IV. Das Rheintal von Rüdesheim bis Coblenz.

Eine Rheinfahrt.

Rheinfahrt! Welch froher, einziger Sinn liegt in diesem Worte! An wonnige Reisetage werden wir erinnert, an Tage, wo wir die herrliche Schönheit des Rheintals zum erstenmal schauten und mit den schönen Bildern der Landschaft auch die Poesie des deutschen Rheinstroms in unser Herz einziehen ließen. Die hoch und steil aufragenden Bergwände zu beiden Seiten des Tales, die Burgen auf den rebenbekränzten Bergen, die freundlichen Dörfchen und Städtchen am reichen Strand, vor uns die blitzende Flut des majestätischen Stromes, dessen Wellen plätschernd den Kiel des Schiffes umkosen, um uns Scharen froher Menschen, die wie wir trunkenen Auges in die Landschaft schauen, und in der Hand das Glas, gefüllt mit lieblich duftendem Rheinwein: das sind die Bilder, die, gepaart mit frohen Augenblicken, immer wieder im Erinnern vor uns auftauchen.

Mittag ist’s. Lustig scheint die Sonne auf die steile Bergwand des Niederwaldes, des Weines Geister in den Rebenstöcken weckend. Von dem Aufstieg zum Niederwalddenkmal — sauer war er uns geworden — sind wir vor einer Stunde zurückgekehrt. Zu einem kleinen Frühstück fanden wir eben noch Zeit, und nun stehen wir, zusammen mit zahlreichen Touristen, die wie wir froh ihr Ränzlein auf den Rücken schnallten, in Rüdesheim am sonnigen Strand, um die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten. Wir wandeln auf und ab. Plötzlich Bewegung in der Menge. „Das Schiff ist in Sicht!“ so tönt ein Rufen, und alle Blicke wenden sich südwärts, wo der Rhein, breit wie ein See, heranflutet. Stolz wie ein Schwan durchfurcht es die Wellen. „Lohengrin“ ist’s! eins der schönsten Schiffe der Köln-Düsseldorfer Dampfschiffahrtsgesellschaft.

Abb. 55. Nahemündung, Bingen, Scharlachkopf und Bingerbrück. (Zu [Seite 46].)

Burg Rheinstein.

In voller Fahrt! Der Windhauch des Schiffes, das in Bingen noch viele Reisende aufnahm, fächelt auf dem Oberdeck Kühlung uns zu. Neben uns sitzt eine holländische Familie, dort stehen zwei Engländer, in modefarbene Anzüge gekleidet, und aus einer anderen Gruppe klingen französische Laute an unser Ohr. Ein Stelldichein der Nationen Europas! Vater Rhein kennt sie alle; denn er plaudert eine lange Geschichte. Aber ob ehemals Freund oder Feind, gastlich sind sie alle geladen, und allen lacht des Landes Schönheit. Wir fahren in engem Tale. Als wären wir in einem norwegischen Fjorde, so schauen wir vor uns und hinter uns in eine riesige Schlucht. Aber anders ist das Bild der hochragenden Bergwände. Fast ebenso schroff steigen sie an manchen Stellen empor. Aber überall hat des Menschen Hand sie berührt, überall hat sie die Rebe gepflanzt, war es auch noch so mühsam, die Terrassen zu ebnen und fruchtbares Erdreich auf den nackten Fels zu tragen. Frühere Geschlechter, schon in römischer Zeit, versuchten’s, und die heutigen Winzer wissen nicht anders, als das mühevolle Werk zu erhalten und noch vollendeter zu gestalten. Leisteten doch noch Kühneres die Vorfahren! Dort auf Bergeshöhe gar ein stolzer Bau! Mauern, zinnengekrönte Türme! Eine alte Ritterburg! Faitz-, Vauts- oder Voigtsberg nannte sie die Geschichte, zum erstenmal im Jahre 1279. Wer ihr Erbauer war, meldet sie nicht. „Burg Rheinstein“ ([Abb. 58]) ist ihr jetziger Name. Der stolze Bau sah den Glanz der Ritterzeit, erprobte seiner Mauern Stärke in manchem Kampfe, bis ihn die Raubscharen der Franzosen 1689 in Schutt und Asche legten. Verschwundene Herrlichkeit! Doch mit dem Gestein, das, von der Fuge getrennt, in Trümmer fällt, stirbt nicht des Menschen Geist. Das glänzende Bild früherer Zeiten lebt in ihm weiter, und nun sucht er es zu gestalten, in altem oder noch schönerem Glanze. So fanden auch viele Burgen am Rhein ihre Wiedererbauer. Burg Rheinstein ließ Prinz Friedrich von Preußen, dessen Grab sich in der Burgkapelle befindet, neu aufführen. In der neuen Gestalt bringt sie die Bauweise und Anlage der mittelalterlichen Burgen vortrefflich zur Anschauung. Aus dem Rittersaal, dem Prachtraum des Herrenhauses oder Pallas, schauten die Ritter und Burgfräulein hinab in das Rheintal. Luftiger noch wohnte der Wächter, der auf dem höchsten Turme, dem mächtigen Bergfried saß, der bei einer Belagerung der Burg im Falle der Gefahr die letzte Verteidigungsstellung bildete. Zu den notwendigen Bestandteilen einer Burg gehörten noch Torburg, Küche und Brunnen. Nach der Angriffsseite ragte die mächtige Schildmauer auf. Nur eine Zugbrücke, die gewöhnlich über einen tiefen Abgrund führte, stellte die Verbindung mit der Außenwelt her. War sie hinaufgezogen, so konnte niemand in die Burgfeste eindringen. Hinter seinen Mauern konnte der Ritter jedem Feinde Trotz bieten. Aus diesem Gefühl der Sicherheit wuchs der kühne Geist des Rittertums hervor.

Abb. 56. Der Mäuseturm und Burg Ehrenfels. (Zu [Seite 48].)

Falkenburg. Sooneck. Heimburg.

Weiter geht die Fahrt. Da ist kein Auge, das nicht die neuen Bilder mit Spannung erwartet und freudig grüßt. Im Reisehandbuch und auf der Karte wird aufmerksam die Fahrt verfolgt. Sollen doch die schönen Bilder weiter leben, zusammen mit ihren berühmten Namen! Längst liegt Aßmannshausen ([Abb. 59]) hinter uns, und auch Burg Rheinstein auf der anderen, der linken Rheinseite entschwindet jetzt unseren Blicken. Die lange Häuserreihe des Ortes Trechtingshausen, überragt von den Ruinen der Falkenburg ([Abb. 60]), einer der Raubburgen, die der rheinische Städtebund 1252 zerstören ließ, gleitet vorüber.

Abb. 57. Das Rheinknie bei Bingen. (Zu [Seite 48].)

