sagt uns schon, daß es eine Meeresablagerung, ein echtes Sedimentgestein, ist. Wo der abgelagerte Schlamm sehr tonreich war, entstand der eigentliche Schiefer, dessen reinste Form der schwarzblaue Dachschiefer, wie er z. B. bei Caub gewonnen wird, ist; wo er stärker mit Sand gemischt war, bildete sich ein Gestein, das wegen seiner grauen Färbung Grauwacke genannt wird. Schiefer und Grauwacke sind die beiden Hauptgesteinsarten Rheinlands; aber zahlreiche andere Gesteine, Kalk, Sandsteine, ältere und jüngere Eruptivgesteine usw. kommen in ihm noch vor, und indem wir ihre Altersfolge festzustellen suchen, lernen wir die Wandlungen kennen, die dieses Gebiet durchgemacht hat, wie es sich hob und senkte, wie seine Oberflächenformen entstanden und verschwanden, welchen Lauf die Gewässer nahmen und schließlich das heutige Bild schufen.

Urzeit. Devon.

Die ältesten Sedimentgesteine der Erde, die sich nach der Urzeit, nach der Bildung einer festen Erdkruste um einen feurigen Kern, in den Zeitperioden des Cambrium und des Silur als Ablagerungen eines Urmeeres gebildet haben und die ersten deutlichen Spuren und Reste organischen Lebens enthalten, treten nur im Hohen Venn und in den Ardennen, und zwar verhältnismäßig spärlich zutage. Die älteste Kruste der Erde, die aus den sogenannten Urgesteinen der Gneis- und Granitgruppe gebildet wird, erscheint im ganzen Gebiete nirgendwo an der Oberfläche. Daß diese Unterlage aber nicht fehlt, wird durch die zahlreichen Einschlüsse von archäischen Gesteinen, von Granit, Diorit, Gneis, Granulit, Glimmerschiefer usw. in den vulkanischen Tuffen, Basalten und Laven des Laacher Sees, des Siebengebirges usw. bewiesen. Es kann nur angenommen werden, daß sie bei den vulkanischen Ausbrüchen aus großer Tiefe abgerissen und mit an die Oberfläche gefördert wurden. Im Hohen Venn zeigte sich bei einem Bahnbau, daß dort Granit sogar bis nahe an die Oberfläche reicht.

Abb. 7. Haus Frauenstein und Salzhaus am Römerberg in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 21].)

Devonische Gesteine.

Die Hauptgesteinsmasse des Rheinischen Schiefergebirges entstand in der Erd-Epoche, die der silurischen Zeit folgte und den Namen Devon erhalten hat. Dieselbe wurde benannt nach der englischen Grafschaft Devonshire, weil sie dort vom englischen Geologen Murchison zum ersten Male als ein selbständiges Glied der Erdrinde nachgewiesen wurde. Bei der geologischen Erforschung des Rheinischen Schiefergebirges zeigte sich, daß sie in diesem Gebiete viel vollständer entwickelt ist. Sie könnte also zutreffender als Rheinische Formation bezeichnet werden. Das Devon wird in drei Unterglieder, in das Unter-, Mittel- und Oberdevon, eingeteilt. Von diesen ist das älteste Glied, das Unterdevon, am mächtigsten entwickelt. Ihm gehören die Tonschiefer und Grauwacken, ferner der noch ältere Taunusquarzit, der besonders im Taunus und Hunsrück eine wichtige Rolle spielt, und als älteste Gesteine die Phyllite und Sericite an. Letztere, die eine schmale Zone am Südfuße des Taunus und des Hunsrück bilden, werden von einigen Forschern auch für älter als devonisch gehalten. Im Vergleich zum Unterdevon hat das Mitteldevon, wie ein Blick auf die geologische Karte[A] uns sagt, nur eine geringe Verbreitung. Die Eifelkalke, die bei Gerolstein als prächtige Dolomitfelsen aufragen, und die Lenneschiefer, die zwischen der Sieg und der Ruhr verbreitet sind und also den Boden des Bergischen Landes bilden, gehören ihr an. Das Oberdevon ist noch viel weniger verbreitet. Schichten desselben kommen nur in einer Kalkmulde bei Prüm in der Eifel, zwischen der Wupper und der unteren Ruhr im Bergischen Lande, bei Aachen und in der Lahn- und Dillgegend vor.