Dann steigt, über dem Eingang einer engen Bergschlucht, der schlanke Turm der prächtigen Burg Sooneck ([Abb. 61]) empor. Auch sie erstand durch Fürstengunst aus ihren Trümmern. Der „Prinz von Preußen“, der spätere Kaiser Wilhelm I., erwarb sie zusammen mit seinem Bruder Prinz Karl von Preußen und ließ sie von 1834 ab neu herstellen. Ihr erster Erbauer war der Erzbischof Willigis von Mainz, der zu Anfang des elften Jahrhunderts lebte. Aber später wurde sie, gleich der Falkenburg, ein Räubernest, und König Rudolf von Habsburg ließ sie zerstören. Neu erstand sie aus ihrem Schutt, bis spätere Zeiten sie wieder zerstörten. Daß die Burg Sooneck auch in unserer Zeit in neuer Pracht hergestellt wurde, verdankt sie der prächtigen Aussicht, die sie darbietet. „Seeartig erscheint von den Zinnen der Burg aus in ruhiger Majestät der Spiegel des Stromes, grüne Inseln spiegeln sich in seinem Bette, und die üppigen Weingelände von Lorch ([Abb. 62]) und Trechtingshausen scheinen sich auf den Strommauern fortsetzen zu wollen. Wild starren über den Weinbergen, die rechts den edlen Bodentaler liefern, die Felsklippen empor; ein Bergpfad durchzieht die finstere Schlucht der Burg zu Füßen; er führt auf des Soonwaldes wildreiche Höhen, wo der Eber noch den Boden aufwühlt und der Hirsch mit den gewaltigen Stangen den Buchenwald durchästet“ (Mehlis).

Abb. 58. Schloß Rheinstein. (Zu [Seite 50].)

Lorch.

Bis südlich von Lorch ([Abb. 62]), das schmuck auf dem rechten Ufer bald vor uns auftaucht, während links das langgestreckte Dorf Niederheimbach und die Heimburg grüßen, bauen sich die Talwände aus Taunusquarzit auf. Es war ein mühevolles Werk, das der Rheinstrom beim Einsägen in dieses harte Gestein auszuführen hatte. Noch hat er es nicht ganz vollendet, noch lauern überall Quarzriffe unter seinem Wasserspiegel, besonders bei niedrigem Wasserstande die Schiffahrt sehr gefährdend. An vielen Stellen mußten, wie am Binger Loch, umfangreiche Sprengungen vorgenommen werden, um diese überhaupt möglich zu machen. Auf der folgenden Strecke, auf der der Rhein den Hunsrückschiefer zu durchfurchen hatte, war das Werk wohl leichter. Aber manche harte Felsbänke durchsetzen auch dort den Strom und lassen ihn wild aufbrausen, so am Wilden Gefährt bei Bacharach, ferner bei Caub, wo die Pfalz, eine kleine Burg, auf einem Felsen mitten im Strom erbaut ist, sowie besonders auf der Strecke zwischen dem Kammereck und der Lorelei. Mit dem Eintritt in den Hunsrückschiefer geht zugleich eine große Veränderung in dem Gepräge der Landschaft vor sich. Während der Quarzit eine ziemlich gleichmäßig zusammengesetzte Gesteinsmasse bildet, ist der Schiefer in seinen einzelnen Lagen oft sehr verschieden beschaffen und von ungleicher Härte. Infolgedessen sind die Formen, die die Verwitterung und die gewaltsame Zerstörung durch den Strom und der einmündenden Bäche entstehen ließen, mannigfaltiger, und malerischer ist das Bild der Felswände, die ihre wuchtige Gesamterscheinung durch einen reichen Wechsel zwischen beleuchteten kleinen Vorsprüngen und dunkeln Klüften beleben können.

Abb. 59. Aßmannshausen. (Zu [Seite 50].)

Zwischen trotzigen Schieferwänden geht also die Fahrt weiter. Schon gleich die Ruinen der hinter dem Städtchen Lorch aufragenden Burg Nollich zeigen sich uns auf zackigem Schieferberge. Ein scharfer Felsgrat tritt aus dessen südwestlichem Abhange heraus, die Teufelsleiter genannt. Ein Ritter von Lorch soll einst an dieser Stelle hinaufgeritten sein, um durch diese kühne Tat die Hand eines Edelfräuleins zu erringen. Lorch selbst ist ein sehr alter Ort. Schon 844 wird es als Lorecha erwähnt. Im Mittelalter wohnten daselbst viele Adlige, die, nach dem Wortlaut einer Urkunde, ein „Leben wie im Paradiese“ führten. Auch heute hat Lorch noch manche historisch interessante Gebäude. Die aus dem dreizehnten bis fünfzehnten Jahrhundert stammende Martinskirche, die sich durch ihr herrliches Geläute auszeichnet, enthält mehrere bemerkenswerte Grabdenkmäler, so das Denkmal des Ritters Johann Hilchen von Lorch, eines Waffengenossen Sickingens, der „in den Zügen gegen den Erbfeind, den Dürcken, und den König zu Francreich in den Jahren 1543 und 1544 oberster Veltmarschalck“ war. Auch das fünfstöckige Wohnhaus dieses Ritters wird in Lorch noch gezeigt.

Bei Lorch mündet das Wispertal in das Rheintal. Kalte Winde führt es diesem zu, Bergwinde, die die im Rheintale aufsteigende warme Luft zu ersetzen suchen und dem Weinbau viel Schaden zufügen.

Abb. 60. Die Falkenburg (Schloß Reichenstein). (Zu [Seite 52].)

Wispertal. Fürstenberg. Bacharach.

Von Lorch und Burg Nollich wenden wir den Blick ab und schauen nach links auf die gegenüberliegende Bergwand, die den kalten Windhauch des Wispertales empfängt. Von der Höhe grüßen uns die Ruinen der Burg Fürstenberg. Einst fuhr ein neugewählter deutscher Kaiser, Adolf von Nassau war es, hier vorbei, auf dem Wege zur Krönung nach Aachen. Da gebot die pfälzische Besatzung dieser Burg seinem Schifflein Halt und forderte trotzig den Rheinzoll. So geschehen im Jahre 1292. Noch sinnen wir nach über eines solchen Kaisers Herrlichkeit, der seine Kaiserwürde verzollen mußte, da taucht, schimmernd im Lichtglanze des Tages, das alte ehrwürdige Städtchen Bacharach (2000 Einw.) ([Abb. 63]) aus den Fluten vor uns auf. Malerisch überragen es die roten Sandsteinbogen einer gotischen Kirchenruine und die weitläufigen Mauertrümmer der oft und heiß umstrittenen Burg Stahleck. Das Schiff mäßigt die Fahrt, um an der Landebrücke anzulegen, und in Muße können wir das Bild betrachten, dessen einzelne Züge so viele historische Erinnerungen in uns wecken. Die mittelalterlichen Stadtmauern, die von der Burg herabkommen und noch fast die ganze Stadt umschließen, machen uns schon klar, daß diese eine lange Geschichte zu erzählen weiß. Im Mittelalter wurde kaum ein Ort mehr genannt als Bacharach, und auch in der weiten Welt war es überall bekannt. Kamen doch von dort die herrlichsten Weine, wie Widtmanns musikalisches Kurzweil aus dem Jahre 1632 uns meldet, worin es heißt:

Zu Klingenberg am Main,

Zu Würzburg an dem Stein,

Zu Bacharach am Rhein,

Hab’ ich in meinen Tagen

Gar oftmals hören sagen,

Soll’n sein die besten Wein’!

Abb. 61. Schloß Sooneck.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 52].)

Bacharach. Stahleck.

Wohl haben Bacharachs Rebengehänge eine günstige Lage; denn unterhalb der Stadt macht der Rhein eine Biegung, so daß auf dieser Strecke die linke Bergwand mehr Sonnenbestrahlung und den warmen Hauch von Süden empfängt. Aber dennoch ist die Lage nicht so hervorragend günstig, und es sind nur mittelmäßige Weine, die bei Bacharach und in der Umgegend, so im Blüchertal, das den beliebten Steeger liefert, wachsen. Der hohe Ruf der Weine von Bacharach in früherer Zeit hatte einen anderen Grund. Im Mittelalter war die Stadt der Stapelplatz für die meisten Weine, die im oberen Rheintal und in dem angrenzenden Rheingau, der besten Weingegend Deutschlands, wuchsen. Die zahlreichen Felsklippen im Rhein machten nämlich die Schiffahrt zwischen Bacharach und Bingen fast unmöglich. Die herrlichen Rheingauer Weine mußten auf Fuhren nach Bacharach gebracht werden und wurden dort erst auf die Schiffe verladen. So galten sie als Bacharacher Weine. Die frühere Bedeutung hat Bacharach mit der Erweiterung der Rheinschiffahrt und dem Ausbau des Eisenbahnnetzes verlieren müssen. Doch besitzt es noch immer einige Bedeutung auf dem Gebiete des Weinhandels. Denn in den Tälern von Steeg, von Oberdiebach und Manubach wächst eine Fülle von Wein. Im Innern macht Bacharach einen altertümlichen Eindruck. Noch viele alte Fachwerkbauten, Giebelhäuser mit weit vorstehendem und dadurch schwerfällig überhängendem Obergeschoß engen die Straßen ein. Ein altberühmtes Fachwerkhaus mit turmartigem Erker, das aus dem Jahre 1568 stammt, wurde 1897 zum Teil auf Staats- und Provinzialkosten neu hergestellt. Hinter der spätromanischen Peterskirche steigt auf einer kleinen Anhöhe der auch als Mauerruine noch schöne Bau der ehemaligen Wernerskirche vor uns auf. In zierlichem gotischem Stil war diese 1293 in Form eines Kleeblattes erbaut worden; das Maßwerk in den Fensteröffnungen, in denen nun der Wind sein Spiel treibt, veranschaulicht noch die edlen Formen des Baues. Nun hinauf zur Burg Stahleck! An der Einmündung des breiten Steeger- oder Blüchertales, das den Zugang zur Hochfläche des Hunsrück bildet und auch von Blücher als Marschroute auf dem Zuge nach Frankreich gewählt wurde, gelegen, war sie ein strategisch wichtiger Punkt. Nicht weniger als achtmal wurde sie im Dreißigjährigen Krieg, zwischen 1620 und 1640, nebst der Stadt von den Franzosen erobert, die sie auch 1689 zerstörten.

Die Pfalz. Caub. Oberwesel.

Von Eindrücken, die frühere oftmalige Einkehr im alten Bacharach zurückgelassen hatte, durfte ich in Kürze erzählen. Nur zu schnell setzt sich unser Schiff „Lohengrin“ wieder in Bewegung, und neue Bilder verdrängen die alten. Die zierliche Pfalz, mitten im Strome gelegen und von dessen Wogen oft wild umbraust, läßt uns vorübergleiten, und rechts begleitet uns die lange Häuserreihe von Caub, überragt von der Burg Gutenfels, die vor kurzem ausgebaut wurde. Am Ufer steht, der Pfalz gegenüber, seit 1894 ein Denkmal Blüchers ([Abb. 65]). Es ist die Stelle, wo dieser mit einem preußischen und einem russischen Armeekorps in der Neujahrsnacht 1813/14 den Rhein überschritt. Mit Hilfe der Cauber Schiffer wurde die Pontonbrücke geschlagen, für die die Felsklippe der Pfalz einen vortrefflichen Stützpunkt darbot. Bei Caub wird der beste rheinische Dachschiefer gewonnen. In dem schwärzlichen Gestein, dessen Farbe die Sonnenstrahlen stärker auf sich sammelt, gedeiht auch vortrefflich die Rebe.

Mit freudigem Staunen wenden wir uns dann dem prächtigen Bilde zu, das am linken Stromesufer im Rahmen einer der schönsten Landschaften des Rheintales erscheint, dem mit Kirchtürmen, Ringmauern und zinnengekrönten Türmen reich geschmückten Städtchen Oberwesel (2800 Einw.) ([Abb. 64]). Von der Bergeshöhe schaut ernst die in Trümmern liegende Schönburg hinab auf die freundlichen Gärten im Tale, aus denen schmuck die zahlreichen Landhäuser Oberwesels herauslugen.

Abb. 62. Lorch.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 52].)

Abb. 63. Bacharach und Burg Stahleck. (Zu [Seite 54].)

Die Lorelei.

Bei Oberwesel beginnt die schönste Strecke des Rheintales. Hinter der hochragenden Felsmasse des Roßsteins stürmt der Rhein, in seinem Laufe umbiegend, in die enge Felsenspalte des Kammereck hinein, und bei einer neuen Biegung des Stromes fällt unser Blick auf eine andere trotzige Felsklippe, die unmittelbar aus dem Strome, 132 m über dessen Spiegel, emporsteigt. Es ist der sagenumwobene Loreleifelsen ([Abb. 66]). Die zackig auslaufenden Schichten seines schiefrigen Gesteins steigen zum Strome hin an, so daß man das Gefühl bekommt, als ob der Bergkoloß im Begriff wäre, sich aus den Fluten herauszuheben. Wer das Glück hat, beim Sonnenuntergang, wenn die Abendröte die Bergesspitze golden bemalt, oder im Mondenschein, wenn gespensterhafte Schatten den schroffen Berg umspielen, den Anblick des Lurleifelsens zu genießen, der glaubt auf dem hohen Bergesgipfel die schöne Jungfrau, von der die Sage erzählt, zu schauen. Auch den Schiffer kann er sehen. Zum Fischfange fährt er hinaus auf den Strom. In dem kühlen, wenig von der Sonne erwärmten Wasser am Loreleifelsen hält sich mit Vorliebe der Salm, der beste, schmackhafteste und teuerste aller Rheinfische, auf. Dort lockt den Fischer ein guter Gewinn, und mancher mag beim Fischfange die verborgenen Felsklippen nicht genug beachtet haben. Aber die Sage vergoldet, gleich dem Abendrot, das golden die Spitze des Loreleifelsens malt, in einem sinnigen Bilde den ernsten Zug des Fischerlebens. Sie läßt den jungen Fischer lauschen auf das liebliche Singen, das geheimnisvoll, mit gewalt’ger Melodei, von der umgoldeten Bergesspitze hernieder klingt.