Abb. 8. Der Dom in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 21].)

Obschon die unterdevonischen Schichten die ungeheure Mächtigkeit von etwa 3300 m besitzen, sind sie, wie aus den Versteinerungen, die sie enthalten, als den Spuren früherer Lebewesen, geschlossen werden konnte, in einem ziemlich seichten Meere, das mit unserer Nordsee verglichen werden kann, abgelagert worden. Es sind jedoch nur wenige versteinerungsreiche Bänke bekannt geworden. Um so reicher ist die Ausbeute des Paläontologen in den mitteldevonischen Kalken und Schiefern, die sich als Tiefseebildungen zu erkennen geben. Diese Schichten, besonders die Kalke der Eifel, enthalten eine solche Fülle von Versteinerungen, daß man, wie Rauff sich ausdrückt, „streckenweise keinen Stein aufheben kann, der nicht zugleich Versteinerung wäre, und daß beispielsweise in der Umgebung von Gerolstein, ohne jede Übertreibung gesprochen, die Straßen tatsächlich mit Korallen und Stromatoporen beschottert werden“. Auch die oberdevonischen Schichten enthalten stellenweise einen großen Reichtum von Versteinerungen. Außer zahllosen Muscheln aus der Klasse der Brachiopoden oder Armfüßler, Korallen, Seesternen, Seelilien und krebsartigen Tieren treten im Devon zum ersten Male auch Fische und Ammoniten auf. Die Fische hatten sämtlich ein knorpeliges Skelett gleich den Haifischen und Stören der Gegenwart, weshalb von ihnen nur wenig erhalten ist.

Als sich die devonischen Schichten ablagerten, fanden gleichzeitig viele submarine Ausbrüche von vulkanischem Gestein, von Diabasen und Aschen statt; die Schalsteine der nassauischen Gegenden haben diesen Ursprung. In Verbindung mit Kalksteinen bewirkten sie sekundär die Entstehung von Eisenerzen, besonders von Roteisensteinen, so daß im Nassauischen und in Westfalen ein bedeutender Eisenbergbau begonnen werden konnte.

Abb. 9. Goethe-Haus in Frankfurt.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt a. M. (Zu [Seite 22].)

Die Steinkohlenzeit.

Auf die devonische Zeit folgte die Karbon- oder Steinkohlenzeit. Sie schuf die Ablagerungen, die das Rheinische Schiefergebirge im Norden, Osten und Südwesten säumen, im Norden in langer Ausdehnung von Valenciennes in Frankreich bis nach Marsberg in Westfalen, von da am Ostrande des Devon nach Süden herumgreifend bis über Wetzlar hinaus, im Südwesten auf kleinerem Raume an der Saar und oberen Nahe. Wir unterscheiden ein Unterkarbon und ein Oberkarbon oder das produktive, d. h. von Kohlenflözen erfüllte Steinkohlengebirge. Jenes ist in Belgien als Tiefseebildung in einer ungeheuren Mächtigkeit, östlich vom Rhein aber als Flachseebildung entwickelt, letzteres haben wir überall als die Ablagerung eines sehr seichten Meeres, in dessen Buchten sich ein ungemein üppiges Pflanzenleben entfalten konnte, aufzufassen.

Abb. 10. Goethe-Denkmal in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 22].)

Entstehung der Gebirge.