Die schönste Jungfrau sitzet

Dort oben wunderbar,

Ihr gold’nes Geschmeide blitzet,

Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme

Und singt ein Lied dabei,

Das hat eine wundersame,

Gewalt’ge Melodei.

Dem Schiffer im kleinen Schiffe

Ergreift es mit wildem Weh,

Er schaut nicht die Felsenriffe,

Er schaut nur hinauf in die Höh’.

Ich glaube, am Ende verschlingen

Die Wellen noch Schiffer und Kahn,

Und das hat mit ihrem Singen

Die Lorelei getan.

(Heine.)

Die Abstammung des Wortes Lorelei ist nicht völlig aufgeklärt. Die einen wollen es, an das schöne Echo, das vom Berge widerklingt, erinnernd, als „lauter Fels“ deuten. In der Bibelübersetzung Luthers wird „lören“ in dem Sinne von „heulen, laut jammern“ gebracht. Die Übersetzung „Totengesangfelsen“ würde zu der mit der Lorelei verknüpften Sage passen.

Abb. 64. Oberwesel.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 56].)

Abb. 65. Blücherdenkmal in Caub und Burg Gutenfels.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 56].)

Von den steilen Bergwänden, die sich bis auf 165 m einander nähern, während die Breite des Rheines bei Rüdesheim 830 m beträgt, eingeengt, mußte der gefesselte Strom mit um so größerer Gewalt sich an den Felsen brechen, die in seinem Bette aufragten. Bis zu einer Tiefe von 27 m hat er dasselbe ausgefurcht. Tiefdunkel sind daher seine Fluten, in die aber früher hier und da einzelne härtere Felsklippen höher, gefahrdrohend für die Schiffahrt, hinaufragten, bis Sprengungen sie beseitigten. Der helle Sonnenschein, der unserer Rheinfahrt lacht, gibt nicht das rechte Stimmungsbild in diesem engsten, schluchtartigen Teile des Rheintals. Wenn Gewitterwolken über dem Strome sich ballen oder die Rheinnebel durch das Tal wallen, wenn aus dem Wolkengrau, dem weißen Nebelschleier wie schwarze Mauern die trotzigen Bergwände mit den Trümmerresten der Burgen herausschauen, dann erst entsteht eine Stimmung, die in diese Landschaft hineinpaßt und uns ein düsteres Fjordbild von Norwegens felsiger Küste vortäuschen könnte.

Abb. 66. Die Lurlei.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 56].)

Abb. 67. St. Goar und Rheinfels.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 60].)

St. Goar. Rheinfels. Katz und Maus. Die Brüderburgen.

Unterhalb des Loreleifelsens wird der Rhein wieder breiter, und bei St. Goarshausen, dem das alte Städtchen St. Goar ([Abb. 67]) gegenüberliegt, fand sich sogar Raum genug zur Anlage eines Sicherheitshafens, in dem die Schiffe zur Winterzeit vor dem Eisgange oder zu anderen Jahreszeiten vor plötzlich eintretendem Hochwasser Schutz suchen können. Während über St. Goarshausen der hohe Turm der 1393 erbauten Burg Katz ([Abb. 68]) emporragt, ist St. Goar durch die Ruinen der umfangreichen Burg Rheinfels ([Abb. 69]), die mehr als 100 Jahre älter ist, malerisch geschmückt. Die Besitzer dieser beiden Burgen waren die Grafen von Katzenelnbogen, die eine Stunde landeinwärts auch die Burg Reichenberg ([Abb. 70]) besaßen. Spottweise nannten diese eine andere Burg, die wenig unterhalb von der rechten Talwand herniederschaut, die Maus. Dann erscheinen auf derselben Seite, nach einer längeren Strecke, auf wildgerissenen Felsen die Trümmer der beiden „Brüderburgen“ Liebenstein und Sterrenberg. Eine tiefe Schlucht trennt die beiden Burgen voneinander, über die die Geschichte wenig Verbürgtes zu melden weiß. Gesprächiger ist die Sage. Sie erzählt von zwei Brüdern, die, nachdem sie ihre blinde Schwester bei der Erbschaftsteilung betrogen haben, selbst miteinander in heftigen Streit geraten und sich gegenseitig töten. Anders berichtet Horn die Sage. Zwei Brüder liebten eine Maid — Gräfin Laura nennt Heine sie — und gerieten darüber in Streit.

„Wehe! Wehe! Blut’ge Brüder!

Wehe! Wehe! Blut’ges Tal!

Beide Kämpfer stürzen nieder,

Einer in des andern Stahl.“

(Heine.)

Abb. 68. St. Goarshausen und Ruine Katz.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 60].)

Abb. 69. Ruine Rheinfels, mit Durchblick nach St. Goarshausen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 60].)

Abb. 70. Burg Reichenberg bei St. Goarshausen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 60].)

Salzig.

Gegenüber den beiden Brüderburgen und dem Kloster Bornhofen, einem vielbesuchten Wallfahrtsort, liegt, umschattet von Hunderten von Kirschbäumen, das Dörfchen Salzig. Im Frühling entfalten die Kirschenhaine einen Blütenschmuck, daß das Auge, wie schon Wolfram von Eschenbach sang, „schier trunken wird ob solcher Pracht“. Im Juni aber, wenn die Kirschenernte stattfindet, fließt ein reicher Goldsegen in den berühmten Kirschenort. In kleinen Körbchen wandern die rotbackigen süßen Früchte auf den Kirschenmarkt nach Coblenz, wo zahlreiche Händler aus allen Städten des Niederrheins, sowie aus Holland und England sich einfinden. Bei guter Ernte soll Salzig einen Erlös von 200000 Mark aus seinen Kirschen machen. Auch die Rheinorte, die weiter unterhalb vom baumgeschmückten Strand grüßen, wie Camp, das Städtchen Boppard, ferner Filsen, Osterspay, Ober- und Niederspay, treiben neben dem Weinbau einen bedeutenden Obstbau. Im Frühling sind diese Ortschaften von dem weißen Blütenmeer der Kirschbäume, in dem hier und da, wie ein duftiger Strauß, das liebliche Rosa eines Pfirsichbaumes erscheint, umrahmt.

Boppard.