Schon die bandartige Ablagerung der karbonischen Schichten an den Rändern des Rheinischen Schiefergebirges sagt uns, daß dieses zu jener Zeit anfing, sich aus den Fluten des Meeres herauszuheben, zusammen mit dem gewaltigen Hochgebirge, den Variskischen Alpen, von denen wir eingangs sprachen. Dies führt uns zu der Frage, wie wir uns die Entstehung der riesigen Gebirge, die in früherer Zeit hervorragten und wieder verschwunden sind oder, jüngeren Ursprungs, noch heute die Oberfläche der Erde schmücken, zu denken haben. Manche Theorien sind hierüber aufgestellt worden. Die Katastrophentheorie, der auch noch Humboldt huldigte, ist längst abgelöst worden von der Kontraktionstheorie, die von Lyell begründet und von Heim und Sueß weiter ausgebildet wurde und den großartigsten Vorgang der Gebirgsbildung, die Entstehung der riesigen Ketten- oder Faltengebirge, als Wirkung eines langsameren, aber allmählich immer stärker werdenden Seitenschubs erklärt. Die fortschreitende Abkühlung der Erde ist die letzte Ursache dieses Vorgangs, bei dem die oberen Erdschichten immer stärker in Falten gelegt und zu Falten aufgebogen werden. Im Rheinischen Schiefergebirge sind die einstigen Falten zum Teil nachgewiesen worden. Sie bildeten zahlreiche Gebirgszüge, die, wie am Oberflächenbilde stellenweise noch heute sichtbar ist, von Südwesten nach Nordosten strichen. Namentlich drei große Faltenbewegungen wurden wirksam. Zuerst wurde das Hohe Venn aufgebogen, dann folgte die Auffaltung des Taunus und Hunsrück und daran schloß sich unmittelbar die Aufwölbung der Eifelfalte. Jede dieser Hauptfalten war von zahlreichen Nebenfalten begleitet. Der Druck kam vorwiegend von Südwesten; doch sind auch Wirkungen einer quer hierzu gerichteten Druckbewegung, besonders in der Eifel, zu erkennen. Die karbonischen Schichten bei Aachen sind noch mitgefaltet worden, ein Beweis, daß bei ihrer Ablagerung die Faltenbewegung noch nicht begonnen hatte, die des Saargebiets dagegen nicht mehr. Die Forschungen haben ergeben, daß sich an der Stelle, wo das Saarkohlengebirge abgelagert wurde, eine wohl 5000 m tiefe Senke zwischen dem Hunsrück im Nordosten und einer anderen Hochgebirgskette im Südwesten befand. Die Gewässer, die von den beiden Gebirgen mit wildem Sturze herniederflossen, führten große Massen Quarz und Schiefergeröll mit sich fort und füllten allmählich die Senke aus. Ein großer Teil des Steinkohlengebirges, das so entstand, wurde in der dann folgenden Permzeit von den Ablagerungen des Rotliegenden überdeckt. Der ganze Ost- und Südrand des Rheinischen Schiefergebirges war in dieser Zeit wieder unter den Meeresspiegel geraten, bis zur Mosel hin, wo noch kleine Reste des Rotliegenden, die der Reisende auf der Fahrt von Trier nach Coblenz auf der ersten Strecke schaut, erhalten sind.

Die späteren Erd-Epochen.

In der nächsten Erd-Epoche, der Triaszeit, dauerte das Tiefersinken des Gebietes fort. Immer weiter dehnte sich in dem früheren Gebirgslande wieder die Herrschaft des Meeres aus, und mit neuen Ablagerungen bedeckte dieses den alten Gebirgsrumpf. Auch das Jurameer flutete wahrscheinlich noch über weiten Gebieten. In der nachfolgenden Kreidezeit dagegen war der größte Teil des Rheinischen Schiefergebirges wieder trockengelegt. In der Tertiärzeit gab es noch eine seichte Meeresbucht, das sogenannte Mainzer Becken, mit einem reichen Tierleben. Dann folgten zahlreiche Süßwasserbildungen, Geröll-, Sand-, Ton- und Braunkohlenablagerungen, auf seiner Oberfläche, besonders auf den eingesunkenen Schollen des Neuwieder und Limburger Beckens, sowie des Mainzer Beckens im Süden und der Kölner Bucht im Norden, begannen ferner die zahlreichen vulkanischen Ausbrüche, die bis in das Diluvium fortdauerten und die Vulkanberge der Eifel, die Basaltkuppen des Westerwaldes und vor allem die schöne Berggruppe des Siebengebirges schufen.

Wir verfolgten die Landbildungen, die auf dem Raume des Rheinischen Schiefergebirges in den verschiedenen Erd-Epochen vor sich gingen, und es bleibt uns noch die andere Aufgabe, auch die Vorgänge zu verfolgen, durch die das mächtige Hochgebirge und auch manche der später auf seinem Sockel wieder abgelagerten Erdschichten wieder zerstört und abgetragen wurden. Hierbei wird sich vor unseren Augen zum Schlusse das jetzige Oberflächenbild des Rheinischen Schiefergebirges gestalten.

Wie alle Gebirge, besonders die hoch gehobenen Faltengebirge, die mit starkem Gefälle fließende Gewässer hinabsenden, so unterlagen auch die alten Faltenzüge des jetzigen Rheinischen Schiefergebirges gleich nach ihrer Aufrichtung einer starken Zerstörung und Abtragung. Wieviel letztere bisher betragen hat, darüber sind erst wenige Berechnungen gemacht worden. Cornet und Briort veranschlagen in ihren Arbeiten über das belgische Karbon das Maß der Abtragung bei Namur auf 5000–6000 m. Dies gibt uns eine annähernde Vorstellung, mit welchen Kräften und Leistungen wir bei der Zerstörung der Gebirge zu rechnen haben. Auch der Vergleich mit den viel jüngeren Alpen dürfte geeignet sein, eine anschauliche Vorstellung hierüber zu geben. Von ihrer stolzen Höhe büßten sie nach den Berechnungen von Professor Heim in Zürich in einem verhältnismäßig noch kleinen Zeitabschnitte ein Drittel ein, und für das heute noch 4280 m hohe Finsteraarhorn, den höchsten Berg der Berner Alpen, betrug die Höhenabnahme mindestens 1000 m an Sedimentgestein und eine nicht bestimmbare Höhe an kristallinischem Schiefer.

Abb. 11. Die Börse in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 23].)

Die schnelle Zerstörung, welche das alpenartige Gebirge jedenfalls in der ersten Zeit nach seiner Auffaltung erfahren hatte, verlangsamte sich, als schon in der Permzeit das ganze Gebiet sich zu senken begann. Aber eine andere Zerstörungsweise setzte mit diesem Zeitpunkte ein. Das Meer umbrandete das Gebirge und überflutete es teilweise, wie die Ablagerungen des Rotliegenden, des Buntsandsteins und noch jüngerer Erdschichten beweisen. Das gewaltige Zerstörungswerk der Meeresbrandung können wir an heutigen Küsten beobachten. Sie hobelt gleichsam das Land allmählich gleichmäßig ab, so daß, wenn sich später das Meer wieder zurückzieht, eine fast ebene Fläche zum Vorschein kommt. Besonders dürfte das Buntsandsteinmeer die Abnagung und Einebnung weiter Gebiete des Rheinischen Schiefergebirges bewirkt haben.

Ausbildung der heutigen Formen.

Als die Schwankungen der Meeresgrenzen aufhörten und das Rheinische Schiefergebirge in seinem heutigen Umfange wieder als trockenes Land heraustrat, wurde seine Oberfläche von neuem modelliert, und zwar um so stärker, je höher sie gehoben wurde. Sie schmückte sich mit neuer Schönheit, indem weiches Gestein fortgeschwemmt wurde, härteres aber stehen blieb, und indem die heutigen Gewässer ihre Täler tief eingruben. Die zahlreichen Bergrücken, welche den sonst einförmigen Hochflächen des Rheinischen Schiefergebirges heute noch aufgesetzt sind, wie die Taunuskette, der Soon-, Idar-, Hoch- und Errwald auf dem Hunsrück, der Kondelwald, die Schneifel u. a. auf der Eifel usw. sind nur Reste härterer Gesteinsschichten, stellen aber durchaus nicht mehr die früheren Faltenzüge dar. Sie bestehen aus dem harten Quarzit, der der Verwitterung besser als die Schiefer-, Grauwacke- und Sandsteinschichten widerstand. Die Hauptachse der Taunus-Hunsrückfalte, die früher eine ununterbrochene Gebirgskette darstellte, lag z. B. südlich von der jetzigen höchsten Erhebungslinie und wird durch die dort auftretende schmale Zone der stark abgetragenen Phyllite und Sericite bezeichnet. Auch die Porphyr- und Melaphyrfelsen der Nahegegend, ferner die überaus zahlreichen Vulkanberge, besonders Basaltkuppen der Eifel, des Westerwaldes und des Siebengebirges, sowie die Kalkfelsen bei Gerolstein in der Eifel verdanken ihr jetziges stattliches Hervortreten meist nur dem Umstande, daß sie von der sie umgebenden weicheren Gesteinshülle allmählich entblößt wurden.