Zwar lacht nicht des Frühlings Blütenpracht bei der Ankunft unseres Schiffes, des stolzen „Lohengrin“, im gastlichen Boppard (6600 Einw.) ([Abb. 71]). Aber der Schmuck der schönen Gärten, die die zahlreichen Villen umgeben, erfreut unser Auge und lockt mehr noch die, welche mit ihrem Reisebündel bereit stehen, das Schiff zu verlassen. Genußreiche Wanderungen werden sie hinauf führen zur Bergeshöhe, wo der Landschaft Pracht zu ihren Füßen liegt, zum Vierseenplatz, wo sie den sich krümmenden Rheinlauf vierfach zwischen den Bergen aufblitzen sehen, oder in das anmutige Mühltal ([Abb. 72]). So heiter lacht des Lebens, der Gegenwart frischer Reiz, und fast vergessen wir, den Geist in die lange Geschichte zu versenken, von der Boppard zu erzählen weiß. Von den Kelten wurde das alte Bodobriga gegründet. Die Römer errichteten daselbst ein Wurfmaschinendepot (balistarii Bodobricae). Im vierten Jahrhundert n. Chr. wurde der Ort von ihnen von neuem stark befestigt. Bedeutende Reste dieser spätrömischen Festungsanlage sind noch erhalten. Es konnte festgestellt werden, daß dieselbe ein Rechteck von etwa 300 m Länge und halber Breite bildete und von einer 3 m dicken und 8 m hohen Ringmauer, in der sich vier runde Ecktürme und 24 halbrunde Mauertürme befanden, umgeben war. Im dreizehnten Jahrhundert wurde Boppard, das seit dem zwölften Jahrhundert freie Reichsstadt gewesen war, zusammen mit Oberwesel an den Erzbischof von Trier verpfändet. Von mittelalterlichen Gebäuden sind besonders die in der Mitte der Stadt gelegene spätromanische Pfarrkirche, deren alte Malereien 1894 und 1895 sorgfältig erneuert wurden, die gotische Karmeliterkirche und die ehemalige kurtriersche Burg, die jetzt als Amtsgericht dient, zu nennen.

Abb. 71. Boppard und Filsen von „Alte Burg“ aus gesehen.
Nach einer Photographie der Neuen Photographischen Gesellschaft in Berlin-Steglitz. (Zu [Seite 64].)

Die Bopparder Hamm. Marksburg.

Von dem freundlichen Bilde Boppards müssen zu schnell wir wieder scheiden. Weiter geht die Fahrt, und auf eine hochragende steile Bergwand, die Bopparder Hamm genannt, steuert unser Schiff los. Quer ist diese dem Strome vorgelagert, der vor ihr nach Osten umbiegen muß. Keine Bergwand im ganzen Rheintal, abgesehen vom Rüdesheimer Berg, hat eine solche günstige Lage nach Süden wie die Bopparder Hamm. Ein vorzüglicher Wein wächst auf derselben. Bis hoch hinauf ist sie mit Reben bepflanzt. Beim Vorbeifahren müssen wir den Kopf weit zurück in den Nacken legen, um zu den obersten Weinbergen hinaufschauen zu können. Zur rechten Hand begleitet uns dagegen eine kleine Niederung, die dicht mit Bäumen bepflanzt ist. Der Gegensatz zwischen der hochragenden, steilen Felswand zur Linken, auf der der Winzer seiner Rebe nur mit großer Mühe ein Plätzchen erobern konnte und erhalten kann und den fruchtbaren Talgefilden zur Rechten, wo die Rheinbewohner mühelos pflanzen und ernten können, verleiht dem Rheintale einen neuen Zauber. Bis Coblenz hin bleibt ihm dieser Wechsel erhalten. Vor der Bergwand zur Linken muß der Rhein nach Osten ausweichen. Aber eine andere Bergwand tritt ihm nun im Osten entgegen. Sie zwingt ihn, von neuem auszubiegen und wieder die alte Richtung nach Nordwesten einzuschlagen. Aber der mächtige Strom tut’s nicht ohne Kampf. Er nagt und frißt nun an der östlichen Bergwand, und an dem linken Ufer, wo er ruhiger strömt, lagert er einen Niederungssaum ab, der immer breiter wird. Auf diesem haben die beiden Dörfchen Ober- und Niederspay, die gleich Salzig und Boppard von zahllosen Obstbäumen umschattet sind, ein herrliches Plätzchen gefunden. Auf dem bergigen rechten Ufer aber ragt, beherrschend über das herrliche Tal und den Strom hinwegschauend, über dem Städtchen Braubach die stattliche Marksburg ([Abb. 74]) empor.

Abb. 72. Boppard a. Rh. und Blick in das Mühltal.
Nach einer Photographie von Louis Glaser in Leipzig. (Zu [Seite 64].)

Marksburg. Königsstuhl.

Die Marksburg, auf hohem Fels, 150 m über dem Rheinspiegel gelegen, ist die einzige unzerstörte Burg am Rhein und im ganzen noch wohl erhalten. Sie kann daher als ein lehrreiches Beispiel des mittelalterlichen Burgbaues gelten. Der Verein zur Erhaltung deutscher Burgen, in dessen Besitz die Marksburg vor kurzem übergangen ist, hat diese wieder in guten Stand setzen lassen. Die Innenräume sind mit Hausgerät, Waffen usw. wieder so ausgestattet worden wie zur Ritterzeit. Die Besucher der Burg erhalten also ein anschauliches Bild von der Stätte, wo einst die Ritter gelebt haben. Wir hatten schon auf [S. 50] die Hauptbestandteile einer mittelalterlichen Burg kennen gelernt. Wenn die Marksburg wieder vollständig eingerichtet ist, wird sie uns auch manches aus dem häuslichen Leben der Ritterfamilie erzählen. Sie hatte es in vielem nicht so gut wie wir in unserer heutigen Zeit, obgleich eine stolze Burg ihr Heim bildete. Besonders in dem langen Winter ging es ihr herzlich schlecht. Da war man gezwungen, in Pelze gehüllt, mit fröstelndem Gefühl an dem nur mangelhaft geheizten offenen Kamin zu sitzen. Bei schlechter Witterung mußten auch tagsüber die Fensterläden geschlossen werden, denn die kleinen trüben Horn- oder Pergamentfensterscheiben boten nicht soviel Schutz wie unsere hellen Glasscheiben. Alles wohnte enge zusammen, und oft mußte der Wohnraum auch als Schlafraum dienen. Aus dem winterlichen Leben der Burgbewohner erklärten sich die sehnsuchtsvollen Klagen der von Burg zu Burg ziehenden Minnesänger, daß der Winter gar nicht weichen und der holde Sommer gar nicht nahen wolle. Wie ganz anders war das Burgleben zur schönen Sommerzeit! Dann war es lustig, vom hohen Burgerker in das sonnige Tal, auf die Häuser und Gärten und auf den von Schiffskähnen belebten Strom herniederschauen zu können. Dann war es auch luftiger und heller in den Zimmern, besonders im Saale, dem Hauptraume des Palas, dessen Wände und Boden mit bunten Teppichen geschmückt waren. Das Hauptvergnügen der Burgbewohner waren die Kampfspiele und die Jagd. Es muß ein herrlicher Anblick gewesen sein, wenn das Burgtor sich öffnete und der Ritter mit den Edeldamen und seinen Knappen, alle in farbenprächtiger Kleidung und die Männer in glänzender Rüstung, hinausritten und die Rosse mit lautem Gepolter über die heruntergelassene Zugbrücke trabten.