Abb. 12. Eschenheimer Turm in Frankfurt.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt. (Zu [Seite 23].)

Bildung der Flußtäler.

Die heutige Talbildung des Rheinischen Schiefergebirges hat ihren Anfang wohl erst gegen Ende der Tertiärzeit, in der Pliocänzeit, genommen. Allmählich haben der Rhein und seine Nebenflüsse, die Mosel, die Lahn, die Nahe, die Sieg, die Ahr und die Wupper, ihr Bett bis zur jetzigen Tiefe ausgenagt und dadurch die große Gebirgsscholle in mehrere kleinere zerlegt. In bedeutender Höhe der Täler finden wir die Spuren ihres früheren Laufes. Am deutlichsten sind die alten Flußterrassen im Rheintal ausgebildet, doch fehlen sie auch im Tal der Mosel und in den Tälern der anderen Flüsse nicht. Im Rheintal ist eine Hoch- und eine Niederterrasse nachzuweisen. Jene liegt etwas nördlich von Coblenz in einer Höhe von 245, bei Linz von 200, auf der Erpeler Ley von 150 und auf dem kleinen Krater des Rodderberges bei Rolandseck von 130 m über dem jetzigen Rheinspiegel; sie setzt sich mit abnehmender Höhe auch durch die Kölner Bucht als Schotterfläche der Ville, ja bis nach Cleve und Nimwegen hin fort. Diese Hochterrasse zu beiden Seiten des Tales ist der Rest des ehemaligen, sehr breiten Strombettes. In dieses begann sich der Rhein später tiefer einzugraben. Er zog hierbei von selbst seine Wassermasse enger zusammen. Tiefer sank sein Spiegel, seine steilen Uferwände wurden immer höher und wuchsen allmählich zu Bergen, auf denen in der Höhe die aus mächtigen Schottermassen bestehende Terrasse zurückblieb. Außer dieser obersten Hauptterrasse kommen an den Talwänden auch kleinere Hängeterrassen vor. Die Niederterrasse, eine untere Hauptterrasse, liegt in einer Höhe von 20–30 m über dem jetzigen Wasserspiegel und bezeichnet wieder ein längeres Verweilen des Stromes in seinem Bette. Dann begann er, sich sein heutiges Bett zu graben.

Abb. 13. Das Opernhaus in Frankfurt.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 23].)

Abb. 14. Der Palmengarten in Frankfurt.
Nach Luib, Der Taunus. Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung in Frankfurt. (Zu [Seite 23].)

Abb. 15. Im Palmenhause des Frankfurter Palmengartens. (Zu [Seite 23].)

Zu diesem tiefen Einnagen kann der Strom, wie schon erwähnt wurde, nur durch eine langsame Aufwärtsbewegung des Rheinischen Schiefergebirges veranlaßt worden sein. Diese Aufwärtsbewegung war keine gleichmäßige, sondern ging bald langsam, bald schneller vor sich. Es hätte sonst eine Terrassenbildung nicht stattfinden können. Die Tatsache, daß die Quelle bzw. der Oberlauf der außerhalb des Rheinischen Schiefergebirges entspringenden Flüsse, der Saar, der Mosel, des Rheines (sein Lauf durch die Oberrheinische Tiefebene) jetzt tiefer liegen als die höchsten Spuren der alten Stromläufe, könnte auch so erklärt werden, daß jene außerhalb gelegenen Gebiete später eingesunken und die genannten Gewässer gezwungen worden seien, ihr Wasser aufzustauen, um schließlich über die Hochflächen des Rheinischen Schiefergebirges einen Abfluß zu finden. Die gleichzeitige Annahme von Spalten in letzterem erleichtert diese Erklärungsweise, nach der das Rheintal und seine Nebentäler nur als einfache Erosions-, d. h. Ausnagungstäler aufzufassen seien. Führen wir aber, wie es oben geschah, ihre bedeutende Vertiefung auf ein späteres langsames Emporsteigen des Rheinischen Schiefergebirges zurück — und hierzu sind wir gezwungen, um den beiden Tatsachen, der früheren teilweisen Überflutung des Gebiets durch das Tertiärmeer und der Terrassenbildung gerecht zu werden —, so haben wir eine kompliziertere Talbildung vor uns, die man die vorausgehende nennt. Diese Bezeichnung will andeuten, daß der Beginn der Talbildung der Gebirgserhebung vorausgegangen war, wenn sie auch durch diese erst zum schnellern Fortschreiten angeregt wurde. Wir brauchen in diesem Falle keine großen Spaltenbildungen, die den Gewässern den Weg wiesen, anzunehmen. Solche konnten sicher bisher auch nur auf wenigen Strecken des Rheintales und seiner Nebentäler nachgewiesen werden. Einem Gebirgsspalt folgt der Rhein z. B. auf der Strecke von Braubach unterhalb Boppard bis Coblenz. Die Deutung der Täler des Rheinischen Schiefergebirges als vorausgehende Talbildungen schließt aber durchaus nicht aus, daß die außerhalb entspringenden Gewässer, also Rhein, Mosel und Saar, in früherer Zeit vor Eintritt in das Gebiet ihr Wasser seeartig aufgestaut haben, wofür besonders hinsichtlich des Rheinlaufs, der das Mainzer Becken und einen großen Teil der Oberrheinischen Tiefebene füllte, Beweise vorhanden sind. Diese Aufstauung mußte sogar in dem Maße stattfinden, als die Talvertiefung hinter der Aufwärtsbewegung des Rheinischen Schiefergebirges zurückblieb. Auch die eingesunkenen oder in der Aufwärtsbewegung zurückgebliebenen Schollen innerhalb des Gebietes, wie das Limburger und Neuwieder Becken und die Kölner Bucht, blieben noch lange Zeit von Wasserfluten bedeckt, bis sie sich mit dem Fortschreiten der Talbildung allmählich entleerten. Der Rhein und seine Nebenflüsse begannen ihre Talbildung in den überlagernden, aber wieder abgetragenen Schichten und setzten sie ohne Rücksicht auf den Gebirgsbau der unterlagernden Schichten fort, so daß man auch von epigenetischen oder aufgelagerten Tälern sprechen kann. Von der Pliocänzeit bis zur Diluvialzeit, und zwar bis etwa zu den letzten Abschnitten der Eiszeit, in der auch schon der Mensch am Rheine wohnte, war beinahe diese ganze Erosionsarbeit der Flüsse geschehen; denn der aus der letztgenannten Zeitepoche stammende feinerdige Löß bekleidet vielfach die Gehänge der Täler, besonders des Rheintales, fast bis zur Niederterrasse herab.

Abb. 16. Kurfürstliches Schloß in Mainz. (Zu [Seite 29].)

Abb. 17. Innere Ansicht der Stadthalle in Mainz. (Zu [Seite 30].)

Abb. 18. Mainz.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 23].)

[A] Geologische Übersichtskarte der Rheinprovinz und der Provinz Westfalen, bearbeitet von H. v. Decken. — Geologische Übersicht von Mitteleuropa in Andrees Handatlas, V. Aufl. S. 37 38.