Abb. 73. Der Königsstuhl bei Rhens.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 66].)

Entschwundene Zeiten! entschwunden für immer! Die Burgen mag man wiederherstellen, die Menschen, die in ihnen wohnten und die in jene Zeit paßten, kann man nicht mehr aus den Gräbern rufen. Dies sagt uns auch der Königsstuhl ([Abb. 73]), der am Rheinufer bei Rhens, einem Städtchen auf der linken Rheinseite, verlassen von den Geschlechtern, die ihn erbauten, dasteht. Er war einst der Ort, wo sich die deutschen Kurfürsten, um über Reichsangelegenheiten sich zu beraten, versammelten. 1376 wurde er vom Kaiser Karl IV. errichtet. Warum er diesen Platz wählte, das erklärt uns ein Blick auf eine historische Karte. Gegenüber dem Königsstuhl stießen die Gebiete von vier deutschen Kurfürsten im Rhein zusammen. Rhens gehörte zu Cöln, Braubach zur Pfalz, Lahnstein zu Mainz und Stolzenfels zu Trier. Im Laufe der Jahrhunderte war der berühmte Bau, als seine hohen Gäste nicht mehr kamen, allmählich fast zur Ruine geworden. Im Jahre 1843 wurde er mit Benutzung der Trümmer in seiner alten Gestalt wieder hergestellt. Das achteckige, kanzelartige Bauwerk hat eine Höhe von beinahe 6 m und einen Durchmesser von 7 m. Eine Freitreppe führt zu seinem Sitze hinauf.

Abb. 74. Braubach und die Marksburg.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 65].)

Lahneck. Stolzenfels. Coblenz.

Noch einmal entfaltet das Rheintal seine ganze Schönheit dort, wo von rechts, über den in breiter Niederung liegenden Schwesterstädten Oberlahnstein (rund 8500 Einw.) und Niederlahnstein (rund 4500 Einw.), die durch die einmündende Lahn getrennt sind, Burg Lahneck, von links das stattliche Schloß Stolzenfels von der Höhe herniedergrüßen. Burg Stolzenfels ([Abb. 75] u. [76]) ließ in den Jahren 1442 bis 1459 der trierische Erzbischof zur Erhebung des Rheinzolles erbauen. Die Franzosen zerstörten sie 1689. Der kunstsinnige König Friedrich Wilhelm IV. ließ als Kronprinz sie von 1836 bis 1842 nach Schinkelschen Entwürfen wiederherstellen in neuer Pracht. Prächtig hebt sich der stolze Bau, den man Stolzenfels taufen möchte, wenn er nicht schon so hieß, von dem waldesdunkeln Hintergrunde ab.

Abb. 75. Capellen und Schloß Stolzenfels.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 68].)

Nach dem steten Anblick der steilen Rebengehänge des Rheintals, die doch häufig kahl erscheinen, begrüßen wir die waldgeschmückten Berge mit doppelter Freude. Solche begleiten uns nun auf beiden Seiten, bis hinter den Bogen von zwei festen Rheinbrücken links das Häuserbild von Coblenz (55000 Einw.) ([Abb. 78]) vor uns auftaucht.

Wir sind am ersten Ziele unserer Rheinfahrt, in Coblenz, angelangt. Eine lange Reihe prächtiger Gasthöfe heißt am Stromesufer uns willkommen. Weiter zieht „Lohengrin“, unser Schiff, um auch anderen Rheinstädten Scharen von frohen Reisenden zuzuführen.

Abb. 76. Stolzenfels und Oberlahnstein.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 68].)

Coblenz, Geschichte.

Die eigenartige Schönheit des Landschaftsbildes von Coblenz beruht nicht zum wenigsten auf dem Wechsel zwischen waldgeschmückten Bergkuppen und kahlen Felswänden. Besonders der Gegensatz zwischen dem hochgewölbten, wohlgerundeten Kühkopf, der bis obenhin in dichtem Waldkleide prangt und im Süden der Stadt aufsteigt, und zwischen der schroffen, tief durchfurchten Felswand des Ehrenbreitsteins ([Abb. 77]), dessen felsiges Gepräge durch die Steinmassen der Festungswerke noch verstärkt wird, beherrscht die Landschaft.

Abb. 77. Ehrenbreitstein.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 70].)

Abb. 78. Der Rhein bei Coblenz.
Neue Photographische Gesellschaft in Berlin. (Zu [Seite 68].)

Coblenz.

Coblenz’ herrliche Lage ist unbestritten, und jeder, der vom Plateau des Ehrenbreitsteins und von den andern Höhen hinabschaute auf die Stadt, auf die beiden sich vermählenden Ströme und auf die Waldberge ringsum, vermag das Bild dieses Anblicks im Geiste nicht mehr zu löschen. Auch die Stadt Coblenz selbst schreitet jetzt einer schnellern Entwicklung entgegen, nachdem ein enger Festungsgürtel zu lange die Bautätigkeit gehemmt hatte. Besonders nach Süden hin beginnt sich ein schöner, neuzeitlicher Stadtteil zu entwickeln. In der Altstadt dagegen ist es düster und enge, besonders in dem Stadtteil an der Mosel, in dessen Anlage wir den ältesten Kern von Coblenz unschwer wiedererkennen. Ob das alte Confluentes, benannt nach dem Zusammenfließen von Rhein und Mosel, das in späterer Zeit auch Castellum Confluens oder Castrum Confluentes oder kurz Confluentia hieß, nur eine römische Poststation bezeichnete, oder ob schon frühzeitig ein römisches Bollwerk an diesem wichtigen Punkte errichtet wurde, kann nicht mehr festgestellt werden. Denn bedeutende römische Bauwerke sind gar nicht erhalten, und auch auf die Grundmauern derselben ist man nur selten gestoßen. Wie mächtige Eichenpfähle, die man im Moselbette fand, bewiesen haben, führte in der Römerzeit eine Brücke über die Mosel. Durch Chlodwig wurde das römische Kastell in einen fränkischen Königshof verwandelt. Durch eine Schenkung des Kaisers Heinrich II. gelangte dieser mit ausgedehntem Domänenbesitz (quaedam nostri iuris curtis nomine confluentia) im Jahre 1018 in den Besitz der Erzbischöfe von Trier. Der kleine Ort wuchs zum Rheine hin, wo schon längst, ursprünglich auf einer Insel, ein Kirchlein sich erhob. Die Gebeine des heiligen Kastor, der in Carden an der Mosel gestorben war, wurden darin aufbewahrt. Die Normannen zerstörten dasselbe im Jahre 822. Die jetzige Kastorkirche, die älteste und geschichtlich interessanteste Kirche der ganzen Gegend, stammt aus späterer Zeit, wohl aus dem zwölften Jahrhundert, mit Bauresten jedoch aus früherer Zeit. Im Innern besitzt sie manche, kunstgeschichtlich wertvolle Denkmäler. Nach außen wirkt der Bau, besonders durch seine wenig belebte Umgebung, ziemlich nüchtern. Im dreizehnten Jahrhundert wurde die immer mehr sich vergrößernde Stadt mit Mauern und Festungswerken umgeben. So konnte sie Trutz bieten den Stürmen der Kriegszeiten, und auch Handel und Gewerbe fanden die nötige Sicherheit, um festen Fuß fassen zu können. Durch den Handelsverkehr und durch Bündnisse mit anderen rheinischen Städten vermehrte Coblenz sein Ansehen bedeutend. Es kann als ein Zeichen von Kraft gelten, daß im vierzehnten Jahrhundert der Bau einer steinernen Moselbrücke, die heute noch den Fluß mit ihren zahlreichen, gedrungenen Bogen überspannt, geplant und ausgeführt werden konnte. Im Jahre 1343 war die Anlage einer Brücke, „also schön als man in tewtcher Nacion soll finden“, genehmigt worden. Schon im Jahre 1364 war sie fertig; denn die Geschichte meldet, daß in diesem Jahre Karl IV. über dieselbe seinen Einzug in Coblenz hielt. Im fünfzehnten Jahrhundert wurde die Moselbrücke erneut und in der neuesten Zeit, im Jahre 1884, damit sie dem anspruchsvolleren neuzeitlichen Verkehr genügen könnte, verbreitert. Den lebhaften Verkehr der Vorstadt Lützel-Coblenz und der zahlreichen, in der fruchtbaren Rheinebene gelegenen Orte mit der Stadt Coblenz hat sie zu vermitteln. Indem wir uns dem Strom der Fußgänger, unter denen besonders Landleute und Soldaten vorwiegen, anschließen, fällt unser Blick auf ein unmittelbar am Ausgange der Moselbrücke stehendes altertümliches Gebäude. Es ist die alte Burg, die sich die Kurfürsten von Trier errichten ließen. Ihr Bau stammt aus dem Jahre 1276. Sie war ein Lieblingsaufenthalt des Kurfürsten Lothar von Metternich, unter dessen Führung sich in ihren Mauern ein bedeutungsvolles geschichtliches Ereignis, nämlich die Gründung der katholischen Liga im Jahre 1609 vollzog. Nach der Fertigstellung des am Rhein gelegenen Residenzschlosses gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts verlor die alte Burg ihre Bedeutung. Die Neuzeit achtete nicht die Weihe der Vergangenheit. Bis vor wenigen Jahren wurde in dem stattlichen Gebäude eine Blechfabrik betrieben. Durch Ankauf desselben hat die Stadt Coblenz dem unwürdigen Zustande ein Ende gemacht. Sie will die alte Burg als Museum benutzen und in ihr die städtische Gemäldesammlung unterbringen. Noch manche altertümliche und interessante Gebäude besitzt Coblenz, so die aus dem Anfang des zwölften Jahrhunderts stammende Florinskirche, die 1431 vollendete Liebfrauen- oder Oberpfarrkirche, die ebenfalls alte, 1609 bis 1617 aber umgebaute Jesuitenkirche, das jetzt als Realgymnasium dienende Kaufhaus, das im Jahre 1479 als Rathaus erbaut worden war, ferner das 1530 errichtete, mit einem hübschen Erker verzierte Schöffenhaus, in dem die in der Umgegend gefundenen römischen und fränkischen Altertümer untergebracht sind, und das ehemalige Deutsche Herrenhaus, das aber mit Benutzung älterer Gebäudeteile aus dem fünfzehnten und siebzehnten Jahrhundert umgebaut wurde und nun als Staatsarchiv dient, auf dem „Deutschen Eck“. Am Rhein wurde vor einigen Jahren ein monumentales neues Gebäude für die Königliche Regierung errichtet.

Abb. 79. Kaiser Wilhelm-Denkmal in Coblenz. (Zu [Seite 75].)

Abb. 80. Kreuznach, vom Pavillon gesehen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 88].)

Abb. 81. Nahebrücke und Schloß Kauzenberg. (Zu [Seite 89].)

Das großartigste, schon einer neueren Zeit angehörende Gebäude von Coblenz ist das jetzige Königliche Schloß, das frühere Residenzschloß der Kurfürsten von Trier. Sein Erbauer ist der Kurfürst Clemens Wenzeslaus, der für dasselbe eine für die damalige Zeit recht bedeutende Bausumme von 650000 Talern aufwendete. Der langgestreckte Bau ist sowohl auf der Rhein- als auch auf der Stadtseite, wo sich der baumbesetzte Schloßplatz ausbreitet, mit einem achtsäuligen, jonischen Portikus geschmückt. Einen reichen Wandel der Zeiten hat das Schloß schon miterlebt. Im Jahre 1786 hielt sein Erbauer, der Kurfürst Clemens Wenzeslaus, seinen feierlichen Einzug. Bis 1794 wohnte er in ihm. Dann sah es die französischen Machthaber in seinen Gemächern, die vorher von den französischen Soldaten ausgeplündert worden waren. Unter preußischer Herrschaft diente es zunächst militärischen Zwecken. Erst nachdem ihm König Friedrich Wilhelm IV. durch Stüler eine neue Einrichtung gegeben hatte, konnte es seinem alten Zwecke wieder dienen. Bald sollte das Schloß einen königlichen Bewohner erhalten. Der Prinz von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., bewohnte als Militärgouverneur von Rheinland-Westfalen dasselbe in den Jahren 1850 bis 1858 mit seiner Gemahlin, der späteren Kaiserin Augusta. Während dieser Zeit entwarf er, in gemeinsamer Arbeit mit hervorragenden Offizieren, den Plan zur Reorganisation des preußischen Heeres. Seine Gemahlin aber gewann den Coblenzer Aufenthalt so lieb, daß sie auch als Königin und Kaiserin alljährlich im Frühling und im Herbst mehrere Wochen das Schloß bewohnte. Ihre eigne Schöpfung sind die herrlichen Rheinanlagen, die sich vom Königlichen Schlosse an, etwa 2½ km weit, nach Süden längs des Rheines ziehen. Stände auch nicht das Denkmal der hochherzigen Kaiserin inmitten der von schönen Promenadenwegen durchzogenen Gehölzpartien, ein ehrenvolles Denkmal hat sie sich in der schönen und daher zur Pflege des Schönen immerfort einladenden Rheinlandschaft selbst gesetzt. Dankbaren Herzens erinnern sich die Coblenzer der Donnerstag-Nachmittag-Konzerte, bei welchen die Kaiserin mit Vorliebe unter den Spaziergängern und Konzertbesuchern weilte. Als Kaiser Wilhelm nach den Emser Verhandlungen, bei Ausbruch des Krieges von 1870, zusammen mit der Königin in den Anlagen erschien, da umbrauste ihn die erste jener großartigen Huldigungen des Volkes, die ihn begleiteten auf der ganzen Reise nach Berlin. Wir lesen die Inschrift, die auf dieses Ereignis hinweist, und eine innere Stimme ruft uns hin nach dem Deutschen Eck, wo wir dem Heldenkaiser vor seinem großartigen Reiterstandbild ([Abb. 79]) erneut unsere Huldigung darbringen können. Dasselbe ist wohl das großartigste rein persönliche, von fast allem symbolischen und von allem historischen Beiwerk frei gehaltene Denkmal der Welt. Die Rheinprovinz ließ es nach einem Entwurf von Bruno Schmitz an dieser geschichtlich und landschaftlich bedeutsamen Stelle, wo Rhein und Mosel ihre Fluten mischen, errichten. Das 14 m hohe, in Kupfer getriebene Reiterbild des Kaisers ist von einem 9 m hohen Genius, dem Träger der Kaiserkrone, begleitet. 22 m hoch erhebt sich der Unterbau des Denkmals, und dieser ist von einer halbkreisförmigen, 18 m hohen Pfeilerhalle umgeben. Über eine 45 m breite untere Freitreppe steigen wir zur 1200 qm großen Hochterrasse und lesen am Unterbau des Denkmals über einem mächtigen Adlerrelief die in gotischen Buchstaben geschriebene Widmung „Wilhelm dem Großen“. Ein Fußrelief zeigt uns, auf den Zusammenfluß von Rhein und Mosel hindeutend, den Vater Rhein und die aus den Fluten auftauchende Mosella. Im Jahre 1897 fand die Enthüllung des Denkmals statt, durch dessen Errichtung an dieser bevorzugten Stelle zugleich ein neuer schöner Standpunkt zur Betrachtung des herrlichen Landschaftsbildes von Coblenz gewonnen wurde.

Abb. 82. Der Rheingrafenstein. (Zu [Seite 91].)

Abb. 83. Münster am Stein. (Zu [Seite 92].)

Abb. 84. Die Ebernburg. (Zu [Seite 92].)

Coblenz hat wohl zu allen Zeiten vorwiegend eine strategische Bedeutung gehabt. Von der Stelle aus, wo es seine Bollwerke errichtete, konnte dem Rheintal und dem quer zu diesem gerichteten Moseltale zugleich Schutz geboten werden. Auch das etwas oberhalb sich öffnende Nebental der Lahn, das die nur etwas verschobene Fortsetzung des Moseltales bildet, war durch Coblenz geschützt. Riesige Summen sind auf die Befestigung der meisten der rings um die Stadt aufsteigenden Höhen verwendet worden, besonders des Ehrenbreitsteins. Dieser Berg trug schon im Mittelalter eine kurtrierische Landesfestung, die im Dreißigjährigen Kriege eine bedeutende Rolle spielte und im Jahre 1799 von den Franzosen erst nach einer heldenmütigen Verteidigung erobert wurde. Die heutigen Festungswerke stammen aus den Jahren 1816 bis 1826. Sie wurden unter Leitung des preußischen Generals von Aster aufgeführt. Einst galten sie als uneinnehmbar. In der Neuzeit haben sie jedoch, infolge der großen Verbesserungen des Geschützwesens, ihre frühere Bedeutung fast ganz eingebüßt. Von benachbarten Bergkuppen aus können sie, sowie die Feste Asterstein, die sich auf derselben Rheinseite auf der Pfaffendorfer Höhe erhebt, die auf der linken Rheinseite gelegene Kartause und die noch nördlich von der Mosel in der Rheinebene gelegenen Vorwerke leicht zusammengeschossen werden. So ist Coblenz aus einer Festung ersten Ranges zu einer Festung zweiten Ranges herabgesunken, die nur noch durch ihre starke Besatzung und als Kommandositz des VIII. Armeekorps an ihre frühere hohe strategische Bedeutung erinnert.

Abb. 85. Hutten-Sickingen-Denkmal auf der Ebernburg. (Zu [Seite 94].)

Als Kreuzungspunkt zweier großen Talfurchen, der Rhein- und der Mosel-Lahn-Furche, hat Coblenz eine wichtige Verkehrslage. Schon ein Blick auf sein Landschaftsbild, auf seine drei Rhein- und zwei Moselbrücken, unter denen sich im ganzen drei Eisenbahnbrücken befinden, überzeugt uns hiervon. Die geringe Verschiebung des Lahntales nach Süden bewirkte aber, daß als besonderer rechtsrheinischer Verkehrsmittelpunkt neben Coblenz auch die Doppelstadt Ober- und Niederlahnstein aufblühen konnte, so daß jenem nur die Fortführung des linksseitigen Rhein- und die Anknüpfung des Moselverkehrs, dieser dagegen die Fortführung des rechtsseitigen Rhein- und die Anknüpfung des Lahnverkehrs zufielen. Erhöht wird die Gunst der Lage von Coblenz durch die unmittelbare Nachbarschaft eines größeren, sehr fruchtbaren Talbeckens, der gut angebauten Niederung des Neuwieder Beckens. Indem aber der Rhein die Stadt von dessen rechtsrheinischem und die Mosel sie von seinem linksrheinischen Teile abschloß, konnte sie nicht verhindern, daß neben ihr in dem einen Neuwied (fast 20000 Einw.), in dem anderen Andernach (9000 Einw.) als größere Orte aufblühten, die besonders für das Gebirgshinterland des Westerwaldes und der Eifel Bedeutung erlangten. So hatte Coblenz auch mit hemmenden Einflüssen zu kämpfen, die es ihm erschwerten, ein weites Gebiet wirtschaftlich eng an sich zu gliedern. Seine Lage ist in Wirklichkeit keine so zentrale als die von Frankfurt oder Mainz oder selbst als die von Trier. Immerhin genügt die Gunst der Lage, um der Stadt den Vorrang, der ihr als Sitz der Provinzial-, Regierungs- und Militärbehörden zugefallen ist, auch wirtschaftlich zu stützen. Die endlich in Fluß gekommene Stadterweiterung wird auch mancherlei Gewerben, die bisher in dem engen Festungsgürtel keinen Raum finden konnten, eine Heimstätte bieten können. Von Bedeutung ist gegenwärtig nur die Champagnerbereitung, deren Entwicklung an den lebhaften Weinhandel anknüpfte, den Coblenz betreibt. Alljährlich finden im Frühling und Herbst bedeutende Weinversteigerungen statt. Coblenz ist auch ein Mittelpunkt des Obst- und besonders des Kirschenhandels. Der reiche Kirschensegen der Orte Salzig am Rhein und Güls an der Mosel geht zum großen Teil zum Coblenzer Kirschenmarkt, der Anfang bis Mitte Juni abgehalten wird, und auf dem sich zahlreiche Händler einfinden. Gegenwärtig zählt Coblenz 55000 Einwohner. Zählen wir die Nachbarorte Moselweiß, Ehrenbreitstein und Pfaffendorf, wo viele Coblenzer Familien Wohnung suchen mußten, die die eingeengte Stadt ihnen früher nicht zu geben vermochte, so erhalten wir eine Gesamtbevölkerung von etwa 75000.

Abb. 86. Die Altenbaumburg. (Zu [Seite 94].)